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Struktur und Dynamik in Kants Kritiken:

Vollzung ihrer transzendental-kritischen Einheit

Werner Moskopp

Walter de Gruyter

Werner Moskopp Struktur und Dynamik in Kants Kritiken

Kantstudien

Ergänzungshefte

im Auftrage der Kant-Gesellschaft herausgegeben von Manfred Baum, Bernd Dörflinger, Heiner Klemme und Thomas M. Seebohm

158

Walter de Gruyter · Berlin · New York

Werner Moskopp

Struktur und Dynamik in Kants Kritiken

Vollzug ihrer transzendental-kritischen Einheit

Walter de Gruyter · Berlin · New York

Gedruckt auf säurefreiem Papier, das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.

ISBN 978-3-11-021232-7 ISSN 0340-6059

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Meiner Familie

Provokantes Leitwort:

Die „Kritik der reinen Vernunft“ ist 1781 erschienen und bis heute trotz aller Lobpreisung und hundertfacher Widerlegung nicht verstanden. Auf dem Wege, der zu Kant zurückführen sollte, ist sie nicht gefunden, und auf dem Wege, der angeblich über sie hinausführt, lag sie nicht. (Goldschmidt 1914, S. 3)

Ordentliches Leitwort:

Der gewaltige Einfluß, den Kant im In- und Ausland auf das Denken der Men- schen und durch seine Ethik auch auf das Handeln noch heute ausübt, macht es notwendig, immer neue Wege zum Verständnis dieses äußerst schwer zugängli- chen Philosophen zu erschließen. (Valentiner 1949, S. 4)

Vorwort

PHILAL. Je vous ai accordé qu’on peut avoir dans l’ame, ce qu’on n’y ap- perçoit pas, car on ne se souvient pas toujours à point nommé de tout ce que l’on sait; mais il faut toujours qu’on l’ait appris, et qu’on l’ait connu autrefois expres- sément. Ainsi si on peut dire qu’une chose est dans l’ame, quoique l’ame ne lait pas encor connuë; ce ne peut etre qu’à cause qu’elle a la capacité ou faculté de la connoitre. (Leibniz 1990, S.

78)

Es sei mir verziehen, doch bereits in diesem Vorwort stelle ich einige ver- wirrende Ausführungen an, um auf diese Weise zum Gegenstand der vor- liegenden Arbeit hinzuleiten: Das Denken des Menschen als Gegenstand des menschlichen Denkens ist ein ausgezeichneter Wesenszug des sich als Menschen denkenden Wesens. Bei diesem Denken ist fast alles möglich – d. h.: Wir können alles denken, was uns zu denken möglich ist, und zu- mindest das, was wirklich ist, scheint uns durchaus zu denken möglich gewesen zu sein. Verhängnisvoll werden diese einleitenden Gedankenspie- le allerdings, wenn sie sich dem Selbst-Denken des Menschen zuwenden. Es scheint nämlich ausgerechnet im Denken der Denk-Freiheit vor dem Hintergrund der unzähligen Denkmöglichkeiten eine Notwendigkeit zu liegen, die uns keine andere Möglichkeit läßt, als uns als freie Wesen zu denken. Halten wir aus diesen ersten Gedanken aber zunächst nur eines fest:

Es ist auf jeden Fall eine durchweg komplizierte Angelegenheit, wenn das Denken sich denkend zu bestimmen versucht; und dabei haben wir hier die „Problemkinder“ der Philosophie wie Wahrheit, Würde, Glück, das Gute oder das Schöne als Richtwerte des Denkens noch völlig außen vor gelassen. Das Denken allein macht uns schon genügend Sorgen, und alle anderen Gegenstände sind für uns schließlich ja auch nur dann von Wert, wenn wir über sie (bewußt) nachdenken. Gefühle, Charaktereigenschaf- ten, unser Temperament etc., die ohne Zweifel im Alltag sehr oft unbe- dacht auftreten, sind – zumindest für unsere Theorie des Denkens – nur dann relevant, wenn sie gerade gedacht werden. Deshalb ist es nun sinn- voll, daß wir uns zuerst auf das Denken selbst besinnen. Es ist schon eine ausreichend schwierige Denkaufgabe, ob der Mensch sich von allen anderen Lebewesen durch das Denken abhebt, oder ob nicht gerade das Denken sein Manko ist. Man kann doch auch mit einiger Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, daß wir nach entspre-

VIII

Vorwort

chenden Beobachtungen denken müssen, auch Hunde, Katzen, Vögel und sogar mauretanische Landschildkröten seien des Denkens fähig. Aber noch keine Schildkröte konnte uns bisher davon überzeugen, über ihr Denken nachgedacht zu haben. Der Mensch hat es also offensichtlich mit einer anstrengenden Ange- legenheit zu tun, wenn er das Denken bedenkt – wir merken dies beson- ders, wenn wir Gedankenmuster der Selbstreflexion mit denen der Welt- struktur verwechseln, und daraus dann verwegene Ideen entspringen: So könnten wir beispielsweise denken, es sei die Welt oder sogar das Sein selbst, die uns gerade mit Denken erfüllen; oder wir könnten denken, Gott gebe uns in mühevoller Kleinstarbeit alle unsere Gedanken vor… Spätes- tens seit Descartes sind diese metaphysischen Überlegungen jedoch von der scheinbar verbürgten Grundlage des „Ich denke“ begleitet. Leider können wir aber auch dieses „Ich denke“ ausschließlich als Gegenstand des Denkens denken und nie als das, was wir eigentlich damit ausdrücken möchten, nämlich: daß ich hier und jetzt gerade denke! Es scheint tatsäch- lich eine Art der „Meditation“ erforderlich zu sein, um sich diesem Ideal zu nähern. Die Unfaßbarkeit des Denkvollzugs kann uns wiederum zu wilden Mutmaßungen führen, etwa daß ja jedes Denken ein „mein Den- ken“ ist und daß damit auch jeder Zugang zur Welt der eines Ichs, immer meines Ichs oder sogar eines einzigen ewigen Ichs sein müßte. Zugege- ben, diese Sätze muten in ihrer übertriebenen Form „Fichteanisch“, „Schopenhauerianisch“ oder auch „Heideggerianisch“ an – und es wird allmählich Zeit, ein wenig Klarheit in die Struktur des Denkens zu brin- gen. Nehmen wir aus diesen Vorüberlegungen einfach nur auf, daß ich denke, daß ich gerade denke. Dann bewegt sich das Denken von diesem Punkt an möglicherweise doch in regelmäßigen Bahnen fort, und diese Bahnen sind, wie ich im folgenden zeigen werde, der dynamische Gedan- kengang in Kants Kritiken vom Anfang der KrV bis zum Ende der KU. Die vorliegende Arbeit wurde im Sommersemester 2007 vom Seminar Philosophie (Institut für Kulturwissenschaft) als Dissertation angenom- men. An dieser Stelle möchte ich schließlich meinen Dank an all diejenigen richten, die mich in meinen Studien unterstützt haben. Dank gilt im spe- ziellen meinen Eltern, die meine beruflichen Entscheidungen immer ge- fördert haben; meiner Freundin Josephine Kretschmer, die mich in Hö- hen und Tiefen über die Jahre des Schaffens „ausgehalten“ und ermutigt hat; meinen besten Freunden Susanne Strubel, Jack Giardina und Mike Manner, die aufopferungsvoll um ein Verständnis der Arbeit gekämpft und viele wichtige Bedenken geäußert haben; meinen Freunden Stephanie Dümig, Bernd Hene und Gerhard Lütke, die mir hinsichtlich der Formalia mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben; meinen Freunden Matthias

Vorwort

IX

Jung, Jennifer Schmitz, Jim Nguyen-Anheier und Familie Nick, die mir jederzeit wichtigen Rückhalt geboten haben; den Dozentinnen und Do- zenten, den Kommilitoninnen und Kommilitonen des Seminars Philoso- phie, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der VHS-Kurse, die der Diskussion um die transzendentale Kritik nicht müde wurden. Abschlie- ßend gebührt mein ganz besonderer Dank Herrn Prof. Dr. Eduard Zwier- lein, der mich über eine Dekade und den Text über die letzten Jahre hin- weg geduldig und einfühlsam betreut hat, und Herrn Prof. Dr. Rudolf Lüthe, der mir als Doktorvater und als großes Vorbild in Lehre und For- schung den Weg in die Philosophie eröffnet hat und der meine Schritte zwar teilweise streng, aber stets doch fürsorglich und offenherzig begleitet hat. Ich möchte es auch nicht versäumen, meinen Dank sowohl an die Herausgeber der Kantstudien Ergänzungshefte für die Aufnahme der Dissertation in ihre Reihe als auch dem Walter de Gruyter Verlag für die freundliche Beratung durch Frau Dr. Grünkorn, Frau Hill und Herrn Schirmer zu richten.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

 

1

Erster Teil:

 

Programm und Thesen

 

4

1.1 Die drei Kritiken im Zusammenhang

4

1.2 Zum Unterschied zwischen Transzendentalphilosophie, Metaphysik und transzendentaler Kritik

6

1.3 Die Abgeschlossenheit des kritischen Systems

7

1.4 Das durchgängige Prinzip der Kritiken

11

1.5 Die Thesen

 

13

Zweiter Teil:

 

Eine transzendental-kritische Interpretation der Kritiken

20

2.1

Die Kritik der reinen Vernunft

(KrV)

20

2.1.1

Aufbau, Methode und Stil der KrV

20

2.1.1.1 Aufbau

 

21

2.1.1.2 Methode und Aufgabe

24

2.1.1.3 Stil

28

2.1.2

Die Paraphrasierung der KrV

33

2.1.2.1 Die Vorreden

 

34

2.1.2.2 Die Einleitung

38

2.1.2.3 Die transzendentale Ästhetik

43

2.1.2.3.1 Der Raum

46

2.1.2.3.2 Die Zeit

48

2.1.2.4 Die transzendentale Analytik

53

2.1.2.5 Die transzendentale Dialektik

93

2.1.2.5.1 Die Paralogismen

103

2.1.2.5.2 Die Antinomien

108

2.1.2.5.3 Das Ideal

114

XII

Inhaltsverzeichnis

2.1.3

Diskussion von Einwänden gegen die KrV

130

2.1.3.1 Allgemeine Anmerkungen zu Positionen der Interpretation

130

2.1.3.2 Sprachphilosophie vs. transzendentale Kritik

134

2.1.3.3 Das Problem der Dichotomie der Vernunft

138

2.1.3.4 Apriorität, Formalität und Denknotwendigkeit

142

2.1.3.5 Das Ding an sich

 

144

2.1.3.6 Die Metaphysik-Debatte

152

2.1.3.7 Weitere Interpretationen der KrV: Realismus vs. Idealismus

155

2.1.3.8 Raum, Zeit und Logik

 

158

2.1.3.9 Abschließende Abwägungen zum Stellenwert des kritischen Ansatzes

164

2.2. Die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (GMS)

169

2.2.1 Aufbau, Methode und Stil der GMS

 

169

2.2.2 Die Paraphrasierung der GMS

176

2.2.2.1 Die Vorrede

176

2.2.2.2 Erster Abschnitt

177

2.2.2.3 Zweiter Abschnitt

184

2.2.2.4 Dritter Abschnitt

198

2.3

Die Kritik der praktischen Vernunft

(KpV)

203

2.3.1

Aufbau, Methode und Stil der KpV

207

2.3.1.1 Aufbau und Zielsetzung

 

207

2.3.1.2 Methode

209

2.3.1.3 Stil

212

2.3.2

Die Paraphrasierung der KpV

214

2.3.2.1 Die Analytik der reinen praktischen Vernunft

214

2.3.2.2 Die Typik

 

231

2.3.2.3 Die Dialektik der praktischen Vernunft

240

2.3.2.4 Die Methodenlehre der KpV

 

251

2.3.3

Diskussion zur praktischen Philosophie Kants

255

2.3.3.1 Allgemeine Anmerkungen

 

256

2.3.3.2 Forschungs-Traditionen

258

2.3.3.3 Analytische Angriffe

262

2.3.3.4 Rigorismus, Formalismus und andere „Gemeinplätze“

266

2.3.3.5 Weitere Positionen und eine Bilanzierung

273

2.4

Die Kritik der Urteilskraft (KU)

283

Inhaltsverzeichnis

XIII

2.4.1.1 Aufbau, Ort und Aufgabe

283

2.4.1.2 Methode und Stil

287

2.4.2

Die Paraphrasierung der KU

289

2.4.2.1 Die (zweite) Einleitung

290

2.4.2.2 Die Analytik der ästhetischen Urteilskraft

297

2.4.2.3 Die Dialektik der ästhetischen Urteilskraft

320

2.4.2.4 Die Kritik der teleologischen Urteilskraft

325

2.4.2.5 Die Methodenlehre der teleologischen Urteilskraft

338

2.4.3

Diskussion zur KU

346

2.4.3.1 Allgemeine Amerkungen und Verteidigung des Formalismus

346

2.4.3.2 Die Auswirkungen des Formalismus

352

2.4.3.3 Über den vermeintlichen Bruch mit der KdtU

353

2.4.3.4 Das Prinzip der Vernunft als „Besonderes“ in der Bestimmung des Erkenntnisvermögens

354

2.4.3.5 Vermögen, Fähigkeit und Leistung

358

Dritter Teil:

Die Einheit der Vernunft

361

3.1 Der Zusammenhang der Kritiken

361

3.2 Ordentlicher Beschluß

378

3.3 Provokanter Beschluß

381

Anhang

384

Literaturverzeichnis

394

Register

413

Einleitung

Jede Erkenntnis besitzt eine moralische Dimension – diese Erkenntnis verdanke ich dem Studium Friedrich Nietzsches. Die Verknüpfung von Erkenntnis und Moralität trägt die elektrisierenden Züge eines „Schwing- kreises“: Ein solches Gefüge setzt sich gemeinhin aus einer Spule und einem Kondensator zusammen, die wechselseitig in Reihe geschaltet sind. Beide Bestandteile bilden also eine systematische Einheit, die im „dialekti- schen“ Fokussieren die Auf- und Entladung der jeweils anderen Kompo- nente hervorruft. Die Betrachtung des Schwingkreises jedoch tritt in eine außenstehende, analysierende Beziehung zum System. Wie verhält sich analog dazu die wertende Erkenntnis zur Beziehung der betrachteten Elemente der Erkenntnis- und Moral-Theorie? Meine Hypothese besteht zuvorderst in der Annahme: Jede Moralphilosophie basiert letztlich auf den menschlichen Erkenntnismöglichkeiten.

Meiner Meinung nach aber ist alle Philosophie immer theoretisch, indem es ihr wesentlich ist, sich, was auch immer der nächste Gegenstand der Untersuchung sei, stets rein betrachtend zu verhalten und zu forschen, nicht vorzuschreiben. Hingegen praktisch zu werden, das Handeln zu leiten, den Charakter umzuschaf- fen, sind alte Ansprüche, die sie, bei gereifter Einsicht, endlich aufgeben sollte. (Schopenhauer 1999, Bd. I, S. 558, Hervorhebung: W. M.)

Eine Moral-Theorie liefert Aufschlüsse über die Moralität hinsichtlich ihres Inhalts, ihrer Sprache und ihrer Kontexte. Sie bietet weiterhin die Möglichkeit, einen Einblick in die moralischen Fähigkeiten des Menschen zu wagen. Regelmäßigkeiten und Gewohnheiten führen uns zu Bewer- tungs- und Verbindlichkeitsdimensionen der Person, der Gesinnung, der Handlung oder der Folge, die allesamt auf wie auch immer gearteten oder motivierten Schlußfolgerungen des Erkenntnisvermögens aufbauen. Un- tersuchen wir die Strukturen und Grundlagen der menschlichen Erkennt- nis, so wenden wir sie – sie eigens nutzend – mit einer vornehmen Dis- tanz auf sich selbst zurück. Der Schritt zur Spielerei mit Betrachtenden- und Betrachtetenebenen (etwa: einem Subjektobjekt und einem Objekt- subjekt usw.) liegt nahe, würde jedoch das stets agierende Vermögen einer jeden „Schlußfolgerung-im-Vollzug“ – die Vernunft – vernachlässigen. Ich bin mir bewußt, daß auch diese Arbeit eine reflektierende ist und daß sie damit zugleich wertende Züge aufweist – wertend im Sinne einer Auswahl, einer Positionierung, eines „apollinischen“ Verhaftetseins an der

2

Einleitung

eigenen Perspektive. Zusätzlich umfangen den Leser, hermeneutisch be-

trachtet, bei jedem „Lesevorgang“ ebenfalls persönliche Gefühle u. ä., und es ist nicht auszumachen, ob diese tendenziell mit denen des Verfasser- Ichs übereinstimmen. Das Ich des Lesers mit seinen emotionalen Un- schärfen verzerrt also die Aussagen des Autors auf ganz natürliche Art und Weise. Erkennen wir dieses jetzt begonnene Denken selbst jedoch zunächst als notwendige Gemeinsamkeit des jeweiligen Ichs, dann haben wir eine dem „Ich“ wesensmäßig zukommende Charakteristik erschlossen, die ohne die beschriebenen Unschärfen auskommt. Was können wir über

diese Ausgangslage aber weiter behaupten, als daß sie selbst eben

werden kann? Wahrscheinlich nicht viel – excipe, daß sie gleichsam an bestimmten Stellen der Reflexion gedacht werden muß. Entweder weiß ich damit, wo die Notwendigkeit des Denkens auftritt – dann greife ich keine individuellen Inhalte auf, und das Denken beinhaltet kein Wissen um seine Tendenz –, oder ich richte mein Denken auf etwas ihm scheinbar Uneigenes: ein „Entgegenstehendes“ – dann kann ich die formale Ge- meinsamkeit der Überlegung nicht aufrecht erhalten. 1 Wie aber, wenn ich ausgehend von der Denknotwendigkeit – wiederum denkend – zu erarbei- ten suche, ob es sichere Außenbezirke dieses Standortes gibt und wo sich scharfe Grenzen dieser Art der Erkenntnis bieten? Kants Ansprüche scheinen dementsprechend eine Zielsetzung zu ver- folgen, die von der menschlichen Vernunft jederzeit – wenn auch unter einiger Anstrengung – erreicht werden kann. Die Gefahr einer Selbstfun- dierung, in der wir anderen Menschen folgen, besteht allerdings darin, daß wir leicht deren latente Fehler als Basis verwenden könnten, ohne zuvor ihre Stützen zureichend auf Standhaftigkeit hin überprüft zu haben. Vom eigenen Fundament ausgehend müssen wir jedoch im Falle des richtigen Verfahrens stets an die gleichen Markierungen stoßen, wie alle redlich bemühten Denker vor uns. Die vorliegende Arbeit umfaßt demgemäß einen kondensatorischen Aspekt, der die Gedanken Kants verwahrt, einen induktiven Aspekt, der sich mit ausgewählten Forschungsmeinungen aus- einandersetzt, und ein vollziehendes „Kriterion“, das den je eigenen trans- zendental-kritischen Standpunkt akzentuiert. Auch formell gliedert sich die Abhandlung in drei Bereiche:

gedacht

Im ersten Teil bietet sie einen distributiven Überblick über das The- sengerüst der folgenden Untersuchung, der vor allem zur Erleichterung der Materialsichtung für Kant-Forscher dienen soll.

1 Vgl. die Unschärferelation Heisenbergs und die philosophische Unterscheidung zwi- schen intentio recta (Wahrnehmung eines Gegenstands) und intentio obliqua (Wahrneh- mung der Wahrnehmung).

Einleitung

3

Der zweite Teil entwickelt eine Paraphrasierung, in der KrV, GMS, KpV und KU in ihrer transzendental-kritischen (nicht: transzendentalphi- losophischen) Konzeption nachgezeichnet werden, wobei die Argumenta-

tion inhaltlich lückenlos durch alle vier Schriften erfolgt und entsprechend auch verfolgt werden kann. Zu jedem Werk werden neben einer knappen Untersuchung der Formalia (Stil, Aufbau, Methode) zusätzlich auch eine Auswahl an Interpretations- und Problemfeldern behandelt und aufgelöst. Der dritte Teil entnimmt aus den Diskussionen gerade den Ansatz, der sich mit der Gesamtsystematik der Kritiken beschäftigt. Die Ausei- nandersetzung mit idealistischen und neukantianischen Standpunkten dominiert diesen letzten Teil und leitet zu einer abschließenden Bewer- tung dieser Arbeit hin. Entsprechend der üblichen Zitierweise verweisen Zitate auf die Aka- demie-Ausgabe und beinhalten Angaben zum Band und zur Seitenzahl. 2 Die verwendeten Abkürzungen im Überblick: 3

KrV =

Kritik der reinen Vernunft (immer auf die zweite Auflage bezogen)

GMS

=

Grundlegung zur Metaphysik der Sitten

KpV

=

Kritik der praktischen Vernunft

KrpV

=

Kritik der reinen praktischen Vernunft

KU

=

Kritik der Urteilskraft

EE

=

Erste Einleitung der KU

KdtU

=

Kritik der teleologischen Urteilskraft

RGV

=

Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft

MdS

=

Metaphysik der Sitten

ApH

=

Anthropologie in pragmatischer Hinsicht

KI, CI

=

Kategorischer Imperativ

HI

=

Hypothetischer Imperativ

KS

=

Kant-Studien

2 Zur Veranschaulichung: Der Vermerk „(IV xx)“ bedeutet eine Seite xx, die sich im vierten Band der Akademie-Ausgabe (AA) befindet. Die Kritik der reinen Vernunft wird nach den Marginalien der A- und B-Auflage zitiert.

3 Um den Lesefluß des Textes nicht unnötig zu stören, hat es sich als nützlich erwiesen, nach der Harvard-Notation zu zitieren. In dieser Arbeit werden also Autorenname, Er- scheinungsjahr der zitierten Auflage und Seitenzahl in Klammern angegeben, falls keine vorherige Erwähnung im Text selbst erfolgte. Verweise auf ähnliche oder frei

wiedergegebene Gedankenansätze werden mit dem Kürzel

Insgesamt soll der Text der Paraphrasierungen auch nicht wesentlich durch Anmer- kungen aus der Sekundärliteratur gestört werden, weshalb diese zur Ergänzung größ- tenteils in die Fußnoten gebannt werden. Quellen und Sekundärliteratur werden aus- schließlich nach der für den Text relevanten Auflage ausgewiesen.

) gekennzeichnet.

Erster Teil – Programm und Thesen

1.1 Die drei Kritiken im Zusammenhang

Vom altgriechischen Lemma κρίνω ausgehend, das uns an die Tätigkeit des Scheidens im Sinne von „Trennen“ oder „(Ab-)Sondern“ erinnert, befinden wir uns in der Nähe der Analogien Kants, seine Vorhaben mit denen des Chemikers zu vergleichen. Aber auch im κρίνειν steckt in seiner ureigenen Bedeutung schon ein Anteil der Rechtfertigung, wenn wir an die κρίσις als ein Rechtsurteil denken. 1 Laut der ausgezeichneten Similarität der Titelstruktur ist das scheiden- de, rechtfertigende und letzthin prüfende Vorgehen offensichtlich allen drei Kantischen Kritiken gemeinsam, wenn sie sich auch auf verschiedene Untersuchungsgegenstände zu richten scheinen. Die Titel selbst weisen dabei je eine Doppeldeutigkeit, eine „Kippsemantik“ zwischen genitivus subiectivus und genitivus obiectivus auf, die den Leser im Unklaren läßt, ob die Kritik an oder von dem jeweiligen Vermögen ausgeführt wird. Da eine Kritik aber insgesamt darauf abzielt, einen Erkenntnisgewinn per Rück- schluß auf die Erkenntnismöglichkeiten zu erreichen, wird mit der KrV die theoretische Vernunft als Vermögen des Schließen bereits zum Voll- zugsorgan einer jeden Kritik hervorgehoben. Damit erhält die KrV einen grundlegenden Status für das transzendental-kritische Unternehmen ins- gesamt, denn sie prüft tatsächlich das Vermögen der Kritik durch das Vermögen der Kritik selbst. Daß auch andere Bereiche des Erkenntnis- vermögens an dieser reinen Reflexion beteiligt sind, soll damit nicht in Frage gestellt werden, jedoch ermöglicht erst die Kritik des höchsten Vermögens den Rückschluß darauf, daß auch alle unter ihr angesiedelten Teile auf ihre Reinheit hin beurteilt werden können. Erst mit der Prüfung des reinen Erkenntnisvermögens ist gleichzeitig auch die Basis geschaffen, sowohl methodisch als auch inhaltlich auf die Betrachtung der beiden anderen menschlichen Grundvermögen überzugehen. Die kritischen Erkenntnisse aller drei Schriften werden dabei durch- weg vom gesamten Erkenntnisvermögen in einem Zusammenspiel erar- beitet. Es macht also keinen Sinn, in der KU eine spezifische Leistung der Urteilskraft entdecken zu wollen, da vielmehr die Vernunft in ihrer trans-

Die drei Kritiken im Zusammenhang

5

zendental-kritischen Schlußfolgerung jeweils den vollständigen theoreti- schen Zusammenhang der Vermögen anzeigt. Es ist folglich die transzen- dental-kritische Methode, die in der „Tiefenstruktur“ der Kritiken eine Kohärenz und auch eine Kohäsion generiert. Den transzendental- kritischen Ansatz zeichnet gerade eine prüfende Untersuchung der Er- kenntnisse über die Bedingungen der Erkenntnismöglichkeiten aus. Damit sind eben reine, denknotwendige und unhintergehbare Urteile intendiert, die aufgrund einer faktisch zu akzeptierenden Anfangsprämisse für alle sich als Menschen denkenden Wesen entstehen können. Diese Interpreta- tion knüpft an die Kantische Charakterisierung der Kritiken an:

Ich nenne alle Erkenntniß transscendental, die sich nicht sowohl mit Gegenstän- den, sondern mit unserer Erkenntnißart von Gegenständen, so fern diese a priori möglich sein soll, überhaupt beschäftigt. Ein System solcher Begriffe würde Transscendental-Philosophie heißen. Diese ist aber wiederum für den Anfang noch zu viel. Denn weil eine solche Wissenschaft sowohl die analytische Er- kenntniß, als die synthetische a priori vollständig enthalten müßte, so ist sie, so weit es unsere Absicht betrifft, von zu weitem Umfange, indem wir die Analysis nur so weit treiben dürfen, als sie unentbehrlich nothwendig ist, um die Princi- pien der Synthesis a priori, als warum es uns nur zu thun ist, in ihrem ganzen Um- fange einzusehen. Diese Untersuchung, die wir eigentlich nicht Doctrin, sondern nur transscendentale Kritik nennen können, weil sie nicht die Erweiterung der Erkenntnisse selbst, sondern nur die Berichtigung derselben zur Absicht hat und den Probirstein des Werths oder Unwerths aller Erkenntnisse a priori abgeben soll, ist das, womit wir uns jetzt beschäftigen. (B 25 f.)

Die relevanten Ergebnisse der Kritiken befinden sich demnach aber nicht in den Inhalten ihrer Untersuchung wie z. B. in Raum, Zeit, Kategorien, Ideen oder Zweckmäßigkeit, sondern in der Erkenntnis darüber, wie die Vernunft all diese Vermögen oder Strukturen in reiner Weise erschließen muß. Erst dadurch erlangt die Aufgabe der Kritik Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit und erst dadurch gestaltet sich das kritische „Geschäft“ notwendig auch als ein zusammenhängender Gedankengang. Vor diesem Hintergrund ist ersichtlich, daß die historischen Dimensi- onen und Kants Entwicklung hin zur „Kritischen Phase“ im folgenden weitestgehend aus der Betrachtung ausgeblendet werden können. Die Werke „nach dem Schlummer“ sollen zwar analysierend und text- bzw. systemimmanent betrachtet werden, 2 wobei aber dezidiert Kants eigene Intention aufgegriffen wird, in letzter Sicht eben keine Bücher oder Syste-

2 Die „Schlummer“-Metapher und das darauf aufbauende „Bekehrungserlebnis“ wer- den schon in der Antike (vermehrt von Neuplatonikern) verwendet. Constantin Rauer setzt neuerlich diese kritische Wende im Kantischen Werk nicht mit Kants Lektüre Humes, sondern mit seiner Replik auf Swedenborg an. Diese Variante wurde aber be- reits von Kuno Fischer vertreten.

6

Programm und Thesen

me unter die Lupe nehmen zu wollen, sondern das reine Vernunftvermö- gen selbst (vgl. B 27). Es führt kein anderer Weg zum vollen Verständnis der Kritiken als der eigene Vollzug der transzendental-kritischen Methode. Aus diesem Grund schließe ich den Leser in den Paraphrasierungs-Passagen durch Formulierungen in der ersten Person Plural ausdrücklich mit in den Vor- gang des Prüfens ein. Die Parallelität zu den Quellen-Texten wird dabei jedoch nie verlassen. 3

1.2 Zum Unterschied zwischen Transzendentalphilosophie, Metaphysik und transzendentaler Kritik

Die Äußerungen Kants, in der KrV eine „Metaphysik der Metaphysik“ (X, Briefe 166) zu liefern, rechtfertigen m. E. noch keine herkömmliche Me- taphysikbezeichnung für das transzendental-kritische Unterfangen. Viel- mehr leiten ja die meisten Betrachtungen in der Forschung zu dem Zuge- ständnis, daß Kant eine neue Metaphysikbegrifflichkeit einführt. Demzufolge würde es aber in der Literatur nicht ausreichen, Kant als Metaphysiker zu titulieren, sondern es wäre vielmehr geboten, ihn mit der Definition der neuen Metaphysik zu etikettieren, die sich als solche insge- samt womöglich noch gar nicht durchzusetzen vermochte. Dem Vorwurf Fichtes entgegen, Kant habe selbst zugegeben, kein vollständiges System, sondern nur eine Propädeutik erarbeitet zu haben, muß deutlich betont werden, daß – auch trotz Kants mißverständlicher Abwehr – die Antwort, es sei „das System der Critik auf einer völlig gesicherten Grundlage ru- hend, auf immer befestigt“ (XII, Briefe 371), folgendermaßen unterstützt werden kann: Kant hat in den Kritiken keineswegs ein System der Trans- zendentalphilosophie angestrebt, sondern ein System der transzendentalen Kritik aufgestellt. Deshalb ist zwar sehr wohl eine neue Metaphysikbe- grifflichkeit auf die Transzendentalphilosophie anwendbar, nicht aber auf die Grundlegung der Transzendentalphilosophie in den Kritiken. Auf keinen Fall können die Kritiken mit ihrem Konzept um die Ge- nese einer Metaphysik im vorkantischen Sinne bemüht sein, sondern

3 Dabei ist jedoch ausdrücklich ein anderer Umgang mit den Kritiken intendiert als ihn z. B. Natterer in seinem Werk „Systematischer Kommentar zur Kritik der reinen Ver- nunft“ (2002) anstrebt. Wir wollen über die Analyse des Textes und auch über die Ana- lyse der Sekundärliteratur hinaus ein Verständnis der Intention des transzendental- kritischen Denkens erreichen. Da sich beide Herangehensweisen nicht gänzlich aus- schließen, empfehlen sich Natterers Studien besonders zu interpretatorischen Prob- lematiken.

Die Abgeschlossenheit des kritischen Systems

7

vielmehr um eine selbsttätige, trennende Prüfung bzw. Rechtfertigung der menschlichen Erkenntnisfähigkeit – durchaus aber angestoßen durch die Diskrepanz zwischen der „metaphysischen“ Fähigkeit und dem damals überlieferten metaphysischen Geltungsanspruch. Wie angedeutet, begründen die Kritiken möglicherweise eine neue Art von Metaphysik, die mancher- orts unter der Bezeichnung „Transzendentalphilosophie“ aufgegriffen wird, da sie allein in der Lage sein soll, Grundsätze der Philosophie aus reinen Prinzipien aufzustellen. Wieso hätte Kant sich noch um die Trans- zendentalphilosophie kümmern sollen, wenn diese mit den Kritiken iden- tisch wäre? Wieso hätte er darüber hinaus noch zwischen metaphysischer und transzendentaler Erörterung unterscheiden sollen?

1.3 Die Abgeschlossenheit des kritischen Systems

Kant spricht dem Menschen drei grundlegende, komplexe Vermögen zu:

Erkenntnis-, Begehrungs- und Gefühlsvermögen (das Gefühl der Lust/Unlust). Diese Vermögen arbeiten verschränkt, werden aber stets

durch das Erkenntnisvermögen „kritisch“ beurteilt. Richtet sich ein Urteil etwa auf eine gefühlsmäßige Zustandsbeschreibung, dann wird zugleich eine Stetigkeit vorausgesetzt, die über einen Schluß bezüglich des „Ver- mögens der Regeln“ (Verstand) allein hinausgeht. Das Erkenntnisvermö- gen enthält verschiedene Instanzen, und eine davon scheint eigenständig die Konstanz der Erfahrungen und Gesetzmäßigkeiten zu ermöglichen. Aussagen über die menschlichen Vermögen selbst, so wie wir sie als Men- schen denken müssen, haben es mit solchen übergreifenden Prinzipien zu tun. Sie gehen letztlich auf eine Leistung der Vernunft als entsprechendes „Organ“ zurück. Wie kann die Vernunft überhaupt auf diese Vermögen schließen? Wir haben in den Kritiken genau diese Frage als Untersu- chungsgegenstand vorliegen, weshalb die verschiedenen Ausrichtungen der Vernunft sich nacheinander an ihrem eigenen Vermögen orientieren. Zusätzlich interessiert uns vornehmlich, wie denn die Vernunft im Endef- fekt auf sich selbst schließt:

1. Die KrV richtet die Vernunft auf den Gesamt-Verstand 4 mit seinen Bestandteilen: Verstand, Urteilskraft und Vernunft. 5 Je nachdem, ob der Verstand mit den Anschauungen in Verbindung steht und ob die-

4 Im weiteren auch als der „große Verstand“ bezeichnet.

8

Programm und Thesen

se material 6 angereichert sind, entstehen die verschiedenen Urteilsar- ten ihrer Möglichkeit nach:

A. analytische Urteile (nur Verstand) – a) als logisches Vorge- hen, b) in Verbindung von Verstand und Vernunft als meta- physische Urteile.

B. synthetische Urteile a priori (rein) – der Verstand bezieht sich auf die Anschauung, und zwar auf deren reine Formen.

C. synthetische Urteile a posteriori (material) – der Verstand be- arbeitet einen Inhalt, der ihm aus der Einbildungskraft von der Anschauung überantwortet wird.

2. Die KpV richtet die Vernunft allein auf den Willen. Hier können daher nur zweierlei Arten von Synthesen entstehen:

A. Entweder der Wille ist rein – dann kann die Vernunft sich selbst in der Bestimmung „spiegeln“, da sie ausschließlich sich selbst im Willen wiederfindet –, oder

B. der Wille ist angereichert mit Wollensgegenständen (Neigun-

gen) – dann zeigen sich in der materialen Bewertung der Ver- nunft nicht ihre eigenen Strukturen, sondern diejenigen des Willens in Ausrichtung auf die Existenz der jeweiligen Mate- rie (Interesse).

3. In der KU richtet sich die Vernunft dann auf das je konkrete Gefühl, dessen Zugangsprinzip in dieser Beschreibung schon herausragt: Die Bestimmung des Einzelnen wird unter eine Regel gefaßt; dieses Ver- mögen der Subsumtion wird der Urteilskraft zugesprochen.

Es ist also die Vernunft, die auf sämtliche Verknüpfungen der menschli- chen Vermögen schließt. Woher nimmt sie aber die Begriffe, 7 um die Verhältnisse zu fassen? Woher hat sie überhaupt von ihren Vermögen erfahren? Wir finden uns letztlich zurückgeworfen auf die Betrachtung der Vernunfttätigkeit und auf das Zugeständnis ihrer eigenen Angewiesenheit auf die übrigen Vermögen. Dieses Umstands werden wir uns bereits in der KrV hinlänglich bewußt, denn dort setzt das Problem der Dinge an sich ein. Die wahre Komplexität dieses Argumentations- bzw. Streitgegens- tands in der Kant-Forschung wurde – außer von Adickes – nur selten erfaßt: Im Zuge der Diskussion über Kants Anliegen treten jeweils deutli- che Merkmale zutage, in denen die Vernunft die aus ihrer Tätigkeit her- vorgehenden Ergebnisse wiederum beschließt. Ein Zirkelansatz? Nein,

6 Im folgenden steht „material“ statt „materiell“, um den Anschein der Voraussetzung von konkreter Materie zu vermeiden. Dieses Vorgehen richtet sich nach Kants eige- nem Gebrauch z. B. in B 114.

Die Abgeschlossenheit des kritischen Systems

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denn im eigenständigen Vollzug der Erkenntnisse erweisen sich die Denk- gehalte als denknotwendig und daher auch als allgemeingültig, solange sie nicht selbst wieder zu einem Gegenstand der Erfahrung gemacht werden. Darin besteht nur dann keine Gefahr, wenn das Denken des Dings an sich uns die Rückwendung der reinen Vernunft auf sich selbst verbürgt. Mit diesem Schritt ist gleichsam das Primat der theoretischen Ver- nunft vor allen anderen kritischen Stücken fundiert. Zugegeben, es han- delt sich hier lediglich um ein Primat in methodischer Hinsicht, aber doch um eines, das es ermöglicht, überhaupt erst in einer KpV weiterdenken zu können. Ohne die KrV blieben wir der Unendlichschleife empirischer Färbung unterworfen und hätten die Erkenntnisse über uns nur aus der Betrachtung unserer selbst als Gegenstand. Inhaltlich kann die KpV also nur zum Primat aufsteigen, weil die KrV ihr methodisch vorausgeht. Ent- halten diese beiden ihre Geltung aber nicht erst durch die abschließende Leistung der KU, z. B. durch eine Heautonomie in der Reflexion über die bisher zweckmäßige Struktur der kritischen Untersuchung? Auch die KU gründet vernünftigerweise in der KrV. Wie sollte ausgerechnet die Urteils- kraft eine Heautonomiegrundlegung zustandebringen, da sie sich doch auf diese Art wieder von der Vernunft abwenden würde? Die KU wahrt vor allem zunächst den Vollständigkeitscharakter der Kritiken und nimmt das dritte Vermögen in Augenschein, das uns – mit Postulaten und prakti- schen Annahmen versehen – auch die Gefühle etc. mit dem kritischen Gedanken verknüpft. Und tatsächlich wird auch hier eine prinzipielle Verbindung zum Verstand (d. i. hier: Urteilskraft) aufgefunden und durch die Vernunft untersucht. Die aus den bisherigen Erkenntnissen hervorge- henden Möglichkeiten der Natur- und Technikbetrachtung können auf dieser allgemeingültigen Basis konkretisiert werden. Die KU bietet folglich keine nachgelieferte Begründung des Zusammenhangs der beiden anderen Kritiken, sondern eine in die Künste und Wissenschaft verweisende Mög- lichkeit der Erkenntnis. Somit rundet sie das transzendental-kritische Vor- gehen inhaltlich ab und vollendet auf formaler Ebene die Kritik in einem Rückverweis der erkenntnistheoretischen Zweckmäßigkeit der grundle- genden KrV. Methodisch beleuchtet die KU die Möglichkeit der Bildung eines konkreten Mittelsatzes im großen Vernunftschluß auf das eigene Vermögen. Hierdurch entläßt uns die formale Untersuchung der reinen transzendental-kritischen Ebene wieder in die alltägliche Welt der Erfah- rungen. Blicken wir unter diesem Gesichtspunkt noch einmal zurück zur me- taphysischen Dimension der Kritiken: Das menschliche Erkenntnisver- mögen – und in diesem enthalten: die menschliche Vernunft – hat es von Natur aus mit diversen Gegenständen zu tun. Einige aus dieser Verbin- dung hervorgehenden Fragen können bereits durch den Alltagsverstand

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Programm und Thesen

zufriedenstellend beantwortet werden, andere müssen jedoch aus eben derselben Natur heraus unbeantwortet bleiben, da sie z. B. nicht durch eine adäquate Erkenntnis bestätigt werden können. Der „alten“, vorkanti- schen Metaphysik scheint es wesensmäßig anzuhängen, aus der Fähigkeit des produzierenden Vermögens keine befriedigende Antwort auf ihre Gegenstände erfahren zu dürfen. In neuerer Zeit verbindet man die Reak- tion auf solch spezifische Gegenstände mit dem argumentationstheoreti- schen Ausdruck des „Münchhausen-Trilemmas“ (Albert 1977): Entweder verstrickt man sich in Zirkelschlüsse, in unendliche Regresse oder ergeht sich in dogmatischen Setzungen, sobald nach letzten Gründen gesucht wird. Es leuchtet mithin ein, daß die Grenze der Erkenntnisfähigkeit ir- gendwo zwischen den erkenntnisproduzierenden und den nicht- erkenntnisproduzierenden Vermögen verlaufen muß. Ein Prüfen dieser Grenzen versucht Kant ausgehend von der Metaphysik unter dem Titel „KrV“ zu entfalten, wobei sich die Vernunft in Tradition Lockes als Ver- mögen der Prinzipien einer Selbsterkenntnis unterzieht. Ziel dieser Auf- gabe muß es weiter sein, systematisch zu erörtern, welche Erkenntnisse der Verstand unabhängig von allen Erfahrungsinhalten zu erbringen in der Lage ist. Sicher ist von vornherein, daß Metaphysik möglich ist, da sie nach- weislich wirklich ist. Da Vernunft als das Vermögen der Prinzipien und damit der Schlüsse definiert ist (B 356, A 405, B 386: Vermögen zu schlie- ßen), und Prinzipien als die höchsten Ordnungsorgane auftreten, obliegt es ihrer eigenen „That“, sich als reines Vermögen zu erschließen. Ein darin anklingender Mißton warnt – noch zögerlich – vor der Gefahr eines möglichen Regresses, den aber faktisch erst Fichte in der Selbstsetzung des Ich heraufbeschwört. Uns muß im folgenden bewußt sein – deshalb werde ich auch noch hinlänglich darauf verweisen –, daß der Mensch sich selbst stets unter Anwendung der Vernunftleistung erscheint. Es wird also notwendig sein, im Rahmen der Kritik eine Analyse (Zergliederung) des gesamten Erkenntnisvermögens und seiner inneren Verknüpfungen durchzuführen. Jeder Leser ist dabei ohnehin zur Überprüfung der wie- dergegebenen Aussagen am Kantischen Text berechtigt, aber er ist auch zur Selbstprüfung dieses Leitfadens im Vollzug des eigenen Denkens an- gehalten, denn das Ergebnis der Kritik soll doch ohne Ausnahme für alle sich als Menschen denkende Wesen gelten können. Liegt in diesem Gefüge nun tatsächlich ein bevormundender „Puris- mus“ einer Königsberger Vernunft? Immerhin begleitet den aufkläreri- schen Gedanken ein Leitfaden, der mit despotischen Attributen wie „Vollständigkeit“ u. ä. nur so gespickt ist. Allerdings macht das Unter- nehmen der grundlegendsten Erforschung menschlicher Erkenntnisfähig-

Das durchgängige Prinzip der Kritiken

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keit erst dann Sinn, wenn es auch für alle Menschen gelten muß. Kant erarbeitet im Zuge dessen aber wohlgemerkt keine inhaltlichen, sondern lediglich formale 8 Vorgaben. Es obliegt jedem vernünftigen Wesen selbst, die Kritik für sich zu vollziehen und deren Ergebnisse zu erarbeiten. Jede Ausnahme, jeder notwendige Zusatz könnte Kants Vorhaben seines all- gemeinen und notwendigen Geltungsanspruchs berauben. Im Selbstdenken der KrV eröffnet sich auf diese Weise die transzen- dental-kritische Gedankenreihe, die über den KpV-Nachweis des Faktums der Vernunft in der KU zu einem abschließenden Gesamtergebnis hin- sichtlich der menschlichen Erkenntnisfähigkeit gelangt.

