Avalist

STUDENTISCHE ZEITUNG AM HISTORISCHEN SEMINAR
AUSGABE 48    DEZEMBER 2015

WEIHNACHTSAUSGABE
UNIWAHLEN

STUDIENBEDINGUNGEN

HOPO-STRUKTUREN UND
MITBESTIMMUNG

DIE UNI MUSS BRENNEN!

TERROR UND GESELLSCHAFT
ÜBER ANGST UND TOLERANZ

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AVALIST  —  Inhalt

INHALTSVERZEICHNIS

04 EIN WEIHNACHTS-EDITORIAL

GESELLSCHAFTSKRITIK
06 LEIDER AUS AKTUELLEM ANLASS...

HISTORISCHES SEMINAR
16 SECRET DIARIES OF TALIA

07 WI(E)DER DIE POLITISCHE MITTE

18 8 ORTE, DIE MAN UM DAS WELFENSCHLOSS HERUM GESEHEN
HABEN MUSS
20 DIE UNI MUSS BRENNEN!

WEIHNACHTEN
10 DIE MORAL VON WEIHNACHTEN
12 WEIHNACHTEN,
EIN FEST DES KAPITALS
13 WEIHNACHTEN.
EINE KONSUMKRITIK
15 15 EIS, BITTE!

24 LEBEN AM
HISTORISCHEN SEMINAR
26 MITTELALTER-FLAIR, NIEDEREGGER-MARZIPAN UND KNEIPENKULTUR MIT REISEFÜHRER
29 SINGE MIR, OH MUSE

Inhalt  —  AVALIST

GESCHICHTE
IN SPIEL UND FILM
30 JOINT TASK FORCE
31 AN WEIHNACHTEN
SIND WIR WIEDER ZU HAUSE

HOCHSCHULPOLITIK
40 STELL DIR VOR,
NIEMAND GEHT HIN...
43 UNIWAHLEN

32 EMPIRE: TOTAL WAR
35 L.A. NOIRE
36 EPIC BATTLES OF HISTORY MOVIES

44 UNPOLITISCH
46 SPRÜCHE
47 IMPRESSUM

HISTORY BLOGGING
39 ZEIT.RÄUME

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AVALIST  —  EIN WEIHNACHTS-Editorial

Editorial

ECEM TEMURTUERKAN
UND JAN HEINEMANN

Die 48. Ausgabe des Avalist ist fertig!
Eine bunte Tüte verschiedenster Themen und die redaktionelle Diskussion
um den Artikel „Die Uni muss brennen“ führten wieder einmal zu der
Frage, wie wir hier eigentlich studieren und der Feststellung, dass es eine
ganze Menge zu kritisieren und diskutieren gibt.
Aus aktuellem Anlass nehmen wir
Stellung zu den Ereignissen von Paris
und der laufenden Debatte um Krieg
und Sicherheitsmaßnahmen. Diese
Debatte, bei der es vor allem um die
Grundwerte unserer pluralen Zivilgesellschaft geht, muss auch in der Studierenschaft mit Nachdruck geführt
werden.
Nichtsdestotrotz ist das Leben am
Historischen Seminar auch durch
eine große Menge an Spaß, hilfsbereiten und entgegenkommenden
Kommiliton*innen und Lehrenden
sowie Zusammenhalt und Teamwork
gekennzeichnet. Diese Gemeinschaft
wurde auf der Foto-Doppelseite der
vorliegenden Ausgabe visualisiert, in
Form eines Tagebucheintrags einer
Erstsemesterin in Worte gefasst und
ebenso durch zahlreiche amüsante
Spüche verdeutlicht.

Zu den Besonderheiten unseres Historischen Seminars zählen auch die
legendären Exkursionen in andere
Städte und Länder, die sowohl einen
Einblick in Kultur und Geschichte bieten und unseren Horizont erweitern,
als auch das Gemeinschaftsgefühl
zusätzlich verstärken. Erfreut euch
an einem Lübeck-Exkursionsbericht,
nehmt jedoch auch die einzigartigen
Orte rund um das Welfenschloss auf
Grundlage unserer Checklist näher
in Augenschein. Dabei sind diese
Leibniz'schen Highlights auch im verschneiten Winter ansehnlich.
Die näherrückende Weihnachtszeit
impliziert das Hinterfragen der Moral
von Weihnachten sowie unseres Konsumverhaltens. Die in der GamingReihe präsentierten historischen
Computerspiele können nichtsdestotrotz als Geschenkideen für spielebe-

EIN WEIHNACHTS-Editorial —  AVALIST

geisterte Freunde und Familie herangezogen werden.
Da eine Demokratie, auch an der Universität, von Ideenartikulation und
Wahlbeteiligung lebt, werden in der
vorliegenden Ausgabe hochschulpolitische Strukturen erläutert und
auf die alljährlichen Uni-Wahlen im
Januar hingewiesen, bei denen jede
Stimme zählt. Auch der basisdemokratische Studierendenrat Geschichte
ist auf das Engagement der jüngeren
Generationen angewiesen, um den
Ratssitzungen neues Leben einzuhauchen. So appellieren Jan Heinemann
(Finanzreferent, Referent für Öffentlichkeitsarbeit, Mr. Ämterhäufung),
Robin Kühne (Kassenwart und Archivar), Lars-Christian Hilleke (Schriftführer), Mathias Gilgen (Koordination), Marcel Haug (Kultur), Julia Wolff
(Raumverwaltung), Ecem Temurtuerkan (Soziales) und der ämterlose Raphael Ermold an die Fachgruppe des
Historischen Seminars, mitzuwirken
und aktiv mitzugestalten, sei es im
Rat oder in der Redaktion unserer
studentischen Zeitung: Verfasst kritische, oder aber unterhaltsame Artikel für den Avalist, beteiligt euch an
dem Videodreh, um unsere Präsenz
auf YouTube weiter auszubauen und
begeistert euch für stimmungsvolle
Redaktionswochenenden.

Schnappt euch eine Flasche ClubMate oder einen heißen Kaffee und
genießt im allseits beliebten HistorikA-Café gemeinsam mit euren
Kommiliton*innen die vorliegende
Weihnachtsausgabe!
Ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest wünscht euch eure Avalist-Redaktion!

Der Avalist macht jetzt auch bewegte Bilder!

Der Avalist im WorldWideWeb
www.studierendenrat.wordpress.com/avalist
www.facebook.com/Avalist

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AVALIST  — GESELLSCHATFSKRITIK

