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Bibliothek

der ältesten

deutschen Litteratur - Denkmäler.

V. Band.

T a t i a n.

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Paderbora.

Druck und Verlag von Ferdinand Schöningh.

1892.

Zweigniederlassungen in Münster i. W., Osnabrück und Main/.

I aJi-\Ä.va os

i ATI AN.

Lateinisch und altdeutsch

mit ausführlichem Glossar

herausgegeben

Eduard Sievors.

Zweite neubearbeitete Ausgabe.

fä~*.

Paderborn.

Druck und Verlag von Ferdinand Schöningh.

1892.

Zweigniederlassungen in Münster i. W., Osnabrück und Mainz.

DEM ANDENKEN

FRIEDRICH ZARNCKES

GEWIDMET.

Vorwort.

i,.n der vorliegenden neuen Ausgabe des Tatian habe ich

versucht den Forderungen die man jetzt an eine Ausgabe eines

althochdeutschen Textes zu stellen pflegt, besser gerecht zu

werden als ich es in der ersten (1872 erschienenen) Ausgabe

vermocht hatte, die mit der unzulänglichen Kraft eines Anfängers

gearbeitet war.

Als die Aufforderung des Herrn Verlegers an mich ergieng,

einen neuen Druck des Werkes zu veranstalten, hatte ich zu- nächst zu prüfen, wieviel von dem Alten noch beibehalten werden

könnte, und dessen war nicht allzuviel, vom Text selber abge- sehen, für dessen Richtigkeit übrigens durch eine erneute Col- lation Sorge getragen worden ist.

Die Nachprüfung der Einleitung ergab eine Menge von

Lücken und Versehen, die sich grofsenteils daraus erklären, dafs

die statistischen Auszählungen aus den noch unverarbeiteten Indexzetteln heraus gewonnen waren, statt aus dem Texte selbst.

Sollte demnach die grammatische Einleitung überhaupt beibe- halten werden, was aus verschiedenen Gründen wünschenswert schien, so war eine völlige Neubearbeitung geboten. Dabei waren

mancherlei Einzelheiten heranzuziehen, die früher bei Seite ge-

lassen waren als nebensächlich für den ursprünglichen Zweck der Skizze, welche die Einleitung zur ersten Auflage des Buches bildet. Dieselbe war zunächst lediglich auf Grund von Schmellers Ausgabe und vor Einsicht der St. Galler Handschrift ausgearbeitet worden, und geschrieben um das Vorhandensein verschiedener

sprachlicher Nuancen in der Sprache des Tatian nachzuweisen

VIII

Vorwort.

und dieselben gegen einander abzugrenzen; die nachträgliche Ver- gleichung der Handschrift bestätigte die im Voraus vorgenommenen

Abgrenzungen durch die Aufdeckung der 7 Schreiber des Codex,

aber es erschien

damals nicht so

notwendig, nun auch alle

weiteren Details heranzuziehen, zumal meine Vorstellungen über

die Gestalt der von G benutzten Vorlage noch keine rechte Deutlichkeit erlangt hatten.

Was das Namenverzeichnis und Glossar anlangt, so habe ich

es diesmal vorgezogen, das Belegmaterial vollständig zu geben,

aufser bei den allerhäufigaten Wörtern, bei denen nur die Ge-

sammtzahl der Belege angegeben ist. Dafs bei der mühsamen

Arbeit der Controle und Ergänzung hie und da doch noch unbe-

richtigte Versehen vorgekommen sein werden, darf ich leider wol

voraussetzen, zumal die Arbeit nur mit vielen Unterbrechungen

durch Amtsgeschäfte und andereVerpflichtungen fortgeführt werden

konnte : aber im Ganzen hoffe ich für eine billigen Anforderungen

entsprechende Vollständigkeit und Richtigkeit meiner Angaben

einstehen zu können.

Ueber die Einrichtung der Ausgabe ist wenig zu bemerken.

Dafs die Quantitätsbezeichnung im deutscheu Texte fallen gelassen

ist, wird die Billigung aller derer finden

wenig Sicherheit in solchen Dingen zu erreichen ist: für die Be-

dürfnisse der Anfänger wird durch die Bezeichnung der Quan-

titäten in den Lemmata des Glossars ausreichend gesorgt sein.

