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Naturbetrachtungen und ihre geistige Entsprechung

Auf diesen Antrag des Essäers kommen alle mehr in Meine Nähe, und Ich
berufe die beiden Essäer und sage, daß sie nun auf alles wohl acht haben sollen,
was da beim Aufgange zu sehen sein werde; denn es werde daraus viel zu lernen
sein!

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Die beiden Essäer treten nun näher zu Mir und sagen: ,,Herr, Herr, daß daraus
endlos viel zu lernen wäre, das dürfte wohl eine ewige Wahrheit sein; aber wo ist
unsere Seele einer so hohen Lehre fähig?! Wir sehen wohl mit lüsternen Augen
in die lichtvollen Tiefen Deiner Wunderschöpfungen und erstaunen über die
Maßen in unserem Gemüte; aber wir sind viel zu blind, nur die Wunder eines
Tautröpfchens zu würdigen und zu begreifen, geschweige dann erst die, die in
unmeßbaren Größen und Fernen leuchtend vor uns am Firmamente auf- und
niedergehen! Auch über die über den Wölkchen hin- und herschwebenden
Lichtpunkte haben wir schon mit dem Jünger Petrus geredet; aber er konnte uns
darüber keinen genügenden Bescheid geben. - Wenn es Dir, o Herr, genehm
wäre, so könntest Du uns darüber wohl ein paar Wörtlein k u n d tu n ! "

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Sage Ich: ,,Das hat sehr wenig zu bedeuten und ist eine ganz natürliche
Erscheinung, gleich der eines mäßig wogenden Meeres. So das Meer wogt und
du dich auf irgendeinem rechten Punkte befindest, nach dem die gebrochenen
Sonnenstrahlen hinfallen, so wirst du dort ein ähnliches Lichtspiel sehen.

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Die Luft, die zum Einatmen für Menschen und Tiere tauglich ist, reicht nicht
etwa bis zu den Sternen hin, sondern im äußersten Hochstande nur so weit über
die Erde, als da ausmachete die vierfache Höhe dieses Berges, vom Meere an
gerechnet; nach solcher Höhe ist dann die Erdluft scharf begrenzt, so wie das
Wasser von der Luft, und hat gleich dem Wasser eine höchst glänzende, glatte
Oberfläche, die gleich dem Meere sich in einem beständigen Wogen befindet.
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Wenn nun das Licht der Sonne auf diese erwähnten Luftwogen fällt, so strahlt
es wie aus einem Wasserspiegel zurück; gehen die Luftwogen stark, so werfen
sie das aufgenommene Licht dann und wann auch zur Erde herab, und am
leichtesten, wenn scheinbar die Sonne sich noch unter dem Horizonte befindet,
wo ihre Strahlen gewisserart von unten her auf die Fläche des Luftmeeres fallen.
Und so sind diese munter hin und her schwebenden Lichter nichts als
Widerscheine der Sonne, und ihre Beweglichkeit rührt von der Beweglichkeit
der Wogen der Luft her.

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Daß sie aber jetzt, wo die Sonne kaum noch eine scheinbare Spanne unter dem
Horizonte steht, besonders über den sehr lichten Wölkchen zu sehen sind, hat
darin seinen Grund, daß die Luftwogen nun mehr das Licht von den von der
Sonne schon stark beleuchteten Wölkchen aufnehmen und mit demselben
gewisserart ein tändelndes Spiel treiben. - Seht, das ist die ganz natürliche
Erklärung dieser Erscheinung!

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Aber über all das hat diese Erscheinung auch eine geistige Bedeutung, und diese
ist für euren Verstand begreiflich folgende:

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Denkt und stellet euch also die geistige Sonne vor! Das von ihr ausgehende
Licht wird von der stets wogenden Fläche des geschaffenen Lebensmeeres
aufgenommen, und dieses spielt mit solchem Lichte, und es entstehen daraus
allerlei Zerrbilder, die wohl noch den matten Glanz von sich strahlen lassen,
aber dabei jede Spur der göttlichen Urform zerstören; also ist das ganze
Heidentum und nun auch das Judentum ein solches Verzerren alles rein
Göttlichen.