Leider aus aktuellem Anlass...
ADRIAN GÄRNER
Erneut haben Paris schreckliche Terroranschläge
ereilt. Anhänger des „Islamischen Staates“ bekannten sich zu den Bombenanschlägen und Morden
des 13. November in Paris. Unser tiefes, aufrichtiges
Mitgefühl und unsere Solidarität gilt den Opfern,
Hinterbliebenen und Freunden.
Die Anschläge in Frankreich sind ein Nährboden
für rechtspopulistische und nationalistische Organisationen, Strömungen und Parteien. Diese schüren
nun, die Terroranschläge instrumentalisierend, generelle Feindseligkeit gegenüber Zuwanderung und
dem Islam. Verunsicherung, die zweifelsohne da ist,
darf nicht darin münden, pauschalisierenden, undifferenzierten, plakativen und rechten Parolen zu
folgen. Gerade jetzt ist es wichtig, sich eine differenzierte und reflektierte Meinung zu bilden.
Islam ist nicht Islamismus. Der IS vertritt nicht
im Ansatz grundlegende Einstellungen des Islam.
Das hat beispielsweise Jürgen Todenhöfer in seinem
Bericht über seine Zeit innerhalb des „Islamischen
Staates“ herausgearbeitet. Demnach war der Anschlag nicht nur ein Angriff auf die „westliche Welt“,
sondern ebenso gegen alle Muslime weltweit. Denn
in diesen Stunden werden die Forderungen an die
Muslime groß, sich vom Islamismus und Terror zu
distanzieren. Bitte nicht! Solche Forderungen unterstellen „normalen Muslimen“ Nähe zum Terrorismus und ideologische Übereinstimmungen mit
Islamisten. Das ist diffamierend und despektierlich –
kein Muslim, weder in Europa noch anderswo, sollte
in Rechtfertigungsnöte geraten.
Vielmehr müssen wir alle uns an dieser Stelle distanzieren. Distanzieren von rechtem Gedankengut
jeglicher Art, Populismus und der Hetze gegen Zuwanderung und Flüchtlinge. Ebendiese Flüchtlinge,
die zur Zeit nach Europa strömen, fliehen vor genau
diesem Terror, der nun auch Paris ereilt hat.

Viele betonen, es bestünde kein Wertekonsens
zwischen Muslimen, Flüchtlingen etc. und der
deutschen Gesellschaft. Natürlich entstammen wir
unterschiedlichen Kulturkreisen, aber in der Angst
und der Ablehnung gegenüber dem islamistischen
Terror haben wir etwas gemeinsam. Diese Gemeinsamkeit gilt es zu betonen, wir müssen Offenheit
und Toleranz signalisieren und den Flüchtlingen Sicherheit und Solidarität vermitteln.
Eines vielleicht noch. Der IS reagierte mit den
Terroranschlägen in Paris unter anderem auch auf
militärische Intervention westlicher Staaten in Syrien und dem Irak. Politik und Gesellschaft müssen
in den Diskurs treten, inwieweit militärisches, gewaltsames Vorgehen als Reaktion auf Brutalität und
Gewalt richtig ist. Sollte Deutschland mit immensen
Waffenexporten weiterhin internationale Gewaltmärkte fördern und nähren?
Politik und Bevölkerung vieler Staaten sprechen
Frankreich ihre Solidarität aus, sei es durch das
Verschenken von Hundewelpen oder das Ändern
von Profilbildern. Warum wird aber die Chance
versäumt, sich zusammenzuschließen und gemeinsam und strukturiert gegen die Terrorbedrohung
vorzugehen? Warum formiert und stärkt sich kein
transnationaler Wertekonsens? Warum konkurrieren Russland, westliche Länder und an den Irak und
Syrien angrenzende Staaten miteinander und gehen
nicht Hand in Hand? Es bleibt nur zu hoffen, dass
diese Diskussion angestoßen wird, und sich alle Betroffenen aufeinanderzugehen.
Bis dahin: Zeigt Präsenz. Gegen Rechts! Und Mut
zum politischen Engagement und Interesse!

GESELLSCHAFTSKRITIK  —  AVALIST

Wi(e)der die politische Mitte
ÜBER DIE AUSNUTZUNG DER GESELLSCHAFTLICHEN ANGST
JAN HEINEMANN
Die Anschläge von Paris vom Freitag, dem 13.
November diesen Jahres, waren kaum geschehen,
da kam die Mediendemokratie wieder so richtig in
Fahrt. Schnell wurden Parallelen zum 11. September
2001 gezogen, zu den Anschlägen von London und
Madrid, laut von Krieg gesprochen und die Ereignisse in irrsinnigen Kommentaren politisch-programmatisch gedeutet. Jeder wusste es besser, was nun zu
tun sei, ob Europa gescheitert sei, warum Frankreich
jetzt Deutschland brauche – um Krieg zu führen. In
den sozialen Netzwerken begann sogleich der Anerkennungskampf: Wer am schnellsten sein Profilbild
mit den Farben der Trikolore tünchte, konnte sich
vieler Likes erfreuen. Nur vereinzelt und zögerlich wurde die Frage gestellt, warum wir Europäer
immer nur mit Europäern trauern, warum uns die
täglichen Anschläge im Nahen Osten, die Opfer von
Kriegen und Gewalt und die tausenden Hungertoten
weltweit nicht (mehr) erschüttern, warum wir glauben, dass eine Flucht nach vorne – jetzt, nachdem
wir jahrelang tatenlos zugesehen, von der so genannten Flüchtlingskrise profitiert, kilometerlange
Stacheldrahtzäune durch Europa gezogen haben –
sinnvoll wäre, warum wir uns wir nennen und wen
wir dabei ausschließen...
Exemplarisch möchte ich im Folgenden auf einen
Kommentar von Mathias Döpfer, Vorstandsvorsitzender der Springer AG, antworten, der am 15.11. in
DIE WELT veröffentlicht wurde. Für mich steht der
Kommentar sinnbildlich für die fatalistische Denke,
die Idee der politischen Mitte sei die Antwort auf
die Krisen und Unsicherheiten unserer Zeit. Döpfer
fordert in seinem Kommentar Nicht unterwerfen,
sondern kämpfen die Überwindung rechter oder linker Populismen und „eine Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte“. Was hier aufgeführt wird, ist ein

apokalyptisches Drama mit dem Titel Kulturkampf,
das von der Unterlegenheit der westlichen Demokratien unter Diktaturen und Extremismus spricht,
kulturelle und religiöse Differenzen instrumentalisiert, nur um eines zu tun: die Anderen, die Bösen
zu markieren. Wir Europäer sind doch die weltoffensten, tolerantesten Menschen auf der ganzen
Welt, von uns müsse man lernen, wie es sich lebt,
anstatt „Verständnis für die andere Seite [zu] haben“.
„Entschiedenheit und Stärke“ müsse Kontinentaleuropa jetzt beweisen, meint der Autor. Im selben
Zuge fordert er ein Einwanderungsgesetz gegen
„Wirtschaftsflüchtlinge und Einwanderer aus sicheren Drittländern“, will „sozialstaatliche Anreize“ für
Flüchtende beseitigen.
Was Döpfer will, ist der totale Nationalstaat: „Wir
müssen unsere Werte mit allen rechtsstaatlichen und
demokratischen Mitteln verteidigen.“ Für ihn braucht
es ein neues Blockdenken, das die multipolare Unordnung der Welt in ein bequemes Freund/FeindSchema unterteilt. Zuerst kommen wir – dann lange
gar nichts.
Wenn Döpfer von einer „wehrhaften Demokratie“ spricht, die unsere Werte der Aufklärung, des
Rechtsstaates und der Menschenrechte aktiv verteidigen solle, dann macht er widerliche Denkfehler und denkt „Europa“ als Mittelpunkt der Welt,
als moralischen Hort der wahren Weltanschauung,
dann übersieht er, dass dieses „Europa“ blutige Jahrhunderte der Aufklärung und der Abkehr von den
damit verbundenen Werten durchlaufen hat, was
auf andere Teile dieser Welt nicht oder nur eingeschränkt zutrifft. Vor allem aber tut er eines: Er bedient genau das, was sich die Terroristen wünschen.
Der Terrorismus will unterwandern, Unsicherheit
zu jeder Zeit und an jedem Ort erzeugen, Angst