Die Widerholung der Seiten- und ZeitenbezifFerung der alten

Ausgabe bezweckt, auch Citate auffindbar zu machen die nach

welche wissen wie

Seite und Zeile statt nach Capitel und Vers gemacht sind.

Der

Text selbst ist wieder sehr conservativ behandelt, selbst da wo vielleicht Verderbnisse vorliegen; nur sind hie und da leider

nicht ganz consequent einzelne Orthographieformen die leicht

als blofse Druckfehler erscheinen könnten, dadurch schärfer hervor-

gehoben, dafs im Texte die gewöhnlichen Formen eingesetzt, und die ungewöhnliche Schreibung der Hs. in den Apparat ver- wiesen wurde, natürlich ohne dafs damit die so gekennzeichneten

Formen ohne Weiteres als ^Fehler' gebrandmakt werden sollen.

In den Apparat sind hauptsächlich die vielfachen Correcturen des Hs. aufgenommen. Hier bezeichnet s den Schreiber, c den

Vorwort.

IX

Corrector £,

c2 der zweiten Corrector, r eine Rasur, n einen

Nachtrag, | einen Zeilenschlufs,

eine radierte, nicht wieder neu beschriebene Stelle, in ( ) Gesetztes

ausradierte Buchstaben oder Worte

die noch deutlich lesbar

sind; ein dem r vorangesetztes e deutet an dafs die Rasur eine

(wo es nicht gleich 'bis' ist)

ganze Zeile der Hs.

umfafst. 1

Wo einzelne Buchstaben eines

Wortes cursiv gedruckt sind, bezieht sich die folgende Angabe

allemal nur auf diese.

Es heifst demnach z. B. Mioht rs\ dafs

das Wort auf einer Rasur vom Schreiber geschrieben; 'fchte rc

in er', dafs das ursprünglich dastehende ie vom Corrector unter

Anwendung von Rasur in er verändert worden ist; 'misertus

est | nc; eis uexati zrc', dafs der Corrector die beiden ersten Worte am Schlüsse einer Zeile nachgetragen, die folgende Zeile,

die von eis bis uexati reicht, auf Rasur geschrieben hat; c com-

pedibus |; et disrupisset zrs\ dafs hinter compedibus, das

nun den Schlufs einer Zeile

bildet, einige nicht mehr lesbare

Buchstaben oder Worte ausradiert sind , die folgende Zeile

aber vom Schreiber selbst auf radiertem Grunde geschrieben

steht, u. s.

w.

Die Anordnung des Glossares ist rein alphabetisch: kurze

und lange Vocale sind nicht geschieden;

behandelt,

c ist überall

wie k

aufser wo es für g steht und in der Verbindung

ch = germ. li,

die sich nebst dem ebenfalls bisweilen einem

germ. inlautenden li entsprechenden einfachen h unter lih ver-

zeichnet findet. Anlautendes t und tli sind getrennt worden. Der Wegfall eines besondern Abschnittes für d- ergab sich

1 Die Unterscheidung solcher Zeilenrasuren von den übrigen Easuren

ist auch sprachlich nicht unwichtig. Während die meisten Einzeländerungen,

speciell des Correctors, auf die Beseitigung sprachlich anstüfsiger Formen

ausgehen, bezwecken die Zeilenrasuren (wie an zahlreichen Stellen deutlich

zu sehen ist) im Allgemeinen zunächst nur die Herstellung eines gefälligeren Aeufseren der Schriftcolumne: sie dienen also der Beseitigung zu breit

geschriebener Zeilen (mehrfach hat der Corrector Buchstab für Buchstab in gedrängter Schrift widerholt, was vorher vom Schreiber weitläufiger geschrieben war) oder dem Ausgleich zwischen zu kurzen und zu langen

Zeilen (indem ein Wort oder mehrere Wörter aus der überladenen Zeile in eine kürzere Nachbarzeile hinübergeschoben wurden). Dafs auch bei

dieser Arbeit der Corrector in der Regel seine speeifischen Sprachformen

in den Text gebracht hat, versteht sich fast von selbst.

X

Vorwort.

danach von selbst, da es überflüssig erschien, die ausnahmsweise

statt mit t und ih im Anlaut mit d auftretenden Wörter be- sonders zu verzeichnen; die wenigen ohne Verschiebung aus dem Lateinischen entlehnten Wörter wie dezento, diacan sind

unter t gestellt.