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Wenn ihr aber sehet einen ganz ruhigen Wasserspiegel, und es scheint die
Sonne darein, so wird sie aus dem Wasserspiegel in derselben Majestät und
Wahrheit widerstrahlen, als wie ihr sie sehet am Himmel. Und ebenso gehört
ein ruhiges, leidenschaftsfreies Gemüt, das nur durch eine gänzliche
Selbstverleugnung, Demut, Geduld und reinste Liebe erreicht werden kann,
dazu, damit das Ebenmaß Gottes im Geiste des Menschen ebenso rein und
wahr widerstrahle wie die Erdsonne aus einem ruhigsten Wasserspiegel.

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Ist das bei einem Menschen der Fall, so ist in ihm alles zur Wahrheit gediehen,
und seine Seele ist dann fähig, ihren Blick in die Tiefen der Schöpfungen
Gottes zu richten und alles schauen zu können in aller Fülle der reinsten
Wahrheit. Aber sowie es in ihr zu wogen anfängt, so werden die Urbilder
zerstört, und die Seele befindet sich dann schon notwendig auf dem Felde des
Truges und der Täuschungen aller Art und Gattung und kann nicht zur reinen
Anschauung gelangen, bis nicht in ihr die völlige Ruhe in Gott eingetreten ist.

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Und das ist die wahre Sabbatruhe in Gott, und die Feier des Sabbats ist darum
von Gott verordnet worden. Der Mensch soll sich da von jeder schweren,
anstrengenden Arbeit enthalten, weil jede schwere Arbeit die Seele nötigt, dem
Fleische ihre Kräfte zu leihen, und dabei mit demselben erregt wird, was den
Spiegel ihres Lebenswassers in eine starke Bewegung versetzt, daß sie darum die
rein göttliche Wahrheit in sich nimmer klar erkennen kann.

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Die wahre Sabbatruhe besteht demnach in einer vernünftigen Feier von aller
schweren Arbeit; ohne Not soll man nicht die Hand an sie legen, aber in der
Not ist jeder Mensch verpflichtet, seinem Bruder zu helfen.

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Mehr aber noch, als sich von aller schweren Arbeit enthalten, soll eine jede Seele
jede Leidenschaft zur Seite schaffen! Denn die Leidenschaften sind Stürme der
Seele; sie wühlen ihr Lebenswasser auf, und Gottes Ebenmaß wird dann in der
Seele also zerrissen, wie das Ebenmaß der Sonne auf den Wogen des Meeres
zerrissen wird. Es blitzt wohl das Bild der Sonne aus den Wogen, aber in
welcher Verzerrtheit! Und so der Sturm lange währt, so entsteigen dem
bewegten Meere bald schwere Dünste und füllen die Himmelsluft der Seele mit
schweren Wolken; diese hindern dann das Licht der Geistessonne völlig, an das
Lebensgewässer der Seele zu gelangen, - und die Seele wird finster, kann nicht
mehr unterscheiden Wahres vom Falschen und hält das Blendwerk der Hölle
für ein Himmelslicht.

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Eine solche Seele ist dann aber auch schon soviel wie verloren! Es müßten denn
starke Winde kommen, das heißt starke Prüfungen von oben, daß durch sie
zerrissen würde das arge Gewölke der Seele, diese sich dann sogleich begäbe in
die wahre Sabbatruhe und dadurch zur Ruhe brächte ihr Lebensmeer, - ansonst
ist für sie keine Rettung!

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Seht, das ist der für jedermann brauchbare Sinn geistig, den uns dieser schöne
Sonnenaufgang in seinen sonst ganz natürlichen Erscheinungen zeigt! Wer ihn
an sich beachten wird, der wird in der Wahrheit und in allem Lichte verbleiben,
und das ewige Leben wird sein Anteil sein; wer aber diese Lehre in den Wind
schlagen und sie nicht beachten wird, der wird sterben für ewig!"
 
DAS GROSSE EVANGELIUM JOHANNES - BAND 2

Lehren und Taten Jesu während Seiner drei Lehramts-Jahre.

(Im Sommer des Jahres 30)

Zweite Reise des Herrn:

Nazareth - Höhle bei Bethabara (Erste Volksspeisung) - Berg des Gebets - Wandel auf dem
Galiläischen Meer (des Petrus Glaubensprobe) - Zu Schiff nach Genezareth an der
gleichnamigen Meeresbucht

- Kapitel 148 -