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Der nachfolgende Auszug ist Teil des Buches

„Maximale Innovation - durch Management by


Conversation“

Erhältlich ist das Buch im Verlag Rüegger.


(ISBN-Nr.: 978-3-7253-0920-7)
http://www.rueggerverlag.ch/page/verzeichnis/detail.cfm?CFID=778910&CFTOKEN=&id=680

1
V

Erfolgsfaktor Kreativität

5.1. Mitarbeiter als Quellen für Innovation

Die Kreativität der Mitarbeiter ist eine der wichtigsten


Quellen für Innovationsideen. Nicht Innovation.
Innovationsideen! Beispielsweise bringen Verkäufer durch
Kundenbeobachtung an der Verkaufsfront oft gute Ideen
zurück in die Entwicklungsabteilung. Auch ist die
Wettbewerberbeobachtung, zum Beispiel durch Analyse
von anderen Anbietern auf Messen, eine wichtige
Methode mit der Ideen zurück in die Firma gefunkt
werden können. Es gilt, alle diese Kanäle offen zu halten
und Anregungen der Mitarbeiter alle Chancen zu geben,
positiv gewürdigt zu werden.

Leider erfahren wir über solche Kanäle oft nur das, was
offensichtlich ist. Der Kunde selbst kann uns beispiels-
weise meist nur sagen, was ihm fehlt, aber nicht, wie wir
sein Bedürfnis neuartig befriedigen können. Der
Autobauer Henry Ford sagte richtigerweise hierzu: „Hätte
ich nur auf die Bauern gehört, dann hätte ich
wahrscheinlich ein stärkeres Pferd gezüchtet.“

Ohne Invention gibt es keine Innovation. Und ohne


Kreativität gibt es keine Invention. Sie ist immer Teil einer
Neuschöpfung, denn nur was wenige sehen ist einzigartig.
Was alle sehen, wird von allen gleichzeitig gemacht oder
nachgemacht. Deshalb braucht es einzigartige Individuen.
Denn nur sie haben einzigartige Ideen.

2
Jean-Christophe Ammann, der grosse Schweizer
Kunstvermittler und langjährige Direktor des Museums
für Moderne Kunst in Frankfurt am Main geht sogar noch
einen Schritt weiter und sagt explizit: „Was wir von
Künstlern und Ihrem Schaffen lernen können, ist, dass sie
eben nicht kreativ, sondern innovativ sind.“1 Also nicht
nur kreativ, sonder sogar ganz und gar innovativ.
Innovativ seien Künstler, weil sie Wege gehen, die sie
zuerst einmal schaffen müssten. Amman ist überzeugt,
dass Künstler also nicht nur obskure Ideen hervorbringen,
sondern sogar grundsätzlich innovativ sind. Sie schaffen
genuin Neues.

Daher lohnt es sich also, genauer hinzuschauen, was


Kreativität ist und wie wir sie für Innovationen nutzbar
machen können

5.2. Kreative Personen

Was zeichnet kreative, einzigartige, künstlerisch begabte


und innovative Leute aber aus? Jean-Etienne Aebi,
Werber und Kreativchef bei Publicis sieht bei kreativen
Personen folgende Qualitäten2:

 sie sind innerlich unruhig


 sie geben sich nie zufrieden
 sie wollen gestalten

1„Bei näherer Betrachtung“. Jean-Christophe Ammann.


Westendverlag.
2Jean-Etienne Aebi spricht von diesen Qualitäten in seinem Buch
„Einfall oder Abfall“.
3
Salvador Dalí war ein solcher Typ. Ein „typischer
Künstler“. Getrieben. Voranschreitend. Laut. Exzentrisch.
Mit einer wichtigen Einschränkung. Salvador Felipe
Jacinto Dalí y Doménech, Marqués de Pubol sagte
nämlich: „Der einzige Unterschied zwischen mir und
einem Verrückten besteht darin, dass ich allerdings nicht
verrückt bin.“

Diese Aussage von Dalí könnte man leicht als witzige


Anekdote abtun. Aber es steckt eine fundamentale
Weisheit darin. Viele Ideen, Kunstwerke und Artefakte
von Künstlern sind für sie nur logische Manifestationen
ihres Denkens. Die Künstler haben diese Kunstwerke wie
zwangsläufig erschaffen. Oft wissen sie selbst nicht
einmal, warum sie ohne Ende schaffen. Ihre Kunstwerke
ergeben sich wie natürlich aus einer langen Folge von
Denk- und Schaffensprozessen. Sie sind die Spitze ihres
Wissens, Fühlens und Handelns. Künstler, Kreative,
Innovatoren, oder wie wir sie nennen wollen schaffen
letztlich einzigartige und neue Lösungen für bestehende
Probleme. Auch wenn diese auf den ersten Blick oft
unverständlich erscheinen. Sie schaffen durch Ihre Kunst
Sinn. Dafür nehmen sie viele Entbehrungen in Kauf.

Künstler, Forscher, und Dr. House3, nennen wir sie hier


mal die Kreativen, bekommen oft echte körperliche
Schmerzen, wenn sie ein Problem nicht lösen können. Sie
geben sich, wie Aebi richtigerweise sieht, nie zufrieden. Sie
wollen diese Konflikte zwischen dem „Was ist“ und dem

3„Dr. House“ ist eine erfolgreiche amerikanische TV-Serie, in der


der Arzt Gregory House dank seinem Fachwissen und seiner
Intuition die schwierigsten Krankheitsbilder richtig diagnostizieren
und so Patienten heilen kann. Allerdings ist er ein politisch völlig
unkorrekter Misanthrop
4
„Was könnte sein“ mit Sinn füllen. Wo andere nur das
Was ist verwalten, gestalten Sie das Was sein wird.