Eine Zahl in ( ) nach einem Citat bezeichnet

im Glossar wie in der Einleitung die Gesammtzahl der in einem Abschnitt (Vers etc.) vorkommenden Belege für eine bestimmte

Form.

Halle a/S. 30. März 1892.

E. Sievers.

Einleitung.

I. Handschriften und Quelle.

§

1.

Unsere Kenntnis der althochdeutschen Uebersetzung

der Evangelienharmouie des Tatian gründet sich auf folgende

Handschriften:

1.

Gl, die Handschrift No. 56 in folio der Stiftsbibliothek

in St. Gallen aus der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts ist für

Sie besteht jetzt aus 171

uns die einzige authentische Quelle.

Blättern, früher aus 172, da das ursprünglich zweite Blatt, welches den Schlufs des Briefes des Victor von Capua enthielt,

verloren gegangen ist. Diese Lücke war bereits vorhanden, als

die vermutlich von dem Bibliothekar Pius Kolb herstammende

Paginierung der Seiten der Hs. vorgenommen wurde, welche

übrigens durch zweimaliges Ueberspringen einer Seitenzahl die

Im Uebrigen ist

Anzahl der Blätter scheinbar auf 172 erhöht.

die Handschrift sehr wol erhalten und befindet sich dem An-

schein nach noch in ihrem alten Originaleinband, der durch zwei

starke, mit weifsem Leder überzogene Holztateln gebildet wird.

S. 1 und 2 enthalten

den Anfang des erwähnten Briefes,

3 18 die Uebersichten der Canones in der bekannten Anordnung,

19 24 die Ueberschriften der 181 Capitel unserer Handschrift,

in zwei Spalten, 25342 endlich ebenfalls zweispaltig den Text

der Harmonie, links den lateinischen, rechts den deutschen. Auf dem breiten Aulsenrande sind die genauen Angaben der Cpn-

cordanzen verzeichnet, in einem zwischen beiden Spalten ge- lassenen freien Räume jedesmal noch kurz die Siglen für die concordierenden Evangelien beigesetzt (Mt, Mr, Lc, Io). Die

Linien für die Schrift sowie die senkrechten, die Columnen etc.

begrenzenden sind mit dem Griffel gezogen. Die Zahl der Zeilen wechselt in den verschiedenen Lagen zwischen 31 und 32. Ihre Länge ist sehr verschieden: häufig füllen sie den gegebenen

Baum kaum zur Hälfte aus, anderwärts gehen sie bedeutend

über ihn hinaus.

Im Allgemeinen brechen die Zeilen wol bei

kleinen Sinnesabschnitten ab, aber keineswegs überall: es enden

z. B. häufig Zeilen zwischen Artikel und Substantiv u. dgl.

XII §

1.

Handschriften: 1. G.

Das letzte Blatt, welches früher einmal auf dem Einbanddeckel

festgeklebt gewesen zu sein scheint, enthält nur den Namen

Aymo von gleichzeitiger Hand.

Eine spätere Hand etwa des

13. Jahrhunderts schrieb auf S. 342 unter den lateinischen Text

als Federproben die Verse: Ferrea .pgenies duris cap extulit

aruis (Virg. Georg. II, 341) | qquas illi philomena dapes q dona

parauit (Virg. Ecl. VI, 79), und unter den deutschen: dt ipsi adorantes regresi s in hierusale \ gmtdio (Luc. 24, 52) Ornamtü

abaci tiec n <f' paruulus infra (Juven. Sat. III, 204) | Nam qs

plura Unit uictura dolia musto (ib. IX, 58). Am linken Rande

von S. 25 ist oben

das Bild eines Mannes,

der in

der linken

Hand ein Buch hält, mit dem Griffel eingeritzt.

Die Handschrift ist von 7 Händen geschrieben, von denen

6 auf den Text kommen.

S. 2551

(prol.

1 17,

1

Von diesen schrieb die

erste, a,

thero

burgi)

und

wieder, a,

S.

196216, Z. 15 (119, 1 131, 8 iuuarcn suntan); die zweite.

ß, S. 52—124,

Z. 6 (17, 1 Andreases 82, 11 Üb in iu)

und,

y,

d.

ß',

S. 221,

Z.

1-22 (132, 5—8

teta

her);

die

dritte

then,

S. 124,

h.