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AVALIST  — GESELLSCHAFTSKRITIK

entfachen und in logischer Folge entsprechende
Sicherheitsmaßnahmen provozieren, mit allem was
dazu gehört: Überwachung, Kontrollen, Repression.
Terrorismus will seinem Feind den Spiegel vorhalten, bis die Menschen glauben, ihre eigenen Regierungen, ihre eigenen Werte, das Gutmenschentum
als den eigentlichen Gegner zu erkennen, bis die
Gesellschaft in Angst in ihrem Sicherheitswahn in
sich zusammenfällt. Terrorismus will die Gesellschaft spalten, die Flüchtenden durch europäische
Abschottung radikalisieren.
Wer von Krieg und Abschottung, von Ausweisung und der Gefahr des islamistischen Terrors in
Zusammenhang mit Flüchtenden spricht, der tut,
was die Terroristen wollen – und wirkt gegen alles,
was „Europa“ einst sein, wofür „Europa“ einst stehen wollte. Eine passende Karikatur zeigt treffend
einen Neonazi, der einem Islamisten dankend die
Hand reicht.
Die Gesellschaft darf trauern, sie darf sich fürchten – aber in einen massenpsychologischen Wahn
verfallen, das darf sie nicht, wenn sich Geschichte
nicht wiederholen soll. Was wir brauchen, ist Nächstenliebe und Mitgefühl mit den Opfern des Terrors
in Paris und auf der ganzen Welt, mit den Flüchtenden und den Hungernden, den Opfern von Krieg
und Gewalt. Was wir brauchen, ist Weltoffenheit,
statt NATO-Draht und Panzer. Und wir brauchen

endlich wieder eine Perspektive der demokratischen
Gestaltbarkeit eines solidarischen Miteinanders in
unserer pluralistischen Zivilgesellschaft.
Postskriptum, 18.11.2015, einen Tag nachdem
das Fußballländerspiel zwischen Deutschland und
den Niederlanden in Hannover wegen einer Terrorwarnung der französischen Geheimdienste abgesagt
wurde:
„Die Polizei hat weder Hinweise auf Sprengstoff
gefunden noch Festnahmen vollzogen.“
Was gestern Abend passiert ist? Der Terrorismus
hat über die Vernunft gesiegt. Sein strategisches Ziel
ist allgegenwärtige Angst und aus Sicherheitswahn
resultierende Repression, die der Bevölkerung mittelfristig ihr eigenes politisches System als Feind erkennen lässt. Die Absage des Spiels mag aus Gründen der Sicherheit richtig gewesen sein. Strategisch
war sie ein totaler Reinfall.
Die einzige wirksame Waffe gegen den Terrorismus ist, alles so weiter zu machen wie zuvor,
im besten Falle noch offenherziger, noch sorgloser.
Wer jetzt nach dem starken Staat ruft oder gar nach
Krieg, der erfüllt genau das, was der Terrorismus erreichen will und grenzt zwangsläufig aus. Fürchtet
nicht um euer Leben, fürchtet um die Nächstenliebe
und die Grundsätze der pluralen demokratischen Zivilgesellschaft!

GESELLSCHAFTSKRITIK  —  AVALIST

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AVALIST  —  WEIHNACHTEN

Die Moral von Weihnachten
GUT UND RICHTIG IN DER MODERNEN GESELLSCHAFT.
ODER: CICERO RELOADED.

ROBIN KÜHNE
Weihnachten wird häufig als das heiligste
Fest der christlichen Welt angesehen, doch
womit verdient es eine solche Bezeichnung?
Dieser Artikel wird durch eine kritische, komparative Analyse den moralischen Gehalt von
Weihnachten bis ins kleinste Detail beleuchten.
Laut einer wissenschaftlichen OnlinePlattform bezeichnet man mit „heilig“ für gewöhnlich etwas
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Besonderes oder auch Verehrungswürdiges. Ist Weihnachten etwas Besonderes? Das steht natürlich völlig außer Frage.
Schließlich ist Weihnachten ja nur ein Mal im
Jahr. Ist es verehrungswürdig? Diese Frage ist
stark abhängig von den Beweggründen der
Akteure an Weihnachten.
Da uns in der heutigen Zeit leider kein
Cicero mehr als moralischer Führer zur Verfügung steht, der für uns bestimmen könnte,
was richtig und was falsch ist, müssen wir auf
andere Mittel zurückgreifen. Das Mittel der
Wahl wird hier das moralische Stufenmodell
von Kohlberg sein.
Nun muss also die Frage gestellt werden,
was ein Merkmal an Weihnachten ist, das im
Vordergrund steht und alle Menschen stets
verbindet. Es ist natürlich völlig offensichtlich,
welches elementare und den Sinn von Weihnachten am besten repräsentierende Merkmal
hierfür benutzt wird. Das gegenseitige Beschenken! Nun, da also das Objekt der Untersuchung gefunden ist, gebietet die Theorie, die
Frage ab utili zu stellen:
Wird das Gegenüber nur beschenkt, um etwaige Strafen zu vermeiden, stellt dieses ein
moralisches Verhalten der ersten Stufe dar.
Bevor sich diejenigen unter der Leserschaft,
die solche Verhaltensweisen an den Tag legen,
freuen, sollte erwähnt werden, dass es sich

hierbei um die niedrigste Stufe handelt. Aber
hey, immerhin irgendwo mal Erster.
Ist das Schenken mit der Absicht verbunden,
dass man damit ein Anrecht ertauscht, selber
ein Geschenk zu erhalten, ist dies zwar eine
Steigerung (auf die zweite Stufe), aber leider
immer noch nicht wirklich moralisch hochwertig.
Schenkt man hingegen, weil die Erwartungen des Gegenübers (nämlich ein Geschenk
an Weihnachten zu erhalten) erkannt werden
und erfüllt werden sollen, dann hat man den
Sprung auf die dritte Stufe geschafft. Herzlichen Glückwunsch! Falls Unklarheit darüber
besteht, ob man diese Stufe erreicht hat, kann
man es ganz einfach testen. Schenkt an Weihnachten jemandem, der euch auf jeden Fall
etwas schenken wird (und euch nicht für die
Abwesenheit eines Geschenkes eurerseits bestrafen wird), einfach mal nichts. Wenn ihr
euch dann trotz Erhalt des Geschenkes und
Ausbleibens einer Strafe schlecht fühlt, habt
ihr diese Stufe wohl erreicht.
Wenn man nun das Prinzip des Schenkens
von den Erwartungshaltungen des Gegenübers
löst und als Begründung für das Schenken,
gegenüber sich selbst und anderen, auf die
geltenden sozialen Gepflogenheiten hinweist
(und es auch ernsthaft so meint), dann wäre
man sogar schon ein Wesen der vierten Stufe.
(Ein Großteil der Erwachsenen befindet sich
übrigens entweder auf dieser oder der vorherigen Stufe.)
Wird vor dem Schenken dessen Richtigkeit
umfassend hinterfragt und werden Begründungen für das Schenken abgelehnt, falls nicht
deutlich wird, welchen gesellschaftlichen Nutzen es birgt, dann indiziert dies ein moralisches Handeln der fünften Stufe. Man hat also bei

WEIHNACHTEN  —  AVALIST

seinem Handeln eine Art Gesellschaftsvertrag
im Sinne.
Nun kommen wir (endlich) zu der höchsten Stufe! Am wertvollsten wäre es nämlich,
wenn man Geschenke verteilt, weil man das
Verteilen der Geschenke selbst als vorbildliche
Handlung, es also als allgemeingültige Maxime ansieht, unabhängig davon, ob man selber
daran Freude empfindet oder nicht (laut Kant
wäre die Selbstlosigkeit und Freiheit von Eigennutz auch nur dann wirklich sichergestellt,
wenn man es entgegen seiner inneren Neigung täte). Ob man wirklich ein universelles
und allgemeingültiges Prinzip finden kann,
nachdem man ausgerechnet an Weihnachten
seine Mitmenschen beschenken muss, wäre
nochmal eine andere Frage.