1.4 Das durchgängige Prinzip der Kritiken

Einer Erkenntnisleistung der Vernunft ist abzulesen, ob sie wissenschaftli- chen Ansprüchen genügt oder ob sie lediglich einer „Naturanlage“ ent- springt: Wenn ihr „Gang“ inmitten der Forschungen und Argumentatio- nen „in Stecken geräth“ (B VII), also Zirkel, Widersprüche und Ungereimtheiten hervorruft, berechtigen die Aussagen nach Kant nicht zur Bezeichnung einer „Wissenschaft“ – die Tore sind für willkürliche Behauptungen geöffnet. Die Stellungen prototypischer Wissenschaften nehmen für Kant des- halb lediglich die Logik, die Mathematik und die theoretische Physik ein, in deren „Geschichte“ jeweils eine „Revolution der Denkungsart“ von- statten ging, die eine klare und deutliche Grundlegung ihrer Grundsätze ermöglichte. Offenkundig erlebte die Metaphysik vor Kant keine solche Fundierung, wodurch das Auseinanderklaffen zwischen ihrem Geltungs- anspruch und ihrer Leistung erklärt werden kann: Die transzendenten Spekulationen galten als „Krone“ der menschlichen Kultur und brachten doch nichts als lauter unbelegbare Meinungen mit absolutem Wissensan- spruch hervor.

Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserem Erkenntniß richten, welches so schon besser mit der verlangten Mög- lichkeit einer Erkenntniß derselben a priori zusammenstimmt, die über Gegens- tände, ehe sie uns gegeben werden, etwas festsetzen soll. (B XVI)

Kants Prognose läßt bereits in der Vorrede einen negativen Befund für diese Metaphysik absehen: Erkenntnisse beschränken sich auf den Erfah-

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Programm und Thesen

rungsbereich. Dennoch spricht Kant metaphysischen Spekulationen einen außergewöhnlichen Sonderstatus zu: Sie bilden die letzte Instanz, die alle Erfahrung und Erkenntnis einer leitenden Funktion überantwortet. Der Hang zur Welterklärung und zur Sinnsuche übersteigt sowohl die analy- tisch begrenzten Aussagemöglichkeiten der Logik als auch die formalen und kausalen Wissenssätze der Mathematik und der Physik. In diesem Zusammenhang erscheint die Bewertung „Ich mußte also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen“ (B XXX) als ein positives Ergebnis der kritischen Läuterung. Die Hinwendung der Vernunft zur Untersuchung ihrer eigenen Leistung bestimmt die Be- schreibung der Aussagenverbindlichkeit in bezug auf die drei menschli- chen Vermögen. Im Zuge der „Revolution der Denkungsart“ werden wir die von den Erfahrungsinhalten „unabhängige“ Vernunft (abgesehen vom Gedanken der „Erweckung“ der Vermögen) – per Vernunftschluß – in der KrV, der KpV und der KU als die höchste Instanz menschlicher Er- kenntnisfindung beschreiben. Unsere Erkenntnisse beziehen sich auf die Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntnisse, der Werte und der Ge- fühle. In allen drei Bereichen ist die Vernunft ein Garant für strukturelle Konstanz sowie für zwischenmenschliche Austauschbarkeit über die doch so verschiedenen, situativen Erfahrungsinhalte. Die Vernunft steht höher als alle Dinge der uns umgebenden Welt, selbst noch höher als die Vor- stellung Gottes. Wer oder was gibt uns dann aber ein Wissen darüber, was schön-und-gut ist? Kein Urteil kann sich der Regentschaft der Vernunft entziehen, und umso wichtiger erweist sich die Untersuchung ihrer Struk- turen, Geltungs- und Herrschaftsansprüche. Vor sich selbst kann die Ver- nunft nichts verbergen, sich selbst kann sie nicht belügen. Deshalb eröff- net die KrV „das kritische Geschäft“ mit einer prototypischen Methode, einem prototypischen Aufbau und der Aufgabe entsprechend mit einem prototypischen Stil. Die Annahme einer steigenden Brisanz der kritischen Untersuchung von der KrV hin zur KU entbehrt demzufolge jeder Seriosität. Würde die Heautonomie der Vernunft erst in der KU begründet, so würde die dritte Kritik zugleich mit ihrem kritischen Unterbau zusammenstürzen, der KpV würde der Kerngedanke aus der GMS als petitio principii entzogen, die Prämisse der KrV verlöre jegliche Evidenz. Zwar befassen sich die einzelnen Kritiken je mit einem speziellen Auf- gabengebiet, zugleich bilden sie aber ein Gefüge, das in sich stringent angelegt ist. Diese Struktur ergibt sich nicht aus einer Willkür Kants, son- dern entspringt dem vernünftigen Gedanken, der sich auf die Vermögen des Menschen selbst zurückbeugt. Alle drei Werke wenden aufgrund die- ser Ausgangssituation eine transzendental-kritische Arbeitsweise an, die jeweils spezifische Erkenntnisse über die Prinzipien der Vernunft in ihrer

Die Thesen

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Ausrichtung auf die reinen Vermögen entwickelt. Vernunft handelt nicht und Vernunft fühlt nicht – Vernunft verknüpft Urteile zu Schlüssen. Auf dieser grundlegenden Gemeinsamkeit beruht zugleich auch die Verbin- dung des gesamten kritischen Werks durch eine methodische sowie stilis- tische Orientierung an der KrV, die in einigen Thesen dargelegt werden kann.

1.5 Die Thesen

Es folgen die Thesen zu einer allgemeinen Ausgangsbasis, aus dem ge- meinen Verstand (im Sinne Kants) gewonnen:

1. Der Mensch kann nur können, was er können kann.

2. Die Ergründung des menschlichen Könnens bezieht sich auf die menschlichen Fähigkeiten: die „Vermögen“.

3. Drei Vermögen werden von Kant als Wesen des Menschen in seiner Selbstbetrachtung veranschlagt: Erkenntnisvermögen, Begehrungs- vermögen, Gefühl der Lust/Unlust.

4. Alle Erkenntnisse von diesen Vermögen werden durch das Erkennt- nisvermögen hervorgebracht.

5. Wenn es auch keine Erkenntnis von den Vermögen gibt, die vor der (ersten) Erfahrung (mit ihnen) gefaßt werden könnte, so stammt doch nicht jede Erkenntnis aus der Erfahrung.

6. Die menschlichen Vermögen sind immer durch materiale Gegenstän- de „angereichert“. Diese Erkenntnis reicht aus, um einen Zustand der Vermögen in Trennung von ihrer jeweiligen Materie zu denken.

7. Die Suche nach Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis be- zeichnet Kant als transzendentale Kritik. Auch diese wird ausschließ- lich vom Erkenntnisvermögen durchgeführt.

8. Dieser Schritt vom „Sich-als-Mensch-Denken“ zu der Annahme einer Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis, die für jedes sich als Menschen definierendes Wesen zutrifft, sprengt den Subjektivismus und erweitert ihn zumindest zu einem formalen Intersubjektivismus. „Objektive“ Erkenntnis, verstanden als von den Objekten ausgehen- den Data, kann keine allgemeine und notwendige Geltung garantieren. Eine solche ergibt sich erst aus der Leistung der transzendental- kritischen Lehre, wonach höchstens die Intersubjektivität von allen Menschen als „Objektivität“ angenommen werden kann.

9. Transzendentale Kritik setzt sich mit der Selbstbetrachtung des Er- kenntnisvermögens (KrV) auseinander sowie mit deren Selbstbe- stimmung an dem reinen Begehrungsvermögen (KpV) und der Bezie- hung dieser beiden Vermögen auf die konkrete Materie (KU), die

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Programm und Thesen

ebenfalls in einem reinen Prinzip gesucht wird (die Verbindung muß a priori bestehen können, wenn sie a posteriori evident sein soll: Men- schen begehren).

All diese Annahmen führen zu folgenden Eingangsthesen bezüglich des kritischen Oeuvres:

1. Die drei Kritiken Kants entwickeln einen Gedankengang, der nur in seiner Gesamtheit ein sinnvolles und abgeschlossenes System entfal- tet. Die Verbindung der drei Schriften ergibt sich nicht nur aus ge- meinsamen Aspekten (vgl. Braune, Goldschmidt, Zocher, Baumgart- ner u. a.), sondern aus einem „roten Faden“, der in der KrV beginnt und in der KU endet. Die kritische Theorie ist eine dynamische, und ihre Bewegung erstreckt sich über KrV, KpV und KU gleichermaßen.

2. Der Mensch definiert sich über drei ihm wesensmäßig zukommenden Vermögen. Diese Erkenntnis resultiert, ebenso wie die konkrete Be- trachtung der Vermögen selbst, aus der Leistung der menschlichen Vernunft (Regelmäßigkeit der Vermögen).

3. Alle drei Kritiken Kants sind (unserer heutigen Einschätzung gemäß) erkenntnistheoretische Werke. Ebensowenig wie in der KrV eine Me- taphysik der Natur errichtet wird, entsteht in der KpV eine Ethik (Metaphysik der Sitten) oder in der KU eine ästhetische (im moder- nen Sinne des Wortes) Theorie.

4. Die Denknotwendigkeit einer einheitsstiftenden Vernunft wird in der KrV zunächst systemintern postuliert, ihr Faktum ergibt sich aber erst aus den Überlegungen der KpV. Da keine Erkenntnistheorie unab- hängig vom menschlichen Erkenntnisapparat aufgestellt werden kann, muß die Möglichkeit des Zusammenspiels einer reinen Sinnlichkeit und einer reinen Spontaneität deduziert werden, um synthetische Ur- teile a priori zu begründen. In der Selbstbetrachtung des Menschen unter den Vorgaben des inneren Sinns (dem Nacheinander der kriti- schen Untersuchung) und den regelmäßigen Vernunftschlüssen gilt es, die Möglichkeit des Sich-selbst-als-Erscheinung-Denkens mit dem gleichzeitig ermöglichten Beweis des Vernunftfaktums in ebendiesem Vorgang zu verbinden.

5. Letztlich beweist die tatsächliche Vollendung des kritischen Systems – unter einer konstanten, notwendigen Denkbewegung, die dieses stell- vertretend für jedes vernünftige Wesen zwingend vollzieht –, daß im Zuge der transzendentalen Kritik die menschliche Erkenntnisfähigkeit erschöpfend beschrieben wurde.

6. Transzendentale Kritik ergründet die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis. Sie eröffnet für alle Wesen, die sich als Menschen de- finieren, eine intersubjektive formale Mitteilungsfähigkeit in metaphy- sischen Belangen (mithin auch in der technisch-praktischen Dimensi-

Die Thesen

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on der Philosophie), grenzt aber jegliche inhaltliche (gegenständliche, materiale) Erkenntnismöglichkeit in diesen Bereichen aus.

Im Hinblick auf die jeweiligen Kritiken als Einzelschriften ergibt sich aus diesen „Arbeitshypothesen“ eine neue Deutungsperspektive, die in guter kritischer Tradition Allgemeinheit und Notwendigkeit beansprucht. Für die Kritiken entfaltet sich aus diesen Voraussetzungen die folgende Sicht- weise:

KrV-Thesen:

1. Die KrV ist eine transzendental-kritische 9 Untersuchung.

2. Eine transzendental-kritische Untersuchung muß eine erkenntnistheo- retische sein.

3. Erkenntnistheoretische Untersuchungen erhalten ihre Schlüsse aus der Vernunftleistung. Selbst jedweder sprachliche Ausdruck, jedes Zeichen, jede Metaphysik kann sich nicht durch sich selbst begrün- den, ohne einer Form des sogenannten Münchhausen-Trilemmas zu unterliegen. Sie können unseren Fähigkeiten gemäß aber trotzdem be- liebig – also auch ohne Probleme „unwissenschaftlich“ – angewendet werden. Die konstitutionellen Erkenntnisse bezüglich dieser Vermö- gen basieren jedoch letztlich immer auf Vernunftschlüssen, denn auch in dieser Hinsicht gilt ausgehend von der Tatsache der Anwendung und der Untersuchung eben dieser Fähigkeiten: Wir können nur kön- nen, was wir können können.

4. Um die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnisurteilen aber prinzipiell zu ergründen, muß das Erkenntnisvermögen bis hin zur Vernunft als Vermögen der Prinzipien analysiert werden.

5. Die Betrachtung des Erkenntnisapparats kann nicht hinter die Struk- tur der Vernunft selbst zurückreichen, weshalb erst das Primat der praktischen Vernunft (als reine Selbstbestimmung der Vernunft) die theoretische Untersuchung beschließt.

6. Durch die Betrachtung der Vernunft im Erkenntnisvermögen kann das Vorhandensein der Vernunft zwar erschlossen, aber nicht bewie- sen werden. Dieses Manko kommt bereits in der Bezeichnung „er- schlossen“ deutlich zum Vorschein: Das, was „Vernunft“ genannt wird, ist in der Bildung der Schlüsse als Vermögen selbst aktiv am Werk.

7. Die erkenntnistheoretische Untersuchung findet ihren Höhepunkt zwar in der KpV und ihren Abschluß in der KU, ihr methodisches Primat liegt jedoch allein im Bestand der KrV.

16

Programm und Thesen

8. Das Ergebnis der KrV ist eindeutig: Mathematik und theoretische

Physik werden als reine Wissenschaften bestätigt; die alte Metaphysik erweist sich als Naturanlage. Eine neue, geläuterte Metaphysik könnte nach Kant also lediglich als eine Transzendentalphilosophie verstan- den werden, die reine Erkenntnisse hervorbringt.

9. Die KrV entwickelt aber deshalb keineswegs selbst eine Transzenden- talphilosophie, sondern untersucht die Bedingungen der Möglichkeit einer solchen Wissenschaft.

10. Der Deutsche Idealismus kann aufgrund dieser Ergebnisse als noch vollkommen in der Kantischen Erkenntnistheorie inbegriffen aufge- faßt werden:

Fichtes „Ich“ bewegt sich innerhalb der Paralogismen.

Schellings „Absolutes“ bewegt sich innerhalb der Antino- mien.

Hegels „Geist“ bewegt sich innerhalb des Ideals der reinen Vernunft.

Der Neukantianismus führt die moderne und postmoderne Kant- Forschung nur bedingt näher an die Kantische Lehre heran, denn eine Vermischung mit idealistischem Gedankengut lenkt die Kant-Exegese in

die Irre. Es muß also ein riesiger Rezeptionsschritt bis hinter den Idealis- mus zurück gemacht werden (vgl. Anhang VI). KpV-Thesen:

1. Die KpV ist eine transzendental-kritische Untersuchung.

2. Eine transzendental-kritische Untersuchung muß eine erkenntnistheo- retische sein.

3. Erkenntnistheoretische Untersuchungen beziehen ihre Schlüsse aus der Vernunftleistung.

4. Die Ergründung der Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis kann daher nicht hinter die Vernunft zurückgehen.

5. Eine KpV kann die Vernunft nicht begründen, liefert aber einen Be- weis für ihre tatsächliche Existenz. Auch diese Kritik untersucht die Bedingungen der Möglichkeit – in diesem Fall die einer jeden Ethik sowie die Geltungsansprüche moralischer Urteile – und gehört somit zum Bereich der Erkenntnistheorie. Durch diese transzendental- kritische Methode reiht sich die KpV in das „Geschäft“ der beiden anderen Kritiken ein.

6. Kants „Moralphilosophie“ in GMS und KpV entfaltet kein ethisches System. Der KI dient ausschließlich zur Bestimmung des Willens.

7. Der KI ist beim Menschen nie alleiniger Bestimmungsgrund des Wil- lens, kann aber als solcher gedacht und somit untersucht werden.

Die Thesen

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gemeinerungstest für Handlungen oder Maximen annimmt, um an de- ren Verallgemeinerung zu messen, ob sie moralisch geboten, verboten oder erlaubt sind. Hier läge immer der Ausgang von einem ausschließ- lich subjektiven Standpunkt vor, der in seiner Induktion keine wirkli- che Allgemeinheit versprechen könnte.

9. Die von Kant in der GMS gewählten Beispiele sollen den Vorgang verdeutlichen, der zur Vorstellung des KI nötig ist, stellen aber selbst keine Fälle des eigentlichen KI dar.

10. Die Formulierung des KI ist nur die Andeutung, ein Veranschauli- chungsversuch der Bestimmungsform des Willens durch die Ver- nunft. Deshalb versucht Kant, die verschiedenen Aspekte des KI durch diverse Formulierungen einzeln zu beschreiben, obwohl er sich über die Mängel dieser Versuche im klaren zu sein scheint. Die Form des KI zeigt zunächst, daß – und nicht wie – der Wille durch Vernunft bestimmt wird. Eine Begründung der Möglichkeit dieser Form ist selbst nicht mehr möglich, da nicht hinter das Faktum der Vernunft als Deduktionsvermögen selbst zurückgegangen werden kann.

11. Das Faktum der Vernunft bezieht sich auf die tatsächliche Existenz einer Vernunft als Vermögen der Prinzipien. In der Bestimmung des reinen Willens erkennt die reine Vernunft sich selbst als dieses Ver- mögen. Im Faktum besteht eine Verbindung zwischen der Realität der Freiheit, der Autonomie und dem moralischen Gesetz.

12. Auch hypothetische Imperative bestimmen lediglich den Willen. Sie haben „objektive“ Geltung, wenn sie auch subjektive Gesichtspunkte von möglichen Handlungsweisen berücksichtigen. Sie dienen deshalb nicht als allgemeines, unbedingtes Gesetz, sondern als praktischer Grundsatz mit subjektiver Notwendigkeit.

13. Selbst Maximen stellen lediglich eine Willensbestimmung dar. Diese ist allerdings immer nur subjektiv, da die freie Willkür hier sowohl den Anteil einer praktischen Regel als auch die Repräsentation einer Nei- gung (nicht etwa einen Trieb selbst) umfaßt. Die hybride Willens- Maxime, deren zweifache Bestimmung die „erste Tat“ vornimmt, ist Grundlage einer jeden Umsetzung in eine Handlung, die der „zweiten Tat“ entspricht. 10 Nur so erklärt sich die Achtung als reines (harmoni- sches) Gefühl einer durch die Vernunft gedachten Hierarchie, wenn nämlich der Bestandteil der Neigung genuin als der (Vernunft-)Regel untergeordnet dargestellt wird – also: in einem Verhältnis der Pflicht.

14. Entgegen der gängigen Auffassung weisen Kants Gedankengänge keineswegs auf die grundsätzliche Ablehnung einer eudaimonistischen Ethik (des Alltags) hin. Allerdings muß zu einem adäquaten Vergleich

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Programm und Thesen

Kants moralische Anthropologie (RGV) betrachtet werden und nicht etwa seine kritische Moralphilosophie oder seine transzendentalphilo- sophischen Ansätze (MdS).

KU-Thesen:

1. Die KU ist eine transzendental-kritische Untersuchung.

2. Eine transzendental-kritische Untersuchung muß eine erkenntnistheo- retische sein.

3. Erkenntnistheoretische Untersuchungen beziehen ihre Schlüsse aus der Vernunftleistung.

4. Das Gefühl der Lust/Unlust wird als eines der drei Grundvermögen des menschlichen Gemüts durch das Erkenntnisvermögen beurteilt. Erkannt wird dabei die praktische Ausrichtung, d. i. die Bestimmung des Willens, auf ein mögliches Konkretes sowie die Lust am Erken- nen. Wenn auch Geschmacksurteile insgesamt keine Erkenntnisurteile sind, so ist gerade diese Feststellung doch eine Erkenntnis aus einem synthetischen Urteil über die Verbindung der Urteilskraft mit dem Gefühl.

5. Der transzendentale Begriff der Zweckmäßigkeit, der in der KU ent- wickelt wird, ist weder ein Natur- noch ein Freiheitsbegriff, sondern ein subjektives Prinzip der Urteilskraft.

6. Die KU entwickelt demnach keine „Kunsttheorie“.

7. Eine allgemeine subjektive Gültigkeit des Wohlgefallens liegt in der Harmonie des Erkenntnisvermögens (ohne alles Interesse – sonst wä- re sie Bestandteil des Begehrungsvermögens).

8. „Ästhetische“ Urteile sind allesamt Anmaßungen, die ohne die De- duktion der KU keine Verbindlichkeit erlangen könnten. Die Deduk- tion bezieht sich jedoch auf die grundlegende Mitteilbarkeit solcher Urteile, nicht auf deren gegenstandsbezogene Gültigkeit.

9. Das freie Spiel des Erkenntnisvermögens kann erst nach den Ergeb- nissen der KpV untersucht werden und bestätigt (nicht: begründet) rückwirkend die Übereinstimmung der KrV- und KpV-Annahme mit den tatsächlichen Funktionen des Vermögens. Bewiesen wird u. a. die Möglichkeit der Verbindung von Ordnungsvorstellungen der reinen Sinnlichkeit (Raum und Zeit) mit den reinen Kategorien des Verstan- des, nämlich unter der Möglichkeit der (reinen) Apperzeption und un- abhängig von der Berücksichtigung einer konkreten dinglichen Exis- tenz außerhalb des Faktums der Vernunft selbst. Somit verbinden sich die Gesetze, die der Natur gegeben werden, mit der Idee der Freiheit in einem von der Einbildungskraft zugesteuerten, freien Zusammen- spiel.

Die Thesen

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10. Es resultiert die Annahme des Schönen als Symbol des sittlich Guten, wodurch die Verbindung zwischen dem höchsten Gut und der Schönheit demonstriert wird.

Um diese Hypothesen zu stützen, wird die Interpretation im weiteren vollständig am Text entlang entwickelt und belegt.

Ich erinnere an die unüberwindbare Grundschwierigkeit, die in der Natur der Kantischen Sache liegt. Er befragt die Subjekt-Objekt-Spaltung, aber jede Frage und jede Antwort muß innerhalb dieser Spaltung selber stattfinden. Denn immer wird vom Denkenden etwas gedacht. Will Kant über diese Spaltung hinausdenken in den Grund, aus dem sie erwächst, so kann er es nur durch Denkformen in Ge- genständlichkeiten, die selber dieser Spaltung angehören. Das ist die Unumgäng- lichkeit und die Größe dieses Denkens, das nicht in mystischer Ekstase sich aufge- ben will an inkommunikable Undenkbarkeiten. In der Helle des natürlichen Bewußtseins bleibend, gerät dieses Denken in Denkzusammenhänge, die in ihrer Denkbarkeit zwar ein Undenkbares verbergen, aber indirekt offenbar werden las- sen und dadurch im Bewußtsein den Grund dieses Bewußtseins berühren. (Jaspers 1957, S. 217)

Zweiter Teil – Eine transzendental-kritische Interpretation der Kritiken

2.1 Die Kritik der reinen Vernunft (KrV)

Der Titel der Untersuchung verlangt eine mit der Lektüre fortschreitende Inter- pretation. (Baumanns 1997, S. 87)

2.1.1 Aufbau, Methode und Stil der KrV

Nur zu oft beginnen Revisionen der KrV mit einer Zurückweisung oder Verunglimpfung des Stils, des Aufbaus oder der Methode. Auf diese Wei- se versuchen viele Interpreten, das ausstehende Bewerten des Inhalts vor- ab zu rechtfertigen. 1 Selbst von denjenigen Forschern, die Kants Intention durchweg befürworten, wird die Form der KrV nicht selten als unzuläng- liche Trägerin des Gedankens kritisiert. 2 War es etwa die editorische Eile, die Kant zu einem „Flickwerk“ trieb? Solche Unterstellungen entdecken Grayeff (1951, S. XV) und Birven (1913, S. 44) in den Kommentaren Vaihingers und Adickes’, und auch in einigen Lagern der angelsächsischen Kant-Forschung hat sich diese Vermutung vielfach verbreitet. Gardner schreibt im Vorwort zu Kemp Smiths KrV-Kommentar:

The term ,patchwork theory‘ is used commonly to encompass three claims: one concerning the text as an articulation of a philosophical position, one that con- cerns its process of composition, and one that defines the proper method of its interpretation. The philosophical claim is that the Critique of Pure Reason contains deep inconsistencies which no amount of exegetical ingenuity can remove or pal- liate, and which need to be interpreted as reflecting directly two different and conflicting philosophical positions, as explained above. The compositional claim is that the co-existence of these two positions in the one work is to be explained in part by the circumstances of Kant’s authorship. […] The methodological claim is that one does best to read the Critique with a view of assigning different sec- tions and passages within sections to different phases of composition, as a pal- impsest. (Kemp Smith 2003, S. XXI)

1 So ist es z. B. bei Strawson (1992, S. 19) abzusehen, der bei der (seiner Meinung nach) künstlichen Symmetrie der Kritik ansetzt.

Aufbau, Methode und Stil

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Derart mißgünstige Ausführungen implizieren aber letztlich nur, daß ein adäquater Zugang zur KrV mit dieser Art von Interpretationen noch nicht ermöglicht wurde. Wir werden daher die Geschlossenheit der philosophischen Seite be- legen, womit auch die beiden anderen Bedenken (Komposition und Me- thode) sowie weitere Verschärfungen – z. B. Benetts „botch“-Vorwurf (1966, S. 100) – als irrelevant verblassen. Birven (1913, S. 24 ff.) exempli- fiziert zwar eine solche Palimpsest-Sichtweise in seiner Beschreibung der verschiedenen Deduktionsfassungen in der ersten KrV-Auflage durchaus eindrucksvoll; nach Baumgartner ist darüber hinaus die Einheit der KrV zwar aus zwei weiteren Gründen zu hinterfragen – aber schließlich doch aufrecht zu erhalten:

Die Frage nach der Einheit der Kritik der reinen Vernunft wurde hervorgeru- fen durch die Veränderungen, die Kant in die zweite Auflage 1787 eingetragen hat. Kant selbst betonte, daß es sich dabei nur um Verbesserungen handelt, die der äußeren Deutlichkeit dienen sollten. […] Mir scheint es festzustehen, daß sich Kants Ansatz eines transzendentalen Idealismus, der zugleich empirischer Realis- mus ist, von der ersten zur zweiten Auflage nicht verändert hat. […] Ein zweites Problem der Einheit der Kritik der reinen Vernunft stellt sich von ihrer Entste- hungsgeschichte her. Ursprünglich sollte sie ja nur „die Grenzen der Sinnlichkeit“ be- handeln, später dann „die Grenzen der Sinnlichkeit und des Verstandes“, während sie schließlich doch zuletzt eine umfassende Kritik der reinen Vernunft, also des gesamten Vernunftvermögens, geworden ist. (Baumgartner 1985, S. 137)

2.1.1.1 Aufbau

Zunächst gliedert sich die KrV in zwei umfassende Bereiche: die Elemen- tar- und die Methodenlehre. Während die Elementarlehre ein rein theore- tisches Vorgehen beschreibt, entwickelt die gleichberechtigte Methoden- lehre Überlegungen zu den Anwendungs-, Umsetzungs- und Folgemöglichkeiten aus den theoretischen Erkenntnissen. So behandelt sie insgesamt Fragen, wie sich eine pädagogische Praxis sinnvoll an den theo- retischen Einblicken in die Struktur menschlichen Denkens orientieren kann (KrV), wie die Untersuchung der praktischen Vernunft zu einem verantwortungsvollen, moralisch fundierten Umgang der Menschen mit- einander beiträgt (KpV) und wie die Urteilskraft bereits in der Erziehung „geschärft“ wird (KU). Besonders die Methodenlehre der KrV stiftet eine werkübergreifende Kohärenz, entfaltet sie doch ihre Überlegungen in Hinsicht auf die Postulate der praktischen Vernunft 3 und vereinigt zudem

22

Die Kritik der reinen Vernunft

alle philosophischen, wissenschaftlichen und theologischen Fragen- bzw. Forschungsgebiete in einem gemeinsamen System, das vollständig aus dem höchsten Prinzip des kritischen Denkens entwickelt wird. 4 Die Vorreden (A und B) und die Einleitung beschreiben die Zielset- zung, ordnen die Schrift in Werk und Philosophiegeschichte ein und legen die Methode dar, wie die Titel der in römischen Zahlen angeordneten Einleitungspassagen bestätigen. Hier erfahren die fundamentalen Unter- scheidungen zwischen „material“ und „formal“, „empirisch“ und „rein“, „a priori“ und „a posteriori“, „analytisch“ und „synthetisch“, „metaphy- sisch“ und „transzendental“ eine erste zweckmäßige Erläuterung, und die KrV wird dabei explizit von der „Idee und Aufgabe der Transzendental- philosophie“ (vgl. Baumgartner 1985, S. 23) abgesetzt. Die Elementarlehre beinhaltet dann erweiternd die Beschäftigung mit den Formen der An- schauung in der transzendentalen Ästhetik (Erster Teil) und die Ausei- nandersetzung mit der transzendentalen Logik im Aufgabenfeld des (gro- ßen) Verstandes (Zweiter Teil). Höffe (2003, S. 122) sieht eine analoge Strukturierung in zwei Hauptschritten, „denen zwei Vorschritte vorausge- hen, so daß die Argumentation wieder aus insgesamt vier Schritten be-

steht.“ Diese Schritte gestalten – der Unterteilung des Verstandes gemäß – eine transzendentale Analytik, in der die Zergliederung des Vermögens der Begriffe vorangetrieben wird, und eine transzendentale Dialektik, in der das Vermögen der Prinzipien mit seinen Ideen und dem Hang zum Schein beleuchtet wird. Das Vorwort zur ersten Auflage führt in wenigen thema- tischen Schritten in das Werk ein:

1. Das (paradoxe) Schicksal der menschlichen Vernunft.

2. Metaphysik – Königin der Wissenschaften: Ihr Stand und ihre Ent- wicklung (Epochen, Schulen).

3. Der neue Gerichtshof: Die Kritik der reinen Vernunft.

reinen Verstandes (die Gruppe, die den Kategorien der Modalität - Möglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit - entspricht) die ,Postulate des empirischen Denkens überhaupt‘ ausgeführt (A 218-235). Kant sieht das Gemeinsame dieser Postulate mit denen der Mathematik […] darin, daß die ersteren von einem Begriff nur sagen, wie er mit der Erkenntniskraft verbunden ist, ob nämlich der Begriff im Verstande 1) bloß mit den formalen Bedingungen der Erfahrung verknüpft ist oder 2) auch mit einer tat- sächlichen Erfahrung, oder 3) so, daß die Verknüpfung mit der Erfahrung nach Begrif- fen bestimmt ist. In diesem Sinne besagen die Postulate des empirischen Denkens von einem Begriff nur ,die Handlung des Erkenntnisvermögens, dadurch er erzeugt wird‘. Genau dies gilt für die Postulate der Mathematik (wobei Kant vor allem an die drei ersten Postulate Euklids denken dürfte): Sie sind praktische Sätze, die die Synthesis besagen, ,wodurch wir einen Gegenstand [eine Figur] uns zuerst geben‘ (A 233-235).“

4 Einige bemerkenswerte Hinweise zur Funktion und Wertigkeit der Methodenlehre werden von Sala (2004) vorgetragen, der die KrV insgesamt nach dem Vorbild Baum- gartners (1985) gliedert.

Aufbau, Methode und Stil

23

a) Forderungen des Geltungsanspruchs: Gewißheit.

b) Der Wert der Deduktion reiner Verstandesbegriffe: Was und wie viel können Verstand und Vernunft, frei von aller Erfah- rung, erkennen? und nicht: Wie ist das Vermögen zu denken selbst möglich?

c) Die Deutlichkeit in der Darstellung.

d) Aussichten auf das System der reinen Vernunft, Einbindung des Lesers.

e) Anmerkungen zum Druck.

Das Vorwort zur zweiten Auflage erweitert diesen Einstieg in die KrV

durch die Behandlung weiterer allgemeiner und richtungsweisender Topoi:

1. Zur Wissenschaftlichkeit.

2. Zur Logik.

3. Die Vernunft (theoretische, praktische, reine) in den Wissenschaften.

4. Zur Mathematik (als Beispiel für die Revolution der Denkart).

5. Zur Lage der Naturwissenschaften (als zweites Beispiel einer solche Revolution).

6. Zur Lage der Metaphysik. Der Versuch einer (dritten) kopernikani- schen Wende.

7. Die Bereiche der Metaphysik (Begriffe a priori, das Unbedingte etc.) und ihre intrinsischen Widersprüche.

8. Eine Charakterisierung der Kritik der reinen spekulativen Vernunft (als Traktat von der Methode, nicht als System der Wissenschaft selbst).

9. Der negative und positive Nutzen der Kritik und ihre Gegenstände (Raum, Zeit etc.).

10. Das Objekt in zweierlei Bedeutung am Beispiel des Willens und der Moral.

11. Die Ideen. Metaphysik als Naturanlage. Das Aufheben des Wissens.

12. Die Folgen des (Wissens-)Verlusts für die spekulative Vernunft: Das „Monopol“ einzelner Schulen wird aufgehoben, die Wurzeln für ver- schiedene Denktraditionen abgeschnitten.

13. Was die Kritik ist und was nicht: Sie ist u. a. dogmatisch, aber weder „populär“ noch dogmatistisch.

14. Zur zweiten Auflage: Beibehaltung des Plans. Änderungen betreffen lediglich die Darstellung.

15. Ein Ausblick auf eine mögliche Metaphysik als Bestätigung der Kriti- ken.

In der Einleitung werden anschließend alle relevanten Merkmale für die Unternehmung der KrV charakterisiert. Der weitere Aufbau der Schrift ist

24

Die Kritik der reinen Vernunft

letzthin kongruent zur „natürlichen“ Strukturierung durch das Inhaltsver- zeichnis.

2.1.1.2 Methode und Aufgabe

Die durchgängige Methode der Kritik wurzelt in der einleitenden Zu- stimmung des Lesers zu seiner Vernunftbegabtheit. Diese Affirmation beruht auf einer Denkbewegung, die ganzheitlich durch die Teile des Er- kenntnisvermögens und letzthin durch die Vernunft geleistet wird. 5 Da hier kein in der Erkenntnisbildung früheres Vermögen die Tätigkeit eines höherstehenden rechtfertigen kann, so muß letztlich die Vernunft als Vermögen der Prinzipien selbst noch zur Deduktion der von ihr jeweils betrachteten Vermögen aufgefordert sein. Der „Aufstiegsgedanke“ von der Einleitung bis zur Dialektik birgt dabei keine Bewertung der Vermö- gen, da Kant ein Inklusionssystem erstellt, das insgesamt dem Ver-

nunftschluß untersteht. Den Fokus der KrV richtet er in der einleitenden

Grundlegungsfrage aus: „Wie sind

möglich?“ Die Schrift problemati-

siert somit zunächst eine methodische Thematik, die sich auf die Untersu- chung einiger Gedankeninhalte bezieht und erst unter dem transzenden- tal-kritischen Zugeständnis einer „schlechthinnigen“ Notwendigkeit und der universalen Allgemeinheit die erforderte Erkenntnisgrundlage mit sich führt. In diesem Zusammenhang müssen Allgemeinheit und verallgemei- nerte Allgemeingültigkeit deutlich unterschieden werden, 6 besonders wenn wir sie in Verbindung mit der Notwendigkeit charakterisieren. Die Aufga- be der Kritik 7 ist daran anknüpfend in einen „einzigen Gedanken gesetzt“ (Kaulbach 1988, S. 116), den Fischer als „Grundidee“ (1881, S. 127 ff.) zu entwickeln versucht:

Es liegt in der Frage: wie und unter welchen Bedingungen ist erfahrungsmäßige Erkenntniß, Erfahrung als Wissenschaft, methodisch geordnete Erfahrung mög- lich? […] 1) wie entstehen aus den Empfindungen Erscheinungen? 2) wie ent- steht aus den Erscheinungen Erfahrung? 3) wie entsteht aus den Erfahrungs- wahrheiten Wissenschaft oder eine methodisch geordnete Erkenntniß der Erscheinungswelt, die unaufhörlich fortschreitet, ihren Umfang erweitert und nach der Einheit eines Ganzen strebt, so wenig sie je die Vollendung des fertigen

5 Selbst durch Beanstandungen im Sinne Gerhardts (2002), der darauf hinweist, der Mensch sei doch nicht mit Vernunft gleichzusetzen, wird dieser Gedanke nicht im ge- ringsten tangiert.

6 Vgl. v. Aster (1918, S. 21 u. S. 41).

Aufbau, Methode und Stil

25

Ganzen erreicht? Diese Entstehung ist jedesmal eine Erzeugung oder Vernunftlei- stung. (ebd., S. 146) 8

Windelband nähert sich den speziellen Aufgabenbereichen der KrV vor dem Hintergrund seiner ausgiebigen Kant-Studien:

Für die kritische Philosophie aber setzt er [sc. Kant] die Aufgabe, zunächst den Begriff der Erkenntnis neu, d.h. ohne dogmatische, metaphysische oder psycho- logische Voraussetzungen zu formulieren und dann zu untersuchen, inwieweit das menschliche Denken ihn zu realisieren vermag. So wurzelt der Begriff der kritischen Philosophie in ihrer erkenntnistheoretischen Aufgabe. (Windelband 1904, S. 49 f.)

Darüber hinaus behauptet Liebert (1924, S. 299) sogar, der Kritizismus sei, „wie schon oft gesagt worden ist, aber nicht oft genug betont werden kann, nicht nur und nicht in erster Linie eine Theorie; er ist eine Weltan- schauung, ja er ist sogar mehr wie eine solche: er ist ein Faktor unserer ganzen geistig-gesellschaftlich-sittlichen Existenz.“ 9 Kant setzt sich in den Kritiken konkret mit einigen Denkern seiner Zeit auseinander: Er geht auf Mendelssohns „Psychologie“ (B 413) ein, erwähnt ausdrücklich Leibniz, Berkeley, Hume und die „Metaphysik der Alten“. 10 Die Verwendung der Begrifflichkeiten „Vernunft“ 11 und „rein“ stehen in Wolffscher Tradition, 12 wobei der Bedeutungsumfang dieser Wörter von Kant der Beliebigkeit entzogen und durch genaue textinterne Definitionen gefestigt wird. Im Zuge dieser Konkretisierung tritt erstmals in der Philosophiegeschichte die spezifische Trennung zwischen prakti- scher und theoretischer Vernunft auf, wodurch sich Kant schließlich dem nebulösen Konflikt zwischen Rationalismus und Empirismus nähert.

8 Vgl. auch Fischer (1906, S. 468-495) und Nelson (1972): Die Ergründung der Er- kenntnis bildet den Hauptaspekt aller Kritik.

9 Wundt sammelt einige dieser verschiedenen Einschätzungen übersichtlich in „Kant als Metaphysiker“ (1924, S. 188). Die Betrachtung des kritischen Vorgehens basiert aber folglich – entgegen Gerhardts Einwand (2002, S. 123) – stets auf der Vorausset- zung eines „Vernünftigkeits“-Zugeständnisses, das selbst ein Erkenntnisurteil ist. So- mit muß das transzendental-kritische Element einen methodischen Vorrang auch vor logischen Spitzfindigkeiten besitzen. Diese kompromißlose Grundlagenforschung entwickelt eine Synthese, die sämtliche Argumentationen und Diskurse der Vorgänger Kants in ein und derselben Struktur des menschlichen Vermögens verortet. Vgl. zu diesem „Kritzismus“ auch du Prel (1964, S. 37).

10 Hier wird auch der Unterschied zur „alten“ Verwendung der Begrifflichkeit „trans- zendental“ betont: vgl. Knoepffler (2001, S. 12 ff.), der auch die Entwicklung der Be- deutung von „transzendental“ insgesamt beleuchtet (ebd., S. 17, S. 23, S. 26, S. 35 f., S. 38, S. 47, S. 48 u. zur Differenz zwischen „transzendental“ und „metaphysisch“: S. 60 ff.).

11 Vgl. Konhardt (1979, S. 33 ff.), für den die Vernunft per definitionem (als Vermögen der Prinzipien; ebd., S. 50) auf Totalität aus ist.

26

Die Kritik der reinen Vernunft

Sprechen wir heute von „Rationalismus“, so fällt es uns schwer, die in dieser Denkrichtung vielbeschworene „ratio“ überhaupt dezidiert als Ver- nunft oder als Verstand auszumachen, da sich mit dem Einzug der Neu- zeit gerade die vormalige Zuordnung von ratio – Verstand – und intellec- tus – Vernunft – auf eine entgegengesetzte Deutung verschoben hat. 13 Für Kant ist daher eine textimmanente Differenzierung von Vernunft und zweierlei Verstandesbegrifflichkeiten unumgehbar. Andere Bezeichnungen (s. o.) übernimmt Kant zusätzlich aus der gerade begonnenen Tradition eigenständiger deutscher Begrifflichkeiten: Wenn auch stilistisch von Thomasius und Wolff inspiriert, so verfällt Kant doch nicht mehr den inhaltlichen Fehlern der Vorgänger, obwohl seine Schreibweise bisweilen sogar noch als „barock“ (Strawson 1992, S. 19) etikettiert wird. Weder steuert Kant mit diesen Anleihen jedoch auf eine metaphysische Metho- de 14 zu, noch verstrickt er sich in die Ungereimtheiten bezüglich der Abs- traktionskritik, wie sie für die Vorwürfe von Berkeley an Locke kenn- zeichnend waren. Diese Leistung verdankt die KrV der methodischen Strenge: Sie ist durchgehend analytisch, im Sinne von „die Vermögen zergliedernd“, dabei aber synthetisch in ihren denkenden Erkenntnisurtei- len über diesen Prozeß. Untersucht werden in diesem Vorgehen die Urtei- le als Endprodukte eines Erkenntnisprozesses, der mit einer Affektion beginnt und über den schon Leibniz in seinen „Neuen Abhandlungen“ schreibt:

D’où il paroit que les verités necessaires, telles qu’on les trouve dans les Mathéma- tiques pures et particulierement dans l’Arithmetique et dans la Geometrie, doi- vent avoir des principes, dont la preuve ne depende point des exemples, ni par consequent du témoignage des sens; quoyque sans les sens on ne se seroit jamais avisé d’y penser. (Leibniz 1990, S. 50)

Der zeitliche Faktor der Erkenntnisgenerierung (das Nacheinander) tritt hier schon offen zutage. Die Analytik der KrV unterscheidet diese sinnli- chen Phänomene nach dem Kriterium ihrer Herkunft aus der Empfin- dung oder aus den Vermögen selbst. Die von uns gesuchte Konstanz von Erkenntnismerkmalen wird ausschließlich der Seite des Vermögens zuge- sprochen. Dieses Niveau erreichen wir unter Abstraktion von Erfahrungs- inhalten, wobei eben hier kein gewöhnliches Abstrahieren von Merkma- len, kein Gleichmachen o. ä. angedeutet ist, sondern das sukzessive „Abziehen“ aller empirischen Bestandteile – vergleichen wir diese Abs- traktion im weiteren also besser mit einer Subtraktion 15 oder gar einer

13 Vgl. Schmauke (2002, S. 14 ff.) und Konhardt (1979, S. 30 f.). Aber auch Schopen- hauer diagnostiziert dies bereits (1999, Bd. I, S. 660).

