Kultur

Mittwoch, 18. Februar 2015 / Nr. 40   Neue Zuger Zeitung

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Man sieht ihr die Mühsal an
BRAUCHTUM Wieder haben zahlreiche Kinder der Greth Schell zugeschrien. Die Brunnenstatue dieser alten
Fasnachtsfigur stammt von einem bedeutenden Luzerner Bildhauer.

A

m Montag schallte es einmal
mehr laut «Greth Schälle Bei!»
durch die Zuger Altstadt. Der
Greth-Schell-Brauch unter dem Patronat der Zuger Schreiner-Drechsler-Küfer-Zunft bereitet jedes Jahr vor allem
den Kindern grosse Freude. Hinter der
Fasnachtsfigur Greth steckt die Zuger
Lehrerin Margaretha Schell, die von

HINGESCHAUT

so ausdrucksvoll wie andere seiner
Skulpturen, beispiels­weise der Hirte mit
den Schafen vor dem Luzerner Theater,
ist seine Figur der Greth Schell. Sie
strahlt die Mühsal, die auf ihr lastet,
durch ihre gebückte Haltung förmlich
aus, während ihr weinseliger Mann auf
ihrem Rücken fröhlich weiter den «Löli»
macht.

!

Rolf Brems Greth-Schell-Figur fand
1977 einen würdigen Platz auf dem
Brunnen mit quadratischem Bassin
gegenüber der Liebfrauenkirche in der
Unter Altstadt. Die Brunnenanlage
selbst stammt aus dem Jahr 1900 und
wird von drei schlichten Wasserspeiern
an der Säule gespeist.
Die Stadt Wien kennt übrigens eine –
genau dokumentierte – Geschichte, die
Parallelen zu Greth Schell in Zug aufweist. Dort hat eine Frau, die «Greisslerin» Theresia Kandl, im klirrend kalten
Winter des Jahres 1808/09 ebenfalls
ihren Mann auf dem Rücken nächtens
durch die Stadt getragen – in einer
Holzbutte. Er wog über 100 Kilo. Ähnlich gebückt wie unsere Greth dürfte
sich die Wienerin so durch die Gassen
geschleppt haben. Der Hintergrund im
Falle der Theresia Kandl ist jedoch im
Gegensatz zur Zuger Vorlage von grausamer Natur: In einem erbitterten Streit
hatte sie ihren tyrannischen Gatten mit
einer Hacke erschlagen. Sie stopfte die
Leiche in die Butte und trug sie auf
dem Rücken in einen anderen Stadtteil,
um die Tat zu vertuschen. Das Verbrechen kam aber schnell ans Licht. Theresia Kandl wurde im Jahre 1810 an den
Pranger gestellt und anschliessend wegen Meuchelmordes am Galgen hingerichtet. Während der Greth Schell in
Zug ein Altstadtbrunnen gewidmet ist,
wurde in Wien-Atzgersdorf zum Gedenken an den tragischen Fall der
Theresia Kandl eine Wegkapelle errichtet, die Kandlkapelle.

1672 bis 1740 gelebt hat. Diese war
allerdings unverheiratet, wodurch die
traditionelle Figur der Greth Schell sich
auch auf eine andere, historisch nicht
mehr belegbare Person beziehen könnte. Im Jahre 1977 regte der Baarer
Maler und Grafiker Eugen Hotz (1917–
2000) die Zünfter dazu an, der Greth
Schell ein Monument zu setzen, um
die tiefe lokale Verankerung des alten
Zuger Brauches hervorzuheben.
Der bekannte und sehr kreative Luzerner Bildhauer und Plas­tiker Rolf Brem
(1926–2014) erhielt den Auftrag, eine
Bronzefigur zu schaffen, die Greth Schell
zeigt, wie sie ihren beschwipsten Mann
in der Chrätze auf dem Rücken nach
Hause trägt. Bei Brems Arbeit steht
primär der Mensch im Vordergrund.
Seine Skulpturen sind von einer ungemeinen Ausdrucksstärke und Dynamik.
Und genau das war für den Künstler
jeweils die grösste Herausforderung, wie
er einst in einem Radiointerview verriet.
Der Figur genau den Charakterzug zu
verleihen, den sie haben sollte, sei jeweils eine Sache des Ausprobierens,
sagte er. Selbst eine kleine Runzel, eine
einzige Falte könne massgebend sein.
«Irgendwann komme ich aber immer
zum Punkt, wo ich sage: Das ist es!»
Meist zeigen Brems Figuren eine Person
oder mehrere bei einer Tätigkeit. Genau-

NACHRICHTEN
Büchner-Grab
ist restauriert
ZÜRICH red. Nach 140 Jahren
musste das Grab des deutschen
Dramatikers Georg Büchner (1813–
1837) in Zürich restauriert werden.
Es befindet sich neben dem heu­
tigen Theater Rigiblick im Kreis 6.
Es wurden unter anderem die
kunstvollen Eisenarbeiten, die das
Grabmal umschliessen, aus dem
Sandsteinfundament gelöst, zerlegt,
entrostet und neu verzinkt, wie es
in einer Mitteilung der Stadt Zürich heisst. Die Kosten für die Restaurierung belaufen sich auf rund
13 000 Franken.