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Zusammenfassend lässt sich also sagen,
dass, aufgrund der Diversität verschiedener
Akteure an Weihnachten, das Fest als solches
ambivalent zu betrachten ist (Sozialkonstruktivismus). Wenn sich die Leute aber nun bewusst machen aus welchen Gründen sie schenken und versuchen einen höheren Standpunkt
einzunehmen, dann kann das Weihnachtsfest
noch gerettet werden. Aber bis es so weit ist,
wird dieses nun schon fast überholte System
sicher ohnehin von einem neuen Bewertungsmaßstab abgelöst sein.

Hier ein Gedicht, das
uns in letzter Sekunde
erreicht hat...
The roof of the home
Is covered in snow.
The restless syndrome,
It starts now to show.
The buyers go out
To find what they seek
With hearts full of doubt
Their spirit is weak.
But where are they now,
The elves that we need?
The ones that do vow
To fall not for greed.
From them we can learn
What good is to do.
A passion to yearn
For peace that is true.
Let us be merry
And do like they do.
Be like a fairy
And help the weak, too.

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AVALIST  —  WEIHNACHTEN

Weihnachten,
ein Fest des Kapitals
LIAM HARROLD
Weihnachten als ein religiöses und gar
christliches Fest abzulehnen, fällt heutzutage
vielen leicht. Obwohl es heidnische Ursprünge hat, wird es doch als das Fest zur Geburt
Christi gefeiert und ist so Teil des „christlich
geprägten Abendlandes“ (wie auch immer das
zu definieren ist, Menschen die jeden Montag
nach dem „Schutz des christlichen Abendlandes“ rufen, könnten darauf antworten).
Als Protest gegen eine solche vermeintlich
„christliche Leitkultur“ kann Weihnachten
also durchaus abgelehnt werden. Ob man also
Weihnachten, das „Fest der Liebe und Barmherzigkeit“ darum ablehnt, weil es ein christliches Fest ist, also weil man sich gegen die vermeintlich „christlich geprägte Mehrheitsgesellschaft“ auflehnt, oder ob man Weihnachten
ablehnt, weil damit eine grundsätzlich religionskritische Position vertreten wird, sind beides Positionen, die im linken Diskurs häufiger
zu finden sind...
Aber unabhängig von kultur- und religionstheoretischen und -kritischen Überlegungen
ist Weihnachten darüber hinaus von einem

„Fest der Besinnlichkeit“ zu einem reinen „Fest
des Kapitals“ geworden. Wenn Geschenke zu
Weihnachten in Quantität und häufig auch in
Qualität steigen, bis zu fünf Weihnachtsfeiern
in der Woche stattfinden und der Weihnachtsmarktbesuch obligatorisch für jeden Großstadtkapitalisten ist, dann ist es Zeit für eine
ausführliche Konsum- und Kapitalismuskritik
im Kontext des weihnachtlichen Exodus hinaus aus den Wohnzimmern und rein ins Einkaufsgetümmel.
Man muss nur einmal durch die hannoversche Innenstadt gehen, den überteuerten
Weihnachtsschmuck der Stadt Hannover betrachten, zwischen aufwändig gestaltete Verkaufsbuden vor dem Hauptbahnhof, auf der
Lister Meile und in der Altstadt umhergehen,
an den Schaufenstern der großen Kaufhäuser
vorbeigehen… eines fällt auf: Die Werbeindustrie tut alles, um uns als Konsumenten ihrer
häufig überflüssigen Produkte zu gewinnen.
Weihnachten als Paradebeispiel postmoderner
Marktlogik lässt sich also überall beobachten.
Uns steht es jetzt frei, ob wir uns auf diese neo-

WEIHNACHTEN  —  AVALIST

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liberale Wirtschaftsform einlassen und dazu
beisteuern, dass Weihnachten ein Fest des
Konsumrausches bleibt, oder ob wir uns dagegen wehren und gegen die Werbeindustrie
immunisieren. Also: Mehr Konsumkritik bitte,
und beim nächsten Besuch in der Innenstadt
überlegen, ob dieser süße kleine Holzengel
jetzt wirklich nötig ist...
Ach und: Alle Weihnachtsfeiern sind bitte
ab sofort in Jahresendfeiern umzubenennen.
Feiern kann man nämlich auch gemeinsam
ohne Bezug zum christlichen Verständnis des
Festes.

Weihnachten.
Eine Konsumkritik
ECEM TEMURTUERKAN
Bunte Lichterketten an den blätterlosen
Bäumen, die Weihnachtspyramide am Kröpcke und heißer Weihnachtspunsch, der an liebevollen Ständen auf dem Weihnachtsmarkt
verkauft wird: In der Innenstadt Hannovers
weihnachtet es sehr. Galeria Kaufhof wirbt
mit unvergleichlichen Preisempfehlungen, als
Weihnachtsengel verkleidete Mitarbeiterinnen
machen auf Verkaufsaktionen in der Ernst-August-Galerie aufmerksam und handgemachte
Geschenkideen bereichern die Weihnachtsmärkte vor dem Hauptbahnhof und in der
Altstadt. Wunschlisten, die aus dem neuesten
iPad, einer PlayStation 4 und der neuen Echtleder-Designertasche von Michael Kors bestehen, werden verfasst, 24 Kosmetikartikel für

zu verschenkende Adventskalender gekauft
und der Winterschlussverkauf von ZARA genutzt, um ein neues Kleid für die Festtage auszuwählen.
Dieses Konsumverhalten während der vorweihnachtlichen Zeit ist nicht nur in der eigenen, unmittelbaren Umgebung wahrzunehmen, sondern auch in Medien und Film. Wer
die amerikanische Erfolgsserie „Gossip Girl“
kennt, weiß, wie die Weihnachtszeit auf der
New Yorker Upper East Side aussieht: Manhattans Elite stürmt, gewappnet mit Kreditkarten,
die exklusivsten Designerläden Amerikas, um
mit fein verpackten Armbanduhren, deren Kostenpunkt im vierstelligen Bereich liegt, rauszugehen. Funkelnde Diamant-Halsketten len-