14 Wie etwa Höffe (2003, S. 282) annimmt.

Aufbau, Methode und Stil

27

Reduktion 16 . Die Trennung dieser Aspekte führt zu einer Differenzierung der Urteile auf der einen und des Vermögens der Analytik auf der anderen Seite. Selbst die reinsten Strukturen bedürfen noch verschiedener Grund- voraussetzungen, um überhaupt gedacht werden zu können. Die Methode setzt sich entsprechend aus analytischen und synthetischen Bestandteilen zusammen, 17 die die „transzendentale Gangart“ 18 bilden und die Erfah- rungserkenntnis auf diese Weise „ausloten“ können. 19 Ein markantes An- zeichen für dieses Bewußtsein bzw. dessen Präsenz ist die Bewegung des Denkens an einer (Denk-)Notwendigkeit entlang, die den schmalen Grat zwischen Erfahrungserkenntnis und metaphysischen Urteilen beschreibt. Transzendental-kritisch ist die Methode nach Kants eigenen Angaben: 20

Die erste Regel ist also diese: keine transscendentale Beweise zu versuchen, ohne zuvor überlegt und sich desfalls gerechtfertigt zu haben, woher man die Grund- sätze nehmen wolle, auf welche man sie zu errichten gedenkt, und mit welchem Rechte man von ihnen den guten Erfolg der Schlüsse erwarten könne. […] Die

16 Vom Gegenstand wird das Materiale weggelassen, bis die Form erscheint.

17 Vgl. dazu Boutroux (1926, S. 288) und zur Methode Körners Satzklassifizierung (1967, S. 12 f.).

18 Vielleicht ist selbst die transzendental-kritische Methode keine Neuheit auf dem philosophischen Markt, wenn man z. B. Platons („Theaitetos“) oder Plotins („Über die Unsterblichkeit der Seele“) Ausführungen in Betracht zieht. Allerdings bringt Kant seit mindestens 1500 Jahren den Gedankengang zum ersten Mal in seinem gan- zen Umfang (und deutlich) zur vollen Blüte.

19 Eine weitere differenzierte „Typologie transzendentaler Argumentation“ auf logisch- linguistische Weise („sprachkritischer Transformationsversuche“) kann bei Schönrich (1981, S. 182-249 u. S. 313) eingesehen werden. Die „transzendentale Gangart“ ist das durchgängige methodische Kriterium der Kritiken, das Flach (2003) wieder zu rekon- struieren versucht. Obwohl er aber wichtige und neue Anstöße zur Sichtung des Auf- baus eines Gesamtsystems der Kritiken zusammenträgt, stößt er nicht bis zur trans- zendental-kritischen Betrachtungsebene des Textes vor. Selbst wenn Kant das transzendentale Apriori nicht „durchgehalten“ hätte (Leider 1977, S. 111), könnte dies keine akzeptable Entschuldigung für die Inkonsequenz der Epigonen bieten.

20 Die Methode der KrV ist auch innerhalb des Kantischen Werks kein vollständig neuer Ansatz. Bereits in II 285 f. schreibt Kant nämlich: „Die erste und vornehmste Regel ist diese: daß man ja nicht von Erklärungen anfange, es müßte denn etwa blos die Worterklärung gesucht werden. […] Vielmehr suche man in seinem Gegenstande zu- erst dasjenige mit Sorgfalt auf, dessen man von ihm unmittelbar gewiß ist, auch ehe man die Definition davon hat. […] Die zweite Regel ist: daß man die unmittelbare Urtheile von dem Gegenstande in Ansehung desjenigen, was man zuerst in ihm mit Gewißheit antrifft, besonders auszeichnet und, nachdem man gewiß ist, daß das eine in dem andern nicht enthalten sei, sie so wie die Axiomen der Geometrie als die Grundlage zu allen Folgerungen voranschickt. Hieraus folgt, daß man in den Betrach- tungen der Metaphysik jederzeit dasjenige besonders auszeichne, was man gewiß weiß, wenn es auch wenig wäre, obgleich man auch Versuche von ungewissen Erkenntnis- sen machen kann, um zu sehen, ob sie nicht auf die Spur der gewissen Erkenntniß führen dürften, so doch, daß man sie nicht mit den ersteren vermengt.“

28

Die Kritik der reinen Vernunft

zweite Eigenthümlichkeit transscendentaler Beweise ist diese: daß zu jedem transscendentalen Satze nur ein einziger Beweis gefunden werden könne. […] Nun geht aber ein jeder transscendentale Satz bloß von Einem Begriffe aus und sagt die synthetische Bedingung der Möglichkeit des Gegenstandes nach diesem Begriffe. Der Beweisgrund kann also nur ein einziger sein, weil außer diesem Be- griffe nichts weiter ist, wodurch der Gegenstand bestimmt werden könnte, der Beweis also nichts weiter als die Bestimmung eines Gegenstandes überhaupt nach diesem Begriffe, der auch nur ein einziger ist, enthalten kann. (B 814 ff.)

Die Grundlage der Erkenntnisurteile wird nach der oben beschriebenen Vorgehensweise auf Erkenntnisse über die Erkenntnisfähigkeit zurückge- hen. Diese dürften keine materialen Ergebnisse aufweisen, die dem steten Wechsel der Erfahrungsinhalte unterworfen sind, sondern müssen sich auf formale Erkenntnisurteile beschränken. Erkenntnis jeder Art kann nach Kant nur aus dem Zusammenspiel von Sinnlichkeit (material oder formal) und dem Verstand (Verstand, Vernunft und Urteilskraft) hervor- gehen. Die Sinnlichkeit bringt selbst keine Urteile zustande, der Verstand produziert jedoch entweder solche, die analytisch aus seinen Begriffen gebildet werden, oder solche, die synthetisch aus der Verbindung beider Vermögen resultieren. Die methodisch relevanten Kombinationen sind daher formale (reine) synthetische Urteile a priori („unabhängig“ von den Erfahrungsinhalten, s. o.), analytische Urteile (diese sind immer apriorisch) und synthetische Urteile a posteriori (vgl. Anhang I). 21

Es ist dabei offenkundig nicht die Methode der Zergliederung faktischer Er- kenntnis nach Art der englischen Assoziationspsychologen geübt und nicht die anthropologische Zergliederung des Erkenntnissubjekts in der Weise der engli- schen Moralphilosophen praktiziert, vielmehr besteht das Verfahren in der Ana- lyse der logischen Voraussetzungen von Erfahrung und Gegenständen der Erfah- rung zugleich. (Funke 1979, S. 16) 22

2.1.1.3 Stil

Die Manifestation dieses vielversprechenden Weges erweist sich offen- sichtlich aufgrund der strukturellen Komplexität als Herausforderung, denn immerhin hat Kant eine Darstellung wählen müssen, die der Forma- lität der Aufgabe entspricht. Der hierzu angewandte Stil wird von den

21 Wir müssen uns hier vor dem logischen Fehlschluß hüten, den Tetens (2006, S. 36) hinsichtich des Zusammenhangs von „Notwendigkeit und Urteile[n] apriori“ began- gen hat: Wenn Kant auch allen notwendigen Urteilen Apriorität zuspricht, so heißt das nicht, daß auch alle apriorischen Urteile deshalb „notwendigerweise wahr“ sein müssen.

Aufbau, Methode und Stil

29

verschiedenen Rezipienten jeweils mit bestimmten Interpretationsmustern verbunden. Was für Heine nur einen „Packpapierstil“ (1998, S.69 f.) dar- stellt, entlockt Schopenhauer immerhin die Würdigung einer „brillant trocken[en]“ Schreibweise (1999, Bd. V, S. 89); für manche scheint der Stil der Materie angemessen zu sein, für Schelling gar weltmännisch gestaltet:

„Eine Tendenz zu französischer Eleganz und dem gesellschaftlich Geist- reichen dieser Nation erkennt man schon an seinen frühesten Produkten.“ (Schelling 1804, Bd. 3, S. 16) Für Gadamer (1960, S. 7) ist das Befremden des Stils in späteren Zeiten verständlich, muß Kant doch „mit seiner ge- drechselten und umständlichen Gewissenhaftigkeit […] wie ein fremdes Kostüm in Reifrock und Perücke“ gelten. Mit positivem Unterton formu- liert Jaspers (1957, S. 226) 23 den Grund des „Schwindels“, der den Leser erfassen könne und der aus der „Übersetzung der einzelnen Ausdrucks- weisen ineinander“ resultiere. Obwohl Kant insbesondere seine definitori- sche Redlichkeit zugute gehalten werden kann, wird er von einigen Auto- ren gerade in diesem Feld der „carelessness“ 24 bezichtigt. Kant selbst schickt der KrV folgendes vorweg:

Bei dem großen Reichthum unserer Sprachen findet sich doch oft der denkende Kopf wegen des Ausdrucks verlegen, der seinem Begriffe genau anpaßt, und in dessen Ermangelung er weder andern, noch sogar sich selbst recht verständlich werden kann. Neue Wörter zu schmieden, ist eine Anmaßung zum Gesetzgeben in Sprachen, die selten gelingt, und ehe man zu diesem verzweifelten Mittel schreitet, ist es rathsam, sich in einer todten und gelehrten Sprache umzusehen, ob sich daselbst nicht dieser Begriff sammt seinem angemessenen Ausdrucke vorfinde; und wenn der alte Gebrauch desselben durch Unbehutsamkeit seiner Urheber auch etwas schwankend geworden wäre, so ist es doch besser, die Be- deutung, die ihm vorzüglich eigen war, zu befestigen (sollte es auch zweifelhaft bleiben, ob man damals genau eben dieselbe im Sinne gehabt habe), als sein Ge- schäfte nur dadurch zu verderben, daß man sich unverständlich machte. (B 368 f.)

Das Verständnis von der Bedeutung eines Wortes als dem konventionel- len Gebrauch desselben ist spätestens seit Berkeleys „Treatise“ ein Ge- meinplatz der neuzeitlichen Philosophie. 25 Valentiner hält trotzdem daran fest, daß das Verständnis des Textes erarbeitet werden kann:

23 Vgl. Jaspers zu Widersprüchen, Tautologien und Zirkeln (1957, S. 226 ff.) – „logische Unstimmigkeit des Ausdrucks, die aber ihren guten und notwendigen Sinn hat“ (ebd.) –, zur Zurückweisung von Schlegels stereotypischer Kritik bzgl. des „unsystemati- schen“ Denkens Kants (ebd., S. 367) und der Behandlung Schellings, der „Kants Denkungsart von Anfang an faktisch verleugnet hatte“ (ebd., S. 391).

24 Vgl. Kemp Smith (1992).

30

Die Kritik der reinen Vernunft

Der Zugang zu Kant ist äußerst schwierig. Man mag Seite um Seite eines kriti- schen Werkes lesen und wieder lesen, und wird doch schließlich fragen: Was be- deutet das alles? Was will Kant eigentlich sagen? Nicht bloß die Sprache, die in ihrer Ursprünglichkeit und Begriffsschärfe so ganz anders ist als die gewohnte, erschwert das Verständnis, sondern besonders die dem alltäglichen Denken so fernliegende Originalität und Kraft seines Denkens. Die Schwierigkeit verringert sich nur wenig, wenn man sich wie in ein fremdsprachiges Buch durch Überset- zen, Zergliedern der Sätze und ähnliches hineinzulesen versucht. Sie vermindert sich dagegen sofort, wenn man sich mit den Voraussetzungen bekanntgemacht hat, von denen Kant ausgeht. (Valentiner 1949, S. 6) 26

Die Terminologie Kants lebt von subtilen Definitionen, die in den meis- ten Fällen beim ersten Auftreten eines Wortes vollzogen werden, was aber nicht jedem Rezipienten als Erleichterung erscheint. „Auch daß Kant in seiner Gewissenhaftigkeit so zahlreiche Ausdrücke prägt, die im Grunde dasselbe nur unter wenig verschiedenen Gesichtspunkten bezeichnen, erschwert das Verständnis.“ (Messer 1923, S. 93) Kann denn Kants filig- raner Facettenreichtum so einfach in einen stilistischen „Barbarismus“ umgedeutet werden? 27 Die transzendental-kritische Ausrichtung der Struk- turmomente ist für die Nuancierungen entscheidend: Empirische Anteile und psychologische Aspekte würden, wären sie wirklich der tragende Teil der Methode, die Idee der KrV zerstören. Exemplarisch kann dafür die Verwendung des „Apriori“ herangezogen werden: Kein Autor vor Kant hat die Begrifflichkeiten „a priori“ und „a posteriori“ derart gebraucht. Das Wechselspiel der Beschreibungen „unbedingt von“, „frei von“ und „vor der Erfahrung“ prägte diesen Bezeichnung, bis Kant ihn für seine Philosophie nutzbar macht: Selbst das „unabhängig von der Erfahrung“ kann in seiner Betrachtung ja nur unter der Bedingung von der ersten gedachten Erfahrung, die als „Erweckung“ beschrieben wird, angenom-

nenden Bedenken der Sekundärliteratur sei dafür plakativ auf beliebige Schriften des gutmütigen Kant-Fanatikers Goldschmidt verwiesen.

26 Gänzlich ungeachtet einer solchen Trennung, krittelte Hegel: „Die Idee, die darin liegt, ist groß; aber die Ausführung selbst bleibt innerhalb ganz gemeiner, roher, empi- rischer Ansichten und kann auf nichts weniger Anspruch machen als auf Wissen- schaftlichkeit. Und andererseits erhält dies wieder einen ganz gemeinen Sinn. Es ist Mangel an philosophischer Abstraktion in der Darstellung, in gemeinster Weise ge- sprochen. Von der barbarischen Terminologie nicht zu sprechen, bleibt Kant inner- halb der psychologischen Ansicht und empirischen Manier eingeschlossen.“ (Hegel 1986, Bd. 20, S. 337)

27 Über die Verwendung einzelner syntaktischer Merkmale kann ebenfalls verschieden geurteilt werden: „Daß Kant sich in den Bedeutungszusammenhängen von Prono- mina verfängt und daß seine Theorie dabei in von ihm selbst nicht durchschaute, obwohl gespürte Schwankungen gerät, darf man ihm nicht zu sehr vorhalten. Im- merhin war die Perspektive von Analysen, die Begründungen aus Formaspekten des Selbstbewußtseins gewinnen könnten, ganz und gar seine philosophische Ent- deckung.“ (Henrich, D. in einer Diskussion, in: Tuschling 1984, S. 52)

Aufbau, Methode und Stil

31

men werden. Somit entfaltet sich die Begrifflichkeit bei Kant in spezifisch transzendental-kritischer Manier, die wir im Text aufgreifen werden. Daß Kants Stil in Anbetracht dieses formalen Vorhabens der KrV durchaus kein „Packpapierstil“ ist, haben darüber hinaus auch neue Bewertungen, wie z. B. Höffes Zusammenstellung der verwendeten Metaphern, gezeigt. Zusätzlich präsentiert sich Kant durch die unnachahmliche Plazierung von „Veranschaulichungen“ regelrecht als Ironiker, 28 der durchaus bissige Häme in bestimmte Lager der philosophischen Forschung zu verteilen imstande ist. Das kritische Werk als das Werk eines tragischen Dichters mit vielen bildlichen Ausdrücken zu bezeichnen, soweit geht zwar wahr- scheinlich nur Hochdorf (1924, S. 122 ff.), aber es finden sich doch einige einleuchtende, analogische und allegorische Beispiele in den Kritiken wie die des Chemikers oder des dogmatischen Schlummers. 29 Das heißt aber noch nicht, daß Kants Größe gerade in seinen Selbstwidersprüchen oder seinen Inkonsequenzen gekennzeichnet würde, wie Ewing (1967, S. 7) dies mit zurückhaltenden Verweisen auf Kemp Smith und Ward andeutet. Vielmehr erscheint die Gesamtwürdigung Schopenhauers für Kants An- sehen wesentlich zutreffender, wenn er bemerkt: „Denn Kants Lehre bringt in jedem Kopf, der sie gefaßt hat, eine fundamentale Veränderung hervor, die so groß ist, daß sie für eine geistige Wiedergeburt gelten kann.“ (1999, Bd. I, S. 21) Die Grundlage für diese Einschätzung ist sicherlich Kants Bemühen um Klarheit und Verständlichkeit, das allerdings unter- schiedlich bewertet wird:

Kant hat das Schicksal vieler philosophischer Autoren geteilt, die versucht haben, ihre eigenen Theorien durch Veränderungen ihrer Darstellung für ande- re klarer und verständlicher zu machen: auch er hat damit Schiffbruch er- litten. Dies hinderte ihn jedoch nicht daran - und das unterscheidet ihn von den meisten anderen philosophischen Autoren -, es immer wieder zu versu- chen, auf vielerlei verschiedene Weise seine Theorie unter Darstellungsge- sichtspunkten zu ändern. Ein Beispiel für dieses sein [sic!] Mißgeschick und für die Standhaftigkeit seines Bemühens sind die verschiedenen Versuche, dem Publikum die Lehrinhalte der „Kritik der reinen Vernunft“ näherzubringen. (Horstmann 1984, S. 15)

Haben wir aber wirklich nicht ausreichend Finger an den Händen, um den Verästelungen der Kantischen Sätze in der Untersuchung zu folgen (vgl. Geier 2003, S. 192)? Was prägt den „cant-style“ (ebd., S. 208) im besonde- ren, wenn nicht die prägnante Methode selbst, die sich über alle drei Kriti- ken gleichermaßen erstreckt?

28 Vgl. Asmus (1960, S. 43) und Gulyga (1981, S. 122, S. 234 u. S. 296).

32

Die Kritik der reinen Vernunft

Mit Konhardt (1979) kann behauptet werden, daß die KrV den Plan der praktischen Philosophie schon vollständig beinhalte. Die KrV-

Gliederung weist in B 169 ff. schon auf die Entfaltung der Urteilskraft hin. Die Auseinandersetzung mit

1. dem Aufbau,

2. der Methode und

3. dem Stil der Kritik(en)

entscheidet somit in vielen Fällen die Einordnung der Kantischen Lehre in der Sekundärliteratur:

Der Aufbau der „Kritik der reinen Vernunft“ entspricht der Aufeinanderfolge der drei kritischen Grundfragen:

1. wie ist die Mathematik möglich,

2. wie ist die Naturwissenschaft möglich, und

3. wie ist die Philosophie oder die Metaphysik möglich?

Auf die erste Frage antwortet die transzendentale Ästhetik. Die Mathematik ist als Wissenschaft möglich, welche synthetische Urteile a priori besitzt, weil sie sich auf die apriorischen Formen der Sinnlichkeit oder auf die apriori- schen anschaulichen Vorstellungen oder „Kontemplation“ des Raumes und der Zeit stützt. Die Voraussetzung für die Möglichkeit der Geometrie ist die apriori- sche sinnliche Anschauung des Raumes, für die Arithmetik dagegen die apriori- sche sinnliche Anschauung der Zeit. Diese Lehre ist reinster Idealismus. (Asmus 1960, S. 43)

Die strukturellen Merkmale verweisen auf werkimmanente Motive der theoretischen Philosophie selbst, die Adickes (1992, S. 162 f.) unter die vier Schlagworte bringt:

1. rationalistisch,

2. aprioristisch (teilweise physiologisch, teilweise psychologisch interpre- tiert),

3. idealistisch (phänomenalistisch-subjektivistisch) und

4. empiristisch-positivistisch.

Diese Aspekte werden im folgenden in einem dynamischen Zusammen- hang dargestellt.

Die Paraphrasierung der KrV

33

2.1.2 Die Paraphrasierung der KrV

die Tochter,

Die ich überall suchte auf Erden! Das Leid war mir leichter,

„Wehe, ich Armer!“ so schrie er noch einmal;

„so bist

du

Wie man dich suchte, als da man dich findet [

].“

(Ovid, Metamorphosen 1, 653)

Inmitten der vielfältigen Auslegungen der KrV stehen zwei zentrale Lesar- ten der Aprioritäten: Zum einen kann die jeweilige apriorische Struktur als das Vermögen angenommen werden, das jeder materialen Anschauung vom menschlichen Denken beigelegt wird – ohne hier jedoch ein „Ange- borensein“ (physisches Apriori) zu veranschlagen.

In einer ersten Bedeutung verweist Vermögen auf verschiedene Beziehungen ei- ner Vorstellung überhaupt. Aber in zweiter Bedeutung bezeichnet Vermögen ei- nen spezifischen Ursprung der Vorstellung. Man wird also so viele Vermögen un- terscheiden, wie es Arten von Vorstellungen gibt. (Deleuze 1990, S. 30)

Zum anderen kann aber auch das in der Selbsterkenntnis Angeschaute je als ein Modus des notwendigen Anschauungsbestandteils gedacht werden. Diese Sichtweise hebt besonders eindrucksvoll den Umstand hervor, daß Raum und Zeit dem Menschen nie selbst als reine Anschauungen an sich vorliegen, sondern stets denkend, in Verbindung des Verstandes mit dem Vermögen der Anschauungen, erkannt werden. Diese beiden Lesarten laufen auf dasselbe Ergebnis hinaus, jedoch eröffnet die letztere eine Be- trachtungsnuance, die uns im folgenden die Tiefe der Kantischen Überle- gung noch eingehender verfolgen läßt als dies bisher in der Fachliteratur geschehen ist. Dieser Standpunkt wird in der folgenden Paraphrasierung die Kern- gedanken der Kritiken in einem neuen Gesamtverständnis entfalten. Nicht gegen die Gelehrsamkeit der großen Kant-Interpreten, doch gegen den Anflug von Schriftgelehrtentum soll sich diese Gesamtinterpretation in letzter Hinsicht richten: Die Auswahl einzelner Aspekte aus den Kritiken zieht unweigerlich Mißverständnisse in deren Auslegung nach sich. 30

Auch scheinbare Widersprüche lassen sich, wenn man einzelne Stellen, aus ihrem Zusammenhange gerissen, gegeneinander vergleicht, in jeder vornehmlich als freie Rede fortgehenden Schrift ausklauben, die in den Augen dessen, der sich auf fremde Beurtheilung verläßt, ein nachtheiliges Licht auf diese werfen, demjenigen

aber, der sich der Idee im Ganzen bemächtigt hat, sehr leicht aufzulösen sind. (B

XLIV)

Die KrV erschüttert das gewöhnliche Weltbild – wer das nicht am eigenen Bewußtseinszustand gefühlt, sondern lediglich über die „Wende“ gelesen hat, der wird auf der Textebene verharren und leere Argumentationen

34

Die Kritik der reinen Vernunft

entwerfen, um die KrV zu kategorisieren oder um sie in eine Philosophie- geschichte einzureihen, denn dort befindet sich eben das Ressort der Schriftgelehrten. Gegenstand der KrV ist aber nicht ausschließlich der vorliegende Text, sondern mit besonderer Gewichtung der selbständige Vollzug der Kritik. 31 Wenn der Leser die KrV aufschlägt, muß er zunächst eine Eingangs-

prämisse passieren: Bin ich ein vernünftiges Wesen – bin ich

Denke ich mich zumindest als ein solcher? Es gilt ab hier für alle Leser, die dies zugestehen: Die denkende Vernunft durch Vernunft zu widerle- gen, ist uns nun unmöglich. Allerdings gehen wir mit Kant als Aufklärer durchaus daran, selbst diese unhintergehbare Vernunft noch zu prüfen:

Was darf sie rechtmäßig behaupten und was nicht? Woher erlangt sie die Grundlage dessen, auf das sie schließt (Elementarlehre)? Warum schließt die Vernunft manchmal auf „mehr“ als sie eigentlich dürfte, so z. B. wenn wir uns in Diallelen wiederfinden? Steckt selbst darin noch ein Sinn (Dia- lektik)? Wie können wir letzthin die Vernunft prüfen, wenn sie selbst das Prüfungsorgan ist? Wir schalten dazu das Veränderliche aus den Vorstel- lungen aus und achten sehr bewußt darauf, was im Schließen durch uns selbst auf uns selbst vor sich geht. 32 „Das System der Vernunft, das Kant in den Kritiken gibt, stellt die Gesetze des menschlichen Geistes dar, die von Beginn der Welt für alle Zeiten unter vernünftigen Wesen gelten.“ (Valentiner 1949, S. 103)

Mensch?

2.1.2.1 Die Vorreden

Die Lektüre der KrV versetzt uns auf den Höhepunkt aufklärerischen Denkens. Letztlich wendet sich das Organ der Autoritätsprüfung auf sich selbst zurück, und dieses kritische Vorgehen der Vernunft bestimmt zu- gleich strukturell den Aufbau des Werks: Die sukzessive Untersuchung der reinen Vernunft – durch die reine Vernunft – beginnt bei der Betrach- tung der sinnlichen Erfahrungsgründe und endet bei der Bewertung der spekulativen Kompetenzen des Denkens. Im Zuge einer „Rückbeugung“ der Vernunft können wir von einem transzendentalen Standpunkt aus ihre Fähigkeiten und Arbeitsweisen bedenken. Es wäre ein sinnloses und durchaus metaphysisches Unterfangen, einen vollständigen Überblick über alle beliebigen Anwendungsfälle der Vernunft verzeichnen zu wollen.

31 Auch Schmidt (1975, S. 281) betrachtet die Kritiken als Gedankenexperiment.

32 Die Einführung der wichtigsten Begriffe wird im Text an konkreten Gedanken vor- genommen. Für den Leser, der sich zugleich am originalen Text entlangbewegen möchte, sind Markierungen in Form von Überschriften, Zitaten oder Stellenangaben gesetzt, so wie Kant sie in der KrV als Gerüst angelegt hat.

Die Paraphrasierung der KrV

35

Vielmehr setzt die KrV auf eine Ergründung der fundamentalen Kompe- tenzen der einzelnen Vermögen des Menschen, wie wir sie als solche all- gemeingültig und notwendig denken müssen. Wenn wir dabei das grund- legende Prinzip der Vernunft aufsuchen können, ergibt sich implizit auch die Grenzsetzung ihrer Geltungsmöglichkeiten, in denen sie zu gehaltvol- len Antworten in der Lage ist. Der dramatisierende Ausblick, diese Unter- suchung löse alle Fragen der Vernunft, provoziert den Leser unweigerlich; Kant deutet aber schon in der Vorrede darauf hin, daß sein Anspruch nur erfüllt werden kann, wenn das Prinzip der Vernunft und somit ihr Inven- tar zuvor mit Gewißheit, Vollständigkeit und Deutlichkeit aufgefunden wird. 33 Die KrV darf diese geschickte definitorische Maßgabe weder dogma- tistisch noch skeptizistisch angehen. Woher sie dann aber ihre Garantien nimmt, verrät Kant ebenfalls bereits in der Vorrede: Voraussetzung für Schreiber und Leser gleichermaßen ist die Selbsteinschätzung, Mensch und somit ein vernunftbegabtes Wesen zu sein. Die KrV vollzieht eine Selbstbetrachtung auf der Suche nach denjenigen Prinzipien, die für alle, die sich als vernunftbegabtes Wesen verstehen, gleichermaßen mit Not- wendigkeit gelten müssen. Da die Inhalte konkreter menschlicher Er- kenntnisse aufgrund der verschiedenen Lebensumstände und Perspekti- ven auch unterschiedlich sein müssen, sucht Kant nach einer apodiktischen Gewißheit, die unabhängig von der materialen Erfahrung besteht. 34 Wie weit reicht also die Erkenntnismöglichkeit des Verstandes bzw. der Vernunft, wenn sie keine Erfahrungserkenntnis produzieren soll, und wie stehen die Bestandteile des Erkenntnisvermögens gegenseitig in Relation? Woher stammt die Relation? 35 Mit solchen Fragen erweist sich selbstverständlich, daß das Vorhandensein der Vernunft vorausgesetzt ist. So stellt sich der „Handel“ Kants mit dem Leser als Mahnung im Stile Dantes dar: „Leser, wenn du hier eintrittst, laß alle Nicht-Vernunft fah- ren!“ Schon hier zeichnet sich eine besondere Brisanz in der Geltungsfra- ge der reinen Verstandesbegriffe ab, mit denen die Vernunft arbeitet. Zur überaus starken Gewichtung der Kategorien und dem „Ich denke“ in der Forschung birgt die Vorrede ein Zitat, das uns vorsichtiger auf diesen vermeintlichen Höhepunkt zugehen läßt:

33 Vgl. Deleuzes Ausführungen (1990, S. 126 u. S. 149) zu Vernunft und Idee.

34 Kant unterscheidet hier die Verwendung der Bezeichnungen „a priori“ und „a poste- riori“ von denen der „alten“ Metaphysik, wie er es bereits in „Träume eines Geister- sehers“ (II 359) andeutet.

36

Die Kritik der reinen Vernunft

Ich kenne keine Untersuchungen, die zur Ergründung des Vermögens, welches wir Verstand nennen, und zugleich zu Bestimmung der Regeln und Gränzen sei- nes Gebrauchs wichtiger wären, als die, welche ich in dem zweiten Hauptstücke der transscendentalen Analytik unter dem Titel der Deduction der reinen Vers- tandesbegriffe angestellt habe; auch haben sie mir die meiste, aber, wie ich hoffe, nicht unvergoltene Mühe gekostet. Diese Betrachtung, die etwas tief angelegt ist, hat aber zwei Seiten. Die eine bezieht sich auf die Gegenstände des reinen Vers- tandes und soll die objective Gültigkeit seiner Begriffe a priori darthun und be- greiflich machen; eben darum ist sie auch wesentlich zu meinen Zwecken gehö- rig. Die andere geht darauf aus, den reinen Verstand selbst nach seiner Möglichkeit und den Erkenntnißkräften, auf denen er selbst beruht, mithin ihn in subjectiver Beziehung zu betrachten; und obgleich diese Erörterung in Ansehung meines Hauptzwecks von großer Wichtigkeit ist, so gehört sie doch nicht wesent- lich zu demselben, weil die Hauptfrage immer bleibt: was und wie viel kann Verstand und Vernunft, frei von aller Erfahrung, erkennen? und nicht: wie ist das Vermögen zu denken selbst möglich? (A XVI f.)

Betrachten wir die Schlüsse und Urteile, die die Vernunft hervorbringen kann, dann ergibt sich, sehr pragmatisch, deren Wert zunächst aus ihrem „Erfolg“, der z. B. in bereits bestehenden Wissenschaften (als Anhalts- punkt) abgelesen werden kann: Ergehen sie sich in Widersprüchen, dann liefern sie auch keinen Fortschritt und somit keine Erkenntnis im wissen- schaftlichen Sinne. Durch diese Betrachtung wird der ebenfalls wirkliche menschliche Kulturbereich der „Metaphysik“ anhand der Prototypen menschlichen Wissens – Logik, Mathematik und Physik – abgeglichen, die seit alters her den „sicheren Gang“ einer Wissenschaft gehen. Die Logik hatte anscheinend nie Probleme mit störenden Widersprüchen. Da sie sich aber ausschließlich mit der Form des Denkens beschäftigt, kann sie ande- rerseits auch keinen Fortschritt evozieren. Selbst wenn die Zeitgenossen Kants psychologische, metaphysische oder anthropologische Erweiterun- gen der Logik anstrebten, ist und bleibt das „Wie wir denken können“ einheitlich – lediglich die Beschreibungen variieren. Im Rahmen der übri- gen Wissenschaften richtet sich die Vernunft nicht nur auf das Denken selbst, sondern zusätzlich auch auf Objekte, die als Inhalte des Denkens auftreten. Werden diese Gegenstände und deren Begriffe bestimmt, dann bewegen wir uns im theoretischen Bereich der Vernunftarbeit, werden sie hingegen „verwirklicht“, 36 dann im sogenannten „praktischen“ Bereich. Theorie wie Praxis haben je einen reinen und einen materialen Untersu- chungszweig, wovon allerdings nur der reine ihre allgemeingültigen Quel- len aufzeigen kann. Eine Beimischung aus den Empfindungen der inneren und äußeren Sinne – das Material – kann schließlich in der Erfahrung von

36 Hier soll mit „verwirklicht“ zunächst nichts anderes angedeutet werden, als daß sie in eine Willensbestimmung übergehen, die ein tatkräftiges Hervorbringen ermöglichen könnte.

Die Paraphrasierung der KrV

37

Mensch zu Mensch differieren. Nur im reinen Bereich können deshalb die Verirrungen menschlicher Erkenntnisansprüche grundlegend ausgeräumt werden. Die reinen Untersuchungen der Vernunft in bezug auf „mögli- che“ Objekte heißen (theoretische) Mathematik und theoretische Physik. Auch diese beiden begannen vermutlich als ein „Herumtappen“, bis intra- disziplinäre Revolutionen ihnen zu einem wissenschaftlichen Auftreten verhalfen. In Analogie zu Thales und Kopernikus, bzw. im Nachahmen von deren Methoden, soll in der KrV durchexerziert werden, ob eine sol- che Revolution nicht auch in der Metaphysik verwirklicht werden könnte. Immerhin befindet sich diese zu Kants Zeiten offensichtlich in einem Stadium des blinden Experimentierens. Die erstrebte „Revolution der Denkungsart“ in der Metaphysik wird von Buchenau (1914, S. 87) später sehr prägnant umschrieben: Das Subjekt soll das eigentliche Objektive sein und das Objekt das Subjektive. An Kants Wortlaut angelehnt heißt das: Wir versuchen zu durchdenken, ob es nicht auch in der Metaphysik möglich ist, daß die Gegenstände unserer Urteile sich nach unseren Er- kenntnisvermögen richten, anstatt (wie bisher) davon auszugehen, daß die verifizierbaren Bestandteile unserer Erkenntnis in den Gegenständen selbst liegen. Wie weit wird die Vernunft uns in diesem Gedankenexperi- ment Wissenschaftlichkeit garantieren können? Gewißheit birgt sie doch nur, insofern sie tatsächlich bis auf diejenigen ihrer Strukturen vorstoßen kann, die notwendig als apriorische anerkannt werden. Wir wissen in die- sem Moment, was faktisch schon von der Vernunft geleistet wird (quid facti) – und daß sie das leisten kann, was sie gerade leistet, wird wohl nie- mand bestreiten wollen. Unsere Aufgabe im Vollzug der KrV wird die Beantwortung der Frage sein, wie sich die oben erhobenen Ansprüche und Bewertungen rechtfertigen lassen (quid iuris). 37 Abzusehen ist da- durch, was die KrV sein wird: Sie darf keine Metaphysik sein (denn diese soll geprüft werden); vielmehr eröffnet sie ein denkendes Prüfen des Vermögens, das Metaphysik betreibt. Wir haben in dieser Untersuchung einen „negativen“ Fortschritt zu erwarten, nämlich eine Grenzziehung im Bereich der Vernunftarbeit, die – auch wenn sie vorgibt, eine Wissen- schaft zu sein – eben nur auf den ersten Blick die Erfordernisse der Wis- senschaftlichkeit erfüllt. Die KrV ist somit ausdrücklich ein „Tractat der Methode“ (B XXII), kein „System der Wissenschaft selbst“ (ebd.), denn sie zeigt vollständig, was zu tun ist, um diese Grenzziehung zu bewerkstel- ligen. Damit liefert sie eine Erkenntnis, die selbst kein Teil der ein- oder ausgegrenzten Bereiche ist, sondern eben diese Grenzsetzung selbst: eine transzendental-kritische Erkenntnis.

38

Die Kritik der reinen Vernunft

Für das, was aus dem Bereich des Wissens ausgegrenzt wird, schafft Kant ein „Reservat“, bei dem es sich um das Gebiet des Glaubens han- delt, der auf heimatlichem Boden auch weiterhin uneingeschränkt walten darf. Seine Gegner erkennt Kant folglich nicht in Individuen und deren persönlichen Ansichten, sondern in den Orthodoxien einzelner Glaubens- richtungen (Schulen), die nun auf „sokratische Art“ bezüglich ihrer ver- nunftgegründeten Autorität geprüft werden sollen. Ohne skeptizistisch vorgehen zu wollen, soll doch der „Dogmatism“ der Unwissenheit über- führt werden. Die KrV erhebt in dieser Aufgabe nicht den Anspruch, populärphilosophisch sein zu können, muß dies aufgrund ihrer Methode und ihrer Absichten aber auch gar nicht sein.

2.1.2.2 Die Einleitung

I should here observe to the Reader, that a Decree of the general Assembly in this Country, is expressed by the Word Hnhloayn, which signifies an Exhortation; as near as I can render it: For they have no Conception how a rational Creature can be compelled, but only advised, or exhortet; because no Person can disobey Rea- son, without giving up his Claim to be a rational Creature. (Swift 1998, S. 287)

Wenn wir nun mit Kant versuchen, die Art der menschlichen Erkenntnis zu erkennen, dann sind wir zugleich auf die Erkennenswerkzeuge ange- wiesen; wir können sie im folgenden aber nirgends beschreiben, ohne sie auch selbst anzuwenden. Dieses Dilemma gibt uns jedoch einen Hinweis darauf, daß die „Werkzeuge“ auf irgendeine Weise tatsächlich existieren. Wie sie an sich existieren, bleibt völlig offen. So müssen wir uns in der Anwendung der Erkenntnisvermögen auf sich selbst den Anfang all ihrer Erkenntnis als eine Art „Erweckt-Werden“ 38 vorstellen und damit denken wir sie innerhalb der Zeit und unter der Kausalität. Ansonsten wäre das Ansetzen eines Denkbeginns für das Vermögen beliebig und sozusagen ein Selbst-Setzen, wodurch es sich den gerade genutzten Parametern als tatsächlichen Strukturen völlig entziehen müßte. Wir begegnen damit einem Beginn der Erkenntnisse, der ohne Zweifel eine Empfindung und deshalb „von außen“ angeregt sein muß, was aber nicht bedeutet, daß deshalb auch alle Erkenntnisse aus ebendieser Art der Erfahrung stammen müßten. Vielmehr finden wir leicht, daß die Eindrücke, die wir als „uns ereilend“ vorstellen müssen, sich unserer Ergründungsmöglichkeit entzie- hen, sobald wir sie „ohne uns“ vorzustellen versuchen – zugegebenerma- ßen ein Paradoxon in Berkeleyscher Tradition. Da wir immer erst nach dem Eindruck darauf schließen können, wie etwas uns erscheint, müssen

Die Paraphrasierung der KrV

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wir akzeptieren, daß immer schon Zugaben unseres Vermögens („Sie- erkennen-zu-Können“) erfolgt sind. Zurückhaltung ist in den Urteilen geboten, die sich über diese Grundbedingung hinwegzusetzen versuchen. Wir können nicht erkennen, ob die Dinge ohne die konstitutiven Elemen- te genauso wären wie in der Erscheinung 39 oder anders. Die beiden „Quellen“, aus denen die Erkenntnisse stammen können, sind bisher also: der Eindruck (der Empfindung) oder das Vermögen. Die Eindrücke müssen wir uns aber als unerschöpfliche, immer differente, aufeinanderfolgende Erfahrungen vorstellen – also zeitlich –, und zusätz- lich als von außen auf uns einfließend. Wenn wir nun dasjenige, was an den Erfahrungen stets gleich bleibt, aufsuchen, müssen wir es notwendig als vom konkreten Eindrucksgehalt unterschieden annehmen und – gleichsam als Ursprung – unser eigenes Vermögen hinzuziehen. Wieso suchen wir eigentlich danach? Weil wir doch Erkenntnisse auftun wollen, die nicht durch Erfahrungen widerlegt werden können. Gibt es demnach Erkenntnisse, die unabhängig 40 von den Empfin- dungen sind? Wir finden zwar Regelmäßigkeiten in den Erfahrungen, aber dabei könnte es sich auch um induzierte Abstraktionen handeln, und ein einziger außergewöhnlicher Fall könnte die jeweils gefaßte Regel aufhe- ben. Unsere Suche führt folglich zum Grundprinzip der Regelmäßigkeit selbst, und zwar in einer „schlechterdings“ (gänzlich) von aller Erfahrung unabhängig stattfindenden Erkenntnis: einer reinen Erkenntnis a priori. Was aber größere Allgemeinheit besitzt, als Erfahrung haben kann, kann nicht aus der Erfahrung stammen. 41 In der Erfahrung gibt es ein faktisches Erkennen, und wir müssen da- von ausgehen, Erkenntnisse zu haben: Tatsachen sind in bestimmter Wei- se wirklich, was aber nicht bedeutet, daß sie nicht anders sein könnten. Es handelt sich in der Erfahrung um ein nur assertorisches Auffinden von Tatsachen. Können diese aber zufällig sein? Induktion und vergleichende Allgemeinheiten als Erkenntnis a posteriori würden dies nicht ausschlie- ßen, wohl aber der Nachweis der Notwendigkeit einer Regel als schlech- terdings apriorischer Struktur. Diese zeigt sich nämlich in einer strengen unabgeleiteten Notwendigkeit 42 und einer strengen, ausnahmslosen All- gemeinheit der Urteile, die eigentlich immer zusammengehören. Beide

39 Vgl. hingegen Liebmann (1991, S. 25 ff.) zur Erscheinung.

40 Auch bei apriorischen Vorstellungen gilt nicht, daß sie im eigentlichen Sinne „unbe- dingt“ sein können, denn nach unserer Auslegung der „Erweckung“ muß zuerst im- mer eine Erfahrung gewesen sein. Die Unbedingtheit wird später beim Ideal und beim KI zu einer Erkenntnis führen – aber auch diese (synthetischen) Erkenntnisse apriori sind selbst „unabhängige“ Urteile und im strengen Sinne nicht „unbedingte“ Urteile.