Z. 7—164 (82, 11

ther thar 103, 5 in

bis zum

Schlüsse des Quaternio XI); (103, 5 thiu dar 118, 4,

die vierte,

6,

S. 165—195

d. h. die Quater-

nionen XII und XIII) und, 6', S. 321—342 (212, 1 244, 4,

d. h. Quaternio XXII Schlufs); die fünfte, s, S. 216, Z. 16—

oba ir 132, 4); die sechste, L S. 221, Z. 22-

220

(131, 8

320

(132, 8

mir obar 211,

4).

Diese letzte Hand

hat

aufserdem noch die ganze Handschrift durchcorrigiert, was be-

sonders auffällig in y hervortritt, dessen Sprachformen am stärk-

sten von der von £ eingehaltenen Norm abwichen.

Ein zweiter

Corrector beschränkte sich im Wesentlichen auf Abänderungen

der Interpunction. Die wenigen von ihm geschriebenen Buch- staben geben über sein Alter keinen sichern Aufschlufs, doch

ist er entschieden bedeutend jünger als die Handschrift. Die

sind die gewöhnlichen (. , ; ! .,).

Interpunctionszeichen der Hs.

Von den Accenten gebraucht fast nur aas den Circumflex

und zwar mit wenigen Ausnahmen sehr richtig zur Bezeichnung der Länge; die übrigen kennen nur den auch in aas häufigen

Acut, den

sie ohne Unterschied auf kurze und lange Vocalo

doch bedienen sich y 6 C. 6' desselben überhaupt nur

setzen ;

spärlich. Keineswegs werden ausschliefslich die Tonsilben accen-

tuiert.

Häufig trifft der ' das zweite u in uu = w, ferner Vor-

silben, wie für-, for-

u. dgl. m.; öfter aber auch steht er ohne

erkennbaren Zweck, z. B. Andreases, Petruses, ehir u. s. w.

Eine genaue Scheidung der beiden Accentzeichen ist übrigens

bei den vielfach wechselnden Formen derselben an vielen Stellen

unmöglich.

§

1.

Handschriften: 1. G.

XIII

lekt.

Dafs G nicht in St. Gallen geschrieben ist, beweist der Dia-

Wann und wie aber die Hs. dorthin gelangt ist, entzieht

sich unserer Erkenntnis.

Leicht wäre bei der höchst wahrschein-

lichen Abstammung des Denkmals aus Fulda (§ 4) die Ver-

mutung aufgestellt, dafs die Abschrift etwa durch Hartmuot

nach St. Gallen gekommen sei, der besonders auch für die Ver- mehrung der Bibliothek tätig war. Aber das Verzeichnis der

von ihm beschafften Bücher (in Ratperts Casus S. Galli und im

Codex S. Gall. 267, gedruckt MG. SS. II, 72, auch bei G. Becker,

Catalogi bibliothecarum antiqui, Bonnae 1885, No. 24) gedenkt

unseres Textes ebensowenig wie die übrigen ältesten St. Galler

Bücherverzeichnisse, d. h. die Listen der von Abt Grimold

beschafften und geschenkten Handschriften (MG. SS. II, 70.

Weidmann, Geschichte der Bibliothek von St. Gallen, St. Gallen 1841, 396 ff. Becker a. a. 0. No. 23) und der ausführliche Ka-

talog des Codex 728

Weidmann a. a. 0. 364 ff., in Kaumanns Serapeum II, 8 ff., bei

Becker No. 22; vgl. auch [G. Scherrer], Verzeichn. der Hand-

schriften der Stiftsbibliothek von St. Gallen, Halle 1 875, S. 232 f.).

Dagegen führt der spätere Katalog vom Jahre 1461 bei Weid-

mann S. 403 unsere Hs. als Tlenarium de quatuor unum latinum

et theutonicum' an.

des XIII. Jahrhunderts, dort befand und hoch geschätzt wurde, beweist eine auf der innern Seite des vordem Einbanddeckels

Dafs sie sich aber bereits früher, zu Ende

aus dem IX. X.

Jahrh.

(gedruckt bei

stehende Notiz aus dieser Zeit:

diligstia qsitü diu et vix luentü resumite sce pat'. \ Erneste. t nole dnl, die Schmeller in der Vorrede zu seiner Ausgabe

p. III wol richtig auf den Decan Ernestus (um 1270) bezieht.