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AVALIST  —  WEIHNACHTEN

ken von der Tatsache ab, dass selbst am Fest
der Liebe intrigiert wird und die Welt voller
Reichtum und Glamour lediglich Fassade ist.
Familienfeiern enden auf Grundlage fehlender
Harmonie in einer Katastrophe, Tränen werden vergossen und Herzen gebrochen, doch
der neue Wintermantel mit Fellkragen scheint
diesen Schaden zu kompensieren. Lediglich
eine weniger wohlhabendere Familie aus
Brooklyn, der immer wieder vermittelt wird,
dass sie auf Basis fehlenden Reichtums gesellschaftlich marginalisiert wird, schafft es, den
Fokus auf die nichtmateriellen Elemente zu legen und das Ende des Tages in harmonischem
Beisammensein ausklingen zu lassen.
Der weniger kritisch denkende Rezipient
neigt, aufgrund des eifrigen Mitverfolgens aller sechs Staffeln, dazu, sich von Warner Bros.
Entertainment in seinem Kaufverhalten beeinflussen zu lassen, anstatt eine gesellschaftsund konsumkritische Position zu vertreten
und die dargestellten Inhalte zu hinterfragen.
Oftmals rückt „The best of all gifts around any
Christmas tree is the presence of our loved ones“
in den Hintergrund. Es wird keine Vorfreude
auf das familiäre Beisammensein entwickelt,
sondern primär auf das gegenseitige Beschenken. Im Optimalfall werden die erhaltenen,
schick verpackten Geschenke mit der neuen
Spiegelreflexkamera fotografisch festgehalten
und mit dem Fotokommentar „I am the luckiest
girl alive!“ auf die soziale Plattform „Instagram“
hochgeladen, um mit „Gefällt mir“-Angaben
im dreistelligen Bereich versehen zu werden.
Geschenke werden unter den absurdesten Kriterien verglichen und materielle Ansprüche
an die Familie gestellt, die diese nicht erfüllen
kann. Man ist unzufrieden und undankbar,
nach der Bescherung am Heiligen Abend sinkt
die Freude exponentiell, der eigentliche Sinn
des Heiligen Festes rückt in den Hintergrund.
Die unreflektierte Konsumentenschaft verschärft die Anschauung, dass Weihnachten als
der Höhepunkt des Kapitalismus angesehen

wird. Man sagt, dass Geld den Charakter der
Menschen verdirbt, aber muss dafür ein Charakter nicht von vornherein „verdorben“ und
empfänglich für die weniger wichtigen Dinge
des Lebens sein?
Auch, wenn ich persönlich mit meiner eigenen Familie kein richtiges, traditionelles Weihnachtsfest feiere, so ist das Kaufverhalten der
breiten Masse und der Input der Medien zur
Weihnachtszeit auch in meinen Augen kritisch
zu betrachten. Auch ich verbringe im schönen
Monat Dezember gerne mehrere Stunden auf
dem stimmungsvollen Weihnachtsmarkt in
Hannover, überrasche meine liebsten Freunde
mit Aufmerksamkeiten und begeistere meine
Familie dafür, einen hübschen Baum aufzustellen und etwas besonders vorzügliches zu kochen. Meinen Fokus lege ich jedoch auf herzliche Gratulationen und lege es jedem nahe, den
Materialismus in den Hintergrund zu rücken.
Genießt wundervolle, besinnliche Momente
mit eurer Familie, gerade dann, wenn ihr sie
nicht oft sehen könnt. Bei Geschenken gibt
es kein „zu klein“. Erfreut euch an allem, was
euch geboten wird und nehmt keine Erwartungshaltung ein. Gerade in Anlehnung an
die aktuelle Flüchtlingsdebatte sollte uns allen
klar geworden sein, wie glücklich wir uns eigentlich schätzen können, wenn wir ein Dach
über dem Kopf, ausreichend zu essen und zu
trinken, sowie gesunde, zufriedene Menschen
um uns herum haben. Jeder, der dieses Privileg
besitzt, sollte sein Augenmerk nicht auf materielle Nebensächlichkeiten legen, sondern
darauf, seinen Liebsten in einer harmonischen
Atmosphäre und in liebevollen Momenten ein
Lächeln in's Gesicht zu zaubern.
In diesem Sinne: Nutzt die weihnachtlichen
Festtage und die Semesterunterbrechung, um
ausgiebig eine besinnliche Zeit mit Familie
und Freunden zu verbringen, denn das ist das
tollste Geschenk, das man den Menschen, die
unser Leben bereichern, machen kann.

WEIHNACHTEN  —  AVALIST

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15 Eis, bitte!
RAPHAEL ERMOLD

Die Weihnachtszeit nähert sich und laut
Ikea-Werbung bei Spotify verbinden rund 70%
der Deutschen diese mit exzessivem Essen.
Doch gilt dies nur für die Weihnachtszeit? Ich
behaupte, dass dies nicht stimmt und spreche
sogar aus Erfahrung. Erfahrungen, die für endlose gemütliche Stunden in diversen Lokalitäten, weniger gemütliche Momente auf der Toilette und ab und zu kleinen Panikattacken, da
man meint, man erleide gerade einen Schlaganfall, sorgten.
Doch nun zum Thema. Dieses Semester
wurde die Aussage einer Kommilitonin publik, dass Geschichte ein weniger lernintensives Fach sei. Hat sie da Unrecht? Gefühlt 10
Mio. Kalorien bestätigen, dass es genau so ist.
Es gibt jede Menge freie Zeit und was macht
beinahe jeder der zu viel Zeit hat? Er isst! Man
muss sich ja nur einmal anschauen, was für
Möglichkeiten in der Nähe der Uni sind. Der
E-Damm mit seiner kulinarischen Vielfalt an
Dönerläden sorgt irgendwann dafür, dass man
neugierig wird. Gibt es eine Welt da draußen,
in der nicht nur gefüllte Brote angeboten werden? Angefangen hat es mit einer kleinen
Gruppe abenteuerlustiger, mutiger, junger
und dynamischer Recken, die sich auf die Reise machte, die Gastronomiewelt Hannovers
zu entdecken. Angefangen hat alles mit dem
Playoff in der Ernst-August-Galerie zum Spareribs All You Can Eat. An dieser Stelle seien
die Nicht-Fleischesser vor dem Folgenden gewarnt.
Mit jungen Kämpfermägen fiel die Gruppe
über die Fleischberge her, die in ihrer vollen
Pracht nur so glänzten. Eine Synphonie aus
Sauce, rauchigem Fleisch und Bilderbuchoptik. Beilagen wie Krautsalat, Wedges oder
Maiskolben wurden links liegen gelassen. Auf

den Tellern sah man mehr Rippen als bei Keira
Knightley und Paris Hilton, der Knochenhaufen wuchs und wuchs. Anfangs wurde noch
mit Geschick und Gefühl versucht, diesen
Turm zu richten, doch die Knochen kamen
in Scharen nach, sodass das Bauwerk immer
wieder zusammenfiel. Bei weiteren Schlachten zwischen Mensch und Fleisch kam ein
befreundeter Architekturstudent hinzu, sodass
die Herausforderung des Turmbaus gemeistert
werden konnte. Da hier nun auch diese letzte Hürde genommen war, zogen die hungrigen Krieger weiter, auf der Suche nach neuen
Schlachten.
Ein neuer Gegner wurde gefunden: Das Kirin am Klagesmarkt. Asiatisches All You Can
Eat. Bestellt wird über iPad: uuuh, wie hightech. Es gibt zehn Runden, in denen jeder drei
Gerichte bestellen kann und dann acht Minuten auf den Start der nächsten Runde wartet.
Die Portionen halten sich in Grenzen, aber
dafür kann man ja drei auf einmal ordern. Der
Kellner bringt die Speisen und anfangs scheint
es eine leichte Schlacht zu werden. Etwa in der
fünften Runde fängt der Reis vom Sushi und
alles andere an, zu sättigen. Ab jetzt heißt es
KÄMPFEN! Die ersten Gefährten schwächeln
und wollen das Handtuch schmeißen. Einige
bekommt man nochmals motiviert, ein paar
Happen zu nehmen. Doch dann kommt der
Genickbruch für die schwächeren Mägen: Der
Kellner mit einer neuen Runde, einer Runde,
die man schon vergessen hatte und nun der
Wahrheit ins Auge sehen muss: dass das Erreichen der zehnten, finalen Runde ins Utopische zu rutschen scheint. Während sich die
ersten endgültigen Verluste die Bäuche reiben,
kämpfen die übrigen mit den Sushimassen. Als
auch Locke, ein äußerst erfahrender Kämpfer,

