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Sündenbock für eine ungerechte Welt

© carsten thoben

Ein Bericht über das Europäische Sozialforum flimmert über den Bildschirm meines
Fernsehers. Die Kameras zeigen eine große Demonstrantenmenge, die sich durch die Straßen
der englischen Hauptstadt schiebt. Männer und Frauen in zerrissenen Jeans und langen
Wollpullovern, Palästinensertücher um Hals oder Kopf, Shirts und Flaggen mit dem Konterfei
von Che Guevara. Hasta la victoria siempre! Ich sitze gemütlich auf meinem Sofa, eine Tüte
Kartoffelchips liegt ungeöffnet neben mir. Es ist Freitagabend und ich warte auf den Spätfilm.
Die Kamera schwenkt zu einer Gruppe junger Menschen mit Gitarren, die, auf einer Treppe
sitzend, Protestsongs intonieren. Imagine there´s no country. Ein neues Bild: Die
Demonstranten halten Schilder in die Höhe. Abolish all nukes, People not Profit, Another
world is possible. Pace-Fahnen überall. Der Sprecher aus dem Off beginnt: „Auf dem
Sozialforum sind die unterschiedlichsten Gruppierungen vertreten. Kriegsgegner,
Umweltaktivisten, Marxisten und Anarchisten sowie die Mitglieder der überall präsenten
Socialist Worker´s Party. Sie alle verbindet die Einheit im Kampf für den Frieden und gegen
die Globalisierung.“ Ich horche auf, schon wieder dieser Begriff. Globalisierung. Immer
häufiger ist er mir in den letzten Wochen und Monaten begegnet. Irgendjemand, an dessen
Namen ich mich nicht erinnern kann, hat ihn sogar als den meist gebrauchten Begriff unserer
Zeit bezeichnet.
Auch ich kenne sie, die Bilder aus Seattle, Genua, Göteborg oder Cancun. Vermummte
Randalierer, die Steine auf Polizisten werfen und die Scheiben der örtlichen McDonalds-
Filiale einschmeißen. Daneben die bunt gemischte, friedliche Menschenmenge, die durch die
Straßen zieht. Überall, wo die Weltbank, der Internationale Währungsfonds oder die Staats-
und Regierungschefs der G8 zusammen kommen, treffen sich die Menschen in Massen, um
ihren Unmut über die „Nieten in Nadelstreifen“ auszudrücken. Seit der „Schlacht von Seattle“
1999 scheint es unheimlich schick zu sein, sich gegen die Globalisierung auszusprechen.
Hauptsache, dagegen. Viele meiner Kommilitonen – in vorderster Front die Soziologen und
Philosophen - sind Attac beigetreten, dem Netzwerk der Globalisierungskritiker, das in den
letzten Jahren einen ungeheuren Auftrieb an Mitgliedern und medialer Aufmerksamkeit
erfahren hat. In der Mensa drehen sich die Gespräche plötzlich um Begriffe wie
„Tobinsteuer“, „Strukturanpassungsprogramme“ oder „Konsens von Washington“.
Böhmische Dörfer. Es wird diskutiert, gestritten, gejammert. Über die „bösen Politiker“ und
die rücksichtslose Politik der Industrienationen, die die armen Länder gnadenlos ausbeuten.
Es wird über Alternativen gesprochen, die unseren Planeten zu einem besseren Ort machen
sollen. Erlasst den Entwicklungsländern die Schulden, schafft die Welthandelsorganisation ab
– Vorschläge, die von einer typisch studentischen Naivität durchdrungen sind. Ich muss
zugeben, dass ich mich bislang nie auf einer tieferen Ebene mit dem Inhalt der Gespräche
oder dem Sinn und Zweck der Demonstrationen beschäftigt habe. Was hat uns die
Globalisierung getan, dass sie von so vielen Menschen derart verteufelt wird?