Einen weiteren Rückschlufs gestattet endlich vielleicht noch der

vom zweiten Corrector herrührende Eintrag hara 87, 5, der dem

X. Jahrh. zufallen mag. Wenigstens scheint es am natürlichsten,

das Auftreten dieser specifisch alemannischen Form durch die

Annahme zu erklären, dafs sich damals die Hs. auf alemanni-

schem Boden, also wol auch bereits in St. Gallen befand. Die wie es scheint erste gedruckte Nachricht von unserer Handschrift verdanken wir Aegidius Tschudi, der sie 1538 folgendermafsen beschreibt: Mn dem closter S. Gallen ist ein alt bermentin Euangelibuoch vor sechshundert jaren geschriben,

vast in denen zyten als tütsch zuschryben wenig zyts daruor

den anläng gehebt, ein syt latin, anndersyt die tütsch dargegen, welchs dennocht dises hoch tütsch sol sin, aber vnder fünff worten merckt einer kum einß, wo nit das latin darneben stüend,

daruß einer so latin verstat, die meinung der worten nemmen muoß.' 1

Hb' sancti galli. \ Hvnc

lib m

1 Die vralt warhafftig Rhetia, Basel 1538; s. W. Wackernagel, Deut- sches Lesebuch III, 385, 28 ff".

XI §

1.

Handschriften: 1. G.

Diese Angabe scheint aber wenig bekannt geworden zu sein.

Erst 1765, nachdem längst die Ausgaben der Handschrift des

Vulcanius von Paltben und Schilter erschienen waren, machte

Gerbert im Iter alemannicum p. 96 wieder auf G aufmerksam.

Fast 30 Jahre später erfolgte die erste Veröffentlichung eines Teils der Harmonie nach G, der Capitel 147152, in einem zeilengetreuen, aber vielfach fehlerhaften Abdruck in Jac. He IV

Bibliothek der heil. Gesch. (Frankfurt u. Leipzig 1792) II, 544 ff.

nach einer Abschrift des

St.

Galler Bibliothekars J. X. Nep,

Hauntinger. Die Parabel vom verlornen Sohn (Cap. 97) gab

dann 1819 L. Füglistaller x in Stalders Schweizer. Dialekto-

logie 261 ff', nebst einigen Erläuterungen heraus.

Eingehende

Studien widmete ferner der Pfarrer Jon. Christ. Zahn unserem Texte. Nach den Mitteilungen von P. de Lagard e in den

Gott. gel. Anz. 1882, 322 f. besitzt die Göttinger Universitäts-

bibliothek abgesehen von einer aus Conrads von Uffenbach Nachlafs

erworbenen Abschrift der in Palthens und Schilters Ausgabe

fehlenden Capitel 76153 und eine Facsimileabschrift von G

(Ms. theol. 75) folgende Handschriften Zahns: Ms. theol. 76: den von Zahn für seine geplante Ausgabe hergerichteten Text, latei- nisch und deutsch; Ms. theol. 77: Einleitung zu der Ausgabe; Ms. theol. 78: die zu ihr gehörigen Beilagen; Ms. theol. 79:

zur Kritik des Tatian, auch einige grammatische Anmerkungen; Ms. theol. 80: zur Literärgeschichte des Tatian. Von diesen

sind No. 77. 78. 80 nach de Lagardes Urteil auch heute noch

von Wert. Veröffentlicht wurden von Zahn, soweit der deutsche

Text in Betracht kommt, nur einige Bemerkungen über das Alter desselben u. ä. im Sprach- und Sittenanzeiger der Deutschen,

Berlin 1817, 4°. S. 198-239 (weiteres s. § 2, Anm.).

Die erste vollständige Ausgabe des Tatian nach G lieferte J. A. Seh melier: Ammonii Alexandrini quae et Tatiani dicitur

Harmonia Evangeliorum, Viennae 1841. Diese Ausgabe basiert

auf einer 1824 angefertigten und 1832 von Emil Braun colla-

tionierten Abschrift Schmellers.

durch eine Anzahl falscher Lesarten, die stillschweigende Auf-

nahme von Varianten aus Schilter und die Nichtbeachtung der

zahlreichen Correcturen und Rasuren entstellt. Aufserdem ist der

beigegebene lateinische Text statt aus G selbst vielmehr aus den

Ausgaben von Palthen und Schilter herübergenommen, soweit er

in diesen vorlag. Diese aber geben ihrerseits Junius' Bearbeitung

in der Hs. B (unten No. 2) wider, die das Lateinische in mög-

lichst genaue Uebereinstimmung mit dem Deutschen gebracht

Eine Collation von G, die unter diesen Umständen geboten

hat.