41 Vgl. Schopenhauer (1999, Bd. I, S. 79) zum Begriff der Allgemeinheit.

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Die Kritik der reinen Vernunft

Aspekte müssen die gesuchten Produkte der Erkenntnisvermögen beglei- ten; die Allgemeinheit darf allerdings nicht mit der vergleichenden, indu- zierten Verallgemeinerung verwechselt werden. Die Metaphysik soll in ihrer dogmatischen Agitation einer Prüfung unterzogen werden, die beantwortet, inwieweit sie „Erkenntnisse“ produ- ziert. Metaphysische Urteile entstehen nach Kant, wenn sich die Vernunft auf Begriffe richtet, die kein Pendant in der Anschauung haben; sie sind deshalb analytisch – Erkenntnisse hingegen sind immer synthetische Ur- teile. Metaphysik entspringt Kants Ausführungen zufolge einer Naturanla- ge, auch wenn die gegenständliche Existenz metaphysischer Frageinhalte nicht bewiesen werden kann. Wie sie jedoch dann überhaupt zustande kommen, soll im weiteren ergründet werden, und die Trennung von analy- tischen und synthetischen Urteilen 43 weist dabei die Gaukelei der Ver- nunft in der Metaphysik auf. Die Trennung basiert implizit auf der Lehre der beiden Erkenntnis-„Stämme“: der Rezeptivität (Sinnlichkeit), durch die wir Eindrücke empfangen und die neben der Empfindung auch Raum und Zeit als Bedingung der sinnlichen Anschauungen umfaßt, und der Spontaneität (der „große“ Verstand), die Begriffe produziert und diese zusammengefaßt in ganzen Urteilen denkt. Hiermit ist nicht die sprachli- che Manifestation der Begriffe angesprochen, denn diese unterliegt in ihrer lautlichen Bildung und Sinnstiftung einem zeitlichen Nacheinander. Wenn das Denken zergliedernd an einzelne Begriffe herangeht, pro- duziert es analytische Sätze und gibt dem Begriff nichts an Erkenntnis hinzu. Wenn es aber behauptet, in diese Zergliederung Bestandteile zu integrieren, die im ursprünglichen Begriff nicht enthalten sind, dann er- weitert das Denken den Begriff in einer Weise, die es – wie bei analyti- schen Urteilen ohnehin üblich – für eine apriorische hält. Wir müssen also entscheiden, wie weit die Geltung dieser analytischen Urteile reicht und an welcher Stelle wir die synthetischen Urteile vorfin- den, die uns mehr Sicherheit versprechen. Diese verbindenden Urteile gehen ja aus einer Verknüpfung zwischen den Vermögen der Sinnlichkeit und des Verstandes hervor. Jedes Erfahrungsurteil entsteht also notwen- dig aus einem solchen synthetischen Akt, während für ein analytisches Urteil per definitionem eine synthetische Leistung nicht denkbar ist. Der Gedanke eines analytischen Urteils a posteriori birgt sogar einen Wider- spruch in sich: A posteriori bedeutet „abhängig“ von der Erfahrung, Er-

Die Paraphrasierung der KrV

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fahrung ist immer synthetisch, analytische Urteile sind aber keine syntheti- schen. 44 Verbinden wir allerdings reine Begriffe mit den Bedingungen der Er- scheinungen, nämlich mit den Ordnungsvorstellungen von Raum und Zeit, so geraten wir an eine mögliche Quelle synthetischer Urteile a priori. Dieses „a priori“ bedeutet seinem ursprünglichen Gebrauch entgegen nicht „vor der Erfahrung“, wie allerdings sowohl der Wortlaut als auch der häufige Gebrauch Kants mehrfach nahelegen, sondern lediglich „un- abhängig von der Erfahrung“ bzw. „nicht aus der Erfahrung“, denn eine erste Erfahrung war bekanntlich nötig, um die Erkenntnis ihrer Möglich- keit nach zu „erwecken“. 45 Kant nennt hier Beispiele, die bisher von Spe- zialisten kontrovers diskutiert wurden. In Kants „Exempel“: 5 + 7 = 12 (B 15) 46 soll nachgewiesen werden, daß die Mathematik synthetisch ist – d. h., daß sie nicht in der Logik aufgeht. 47 Jeder Mathematiker, der gegen Kant aufbegehrt, bestätigt zumindest die These, daß die Mathematik als Wissenschaft wirklich ist. Wenn er zusätzlich Kants Absicht adäquat aner- kennt, muß er dessen Ausführungen wohl beipflichten: Dem Begriff „Summe“ (egal in welchem mathematischen System oder mit welcher Aufgabe) liegt der Begriff „Ergebnis“ nicht analytisch bei 48 – die Summe in unserem Beispiel ist eben 5+7. 49 Man muß die Summe ausrechnen, um ihr Ergebnis zu erhalten. Damit gibt man der Summe etwas hinzu, was nicht in ihr angelegt ist. In „Summe“ ist zwar die Vereinigung zweier Zah- len gedacht, nicht aber das Ergebnis derselben. Ergo erhält man die Bestä- tigung: Selbst einfache mathematische Funktionen müssen schon synthe- tisch sein. Werden aber mehr als zwei Begriffe verbunden? Ja, denn die Voraussetzung z. B. des Addierens muß in einer zeitlichen Denkmöglich- keit liegen, die ein Nacheinander als Bedingung der Möglichkeit des Zäh- lens (als Grundfunktion aller (Be-)Rechnung) ist.

44 Cohen (1989, S. 14) verweist auf die „zwiefache Bedeutung“ des analytischen Urteils, ein Erläuterungsurteil und ein identisches zu sein.

45 Dieses kausale Bild erinnert uns erneut daran, daß wir ständig die Bedingungen der Möglichkeit reflektieren.

46 Vgl. Körner (1967, S. 14 f. u. S. 30 ff.) zur modernen Mathematik.

47 Vgl. Pagels (1992, S. 174): „Das [sic!] z. B. 2 + 2 = 4 sein soll, daß [sic!] folgt allein aus der Definition – und an diese Definition hat sich die Mathematik logisch-konsequent und somit prinzipiell zu halten!“

48 Vgl. Platon zu einer Untersuchung bzgl. „das Ganze“, „Gesamtheit“ und „die Teile“ in Theaitetos 204b-205a.

49 Guyer (2006, S. 60 ff.) stellt dieses Gedankenexperiment falsch dar. Sein Beispiel (ebd., S. 64) zeigt, daß er das „Wir denken dies so“ unterschlägt. In der KrV wird an späterer Stelle (IV 90f.) ausdrücklich darauf verwiesen, daß der Begriff der Synthesis den Begriff der Einheit noch nicht enthält; die Einheit wird also vom Verstand hinzu- gegeben.

42

Die Kritik der reinen Vernunft

Ein weiteres Beispiel Kants ist die Identität. In der Logik ist sie die I-

dentität der Identität der Identität – also begrifflich gefaßt. In der Mathe- matik aber benötigen wir eine Anschauung, 50 um diesen Vergleich vorzu- =

a. Prinzip der Identität dem Verstande zugehört, wird es in der Mathematik veranschaulicht. Solcherart Sätze finden sich in der reinen Mathematik und den reinen Prinzipien der Physik und liefern den Wert der Erfahrung als beständig Erfahrbares bzw. als Erfahrbares beständigen Inhalts. In der Physik können Sätze, die aus der Erfahrung abgeleitet sind, Hinweise auf die Erkenntnisstrukturen vermitteln. Wenn wir versuchen, von einem Gegenstand all das wegzudenken, was ihn material ausmacht, dann schei- tern wir erst an dem Punkt, an dem er als Gegenstand seine „Substanz“ (Gegenständlichkeit) nicht ablegen kann, ebensowenig wie das „Im-Raum- Sein“ (Ausdehnung). Denken wir einen Gegenstand, dann notwendig auch diese attributionalen Aspekte, die in Wirklichkeit nicht aus der ver- änderlichen Erfahrung stammen können, sondern Bedingungen der Mög- lichkeit derselben sind – oder vielmehr: von uns so gedacht werden müs- sen. Immerhin könnte die Welt („da draußen“) noch zufällig mit unseren Erscheinungen (von ihr) übereinstimmen, und wenn wir die Erscheinun- gen der Gegenstände betrachten, dann muß auch etwas in ihnen erschei- nen. Allerdings reicht eine solche Überlegung nicht aus, um eine Erkennt- nistheorie zu etablieren, denn Abstraktionen sind selbst noch unreflektiert und geben keine „schlechthinnige“, sondern nur komparative Allgemein- heit. Daß Metaphysik, ebenso wie Mathematik und Physik, wirklich ist, leuchtet ein. Welchen Erkenntnisstatus darf sie aber beanspruchen? Ist sie bereits zu Kants Zeiten eine Wissenschaft, oder ist sie ausschließlich als „Naturanlage“ des Menschen wirklich? Die KrV muß also prüfen, ob Metaphysik auch solch grundlegende Prinzipien vorweisen kann wie reine Mathematik und reine Physik. Leistet Metaphysik nicht nur ein begriffli- ches Zergliedern und Erweitern, sondern auch die Erweiterung unserer Erkenntnis? Schon hier ist das Risiko groß, mit der KrV möglicherweise nur einen „negativen Erfolg“ (s. o.) zu verzeichnen, wenn sie nämlich lediglich die Vernunfterkenntnis eingrenzt. Kants Neuerung im Vergleich zu seinen Vorgängern ist die Differenzierung zwischen den analytischen und synthetischen Urteilsformen. Er setzt als Hauptfrage seiner Untersu- chung deshalb provokativ (B 22): Wie ist Metaphysik als Wissenschaft möglich? Auf dem Weg dieser Untersuchung wird sich zwingend auch klären, wie Mathematik und wie reine Naturwissenschaft möglich sind, denn wir werden die oben beschriebenen Vermögen prüfen müssen, um

stellen. Wir schreiben sukzessiv in der Zeit a

Auch wenn das

Die Paraphrasierung der KrV

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die Gewißheit darüber zu erlangen, ob Metaphysik eine Wissenschaft oder vielmehr eine Nicht-Wissenschaft ist. Die Vernunft ist in der KrV folglich mit sich selbst und mit ihrem prüfenden Vorgehen beschäftigt. Stets schließt der Mensch mittels ihrer Prinzipien, und aufgrund dieser Tendenz bedarf es in der Selbstbetrach- tung nun noch einer letzten Kraftanstrengung: Wir wagen den prüfenden „Aufstieg“ zu diesem höchsten menschlichen Erkenntnisvermögen. Dazu beginnt Kant die Untersuchung dort, wo alles dem Denken nach seinen Anfang nahm: bei unserer Sinnlichkeit. Von hier aus arbeiten wir uns über den Verstand hinaus bis zur Vernunft vor. Die KrV entfaltet dabei formal ein vollständiges System von Prinzipien für die Vermögen, jedoch hat sie deshalb keineswegs den Anspruch, alle möglichen Prinzipien des Systems auch inhaltlich zu entwickeln. Die Wissenschaft, die dies im Anschluß an diese Vorarbeit leisten würde, ist die Transzendentalphilosophie. Kant bietet „nur“ eine Grundlage zu diesem Unterfangen: eine transzendental- kritische Untersuchung, die die Idee einer Transzendentalphilosophie vorbereitet. Kant deutet schon in der Einleitung eine zusätzliche Verbin- dung zur KpV an: Sind unsere reinen Prinzipien selbst als letzte Erkennt- nisse der reinen Untersuchung zu rechtfertigen? Es fehlt zu einer Antwort noch ein wichtiger Schritt, der uns davor bewahren soll, frühzeitig in den Zirkel der Debatte „Erscheinung vs. Ding an sich“ zu verfallen.

2.1.2.3 Die transzendentale Ästhetik 51

Die transzendentale Ästhetik ist ein so überaus verdienstvolles Werk, daß es allein hinreichen könnte, Kants Namen zu verewigen. Ihre Beweise haben so volle Ü- berzeugungskraft, daß ich die Lehrsätze derselben den unumstößlichen Wahr- heiten beizähle, wie sie ohne Zweifel auch zu den folgenreichsten gehören, mit- hin als das Seltenste auf der Welt, nämlich eine wirkliche, große Entdeckung in der Metaphysik zu betrachten sind. (Schopenhauer 1999, Bd. I, S. 558)

Wir gehen nun zum ersten wissenschaftlichen Teil der Kantischen Unter- suchung, der transzendentalen Ästhetik, über. In diesem Bereich, der zu- sammen mit der transzendentalen Logik die Bestandteile der transzenden- talen Elementarlehre darstellt, denken wir uns die Bildung einer Erkenntnis als einen Vorgang aus verschiedenen Sequenzen. Die Voraussetzung dafür, daß eine Erkenntnis auf einen Gegenstand bezogen sein kann, ist sein „Gegebenwerden“. Zu dieser Umschreibung der Affektion gehören augenscheinlich zwei Bestandteile: Erstens die Anregung durch den Gegenstand – also: daß er da ist bzw. so gedacht

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Die Kritik der reinen Vernunft

werden muß, als ob er wirklich außerhalb von uns wäre 52 – und zweitens die Fähigkeit, diese Affektion aufnehmen zu können. Die Fähigkeit des Gemüts, affiziert werden zu können, ist entsprechend benannt als „Rezep- tivität“, und das zugrundeliegende Vermögen bezeichnet Kant als „Sinn- lichkeit“. Wird diese affiziert, so – denken wir uns – entstehen als Wir- kung Empfindungen oder Eindrücke. Die beteiligten Sinne zählt Kant in seiner Anthropologie auf (VII 154): Gustus, Olfactus, Taktus, Visus und Auditus. Er unterscheidet zusätzlich die äußeren von den inneren Sinnen und benennt so mit dem Gefühl der Lust/Unlust einen „von innen“ an- regbaren Sensor. 53 Die Sinnlichkeit insgesamt liefert aber Anschauungen, deren konkrete Inhalte Erscheinungen sind. Diese Erscheinungen setzten sich folglich aus Teilen zusammen, die einerseits aus bestimmten Ord- nungsvorgaben der Anschauung und andererseits aus dem Material der Empfindung bestehen. Beide Bereiche sind notwendig, um überhaupt eine konkrete Anschauung erhalten zu können. Damit weicht Kant bereits grundlegend von demjenigen Idealismus ab, der vor ihm gelehrt wurde, indem er die „Materie der Erscheinung“ von der „Form der Erscheinung“ trennt – eine Differenzierung, die uns durch das gesamte Werk begleiten wird. Wir denken uns im „Alltagsverständnis“ dabei immer zuerst den materialen Teil, um an diesem die Form irgendwie ausmachen zu können. Da wir aber gemeinsam mit Kant zu den Prinzipien der Vernunft vorzu- dringen wünschen, dürfen wir dem common-sense-Argument nicht folgen, das uns in einer empirischen Abstraktionsleistung nicht die erwünschte Allgemeingültigkeit versichern kann. Wir lassen statt dessen die Materie nach der „Erweckung“ außen vor und erforschen, worin deren Verarbei- tungsmöglichkeit besteht. Später dann ist dieses Vorgehen dahingehend zu überprüfen, ob der Gedanke einer Affektion mit unserem Ergebnis noch immer vereinbar sein kann. Die Welt bzw. alle Möglichkeiten ihres Wirklichwerdens könnte auch in uns gespeichert sein, so daß wir keinerlei „Anstöße“ mehr benötigten. Eine solche Überlegung hätte weitreichende Folgen bezüglich unseres Verhaltens gegenüber den Mitmenschen. In einer weiteren Denkmöglichkeit könnten uns die Dinge so erscheinen, wie sie wirklich sind. Allerdings läßt sich dem sofort erwidern, daß die Relati- onalität der Gegenstandswahrnehmung (z. B. als außerhalb von uns) ein notwendiger Bestandteil ihrer Vorstellung ist. Die Frage, wie wir Gegens- tände an sich wahrnehmen würden, gehört aufgrund des spekulativen, unentscheidbaren Charakters deshalb in die Metaphysik und kann uns in der transzendental-kritischen Prüfung nicht weiterhelfen. Daß wir den

52 Hiermit steht das Denken der „Erweckung“ des Gemüts durch eine erste Affektion in unmittelbarem Zusammenhang.

Die Paraphrasierung der KrV

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jeweiligen Gegenstand perzipieren, ist folglich die einzige hinreichende Grundsituation. Wir prüfen demnach, was wir zurückbehalten, wenn wir das absondern, was in den Erscheinungen von diesen Dingen vermittelt ist. Anders ausgedrückt: Wir erforschen die notwendigen und allgemein- gültigen Grundlagen, wie wir überhaupt eine Erfahrung machen können. Wie auch immer also die Dinge beschaffen sein mögen, wir können sie ohnehin nicht anders wahrnehmen, als wir sie wahrnehmen können. Un- sere Aufmerksamkeit orientiert sich somit an der Denknotwendigkeit, die allen sich als Menschen denkenden Wesen 54 gleichermaßen zugänglich sein muß und auf diese Weise eine zwischenmenschliche Verständi- gungsmöglichkeit rettet. Kein Mensch könnte auf dieser Ebene anders denken, denn wir bewegen uns schließlich unabhängig von den auf dem principium individuationis beruhenden Parametern der konkreten sinnlichen Erfahrungsinhalte. Das Denken als Denkgegenstand, der entweder direkt oder indirekt (über Umwege wie z. B. den der Erinnerung) auf die Anschauung bezo- gen ist, ist nicht selbst unmittelbar auf die Empfindung gerichtet und muß, wenn es Gegenstandserkenntnis hervorbringen will, nun ebenfalls von der Sinnlichkeit ausgehen, um den Weg zur Untersuchung der Rezep- tivität ohne Verfälschungen ermöglichen zu können. Trotzdem vollziehen wir diesen Vorgang denkend. Zur Erkundung der Grenzen der Vernunft- erkenntnis wird uns diese Feststellung sehr nützlich sein, denn wir nähern uns so dem Spezifikum der transzendental-kritischen Untersuchung, und ein Denken über diese materialen Bahnen beschäftigt uns, allerdings ein Denken in stets mitgedachter Beziehung auf die formalen Anschauungs- strukturen. Wie anders wäre uns eine Erkenntnis vorstellbar als in einem Nacheinander der Betrachtungen? Kant erwähnt in einem Beispiel (B 35) die unzureichende abstrahie- rende Vorgehensweise, die uns durchaus auf apriorische Formen der An- schauung geleiten kann: Es bleiben z. B. von einem Körper nur noch Ausdehnung und Gestalt 55 übrig, wenn wir ihn als Körper vorstellen und in der Vorstellung zusätzlich differenzieren, was wir von ihm denken und was durch die Affektion in uns angeregt wurde. Wir finden also etwas, das der reinen, ohne Materie vorkommenden Anschauung zugehört. Aber selbst diese beiden Überbleibsel (Ausdehnung und Gestalt) – da sie nur auf einen Körper (intentio recta) und nicht auf die Wahrnehmung eines Körpers überhaupt (intentio obliqua) gerichtet waren – haben noch

54 Ruge (1910, S. 5) schreibt dazu: „Was an dem Erkenntnisurteil notwendig und allge- meingültig sein, d. h. von allen erkennenden Wesen anerkannt werden soll, muß zum Wesen des Erkennens selbst gehören.“

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Die Kritik der reinen Vernunft

grundlegendere Prinzipien, die Kant im folgenden nachweist: Raum und Zeit. 56

2.1.2.3.1 Der Raum

Zunächst handeln wir den Raum „metaphysisch“ ab, um sicher zu gehen, daß keine konkrete Materie im Denken steckt, denn sonst wäre dieses Denken zugleich eine Erfahrung. Wenn wir ihn „erörtern“, zergliedern wir seinen Begriff, ohne gewährleisten zu können, daß wir dabei rein analy- tisch vorgehen. Wir denken uns also als mit einem Sinn ausgerüstet, der uns die Vorstellung eines Äußeren ermöglicht, und ausschließlich auf dieser Grundlage können wir mit Gestalten, Größen und Verhältnissen arbeiten. Vier Eckpunkte dieser Erörterung des Begriffs „Raum“ lassen sich nach Kant auftun: Wenn wir metaphysisch über ihn nachdenken können, ist er nicht empirisch. Wenn er nicht empirisch ist, muß er im Gemüt selbst liegen. Er muß also etwas sein, das in der Vorstellung liegt, nicht von au- ßen kommt und gleichzeitig die Bedingung der Möglichkeit des Äußeren, des Nebeneinander ist. Allerdings finden wir bis zu diesem Punkt den Raum lediglich als eine gedachte Vorstellung, also noch nicht als reine Anschauung. Als Bedingung der Möglichkeit einer Anschauung muß demnach eine apriorische Struktur vorliegen, die gleichzeitig allgemeingül- tig, notwendig, alle Bestandteile in sich bergend und logischerweise nicht nicht-vorstellbar ist. Aus diesen Gründen, besonders aus dem des In-sich- Fassens, kann es sich auch nicht um einen diskursiven Begriff handeln, denn ein solcher allgemeiner Begriff würde alle Bestimmungen als Hype- ronymie sammeln. Der Raum qua Bedingung der Möglichkeit von allen Räumen oder der Räumlichkeit ist aber nur „einig“ vorstellbar und enthält statt dessen alle anderen möglichen Vorstellungen „in sich“. Deshalb kann er kein Begriff sein, da Begriffe die allgemeinen Merkmale unendlich vieler Gegenstände „unter sich“ haben. Die metaphysische Erörterung geht von diesen eigentlich analytischen (von den Definitionen ausgehenden) Über- legungen in die transzendentale über, sobald sie sich mit der Erklärung eines Begriffs als Prinzip beschäftigt, aus dem die Möglichkeit anderer synthetischer Erkenntnisse a priori eingesehen werden kann. Die Anschau- ung wird ab diesem Punkt mit in die Überlegungen einbezogen, ja, die

56 Vgl. Fischer (1906, S. 468 f., S. 475 u. S. 495) zu Raum und Zeit. Vgl. auch Nink (1930, S. 88), der hier von „intellektivem“ Erkennen spricht, bei dem sich die Darstel- lung jedoch wie die Vorbereitung einer intellektuellen Anschauung liest, die uns das Wissen um die apriorischen Strukturen schon verbürgt.

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Begriffe werden in Hinsicht auf sie gebildet. Die Isolation von der Empi- rie scheint gelungen. Lassen wir nun auch die eben gefaßten, nur meta- physischen Äußerungen fort, dann bleibt vom Begriff des Raumes als einer Bedingung der Möglichkeit synthetischer Erkenntnis ausschließlich übrig: daß solche Erkenntnisse aus Begriffen fließen und daß diese Er- kenntnisse auch wirklich nur unter der Voraussetzung der angeführten Erklärungsart des Begriffs hervorgehen. Ansonsten wäre er nicht notwen- dig und allgemeingültig, sondern würde von Anschauung zu Anschauung variieren. Wir begeben uns auf eine Ebene, auf der wir den Kern der transzen- dental-kritischen Untersuchung vorfinden: Wir denken die Empirie- Anteile nicht mit und lassen die Metaphysik außen vor. Dabei befinden wir uns auf einem über das Metaphysische und Empirische herausragen- den Standpunkt – wir denken „rein“. Die reine Anschauung als denknot- wendige Annahme umfängt uns völlig, denn wir müssen mit ihr umgehen und können nicht auf die Dinge blicken, wie sie ohne diese wären. Wir wissen nur aus dem variierenden Fundus der Anschauungen, die über die Reinheit hinausgehen: Wenn etwas in bzw. an ihnen wechselt, kann es nicht notwendig und allgemein sein, und damit stammt es auch nicht aus der reinen Anschauung, also auch nicht aus der Sinnlichkeit. Der Verstand entzieht sich damit denkend dem Bereich der Anschauungen – intelligible Anschauungen lehnt Kant sinnvollerweise ab. Geboren ist nun die Denk- notwendigkeit des Dings an sich, von dem wir nichts sicher aussagen können, als daß es von uns als existierend gedacht werden muß. Ansons- ten könnten wir über das „Außen“ keine Erkenntnis erlangen, selbst nicht die reinen Erkenntnisse der Mathematik, denn die wären ohne eine erste Affektion nie ins Denken gerufen worden. Geometrie (auf der Möglich- keit des Nebeneinander basierend) und Arithmetik (auf der Möglichkeit des Nacheinander basierend) bringen nach Kant offensichtlich aber syn- thetische Erkenntnis a priori hervor. Beide können jedoch erst wirklich sein, wenn der Mensch Raum und Zeit noch als deren Bedingung der Möglichkeit aufweist. Transzendentalphilosophische Gedanken können sich aus diesen bei- den Voraussetzungen ableiten; das notwendige und allgemeine Urteil über diese formalen Strukturen ist hingegen transzendental-kritisch; die Wirk- lichkeit der Erkenntnis a priori besteht also unausweichlich. Kant um- schreibt den besonderen Status des Raumes als formale Beschaffenheit des Subjekts, als Form des „äußeren Sinnes“ – nicht als Eigenschaft des Dings und nicht als Begriff. Damit ist der Raum eine notwendige und allgemeine Bedingung der Möglichkeit aller Erfahrung. Noch immer ver- wirrt möglicherweise Kants steter Verweis auf das „vor“, „Vorher“ der Erfahrung. Derartige Formulierungen stehen bei einer toleranten Kant-

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Die Kritik der reinen Vernunft

Interpretation jedoch unter der Prämisse des ersten Satzes der Einleitung, nach dem dieses „Vorhergehen“ erst nach dem anfänglichen Auftreten durch die Affektion möglich wird. Horchen wir nun aber auf: Was haben wir gerade zugegeben? Daß wir in Folgen denken. Wir geben die Wirk- lichkeit des Nacheinander zu, und für die Zeit folgt daher sogleich eine entsprechende Argumentation: Metaphysisch als der innere Sinn gedacht, zeigt sie einen Zustand an, der noch keine Seele o. ä. als unser inneres Objekt nahelegt, sondern das Gemüt von innen her zu einer Anschauung macht. Aufeinanderfolgende Zustände werden von der Anschauung her- vorgebracht (nicht: angeschaut). 57 Betrachten wir aber die Methode nochmals genauer, so blitzt schon hierin der erste Anschein dessen auf, was die Vernunft an Prinzipien birgt. Per definitionem kann ausschließlich das Vermögen, das wir als „Vernunft“ bezeichnen, reine Prinzipien a priori aufstellen. Eben dies haben wir soeben getan, indem wir aufgefunden haben, wie wir uns selbst notwendig denken müssen. Wir sehen, daß hier- bei dasjenige Moment sehr wohl mitbedacht wurde, das in einen Zirkel der Selbstbetrachtung führen könnte. Wenn nämlich Raum und Zeit aus der Anschauung selbst heraus erkannt würden, so könnten wir einwenden:

Diese Betrachtung schließt deren Anwendung auf uns mit ein. Dem ist aber hier keineswegs so. Die Vernunft schließt notwendig aus den wirkli- chen Voraussetzungen, die wir zunächst aus der Empirie kennenlernen und unter Isolationen inspizieren. Diese Problematik wird in der trans- zendentalen Logik allerdings subtiler behandelt. Hat der Raum drei Di- mensionen, so scheint die Zeit als reine Anschauung nur eine zu besit- zen. 58 Wir können uns nicht anders denken, d. h. dieses Denken ist notwendig.

2.1.2.3.2 Die Zeit

Kant eröffnet die Zeitbetrachtung wiederum mit einer metaphysischen Erörterung: Zeit kann kein empirisch gewonnener Begriff sein, denn Zug- leichsein und Nacheinander können nur als Grundlage (des Denkens) einer jeden empirischen Anschauung (auch der „Erweckung“) überhaupt begriffen werden. Sie muß also die Bedingung der Möglichkeit einer jeden (als wechselnd gedachten) Wahrnehmung sein. Woher stammt sie aber? Ist sie selbst Begriff? Unmöglich, denn diejenige notwendige Vorstellung,

57 Vgl. z. B. Humes sogenannte „bundle-theory“.

58 Selbst die „Raumzeit“ müßten wir als Begriff noch weiter zergliedern und die Synthe- sis zur Anschauung unter einer doppelten Prämisse ergründen: Raum und Zeit sind in Kants Sinne auch die Voraussetzung für die Denkmöglichkeit der „Raumzeit“.

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die allen Anschauungen zugrunde liegt, ist kein diskursiver Begriff, da sie alle allgemeinen Merkmale wiederum nicht „unter sich“, sondern insge- samt „in sich“ enthalten muß, weshalb in Analogie zum Raum gilt: Nur „Einschränkungen“ 59 einer unendlichen und einigen Zeit ermöglichen das Mannigfaltige, Zeiteinheiten o. ä. Dies spiegelt jedoch erst die metaphysi- schen Bestandteile wider. Die Grundsätze (Axiome) der Zeit gelten als Grundlage, in der Erfah- rung und Diskursivität erst möglich werden. Wenn es keine Veränderung gäbe, könnten wir uns auch keine Erfahrung denken. Selbst einen „zeitlo- sen“ Zustand müssen wir uns als Zugleichsein – also: zeitlich – vorstellen. Und auch die äußere Anschauung unterliegt in ihrer Vorstellbarkeit, da sie für den immer schon inneren „Zustand“ des Denkens eine Folge von außen nach innen bedeutet, notwendig der inneren Anschauung. Auf der anderen Seite kann die Zeit jedoch wiederum nur im Rahmen räumlicher Metaphern angeschaut bzw. geäußert werden. Es handelt sich hierbei um eine Erkenntnis Kants, die in die pragmatische Deixis und in den Erfah- rungsrealismus 60 aufgenommen bzw. dort neu belebt wurde. Die Vorstel- lung der Zeit ist lediglich in einer Anschauung möglich, so in der Betrach- tung des Zustandes, den der äußere Sinn hinterläßt. Die „Axiome“ der Zeit können damit aber weiter nicht aus der Erfahrung stammen, da Er- fahrung selbst ohne diese allgemeine und notwendige Grundlage der Ver- bindung von Raum und Zeit nicht möglich wäre, und die Zeit sich als allgemeingültiges Akzidens selbst aufheben müßte. Daß sie aber wirklich ist – und das eben als „un-wegdenkbare“ Grundlage einer jeden Wahr- nehmung – bestätigt sie als eine reine Anschauung. Kant gesteht, in der metaphysischen Betrachtung den transzendentalen Kern schon angelegt zu haben (B 48). Uns wird klar: Jede metaphysische Überlegung, solange sie uns wirklich rein begegnet, bildet einen Bestandteil der transzendenta- len Erörterung, jede transzendentale Erörterung zeigt auf der anderen Seite die Bedingungen der Möglichkeit auch der Metaphysik auf. Deshalb gilt aber noch lange nicht, die transzendentale Erörterung sei Metaphysik. Die Schlüsse 61 Kants aus obigen Überlegungen sind abzusehen: Zeit ist keine Eigenschaft der Dinge an sich, sie besteht auch nicht selbst an sich, sondern kann nur als Form der inneren Anschauung (und eben nicht als dieser innere Sinn selbst) gedacht werden. Der Raum ist dabei die Möglichkeit, den inneren Sinn vorzustellen. Um dies zu ermöglichen, muß die Form des inneren Sinns die Bedingung der Möglichkeit der Vorstel-

59 Vgl. Michel (2003, S. 109 ff.) zu den Begrifflichkeiten „Schranke“ bzw. „Einschrän- kung“ im Unterschied zu „Grenze“.

60 Vgl. Lakoff u. Johnson (2004).

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Die Kritik der reinen Vernunft

lungen des äußeren Sinns vorgeben, denn dieser ist als Möglichkeit des Nacheinander im Raum in verschiedenen Zuständen vorzustellen. Aller- dings bezieht sich die Zeit ausschließlich auf innere Zustände. Trotzdem ist die Frage der „grundlegendsten Grundlage“ für unsere innere Betrach- tung somit zugunsten der Zeit geklärt. 62 Zeit gibt, wenn sie auch in der transzendentalen Idealität – d. h. wie- der: den Dingen an sich inhärierend oder gar subsistierend 63 gedacht – „nichts ist“, doch die formale Bedingung a priori aller Erscheinungen vor, die in unserer menschlichen Anschauung möglich sind. Innerhalb der menschlichen Vorstellung wird folglich diese verbindliche Zutat einer jeden Erkenntnis als allgemeingültig gedacht. Den absoluten Anspruch der Zeit können wir ignorieren: Die Dinge an sich sind uns, wie gesagt, nicht ohne menschliche Sichtweise vorstellbar. Ausschließlich zeitliche Vorstel- lungen können wir von ihnen bilden, und die Zeit gehört unserem Ver- mögen an, wie wir es denken müssen. 64 Vorwürfe betreffs der offensicht- lichen Wirklichkeit von Veränderungen erhalten deshalb die folgende Erwiderung: Sie sind in der Zeit wirklich, und Zeit ist wirklich als Form der inneren Anschauung. Dabei ist sie zunächst nicht wirklich als Objekt, sondern als Vorstellungsart meiner selbst als Objekt. 65 Wieder wird die Verschachtelung 66 der Selbstbetrachtung angenommen und gelöst, denn eben aus der Selbstbetrachtung erhalten wir ja diejenigen Strukturen, nach denen wir uns notwendig auch den Gedanken vollziehend denken (B 68 ff.). Woher es kommt, „daß wir uns so denken müssen“, muß Kant außen vor lassen, da Zeit nur eine empirische Realität hat (objektiv auf Gegens-

62 Vgl. Kaulbach (1969, S. 132) zu Raum und Zeit.

63 Beides sind wichtige Hinweise auf die Kategorien.

64 Michel (2003) untersucht die Zeit zunächst als Denkgegenstand und später in relatio- nalem Denken zur Wahrnehmung. Indem sie dies inhaltlich tut – die Zeit als Gegens- tand des Denkens –, hat sie das Denken zwar als Basis der transzendentalen Ästhetik erschlossen, aber sie kann die Zeit als Bedingung der Erkenntnisse des Denkens nicht mehr kompensieren. Eine berechtigte Frage, die sie bei allem Lob Kants nicht beant- worten kann, ist daher: Wenn Kant doch offensichtliche Nachlässigkeiten beging, wa- rum hat er dann diese nicht in der zweiten Auflage grundlegend verändert? (vgl. ebd., S. 82) Brandts Vorwurf (in Michel 2003, S. 56), Zöllers Anmerkung (ebd., S. 55), A- melangs Definition (ebd., S. 90) usw. bringen Michel in größere Schwierigkeiten als sie zu bemerken scheint.

65 Michel (2003) steht bei diesem Punkt in Tradition von Reich und Ebbinghaus: Hier wird der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben, denn weder kann diese Bewegung konsequent durchgehalten werden, noch wird so die eigene Denkleistung mit in den Prozeß eingebunden.

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tände anwendbar) und an sich nichts ist, wenn wir etwa die subjektiven Anteile vernachlässigen. 67 Wir müssen aber mit den Fähigkeiten arbeiten, die wir tatsächlich ha- ben. Gerät Kant auf diese Weise denn tatsächlich, wie Albert (1977) für unbezweifelbar ausgeben müßte, in das „Münchhausen-Trilemma“ der Letztbegründung? Die Antwort, die – neben der akzeptierten Vorausset- zung des „Sich-selbst-als-vernünftiges-Wesen-Denkens“ – dazu erforder-

lich erscheint, erhalten wir etwas später in der Dialektik, da hier mit meta- physischen Argumenten abgerechnet werden muß. In der Zurückweisung des Vorwurfs geht Kant so weit, den Fall des „Könnten wir uns doch “

aufzugreifen – aber darauf müssen wir nicht

weiter eingehen, denn dieser Fall 68 ist eine Erklärung, die nicht sinnvoll unzeitlich stattfinden kann. Ohne die Vorstellung der Sinnlichkeit läßt sich keine Zeit, ohne Zeit keine Vorstellung der Sinnlichkeit vorstellen. Deshalb muß in unserer Selbstbetrachtung (und die ist hier schon wieder kausaler Natur) eine Af- fektion die Sinnlichkeit in Gang gebracht haben. 69 Unsere Gedanken legen eine andere Wirklichkeit nahe: Nur diejenigen, die auch die Idealität des Raumes behaupten, können diesen Zeit-Einwand vornehmen. Wie es sich mit dem Raum verhält, wurde aber hinreichend dargelegt (vgl. B 42): Kant redet, wenn man genau aufmerkt, keinem Idealismus das Wort, sondern bezeichnet diesen sogar als Hemmnis für seine Erkenntnis. Äußere Ge- genstände sind an sich einfach keines Beweises fähig, eben weil sie schon als äußere angenommen werden. Der Raum ist jedoch nur als Form unse- rer Anschauung wirklich, weshalb das Räumlichkeitsdenken (außer uns und nebeneinander) der Gegenstände erst in der Betrachtung auftritt. Versuchen wir uns jetzt gerade vorzustellen, wie unsere Vorstellungen ohne Raum aussähen, dann merken wir, daß dies nicht geht – wir vollzie- hen damit erneut den Beweis des Kantischen Gedankenganges. Leider verwirrt dieses Nicht-Funktionieren meist so sehr, daß Kant eben deshalb

ohne die Zeit betrachten

67 Vgl. diesbzgl. die Verwirrung u. a. bei Pagels (1992, S. 13): „Die Begriffe Raum und Zeit als solche sind nur auf die objektive Realität angewandte schematisierende Ord- nungbegriffe – dem gemäß lehrt Kant (Phil.Bib.Bd. 37,S. 221) auch sehr richtig, daß ,die Zeit an sich selbst nicht wahrgenommen werden kann‘ und das [sic!] der Raum ,gar keine Eigenschaft ist, die irgend einem Ding außer unseren Sinnen an sich an- hängt, sondern nur die subjektive Form unserer Sinnlichkeit‘ (Phil.Bib.Bd.48b,S. 242) – dagegen ist das, was die schematisierenden Ordnungsbegriffe Raum und Zeit erfas- sen, konkret-real.“

68 Vgl. Albert (1977, S. 38 f.).

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Die Kritik der reinen Vernunft

vorgeworfen wird, es seien doch Dinge da – außer uns. Es sei erinnert:

Kant geht es um Denknotwendigkeit, nicht um Denkbares. Außer Zeit und Raum setzen alle Begriffe, deren Inhalt (Materie) zur Sinnlichkeit gezählt werden kann, zusätzlich zu den reinen Anschuungs- formen auch empirische Bestandteile voraus. Eine Veränderung z. B. zählt dabei nicht zu den sinnlichen Data a priori (das wäre schon ein Parado- xon), denn der Raum selbst, da er nicht idealiter existiert, bewegt sich nicht, er ermöglicht den Gedanken der Bewegung. Es muß also entweder eine Empfindung oder ein entsprechender Begriff hinzugefügt werden, um dieses Element angemessen zu beschreiben. Sämtliche reinen An- schauungsbestandteile zu systematisieren, ergibt sich erneut als weiterfüh- rende Aufgabe der Transzendentalphilosophie. Dazu müssen jedoch die weiteren Ordnungsvorstellungen hinlänglich untersucht werden, und im Denken der Sinnlichkeit sind wir so erneut auf die erste wichtige Frage der Einleitung zurückgeworfen: Wie sind synthetische Urteile a priori mög- lich? Wenn nämlich über die reinen Begriffe hinaus auch reine Anschau- ung a priori in die Verbindungen aufgenommen werden kann, so ergeben sich Möglichkeiten und Grenzen der Erkenntnis, die nie weiter als bis zu möglicher Erfahrung reichen können – was aber nicht bedeutet, daß sie deshalb selbst Erfahrung sein müßten. Wird zwischen den beiden Quellen a priori der möglichen Erfahrung ausschließlich logisch unterschieden, wie in der Leibniz-Wolffschen Schule üblich, so erhalten wir lediglich den Unterschied zwischen undeutlicher (Anschauung) und deutlicher (Intel- lekt) Erkenntnis der Dinge. Wir denken aber Raum und Zeit durch die reinen Funktionen des Denkens und das Denken auf der Grundlage der reinen Anschauungen, die uns erst die Diskursivität und die Ausdehnung (auf Inhalte) der Gedanken ermöglichen. 70 Wie könnten wir vorgeben, ein Wissen über ein Objekt zu haben, das außerhalb der Sinnlichkeit existiert, ohne diese dabei doch bereits angewendet zu haben? 71 Es gilt demnach im folgenden – der transzendentalen Logik –, die Begriffe auf das reine Den- ken der Sinnlichkeit und aus dem reinen Denken der Sinnlichkeit zu adap- tieren und deren eigene transzendentale Strukturen in entsprechender Weise zu bestimmen. „Die ,Affektion‘ ist das Grundwesen der menschli- chen Erkenntnis. Alle logische Tätigkeit geht auf ihre eigene Realisation

70 Michel (2003) belegt die „Stimmigkeit“ sowie die „Triftigkeit“ der Argumente Kants. Vgl. zu den Beweisen von Raum und Zeit auch Windelband (1904, S. 57 u. S. 64).

71 Diese Anmerkung sollte genügen, um zu zeigen, daß z. B. Guyers Problematik (2006, S. 58) die Trennung nicht wirklich vollzieht und eine Scheindualität heraufbeschwört. Vgl. auch Allisons „two-aspects“ und Guyers „two objects“ (ebd., S. 70 u. S. 78). Das Ding an sich ist keine zweite Art eines Objekts.

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an der Affektion aus: durch Realisation der Affektion selbst, durch ihre Konkretion.“ (Baumanns 1997, S. 234)

2.1.2.4 Die transzendentale Analytik

Selbstverständlich mußte Kant die Anschauung denkend abhandeln. Er gesteht dem logischen Vorgehen daher vorab eine Verbindung zwischen den Vermögen zu, durch die eine transzendentale Logik 72 als Erkenntnis generiert werden kann. Wir haben die beiden Erkenntnisstämme in ihrem Zusammenspiel bereits kennengelernt und die Rezeptivität der Eindrücke sogar schon auf ihre Prinzipien a priori hin untersucht. Blieb die Sponta- neität der Begriffe (der Verstand) in ihrer bisherigen Anwendung unge- prüft? Schließlich haben uns doch gerade die Ergebnisse der transzenden- talen Ästhetik Aufschluß über ihre Funktionsweise gegeben. Die menschliche Erkenntnis konstituiert sich stets aus Anschauungen und synthetisierten Begriffen in ihren materialen (aposteriorischen) oder reinen (apriorischen), synthetischen oder analytischen Varianten. Nach Kant wird die Logik uns die Verstandesregeln deshalb in allgemeiner oder in beson- derer Form darlegen. Die besondere Form beinhaltet diejenigen Regeln, die bei einer gewissen Art des gegenständlichen Denkens angewendet werden. Es handelt sich damit um ein „Organon“, zu dem aber für unse- ren Zweck ein Kanon nicht fehlen darf: Fundamental für alle logische Aktivität ist zunächst die allgemeine Logik, denn sie agiert gegenstandslos, wenn sie die Verstandesprinzipien a priori zutage fördert. Nur auf diesem Weg kann die Reinheit und damit die Apriorität garantiert werden. Die transzendentale Logik, auf die wir hinaus wollen, geht noch einen Schritt weiter und sucht die Bedingungen der Möglichkeit der Verstandesleistun- gen überhaupt, also die grundlegenden Verstandesfunktionen, wie wir sie notwendig denken müssen. Eine angewandte Logik richtet sich zwar auch auf die Möglichkeit der Gegenständlichkeit, hat aber keinen derartigen Selbstbezug: Denken wir an Axiome wie a = a, die somit einen „Gegens- tand“ vorstellen, dann ist augenscheinlich nur analytisch die Möglichkeit dazu vorhanden – weder aus der Form noch aus der Mannigfaltigkeit der Anschauung könnte eine solche Gleichsetzung bedient werden. Es ist in der angewandten Logik daher irrelevant, ob empirische oder reine Er- kenntnis herangezogen wird. Wir wollen jedoch exklusiv die reine Vers- tandeserkenntnis untersuchen und können solche Indifferenzen nicht länger dulden, da sie empirische Prinzipien beinhalten, insofern sie zwar

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auf die Regeln des Verstandes, aber ausschließlich unter subjektiver Hin- sicht ausgerichtet sind: Wir könnten in obigem logischen Beispiel auch c = c oder andere „Veranschaulichungen“ wählen, die lediglich auf bestimm- ten Konventionen beruhen. Von dieser noch unzureichenden Denkweise versuchen wir uns erneut per Abstraktion den Basisfunktionen der den- kenden Selbstbetrachtung anzunähern. Kant verwendet deshalb auch hier den Hinweis auf die Psychologie (im Sinne des damaligen Wort- gebrauchs) 73 , durch die in der Logik ebenfalls höchstens ein „Katharti- kon“, d. i. ein „Läuterungsmittel“, erreicht werden könnte. Wir setzen daher in der allgemeinen Logik (mit beiden Bestandteilen: angewandter und reiner Logik) an, und machen uns zunutze, daß der Verstand in deren Allgemeinheit keine konkreten materialen Bestandteile transportieren kann. Allgemeine, reine Logik erhebt so immerhin einen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, da ihre Regeln a priori gelten müssen. 74 Dieser An- spruch wird allerdings erst dadurch erreicht, daß von allem Denkinhalt (außer der Form des Denkens) abgesehen wird. Weil sie aber dabei aus- schließlich das Denken behandelt, ist auch eine allgemeine Logik für unse- re Zwecke nicht hinreichend, denn sie kann keine allgemeinen transzen- dentalen Prinzipien hervorbringen, die auch noch ihre Regelmäßigkeit selbst als Erkenntnis erklären. Sie ist zwar notwendig für eine Erkenntnis, aber nicht hinreichend. Um die Möglichkeit der Erkenntnis als Erkenntnis aufzeigen zu können, benötigen wir eine Erweiterung der Untersuchung um einen transzendentalen Standpunkt: Die reinen Prinzipien des Vers- tandes a priori müssen in Verbindung zu den reinen Anschauungen ge- dacht werden können. Der wirkliche Unterschied zwischen transzendenta- ler Kritik, Mathematik und allgemeiner Logik leuchtet plötzlich auf. Die Logik beschreibt zwar eine notwendige Voraussetzung für ein allgemeines Kriterium von Wahrheit wissenschaftlicher Erkenntnis (wenn diese mit Gegenständen übereinstimmt), sie kann aber nur die Form des Denkens beschreiben und gilt demnach als „negative“ Bedingung – als conditio sine qua non – der Erkenntnis. Weiter bietet sie jedoch kein hinreichendes Kriterium für eine Erkenntnis, weil sie in Anwendung auf Gegenstände des Denkens eben keine Allgemeinheit mehr erlangen könnte und „logi-

73 Vgl. Kants Definition in du Prels Ausgabe „Kants Vorlesungen über Psychologie“ (1964, S. 74): „Die Psychologie ist also eine Physiologie des inneren Sinnes oder der denkenden Wesen, so wie die Physik eine Physiologie des äußeren Sinnes oder der körperlichen Wesen ist. Die denkenden Wesen betrachte ich entweder bloß aus Beg- riffen, und das ist die Psychologia rationalis; oder durch Erfahrung […]; und das ist die Psychologia empirica.“

74 Vgl. Windelbands bemerkenswerte Ausführungen zu Kants formaler vs. erkenntnis- theoretischer Logik (1904, S. 67 u. S. 71).

