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Felicitas Hoppe Beidhändig

Die Kleine Geschichte großer Verlage (Frankfurt am Main, 2011), in der der S. Fischer Verlag an erster Stelle verzeichnet ist, gibt unter anderem zum ersten Mal überraschend offen Auskunft darüber, wie viele Verlagsverträge in der Regel »bei (oder nach) einem mehrgängigen gemeinsamen Essen zum Abschluss kommen«. Demnach unterzeichneten, nach Auskunft des Verlags und, für den Leser kaum überraschend, bis zum Frühjahr 2011 97% aller Autoren und ca. 79% aller Autorinnen erst nach mehrmaligem Besuch eines »Lokals ihrer Wahl«, dann allerdings in der Regel »mit beiden Händen« und für mehr als bloß einen Buchvertrag. Die Kleine Geschichte, die sich zugleich als Handbuch einer noch zu verlegenden Zukunft versteht, weist dabei auf Folgendes hin: »Dass Fischer weiß, wie man Fische höchst verschiedener Spezies fängt, ist bekannt. Der Trick mit dem ›Lokal Ihrer Wahl‹ und dem ›Taxi danach‹ dürfte den meisten Autorinnen und Autoren Ihrer Wahl allerdings bekannt sein, schließlich ist er weit älter als S. Fischer. Weshalb bei wiederholter Anwendung entscheidend ist, dass die Autorin (der Autor) glaubt, sie (er) habe ihre (seine) Wahl höchst selbst getroffen. Man nehme die Sache also scheinbar privat und versehe den Auftritt mit dem freundlichen Gestus der Überraschtheit: ›Hier bin ich tatsächlich noch nie gewesen!« Danach, so das Handbuch weiter, gehe alles »so gut wie von selbst: Die Autorin (der Autor) wird Sie hinhalten wollen, wird so tun, als sei längst noch nicht alles im Kasten und wird, obwohl sie (er) längst betrunken ist, darauf bestehen, ein zweites (drittes, viertes) Lokal aufzusuchen, wo man ›in Ruhe‹ besprechen könne, was, wie man annehmen darf, längst entschieden ist. Hier ist, wie bei jedem Vertrag, egal, auf welchem Feld er geschlossen wird, einzig entscheidend, dass Sie einen Mann (eine Frau) ins Rennen schicken, der (die) der Aufgabe wirklich gewachsen ist.«

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So geschehen, wie nur eines von vielen Beispielen (vgl. dazu nebenstehendes Dokument) beweist, im Juni

So geschehen, wie nur eines von vielen Beispielen (vgl. dazu nebenstehendes Dokument) beweist, im Juni (im 118ten Jahr von S. Fischer): Berliner Osten, Prenzlauer Berg, ein Lokal namens Paparazzi, in dem man, wie das Magazin Hier kocht Berlin bestätigt, bis heute gut isst und ebenso trinkt. Zur Vertragsunterzeichnung kam es aber erst »Stunden später«, wie der damalige Lektor OV (heute Leiter der Abteilung für deutschsprachige Literatur) bestätigt, nachdem »Hoppe und ich auf der Straße standen«, wo sie (als kennte ich mich dort aus) in einem freundlich schwankenden Singsang das November vorschlug, eindeutig ein Café dritter Klasse (Husemannstraße 15) in dem man (Qualität spielt nach Mitternacht keine Rolle!) noch in den Morgenstunden »über Gott und die Welt« reden könne. Über Gott und die Welt sprach man allerdings nicht. Stattdessen, das war gegen zwei Uhr morgens, immer noch über Literatur und, allem voran,

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über Mandelstam, der, wie die Autorin (FH) hervorhob, »mit beiden Händen« (sie hob beide Hände) zu unterschreiben pflege: »So sehr ich mich auch anstrengen mag, und selbst wenn ich Pferde auf meinem Rücken tragen würde und Mühlsteine drehen machte, werde ich dennoch nie ein Werktätiger sein können. Meine Arbeit wird, wie immer sie sich äußern möge, als Ungezogenheit aufgenommen, als Gesetzlosigkeit, als etwas Zufälliges. Ich unterschreibe mit beiden Händen.« (aus: Vierte Prosa) Worauf OV, so die Kleine Geschichte weiter, entschlossen die »Verlagskarten« auf den Tisch gelegt habe, und zwar in Form eines Bierdeckels (erstens) und eines Kellnerblocks (zweitens), auf dem man gegen 2.30 neben der »kleinen Rechnung von heute«, die »große Rechnung von morgen« notierte, Prozente und Nebenrechte inklusive. Eine Geschichte, die, wie SvonH (beidhändig) bestätigt, »im Großen und Ganzen gut ausging«. Nicht zuletzt deshalb, weil es SvonH ist, die besser als alle anderen weiß, wie man Pferde trägt und Mühlsteine dreht und wie man Autoren bei Laune hält, die »eigentlich gar keinen Wert auf Essen« legen (FH) und schon gar nicht auf ein Lokal »meiner Wahl«. Dafür umso mehr auf das »Taxi danach«, das in der Regel SvonH bestellt, »weil es uns«, wie sie bestätigt, »mit dem Nachhausekommen unserer Autoren wirklich ernst ist.«

»weil es uns«, wie sie bestätigt, »mit dem Nachhausekommen unserer Autoren wirklich ernst ist.« 25 felicitas

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