In

ihr ist

der deutsche Text

Ueber Füglistaller vgl. Anz. f. deutsches Alterth. X, 145 ff.

§

1.

Handschriften: 2. B.

XV

war, habe ich für die erste Auflage dieser Ausgabe im Herbst

1869 vorgenommen; für die neue Auflage ist dann der deutsche

Text im Herbst 1890 noch einmal von mir nachverglichen worden, wobei sich abermals eine kleine Nachlese von Berichtigungen

ergeben hat.

Es ist mir eine angenehme Pflicht, Herrn Stifts-

bibliothekar Pfarrer Idtensohn für die mir bei dieser Gelegen- heit erwiesene aufserordentliche Zuvorkommenheit auch hier meinen verbindlichsten Dank abzustatten. 2. Eine zweite Handschrift, B, besafs Bonaventura Vul-

canius.

Wie und woher diese in seinen Besitz kam, ist aus

seinen ungenügenden Angaben über dieselbe nicht zu ermitteln.

Vulcanius, der selbst mit der Absicht umgieng, die ganze Har-

monie zu edieren, teilte vorläufig in seinem Anhange zu der von

ihm veröffentlichten Abhandlung De litteris et lingua G-etarum

(Lugd. Bat. 1597. 8°) 8. 55 ff. einige Bruchstücke mit, die Worte

3, 2 heil uuibon; 4, 3 gisegenot uuamba; 4, 5 mihhiloso

4, 8; 4, 14 giuuihit 4, 18.

tanus in den Origines Francicae (Hardervici 1616, 4°, p. 588 ff.)

Hernach druckte J. J. Pon-

einer aus

einer Abschrift des Vulcanius geflossenen Copie ab.

Eine Abschrift von B, in welcher der Text jedoch durch

das Fehlen der Capitel 76 152 auf etwas mehr als die Hälfte

des Umfanges von G zusammengeschmolzen ist, schickte Vul-

canius an Marquard Freher, aus dessen Nachlasse sie 1653

Jetzt befindet sie sich unter den Hand-

Franz Junius erhielt.

den Prolog und 1,1 4, 9

wie

es scheint nach

schriften des Junius in Oxford als No. 13 in folio. Aufserdem

sah Junius, der sich eingehend mit dem Tatian beschäftigte und ein umfängliches ebenfalls handschriftlich in Oxford liegendes

Auctarium notarum in Tatianum schrieb (Ms. Jun. 42), noch das

Original des Vulcanius im Besitze des Nicolaus Heinsius.

Er mag daraus wol einzelne Lesarten in seine Abschrift einge- tragen haben: eine vollständige Vergleichung aber hat er nicht

vorgenommen (vgl. § 3). *

Seitdem haben

wir von

B keine

1 Dieser Sachverhalt ergibt sich deutlich aus der Vergleichung der bereits von Schmeller p. 1*** mitgeteilton Notiz des Junius auf einem vor-

gehefteten Blatt der Abschrift iu

Ms. Jun. 13 : 'Incidi Heidelberg« (ubi

primus huius lucis auras ipse hausi) anno Domini MDCLIII in Tatiani

Alexandrini Harmoniam Evangeliorum latino-francicam a Bonaventura Vul-

canio quondam ad Marquardum Fr eh er um transmissam atque in capita

CCXLIV distinctam, sed in medio sui LXXVI circiter capitum lacuna foe-

dam' mit der Bemerkung dos Auctarium (Ms. Jun. 42) p. 290: 'De verbo

ubarhuhtige superbos. Quum in huius Harmoniae apographo quod Mar- quardo Frehero miserat Bonaventura Vulcanius, scriptum invenissem zi- spreitta ubarhubtige , videbatur ubarhubtige illud referendum ad ufar-

habanen, quod occurrit CLXXI. Posteaquam vero clarissimi domini Nicolai

HeinsiiDan. filii beneficio in ipsius Vulcanii codicem incidissem atque

ubarhuhtige scriptum invenissem, statim quoque, missa priore coniectura,

XVI §

i.

Handschriften: 2. ß. 3. Heidelberger Hs.

Nachricht mehr; wir sind also auf die Oxforder Abschrift allein

angewiesen, welche von dem Herausgeber im Winter 1870 col-

lationiert worden ist.