16

AVALIST  — HISTORISCHES SEMINAR

anfängt zu taumeln, sehe ich mich gezwungen, ihn zu einem letzten Angriff zu erheitern,
doch leider vergebens. Dann also mit wehenden Fahnen untergehen. Ich schnappe mir
den Teller, der rieeesig zu sein scheint und
stopfe mir eine Maki nach der anderen rein.
Als auch ich im Sessel versinkte, plagt mich
ein Druck hinterm Auge, sodass der Blick getrübt wird. Diese Schlacht hinterließ also ihre
ersten Narben und ging leider verloren. Doch
für unseren Heldenmut wollten wir uns dennoch belohnen. Wir waren an diesem Tag fünf
Personen und doch hatten wir es nicht bis zum
Ende geschafft, daher entschlossen wir uns für
einen heroischen Abschied und orderten für

jeden drei Eis. Doch es schien, als sei dies nicht
möglich, da die Anzahl Portionen Eis pro Person überschritten würde und wir womöglich
die Eisreserven aufgebraucht hätten. Es wurden dann zwar keine 15 Eis, doch jeder bekam
eines und letztlich waren wir froh darüber,
denn auch wenn es nicht jeder zugeben wollte,
hätten wir diese nicht mehr geschafft.
Daher suchen wir mutige, kräftige Kampfesser, die uns begleiten, in den andauernden
Kampf gegen Kirin und die zehn Runden. Solltest du also einen Magen aus Stahl haben, melde dich.
Bis dahin eine tolle Weihnachtszeit und jede
Menge Völlerei. ;-)

Secret Diaries of Talia
VON ERSTEN EINDRÜCKEN UND LIEBLINGSMENSCHEN
TALIA HOCH
Zugegebenermaßen ist das nicht das erste
Mal, dass ich eine Uni betrete. Ein Jahr lang
Uni Paderborn liegt hinter mir und wie viele
Andere musste ich erst das Falsche machen,
um zu wissen, was das Richtige ist. Also, nach
jahrelanger Berufswunschfindungsphase bewarb ich mich für meine Traum-Kombination:
Geschichte und Politikwissenschaft. Nach der
Zusage verging die Zeit im Nu und der erste
Uni-Tag stand unmittelbar bevor.
Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen…
Dieses Gefühl kennt wohl jede/r Studierende.
Der erste Tag an der Uni ist gekommen. Bereits Monate zuvor wurde gebangt, ob man

die Zusage für den Studienplatz erhält, gezweifelt, ob es dann doch die richtige Studiengangswahl ist, gekämpft, um den vermeintlich letzten WG-Platz in ganz Hannover. Und
nun ist es endlich soweit: der erste Tag. Der
erste Tag an der Uni, der erste Tag der ErSieWoche. Die einen sind weniger aufgeregt, die
anderen mehr. Ich gehöre zu letzteren. Ein Mix
aus Vorfreude, Respekt, Spannung und Sorge
steigt in mir auf: Vorfreude auf all das, was da
jetzt kommt, Respekt vor dem, was wir werden
leisten müssen, Spannung, wie die anderen ErSies und Kommilitonen sein werden und die
vorwiegende Sorge, ob genau diese auch mit

HISTORISCHES SEMINAR  —  AVALIST

einem befreundet sein werden wollen. Es geht
los: Im Lichthof werden zaghaft erste Kontakte geknüpft, während wir mit wichtigen Tipps
(„Genießen Sie unbedingt den Ausblick aus dem
14. Stock des Conti-Hochhauses“) und Informationen beschallt werden. Nach geraumer Zeit
werden wir nun in die Hände der jeweiligen
Fachräte und Fachschaften entlassen. Vor dem
Haupteingang ist ein Meer aus Fahnen und
Flaggen der verschieden Fachbereiche zu sehen, die von Massen an Studierenden umgeben
sind. „Historiker bitte der roten Flagge folgen“ –
ich suche die rote Flagge – „Studierendenrat
Geschichte“ – gefunden! Erleichterung macht
sich in mir breit. Andere nach Gleichgesinnten suchende ErSies gesellen sich nach und
nach dazu und wieder werden erste Kontakte
gesucht und gefunden. Nach einem anschließenden großen Durcheinander im HistorikACafé sowie einem Crash-Kurs im Stundenplanerstellen, bei dem uns vor allem ein Satz
eingebläut wird „LERNT DIE PRÜFUNGSORDNUNG AUSWENDIG!“, geht es erst richtig los:
die ErSie-Rallye beginnt. Historisch kniffligen
Aufgaben und Fragestellungen folgen Hannoversche Must-DOs wie Lüttje Lage trinken
und Flunkyball im Georgenpark – gefällt uns
ErSies ganz gut. Die Teamer und Mitglieder
des Studierendenrates Geschichte führen ihre
Arbeit souverän aus: Soweit ich das beurteilen
kann, fühlen sich alle wohl und haben Spaß –
unzählige WhatsApp-Gruppen-Gründungen
sind lediglich ein Indikator dafür. So geht es
dann die nächsten Tage auch weiter: Infoveranstaltung über Infoveranstaltung, begleitet
von verzweifelten, krampfhaften Versuchen,
die letzten Plätze im Wunschseminar zu ergattern – Hallo Wartelistenplatz! Den krönenden

17

Abschluss der ErSie-Woche bildet die „legendäre“ Kneipentour – Prost! Wieder werden
Freundschaften geschlossen und intensiviert
– socializing at its best.
In den folgenden Wochen finden wir schnell
heraus, was an der Uni geht – und was nicht.
Aus dem anfänglichen Ich ist schnell ein kollektives Wir geworden.
Mittlerweile sind mehrere Wochen vergangen und wir sind immer noch enthusiastisch
– ErSie-Euphorie und so. Natürlich haben wir
auch schon einiges gelernt, aber es erscheint
mir schwer, das in einer Summe ausdrücken
zu wollen. Abgesehen von Methodik „Wie erstelle ich wissenschaftliche Texte?“ und Inhalt
„Ohne Wald kein Rausch!“ lernen wir vor allem,
worauf es tatsächlich ankommt: Freundschaft,
Loyalität, Teamarbeit und Leidenschaft für
das, was man tut.
„Alleine wirst du in der Uni nicht bestehen
können“ – das wurde uns von einem Kommilitonen anfangs prophezeit. Genau das ist für
mich die Quintessenz des Studierens. Bereits
nach dieser kurzen Zeit haben wir viele unglaubliche Menschen kennengelernt: unglaublich freundlich, unglaublich verrückt, unglaublich hilfsbereit, unglaublich talentiert und unglaublich liebenswert.
Die ersten Eindrücke an der Uni Hannover
waren vielleicht nicht immer sofort positiv,
aber mit Menschen, die dir zur Seite stehen,
mit Menschen, die deine Gedanken und Meinungen teilen, mit Menschen, die den Montagmorgen – soweit das möglich ist – erhellen, ist
einfach alles leichter und schöner. Danke Uni
Hannover, dass du diese Menschen in mein
und unsere Leben gebracht hast!