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scherweise“ in dieser Hinsicht keine allgemeine Logik mehr wäre. Aller- dings erweist sich die Versuchung als sehr groß, die Geltungsansprüche der verschiedenen Logiksparten zu vertauschen: Der auf diese Weise ent- stehende objektive Schein eines Organons – und zwar ein Schein dessen, was lediglich ein Kanon leisten könnte – wird von Kant als „Dialektik“ bezeichnet: eine Logik des Scheins, die eine Nachahmung der Akribie auf einem Gebiet ist, auf dem Logik nicht zur Erkenntnis hinreicht. Sie kann uns auch strukturell nicht über mögliche Inhalte, sondern nur über die Form des Denkens Aufschluß geben. Wir wissen durch die Erkenntnisse der transzendentalen Ästhetik, daß eine Verbindung zwischen reiner Sinnlichkeit und Verstand existieren muß. Zusätzlich besitzen wir nachweislich Gegenstandserkenntnisse (Er- fahrung). Wenn wir nun aber nicht nur von allem Denkinhalt abstrahie- ren, sondern sogar von all dem, was empirisch ist – also bis hin zur psy- chologisch „anhebenden“, allgemein angewandten Logik –, und auch vom Materialen (Empfindung), bleibt dann noch ein sinnvolles Denken übrig? Wir müssen dies mit Kant selbstverständlich bejahen, und bereits mehr- fach wurden Mathematik und reine Physik als wirkliche Wissenschaften dargestellt. Wichtig ist an dieser Stelle aber nochmals der Hinweis auf den eigentlichen Gewinn unserer Untersuchung: Nicht die Erkenntnisse der Mathematik oder der reinen Physik sind die transzendentalen Erkenntnis- se, die wir anvisieren, sondern: Daß wir diese aufgefunden und nachge- wiesen haben, daß es sie gibt und wie es sie für unser Denken geben kann – darin liegt der grundlegende Charakter der Kritik.

Und hier mache ich eine Anmerkung, die ihren Einfluß auf alle nachfolgende Be- trachtungen erstreckt, und die man wohl vor Augen haben muß, nämlich: daß nicht eine jede Erkenntniß a priori, sondern nur die, dadurch wir erkennen, daß und wie gewisse Vorstellungen (Anschauungen oder Begriffe) lediglich a priori angewandt werden oder möglich sind, transscendental (d.i. die Möglichkeit der Erkenntniß oder der Gebrauch derselben a priori) heißen müsse. Daher ist weder der Raum, noch irgend eine geometrische Bestimmung desselben a priori eine transscendentale Vorstellung, sondern nur die Erkenntniß, daß diese Vorstellun- gen gar nicht empirischen Ursprungs sind, und die Möglichkeit, wie sie sich gleichwohl a priori auf Gegenstände der Erfahrung beziehen können, kann transs- cendental heißen. (B 80 f.)

Wenn wir die Bedingung der Möglichkeit von Mathematik aufzeigen, dann befinden wir uns nicht etwa in einer mathematischen Überlegung, sondern sind kritisch auf diese Vorgänge bedacht, und zwar in einem zugrundeliegenden zeitlichen Ablaufschema, das gleichsam räumlich vor- gestellt wird. Das ist die transzendentale Erkenntnis, daß selbst in der reinsten Form unserer Selbstbetrachtung diese Bestandteile vorkommen. Und wir wissen durch deren Herleitung, die selbst auf diesen Strukturen beruht, wie sie als seiend gedacht werden müssen. Natürlich ahnen wir

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Die Kritik der reinen Vernunft

damit aber nicht im geringsten, warum sie sind oder wie sie an sich sind. Wir produzieren in der transzendental-kritischen Untersuchung keine arithmetischen Terme o. ä., sondern sehen, daß der innere Sinn der A- rithmetik zugrunde liegt und daß er als Bedingung einer wirklichen Bege- benheit notwendig existieren muß, das heißt, daß er folglich nicht von dieser abstammen kann. Wir bewegen uns auf einem (Meta- )Betrachtungsniveau, das sich in der Lokalisierung der grundlegenden Strukturen selbst beschreibt. 75 An diesem Punkt benötigen wir als Bestäti- gung der reinen Anschauungsprinzipien zusätzlich die Prinzipien des Verstandes. Dann fügen wir beide zusammen und können anhand dieser basalen Strukturen endlich abschätzen, ob bzw. wie Metaphysik möglich ist. Der Verstand wird dazu hinsichtlich seiner Wirkungsweise geprüft:

Die Trennung der einzelnen Funktionen beginnt bei der oben angedeute- ten Unterscheidung zwischen einer transzendentalen Analytik (der den- kenden Zergliederung des Denkvermögens) und einer transzendentalen Dialektik (der kritischen Betrachtung der Logik des Scheins). Der Verstand wird in Folge dieser „Distinktion“ nun gerade von denjenigen (analytischen und dialektischen) Bestandteilen isoliert gedacht, die aus- schließlich Begriffe verbinden oder zergliedern, so daß wir die Verstandes- funktionen erörtern, die die Möglichkeit der Verbindung zur Sinnlichkeit herstellen. Damit erhalten wir eine reine Logik, die selbst synthetische Erkenntnisse noch beschreiben kann. Dialektische Schlüsse der allgemei- nen Logik imitieren laut Kant diese empirische (Sinnlichkeits-)Verbindung und betätigen sich somit ohne Ausnahme „hyperphysisch“. 76 Die trans- zendentale Dialektik soll später eben diesen logischen Gebrauch kritisch betrachten, markieren und als „Blendwerk“ enttarnen. Wir beginnen nun eine „Zergliederung“ des Vermögens – und nicht etwa eine von beliebigen einzelnen Begriffen –, die uns zu Denknotwen- digkeiten hinsichtlich der fundamentalen Verstandesfunktionen 77 führen soll. 78 Da die transzendentale Betrachtung auf Prinzipien abzielt, suchen

75 Eben weil selbst der reinste Standpunkt diesen Strukturen unterliegen muß, erkennen wir, daß wir per Vernunft (d. i. per Schlußverfahren) einer Einheit von bestimmten Urteilen, die selbst wieder bestimmte Begriffe in Verknüpfung beinhalten, in einem Nacheinander und in (metaphorischen) Lokalisationen aktiv zuarbeiten.

76 Vgl. dazu Kant, zit. nach du Prel (1964, S. 71): „Was nun kein Gegenstand der Sinne ist, das geht über die Natur, und ist hyperphysisch.“

77 Vgl. Cohen (1989, S. 47). Die Analogie zwischen Funktion und Affektion der An- schauungen möchte ich an dieser Stelle bezweifeln, da die Funktionen lediglich die Form des Denkens umfassen. Das Mannigfaltige könnte dem Affekt eher entspre- chen.

78 Dieses Vorgehen ist aber nicht reduktionistisch, weil wir bereits zuvor die Zusam- mensetzung unserer Gedanken bzw. Erkenntnisse anerkannt haben, und wo eine Verbindung besteht, müssen Bedingungen dafür gegeben sein.

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wir reine, grundlegende und selbst nicht weiter „grundlegbare“ Begriffe, die gleichzeitig rechtmäßig der Bezeichnung „zum Verstande gehörig“ unterliegen (und nicht etwa aus der Sinnlichkeit stammen). Zum notwen- digen Anspruch der Vollständigkeit unseres Vorgehens muß zusätzlich ersichtlich sein, daß es keine weiteren Begriffe dieser Art geben kann, die etwa unserer Betrachtung entgehen und die bei einer unbemerkten An- wendung während unserer Untersuchung zu einem verzerrten Ergebnis führen könnten. Auf transzendental-kritischer Ebene prüfen wir den Verstand als ein System, als eine Einheit, als Ganzes. Kant weist früh darauf hin (B 359), um die (Einheits-)Idee als Bedingung der Verstandesuntersuchung bereits an dieser Stelle anzudeuten. Zunächst müssen wir – der Vollständigkeit halber – die Begriffe ihrer Möglichkeit nach betrachten, um nicht über begriffliche Zergliederungen (analytisch) von einem Begriff zum nächsten zu stolpern: Der Mensch kann nur denken, was er denken kann. Wie die Sinnlichkeit, so „entwickeln“ sich auch die Begriffe ihrer Möglichkeit nach mit der ersten Erfahrung, so daß wir hier wieder nicht von angeborenen Strukturen sprechen. 79 Wenn wir erneut von der ersten (oder einer belie- bigen anderen) gedachten Erfahrung ausgehen, dann wollen wir uns dem Verstand trotzdem nicht mechanisch (sammelnd) und nicht durch zufälli- ges Darauf-Stoßen annähern, sondern systematisch. Auf lange Sicht inte- ressiert uns nämlich, welches das Prinzip dieser Systematisierung ist. Der Verstand ist keine Variante der Sinnlichkeit. Er verwendet anstelle der Anschauungen Begriffe und er kann diese Begriffe potentiell auf An- schauungen anwenden. Wie von den Erscheinungen zu den Bereichen der Anschauung a priori vorgedrungen werden konnte, so finden wir jetzt die Verstandesfunktionen in der Spontaneität, die die Einheit der einkom- menden Vorstellungen vorstellen und unter einem Begriff bündeln, 80 wo- durch diverse Erscheinungen zusammengefügt werden. Die Begriffe wer-

79 Vor der ersten Erfahrung – sind sie da oder nicht? – können wir doch nichts erken- nen, weil es für uns noch keine Erkenntnis gibt. Denkend sind wir definitiv nie in die- ser vorgedanklichen Lage, und jede inhaltliche Behauptung zu diesem Ansatz enthöbe uns erneut unserer Aufgabe. Für gefährlich halte ich die Formulierung Falkensteins (1995, S. 1 f.), der Kant als formalen Intuitonisten darstellt: „Though Kant may not trumpet this consequence, by claiming that time and space are forms of intuition he takes the responsibility for original space- and time-cogniton out of the realm of thought and places it in the body – in effect giving space- and time-cognition an es- sential physiological basis.“ Damit steht der formale Intuitionismus unserer Darstel- lung diametral entgegen. Michel (2003) zeigt aber die Fehler dieser Lesart sehr gut auf.

80 Vgl. den Disput zwischen Henrich u. Wagner (in: Tuschling 1984): Liefern Raum und Zeit schon eine Einheitsstiftung? Unsere Neuerung dabei ist: Sie müssen so gedacht werden, wenn sie unser Selbstverständnis (Nacheinander und Nebeneinander) ermög- lichen sollen.

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den vom Verstand zu Urteilen über die Anschauungen (nicht über Ge- genstände) genutzt. Ein Urteil ist dabei eine mittelbare Erkenntnis, näm- lich: die Vorstellung einer Vorstellung eines Gegenstands. Der Begriff kann dabei auf verschiedene Erscheinungen angewendet werden und er wird dadurch ein besonderer Begriff, daß die einkommende Vorstellung sich durch ihn zu einem „bestimmten“ Material verbinden läßt. Begriffe gelten folglich auch für das Viele der möglichen Anschauung (allgemeine Logik), für Eines in der konkreten Erfahrung und für alles Denkbare in der Transzendentalphilosophie. 81 Urteile müssen auf der Fähigkeit der Einheitsgestaltung mehrerer Begriffe beruhen. Können wir diesen rückbe- züglichen Umweg zu einer konkreten Benennung führen? Daß wir urtei- len, ist offensichtlich. Sehen wir uns die Struktur all dieser Urteile formal an, und zwar – noch ohne tatsächlich zu abstrahieren – bloß der Möglich- keit nach, dann haben wir zugleich eine Rückschlußmöglichkeit auf dieje- nigen Fähigkeiten gewonnen, die hinter diesen Strukturen stecken müssen:

die (Grund-)Funktionen des Denkens. Zusammengestellt folgt aus diesen die Tafel der Urteile, wie Kant sie nach der beschriebenen „Abstraktions- methode“ auffand. 82 Hier muß uns evident werden, daß wir kein Urteil (und mithin auch keinen Sprechakt) denken können, das nicht jeweils alle vier Formen aufzeigen müßte. In der Reflexion der Spontaneität auf ihre Grundfunktionen – und nicht etwa auf das, was sie hervorbringen können –, wird klar, daß die Vollständigkeit aller Kategorien in einem Urteil, alle einzelnen Kategorien darin aber in vielen einzelnen Urteilen beschrieben werden müssen. Diese Beschreibung verbindet sich immer zugleich mit drei weiteren Grundfunktionen dieses reinen Urteils, wodurch die Struk- turen einer Urteilstafel sich insgesamt darstellen müssen: 83

81 Dies ist ja der Zweig der Philosophie, den wir durch die transzendental-kritische Untersuchung vorbereiten.

82 Reich (1986, S. 7) wirft die Frage auf, wie Kant denn überhaupt zu dieser Tafel ge- langt. M. E. trifft der hier vorgebrachte Zirkelvorwurf (ebd., S. 28) Kant nicht, da die Kategorien (an dieser Stelle) als Gegenstand und nicht als grundlegende Denkfunkti- onen im Vollzug aufgefaßt werden.

83 In dieser Darstellung ist bereits der weitere Schritt zur Apperzeption ablesbar, denn wenn Kant in seiner Untersuchung auf die beiden Grundfunktionen des Verbindens und des Unterscheidens stößt, dann wird die Notwendigkeit der Apperzeption klar durch folgenden Gedanken: Eine Unterscheidung bedarf einer Einheit, die sie zer- gliedern kann, aber auch eine Einheit bedarf eines Einigen, für das sie eine Einheit sein kann, so daß das Denken der Vernunft über die Grundlage des Denkens insge- samt die Notwendigkeit der Apperzeption (eines „Ich denke“) als Möglichkeit der Denk-Einheit denken muß und somit ein notwendiges und allgemeingültiges Prinzip deduziert.

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Die Tafel der Urteile (B 95). 84

1. Quantität der Urtheile.

2. Qualität der Urtheile.

3. Relation der Urtheile.

4. Modalität der Urtheile.

In den Urteilen erkennen wir, was formal aus jedem Erkenntnisprozeß resultieren kann. Auch was „hineingeht“, können wir (kategorial) bezeich- nen: das Mannigfaltige der Anschauungen. Die dort gegebenen Gegens- tände werden in konkreten Urteilen entweder einzeln, in Gruppen (einige)

oder in Allsätzen beschrieben. Es ist folglich die denknotwendige Reflexi- on auf die Möglichkeit der Erkenntnis überhaupt, unter der sich die Urtei- le in dieser Form auch als vollzählig erweisen. „Man kann sich der Kate- gorien und ihrer Vollständigkeit nur im Ausgang von der Urteilstafel versichern.“ (Baumanns 1997, S. 81) Abgeleitet aus unserem Denken der Tafel der Urteile, gelangen wir mit Kant nun letztlich zu den fundamental tätigen Funktionen des Verstandes überhaupt: den Kategorien, die unsere Urteile grundlegen und aus denen sich auch die Urteile über die Urteilsta- fel und über sie selbst noch zusammensetzen. 85 Die Tafel der Kategorien (B 106). 86

1. Der Quantität.

2. Der Qualität.

3. Der Relation.

der Inhärenz und Subsistenz (substantia et accidens), der Causalität und Dependenz (Ursache und Wirkung), der Gemeinschaft (Wechselwirkung zwischen dem Handelnden und Leidenden).

4. Der Modalität.

Allgemeine, Besondere, Einzelne.

Bejahende, Verneinende, Unendliche.

Kategorische, Hypothetische, Disjunctive.

Problematische, Assertorische, Apodiktische.

Einheit, Vielheit, Allheit.

Realität, Negation, Limitation.

Möglichkeit – Unmöglichkeit, Dasein – Nichtsein, Nothwendigkeit – Zufälligkeit.

Was geschieht in diesem Erkenntnisprozeß? Welche Leistung vollbringen hier die Funktionen des Verstandes? Wie hängen die scheinbar auf den Kopf gestellten Anordnungen von Urteilstafel und Kategorien zusam-

84 Vgl. Wittek zur Urteilstafel (1996, S. 66 zu Reich, S. 67 ff. zu Cassirer, S. 75 zu Bau- manns, S. 81 zu Brandt). Es macht hingegen keinen Sinn auf Schlüters (1999) zwölf Möglichkeiten des Urteils zurückzugreifen.

85 Vgl. Kaulbach (1969, S. 137): Diese außerordentliche Darstellung eignet sich sehr gut zur Diskussion mit Strawson. Eine gute Beschreibung findet sich auch bei Jaspers (1957, S. 208) zum Fortschreiten aus Erkenntnissätzen zu den Kategorien des Den- kens.

86 Auch Valentiner (1949, S. 30 u. S. 32) verweist ausdrücklich darauf, daß es sich nicht um eine logische Distinktion im herkömmlichen Sinne handelt, sondern um den Auf- riß der Denkleisung. Seiner Meinung nach wurde auch noch keine weitere Kategorie entdeckt.

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Die Kritik der reinen Vernunft

men? Zur letzten Frage läßt sich vorweg folgendes bemerken: Wenn die Gegenstände der Wahrnehmung alle verschieden sind, müssen sie auch

alle entsprechend einzeln eingeordnet werden. Über jeden dieser Gegens- “

tände erfolgt ein Einzelurteil: „Dieses

pen aufgeteilt, so wird ein Teil der Gegenstände in verschiedene Ord- nungsvorstellungen überführt, und ein Urteil über eine dieser Gruppen “

wäre ein besonderes Urteil: „Einige

genstände dasselbe Merkmal aufweisen, umfängt der Ordnungsprozeß nur eine einzige Sparte, und das Urteil umfaßt mit dem Begriff der Einheit alle darunter befindlichen Gegenstände. Schon in den angesprochenen Möglichkeiten wird klar, daß ein Urteil mehr Aspekte hat als nur den der Quantität. Es birgt mindestens auch immer zugleich eine Qualität, eine Relation und eine Modalität. Wie kommen wir nun von den übrigen Urteilsformen zu den entsprechenden Kategorien? 87 Bejahende Urteile schreiben einem Sachverhalt zu, daß er ist (Realität), und zwar eigentlich ausschließlich in bezug auf die Empfindung: Ja, da hat etwas gereizt, das ist wirklich. Verneinende Urteile verneinen entspre- chend dasjenige, was als Realität angedacht wurde. Unendlich wird ein Urteil, wenn nicht das Prädikat in toto verneint, sondern nur das Zuge- sprochene (der zweite Begriff in dieser Verbindung) ausgeschlossen wird. Die bleibende Bejahung des ersten Begriffs schließt in dessen Realität also nur ein bestimmtes Vorkommnis aus: Das ist es nicht, es kann aber alles andere sein. Die Relationen, in denen Urteile auftreten, erweisen sich als kategori- sche Urteile, die uns ein Subjekt und ein Prädikat geben – die einfachste Verbindung zweier Begriffe in dieser Art findet durch eine Kopula statt; auch wissenschaftliche Prinzipien stellen sich in dieser Form dar. Ohne eine Bedingung sagt der Satz aus, was ist. Er spricht einer Substanz ein Akzidens zu. Dabei kann es sein, daß wie bei analytischen Sätzen diese Zugabe im Begriff selbst schon verankert ist (Inhärenz) oder aber not- wendig unter diesen ersten Begriff fällt (Subsistenz). Ein textnahes Bei- spiel hierfür wäre: Die Sonne erwärmt (die Erde). Eine weitere Relation kann entstehen, wenn eine Bedingung erfüllt sein muß, um eine bestimm- te Folge feststellen zu können. In diesem Fall muß der entsprechende Sachverhalt (oder sein Gegenteil) in einem hypothetischen Urteil ausge- drückt werden. Es muß hier also ein Aufeinanderfolgen in einer bestimm- ten Beziehung geordnet werden, nämlich im Zuge einer Kausalität oder einer Folge. Im Unterschied dazu wird ein disjunktives Urteil hervorge- bracht, wenn alternative Zustände behauptet werden können: Entweder

Wenn hingegen alle einzelnen Ge-

Werden sie in besondere Grup-

Die Paraphrasierung der KrV

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ist es so oder so. Zumindest die Inhalte dieses Urteils müssen also, wenn die Auswahl besteht, in einer Wechselwirkung, d. i. hier: „Gemeinschaft“, stehen. Ein Kantisches Beispiel wäre die einfache Situation: Ich betrachte einen Stern, und in diesem Moment bin ich mit ihm über den mich errei- chenden Lichtstrahl verbunden. Wir stehen in Wechselbeziehung, und es muß nun entschieden werden, welcher Begriff dem je anderen überhaupt als Subjekt zugrunde liegen bzw. welches Prädikat hinzugefügt werden soll. Alle Bestandteile eines Gefüges sind damit aber in einem gemeinsa- men (gleichzeitigen) Beziehungszusammenhang gedacht. Es fehlen noch die Modalitäten: Ist ein Sachverhalt möglich, wird er in einem problematischen Urteil ausgedrückt („kann“); ist er wirklich, dann in einem sogenannten assertorischen („ist“), und wenn er notwendig auf- tritt, in einem apodiktischen Urteil („muß“). In diesen Schilderungen wird zugleich die Ableitung der Kategorien aus den Urteilen deutlich. Die verwirrende Überkreuzstellung der einzel- nen Bereiche erklärt sich gewinnbringend durch ihre Verbindung, und wir müssen keinen „Trick“ anwenden, wie etwa Külpe (1912, S. 61), der ein- fach eine von Kant abweichende Anordnung wählt, das Einzelurteil mit der Einheit identifiziert etc., und gerade deshalb den Unterschied zwi- schen dem Urteil und der Funktion des Verstandes nicht herausarbeiten kann. Eine allgemeine Anmerkung Kants zu den jeweils dritten Bestand- teilen der einzelnen Kategorien legt zusätzlich methodisch nahe, daß auch diese immer aus der Verbindung der ersten beiden hervorgehen, aber nicht aus diesen abgeleitet sind. Es wirkt ein Akt der Synthesis, der uns als besondere Funktion des (großen) Verstandes entgegentritt. 88 Wir werden sehen, daß im Rahmen der transzendentalen Logik die Fortschritte innerhalb der wissenschaftlichen Logik ebensowenig als Ge- genargument gegen diese Schematik verwendet werden können wie die Fortschritte der Mathematik gegen die Aussagen, daß Raum und Zeit die grundlegenden Formen aller Anschauungen sind. Denken wir etwa mit der „String-Theorie“ in zwölf Dimensionen, so scheint das doch zumin- dest sehr räumlich zu sein, wenn auch die paradigmatischen Drei- Dimensionen-Äußerungen Kants darunter leiden. In der Logik müssen wir doch aber fragen, wie die neuen Erkenntnisse möglich waren, und wir werden sie zurückführen können auf das, was dem Menschen überhaupt möglich ist. Wenn die Tafel aber auch nur geringfügig verschoben oder erweitert werden müßte, wäre die Methode als notwendige und vollständi-

88 Vgl. Deleuze (1990, S. 44) zur Synthese. Nink (1930, S. 162 ff.) bestimmt drei grund- legende Arten der Synthesis: die der Apprehension der Vorstellungen, die der Repro- duktion der Vorstellungen in der Einbildung (obwohl Nink zuvor dem Verstand jede Synthesis zuspricht) und die der Rekognition (dem Bewußtsein der Einheit der Syn- thesis).

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Die Kritik der reinen Vernunft

ge nach unserer Betrachtungsweise lediglich „vollständig“ in der Art ihres Scheiterns. In vielen Darstellungen der Kategorien wird der zentrale Aspekt ver- nachlässigt, daß in jedem Urteil alle vier kategorialen Aspekte vorhanden sind. 89 Urteile müssen nicht logisch „richtig“ sein, um auf Kategorien zu basieren – das tun alle Urteile als solche unweigerlich. Vorwürfe von Sei- ten der Logiker 90 betreffen die KrV in diesem Bereich weder auf ihrer transzendental-kritischen Ebene noch hinsichtlich ihres Gehalts. Wenn ich etwas bejahe, dann bejahe ich immer ein Urteil. Schreie ich vor Schmerz, läßt sich dies auf die Funktion zurückführen, einen Sinnesein- druck unter das Verständnis zu bringen: Dieser Stein hat mir Schmerzen verursacht. Die Urteile haben diese Funktion, sind aber nicht zusammen- gesetzt aus Begriffen, die diese Urteilsfunktionen wiederum ermöglichen müßten. Wider die Bedenken gegenüber einer unzureichenden Basis für die Beschreibung des menschlichen Denkens bietet unsere Interpretation immerhin „drei hoch vier“ formale Kombinationsmöglichkeiten. 91

89 Leider (1977, S. 9) schreibt dazu: „Sämtliche Kategorien Kants (vier Titel mit je drei Modi) sind in unserer Transzendentalphilosophie synthetisch miteinander verbun- den und damit zugleich als getrennte aufgehoben. Die Kategorientitel der Quantität, Qualität, Relation und Modalität sind nicht voneinander zu trennen, sondern ergeben nur zusammengenommen ihren tiefen transzendentalen Sinn. Es gibt keine Quantität ohne Qualität, Relation und Modalität usw., und analog verhält es sich mit den einzel- nen Kategorienmodi, deren dritter Modus stets aus der Synthese des ersten und zwei- ten Modus entsteht. Der Kategorientitel der Quantität, die, was ihre Modi angeht, als Allheit aus der Synthese von Einheit und Vielheit entspringt, verbindet sich mit dem Kategorientitel der Qualität, die, was ihre Modi betrifft, als Limitation (Begrenzung) aus der Synthese von Bejahung und Verneinung resultiert und damit den transzen- dentalen Horizont setzt. Die Qualität des Horizonts aber steht in Beziehung zur transzendentalen Zentrumsmitte und setzt dadurch den Kategorientitel der Relation, deren dritter Modus aus der Synthese von Substantialität und Kausalität als wahre Wechselwirkung zu begreifen ist, der Wechselwirkung von Zentrum und Grenze, von Substantialität und Kausalität, aus welcher Wechselwirkung der Kategorientitel der Modalität mit ihren drei Modi sich ergibt, wobei die transzendentale Notwendigkeit eine Synthese von Möglichkeit und Wirklichkeit bedeutet, also möglichgewordene Er- fahrung = Erscheinung, welche einzig und allein transzendentalen Notwendigkeitscha- rakter aufweist, in dem sich nun die apriorischen Denkformen in ihrer Titelvierheit verbinden mit den beiden apriorischen Anschauungsformen Raum und Zeit, und bei- de, Denk- und Anschauungsformen, als apriorische Formen sich beziehen auf den un- bekannten Stoff der Empfindungen, der aposteriori auf uns einwirkt.“

90 Vgl. Aebi (1949) und besonders Natterer (2002, S. 45 ff.).

91 Vgl. v. Aster (1918, S. 44). Dem wird u. a. Schopenhauer in Paulsens (1920, S. 166) zweckorientierter Darstellung nicht gerecht, wenn er nur die Kausalität gelten läßt – bzw. die vier Formen des zureichenden Grundes aus seiner Dissertation – und die anderen Formen lediglich als „blinde Fenster“ bezeichnet. Welche Denkstruktur wendet er wohl an, um dies zu verifizieren oder um diese Urteile zu bilden? Von die- ser neuen Vermutung ausgehend, läßt sich der eindrucksvolle Ansatz von Klimmek

Die Paraphrasierung der KrV

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Die Begriffe selbst beziehen sich auf eine empirische oder apriorische Anschauung. Wenn der Inhalt (nicht mehr nur: die Materie der Empfin- dung) der Anschauung unter einen Begriff gefaßt wird, so leistet der Verstand nach Kant das Durchgehen, Aufnehmen und Verbinden. Diese Vorgehensweise beschreibt die Bezeichnung „Synthesis“, die je nach An- schauungsart entsprechend rein oder empirisch sein kann. Ohne diese Anregung und Verbindung kann kein Begriff als Ordnungsvorstellung entstehen, denn erst die Synthesis eröffnet damit auch die Möglichkeit analytischen Denkens: Es muß zur Anregung der Verstandestätigkeit et- was vorhanden sein, das wieder zergliedert werden kann, nämlich ein Zu- sammengesetztes. 92 Die Synthesis verbindet insgesamt die Bestandteile der Erkenntnis und vereinigt sie zu einem „Inhalt“:

Allein die Synthesis ist doch dasjenige, was eigentlich die Elemente zu Erkennt- nissen sammlet und zu einem gewissen Inhalte vereinigt; sie ist also das erste, worauf wir Acht zu geben haben, wenn wir über den ersten Ursprung unserer Erkenntniß urtheilen wollen. (B 103)

Synthesis wird als Wirkung eines eigenen Vermögens, der Einbildungs- kraft 93 , gedacht, die nach Kant eine „blinde“ aber unentbehrliche Funktion „der Seele“ ist. Nach der Verbindung werden die „Pakete“ mit einer Kombination aus Begriffen belegt. Transzendentale Logik lehrt also nicht

(2005) zur Tafel der Ideen auch grundsätzlich auf die angegebene Anzahl erweitern. Klimmek geht davon aus, daß die als Ideen bezeichneten Seele, Freiheit und Gott le- diglich Titel für Ideenklassen darstellen, unter die eigentlich eine Ideenzahl (entspre- chend der der Kategorien) angenommen werden müßte. Klimmek kommt allerdings mit seiner Interpretation nur auf zwölf Ideen (vgl. ebd., S. 59 f.). Eine wichtige Folge aus Klimmeks Untersuchung ist, daß eine transzenentale Deduktion der Ideen insge- samt als sinnwidrig abgelehnt werden kann. Für uns ist im folgenden die Idee insge- samt immer eine Schlußfigur, die ohne Verbindung der Verstandesregel zur Anschau- ung vollzogen wird, aber in bestimmten Fällen trotzdem mit Erkenntnisanspruch auftritt.

92 Durch diese Argumentation erklärt sich die Möglichkeit der Natur, aber nicht wie die Begriffe selbst möglich sind. Dazu können wir nichts sagen, da wir immer nur diese Bedingung auf sich selbst anwenden. Das Problem wird in IV 318 ausgeführt: „Wie aber diese eigenthümliche Eigenschaft unsrer Sinnlichkeit selbst, oder die unseres Verstandes und der ihm und allem Denken zum Grunde liegenden nothwendigen Apperception möglich sei, läßt sich nicht weiter auflösen und beantworten, weil wir ihrer zu aller Beantwortung und zu allem Denken der Gegenstände immer wieder nöthig haben.“ Entgegen Alberts Ausführungen (1977) zu einer letztbegründenden Nichtletztbegründungsmöglichkeit zeigt Kant sehr wohl, wie sich Menschen letzte- nendes Denken müssen.

93 Die Einbildungskraft wird in den beiden Auflagen der KrV unterschiedlich verwen- det. Weder Heidegger (in Böhme u. Böhme 1985, S. 243), noch Böhme und Böhme (ebd., S. 313) scheinen mir damit recht zu behalten, daß die Einbildungskraft ganz im Verstand aufgenommen wird. Sie gehört wesensmäßig zu beiden Vermögen – als je gegebene Bedingung der Möglichkeit einer Verbindung.

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Die Kritik der reinen Vernunft

wie die allgemeine Logik ein analytisches Vorgehen, Vorstellungen unter bestimmte Begriffe zu bringen oder Begriffe zu zergliedern, sondern sie unternimmt es, reine Synthesis auf Begriffe zu bringen. Sowohl im Urteil als auch in der Beschreibung der Synthesis wird dabei die Verbindung durch den formalen Verstandesbegriff hergestellt. Wir suchen also die Verstandesfunktionen, die tendenziell auf die Anschauung a priori abzie- len. Der Unterschied z. B. zu den Aristotelischen Kategorien besteht dar- in, daß unsere Festsetzungen nicht mehr als willkürliche Denkakte aufge- faßt werden können, sondern notwendig als Grundfunktionen allen Denkens gedacht werden müssen. „Diese Eintheilung ist systematisch aus einem gemeinschaftlichen Princip, nämlich dem Vermögen zu urtheilen (welches eben so viel ist, als das Vermögen zu denken).“ (B 106) Aristote- les fand dieses gemeinschaftliche Prinzip nicht und war somit der trans- zendentalphilosophischen Kontingenz unterworfen. Gleichzeitig wird also auch der Unterschied der transzendentalen Logik zu einer wie auch immer gearteten Metaphysik deutlich gemacht werden müssen. Problematisch im Rahmen unserer Unterscheidung bleibt das Ding an sich im Hintergrund unserer Denkarbeit. Aufschluß über dessen zwingen- de Annahme gibt der notwendig fortschreitende Gedankengang, wenn die Kategorien in zwei Klassen verbunden werden: Qualität und Quantität beziehen sich auf die Gegenstände (reine und empirische) selbst, die ande- ren beiden aber allein auf die Existenz(-weise) der Gegenstände, in deren Beziehung aufeinander oder in ihrem Bezug auf den Verstand. Die „ma- thematische Klasse“ mit Quantität und Qualität beschreibt die Gegens- tände, unabhängig von ihrer Erscheinung, während die „dynamische“ Klassifizierung durch Relation und Modalität in ihrer Aussagekraft bis auf die Empfindung zurückgeht. Damit verzeichnet diese allein, ob den Ge- genständen „Wirklichkeit“ zukommt oder nicht und muß damit auf ein Wirkverhältnis und eine Modalitätsfrage zurückgreifen, die in anderer Weise auch in der reproduktiven Leistung der Einbildungskraft angewen- det wird. 94 Welchen Fortschritt bietet uns nun letztlich diese analytische Betrach- tung, da wir doch die Synthesis längst als Prinzip aufgetan haben, das fundamentaler ist als alles begriffliche Denken? Nachdem wir nun wissen, daß die Verbindung vor der Zergliederung vorhanden sein mußte – denn verbunden sind die Vorstellungen und Begriffe ohne Zweifel –, müssen wir die Synthesis, wenn wir sie denken wollen, selbst auf Begriffe bringen. Da ihre Grundfunktionen, wie wir sie denken können, rein sind, und da in

94 Mit Heidegger (1951, S. 127 f. u. S. 134) sehe ich die Einbildungskraft als Grundver- mögen – allerdings nicht als „erkennendes“, sondern als ein die Erkenntnis konstitu- ierndes Vermögen, durch das hier eine Erkenntnis gefaßt wird.

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ihr alles verbunden wird, was überhaupt denkbar ist, erhalten wir aus- schließlich auf diesem Weg die oben angeführte Tafel der grundlegendsten Begriffe des Denkvermögens. Weil eben dieser Umstand aber auch schon in der Verbindung der Begriffe zum Urteil auftrat, die Urteilstafel aber vollständig zu sein scheint, können wir in ihr zumindest die Begriffe fin- den, auf denen dann die Synthesis ihrer Beschreibbarkeit nach selbst wie- der basiert. Diese Reflexion bestimmt folglich das Ringen um die apriori- schen Prinzipien des menschlichen Denkens, denn in ihr verweist Kant auf die Synthesis zwischen den einzelnen Vermögen als die Funktion der Einbildungskraft, die auf besondere Weise der Urteilskraft und deren Fähigkeit der Subsumtion zuspielt. Gibt diese „unbestimmte Funktion der Seele“ uns die Bedingung der Möglichkeit des Verbindungsvermögens und somit in gewisser Weise auch die des Einheitsgedankens preis? Die Aufgabe, reine Synthesis durch Begriffe zu beschreiben, basiert ihrerseits auf den Ergebnissen der Kategorientafel. Abgeleitet aus der Tafel der reinen Urteile beschreibt sie uns einen sicheren Umgang mit den reinen Funktionen, auf dem die weiteren Begriffe aufbauen können. Aus der „Transscendentalphilosphie der Alten“ (B 113) können dazu durchaus reine Ansätze entnommen werden: quodlibens ens est unum, verum, bo- num. Alle reinen Urteile basieren notwendigerweise auf den reinen Funk- tionen des Denkens – daß sie aber sämtlich Erkenntnisanspruch postulie- ren dürfen, ist leicht zu verwerfen: Selbst Widerspruchslosigkeit ist kein hinreichendes Anzeichen von Realität oder Wahrheit, wenn die Synthese zur Sinnlichkeit fehlt. Die Untersuchung der Verbindungsmöglichkeit muß aus diesem Grund mit der Deduktion der reinen Verstandesbegriffe im Zentrum der Analytik stehen. 95 Wenn von Erkenntnissen gesprochen wird, so kann damit einerseits auf Tatsachen Bezug genommen werden (quid facti), wodurch eine „objektive“ Realität des Erkenntnisgegenstands für alle Menschen vorausgesetzt wird. Manche Themen werden anderer- seits hinsichtlich der Rechtmäßigkeit ihres Gebrauchs als Erkenntnis bzw. Erfahrung hinterfragt – quid iuris. 96 Eine Deduktion soll durch den Be- weis dieser Rechtmäßigkeit anzeigen, wie sich Begriffe a priori überhaupt auf (mögliche) Gegenstände beziehen können. Henrich referiert erstmalig in der Marburger Diskussionsrunde von 1981 eine gänzlich neue Sichtwei- se der juristischen Deduktionsbedeutung (wenn auch besonders auf §§ 16- 26 bezogen) als einer „Geschichtserzählung“, die einen genealogischen

96 Vgl. dazu Birven (1913, S. 11). An weiteren Stellen werden sowohl die Aufgabe (ebd., S. 17) als auch der zweimalige „Emporstieg“ Kants zur Deduktion (ebd., S. 28) – un- ter Berücksichtigung der drei bis vier Fassungen in der ersten Auflage (ebd., S. 23-43, bes. S. 42), die für ihn zum Verständinis der KrV noch immer wichtig erscheinen – ganz in unserem Sinne als ein Gedankengang dargestellt.

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Die Kritik der reinen Vernunft

Legitimitätsbeleg als Vorlage heranzieht. Der erforderliche Nachweis ent- spreche dabei dem, was für die Begriffe von Raum und Zeit durch den Nachweis ihrer Quellen in der reinen Anschauung bereits gezeigt wurde. Eine solche Leistung hätte aus der Erfahrung allein nie hinreichend belegt werden können. Es bedarf für unsere Zwecke also wiederum einer transzendentalen Deduktion, denn in jeder anderen „Herleitung“ könnte ein Bestandteil der Materie unerkannt vorhanden sein. Während die metaphysische Dedukti- on ohne die Verbindung zwischen Verstand und Sinnlichkeit auskommt und lediglich auf solche Begriffe rekurriert, die ohne Materie und ohne Erkenntnisanspruch auftreten, bringt die transzendentale Deduktion Er- kenntnisse aus dem Rückbezug der reinen Begriffe auf die reinen Formen der Anschauung hervor.

Wir haben jetzt schon zweierlei Begriffe von ganz verschiedener Art, die doch darin mit einander übereinkommen, daß sie beiderseits völlig a priori sich auf Ge- genstände beziehen, nämlich die Begriffe des Raumes und der Zeit als Formen der Sinnlichkeit und die Kategorien als Begriffe des Verstandes. Von ihnen eine empirische Deduction versuchen wollen, würde ganz vergebliche Arbeit sein, weil eben darin das Unterscheidende ihrer Natur liegt, daß sie sich auf ihre Gegens- tände beziehen, ohne etwas zu deren Vorstellung aus der Erfahrung entlehnt zu haben. Wenn also eine Deduction derselben nöthig ist, so wird sie jederzeit transscendental sein müssen. (B 118)

Bei der Deduktion kann es sich ebensowenig um induktiv-empirische Züge einer Rechtfertigung handeln, wie die Interpretation der Begriffe als Sachverhalte in diesem Zusammenhang funktionieren könnte. Die De- duktion der Kategorien muß vielmehr belegen, daß die Funktionen des Denkens in synthetischer Beziehung zur Anschauung stehen können, um die Möglichkeit einer Erkenntnis überhaupt und dieser Erkenntnis selbst im speziellen nachzuweisen. In der metaphysischen Vorgehensweise blei- ben die Begriffe zwar (analytisch-)apriorisch, entfalten jedoch erst in der transzendental-kritischen Methode ihre grundlegende Funktion als Prin- zip, das selbst andere synthetische Urteile a priori ermöglicht. 97 Die Frage ist also, wie durch die Funktionen des Denkens dezidiert subjektive Bedin- gungen eine Gültigkeit für Objekte erlangen können. Es muß dargelegt werden, daß ohne die Begriffe gar keine Erfahrung möglich wäre, und zugleich eine Erkenntniskonstitution durch die Gegenstände ausgeschlos- sen wird. Dabei versuchen wir nicht zu erklären, wie Erfahrung an sich

97 Es muß also die Unterscheidung aus der transzendentalen Ästhetik herangezogen werden, die zwischen dem Denken der reinen Anschauungsformen, „in“ denen eine Synthese unter dem synthetischen Denken dieser Struktur gedacht werden kann, und den reinen Begriffen, „unter“ denen diese Synthese im synthetischen Erkenntnisakt nun beschrieben werden kann.