Kreative haben grosse „Wissensinseln. Sie versuchen


verzweifelt diese Inseln zu einer kohärenten Landkarte zu
verbinden. Sie wollen die „grosse Synthese“ machen. Sie
geben sich nie zufrieden. Schizophrene (auch Kinder)
haben beispielsweise auch weniger Brems- und Kontroll-
vorgänge. Die regulativen Funktionen überwiegen noch
nicht. Kreative sind, auch darum, Unruhestifter. Aber
nicht weil sie Unruhe stiften wollen. Das ist ein Klischee.
Nein, sie sind Unruhestifter weil sie Bestehendes nicht als
sakrosankt ansehen, sondern Neues gestalten. Kreative
sehen, was andere nicht sehen. Das kann Anerkennung
und Bewunderung auslösen. Öfter noch löst es Neid und
Missgunst aus. Salieri ist der Normalfall. Kreative sind
daher prädestiniert dazu angepinkelt und ausgenutzt zu
werden.

Einen besonders spannenden Einblick in Kreativität


liefert vielleicht die Geschichte von Tommy McHugh.
Tommy Mc Hugh war ein unbelehrbarer Krimineller. Er
verbrachte sein halbes Erwachsenenleben hinter Gittern.
Eines Tages hatte er eine schwere Hirnblutung, die ihm
beinahe das Leben kostete. Nur mit grösster Not konnten
die Ärzte eine Arterie die ins Hirn blutete mit Klammern
abklemmen und ihm so sein Leben retten. Noch während
der Genesung beginnt Tommy obsessiv zu malen und zu
modellieren. „Wenn ich mit einem Bild fertig bin, dann
beginne ich ein neues. Und wenn das fertig ist, dann
mache ich wieder ein neues. Oder ich beginne eine
Skulptur. Ich muss immer schaffen“, so Tommy. 4

4Über Tommy McHugh’s Geschichte wurde in verschiedenen


Medien berichtet. Die Zitate stammen aus einem Artikel des
Fachmagazins Nature aus dem Jahre 2004 (Vol 430; 1 July, Seite 14).
5
Dies zeigt doch folgendes. Seine Identität, und damit
einhergehend auch seine Kreativität, ist an eine bestimmte
Persönlichkeit gebunden. McHugh ist jetzt kreativ, weil er
offenbar durch eine, vielleicht Schädigung, aber sicher
Neuorganisation des Hirnes auf einen Schlag eine neue
Persönlichkeit ist. In seiner alten Persönlichkeit
interessierte in Kunst nicht. Jetzt ist er davon besessen.
Auch etwas Zweites lässt sich hier erkennen. Tommy
McHugh ist aus sich selbst heraus kreativ. Seine
Persönlichkeit, und nicht irgendwelche äusseren Anreize,
treiben ihn dazu, alle seine Kräfte für seine Kreativität
einzusetzen. McHugh hat einen innerlichen Drang. Er will
gestalten, weil er wissen muss. Dies sollte allen zu denken
geben, die Kreativität durch mehr oder minder
interessante Methoden von aussen fördern wollen. Ich bin
überzeugt. Es braucht zuerst eine kreative Persönlichkeit
damit Kreativität sich manifestiert. Es ist wie mit dem
Läuten an einer Haustüre. Der Klingelknopf an der Türe
genügt alleine nicht. Es braucht auch eine Glocke im
Haus, die dann schellt, wenn man auf den Knopf drückt.
Bei Tommy läutet die Glocke selbst ohne Druck auf die
Klingel.

Hätte Timothy McHugh vor seiner


Persönlichkeitsänderung an einem Kreativitätsworkshop
teilnehmen müssen, hätte er wahrscheinlich die anderen
Teilnehmer ausgeraubt. Nach seiner schlagartigen
Änderung hat er keine Zeit mehr für Kreativitäts-
workshops. Er muss Kunst schaffen. Vielleicht kommt
Kunst nicht von Können, sondern von künstlichem
Koma.

6
Schlagartiger Wechsel der Persönlichkeit vom
Schwerkriminellen zum Künstler: Tommy McHugh sagt:
Die Hirnblutung war das Beste was mir passieren konnte.“
(Auszug aus Nature, Vol 430, 1 July 2004, Seite 14).

5.3. Theorie des vorbereiteten Geistes

Kann man „Kreativ sein“ erlernen? Ich finde nein. Und


ich finde ja. Aus jahrelanger Erfahrung und Beobachtung
von Forschern und Forscherinnen an einigen der besten
Universitäten der Welt habe ich folgenden Schluss
gezogen. Wirklich kreative Personen sind extrem selten.
Es ist nur ein Handvoll, die meine volle Bewunderung
erhält. Das spricht gegen das Erlernen können. Denn
sonst würden die Musikschulen haufenweise Mozarts
produzieren können. Jahrelanges Geige spielen ist bei
weitem keine Garantie dafür, ein neuer Mozart zu werden.
Aber natürlich waren alle der wirklich kreativen Personen
waren auch extrem harte Arbeiter. Denn in der Kunst, wie
7
in der Wissenschaft braucht es sowohl Talent als auch harte
Arbeit. Ohne Talent kein Erfolg.

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Dieser Auszug ist Teil des Buches

„Maximale Innovation - durch Management by


Conversation“

Erhältlich ist das Buch im Verlag Rüegger.


(ISBN-Nr.: 978-3-7253-0920-7)

Hier der direkte Link zum Buch:


http://www.rueggerverlag.ch/page/verzeichnis/detail.cfm?CFID=778910&CFTOKEN=&id=680

Roger Aeschbacher, Basel, Februar 2009

© und alle Rechte: Roger Aeschbacher