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AVALIST  — HISTORISCHES SEMINAR

8 Orte, die man um das Welfenschloss
EINE CHECKLIST
ECEM TEMURTUERKAN
2. Der See im Welfengarten
Wenn sich die letzten Geschichtsseminare
dem Ende zuneigen und die Sonne untergeht,
ziehen es viele Studierende vor, einen schönen Spaziergang durch den Welfengarten zu
machen. Einen klaren Kopf kann man insbesondere an dem stimmungsvollen See hinter
dem Hauptgebäude bekommen, an dessen
Ufer man entspannt ein Buch lesen oder aber
den Einbruch der Dunkelheit mit Blick auf das
Welfenschloss betrachten kann.

3. Die Destille
1. Der 14. Stock des Conti-Hochhauses
Tagsüber ein ruhiger Rückzugsort mit wunderschönem Ausblick über verschiedene Stadtteile Hannovers, an ausgewählten Abenden die
Party-Location für Fachschaften der Leibniz
Universität. Sich auf den Conti-Campus zu begeben, lohnt sich allein schon für die Aussicht
aus dem obersten Stockwerk des Hochhauses.

Die zunächst rustikal wirkende Nordstadtkneipe ist ein beliebter HistorikA-Treffpunkt.
Egal ob in Freistunden, die den Unialltag versüßen, oder aber an Abenden, an denen eine
unvergessliche Feier ansteht: Ein Zwischenstopp in der „Destille“ ermöglicht es euch, mit
Schnitzel und Currywurst Energie zu tanken
und euch eine berühmt-berüchtigte Flasche
„Sauren“ mit euren Kommiliton*innen zu Gemüte zu führen.

HISTORISCHES SEMINAR  —  AVALIST

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herum gesehen haben muss
5. Die Campus-Suite
Heiße Schokolade, Club-Mate und „Surfer
Cup“-Nudeln: Wenn nach der „Antike Welt“Vorlesung die HistorikA-Mägen knurren und
auch die Kinderschokolade aus dem HistorikA-Café nicht mehr aushelfen kann, so ist
die „Campus Suite“ eine Option, die von Lernenden und Lehrenden gleichermaßen genutzt wird, um das Hungerbedürfnis zu stillen. Komfortable Sitzecken, entspannte Musik
und eine einzigartige Stimmung ermöglichen
eine gelungene Auszeit vom Dasein als hart
lernende/-r HistorikA.
6. Die Hauptmensa
4. Die Santana-Bar
Egal, ob der Abend hier beginnen oder aber
enden soll: Genießt in einer der populärsten
unter den studentischen Bars leckere Cocktails in gemütlicher Atmosphäre und verbringt
mehrere Stunden in herzlicher Gesellschaft
mit guten Konversationen.

Steigt an der Station „Schneiderberg/WilhelmBusch-Museum“ aus, um euch am Marktstand
der Hauptmensa mittwochs mit Pasta und
donnerstags mit Schnitzel versorgen zu lassen:
Eine gelungene Alternative, die ebenfalls über
eine Salatbar verfügt. Anders als in der „Contine“ ist das Publikum aufgrund der zentralen
Lage stark durchmischt.

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AVALIST  — HISTORISCHES SEMINAR

7. Die Contine
Auch, wenn man nach einem Besuch der „Contine“ am ganzen Körper nach Essen riecht: Die
Mensa auf dem Conti-Campus beglückt Studierende der Leibniz Universität seit Jahren
mit herzhaften Eintöpfen und der berühmtberüchtigten Currywurst. Wen die langen
Schlangen und große, Tische belagernde Menschenmassen nicht abschrecken, kann hier vor
dem Besuch des nächsten Seminars für sein
leibliches Wohl sorgen.
8. Das Theodor-Lessing-Haus
Der AstA und die SoWi-Bibliothek: Dies
sind die zwei Teilmengen des TheodorLessing-Hauses. Der Allgemeine Studierendenausschuss ist die „Regierung“ der
Studierendenschaft und wartet mit allerlei
Beratungsangeboten und Veranstaltungen auf.

Die Uni muss brennen!
ÜBER BOLOGNA UND SOZIALSCHMAROTZER
ECEM TEMURTUERKAN UND JAN HEINEMANN
Morgens, halb neun in Deutschland: Die
Bevölkerungsdichte im Kesselhaus der Leibniz Universität konvergiert gegen das Maximum. Übermüdete Studierende sitzen auf
den kalten Treppenstufen, Kurse schiebende
Kommilitonen höheren Semesters schauen in
der letzten Reihe des Vorlesungssaals „Grey's
Anatomy“ am Laptop, während genüsslich
der coffee-to-go geschlürft wird, die Grauhaarfraktion belagert die besten Plätze des

Veranstaltungsraums. Wer sich noch wach
halten kann, erfreut sich an der Ankündigung
der Lehrperson, dass der geplante Essay als
Studienleistung am Ende des Semesters gecancelt wurde. „Es sind so viele Teilnehmer in
dieser Veranstaltung eingetragen, eine Multiple
Choice-Klausur wäre die angenehmste Lösung.“
Großer Applaus. „Multiple Choice, wie cool ist
das denn?! Der Lernaufwand ist ja ein Witz!“
Freudige Ausrufe. Fortsetzung der Gespräche

HISTORISCHES SEMINAR  —  AVALIST

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mit den Sitznachbarn. Geistige Abwesenheit.
Zwei Tage Auswendiglernen und mit 27 von
29 erreichbaren Punkten bestehen, nur um direkt nach der Prüfung alles Auswendiggelernte zu vergessen. Ein Hoch auf Bologna.
Die Realität an deutschen Hochschulen.
Oder: Das Ende aller Wissenschaft
Das beschriebene Szenario aus der Vorlesung „Politische Ideengeschichte und Theorien
der Politik“ ist keine Besonderheit des Instituts
für Politische Wissenschaft. Diverse Vorlesungen und Seminare der Philosophischen Fakultät sind gekennzeichnet durch eine Explosion
der Teilnehmerzahlen, die Implikation ist die
Unterdrückung kritischen Denkvermögens
und die Herausbildung einer unreflektierten
Studierendenschaft. Die Jagd auf credit points
erfolgt auf Grundlage des Minimalprinzips, die
Belohnung für den minimalen Lernaufwand
ist ein ausgefüllter Modulschein. Hier wird
Angepasstheit antrainiert – die Ausnutzung
der bürokratischen Strukturen zu deren Unterwanderung ist der größte Kompetenzerwerb.
Im Idealfall werden alle Scheine am Ende des
vierten Semesters an das Prüfungsamt weitergereicht, denn es gilt, so schnell wie möglich
einen Abschluss zu erwerben und sich auf dem
Arbeitsmarkt knechten zu lassen. Aussagen
wie „Weshalb sollte ich mich hochschulpolitisch
engagieren? Das machen doch schon die Anderen.“ oder „Ich fange das Referat einfach einen
Tag vorher an, Hauptsache durchkommen.“ sind
keine Seltenheit, genau so wie Präsentationen,
die sich auf Wikipedia-Artikel stützen, Reproduktion von auswendig gelerntem Wissen und
das Fehlen tiefgründiger Diskussionen, bei denen man gedanklich andere Wege gehen kann,
hinterfragt und für's Leben lernt. Nichteinmal
die zynische Paradoxie „vollkommene Souve-