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möglich ist, weil wir damit den Zuständigkeitsbereich der empirischen Psychologie streifen, und ein Hysteron-Proteron uns jegliche Antwort verwehren würde. Wohl aber suchen wir diejenigen Begriffe, die alle Er- fahrung für unser Denken möglich machen. Daß wir Erfahrung haben, ist ja für Menschen eine unleugbare Tatsache und muß also nicht untersucht werden (§ 13). 98 Kants Argumentation bereitet sich zunächst wieder analy- tisch vor: Für eine Erkenntnis ist a) eine Anschauung, b) ein Begriff und c) deren Verbindung notwendig. Stellen Begriffe und Anschauungen selbst schon die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis dar, oder hängen sie etwa doch den Gegenständen an? Da nicht alle Anschauungen Begriffe bei sich führen, sie hingegen im Erkenntnisfall den Begriffen stets vorausgehen, können die Begriffe nicht in den Gegenständen liegen. An- schauungen sind schließlich keine Begriffe und Begriffe keine Anschauun- gen, auch wenn die transzendental-kritische Betrachtung beide in Begrif- fen denkt (§ 14). 99 Die Vorstellung eines Gegenstands wirft hinsichtlich der Begriffe nun die Frage auf, ob es solche gibt, die den Gegenständen notwendig „vo- rausgehen“, denn dann wäre die Erkenntnis der Gegenstände immer die- sen Grundlagen gemäß. Wir versuchen dasjenige ausfindig zu machen, was die Begriffe von Gegenständen als Bedingung der Möglichkeit aller Erfahrungserkenntnis auszeichnen würde. Der notwendige Bezug zur Anschauung a priori kann ausschließlich unter denjenigen Begriffen aufge- funden werden, die notwendig Gegenstände der Erfahrung tangieren. Die analytische Leistung des Verstandes kann erst danach entstehen, nämlich frühestens nach der ersten Anregung und dann durch die Isolation von die- sem sinnlichen Bereich. Der rein logische Gebrauch des Verstandes ver- nachlässigt hier die Begriffszuweisungen an beliebige „Mannigfaltigkeiten“ aus der Anschauung. Schon aus diesen metaphysischen Vorüberlegungen resultiert der Hin- weis auf das gesuchte Prinzip: Die unhintergehbare Notwendigkeit des Begriffsanteils an der Generierung von Erfahrung muß eine konstitutive Leistung sein. Die transzendentale Deduktion der Verstandesbegriffe soll diese Tendenz des Denkens als allgemeingültig und notwendig aufwei-

98 Die zwei Fragestellungen, die Horstmann (1984, S. 18 ff.) in Auseinandersetzung mit Strawson, Bennett und Wolff entwickelt, werden in dieser Beschreibung behandelt, al- lerdings auf Argumentationsschritten aufbauend, die stärker divergieren, als er es wie- dergibt.

99 Demnach wäre eine Gliederung in Anlehnung an die transzendentale Ästhetik so zu beschreiben: §§ 13 f. bilden den Übergang zur Deduktion, §§ 15-19 den analytischen Teile („metaphysisch“), §§ 20-25 zeigen dann die Verbindung zu jeder möglichen Er- fahrung auf, § 26 f sind dann die eigentliche transzendental-kritische Deduktion (vgl. B 124).

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Die Kritik der reinen Vernunft

sen, 100 und dazu konzentriert sie sich auf die prinzipielle Voraussetzung dieses Denkens der reinen Begriffe und deren Einbindung in die Er- kenntnisbildung. Im Rahmen unserer reinen Gedankenleistung schreitet der Nachweis also auf das fundamentale Prinzip zu, das allen Verstandes- begriffen als Bedingung dieser einheitlichen Betrachtung zugrunde liegen muß. Wir hatten es eben im Begriff der Synthesis schon angesprochen:

Die Verbindung des Mannigfaltigen kann nicht im Mannigfaltigen bzw. in dessen ursprünglich sensorisch-vereinzelten Bestandteilen liegen, da sie von Raum und Zeit erst zur Gegenstandsanschauung umgebildet wird. Raum und Zeit bedürfen aber zur Erkenntnisbildung ebenfalls der reinen Synthesis, und die Verbindung selbst kann uns folglich nicht durch die Sinnlichkeit allein zukommen. Vielmehr scheint alles, was in uns verbun- den wird, auf einem synthetischen Akt der Spontaneität zu beruhen. In der ersten Auflage wird durch die Einbindung der subtileren Unterteilung der Einbildungskraft besser deutlich, wie diese als Vermögen der Synthesis zunächst die Apprehension (rein oder material – nämlich hinsichtlich der Anschauungen als Erscheinung, bezüglich des Verstandes als Apperzepti- on) ermöglicht. Ohne die transzendentale Verbindung von Sinnlichkeit und Verstand könnte die Vorstellung eines Objekts niemals entstehen. Die Synthesis ist zugleich auch die einzige Vorstellung, die nicht durch die reinen Objektbedingungen mitgegeben wird, sondern diesen selbst noch als Bedingung der Möglichkeit zugrunde liegt. Immerhin ist ja das Objekt schon die Vorstellung einer Verbindung. Jede Zergliederung, die der Verstand leisten will, setzt daher eine vorhergehende Synthesis voraus. Ohne diese wäre das Mannigfaltige (Einheit) eben nur: mannigfaltig (Viel- heit). Durch diesen und in diesem Gedankengang wird somit ein trans- zendentales Prinzip a priori angewendet, das wiederum den Weg zu einer transzendentalen Deduktion der Verstandesfunktionen impliziert. Aus der Verbindung von reiner Anschauung und reinen Begriffen fassen wir ge- meinsam eine transzendentale Erkenntnis: Der Mensch muß eine „Ein- heit“ (eine andere als die der Quantität) denken können, um etwas zu ihr verbinden zu können, sowohl zu einem Subjekt als auch zu einem Objekt. In unserer Selbstbetrachtung jedoch manifestiert sich die transzendentale Dimension insbesondere dadurch, daß in ihrer Ausrichtung auf den Men- schen als Einheit die Bedingung der Möglichkeit einer jeden Erkenntnis zutage tritt. Die Verbindung als Begriff führt immer die Einheit von Man- nigfaltigkeit und Synthesis mit sich. Und der Begriff der Einheit kann selbst nicht aus dem der Verbindung stammen, da er diesen erst ermög- licht.

100 Diese Untersuchung, die gleichsam als „Aufdeckung der innersten Methodik“ fun- giert, ist aber nicht selbst metaphysisch, wie Cohen (1989, S. 3 u. S. 12) vermutet.

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Fazit dieser Deduktion ist also: Nicht die Kategorien selbst liefern die grundlegendste Erkenntnis unserer transzendentalen Untersuchung, ob- wohl sie den Kanon des gesamten Verstandesgebrauchs a priori umfassen, sondern ihnen liegt noch ein Prinzip zugrunde, das nicht genuin aus dem Verstand kommt: die Verbindung. Im Denken des Verstandes ist sie als Einheit des Mannigfaltigen unter den Begriffen aufzufinden. Das heißt weiter, daß weder Raum oder Zeit noch die Kategorien – wie bisher im- mer angenommen – die herausragenden Ergebnisse der transzendental- kritischen (so dieser Begriff überhaupt je ernst genommen wurde) Arbeit Kants sind. Auch die Synthesis als Verbindung beider Bereiche erweist sich nicht als das angestrebte Endprodukt, sondern erst die Erkenntnis, daß diese Synthesis nur unter der Voraussetzung der Denknotwendigkeit eines Schlusses auf die Einheit möglich ist. „Und so ist die synthetische Einheit der Apperception der höchste Punkt, an dem man allen Verstan- desgebrauch, selbst die ganze Logik und nach ihr die Transscendental- Philosophie heften muß, ja dieses Vermögen ist der Verstand selbst.“ (B 134, Anm.) Tatsächlich finden wir diesen Höhepunkt der transzendenta- len Logik in der ursprünglichen synthetischen Einheit der Apperzeption 101 wieder, die durch den folgenden Allsatz schon das Fichtesche Problem des Ich und Nicht-Ich – das wiederum in seiner Dualität einem Ich als Nicht-Ich aufleuchtet, usf. bis ins Unendliche – bereinigt und auf theoreti- schem, nicht erst auf praktischem Boden entscheidet: Das „Ich denke“ 102 muß alle meine Vorstellungen begleiten können, sonst wären es nicht mei- ne, und es wären keine Vorstellungen. Die Einheit wird durch ihren syn- thetischen Charakter vor der Zergliederung und letztlich auch vor der

101 Vgl. Wittek (1996, S. 128 u. S. 131), Windelband (1904, S. 76), Martin (1960, S. 201- 221) und Heidegger (1993, S. 319).

102 Von Reich (1986, S. 33 ff.) wird dies fälschlicherweise als analytische Einheit des Bewußtseins dargestellt. Unsere Erkenntnis betreffs des „Ich denke“ ist aber aktual mit und durch dieses getätigt und muß ohne Zweifel durch den inneren Sinn der Selbstanschauung „in der Zeit“ und synthetisch sein. Dazu vergleiche man auch die umfassende Arbeit Natterers, der die Apperzeption sehr genau analysiert und zehn Charakteristika aufstellt (2002, S. 36), eine dreifache Attributsszuweisung zum „Ich denke“ beschreibt (Analytizität, unmittelbare Abhängigkeit von der ursprünglich- synthetischen Einheit der Apperzeption und mittelbare Abhängigkeit von sensori- schen Daten und Anschauungen, ebd., S. 32 f.), der weiter eine doppelte Bedeutung der „objektiven Einheit“ konstatiert und insgesamt einen fulminanten Forschungs- überblick (z. B. mit einer ausgezeichneten Zurückweisung Guyers; ebd., S. 39) liefert. Aber wie er seine eigenen Erkenntnisse bzgl. der reinen Apperzeption rechtfertigt, außer in dem Verweis auf seine umfassende Textsammlung, bleibt dem Leser ver- schlossen. Nur deshalb können hier irreleitende Vergleiche z. B. zwischen Apperzep- tion und Paralogismen aufgestellt werden. Zur Vertiefung der Textanalyse kann Nat- terers grandioses Herbarium ohne Einschränkung empfohlen werden, aber ein Verständnis des kritischen Vorgehens selbst wird auch damit nicht erreicht.

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intellektuellen Anschauung bewahrt, indem sie notwendige Bedingung der Möglichkeit einer jeden Erkenntnis, ergo auch der einer jeden Anschau- ung und der einer jeden Analytik ist. Das „Ich denke“ ist das Prinzip der (großen) Verstandestätigkeit a priori als reine Apperzeption. 103 Das Prin- zip erhält seine Wirklichkeit aus unserem Vollzug durch das Vermögen der Prinzipien selbst.

Der „transzendentale“, aus der Apperzeption dargebotene Leitfaden ist, anders als ein technisches Hilfsmittel, keine methodische Invention des Verfassers der Kritik der reinen Vernunft, sondern der vernunftintern einzig mögliche und natürli- che Zugang zur höchsten transzendentalen Position. Die Apperzeption kann nur als nach logischen Funktionsarten urteilender Verstand thematisch sein. Und das Urteil kann auf vollkommen angemessene Weise nur im Lichte der Apperzepti- on, ihrer Identität und ihrer Struktur erfaßt werden. […] Die Apperzeption und ihre Struktur erschließen sich aus dem urteilsförmigen Vollzug. (Baumanns 1997, S. 244)

Nach Cohen (1910, S. 54) findet sich in Kants Vorgehen ein Aufgreifen Leibniz-Wolffscher Prägung: „die transzendentale Einheit des Selbstbe- wußtseins“ (ebd., S. 143), die durch alle Vorstellungen hindurch ihrem Wesen nach identisch gedacht werden muß. Diese wie auch andere philo- sophiehistorische Einreihungen der Arbeit Kants entstellen den An- spruch, der in unserer Deutung die so wichtige philosophia realis bestimmt:

Was ich denken kann, kann ich denken; was meine Vorstellung ist, muß notwendig auch meine Vorstellung sein. Auch Bauch (1917, S. 220) beginnt mit einem Verweis auf Cohen eine ansehnliche Auslegung dieser Textpas- sage, verfällt aber einer zutiefst psychologischen Deutungsweise (ebd., S. 221). Die transzendentale Apperzeption ist Bedingung des Bewußtseins seiner selbst (objektiv) und zusätzlich Bewußtsein selbst (subjektiv) (ebd., S. 222). Aber daß ich in diesem Gedanken letzthin notwendig noch die Be- dingung der Möglichkeit von Selbstbewußtsein denke, verweist auf die Beweisstruktur: Daß ich denke, ist die Bedingung der Möglichkeit dieser Verbindung durch deren unhintergehbare Einheit als notwendiges Denken dieser Reflexion. Beide zusammen gehen aus einem Akt hervor, der – vom Verstand allein gedacht – ein analytisches Urteil mit der Form des Satzes vom Widerspruch ergeben muß. Hier vollzieht sich durch das Sich-selbst- Denken auf dieser Ebene die Grundlage der letzten Synthese 104 , die nicht mehr als denkend synthetisiert werden kann und somit sogenannte „bund-

103 Vgl. Lachiez-Rey (1931, S. 177 u. S. 190) und Adorno (1998, S. 163 ff.) zur bloßen Apperzeption.

104 Zur Diskussion der Zusammensetzung bzw. Verhältnisse der „drei Synthesen“ oder Synthese-Arten liefert Makkreel (1997, S. 43 f.) einen aufschlußreichen Überblick zur „kumulativen“ These, zur „voraussetzenden“ These und entsprechend zu deren Ver- tretern in der Forschung.

Die Paraphrasierung der KrV

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le“-Theorien oder ähnliche Betrachtungsweisen eines gedachten Ichs auf- hebt. Alle anderen Vermögen werden durch die je aktuale (vernunfter- schlossene) Einheit erst denkbar.

Der oberste Grundsatz der Möglichkeit aller Anschauung in Beziehung auf die Sinnlichkeit war laut der transscendentalen Ästhetik: daß alles Mannigfaltige der- selben unter den formalen Bedingungen des Raums und der Zeit stehe. Der o- berste Grundsatz eben derselben in Beziehung auf den Verstand ist: daß alles Mannigfaltige der Anschauung unter Bedingungen der ursprünglich- synthetischen Einheit der Apperception stehe. (B 136)

Das Selbstbewußtsein ist das Wesensmerkmal des menschlichen Denkens, solange es nicht mit Materie bedient wird. Wir finden damit den obersten Grundsatz des Verstandes als allgemeingültigen und notwendigen Ver- nunftschluß in dieser synthetischen Hinsicht. Die Allgemeinheit löst sämt- lich die solipsistischen Bedenken, während die Notwendigkeit die Gefahr der Zirkularität bereinigt. Was nicht ausgeschaltet werden kann, ist die Tatsache, daß jeder Mensch in der Selbstbetrachtung alleine als einheits- stiftendes Ich sein Sein fristet. Vielleicht sollten wir einen Moment innehalten und das bisher Gesag- te nochmals abwägen. Versunken im Inhaltlichen, müssen wir wiederum reflektiert gewahr werden, daß selbst die kohärente Schlußfolge der vor- hergehenden Paragraphen nicht vom (kleinen) Verstand allein, sondern vor allem von der Vernunft sukzessiv ausgeführt wurde. Wie wir über uns denken müssen, gestaltet auf diesem Niveau deutliche Einblicke in die Struktur der Vernunft und in ihre Verbindung über den Verstand zum Nacheinander als einer notwendigen Voraussetzung der vernünftigen Beschreibung des Denkens und des Schließens. Eine unendliche Reihe von Hintergehungen der höchsten Reflexion steht uns gegenüber. Behal- ten wir diesen Exkurs in Erinnerung, wenn wir zunächst weiter dem Ab- lauf der KrV folgen: Er wird uns den Sinn der Dialektik vermitteln. Aber:

War das nun der transzendental-kritische Gedankengang? Befinden wir uns eigentlich schon in der transzendentalen Deduktion? Oder erweist sich das soeben Gedachte als eine weitere metaphysische Vorüberlegung? Die Überschriften zeigen den Beginn der transzendentalen „Deduktion des allgemein möglichen Erfahrungsgebrauchs“ mit dem § 26 an. Das „Ich denke“ ist inmitten all der Synthesen eine analytische Fest- stellung – identisch mit sich: Meine Vorstellung ist meine Vorstellung. Diese analytische Dimension offenbart sich deshalb, weil es dasjenige ist, was (und wie) der Verstand denken muß, wenn er sich selbst denkt. Trotzdem bildet dieser Satz die transzendentale Möglichkeit von einer Synthese überhaupt, da hierin der Boden des Einheitsdenkens (Identitäts- denkens) des Verstandes bereitet wird. Die transzendentale Einheit muß in etwas anderem bestehen als in dem obersten Grundsatz des Sich- als-

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Die Kritik der reinen Vernunft

Einheit-Denkens – obwohl hier zwar a priori gedacht wird, allerdings dann auch nur analytisch. Während die Inhalte analytisch zu sein scheinen, vollzieht sich unser Denken weiterhin in reinen synthetischen Urteilen. 105

Dagegen steht die reine Form der Anschauung in der Zeit, bloß als Anschauung überhaupt, die ein gegebenes Mannigfaltiges enthält, unter der ursprünglichen Einheit des Bewußtseins lediglich durch die nothwendige Beziehung des Mannig- faltigen der Anschauung zum Einen: Ich denke, also durch die reine Synthesis des Verstandes, welche a priori der empirischen zum Grunde liegt. Jene Einheit ist allein objectiv gültig; die empirische Einheit der Apperception, die wir hier nicht erwägen, und die auch nur von der ersteren unter gegebenen Bedingungen in conc- reto abgeleitet ist, hat nur subjective Gültigkeit. (B 140)

Die Reinheit aller beteiligten Komponenten gewährleistet dabei, daß wir auf die höchste transzendentale Erkenntnisleistung (nicht nur: Denkleis- tung) schließen können. Entgegen Paulsens Bedenken (1920, S. 173) zer- bricht Kants Deduktion nicht an diesen Formulierungen. Ein Bruch er- folgt lediglich im tatsächlichen Bezug zur reinen Sinnlichkeit: hinsichtlich der „Beharrlichkeit“ als einer Manifestation der Struktur „Zeit“ in einem Urteil. Die logische Form aller Urteile (vgl. § 19: Einheit) besteht in der ob- jektiven Einheit der Apperzeption. Für die Logiker besteht nach Kants Sichtweise das Verhältnis zweier Begriffe ausschließlich in der kategori- schen Relation (Prädikat zum Subjekt), während das Verhältnis selbst und seine Möglichkeit völlig unbeachtet bleiben. Das Prädikat (z. B. die Kopu- la) der Urteile bringt eine objektive Einheit der Apperzeption zustande, vermöge derer sich erst das objektiv gültige Verhältnis der Vorstellungen entfaltet. Die logischen Funktionen bewirken zugleich die Zuordnung der Anschauungen unter diese Begriffe. Die zentrale transzendentale Deduk- tion greift nun in § 26 die Ergebnisse der geleisteten Analyse des Verstan- des in der metaphysischen (bis § 19) und den sondierten Ansätzen (ab § 20) auf. Versuchen wir eine Vernachlässigung des Mannigfaltigen auf- rechtzuerhalten, ohne von dessen Möglichkeit überhaupt abzusehen: Wir denken also im transzendentalen Bereich auch weiterhin die Verbindung zu den reinen Formen der Sinnlichkeit mit, um den Verstand als ein Ver- mögen der Erkenntnis zu betrachten. Daraus könnte eine dem Verstand entspringende Rechtfertigung, daß aus ihm Erkenntnisse hervorgehen, allerdings noch nicht zwingend oder notwendig belegt werden, und diese Untersuchung würde ein unliebsames Ende finden. Richten wir also wie- derum den Blick auf die Verbindung zwischen Sinnlichkeit und Verstand,

105 Mit Cohen (1989, S. 51) ordne ich die Kategorien-Ableitung bis zu diesem Punkt der metaphysischen Deduktion zu. Er glaubt aber, sich mit der metaphysischen Dedukti- on zugleich in der transzendentalen Deduktion zu befinden, wenn die Apperzeption auftritt.

Die Paraphrasierung der KrV

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die – so sie rein ist – auch nur reine Verstandesbegriffe mit reinen An- schauungen verknüpft. Diese reinen Anschauungen erhalten ja gerade ihre Bedeutung, weil sie auf Empfindungen angewendet werden können und nicht aus diesen stammen. „Folglich haben die Kategorien keinen anderen Gebrauch zum Erkenntnisse der Dinge, als nur so fern diese als Gegens- tände möglicher Erfahrung angenommen werden.“ (B 147 f.) Die Katego- rien müssen zur Deduktion tatsächlich weiter in ihrer Beziehung auf die synthetische Anschauung a priori betrachtet werden, weshalb sie nicht weniger notwendig und allgemeingültig werden, sondern vielmehr diese Gültigkeit aus ihrer Beziehung heraus erlangen. Die beschriebene Synthe-

sis nennt Kant „figürlich“. Soweit die Einbildungskraft reproduktiv (Erin-

ist, zählt Kant sie sogar ganz der Sinnlichkeit zu, soweit

sie als verbindender Bestandteil produktiv ist der Spontaneität. Die trans- zendentale Einbildungskraft ist damit das Vermögen, einen Zugang zur Bestimmung der Sinnlichkeit a priori finden zu können. Wenn wir von Raum und Zeit als reiner Anschauung sprechen, arbeiten wir begrifflich mit diesen Ordnungsvorstellungen, wobei die Begriffe mit Anschauungen verbunden sind und diese bereits als Einheit denken. Wie kommen die Anschauungen in unserer Selbstbetrachtung zustande? Es folgt die trans- zendentale Antwort, die Kant selbst als „scheinbar“ paradox ankündigt:

Wenn wir versuchen, uns mit Hilfe des Verstandes zu bestimmen, müssen wir aufgrund von Kategorien wie Ursache und Wirkung nach dem suchen, was die Kategorien selbst, die ja bereits gegeben sind, anregt. Jetzt dürfen wir uns demnach per Gedankenexperiment in der Welt der Erscheinungen bewegen, und zwar so, wie wir uns denken müssen. Diese Anregung kann im Rahmen der Denkstrukturen nicht aus uns stammen, und die Kausali- tät als Bedingung der Möglichkeit dieses Vorgangs läßt uns nur diesen Schluß offen. Wie es ohne Kausalität wäre, können wir nicht erahnen. Wenn wir uns derart selbst beschreiben, so können wir uns nur so erken- nen, wie wir uns erkennen können: wie wir unseren inneren Sinn (nicht:

die Apperzeption und deren synthetische Einheit) affizieren. Ohne diese Affektion würde uns keine Anschauung gegeben, ohne Anschauung keine Erkenntnis. Wir können uns als Menschen daher nicht derart bestimmen, wie wir als „Ding an sich“ sind, sondern nur so, wie wir uns erscheinen. Aber was ändert das? Wir kennen es nicht anders und können es uns auch gar nicht anders denken. 106 Ohne den inneren Sinn wäre in diesem Rahmen weder die Sukzession der Begriffe noch die der metaphysischen Argumentfolge denkbar, und selbst eine Erkenntnis a priori wäre letztlich unvorstellbar. Erst das Zu- sammenspiel der drei Erkenntnisvermögen (Sinnlichkeit, Einbildungskraft

nerung, Träume

)

106 Vgl. Riehl (1908, Bd. 2, S. 561 ff.).

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Die Kritik der reinen Vernunft

und großer Verstand) macht die Erkenntnis des Selbst möglich. Daß wir uns selbst erkennen können – d. i. in der transzendentalen Synthesis der Vorstellung überhaupt das „Daß-ich-bin“-Denken –, ohne Materie, ist also der Beweisgrund der Deduktion darüber, daß die Bestimmungen der reinen Anschauung und notwendig auch die der reinen Verstandesbegriffe nicht aus den Dingen an sich stammen, sondern aus unserem Erkenntnis- vermögen. Die Sukzession in der Selbsterscheinung des Menschen ist Grundlage des gesamten folgenden Gedankens, wodurch dessen Er- kenntnismöglichkeit generiert wird. Die transzendentale Deduktion der allgemeinen Möglichkeit des Er- fahrungsgebrauchs aus reinen Verstandesbegriffen muß weiter erklären, wie die reinen Verstandesbegriffe auch auf die Erfahrung angewendet werden können. Es wäre ja durchaus denkbar, daß hier nur ein zufälliges Übereinstimmen von unseren Anlagen und den Formen der Dinge vorlä- ge. 107 Wäre dem so, dann gäbe es wiederum keine notwendige Gültigkeit unserer Urteile, sondern nur zufällige Übereinstimmungen und subjektive Notwendigkeiten. Diese Variante erinnert z. B. an Vaihingers vielgeschol- tene Fiktionsphilosophie. Ein weiterer Begriff hilft uns jedoch darüber hinweg: die Synthesis der Apprehension. Sie bildet das materiale Pendant der reinen synthetischen Apperzeption, und durch sie wird die Materie der Anschauung mit dem Denken in Verbindung gebracht. Ohne einen Ge- danken können wir die Empfindungen nicht denken. Wir müssen aber denken, daß Raum und Zeit in der Einheit der Synthesis (als Verbindung a priori) die Möglichkeit der ganzen Apprehension mitkonstituieren. So nämlich, wenn beim Gedanken über eine Empfindung oder eine Synthesis diese als sukzessive, kausale Vorgänge vorgestellt werden. Dann müssen also, und in dieser Notwendigkeit liegt letztlich die Beweiskraft, die reinen Verstandesbegriffe als Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis und somit auch als Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung gedacht werden. Der Verstand bestimmt sich mithin selbst als Vermögen der Einheit in uns oder außer uns, nie aber: ohne Raum und ohne Synthese. Auf diese Weise erscheinen wir uns. Es wird nun auch deutlich, was der geheimnis- volle Satz „Der Verstand schreibt der Natur die Gesetze vor“ bedeutet:

Die Natur umfaßt die Möglichkeit aller Erscheinungen überhaupt – und in dem Begriff der Natur liegt eine gewisse Verbindung der Ordnungsvor- stellungen. In den „Erscheinungen“ dieser Natur können wir noch keine Gesetze antreffen, sondern ausschließlich Formen der Anschauungen. Wir sprechen also noch immer nicht über Dinge an sich. Aus dieser Untersu- chung folgt gleichzeitig, daß es nicht mehr Gesetze der Natur gibt als diejenigen allgemeinen, die im Verstand aufgefunden werden. Die Selbst-

107 Möglicherweise auch als Okkasionalismus vorgestellt.

Die Paraphrasierung der KrV

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bestimmung hat gezeigt, daß wir uns in diesem Vorgang so denken müs- sen, daß die Kategorien die Erfahrung ermöglichen, denn sonst könnten wir uns gar nicht als Menschen bestimmen. 108 Wie genau konstituieren nun die Kategorien die Erfahrung? Es folgt eine Untersuchung der aus Begriffen zusammengesetzten Grundsätze, die den transzendentalen Gebrauch der Urteilskraft voraussetzen. Deren Tä- tigkeit wollen wir uns daher nach einem „kurzen Begriff“ der Deduktion zuwenden:

Sie [sc. die Deduction] ist die Darstellung der reinen Verstandesbegriffe (und mit ihnen aller theoretischen Erkenntniß a priori) als Principien der Möglichkeit der Erfahrung, dieser aber als Bestimmung der Erscheinungen in Raum und Zeit ü- berhaupt, — endlich dieser aus dem Princip der ursprünglichen synthetischen Einheit der Apperception, als der Form des Verstandes in Beziehung auf Raum und Zeit als ursprüngliche Formen der Sinnlichkeit. (B 168 f.)

Der (objektive) Gebrauch der Elementarbegriffe verrät uns, wie sie in Beziehung auf Gegenstände gedacht werden müssen. In eben dieser Rela- tion finden wir diejenigen Regeln vor, die der Natur als Möglichkeit aller Erscheinungen beigelegt werden. Selbstverständlich leiten sich die Regeln wiederum von den Begriffen ab und haben somit den Verstand als „Quel- le“. Ihre Einteilung nach mathematischen und dynamischen Kritierien entspricht daher der Tafel der Kategorien. 109 Konkrete mathematische Regeln schließt Kant, da sie auch Grundsätze der Anschauung enthalten, zunächst aus dieser Betrachtung aus, ohne aber die Verbindung zu mögli- chen Erscheinungen überhaupt fallen zu lassen. Der Gewinn dieser Be- trachtung für die Wissenschaften liegt bei den mathematischen Grundsät- zen in einer intuitiven Gewißheit, bei den dynamischen in einer diskursiven Gewißheit. 110 Der oberste (synthetische) Grundsatz aller syn-

108 Der Hinweis für die Einheitsformel in der Physik wäre demnach, daß man (gut- phänomenologisch) den Menschen doch wieder zum Zentrum des Universums ma- chen müßte.

109 Auch hier findet sich keine Anspielung auf die Grundsätze der Wissenschaften (Ma- thematik und reine Physik), wie z. B. Cohen (1989, S. 69) andeutet und damit die Formen der Anschauung und des Denkens zu bloßen Elementen und Mitteln degra- diert, sondern lediglich ein Hinweis auf die Grundformen des Verstandes. Cohen nimmt die Urteilskraft in die Pflicht, indem er ihr die Funktion zuweist, die Katego- rien auf die Anschauung anzuwenden. Dies wird noch zu prüfen sein, wenn es um das „Dritte“ zwischen Anschauungen und Kategorien geht. Cohens System der Grund- sätze (ebd., S. 76 ff) folgt daraus.

110 Vgl. B 201 f.: „Alle Verbindung (conjunctio) ist entweder Zusammensetzung (compositio) oder Verknüpfung (nexus). Die erstere ist die Synthesis des Mannigfaltigen, was nicht nothwendig zu einander gehört, wie z. B. die zwei Triangel, darin ein Quadrat durch die Diagonale getheilt wird, für sich nicht nothwendig zu einander gehören; und der- gleichen ist die Synthesis des Gleichartigen in allem, was mathematisch erwogen wer- den kann (welche Synthesis wiederum in die der Aggregation und Coalition eingetheilt

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Die Kritik der reinen Vernunft

thetischen Urteile des reinen Verstandes unter Einbeziehung des Schema- tismus (einer rückbezüglichen Verbindung der Urteilskraft zur Einbil- dungskraft) führt zu einer systematischen Darstellung: 111

1. Axiomen der Anschauung.

2. Anticipationen der Wahrnehmung.

3. Analogien der Erfahrung.

4. Postulate des empirischen Denkens überhaupt.

In der Leistung der beiden Arten von Grundsätzen muß wiederum für

jede „Kategorie“ ein Prinzip tätig sein, so daß wir diese als Bedingung der Möglichkeit der Grundsätze für unsere transzendentale Aufgabe aufzusu- chen haben. Naturgesetze stehen zu den Grundsätzen des Verstandes im Verhält- nis des Besonderen zum Allgemeinen. Wir gehen in diesem Teil der Un- tersuchung also von den Begriffen wieder zurück auf die Anschauungen und orientieren uns an der Fragestellung, inwiefern diesen überhaupt Re- geln zugesprochen werden können. Die Prinzipien, die Kant nun zu be- weisen gedenkt, sind folgendermaßen zu beschreiben:

1. Das Prinzip der „Axiome der Anschauung“: Alle Anschauungen sind extensive Größen.

2. Das Prinzip der „Antizipationen der Wahrnehmung“: In allen Er- scheinungen hat das Reale, das ein Gegenstand der Empfindung ist, intensive Größe, d. i. einen „Grad“.

werden kann, davon die erstere auf extensive, die andere auf intensive Größen gerich- tet ist). Die zweite Verbindung (nexus) ist die Synthesis des Mannigfaltigen, so fern es nothwendig zu einander gehört, wie z. B. das Accidens zu irgend einer Substanz, oder die Wirkung zu der Ursache —, mithin auch als ungleichartig, doch a priori verbunden vorgestellt wird; welche Verbindung, weil sie nicht willkürlich ist, ich darum dyna- misch nenne, weil sie die Verbindung des Daseins des Mannigfaltigen betrifft (die wiederum in die physische, der Erscheinungen unter einander, und metaphysische, ih- re Verbindung im Erkenntnißvermögen a priori, eingetheilt werden kann.)“. 111 „Immerhin zeigt Kant den vermittelnden Mechanismus der Synthese von Sinnlich- keit und Verstand auf: die Zeit. Die Zeitreihe ist gleicherweise Anschauungen wie Begriffen zugehörig. Die Zeit liegt dem Schema zum Grunde. Werfen wir jetzt noch einmal einen Blick auf die Kategorien, so wird klar, wie Kant sich das aller Erfah- rung vorausliegende Entstehen der Kategorien vorstellt: wir haben es schon als »Epigenese der reinen Vernunft« erwähnt. Jede Kategorie hat ihr Schema. Was ist zum Beispiel das Schema der Substanz? Es ist die Beharrlichkeit des Realen in der Zeit. Oder das Schema der Ursache? Eine Realität, worauf ein anderes Reales folgt. Mit Hilfe der Zeit konstruiert unsere Einbildungskraft die Kategorien; und zwar eben die Kategorien, die »der Natur die Gesetze vorschreiben«. Will man sich jen- seits der Gesetzmäßigkeit der Natur begeben, muß man die Zeit überwinden.“ (Gulyga 1981, S. 134). Vgl. auch Guyer (1987, S. 159).

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3. Das Prinzip der „Analogien der Erfahrung“: Erfahrung ist nur durch die Vorstellung einer notwendigen Verknüpfung der Wahrnehmungen möglich. 112

4. Die Postulate des empirischen Denkens überhaupt:

a) Was mit den formalen Bedingungen der Erfahrung (der An- schauung und den Begriffen nach) übereinkommt, ist mög- lich.

b) Was mit den materialen Bedingungen der Erfahrung (der Empfindung) zusammenhängt, ist wirklich.

c) Dasjenige, dessen Zusammenhang mit dem Wirklichen nach allgemeinen Bedingungen der Erfahrung bestimmt ist, ist (e- xistiert) notwendig.

Betrachten wir die einzelnen Beweise (für 1. - 3.) und die Erläuterungen (zu 4.) der synthetischen Sätze a priori: (Zu 1.) Erscheinungen sind keine Dinge an sich. Sie beruhen auf den Bedingungen der reinen Anschauung. Über die Synthesis wird das Mannigfaltige somit als Gleichartiges, Kohä- rentes verbunden und unter einen Begriff gebracht. Die Möglichkeit dazu entstammt dem Begriff der Größe, durch deren Bedingung ein Objekt aus der Synthesis denkbar ist. Mit diesem Parameter wird zunächst bestimmt, daß eine Größe vorgestellt werden muß. Es gibt allerdings keine einleuch- tenden Axiome eines „wie groß (etwas ist)“, denn zu einer solchen Be- stimmung benötigen wir schließlich die konkrete Materie. Die genannte Größe wird nun als eine „extensive“ gekennzeichnet, wobei Kant darunter eine Vorstellung versteht, die durch ihre Teile die Vorstellung des Ganzen entfaltet. Wir können nun versuchen, anhand der reinen Anschauungen diese Größe nachzuvollziehen: Den Begriff der Zeit legen wir der Synthe- sis des Nacheinander bei, den des Raumes (als extensive Größe) verbin- den wir entsprechend mit den Teilen des Nebeneinander, die so zu einem Ganzen werden. Die Axiome können damit als synthetische Sätze a priori eingesehen werden, durch deren Form sie insbesondere die Geometrie konstituieren. (Zu 2.) Wir können vom empirischen Bewußtsein ausgehend in stu- fenweisen Veränderungen abstrahieren – so wie es oben im metaphysi- schen Teil geschehen ist: Im Bereich des Empirischen befindet sich noch Materie, im reinen Bewußtsein nur noch die Formen. Mit dieser Methode schwindet also das, was wir in subjektiven Vorstellungen als „Reales“ annehmen und in uns zu einer konkreten Objektvorstellung zusammen- setzen. Den Unterschied zum formalen Teil können wir als mögliche Empfindung denken: In der Zeit und in der Synthesis der produktiven

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Die Kritik der reinen Vernunft

Einbildungskraft verändert sich die Vorstellung einer zunächst noch nicht verarbeiteten Größe zu einer bestimmten Größe in der Apprehension. Dies geschieht allerdings nicht additiv, sondern je zu einem bestimmten Zeitpunkt. Wir können über die Empfindung in dieser Betrachtung a prio- ri daher nur eine intensive Größenbestimmung aufstellen, einen Grad, den wir der Affektion der Sinne zuschreiben, nachdem der Unterschied durch ihr Auftreten im Bewußtsein vermehrt wurde. Diese apriorische Erkennt- nis bezüglich der aposteriorischen Erkenntnis (Wahrnehmung) nennt Kant „Antizipation“. Dabei wird die Empfindung also selbst nie antizi- piert, sondern nur die Bedingung der Möglichkeit, eine solche überhaupt denken zu können. Dies erstreckt sich zwar über die raum-zeitliche Folge des Vorkommens, und die Antizipationen sind somit ebenfalls syntheti- sche Grundsätze a priori, doch ihr Prinzip ist die Möglichkeit der Vorstel- lung einer intensiven Größe (Zu- und Abnahme) zur Vorstellung eines realen Empfindungsgrades. Sie ist nicht extensiv, da nicht von Teilen auf ein Ganzes, sondern nur auf ein Vorhandenes überhaupt – und das in bestimmten (Wirkungs-)Graden – geschlossen wird. Die Realität, daß eine Empfindung verzeichnet wurde (realitas phaenomenon), stellt sich eben nicht sukzessive, sondern zu je einem konkreten Zeitpunkt ein. Der Grad der Realität, als Ursache (Affektion) gedacht, heißt in Kants Sprache im weite- ren: „Moment“. Im Gegensatz zur Negation können die realen Empfin- dungen ausschließlich in einer als unendlich vorzustellenden Stufenfolge abnehmen. Aus diesen Prozessen der Ab- und Zunahme ließe sich die Realität ebensowenig beweisen, wie aus der Erfahrung auf die leeren For- men Raum und Zeit geschlossen werden könnte. Wir bemerken wiederum die dichotomische Struktur der Begriffe in ihrer Anwendung. Im Denken ihrer Möglichkeit a priori weisen also das Sein und die Negation eines Gedankens vom realen Übergang zugleich auf die Unendlichkeit hin. In der konkret gedachten materialen Empfindung ist eine unendliche Ab- nahme daher nicht wahrnehmbar. Die Eigenschaft der Größen, nach de- nen an ihnen kein Teil als einfacher kleinstmöglicher Teil betrachtet wer- den kann, begleitet die Beschreibung des Raumes und der Zeit als quanta continua (B 211). Jeder oben betrachtete Zeitpunkt (Punkt oder Augen- blick) setzt gleichsam Raum und Zeit voraus, und durch den Fortgang der Synthesis in der produktiven Einbildungskraft entsteht für uns der Ein- druck des zeitlichen „Fließens“. Für die mathematischen Grundsätze er- gibt sich folglich: Alle Erscheinungen überhaupt sind kontinuierliche Größen, ihrer Anschauung nach extensive, der bloßen Wahrnehmung (Empfindung und Realität) nach intensive Größen (B 212). Die Erschei- nungen sind weiter sowohl der Anschauung als auch der Empfindung nach ein „Aggregat“, d. h. eben kein Quantum, sondern eine nicht unter- brochene Synthesis.

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Die anschließende Untersuchung der Kausalität einer Veränderung, die in naiv-realistischen Weltbildern auf Dinge als Ursachen verweisen würde, verbindet mit dem Ansatz des reinen Begriffs der Kategorie die Denkmöglichkeit von Ursache und Wirkung.