Sie liegt

denn auch

der ersten Ausgabe der Harmonie,

soweit diese oben in B erhalten ist, durch J. Ph. Palthen (Ta- tiani Alexandrini Harmonise Evangelicee antiquissima Versio Theo-

tisca

., Gryphiswaldisc 1706, 4°) zu Grunde (eine von Fr.

Rostgaard, der sich die Hs. um 1694 hatte abschreiben lassen,

beabsichtigte Ausgabe kam nicht zu Stande). Auf der von Palthen

genommenen Abschrift des Oxforder Apographum Junianum und

einer zweiten, anonymen in Schilters Nachlafs aufgefundenen Copie beruht sodann die von Scherz besorgte Ausgabe des Ta-

tian in Schilters Thesaurus antiquitatum teutonicarum II (Ulm

1728), welche erst 1841 durch Schmellers Abdruck von G er- setzt wurde.

3. Auch die alte Bibliotheca Palatina zu Heidelberg besafs einst eine Tatianhandschrift, die später das Schicksal der übrigen

Codices Palatini teilte, nach Rom zu wandern, wo sie seitdem ver-

der Cod. Pal. 55 l der Vaticana, als deren

schollen ist.

Es war

Inhalt in einem handschriftlichen Katalog der Palatina ^Anonymi

harmonia evangelistarum germanice.

In principio erat, ex perg.

in viridi in Quarto parvo' angegeben ist (s. die Mitteilung des

Pater Bollig bei de Lagarde, Gott. gel. Anz. 1882, 330 f.).

Der

neue Katalog der Codices Palatini Latini I,

10 vermerkt da-

gegen zu

unserer Hs.

c Deest; iam anno

1798

desiderabatur.

In vetere inventario hoc modo describitur: Anonymi harmonia

In 4 anti-

Dafs

diese Handschrift die des Vulcanius gewesen, und durch Mar-

quus ch(artae) s(criptae) 83' (s. Bartsch, Germ. 31, 245).

evangelistarum, germanice.

Inc.

In principio erat.

quard Freher etwa in den Besitz der Palatina gekommen sei,

wie Bartsch, Germ. 31, 245 zweifelnd vermutete, ist nicht wahr-

scheinlich; denn Freher hat ja das Original des Vulcanius nie

sensi vocem hanc plenissime referendam ad alamannica hugen, erhugen,

gelingen,

de quibus fuse agimus in annotatis ad XXVII, 1'.

Allerdings

gibt Junius hier nicht ausdrücklich an, dafs sein Exemplar eben das von

Vulcanius an Freher geschickte sei; aber diese Annahme ist doch sehr

Denn die Abschrift rührt entgegen allen sonstigen Gewohn-

natürlich.

heiten des Junius nicht von ihm selbst her, sondern von einer unbe- kannten Hand, und ist nur von ihm stark durchcorrigiert worden (vgl. S.XXI).

Auffällig ist freilich die Angabe, dafs Frehers Exemplar bereits die Ein- teilung in 244 Capitel gekannt habe, denn auch die Capiteleinteilung der

Oxforder Copie ist erst von Junius eingetragen worden. Vielleicht liegt ein Gedächtnisfehler des Junius vor. Für die Hauptsache selbst ist übrigens

diese Frage ganz ohne Belang.

1 Nicht 54, wie Greith, Spicilegium Vaticanum S. 72 irrtümlich

angibt; wegen Schmeller p. II vgl. noch de Lagarde, Gott. gel. Anz. 1883, 1436 f.

§

1.

Handschriften : 4. Hs. von Langres. 5. P.

XVII

besessen, sondern nur eine Abschrift, und zwar sicher auf Papier:

der Codex Pal. 55 aber wird ausdrücklich als Pergaraenthand-

schrift bezeichnet.

4. Eine weitere Handschrift befand sich noch gegen Ende des 16. Jahrhunderts in der Bibliothek des Capitels von Lan-

Jetzt ist dieselbe nach einer Mitteilung von P. Meyer

gres. 1

nicht mehr vorhanden.

Man vermutet, dafs sie durch eine c alie-

nation de manuscripts faite par le chapitre de Langres en 1689'

von da fortgekommen sei.

5. Einige Sätze aus dem Tatian befinden sich , wie zuerst

durch W. Grimm, Abhh. der Berliner Akademie 1851, S. 242

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