Es ist an der Zeit, der Frage auf den Grund zu gehen. Ich schalte den Fernseher aus, nicht
ohne vorher den Film einprogrammiert zu haben, und setze mich an den Schreibtisch. Mein
erster Gedanke: das Internet. Die Eingabe bei Google ergibt mehr als zwei Millionen
Einträge. So komme ich nicht weiter. Ich greife mir das abgewetzte Lexikon mit den
vergilbten Seiten und beginne zu suchen. Global, Globe Theatre, Globetrotter - kein Eintrag
zum Stichwort „Globalisierung“. Merkwürdig. Vielleicht liegt es daran, dass das Lexikon
fünfzehn Jahre alt ist. Ich gehe in die Bibliothek meines Vaters, ziehe den Brockhaus aus dem
Regal und werde schnell fündig. „Globalisierung, Bezeichnung für die zunehmende
Internationalisierung des Handels, der Kapital- sowie der Produkt- und
Dienstleistungsmärkte.“ Interessant. Stellt sich nur die Frage, was an einem solchen Prozess
auszusetzen sein soll. In einer Zeit, in der die Möglichkeiten der Kommunikation und des
Transports immer moderner und schneller werden, in der ich meinen Geschäftspartner am
anderen Ende des Planeten in wenigen Sekunden per E-Mail erreichen kann, erscheint es mir
logisch und konsequent, dass die Wirtschaft sich zunehmend vernetzt und die Welt zusammen
wächst. Wenn ein Unternehmen über die Möglichkeit verfügt, seine Waren in jedem
entlegenen Teil der Welt abzusetzen, ob in Paris und Melbourne, in Timbuktu oder auf den
Fidschis, ist es verständlich, dass es versucht, diese zu ergreifen und einen weltweiten
Umsatzmarkt zu schaffen. Oder etwa nicht? Es muss mehr hinter der allgegenwärtigen Kritik
stecken.

Am nächsten Morgen mache ich mich auf den Weg in die verlassen wirkende
Universitätsbibliothek. Ich muss mir meine eigene Meinung bilden, positive und negative
Argumente gegenüber stellen. Pro oder contra Globalisierung? Ich gebe den Begriff in das
Suchsystem ein: 704 Ergebnisse. Eine zu große Auswahl, um mich gezielt zu informieren. Ich
erinnere mich an den Satz eines Politikprofessors – „Achten sie bei der Literaturrecherche
immer auf das Erscheinungsjahr“ – und beschränke die Liste der Publikationen auf jene der
letzten beiden Jahre. Ich suche mir die wenigen verfügbaren Bücher aus den Regalen, und
gehe zur Ausleihe. Zuhause angekommen, setze ich mich wieder an den Schreibtisch. Ich
nehme mir das erste Buch vor. „Geschichte der Globalisierung“. Zum Einstieg. Ich schlage es
auf, und beginne zu lesen. Drei Stunden, zwei Tassen Kaffee, schwarz ohne Zucker, und 128
Seiten später habe ich einen ersten Eindruck bekommen. Der Ausdruck „Globalisierung“ ist
ein moderner Begriff für eine jahrhundertealte Entwicklung, und bezieht sich in seiner
Definition zumeist auf wirtschaftliche Prozesse, die Verknüpfung des Handels und die
Intensivierung und Beschleunigung grenzüberschreitender Transaktionen der vergangenen
Jahre. So weit, so gut. Ich schnappe mir das nächste Buch. Die Schatten der Globalisierung
von Joseph STIGLITZ, Nobelpreisträger für Wirtschaft und ehemaliger Chefvolkswirt der
Weltbank. Ein Insider, sozusagen. Er verweist auf die Kehrseiten der Globalisierung, und
listet die Fehler des Internationalen Währungsfonds auf, dessen Maßnahmen ganze
Volkswirtschaften ins Chaos stürzten. Aber ergibt sich daraus die Berechtigung, die
Globalisierung als Ganze zu kritisieren? Die Antwort auf die Frage muss warten, denn
langsam, aber sicher beginnt die Müdigkeit meine Gedanken zu überlagern. Erschöpft ob der
Vielzahl an Informationen gehe ich ins Bett. Am folgenden Morgen fällt mein Blick am
Frühstückstisch auf eine Überschrift im Wirtschafts-Teil der Frankfurter Allgemeinen
Sonntagszeitung. „Krise bei Opel: Ohne Opfer geht es nicht“ - ein Interview mit dem
stellvertretenden IG-Metall Vorsitzenden Berthold HUBER. Auf die Frage, ob die
Arbeitnehmer heute erpressbarer sind als früher, antwortet er: „Zweifellos. Das liegt an der
Globalisierung (...).“ Da ist sie wieder, die Globalisierung als Wurzel allen Übels. Die
Globalisierung vernichtet unsere Arbeitsplätze. Sie zerstört unsere Umwelt, und beutet die
armen Länder aus. Jean ZIEGLER, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung,
bezeichnet sie sogar als täglichen Terror des Kapitalismus. Nach zwei Scheiben Toastbrot und
einer Tasse Kaffee führt mein Weg erneut an den Schreibtisch. Während der weiteren
Lektüre, werde ich in meiner Meinung bestätigt. Nur eines der Bücher beschäftigt sich auf
positive Weise mit der Globalisierung, und stellt Chancen statt Mängel in den Vordergrund.
Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Globalisierung als Sammelbegriff dient, der all die
Unzufriedenheit auf diesem Planeten in sich vereint. Es ist einfach, ihr alle Bedrohungen und
Fehler der Welt zuzuschreiben. Vielleicht ist sie auch an dem ständigen Regenwetter in
meiner Heimatstadt schuld, wer weiß das schon? Aber Spaß beiseite. Ich bin beim Lesen
einem bemerkenswerten Phänomen auf die Spur gekommen. Jeder scheint gegen die
Globalisierung zu sein, doch niemandem würde es einfallen, sich als ihr Gegner zu
bezeichnen. Die Franzosen haben für dieses Phänomen den schönen Begriff des
„altermondialiste“ geschaffen. Ich bin nicht gegen, sondern für eine andere, eine alternative
Globalisierung.
Die Globalisierung ist nicht für all die Dinge verantwortlich zu machen, die ihr vorgeworfen
werden: Umweltzerstörung, Hunger, Ausbeutung der Armen, die Wirtschaftskrisen in Asien,
Russland oder Argentinien. Die Kritik, die gegen Weltbank, WTO und IWF oder die Handels-
und Entwicklungspolitik der Industrienationen vorgebracht wird, sollte sich am Inhalt, nicht
an der Form entzünden. Nicht am Prozess, sondern der Ausgestaltung der Globalisierung. Es
ist nicht die Globalisierung der Wirtschaft, die Gewinner und Verlierer produziert, die
Naturkatastrophen herauf beschwört, Krieg und Terror forciert und Arbeitsplätze zerstört. Sie
gibt den Akteuren ein Instrument in die Hand, um ihre Politik durchzusetzen – nicht mehr,
aber eben auch nicht weniger. Um noch einmal auf ein Zitat aus dem Buch von STIGLITZ
zurückzugreifen: „Globalisierung bedeutet zunächst nur das stärkere Zusammenwachsen der
Volkswirtschaften. Die entscheidende Frage ist, wie dieser Prozess vollzogen wird...“ Die
momentan vorherrschende Form ist nur eine von vielen möglichen Varianten, eine in der
kapitalistische Interessen und das Streben nach dem größtmöglichen Profit im Vordergrund
stehen. Ein Prozess, der auf dem Rücken eines Großteils der Weltbevölkerung ausgetragen
wird, frei nach dem Motto: Profit over People.

Am späten Abend schwirren tausende Gedanken in meinen Hirnwindungen umher. Pro oder
Contra? Ich bin nicht dazu in der Lage, eine schlüssige Antwort zu formulieren. Aus dem
einfachen Grund, dass die Frage in meinen Augen nebensächlich erscheint. Vielmehr geht es
um grundlegendere Probleme wie jenes der sozialen und ökonomischen Gerechtigkeit.
Warum müssen Menschen in Teilen Afrikas verhungern, während in Deutschland jeden Tag
Essen im Wert von mehreren Millionen Euro in den Abfalleimer wandert? Es geht um
Gleichbehandlung. Warum dürfen die Industrienationen ihre Märkte protektionistisch
abschotten und ihre Landwirtschaft subventionieren (die USA allein unterstützen ihre
Landwirte im Jahr mit bis zu 4 Mrd. Dollar), während die armen Nationen eine
Liberalisierungsmaßnahme nach der anderen beschließen müssen? Es geht um
Menschenrechte: Warum müssen Kinder in chinesischen Sweatshops schuften, damit
Jugendliche in Deutschland mit den neuesten Sneakers von Adidas und Nike durch die
Gegend stolzieren dürfen? Die Industrienationen haben sich zum Ziel gesetzt 0,7 Prozent
ihres Bruttoinlandproduktes in Entwicklungshilfe zu investieren. Fünf Länder haben 2003 das
gesetzte Ziel erfüllt, im Durchschnitt investierten die Nationen 0,25% des BIP in die
Entwicklungshilfe – dies entspricht einer Gesamtsumme von 54 Milliarden US-Dollar. Im
gleichen Jahr waren die Entwicklungsländer dazu verpflichtet 436 Mrd. US-Dollar an
Schulden zurückzuzahlen. 800 Millionen Menschen sind am Verhungern, 325 Millionen
Kinder gehen nicht zur Schule, jeden Tag sterben 33.000 Kinder an behandelbaren
Krankheiten, 85% der Weltbevölkerung leben in armen Nationen - so lauten die Daten der
UN-Agentur für Handel und Entwicklung (UNCTAD). Es gibt mehr Verlierer als Gewinner.
Die Globalisierung verfügt über das Potential, diese Zahlen umzukehren. Eine andere Welt ist
möglich. Um den berühmten Ausspruch von Maggy THATCHER ad absurdum zu führen:
There is an alternative. Eine Globalisierung, die zu einer gerechten Welt führt und den
Interessen der Menschen dient. „Utopie!“ wird der geneigte Leser schreien. Mag sein, aber es
sei an die Worte von John Lennon erinnert: “You may say I´m a dreamer, but I´m not the only
one. I hope someday you will join us, and the world will live as one.”