Alle Empfindungen werden daher als solche zwar nur a posteriori gegeben, aber die Eigenschaft derselben, daß sie einen Grad haben, kann a priori erkannt wer- den. Es ist merkwürdig, daß wir an Größen überhaupt a priori nur eine einzige Qualität, nämlich die Continuität, an aller Qualität aber (dem Realen der Erschei- nungen) nichts weiter a priori, als die intensive Quantität derselben, nämlich daß sie einen Grad haben, erkennen können; alles übrige bleibt der Erfahrung über- lassen. (B 218)

(Zu 3.) Es schließt sich eine Betrachtung von Regeln an, die den dynami- schen Kategorien entspringen. Diese können nicht mehr nur konstitutiv für Erfahrungen sein, da von einem bereits Gegebenen bestimmte Ver- hältnisse erfordert werden. Trotzdem muß, wenn wir uns diese Zustände in bestimmten zeitlichen Verhältnissen und in der ursprünglichen Apper- zeption vereinigt denken, ein Prinzip vorausgehen, das alle Möglichkeiten zeitlichen Denkens – das sind die drei Modi: Zugleichsein, Folge, Beharr- lichkeit – überhaupt erst begründet. Daß der innere Sinn hier beteiligt sein muß, liegt auf der Hand, schließlich handelt es sich um die Betrachtung eines Nacheinanders oder Nicht-Nacheinanders. Die Prinzipien, die die Analogien ermöglichen, müssen sich von Axiomen und Antizipationen so grundlegend unterscheiden, daß sie nicht mehr konstitutiv, sondern regu- lativ auftreten. Analogien in der Mathematik bedeuten eben ein „Gleich- sein“ zweier Sachverhalte. Für uns zieht dies die Betrachtung eines quanti- tativen Verhältnisses nach sich: Kant beschreibt einen Übergang von der Betrachtung dreier gegebener Glieder, ihrem Verhältnis nach, zu einem Vierten, das selbst nicht gegeben ist. Aufgrund einer solchen Verknüp- fungsregel sind wir in der Lage, die Erfahrung für eine Vorstellung zu nutzen, die bisher noch nicht wirklich war. 113 Die Analogie entspricht also einer Regel, nach der aus einzelnen Wahrnehmungen die Einheit der Er- fahrung entspringen soll (regulativ). Diese Begründung gilt gleichermaßen für die unter 4. folgenden Postulate. Diese beiden Aspekte bergen eine andere Art der Evidenz als die mathematischen: Sie erhalten die Evidenz aus der „Intuition“, was wohl auf anderer Grundlage nachgewiesen wer- den muß als auf mathematischer. Möglicherweise kann hier die KU Auf- schluß geben. Für die transzendentale Untersuchung können die Analogien selbst- verständlich keine Grundsätze darstellen, da sie sich per definitionem auf das empirische Datum beziehen. Wir aber suchen den Beweis dafür, daß

113 Vgl. die Experimente in der Physik.

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Die Kritik der reinen Vernunft

die empirischen Data nicht nur stets unter einzelnen Kategorien, sondern sogar ausnahmslos unter die „Schemata“ – die Verbindungsglieder von Erscheinung und Kategorien 114 – fallen müssen, denn über die Dinge an sich könnten wir keine synthetische Erkenntnis erlangen. Daher müssen die Analogien die Bedingung der Erfahrungseinheit als Zweckvorgabe besitzen. Für die Dinge selbst gäbe es keine Verbindung, auf die sie ein- wirken oder die sie ordnen könnten. Um die Synthesis zu erkennen, be- darf es aber eines reinen Verstandesbegriffs, da nur in der reinen Verbin- dung von Anschauung und Begriff auch auf „reine“ Weise darüber nachgedacht werden kann, daß eine reine Synthesis vollzogen wurde. Oh- ne diese Voraussetzung, die das menschliche Denken aber zu erfüllen scheint, könnte wiederum jeder Zusammenhang der Gegenstände auf ein Ding an sich verweisen, was wir aber bereits ausgeschlossen haben. Reine Synthesis wird lediglich im Schema des reinen Verstandes gedacht. 115 Die Argumentation erfaßt damit zunächst nicht das konkrete Dasein. Unsere Schlüsse müssen deshalb eine Analogie heranziehen, die mit der logischen und allgemeinen Einheit der Begriffe arbeitet und dadurch die Möglichkeit erhält, auf das zu rekurrieren, was in der tatsächlichen Ausführung der Grundsätze vor sich geht. Schließlich wissen wir mittlerweile, daß jede empirische Zeitbestimmung unter Regeln der allgemeinen Zeitbestim- mung stehen muß. Wie sind die Schemata also beschaffen, wenn sie das Allgemeine der Anschauungen und das der Kategorien gleichermaßen in sich vereinen? Betrachten wir die Kategorien in der Anwendung des inne- ren Sinns, so erhalten wir als spezifische Anteile eines Urteils über die Schemata, die durch die Einbildungskraft eine formale synthetische Ein- heit der jeweiligen Anschauungsvielfalt beschreiben, in Anlehnung an die Kategorien nur bestimmte Grundformen. Die Kategorien lassen sich aus den allgemeinen Denkfunktionen lediglich aufgrund der Verbindung zur Sinnlichkeit als einzelne Formen erkennen. Die Möglichkeit aller numerischen Bilder findet ihren Ausdruck z. B. in der Verbindung von zeitlichem Nacheinander unter einem bestimmten Begriff, der von Kant allgemein als „Zahl“ bezeichnet wird. Daß also ein Begriff in Verbindung mit einer Anschauung vorgestellt werden kann, wird durch die formalen Denkmuster des Schemas belegt. Von jedem reinen Vermögen läßt sich aufgrund dieser Möglichkeit des weiteren ein reines Bild auffinden, das von den reinen Denkfunktionen in der Form des (reinen) Schemas allgemein beschrieben wird. Jede der folgenden Aus-

114 Vgl. Kaulbach (1969, S. 146).

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führungen Kants enthält somit die Bestandteile der reinen Sinnlichkeit, der reinen Synthesis und der reinen Urteilsformen:

Das reine Bild aller Größen (quantorum) vor dem äußern Sinne ist der Raum, aller Gegenstände der Sinne aber überhaupt die Zeit. Das reine Schema der Größe a- ber (quantitatis) als eines Begriffs des Verstandes ist die Zahl, welche eine Vorstel- lung ist, die die successive Addition von Einem zu Einem (gleichartigen) zusam- menbefaßt. Also ist die Zahl nichts anders als die Einheit der Synthesis des Mannigfaltigen einer gleichartigen Anschauung überhaupt, dadurch daß ich die Zeit selbst in der Apprehension der Anschauung erzeuge. Realität ist im reinen Verstandesbegriffe das, was einer Empfindung überhaupt correspondirt, dasjeni- ge also, dessen Begriff an sich selbst ein Sein (in der Zeit) anzeigt; Negation, des- sen Begriff ein Nichtsein (in der Zeit) vorstellt. Die Entgegensetzung beider ge- schieht also in dem Unterschiede derselben Zeit, als einer erfüllten oder leeren Zeit. Da die Zeit nur die Form der Anschauung, mithin der Gegenstände als Er- scheinungen ist, so ist das, was an diesen der Empfindung entspricht, die transs- cendentale Materie aller Gegenstände als Dinge an sich (die Sachheit, Realität). Nun hat jede Empfindung einen Grad oder Größe, wodurch sie dieselbe Zeit, d.i. den innren Sinn, in Ansehung derselben Vorstellung eines Gegenstandes mehr oder weniger erfüllen kann, bis sie in Nichts (=0=negatio) aufhört. Daher ist ein Verhältniß und Zusammenhang, oder vielmehr ein Übergang von Realität zur Negation, welcher jede Realität als ein Quantum vorstellig macht; und das Sche- ma einer Realität als der Quantität von Etwas, so fern es die Zeit erfüllt, ist eben diese continuirliche und gleichförmige Erzeugung derselben in der Zeit, indem man von der Empfindung, die einen gewissen Grad hat, in der Zeit bis zum Ver- schwinden derselben hinabgeht, oder von der Negation zu der Größe derselben allmählig aufsteigt. Das Schema der Substanz ist die Beharrlichkeit des Realen in der Zeit, d.i. die Vorstellung desselben als eines Substratum der empirischen Zeitbestimmung überhaupt, welches also bleibt, indem alles andre wechselt. (Die Zeit verläuft sich nicht, sondern in ihr verläuft sich das Dasein des Wandelbaren. Der Zeit also, die selbst unwandelbar und bleibend ist, correspondirt in der Er- scheinung das Unwandelbare im Dasein, d.i. die Substanz, und bloß an ihr kann die Folge und das Zugleichsein der Erscheinungen der Zeit nach bestimmt wer- den.) Das Schema der Ursache und der Causalität eines Dinges überhaupt ist das Reale, worauf, wenn es nach Belieben gesetzt wird, jederzeit etwas anderes folgt. Es besteht also in der Succession des Mannigfaltigen, in so fern sie einer Regel unterworfen ist. Das Schema der Gemeinschaft (Wechselwirkung) oder der wechselseitigen Causalität der Substanzen in Ansehung ihrer Accidenzen ist das Zugleichsein der Bestimmungen der Einen mit denen der Anderen nach einer allgemeinen Regel. Das Schema der Möglichkeit ist die Zusammenstimmung der Synthesis verschiedener Vorstellungen mit den Bedingungen der Zeit überhaupt (z.B. da das Entgegengesetzte in einem Dinge nicht zugleich, sondern nur nach einander sein kann), also die Bestimmung der Vorstellung eines Dinges zu irgend einer Zeit. Das Schema der Wirklichkeit ist das Dasein in einer bestimmten Zeit. Das Schema der Nothwendigkeit ist das Dasein eines Gegenstandes zu aller Zeit. Man sieht nun aus allem diesem, daß das Schema einer jeden Kategorie, als das der Größe die Erzeugung (Synthesis) der Zeit selbst in der successiven Appre- hension eines Gegenstandes, das Schema der Qualität die Synthesis der Empfin- dung (Wahrnehmung) mit der Vorstellung der Zeit oder die Erfüllung der Zeit,

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Die Kritik der reinen Vernunft

das der Relation das Verhältniß der Wahrnehmungen unter einander zu aller Zeit (d.i. nach einer Regel der Zeitbestimmung), endlich das Schema der Modalität und ihrer Kategorien die Zeit selbst als das Correlatum der Bestimmung eines Gegenstandes, ob und wie er zur Zeit gehöre, enthalte und vorstellig mache. Die Schemate sind daher nichts als Zeitbestimmungen a priori nach Regeln, und diese gehen nach der Ordnung der Kategorien auf die Zeitreihe, den Zeitinhalt, die Zeitordnung, endlich den Zeitinbegriff in Ansehung aller möglichen Gegenstän- de. (B 182 ff.)

Die Möglichkeit einer Erfahrung basiert neben der Wahrnehmung also auf einer Synthese der konkreten Anschauung mit einem allgemeinen Begriff, wodurch die Synthese nicht mehr zur Wahrnehmung gerechnet werden kann. Das Gesetz der Verknüpfung zufälliger Erscheinungen ist damit selbst keineswegs zufällig, sondern sogar das Prinzip des notwendigen Grundsatzes der Analogie. Die Grundsätze lauten:

a. Der Grundsatz der Beharrlichkeit in der Zeit: Bei allem Wechsel der Erscheinungen beharrt die Substanz, und das Quantum derselben wird in der Natur weder vermehrt noch vermindert. Der Beweis: Die dynamischen Regeln richten sich auf das Dasein der Gegenstände, wobei die Möglichkeit dieses Daseins wiederum das Vor- handensein einer Substanz ist. Die Erscheinungen verkörpern das Dasein entsprechend in Anschauungen, die im Rahmen der inneren Selbstbe- trachtung im Raum verschiedene Modi der Zeit annehmen. Die reinen Formen werden hier nicht wahrgenommen, sondern nur der Zustand der Erscheinungen in diesen. Die Modi der Zeit weisen verschiedene Zeitse- quenzen auf: Folge, Zugleichsein und Beharrlichkeit (Immer-Sein). Die ersten beiden setzen das Vorhandensein eines Beharrlichen voraus, wenn sie nämlich als bestimmte Modi auf das Denken des dritten angewiesen sind. Diesen Modus ermöglicht die eine Zeit als Bedingung der Möglichkeit modalen Denkens. Wenn wir aber die reine Form der Anschauung als nichtgegebenes Viertes in dieser Analogie untersuchen, dann müssen wir von ihr als von einem Begriff sprechen, der sich selbst als Voraussetzung notwendig impliziert. Im Denken der Beharrlichkeit schwingt nämlich der Begriff der Substanz als Substrat des Wechsels aller Erscheinungen mit. Kant führt an dieser Stelle daher einen Unterschied zwischen „Wechsel“ und „Veränderung“ ein: Eine Veränderung kann nur dem Substrat zuge- sprochen werden, das kein Entstehen oder Vergehen von Substanzen zuläßt und statt dessen mit einer grundlegenden, konstanten Kernsubstanz arbeitet. Diese notwendige Annahme stiftet nun eine Voraussetzung der Erfahrung, denn während die Zustände aller Erscheinungen stetig wech- seln, kann doch in keiner Betrachtung dieser Erscheinungen ein Zeitpunkt aufgefaßt werden, der die Entstehung und den Moment zuvor als eine Veränderung im Sinne eines Substanzentstehens verkörperte. Ansonsten müßte der Zeitpunkt vor dem Entstehen dieser Erscheinung als „leer“

Die Paraphrasierung der KrV

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gedacht werden. Davor also bewahrt uns in der Erfahrung der mit der Beharrlichkeit der einen Zeit verknüpfte Substanzbegriff, der gleichzeitig auch die obige Regel rechtfertigt. Entstehen und Veränderungen sind Arten des Existierens, und zwar als Folge eines Anders-Existierens und eines ständigen Wechsels von Zuständen, Akzidenzien und Inhärenz.

Daher ist alles, was sich verändert, bleibend, und nur sein Zustand wechselt. Da dieser Wechsel also nur die Bestimmungen trifft, die aufhören oder auch anheben können: so können wir in einem etwas paradox scheinenden Ausdruck sagen: nur das Beharrliche (die Substanz) wird verändert, das Wandelbare erleidet keine Ver- änderung, sondern einen Wechsel, da einige Bestimmungen aufhören, und andre anheben. (B 230 f.)

Die Beharrlichkeit ist also eine notwendige Bedingung der Denkmöglich- keit einer Erscheinung und somit der Erfahrung insgesamt, da diese Vor- aussetzung des Gleichzeitigseins und des Nacheinanderseins in keinem Fall variiert. Sie kann demnach aber nicht in reiner Form als Materie der Erfahrung auftreten. In der Apprehension wird die Beharrlichkeit so als Substanzbegriff vorgefunden, aus dem das Reale dann als Konstante re- sultiert. Da die Apprehension aber selbst schon als sukzessiver Vorgang gedacht werden muß, resultiert der Substanzbegriff als notwendige Bedin- gung der Möglichkeit von Erkenntnissen als Ganzes.

Also ist in allen Erscheinungen das Beharrliche der Gegenstand selbst, d.i. die Substanz (phaenomenon), alles aber, was wechselt oder wechseln kann, gehört nur zu der Art, wie diese Substanz oder Substanzen existiren, mithin zu ihren Be- stimmungen. (B 227)

Wir finden folglich in der zu beweisenden Regel tatsächlich eine notwen- dige Verknüpfung a priori, und nicht ausschließlich Begriffe. Die trans- zendentale Methode schreitet somit zu diesen Regeln der Verknüpfung fort und die Einheit der Substanz bleibt gewahrt. (Q.e.d.) b. Grundsatz der Zeitfolge nach dem Gesetz der Kausalität: Alle Verände- rungen geschehen nach dem Gesetz der Verknüpfung von Ursache und Wirkung. Der Beweis: Das Kausalverhältnis soll als Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung, empirischer Wahrheit, objektiver Gültigkeit etc. bewiesen werden. Dadurch beschäftigen wir uns zugleich mit dem Satz des zurei- chenden Grundes als eines Grundsatzes a priori. Daß wir eine Folge von Erscheinungen wahrnehmen, liegt auf der Hand. Daß wir sie wahrnehmen müssen, bleibt zu belegen. Folgen des Vor- und Nachhergehens können nur aufgrund der Mög- lichkeit des Nacheinander bestimmt werden. Die Zeit selbst können wir nicht wahrnehmen, sondern ausschließlich an den Verhältnissen der Ver- änderungen der Substanz ablesen. Die Analogien bauen auf diesem Weg

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Die Kritik der reinen Vernunft

aufeinander auf: Die Verbindung einzelner Anschauungen wird mit Hilfe der Synthesis der Einbildungskraft ermöglicht. Wie müssen wir uns diese vorstellen? Es ist zunächst beliebig, in welcher Reihenfolge die Apprehen- sion Erscheinungen verknüpft, und sie gilt daher ohnehin nur subjektiv. So sind z. B. unsere Träume in ihren Verknüpfungen nicht notwendig, sondern zufällig (auch wenn sie häufig sehr „real“ erscheinen können). Hier fehlt das konkrete Dasein eines Gegenstands in der Anschauung, so daß sich die Einbildungskraft reproduktiv im Zuge der Synthesis betätigt. In der Anwendung der Apprehension auf konkrete Gegenstände finden wir mit dem Gedanken eines Objekts stets eine bestimmte Position in der Zeit sowie in der beharrlichen Substanz verbunden – die Apprehension arbeitet hier bereits „objektiv“. Da Objekte also nicht losgelöst von der Substanz gedacht werden können, diese aber die Beharrlichkeit der Ge- genstände und zugleich den Wechsel der Zustände garantiert, erkennen wir uns erneut als „in der Zeit“ und somit als „in Geschehnissen“ den- kend. Diese Geschehnisse werden z. B. im Traum möglicherweise willkür- lich angeordnet, allerdings werden sie unter dem Gedanken eines Erschei- nungs-Objekts immer einer Denkregel unterworfen, nämlich der Folge. Den Einfluß der analytischen Grundlage des Verstandes – hier: der Satz des Widerspruchs – auf dieses Szenario betrachten wir später näher. Zu- nächst soll uns eine Folge von Urteilen voran bringen: Wir haben es in der Wahrnehmung mit Erscheinungen und deren Verhältnissen zueinander zu tun. Können wir auch die Zeit selbst nicht wahrnehmen, so müssen diese Relationen doch von uns als notwendig in ihr geschehend gedacht wer- den, und nur auf diese Weise können wir objektive Erkenntnis als Objekt- erkenntnis erlangen. Die Bestimmung der Notwendigkeit in dieser stets sukzessiven, in der Zeit gedachten Apprehension muß durch einen reinen Verstandesbegriff vorgenommen werden, denn die Apprehension ist kein Vermögen der Begriffe und kann sich folglich nicht selbst denken. Wir aber denken diese Verknüpfung in der Form von Ursache und Wirkung, wodurch die notwendige Folge der Kausalverhältnisse uns als Bedingung der Möglichkeit aller Erfahrung erscheint. Durch die Analogie des be- schriebenen Vorgangs leuchtet uns nun eine allgemeine Regel der Ver- knüpfung als apriorisches Prinzip für den Kanon der transzendental- kritischen Untersuchung ein: Ein in der sukzessiven Apprehension ver- bundenes Objekt muß in der Bestimmung zu einer bestimmten Stelle in der Zeit stehen. Diese (An-)Ordnung stammt für uns aber nicht aus den Dingen an sich, die in den Erscheinungen etwa ihre Prägung hinterließen. Gemäß der Ordnung muß in der Notwendigkeit des Bedingungsverhält- nisses eines Vorhergehenden zum Nachfolgenden eine notwendige Regel gedacht werden, wenn außer der subjektiven überhaupt auch eine objekti- ve Erkenntnis generiert werden können soll.

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Bevor wir aber in einen Erklärungskreisel geraten, möchte ich erneut

kurz systematisch darstellen, wie wir dasjenige aus der Erfahrung heraus- suchen, was wir selbst in sie hineinlegen – und das wiederum ohne induk- tives Vorgehen.

1. Wahrheit qua objektive Erkenntnis besteht nach der Abbildtheorie in der Übereinstimmung von Objekt und Erkenntnis.

2. Ein Objekt denken zu können, unterliegt einer bestimmten Regel des Verstandes, die sich aus dem Begriff der Kausalität in Verbindung mit dem zugrundeliegenden Anschauungsvermögen und dessen formaler Ordnungsvorstellung „Zeit“ zusammensetzt. Der Zeit untersteht die sukzessive Leistung der Einbildungskraft in der Apprehension des Mannigfaltigen. Die materiale Voraussetzung des Regelwirkens befin- det sich somit in der Erscheinung, wie sie selbst wiederum als Objekt gedacht werden muß. In dieser Denkart, die ohne konkrete Materie auf die formalen Bestandteile der Erkenntnis abzielt, ist der analogi- sche Vorgang angelegt, der uns in einem weiteren Schritt zur trans- zendentalen Erkenntnis führt: Aus der notwendigen Verbindung von Anschauungsform, reiner Synthesis und reinem Verstandesbegriff re- sultiert die Struktur der Bedingungen der Möglichkeit menschlicher Erfahrung. Die Annahme einer objektiven Erfahrung basiert weiter- hin auf diesen Möglichkeiten, die uns zugleich von der Bezugnahme der Erkenntnis- bzw. Wahrheitsfähigkeit von einem Garanten „Ding an sich“ absehen lassen.

3. Jede materiale Apprehension ist eine Wahrnehmung, die auf eine andere Wahrnehmung in einem unumkehrbaren Ablauf folgt. Diese notwendige Folge geht aus dem Begriff der Kausalität selbst hervor und zeigt, daß wir Gegenstände in der Erscheinung nicht mit ihrem Dasein verbunden denken, sondern z. B. über die reproduktive „Traumarbeit“ der Einbildungskraft auf subjektive Erkenntnismög- lichkeiten zurückgreifen. Die Regel der Kausalität kann nicht anders gedacht werden denn als ein reiner Grundsatz der Erkenntnismög- lichkeit.

4. Der Verstand leistet einen notwendigen Beitrag zur Erfahrung, indem er die Vorstellung eines Gegenstands möglich macht und die Zeitord- nung auf die Erscheinung und deren Dasein überträgt, wonach jede Erscheinung selbst als Folge einer vorhergehenden gedacht werden muß. Auf diese Bestimmung kann nicht von den Erscheinungen im Verhältnis zu einer absoluten Zeit geschlossen werden, sondern viel- mehr umgekehrt durch die gegenseitige Bestimmung der Erscheinun- gen im Verhältnis zueinander. Die „Stellungen“ in der Zeit integrieren die Zeit als notwendige und unhintergehbare Bedingung des Denkens der Zeitordnung. Die Regel dieser Bestimmung wiederum ist die be-

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Die Kritik der reinen Vernunft

schriebene Folge der Erscheinungen, deren Ordnung vom Verstand in die innere Anschauung „hineingelegt“ wird. Wirklichkeit erlangen die Erscheinungen folglich durch diese Bestimmung der Erscheinung in der Zeit. 5. Gegenständliches Denken ist das Denken einer Verbindung unter einem Begriff, wodurch die notwendigen Beigaben des Verstandes zum Gewinn einer Erkenntnis bestätigt wurden.

Trägt hier die Sinnlichkeit mit zur Erkenntnis bei, um durch den Verstand die Vernunft vor metaphysischen Schlüssen zu wahren? Kant erörtert ein Bedenken, das ein Zugleichsein von Ursache und Wirkung betrifft: Es geht um die Ordnung der Zeit, nicht um deren Abfolge. Eigentlich muß eine Wirkung im Moment ihres Entstehens sogar zugleich mit der Ursa- che gedacht werden, da sie sonst aus dem Nichts hervorginge, was abwe- gig wäre. Das Verhältnis beider Aspekte bleibt aber immer bestimmbar, egal wie klein die Differenz dem „Grad“ nach auch werden möge. Ob- wohl Kant nun nicht analytisch an das System der Transzendentalphiloso- phie herangehen will, nimmt er doch den Substanzbegriff in diese Passage auf, um die Einheitlichkeit seiner Gedanken zu unterstreichen: Kausalität läßt auf einen Begriff der Handlung schließen, der Begriff der Handlung wiederum auf den der Kraft und dieser auf die Substanz. Diese Schritte laufen darauf hinaus, die Substanz in dem Geschehnis der Handlung je- derzeit als Beharrlichkeit und so mit einer entsprechenden Notwendigkeit der Sukzession begrifflich darzustellen. Warum es aber konkrete Veränderungen gibt, kann nur aus der jewei- ligen Empirie gefolgert werden. Insgesamt steht aber damit fest, daß es sie gibt. Weiteren Spekulationen zu möglichen „Warum-Fragen“ geht Kant aus dem Weg. Die Form dieser Spekulationen als die Bedingung der Er- kennbarkeit in der Kontinuität aller Veränderung legt er uns mit Hilfe infinitesimaler Betrachtungen nahe. Seine Bilanz steht am Abschluß dieses schwierigen Paragraphen:

Aller Zuwachs des empirischen Erkenntnisses und jeder Fortschritt der Wahr- nehmung ist nichts als eine Erweiterung der Bestimmung des innern Sinnes, d.i. ein Fortgang in der Zeit, die Gegenstände mögen sein, welche sie wollen, Er- scheinungen oder reine Anschauungen. Dieser Fortgang in der Zeit bestimmt al- les und ist an sich selbst durch nichts weiter bestimmt; d.i. die Theile desselben sind nur in der Zeit und durch die Synthesis derselben, sie aber nicht vor ihr ge- geben. (B 255)

Wir konnten zeigen, daß wir die Möglichkeit besitzen, das apriorische Gesetz zu erkennen. Allein der Erkenntnisvorgang, der uns zu dieser Ein- sicht befähigt, ist transzendental-kritisch. c. Grundsatz des Zugleichseins nach dem Gesetze der Wechselwirkung oder Gemeinschaft: Alle Substanzen, sofern sie im Raum als zugleich

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wahrgenommen werden können, sind in durchgängiger Wechselwir- kung. 116 Der Beweis: Wenn Substanzen in der Wahrnehmung aufeinander fol- gen – also nicht wie in der zweiten Analogie: zwei Zustände einer Sub- stanz –, so müssen sie davor zugleich, und das bedeutet auch: in Wech- selwirkung zueinander, gestanden haben. Wenn wir denken müssen, daß sie wechselseitig in „Gemeinschaft“ die Bestimmungsgründe der jeweils anderen Substanz beinhalten, dann erweist sich die selbst nicht wahr- nehmbare Zeit als notwendige Voraussetzung dieser Vorstellung. Die Synthese der Einbildungskraft könnte dann nur eine von mehreren Sub- stanzen darstellen. Erst in der Bestimmung der Synthese auf eine Wech- selwirkung zweier (nacheinander wahrnehmbarer) Substanzen hin bildet die Bedingung der Möglichkeit einer wechselseitigen Folge in einem Ob- jekt ein „Verhalten des Einflusses“ und somit eine objektive Bestimmung des Zugleichseins. Simultaneität ist natürlich nur in einer Zeit möglich, wobei die Reihenfolge (Ordnung) in der Synthesis der Apprehension be- langlos ist. Die Wechselwirkung – das gegenseitige Enthalten der Wirkung der anderen Ursache hinsichtlich einer ganzheitlichen Bestimmung – stellt sich zusätzlich als notwendiger Begriff heraus, denn: Anschauung und Synthese reichen offensichtlich zu dieser Vorstellung nicht aus. Ein Gan- zes in der jeweiligen Stelle der Zeit kann nur unter Berücksichtigung des Grundsatzes der Wechselwirkung vorgestellt werden, da alle Erscheinun- gen unseres Erkenntnisvermögens als in einer möglichen Erfahrung zu- sammenhängend gedacht werden müssen. Dadurch wird in der Analogie die objektive Voraussetzung für die subjektive Gemeinschaft (nämlich: in der Apperzeption) geschaffen. Das Fundament einer jeden Wahrnehmung wird in der Sukzession und nicht im Gedanken des Objekts gelegt. Wir bauen also auf diesem Grundsatz die dynamische Möglichkeit auf, eine reale Gemeinschaft der Substanzen in einem zugleichseienden Dasein zu denken.

Unsere Analogien stellen also eigentlich die Natureinheit im Zusammenhange al- ler Erscheinungen unter gewissen Exponenten dar, welche nichts anders ausdrü- cken, als das Verhältniß der Zeit (so fern sie alles Dasein in sich begreift) zur Einheit der Apperception, die nur in der Synthesis nach Regeln stattfinden kann. Zusammen sagen sie also: alle Erscheinungen liegen in einer Natur und müssen darin liegen, weil ohne diese Einheit a priori keine Einheit der Erfahrung, mithin auch keine Bestimmung der Gegenstände in derselben möglich wäre. Hätten wir

116 Gegen die dritte Analogie beschreibt Baumanns (1997, S. 654 f.) Einwände von Strawson, Buchdahl, Menzel und Melnick, die bei diesen Autoren das grundsätzliche Mißverständnis der transzendentalen Ästhetik offenlegen. Die Einbindung der reinen Anschauungsformen bietet im folgenden den Schlüssel zum Verständnis der Analo- gie.

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diese Analogien dogmatisch, d.i. aus Begriffen beweisen wollen: daß nämlich al- les, was existirt, nur in dem angetroffen werde, was beharrlich ist, daß jede Bege- benheit etwas im vorigen Zustande voraussetze, worauf sie nach einer Regel folgt, endlich in dem Mannigfaltigen, das zugleich ist, die Zustände in Beziehung auf einander nach einer Regel zugleich seien (in Gemeinschaft stehen), so wäre alle Bemühung gänzlich vergeblich gewesen. (B 263 ff.)

Durch das Zugleichsein in der Gemeinschaft verwahrt sich Kant vor der Dringlichkeit, Gott als Garanten des Funktionierens von Erkenntnis oder Erfahrung einsetzen zu müssen. Wir selbst stehen in Wechselwirkung mit den Dingen – müssen uns zumindest so denken –, sonst unterlägen wir metaphysischen Erdichtungen, die z. B. okkasionalistische Charakterzüge tragen würden.

Diese ganze Bemerkung ist von großer Wichtigkeit, nicht allein um unsere vor- hergehende Widerlegung des Idealisms zu bestätigen, sondern vielmehr noch, um, wenn vom Selbsterkenntnisse aus dem bloßen inneren Bewußtsein und der Bestimmung unserer Natur ohne Beihülfe äußerer empirischen Anschauungen die Rede sein wird, uns die Schranken der Möglichkeit einer solchen Erkenntniß anzuzeigen. Die letzte Folgerung aus diesem ganzen Abschnitte ist also: Alle Grundsätze des reinen Verstandes sind nichts weiter als Principien a priori der Möglichkeit der Erfahrung, und auf die letztere allein beziehen sich auch alle syn- thetische Sätze a priori, ja ihre Möglichkeit beruht selbst gänzlich auf dieser Bezie- hung. (B 294 f.)

(Zu 4.) Die Postulate des empirischen Denkens schließen das zweite Hauptstück der Analytik der Grundsätze ab. Unter „Postulat“ versteht Kant keineswegs das Aufstellen eines Satzes, den man als unmittelbar gewiß kennzeichnet, sondern eine innere (subjektive) Synthesis, die nur logisch oder mit einer Anschauung verknüpft auftreten kann. Das Denken der Postulate entspricht wiederum einer Denkmöglichkeit. Sie sind als Grundsätze subjektiv-synthetisch und beziehen sich auf die Modalität des Gegebenseins: Sie stiften einem Gegenstand zwar die Art der Erkennbar- keit, erweitern aber nicht eigentlich dessen Begriff. 1. Bezogen auf den Verstand würde der jeweilige Gegenstand, wenn er nur begrifflich behan- delt würde, als „möglich“ bezeichnet werden müssen. 2. Die Wahrneh- mung verschafft ihm Wirklichkeit. 3. Die Bestimmung der Wahrnehmung des Gegenstands durch einen Begriff ist mit dem Gedanken der Notwen- digkeit verbunden. 117 Die Kategorien der Modalität drücken lediglich ein Verhältnis aus: Es handelt sich dabei aber nicht um das bloße Verhältnis des Subjekts zum Prädikat, sondern um das Verhältnis eines Begriffs zum Erkenntnisver- mögen. Da wir uns noch immer in der Untersuchung der Urteilskraft

117 Unser Gedankengang bzgl. der Postulate ließe sich wohl am ehesten unter Punkt 1. fassen.

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befinden, wird auch weiterhin der Verstand in seiner Anwendung auf die Anschauung mitbetrachtet. Somit wird von vornherein vermieden, daß der Verstand sich allein als transzendental agierend auffaßt, denn ohne den Bezug des Verstandes auf die Anschauung stünden wir mitten in der Metaphysik. Der Verstand grenzt die Leistungsfähigkeit der Sinnlichkeit stets ein, damit diese im Vernunfturteil nicht vorgibt, sich auf Dinge an sich beziehen zu können, sondern bei ihrem Empfindungsanspruch bleibt. Auch seine eigene Vorgehensweise muß vom Verstand selbst überwacht werden: Wir wenden hier zur Beschreibung je einer Kategorie unaus- weichlich alle vier zusammen an, um sie zu beschreiben. Es scheint in diesen Passagen, als verwende Kant die Bezeichnungen „metaphysisch“ und „transzendental“ stellenweise synonym. Jedoch weist er gerade an diesen Punkten stets auf den transzendentalen Schein hin, den uns der Verstand jederzeit „unterjubeln“ will, wenn er gerade logisch arbeitet. Die Postulate fordern deshalb folgendes: Die Möglichkeit zielt zur Bestim- mung einer objektiven Form auf ein Zusammenwirken des Verstandes und der formalen Bedingungen der Sinnlichkeit, denn nur auf diese Weise kann Erfahrung entstehen. In der Logik, da sie alle Denkleistungen um- fassen muß, wird bei dem entsprechenden Prozeß ein leerer Begriff auf- geworfen, und die Folgen der leeren Begriffe im Denken der Noumena werden später ebenfalls an einer Tafel präsentiert, die den Kategorien entspricht. Neben der Widerspruchsfreiheit, die die Logik erfordert, benö- tigen wir tatsächliche transzendentale Erfahrungsbedingungen durch die Verbindung zu den reinen Anschauungen. Auf diese Weise kommen wir zur Möglichkeit, Erfahrung einsehen zu können, die uns zugleich über ihre transzendentale Wahrheit eine objektive Realität garantiert. Immerhin wird sowohl das Objekt als auch unser Hinleiten zum Objekt durch den Verstand gedacht. Die Tatsache, daß also der Begriff des Objekts dessen Wahrnehmung „vorhergeht“, liefert uns die Möglichkeit – ja, nach der primären Wirklichkeit sogar die Notwendigkeit – des Dasein-Denkens. So wird folglich zugleich eine Bestimmung der Sinnlichkeit als Rezeptivität vorgenommen und damit auch eine Verbindung a priori gedacht, die uns im weiteren den Weg zur Prüfung unserer Vernunftschlüsse vorbereitet. Allein aus Begriffen heraus könnten wir niemals beweisen, daß unsere „Erdichtungen“ wahr oder falsch sein könnten. Es fehlt dazu die je bestä- tigende Erfahrung, die uns abrupt vor der angenommenen synthetischen Apriorität unserer analytischen Urteile bewahrt. Die Kategorien aber lie- fern uns momentan durch diesen Gedanken selbst den apriorischen Bezug zur Sinnlichkeit. Eigentlich muß nur in dem Fall, in dem wir von der Wirklichkeit der Dinge sprechen, eine empirische Wahrnehmung in das Zusammenspiel von Sinnlichkeit, Einbildungskraft und Verstand einge-

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schleust werden, denn aus dem Begriff allein ist außer den apriorischen, zergliedernden Erkenntnissen kein Dasein erkennbar.

Wo also Wahrnehmung und deren Anhang nach empirischen Gesetzen hinreicht, dahin reicht auch unsere Erkenntniß vom Dasein der Dinge. Fangen wir nicht von Erfahrung an, oder gehen wir nicht nach Gesetzen des empirischen Zusam- menhanges der Erscheinungen fort, so machen wir uns vergeblich Staat, das Da- sein irgend eines Dinges errathen oder erforschen zu wollen. (B 273 f.)

Ohne Umschweife entgegnet Kant dem Idealismus-Vorwurf: Weder Des- cartes’ „problematischer Idealismus“ noch Berkeleys „dogmatischer Idea- lismus“ haben etwas mit seiner Lehre gemeinsam. Wenn Berkeley z. B. den Raum als Eigenschaft der Dinge als Ideen annimmt, muß er völlig auf die Anwendung der Ideen 118 umschwenken. Kants diesbezügliche Lösung wird bereits in der transzendentalen Ästhetik, und nicht erst in der trans- zendentalen Dialektik, präsentiert. Dies ist sein „Seitenhieb“ gegen Des- cartes’ unbezweifelte Erkenntnis, daß nur ein „Ich denke“ angenommen werden kann, nachdem äußere Erfahrung (und nicht bloß Einbildungen) als möglich erwiesen wurde. Kants Lehrsatz lautet daher: Das bloße, aber empirisch bestimmte Bewußtsein meines eigenen Daseins beweist das Dasein der Gegenstände im Raum außer mir (B 275). Das „Ich denke“ kann nicht als Gegenstand in Begriffe gefaßt werden; es ist das Bewußt- sein, das alle Begriffe als Form begleitet. Das empirische Bewußtsein tritt schillernd hervor, wo doch eine Selbsterkenntnis des Menschen nur als Ding qua Erscheinung zulässig ist:

in der Zeitbestimmung. Durch die Zeit muß ein Beharrliches als Denk- notwendigkeit angenommen und zugleich als außer mir gedacht werden. Dann erst wird auch die Bestimmung des eigenen Daseins – im empiri- schen Bewußtsein – möglich. Es fügt sich die transzendentale Untersu- chung im Rahmen der Betrachtung der Notwendigkeit an, die auf der Wirklichkeit der gerade gedachten Möglichkeit beruht. 119 Die Existenz von Gegenständen kann ausschließlich unter der Bedingung behauptet werden, daß die erste Erfahrung wirklich war. 120 Aus Begriffen allein folgt ja noch keine Notwendigkeit für die Existenz von Dingen, wenn sogar unsere Selbstbestimmung transzendentaler Art als kausaler Vorgang ge- dacht werden muß. Wir legen unsere transzendentale Vivisektion selbst offen: Alles Dasein ist gleichzeitig nur als in notwendiger (kausaler) Ver- bindung von Kausalität und Sinnlichkeit vorstellbar und deshalb auch

118 Die Ideen sind dabei in unserer Interpretation keine selbständigen Ordnungsvorstel- lungen, sondern bestimmte Ergebnisse von Schlüssen aus wiederum bestimmten Re- geln und Begriffen. Vernunft ist also nur deshalb auch als Vermögen der Ideen zu be- zeichnen, weil sie das Vermögen der Schlüsse ist.

119 Vgl. Buchenau (1914, S. 121).

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notwendig in einer Überlegung bezüglich der Affektion inbegriffen. So erhalten wir – wiederum (denk-)notwendig – die Erkenntnis, daß Dinge an sich existieren, wir aber nur Erkenntnisse von den Zuständen der Din- ge als Erscheinung sammeln können. Die Notwendigkeit hat ihre Grenzen parallel zu der Möglichkeit der Erfahrung und bezieht sich auf Verhältnis- se der Erscheinungen.

Ob das Feld der Möglichkeit größer sei als das Feld, was alles Wirkliche enthält, dieses aber wiederum größer als die Menge desjenigen, was nothwendig ist, das sind artige Fragen und zwar von synthetischer Auflösung, die aber auch nur der Gerichtsbarkeit der Vernunft anheim fallen; denn sie wollen ungefähr so viel sa- gen, als ob alle Dinge als Erscheinungen insgesammt in den Inbegriff und den Context einer einzigen Erfahrung gehören, von der jede gegebene Wahrnehmung ein Theil ist, der also mit keinen andern Erscheinungen könne verbunden wer- den, oder ob meine Wahrnehmungen zu mehr als einer möglichen Erfahrung (in ihrem allgemeinen Zusammenhange) gehören können. Der Verstand giebt a priori der Erfahrung überhaupt nur die Regel nach den subjectiven und formalen Be- dingungen sowohl der Sinnlichkeit als der Apperception, welche sie allein mög- lich machen. (B 282 f.)

Sowohl gegen den Idealismus vor Kant als auch gegen den Idealismus nach Kant bietet die KrV genügend Abwehrmechanismen. 121 Die Diskus- sion um die Behauptungen Kants bezüglich des Dings an sich löst sich im transzendental-kritischen Gedankengang ohne Probleme auf: Kant bietet im 3. Hauptstück einen „summarischen Überschlag“ an. Er will aber keine Kapriolen vollführen, sondern eine Rekapitulation des Zusammhangs wagen. Dazu vermutet er, es sei besser, dem Leser nochmals die Differenz zwischen „Phaenomena“ und „Noumena“ nahezulegen. Die Fragen, die Kant als Bilanzierung beantwortet, lauten:

Ob wir mit dem, was es in sich enthält, nicht allenfalls zufrieden sein könnten, oder auch aus Noth zufrieden sein müssen, wenn es sonst überall keinen Boden giebt, auf dem wir uns anbauen könnten; zweitens, unter welchem Titel wir denn selbst dieses Land besitzen und uns wider alle feindselige Ansprüche gesichert halten können. (B 295)

Verstandesbegriffe enthalten nichts weiter als „das reine Schema“ zu einer jeden möglichen Erfahrung. Erneut warnt Kant: Nur in der Verbindung des Verstandes mit der Sinnlichkeit durch die Einbildungskraft kann Er- kenntnis gewonnen werden, auch wenn der Verstand mehr denken zu können „glaubt“ und vorgibt. Zwar ist der Verstand ohne Zweifel die Quelle der Wahrheit – Wahrheit (repräsentationistisch) definiert als Über- einstimmung unserer Erkenntnis mit ihrem Objekt –, denn dieses Denken

121 Vgl. Adickes (1927, S. 44 ff. u. S. 290 ff.) in seiner Kritik gegen Vaihingers fiktionale Philosophie und der Untersuchung der „Als-ob“-Stellen im Werk Kants (ebd., S. 110-

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des Objekts wird durch ihn ermöglicht. In der Rückbeziehung der Synthe- sis auf sich selbst denkt der Verstand nun die Apperzeption und erhält die Einheit, auf die somit alle Erscheinungen a priori bezogen werden müs- sen. Diese aber – die ersten Sätze der Einleitung verdeutlichen es uns – ist nur möglich durch die (erste) Erfahrung:

Daß also der Verstand von allen seinen Grundsätzen a priori, ja von allen seinen Begriffen keinen andern als empirischen, niemals aber einen transscendentalen Gebrauch machen könne, ist ein Satz, der, wenn er mit Überzeugung erkannt werden kann, in wichtige Folgen hinaussieht. Der transscendentale Gebrauch ei- nes Begriffs in irgend einem Grundsatze ist dieser: daß er auf Dinge überhaupt und an sich selbst, der empirische aber, wenn er bloß auf Erscheinungen, d.i. Ge- genstände einer möglichen Erfahrung, bezogen wird. Daß aber überall nur der letztere stattfinden könne, ersieht man daraus. (B 297 f.)