ANLÄSSE
Orgelkonzert
mit Jürgen Wolf
MENZINGEN red. Ein abwechslungsreiches Konzert gibt der international bekannte Organist Jürgen
Wolf aus Leipzig am Samstag in der
Pfarrkirche. Er spielt Werke von
Johann Sebastian Bach, AlexandrePierre-François Boëly, Léon Boëllmann und Naji Hakim. Das Konzert
in der Pfarrkirche Menzingen findet
diesen Samstag, 21. Februar, 18 Uhr,
statt. Der Eintritt ist frei (Kollekte). 

ANDREAS FAESSLER
andreas.faessler@zugerzeitung.ch 

Rolf Brems Figur der Greth Schell wurde 1977 von der
Zunft der Schreiner, Drechsler und Küfer gestiftet. 

Bild Dominik Hodel

HINWEIS
Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr
oder weniger auffälligen Details mit kulturellem
Hintergrund im Kanton Zug nach.

Zwischen Tonalität und Atonalität
ZUG Das erste Konzert der
Sinfonietta stellt lateinamerikanische Kompositionen dem
Swing gegenüber. Eine pikante
Konstellation.
red. Die Zuger Sinfonietta startet ihre
Konzertreihe im neuen Jahr mit einem
lateinamerikanischen Programm kombiniert mit einem Swing-Konzert der
Band Swing de Paris. Im Mittelpunkt
steht die Winterthurerin Sophie Lüssi.
Sie ist Komponistin, Jazz- und Tangogeigerin und lebt in Buenos Aires. Für
die Zuger Sinfonietta komponierte sie
«Amapala», ein Konzert in vier Sätzen
für Jazzgeige und Kammerorchester.
Amapala ist eine Vulkaninsel im Golfo
de Fonseca. «Hier kommen alle Elemente zusammen», sagt Sophie Lüssi,
«zudem habe ich schönste Erinnerungen an diese Gegend, und ‹Amapala›
ist ein wohlklingendes Wort.» Im Konzert werde ihre Liebe zur modernen
Musik sowie auch zu den Klassikern
des Jazz herauszuhören sein, sagt sie
weiter. «Die Harmonik bewegt sich
zwischen Tonalität und Atonalität. Nie
ist man sicher, auf welcher tonalen
Seite man sich gerade befindet. Den
rhythmischen Puls spürt man, doch ist
er immer wieder unerwartet asymmetrisch.»
Je eine zeitgenössische Komposition
vom Mexikaner Silvestre Revueltas
(«Cuauhnahuac») und vom Argentinier

Osvaldo Goljiov («Last Round») zeigen
weitere Ausschnitte der sehr aktiven
lateinamerikanischen Komponistenszene. Das Streicherwerk «Last Round» ist
zum Gedenken an Astor Piazzolla geschrieben worden, dessen Geist durch
dieses Werk die Möglichkeit erhält, ein
letztes Mal zu kämpfen. Es stellt sozusagen ein idealisiertes Bandoneon dar.
Im zweiten Teil des Konzerts spielt
Sophie Lüssi mit ihrer Band Swing de
Paris auf und führt die Reise über Paris
zurück nach Zug. Die Zuger Sinfonietta
wird vom jungen Spanier Pablo Rus
Broseta geleitet. Geboren in Godella,

Spanien, studierte er Komposition und
Saxofon in Valencia, gefolgt von Studien
in Lyon, Amsterdam und Berlin. Als
Dirigent war er bereits Gast bei vielen
europäischen Orchestern in Baden-Baden, Freiburg, Liège, Paris, Köln, Valencia und vielen anderen Städten. Pablo
Rus Broseta ist ein Kandidat für die
vakante Chefdirigentenstelle bei der
Zuger Sinfonietta.
HINWEIS
Zuger Sinfonietta und Swing de Paris,
Konzert am Samstag, 21. Februar, 20 Uhr
im grossen Casinosaal Zug.

Gurlitt-Erbe
bleibt umstritten
KUNST sda. Das Kunstmuseum Bern
hat wie angekündigt eine Forschungsstelle geschaffen, welche
sich aktiv an der Erforschung der
Gurlitt-Bilder beteiligen soll. Auch
der Leiter ist bestimmt: Es ist der
Schweizer Kunsthistoriker Oskar
Bätsch­mann. Noch nimmt die Stelle
aber ihre Arbeit nicht auf.
Der Stiftungsrat des Kunstmuseums
habe zwar den Grundsatzentscheid
zur Bildung der Forschungsstelle getroffen, teilte das Museum mit. Den
Startschuss für die Arbeit werde der
Stiftungsrat aber erst geben, wenn
das Amtsgericht München über die
Anfechtung des Gurlitt-Testaments
durch Uta Werner entschieden habe.
Uta Werner ist die Cousine des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt, der vor
seinem Tod beschlossen hatte, das
Kunstmuseum Bern als Erben seiner
Bildersammlung einzusetzen.

Rückgabe erschwert sich

Sophie Lüssi. 
PD

Wie seit längerem klar ist, kann es
unter Umständen Monate dauern, bis
das Gericht über den sogenannten
Erbschein-Antrag Werners entscheidet. Die Verzögerung bedeute, dass
das Museum nach wie vor nicht über
die Erbschaft verfügen könne. Darunter fallen auch die für die Forschung relevanten Materialien. Sorgen bereitet dem Museum zudem,
dass sich wegen der Anfechtung des
Gurlitt-Testaments die Rückgabe von
Werken, die sich als Raubkunst erwiesen hätten, erschwere.

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