Zum Gebrauch der Begriffe gehört die Subsumtions-Funktion der Ur- teilskraft. Ohne deren tatsächliche Anwendung auf den jeweiligen „Input“ wäre der Gebrauch der Kategorien eben kein Gebrauch, und es ließe sich kein synthetischer Grundsatz fassen. In Leibniz’ Denken hatte diese Ver- lockung, wie Kant einige Seiten weiter beschreibt, schon eindrucksvoll gewirkt, und so nahm dieser Kant zufolge eine „intellektualistische“ Welt an. Kants Fazit der transzendentalen Analytik lautet deshalb vorsichtshal- ber:

Die transscendentale Analytik hat demnach dieses wichtige Resultat: daß der Verstand a priori niemals mehr leisten könne, als die Form einer möglichen Erfah- rung überhaupt zu anticipiren, und da dasjenige, was nicht Erscheinung ist, kein Gegenstand der Erfahrung sein kann, daß er die Schranken der Sinnlichkeit, in- nerhalb denen uns allein Gegenstände gegeben werden, niemals überschreiten könne. Seine Grundsätze sind bloß Principien der Exposition der Erscheinungen, und der stolze Name einer Ontologie, welche sich anmaßt, von Dingen über- haupt synthetische Erkenntnisse a priori in einer systematischen Doctrin zu geben (z.E. den Grundsatz der Causalität), muß dem bescheidenen einer bloßen Analy- tik des reinen Verstandes Platz machen. (B 303)

Denken ist schon per definitionem die (formale) Inbezugsetzung der An- schauung auf einen Gegenstand. Die zu vermeidende Täuschung liegt allerdings tatsächlich in der Vernachlässigung des Anschauungsbezugs während der Beschäftigung mit den Noumena. Diese werden nämlich auf eine von zwei möglichen, rein begrifflichen Charakteristika reduziert: a) nicht sinnlich und b) nichtsinnlich. Dabei liegt in a) eine negative Bestim- mung vor, die davor bewahrt, daß die Sinnlichkeit selbst als Ding an sich gedacht werden dürfte. Als Grenzbegriff der Anschauung ergibt sich je- doch ein notwendiger Begriff, aus dem selbstverständlich die Möglichkeit der Noumena nicht eingesehen werden kann. Nichtsinnliche Dinge wären hingegen intellektuelle Gegenstände, die sehr wohl ohne Widerspruch denkbar wären. Diese Widerspruchslosigkeit bleibt durchaus notwendig,

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ist aber keineswegs hinreichend für die Existenz eines wie auch immer gearteten Dings. 122 Ein weiterer, Orientierung stiftender Anhang vertieft unsere Position inmitten der Bestimmung unseres Erkennnisvermögens: Wir denken ge- rade. Wir befinden uns in der Untersuchung des Zustandes unseres Ge- müts, in dem wir versuchen, die subjektive Begriffsbildungsbedingung zu ergründen. Damit befinden wir uns im Bewußtsein des Verhältnisses von gegebenen Vorstellungen zu den verschiedenen Erkenntnisquellen, und diese Verhältnisse bestimmen wir nun. Wer aber annimmt, Kant müsse

sich dabei auf Verstand oder auf Sinnlichkeit in der Verortung des einzel- nen Begriffs beschränken, der irrt. Vielmehr lehrt uns diese Überlegung eine transzendentale Topik besonderer Art: Die Vergleichsbegriffe unter- scheiden sich von den Kategorien dadurch, daß sie nur „Titel“ der Vor- stellungsverhältnisse – und nicht etwa Gegenstände – auf Begriffe bezie- hen. Nicht umsonst trägt der Abschnitt den Namen „Amphibolie“, denn die Vergleiche beziehen sich auf das jeweils erörterte Vermögen und des- sen Umgang mit einem möglichen Gegenstand gleichermaßen. Die Ver- gleichungen, wie in Sinnlichkeit und im Verstand eine Situation aufge- nommen wird, sind folgende: 1. Einerleiheit und Verschiedenheit, 2. Einstimmung und Widerstreit, 3. Das Innere und das Äußere, 4. Materie und Form. Kant gibt eine zusätzliche Tafel vor: Die Tafel der Kategorien, wenn diese sich auf einen Gegenstand zu beziehen denken, der aber Nichts ist. Nichts, als

1. Leerer Begriff ohne Gegenstand, ens rationis.

2. Leerer Gegenstand eines Begriffs, nihil privativum.

3. Leere Anschauung ohne Gegenstand, ens imaginarium.

4. Leerer Gegenstand ohne Begriff, nihil negativum.

2.1.2.5 Die transzendentale Dialektik

Die Dialektik, eben als die Logik des Scheins (nicht: der Wahrscheinlich- keit, nicht: der Erscheinung), kann nur in Urteilen auftreten, weil die Lo- gik eine Tätigkeit allein des Verstandes ist. Kant führt einleuchtend an:

Sinne urteilen nicht und können daher auch nicht irren. Daher muß der

122 B 311 kann besonders gegen Dalbosco (2002) angeführt werden: „Die Eintheilung der Gegenstände in Phaenomena und Noumena und der Welt in eine Sinnen- und Vers- tandeswelt kann daher in positiver Bedeutung gar nicht zugelassen werden, obgleich Begriffe allerdings die Eintheilung in sinnliche und intellectuelle zulassen; denn man kann den letzteren keinen Gegenstand bestimmen und sie also auch nicht für objectiv gültig ausgeben.“

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Mensch anscheinend, wenn er (wahr) urteilen möchte, mit der Gefahr leben, einem potentiellen Schein zu unterliegen, der im Verhältnis eines Gegenstands zu den Verstandesleistungen angelegt ist. Kant beschreibt ihn so, daß subjektive Grundsätze den Schein von objektiven Urteilen erhalten, da kein Vermögen – und überhaupt: keine Kraft der Natur, wie wir sie erkennen können – von seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten abwei- chen kann. Eine Beeinflussung unserer Erkenntnisvermögen verleitet uns zu scheinbar objektiven Urteilen mit subjektivem Charakter. Kant sieht hierin einen natürlichen, „unabschaffbaren“ Zug des menschlichen Er- kenntnisvermögens und somit eine passende Antwort auf das sogenannte „Paradoxon der Vernunft“ (vgl. Lüthe 2002, S. 13). Wir können dieses Paradoxon jedoch zumindest aufdecken und seine Auswirkungen so weit beschreiben, daß wir vor ihm auf der Hut sein können. Da uns die wechselhaften Einflüsse der je konkreten Empirie „erfah- rungsgemäß“ stören, versuchen wir erneut, uns von dem Einfluß der Ma- terie zu reinigen. Dort, wo wir uns weiterhin innerhalb der möglichen Empi- rie bewegen, befinden wir uns in einem „immanenten“ Bereich. Mit dem Verlassen dieses Terrains, z. B. durch Anmaßungen von Begriffen ohne eine Verbindung zur Anschauung, verstricken wir uns in die Auswirkun- gen des „transzendenten“ Gebrauchs der Vernunft. Diese beiden Areale basieren aber offensichtlich auf Grundfunktionen der Vermögen. Finden wir diese und zeigen, unter welchen Konstellationen sie notwendig irren, dann ist es uns gelungen, einen transzendentalen Schein in einer unaus- weichlichen Bedingung des Erkenntnisvermögens auszumachen. Kant zergliedert zunächst die Bestandteile eines Scheinurteils und be- schreibt mit Hilfe einer transzendentalen Topik deren Herkunft. Seine Vermutung vorab: Im Normalfall bezieht sich der Verstand auf die Sinn- lichkeit als Quelle aller möglichen Erkenntnis und legt dem Subjektiven einen objektiven Charakter bei. Der objektive Schein eines subjektiven Urteils könnte daher durchaus eine Variante sein, die den ursprünglichen Geltungsanspruch beibehält. Möglicherweise nimmt die Sinnlichkeit – im Schluß der Vernunft – in einigen Urteilen den Verstand als Quelle der Erkenntnis und bezieht sich mit ihrer subjektiven Vorstellung auf reine Begriffe, die dann den transzendenten Gebrauch des Verstandes mit dem Anschein einer objektiven Verbindung zur Sinnlichkeit erwecken. Solche ästhetischen Ideen basieren aber auf Begriffsverbindungen, die einem höheren Vermögen als dem Verstand entspringen. Auch die Vernunft weist nämlich einen logischen Gebrauch auf, wenn wir sie als formales Vermögen (denkend) betrachten. Es ist dies die Fähigkeit, „mittelbar“ 123 zu schließen. Die Vernunft ist nicht auf die Zubringer von Sinnlichkeit

123 Hiermit ist der Mittelsatz in einem Syllogismus angedeutet.

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und Verstand angewiesen, um sich so zu denken, daß sie eigene Verknüp- fungen hervorbringen kann. Welche dies sind und besonders, wie sie mög- lich sind, finden wir in der transzendentalen Untersuchung, um die letzte und entscheidende Frage der Kritik zu beantworten: Welches ist das Grundprinzip der Vernunft? Kant knüpft an den bewährten Ablauf der transzendentalen Untersuchung aus den vorherigen Kapiteln an, und auch an dieser Stelle führt uns der logische Gebrauch zum transzendentalen Prinzip des Vermögens. Im Text reihen sich die Adjektive „logisch“ und „transzendental“ oftmals auf verwirrende Weise aneinander (vgl. B 356). Beide Begriffe bedeuten hier den formalen und den realen Gebrauch der Vernunft, die zusammen nur in einer transzendentalen Untersuchung unter einer Vernunft vereint werden können. Weiter gefragt: Wie kann die Vernunft im Rahmen ihres Vermögens zur Erstellung einer Erkenntnis beitragen? Sie definiert sich als das Vermögen zu schließen 124 und ist in Kantischen Termini damit das „Vermögen der Prinzipien“, während der Verstand uns als das Vermögen der Regeln nahegebracht wurde. Prinzi- pien beschränken sich nicht wie Regeln auf Allsätze. Ihre spezifische Leis- tung liegt im Erkenntnisschluß des „Besondren im Allgemeinen durch Begriffe“ (B 357). Voraussetzung dazu ist die Subsumtion eines Konkre- ten unter das Allgemeine des Verstandes durch die Urteilskraft. Das Prin- zip der Vernunft besteht demnach in einer syllogistischen Schlußform, aber was wird mit ihr geleistet? Der reine Verstand hat uns Grundsätze geliefert, die in einem synthetischen Bezug zur Sinnlichkeit stehen. Wir lehnen es mit Kant ab, synthetische Verbindungen allein aus Begriffen als erweiternde Erkenntnis einzustufen. Es bleibt allerdings in der Suche nach dem dialektischen Schein die Frage offen, wie und in welcher Hinsicht denn diese zusammengefügt werden können, und wir erkennen in der syllogistischen Form einen entsprechenden Verbindungsmechanismus:

Jeder allgemeine Satz ist es wert, als vergleichbarer Teil eines Syllogismus betrachtet zu werden. Den Vergleich mit dem Besonderen können wir durch die Urteilskraft herbeiführen, selbst wenn keine konkrete Materie dazu geliefert wurde. Es liegt eine spezifische Differenz der Erkenntnis aus Verstandesregeln einerseits und aus Prinzipien andererseits vor. Jede Erkenntnis ist Verstandeserkenntnis – die Vernunft jedoch besitzt selbst keine Allgemeinheit, sie bedient sich ihrer. Da wir sie in reinen Begriffen denken, wenn wir die transzendentale Untersuchung durchführen, schlie- ßen wir ebenso transzendental auf die notwendige Struktur der Vernunft, wenn sie in der Zeit und räumlich mit mehr als nur Begriffen spekuliert. Bevor sie sich (über Umwege) auf Anschauungen bzw. Anschauungsurtei- le bezieht, schließen wir die Begriffe zu Prinzipien zusammen, um wieder-

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um die Verstandesregeln in einen einheitlichen Zusammenhang zu brin- gen. Dieser Schlußmechanismus zielt auf die Begriffe ab und gibt ihnen Einheit. Anders als der Verstand hat die Vernunft keinen direkten Kon- takt zur Sinnlichkeit, und somit hat sie nie selbst Materie zum Gegens- tand, aber wir müssen sehr wohl unterscheiden: Schließt sie auf reine Verstandesbegriffe, die selbst ohne jede weitere Verbindung zur Anschau- ung stehen, oder schließt sie auf diverse sinnlich „gesättigte“ Begriffe? Zur Einheit des Verstandes gesellt sich die Vernunfteinheit als erweiternde Facette der Grundsätze und Regeln. Logisch weist jede Schlußfolgerung die folgende Struktur auf: Satz – Beifügung (Folgerung) – Schlußfolge. Darin wird die Wahrheit des ersten Satzes als Regel des Verstandes mit der Wahrheit des letzteren zu einer Einheit verknüpft. Die transzendentale Dialektik hat es nicht ausschließ- lich mit dieser logischen Form zu tun, aus der nie eine Erkenntnis ent- springen könnte. Sie schließt auch auf die Form der Vernunftschlüsse, die a priori den Ursprung „gewisser“ Erkenntnis ermöglicht. Immerhin gibt uns die Logik aber schon den Hinweis auf die Anzahl der Vernunftschlüsse, die zu erwarten ist. 125 Im weiteren ist die besondere Aufmerksamkeit auf den Unterschied zwischen dem unmittelbar Wahrgenommenen und dem, was durch Schlußfolgerung als unmittelbar wahrgenommen aufgefaßt wird, entscheidend. Diese Verwechslung erklärt Kant mit der Macht der Gewohnheit und der Tatsache, daß wir überhaupt schließen – wir tun es ja ständig. Unmittelbar ist ein Schluß nur, wenn aus dem Obersatz die Schlußfolgerung durch ein Enthaltensein und eine Ableitung getätigt wer- den kann. Wir bedürfen hier keiner Vermittlung durch eine „dritte Vor- stellung“ wie etwa durch einen Verstandesschluß. Diese Struktur erinnert uns an die analytische Vorgehensweise des Verstandes. Der eigentliche Vernunftschluß aber ist ein mittelbarer, d. h. über einen Mittelsatz getätigt.

In jedem Vernunftschlusse denke ich zuerst eine Regel (major) durch den Verstand. Zweitens subsumire ich ein Erkenntniß unter die Bedingung der Regel (minor) vermittelst der Urtheilskraft. Endlich bestimme ich mein Erkenntniß durch das Prädicat der Regel (conclusio), mithin a priori durch die Vernunft. Das Verhältniß also, welches der Obersatz als die Regel zwischen einer Erkenntniß und ihrer Bedingung vorstellt, macht die verschiedenen Arten der Vernunft- schlüsse aus. Sie sind also gerade dreifach, so wie alle Urtheile überhaupt, so fern sie sich in der Art unterscheiden, wie sie das Verhältniß des Erkenntnisses im

125 Vgl. Heimsoeth (1969, 2. Teil, S. 275): „Der erste Satz des 18. Absatzes formuliert nun explizite eine Überzeugung Kants, welche das Wesen der menschlichen Vernunft überhaupt betrifft. Es ist das eine Überzeugung, welche als Grundvoraussetzung in seinem ganzen Denken wirksam ist und schon das Programm seiner Transzendental- philosophie mitbestimmt hat: unsere Vernunft ist ihrerseits von ,architektonischem Charakter‘[…].“

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Verstande ausdrücken, nämlich: kategorische oder hypothetische oder disjunctive Vernunftschlüsse. (B 360 f.)

Alle Erkenntnisse können also unter der höchsten Einheit der Vernunft nach drei Prinzipien eingeteilt werden. „Man sieht daraus: daß die Ver- nunft im Schließen die große Mannigfaltigkeit der Erkenntniß des Vers- tandes auf die kleinste Zahl der Principien (allgemeiner Bedingungen) zu bringen und dadurch die höchste Einheit derselben zu bewirken suche.“ (B 361) Aus dem bisher Erörterten konnten wir noch keinen Grundsatz erkennen, der zur Objektbestimmung tauglich wäre, sondern lediglich ein „subjectives Gesetz der Haushaltung mit dem Vorrathe unseres Verstan- des“ (B 362). Wir wissen aus dem logischen Gebrauch: Ein Ver- nunftschluß bedient sich nicht der Anschauungen, sondern der Verstan- desgaben. Diese Vernunft im logischen Gebrauch sucht nach der allgemeinen Grundlage ihrer Schlüsse. Auch wenn die Schlüsse selbst wiederum als spezielle Urteile gelten, versucht die Vernunft (immer wenn eine Regel gegeben wird) das Unbedingte als einen weiteren Obersatz hinzuzufügen: „So sieht man wohl, der eigenthümliche Grundsatz der Vernunft überhaupt (im logischen Gebrauche) sei: zu dem bedingten Er- kenntnisse des Verstandes das Unbedingte zu finden, womit die Einheit desselben vollendet wird.“ (B 364) So lautet der Grundsatz der Vernunft im logischen Gebrauch. Ist diese „logische Maxime“ ein Hinweis auf das Prinzip der Vernunft? – Es folgen die „dunkelsten“ Passagen des Werks, die es zu erhellen gilt. Kant verbindet mit der genannten „Maxime“ die folgende Annahme:

Ein gegebenes Bedingtes hat seine Bedingung immer schon in sich ange- legt; nur ist in dieser Bedingung selbst wieder ein Bedingtes impliziert. Durch diesen Gedanken wird eine Kette in Gang gesetzt, die sich als eine Reihe der Bedingungen darstellt. Diese Reihe als eigenständiger Begriff umfaßt jedoch alle ihre Glieder und muß uns in dieser Hinsicht als Unbe- dingtes gelten, da sie sonst eben nicht als Reihe der Bedingungen betrach- tet werden könnte.

Diese logische Maxime kann aber nicht anders ein Principium der reinen Ver- nunft werden, als dadurch daß man annimmt: wenn das Bedingte gegeben ist, so sei auch die ganze Reihe einander untergeordneter Bedingungen, die mithin selbst unbedingt ist, gegeben (d.i. in dem Gegenstande und seiner Verknüpfung enthal- ten). (ebd.)

Es scheint, als hätten wir tatsächlich den gesuchten synthetischen Grund- satz der Vernunft aufgetan, denn der erweiternde Bezug von Bedingtem auf Unbedingtes kann damit selbst nicht analytisch sein. Während der Verstand dem Denken möglicher Erkenntnis verhaftet und somit allein auf das Bedingte ausgerichtet bleibt, stammt die oben angeführte Synthese aus einem Vermögen, das mit dem Unbedingten als Gegenstand gar keine

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Entsprechung in den Erscheinungen haben kann und dem Wesen nach transzendent ist. Durch seine Vorstellung aber versucht der Mensch so viel wie mög- lich von den bedingten Reihungen auszuloten und zumindest eine Annä- herung an die komplette Erkenntnisvielfalt zu vollziehen. Mit der Er- kenntnis des Unbedingten haben wir gleichzeitig auch die absolute, ohne Relation gedachte Einheit aller Erkenntnis erreicht. Wenn also der Ober- satz eines Vernunftschlusses aus der reinen Vernunft selbst stammt, so müssen wir damit rechnen, daß die Schlußfolgerung den transzendenten Schein trägt.

The three Ideas of Reason, as derived from the three kinds of syllogism, are now brought into connection with the three possible relations in which representa- tions are found to stand: first, to the thinking subject; secondly, to objects as ap- pearances; thirdly, to objects of thought in general. (Kemp Smith 2003, S. 453)

Was aber leitet sich hier von wem ab? Begriffe der Vernunft sind, anders als die des Verstandes, erschlossene „Ideen“: Es handelt sich um reflek- tierte Begriffe als Form der Einheit der Erscheinungen. Vernunftbegriffe lassen sich weiterhin gerade nicht auf Erfahrung einschränken, dienen aber doch auf ihre Art zum „Begreifen“. In der Idee des Unbedingten enthält der Vernunftbegriff daher logisch alle Erfahrung, jedoch kann dieser absolute Begriff selbst nie Gegenstand der Erfahrung werden. Aus den Erfahrungsschlüssen führt die Vernunft uns zu diesen Weiten, von denen aus die Erfahrung und ihre Entstehung erst „richtig“ eingeschätzt, bzw. erst ermöglicht werden. Diese Begriffe können dort eine objektive Gültigkeit beanspruchen, wo sie als richtig geschlossene Begriffe auftre- ten. Ansonsten sind sie eben nur „vernünftelnd“, d. h. durch einen Schein „erschlichen“. Kant benennt die möglichen Begriffe der Vernunft, wie bereits angemerkt, in guter philosophischer Tradition mit dem Titel „I- deen“. 126 Besondere Geltung und Entfaltung werden diese Ideen auch im Rahmen der KpV bzw. in der Grundlegung der Sittlichkeit insgesamt erlangen. Von den transzendentalen Ideen heißt es:

Analog zur Abhandlung der transzendentalen Analytik bezüglich der Urteile können wir erneut von der bloß logischen Form der Vernunftschlüsse auf ihre materiale Anwendung übergehen. Wenn die Schlüsse bereits unter die Form der Kategorien geordnet wurden, können wir die transzendentalen Ideen aufspüren. Mit ihnen kämen uns allgemeine und notwendige Begriffe der reinen Vernunft zu, die den gesamten Verstandesgebrauch der möglichen Erfahrung durch Prin- zipien darlegen: Die Allgemeinheit der Erkenntnis durch Begriffe zu bestimmen liegt also in der Aufgabe der Vernunft, wenn ihre Schlüsse apriorische, in ihrer Ganzheit der Bedingungen bestimmte Urteile sind. Auf diese Weise ist die stets bedingte Form eines Urteils im Verstand angedeutet, die unter einem Allsatz zu

126 Vgl. Höffe (2003, S. 216) zur Verbindung zwischen Kategorien und Ideen.

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einer Erkenntnis ohne eine bestimmte, konkrete Erfahrung werden kann. Unter den Verstandesfunktionen finden wir die Kategorie der Allheit zur Beschreibung der Allsätze sowie zur Bestimmung der Synthesis von Anschauungen. Wir schlie- ßen auf den Vernunftbegriff als die Verknüpfung zweier mit Anschauung gefüll- ter Kategorien, deren einer ein Allgemeinsatz (eine Regel), deren anderer ein be- sonderer Satz sein muß. Der Vernunftbegriff ist nach diesen Überlegungen von uns notwendig als der Begriff der Totalität der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten zu denken. (B 377 ff.)

Die Vernunftschlüsse können die Vollständigkeit des Bedingten augen- scheinlich nicht in einer unendlichen Auflistung darstellen, jedoch nutzt die Vernunftfunktion einen Begriff, der als transzendentales Vermögen von der Vernunft selbst stammen muß: Es ist eben der Begriff des Unbe- dingten, der die Synthesis des Bedingten vollständig umfaßt. Dieser Beg-

riff hat an allen Vernunftbegriffen als Bedingung ihrer Möglichkeit Anteil, und aus dieser Relation ergibt sich, daß wir genau so viele dieser reinen Vernunftbegriffe auffinden können, wie kategoriale Verhältnisse existie- ren. Gehen wir mit der Anzahl der Kategorien konform, so ist es ein leichtes, diese Vernunftbegriffe abzuleiten, denn sie müssen ja in den Denkstrukturen der Relation zu finden sein. Die Inbezugsetzung begegnet uns als synthetische Leistung in folgenden Erscheinungsformen:

1. ein Unbedingtes der kategorischen Synthesis in einem Subjekt (s. o. kategorisch: nur ein Prädikat zu einem Subjekt),

2. die hypothetische Synthesis der Glieder einer Reihe,

3. die disjunktive Synthesis der Teile in einem System. 127

Es ist bereits an dieser Stelle augenscheinlich, daß mit diesen Urteilsfor- men die Ideen 128 Gott, Seele und Freiheit verbunden sein werden. Kön- nen wir bereits absehen, worauf Kant hier hinaus will? Wir denken über uns selbst nach und schließen, daß wir uns als Menschen nicht selbst ge- schaffen haben können. 129 So denken wir die Reihe der Schöpfungsfolge und gelangen über die Kausalität des Weltgeschehens zum Begriff Gottes. Formaliter bedeutet dies: Von Prinzipien in ihrer logischen Form gelangt die Vernunft in eine Verbindung zum Verstand, den sie von einer beding- ten Synthesis zu einer unbedingten Synthesis erweitert, wobei diese selbst als Erfahrung jedoch sinnvollerweise nie erreicht werden kann, denn hier- zu wird schwerlich eine passende materiale Anschauung aufgefunden werden. Kant führt die transzendentale Kritik nun weiter auf die Erkennt-

127 Die Strukturen der GMS und der KpV in der Vernunft-Betrachtung sind hier schon deutlich abzulesen.

128 Vgl. Nink (1930, S. 194): Ideen beruhen auf Schlüssen und können aus den Formen hergeleitet werden. Wir werden unten dagegen zeigen, daß sie die Schlußformen aus- machen, und Kant aus den Ideen erst die Formen deduziert.

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nisse, die wir über das selbst „Unerkennbare“ zu treffen durchaus in der Lage sind. Die reinen Vernunftbegriffe können wir durch die Synthesis der Bedingungen in jeder einfachen Erfahrung wiedererkennen. Sie deuten die Reihe bis zum Ziel des Unbedingten aller Erfahrung zumindest an, auch wenn sie in der einzelnen Erfahrung nicht selbständig vorkommen können. Wir sprechen mit Kant in diesem Zusammenhang von „absolu- ten“ Verhältnissen. Zur Bedeutung des Wortes „absolut“ führt Kant eine Unterscheidung an, um durch dieses Bewußtsein eine Rettung der Begriff- lichkeit für seine Philosophie zu erreichen: „Absolut“ kann auftreten als etwas an sich selbst (innerlich) Geltendes. a) „Absolut möglich“ hieße somit in der „wenigsten“ Bedeutung des Begriffs dasjenige, was „an sich selbst“ möglich ist – durch die Existenz des Gegenstands findet sich hier immer das „Mindeste“ ein, was man über ihn sagen kann. Also: Nur durch die Existenz einer Sache selbst ist ihre Möglichkeit mitgegeben. b) Das „meiste“ hingegen, auf das dieser Begriff in seiner zweiten Bedeutung hinweist, ist das „Absolut-Mögliche“ als dasjenige, das in jeder Beziehung möglich ist. Also: Die Möglichkeit gilt in jeder Beziehung, in der der Ge- genstand stehen kann. Wo non a), da ist auch non b) unausweichlich, aber wo beide existie- ren, klafft diese Bedeutungsvielfalt weit auseinander. Daraus folgt, daß a) dafür notwendig ist, daß b) sein kann – das Gegenteil hingegen gilt nicht. Es kann etwas nicht absolut möglich, im weitesten Sinne aber wohl inner- lich möglich sein. Die logische Umschreibung, die Kant diesen zuspricht, ist also: a) ist notwendig und hinreichend für b), b) ist weder notwendig noch hinreichend für a). Kant verwendet die Begrifflichkeit „absolut“ nun als erweiterte Bedeutung beider Möglichkeiten und stellt sie allem Kompa- rativen gegenüber (vgl. B 380 ff.). Die Worterklärung von „absolut“ soll erhellen, was es bedeutet, den transzendentalen Vernunftbegriff auf die „absolute Totalität“ zu beziehen, d. i. die selbst nicht wieder bedingte Gesamtheit der Reihe in einer Synthesis der Bedingungen. Das schlecht- hin Unbedingte nimmt die Position des in jeder Beziehung absoluten Beg- riffs ein. Nur der Verstand bezieht sich auf die Synthese der Anschauun- gen, wodurch der Vernunft die Freiheit bleibt, zu diesem schlechthin Unbedingten fortzuschreiten. Aus diesem Grund können sowohl die Ver- nunfteinheit der Erscheinungen (unter Begriffen) als auch die der Katego- rien selbst als Vernunfteinheit bezeichnet werden: Vernunft begründet für den Verstand den Vernunftbegriff der Einheit der Verstandesbegriffe. Alle Verstandeshandlungen können so unter einem absoluten Ganzen gedacht werden, alles Bedingte aber unter der selbst unbedingten Reihe aller Bedingungen. Wir haben soeben eine transzendentale Erkenntnis mit der und über die Vernunft gewonnen. Zugegeben, es handelt sich dabei gleichzeitig um

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eine „einschränkende“ Erkenntnis, denn: Die Vernunft alleine kann nicht anders, als transzendente Vernunftbegriffe zu generieren, weil sie sich in der Erkenntnisbildung nie direkt auf Anschauungen bezieht. Einer Idee kann kein Gegenstand der Anschauung entsprechen, das ist das tragiko- mische Los unserer Vernunft. Objektive Vernunftbegriffe beziehen sich lediglich auf den Verstand und dessen objektgenerierende Funktion, ohne daß je ein Sinnesgegenstand diesem die Transzendenz nehmen könnte – selbst das absolut Ganze der Erscheinungen bleibt stets eine Idee. Sehen wir uns einfach um: Die Sinne als die Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung gestalten uns zwar das sinnliche Pendant zum Beharrlichkeits- begriff, jedoch nur in Hinsicht auf die Möglichkeit von Erfahrung, die uns immanent (innerhalb ihrer) nie als ein „geballter Klumpen“, sondern stets nacheinander und nebeneinander zu erreichen scheint. Im praktischen Gebrauch werden wir zwar teilweise ein Wirklich- Werden der Idee nachvollziehen können; an dieser Stelle aber wäre eine solche Behauptung noch anmaßend. In dieser tröstlichen Aussicht liegt die Milderung des Ausspruchs: „Es sind ja nur Ideen.“ Wir werden sie noch als wesentlichen Teil des praktischen Gebrauchs der Vernunft ken- nenlernen. Müssen wir aber bis zu diesem Punkt zunächst nicht wieder ein meta- physisches Hinleiten zur Thematik eingestehen? Konnten wir bereits eine Erkenntnis ausreichend fixieren? Im folgenden Abschnitt entwickelt sich das, was mit der transzendentalen Deduktion der Verstandesbegriffe für die Vernunft verglichen werden könnte:

Unserer Absicht gemäß setzen wir aber hier die praktischen Ideen bei Seite und betrachten daher die Vernunft nur im speculativen und in diesem noch enger, nämlich nur im transscendentalen Gebrauch. Hier müssen wir nun denselben Weg einschlagen, den wir oben bei der Deduction der Kategorien nahmen: näm- lich die logische Form der Vernunfterkenntniß erwägen und sehen, ob nicht etwa die Vernunft dadurch auch ein Quell von Begriffen werde, Objecte an sich selbst als synthetisch a priori bestimmt in Ansehung einer oder der andern Function der Vernunft anzusehen. Vernunft, als Vermögen einer gewissen logischen Form der Erkenntniß betrachtet, ist das Vermögen zu schließen, d.i. mittelbar (durch die Subsumtion der Bedingung eines möglichen Urtheils unter die Bedingung eines gegebenen) zu urtheilen. Das gegebene Urtheil ist die allgemeine Regel (Obersatz, Major). Die Subsumtion der Bedingung eines andern möglichen Urtheils unter die Bedingung der Regel ist der Untersatz (Minor). Das wirkliche Urtheil, welches die Assertion der Regel in dem subsumirten Falle aussagt, ist der Schlußsatz. (B 386 f.)

Könnte die Vernunft wie der Verstand ausschließlich Bedingtes verarbei- ten, wie wären dann die Schlüsse aus den ohnehin schon bedingten Urtei- len noch möglich?

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So bin ich durch eine Reihe von Bedingungen (Prämissen) zu einer Erkenntniß (Conclusion) gelangt. Nun läßt sich eine jede Reihe, deren Exponent (des katego- rischen oder hypothetischen Urtheils) gegeben ist, fortsetzen; mithin führt eben dieselbe Vernunfthandlung zur ratiocinatio polysyllogistica, welches eine Reihe von Schlüssen ist, die entweder auf der Seite der Bedingungen (per prosyllogismos), oder des Bedingten (per episyllogismos) in unbestimmte Weiten fortgesetzt werden kann. (B 387 f.)

Die Forderung der Vernunft nach apriorischer und notwendiger Bestim- mung ihrer eigenen Erkenntnisse liegt in der Bedingung, daß ein Beding- tes nur dann „wahr“ sein kann, wenn die Reihe als ganze, alle Bedingun- gen umfassende insgesamt als wahr angesehen wird. Diese Betrachtung ergibt sich zudem unabhängig davon, ob es sich um eine aufsteigende (von einem Bedingten zum Allgemeinen der Erkenntnis) oder absteigende Reihe (von einer gegebenen Erkenntnis zu allen möglichen Teilen dersel- ben) handelt. Aus einer solchen Folge von Bedingungen – an sich noch kein Erkenntnisgrund – gewinnen wir durch das fortschreitende Schließen eine Erkenntnis. Da Vernunft nie selbst auf die Anschauung zurückgreift, muß im Vollzug der kritischen Selbstbetrachtung (innere Anschauung und Denken zusammen bilden Erkenntnis) die Arbeit der Vernunft (als) in der Zeit, verbunden unter Begriffen und unter Schlüssen beschrieben werden. Damit bringen wir die transzendentale Untersuchung zu ihrem höchsten Punkt: Wir besitzen Vernunft und erkennen sie in der Selbstbetrachtung lediglich unter den Bedingungen der Zeit und der Begriffe, die dann zu Schlüssen zusammengefügt werden – derart erscheinen wir uns, und ein System der transzendentalen Ideen entfaltet sich demgemäß: Es wird kei- ne Objekt-Deduktion geleistet werden können, da ja der direkte Bezug zur

Sinnlichkeit grundsätzlich ausgeschlossen ist. Die sogenannte „subjektive Deduction“, die Deduktion aus der Vernunft selbst heraus, ist das Höchs- te, das wir anstreben können. Das Allgemeine einer jeden Beziehung (die Obersätze) muß strukturell in der Relation auf ein Subjekt oder auf ein Objekt bestehen. Letztere wäre in der Differenzierung auf ein Objekt als Erscheinung oder auf ein Objekt als Möglichkeit des Gegenstanddenkens gerichtet. Durch den Rückgriff auf die unbedingte synthetische Einheit der Vorstellungen lassen sich im Anschluß an die Selbstbetrachtung drei weitere Urteilsklassen bilden:

1. Die absolute Einheit des denkenden Subjekts: eine Psychologie. Bei reiner Vernunft als transzendentale Seelenlehre auftretend.

2. Die absolute Einheit der Reihe der Bedingungen der Erscheinung:

eine Kosmologie. Bei reiner Vernunft als transzendentale Weltwissen- schaft auftretend.

3. Die absolute Einheit der Bedingung aller Gegenstände des Denkens überhaupt: eine Theologie. Bei reiner Vernunft als transzendentale Gotteslehre auftretend.

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Kant versucht die reinen Vernunftbegriffe, die jeweils unter diese Katego- rien fallen, im folgenden ausfindig zu machen. Selbstverständlich dient uns deren Tafel als guter Anhaltspunkt für die anschließende Systematik. Durch die Synthesis in den kategorischen, hypothetischen und disjunkti- ven Vernunftschlüssen wird das jeweilige Fortschreiten möglich, und der Zusammenhang der drei Klassen (von Ich zu Welt und von Welt zu Gott) wird uns durch die Arbeit der Vernunft notwendig auf die Einheit der Vernunftschlüsse führen. 130 Wie wären ohne diese Reflexion sonst Denk- figuren wie Zirkel o. ä. überhaupt möglich? Wir sollten uns bewußt ma- chen, daß die Gegenstände unseres Denkens sich immer stärker dem an- nähern, was wir zum Denken derselben auch anwenden. Wir können, wie beschrieben, nicht mit möglichen Objekten aufwar- ten, um eine Objektivität der Vernunftbegriffe nachzuweisen. Sehr wohl aber können wir eine subjektive Realität belegen. Anhand eines notwendi- gen Vernunftschlusses sind wir zu unseren bisherigen Zwischenergebnis- sen hinsichtlich der Vernunft gelangt. Nicht alle Vernunftschlüsse gaukeln uns demnach vor, sie müßten auch anschaulich sein können; nicht alle Vernunftschlüsse versuchen, uns ihren berühmten, selbst von „den Wei- sen“ nicht zu vermeidenden Schein aufzuzwingen. Vernunftschlüsse über den Schein sind selbst noch keine Scheinschlüsse.

2.1.2.5.1 Die Paralogismen

Das transzendentale Ergebnis (B 397) beruht auf der Erkenntnis, daß wir einen notwendigen Vernunftbegriff haben. Es ist derjenige, der uns auf die Form der Ideen brachte und somit erst die Möglichkeit der Schluß- funktionen offenbarte, nämlich das Fortschreiten zum Unbedingten als notwendige und allgemeine Bedingung aller Möglichkeit von Vernunft- produkten. Ausgehend von diesem Schluß, geraten wir in die „Sophistika- tionen“ hinein, denn das subjektive Transzendentale markiert bereits den Grenzbereich, hinter welchem Vernunft sich wie in luftleerem Raum schwebend zu verhalten gedenkt. Die Zustände der Vernunft belaufen sich entsprechend ihrer vorausgesetzten Ideen auf dreierlei Phänomene: den Paralogismus, die Antinomie und das Ideal der reinen Vernunft. Diese Formen erweisen sich erneut als für den Menschen notwendige Struktu- ren, doch die scheinbaren (Erkenntnis-)Urteile, die sie uns präsentieren, beinhalten keine unbedingte Notwendigkeit mehr. Jeder dieser Schlüsse basiert zwar für sich auf der Bedingung der Möglichkeit der Vernunft-

130 Hierin stimmen wir völlig mit Baumanns (1997, S. 711 f.) überein, der einen „durch- gängigen Zusammenhang“ der Ideen annimmt.

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schlüsse, sonst könnten sie nicht wirklich werden; wir erleben aber, daß die Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit ihnen genau dort fehlt, wo wir zugestehen müssen, daß aus der Vorspiegelung einer nicht zu erreichen- den Realität ein Fehlschluß resultieren muß. Am Beispiel des Paralogis- mus, dessen logische Form in der „Falschheit“ eines Vernunftschlusses besteht, zeigt sich uns: Der transzendentale Paralogismus zeigt den Grund in der menschlichen Vernunft auf, der uns notwendig dazu veranlagt, der

Form nach falsch zu schließen. 131 Die rationale Psychologie 132 entwickelt die Fehlurteile nach folgender Grundlage: Sie schließt darauf, die Seele sei

1. …Substanz.

2. …ihrer Qualität nach einfach.

3. …den verschiedenen Zeiten nach, in welchen sie da ist, numerisch- identisch, d. i. Einheit (nicht Vielheit).

4. …im Verhältnis zu möglichen Gegenständen im Raume [stehend]. (vgl. B 402)

Unser Bewußtsein – „das Vehikel“ aller Begriffe: das „Ich denke“ – ist die transzendentale Form, durch die eine innere Wahrnehmung (Ich, Seele) von der Wahrnehmung der äußeren Sinne (Körper) unterschieden werden kann. Die auf dem „Ich denke“ aufbauende, rationale Seelenlehre behaup- tet nun, dieses Ich sei nicht empirisch zu erlangen, sondern als reines Ich gegeben. Kant sieht das anders: Zu Recht pocht er darauf, daß die Be- hauptung einer Substanz notwendig mit dem Gedanken der Beharrlichkeit verbunden ist. Durch diesen wiederum vereinigen sich aber innerhalb eines jeden Beweises zu dieser Problematik die Vermögen der Sinnlich- keit, der Einbildungskraft und des Verstandes. Daher ist unsere „Psycho- logie“ in dem Moment dieser Erkenntnis transzendental, und nicht ratio- nal. Letztere würde vorgeben, aus der separierten Spontaneität Erkenntnisse zu gewinnen.

Nicht dadurch, daß ich bloß denke, erkenne ich irgend ein Object, sondern nur dadurch, daß ich eine gegebene Anschauung in Absicht auf die Einheit des Be- wußtseins, darin alles Denken besteht, bestimme, kann ich irgend einen Gegens- tand erkennen. Also erkenne ich mich nicht selbst dadurch, daß ich mich meiner als denkend bewußt bin, sondern wenn ich mir die Anschauung meiner selbst, als in Ansehung der Function des Denkens bestimmt, bewußt bin. Alle modi des Selbstbewußtseins im Denken an sich sind daher noch keine Verstandesbegriffe von Objecten (Kategorien), sondern bloße logische Functionen, die dem Denken gar keinen Gegenstand, mithin mich selbst auch nicht als Gegenstand zu erken- nen geben. Nicht das Bewußtsein des bestimmenden, sondern nur das des be- stimmbaren Selbst, d.i. meiner inneren Anschauung (so fern ihr Mannigfaltiges

131 Vgl. v. Aster (1918, S. 76 ff.).

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der allgemeinen Bedingung der Einheit der Apperception im Denken gemäß ver- bunden werden kann), ist das Object. (B 406 f.)

Verkannt wird häufig, daß die Möglichkeit der inneren Erfahrung nicht unbedingt auch aus der Erfahrung entlehnt sein muß. Wir befinden uns in der Betrachtung der Apperzeption auf transzendental-kritischem Niveau. Verlassen wir dieses, so entgleitet die rationale Psychologie entweder in eine empirische Wissenschaft oder in die metaphysischen Gefilde (wenn die Vernunft anhand der Schlüsse, der reinen Kategorien und ohne deren Verbindung zur Anschauung sich mit dem „Ich denke“ auseinandersetzt). In einer Verschiebung der Kategorienanordnung (Substanz ist nun an erster, Quantität dafür an zweiter Stelle) präsentiert Kant eine erschöpfen- de Topik aller möglichen Urteile der reinen rationalen Seelenlehre. Die Substanz präsentiert sich deshalb an erster Position, weil sie bei jedem Urteil der gleichbleibende Bestandteil ist. Alle verbindungsfähigen Mög- lichkeiten finden sich in vier Paralogismen einer transzendentalen Seelenleh- re wieder, die „fälschlich“ (B 403) für eine Wissenschaft der reinen Ver- nunft gehalten wird und sich dabei als die „Natur“ unserer Denkmöglichkeit ausgibt. Jedoch wird hier mit einer leeren Vorstellung ein scheinbarer Erkenntnisschluß aufgebaut, denn schließlich ist das Ich des „Ich denke“ nur ein apperzeptives Begleiten aller anderen Vorstellun- gen: ein vom Verstand generiertes (und unter der Vernunfteinheit gefaß- tes) subjektives Objekt. Wir finden das Ich in einem Etwas (deshalb Ich, Er oder Es), und erst durch das Auftreten des jeweiligen Zuordnens fügen wir eine Kontinuität hinzu. Mit diesen Gedanken begeben wir uns in ei- nen ersten Zirkel, den die Vernunft erstellen muß, wenn sie ihre Schluß- möglichkeiten mit dem leeren Begriff durchläuft. Jeder Gedanke, auch jeder Schluß wird durch das „Ich denke“ begleitet. Damit stellen wir die Unbedingtheitsforderung der Vernunft im Gedanken der Seele heraus und konfrontieren sie mit ihren unzureichenden Voraussetzungen. Aber das Ich war doch Bestandteil einer inneren Wahrnehmung; wie kann eine innere subjektive Wahrnehmung auf alles, was zu denken ist, als Bedin- gung verallgemeinert werden? Es ist ja keine empirische Psychologie im Sinne der Wahrnehmung eines anderen „Ich denke“ vorstellbar. Das „Ich denke“ ist als Form der Urteile 133 in den Vernunftschlüssen – in transzendentaler Betrachtung – zulässig, da es dort keinen materialen oder gar sinnlichen Bestandteil aufweist. Die Vernunft beschränkt ihre Anwendung auf die reinen Kategorien und prägt diese durch das „Ich denke“ in ihrer logischen Form. Die Einheit des Denkens, die auf empiri-

133 Vgl. Höffes Ausführungen (2003, S. 124) zur Form der Urteile und zum Verweise auf die Tradition Kants (ebd., S. 118). Nicht gemeint ist hier das „Ich bin“ als Bewußtsein des Daseins.

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Die Kritik der reinen Vernunft

schen Vorgängen basiert, muß selbstverständlich auch in einfacher Form (konkret) behandelt werden. Für das metaphysische Urteil über die Empi- rie des Ich heißt das aber noch lange nicht, daß hier auch transzendental geschlossen würde, sondern: Von allem Empirischen wird mit dieser An- nahme abstrahiert und anstelle des Ich in der Selbstbetrachtung das „blo- ße“ gedachte Wesen einer leeren Substanz angenommen. In diesem Fall treten weder reine Anschauung noch figürliche Synthesis hinzu, um etwas unter dem Begriff zu denken, wodurch eine Erkenntnis ermöglicht würde. Allgemeinheit beansprucht das „Ich denke“ demnach sehr wohl, einer Ver- allgemeinerung entzieht es sich hingegen. In einer reinen transzendental-kritischen Erkenntnis müssen wir uns selbst als formale Bedingung der Betrachtung und somit als das Bestimm- bare anschauen, wodurch wir auch diese transzendentale Gewißheit erlan- gen, die von der Vernunft nun für ihre Zwecke ausgenutzt wird. Wieder gilt: Die Widerspruchslosigkeit des Denkens ist noch kein Garant dafür, daß der Denkgegenstand auch wirklich (so) ist. Die Identität des Ich gilt als ein analytisches Urteil – bei weitem aber nicht die Identität der Person, die in der Zeit und somit synthetisch betrachtet werden muß. Eine Analy- se des Ich kann mich selbst nicht als Objekt annehmen und daher nicht als Bestimmbares, womit die Möglichkeit einer Selbsterkenntnis generell schwindet, da es keinen Sinnlichkeitsbestandteil in den „Verbindungskate- gorien“ der Vernunft gibt. Eben dies belegen die transzendentalen Paralo- gismen deutlich. Die vier Paralogismen in Kürze:

1. Daß aber Ich, der ich denke, im Denken immer als Subject und als etwas, was nicht bloß wie Prädicat dem Denken anhängend betrachtet werden kann, gelten müsse, ist ein apodiktischer und selbst identischer Satz; aber er bedeutet nicht, daß ich als Object ein für mich selbst bestehendes Wesen oder Substanz sei.