Logo des Bildungsstreiks 2009 in Österreich

ränität bei absoluter Ahnungslosigkeit“ gilt
mehr – man weiß nichts, aber sieht auch keine Notwendigkeit, das zu verbergen, schließlich stößt sich niemand wirklich mehr daran,
nichtmal die Dozierenden. Im modularisierten
Fließbandstudium wird einfach durchgewunken.
Aus einer Verschulung des gesellschaftlichen Akteurs „Universität“ folgt eine gegen
Null strebende Anzahl an wissbegierigen, bewusst forschungs- und projektorientiert studierenden jungen Erwachsenen. Es existiert
eine abzählbare Menge an funktionierenden
Einheiten, so genannten Vollzeitäquivalenten,
die Arbeitsaufträge einigermaßen fristgerecht
erfüllen. Darüber hinaus wird sich jedoch
nicht fortgebildet, denn mehr Leistungspunkte
können schließlich nicht erbracht werden.
Bologna: Durchschnittlichkeit und Angst
als Bildungsnormen
Trotz allem leidet ein Großteil der Studierenden zunehmend nachweislich unter stetigem Prüfungszwang und Leistungsdruck.
Die sich aus der Logik des Punktesystems

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AVALIST  — HISTORISCHES SEMINAR

ergebende Praxis der Einforderung von Leistungen in einer Vielzahl von belegten Lehrveranstaltungen in einem Semester führt zu
einem zeitlichen Koordinierungsdesaster der
Subjekte. Die Sinnkrise der Moderne, die im
Wesentlichen eine Zeitkrise ist, ist real – auch
und gerade in der Universität. Der reale Irrsinn zeichnet sich ab, wenn Dozierende, die
in ihrem Studium selber nicht mehr als vier
Scheine erbringen mussten, erstaunt erfahren, dass Studierende statt zweien etwa acht
Seminare im Semester belegen müssen, um ihr
Studium in Regelstudienzeit abschließen zu
können, und sich noch wundern, warum diese
nicht voller Elan Altgriechisch und Latein nebenher belegen. Oder die Vizepräsidentin für
Lehre in der Studienkommission Langzeitstudierende als Sozialschmarotzer verkauft und
das Studiendekanat ernsthaft glaubt, die im
Durchschnitt positive Evaluation der Lehrveranstaltung würde tatsächlich etwas über die
Qualität der Lehre oder die Zufriedenheit der
Studierenden aussagen.
Die Hochschule ist heute zu einem autopoietischen System verkommen, das daran glaubt,
Studierende, denen bei der Referatswahl das
Thema vollkommen egal ist, „Hauptsache der
letzte Termin!“, die im Masterstudium keine
fünf theoretischen Konzepte ihres Faches aufzählen können und in Vorträgen behaupten,
die Rüstungsbeschränkungen des Versailler
Vertrages seien noch während der Weimarer
Republik aufgehoben worden, seien ernsthaft
in der Lage, eine qualitative Bewertung der
Lehre vorzunehmen, in der die Dozierenden
und jeder Ansatz kritischer Diskussion hinter
eine oberflächliche, mit Halbwissen berieselnde Referatsflut zurückgetreten sind. Perfektionierung des Selbstbetrugs!

Nicht die Uni, nicht das System,
die Kommilitonen sind das Problem!
Es geht nicht darum, zu verallgemeinern
und die Unfähigkeit aller Lehrenden und Studierenden herauszustellen. Es geht um eine systemische Kritik, die Aufdeckung struktureller
Pathologien des Hochschulwesens. Selbstverständlich gibt es auch gute Seminare, die flexibel und im ergebnisoffenen Dialog zwischen
Studierenden und Lehrenden auf Augenhöhe
kritisch Thematiken und Texte durchdringen,
reflektieren, in denen Fragestellungen und
Thesen immer wieder aufs neue infrage gestellt, neu entwickelt und wieder verworfen
werden, in denen das Denken herausgefordert
und das eigenständige und vertiefende Forschen gefördert werden. Die Regel aber sieht
anders aus. Wenn in Seminaren zwei Sitzungen mit Verhandlungen über zu erbringende
Leistungen verschwendet werden, die Lehrveranstaltung einem chronodiktatorischen
Verlaufsplan folgt, der genaustens vorschreibt,
welche Texte wann und wie zu lesen sind, wie
viele Referate gehalten werden müssen, und
die Teilnehmerzahlen konstruktive Debatten
unterbinden, ist ein Studium im eigentlichen
Sinne nicht mehr möglich.
Aber warum spielen Studierende und Lehrende dieses Spiel mit? Beide unterliegen dem
Zwangsmoment der vermeintlichen Alternativlosigkeit gepaart mit realen Sanktionen im
Fall des Verstoßes gegen die ökonomischen
Spielregeln. Die Kennzahlensteuerung zwingt
die Lehrenden zu stetiger Produktion (Publikationen, Promotionen, Abschlüsse in Regelstudienzeit, Einwerbung von Drittmitteln usw.),
die Lehre wird zunehmend schmückendes
Beiwerk. Die Studierenden sind gezwungen,
ihr Studienguthaben nicht zu überschreiten,

HISTORISCHES SEMINAR  —  AVALIST

Modul nach Modul abzuschließen, ohne sich
irgendwo thematisch oder theoretisch spezialisieren zu können, und müssen in der Regel
neben dem Vollzeitstudium noch arbeiten, um
ihren Lebensunterhalt und vollkommen überteuerten Wohnraum zu finanzieren.
Das eigentliche Problem liegt jedoch in
der Phantasielosigkeit der Beteiligten. Wenn
Lehrende sich echauffieren, dass Studierende
nicht jede Woche hundert Seiten für ihr Seminar lesen können, oder meinen, man solle
nicht mehr als zwei Seminare pro Semester
belegen und, wenn man sich im Masterstudium inhaltlich spezialisieren wolle, doch nebenbei Vertiefungsmodule aus dem Bachelor
besuchen, dann geht das an jeglicher Realität
vorbei. Gleichzeitig den abgeschafften Anwesenheitspflichten hinterher zu trauern und
eine Disziplinierung der Studierenden zu
fordern, verkennt, dass der herrschende Zustand selbst das Ergebnis einer Disziplinierung
durch das Bologna-System ist. Ein treffendes
Beispiel aus einem Masterseminar, in dem
man davon ausgehen können sollte, dass die
Studierenden in der Lage sind, Gegebenes zu
hinterfragen und ihr eigenes Handeln kritisch
zu reflektieren: Es werden alte Formulare herum gegeben, mit denen früher auch die Anwesenheit kontrolliert wurde. Die Studierenden
unterschreiben fleißig in jeder Sitzung. Weist
man die Kommiliton*innen darauf hin, dass
es keine Anwesenheitskontrollen mehr gibt
und geben darf und fragt sie, warum sie denn
unterschreiben würden, fragen diese erstaunt,
aber selbstbestätigend „Müssen wir das nicht?!“,
während sie auf dem Zettel unterschreiben –
ihre Sitznachbarn tun es ihnen gleich und so
weiter. Wenn das nicht reinste Disziplinierung
ist! Überwachen und Strafen. Nicht, dass je-

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mand Foucault jemals gelesen hätte, jemals ein
Archiv von innen gesehen oder frühneuzeitliche Handschriften gelesen hätte...
Folgt aus der Regel eine Praxis?
Dabei lässt auch das Bologna-System viele Freiräume. Sie müssen bloß hinter den
schweren Vorhängen der Vorschriftenkataloge zum Vorschein gebracht werden. Der
Bologna-Prozess hat eine Bürokratiekrake
geboren. Aber bürokratische Regeln können
umschifft und unterlaufen werden. Die Regel
an sich bestimmt noch nicht die aus ihr folgende Praxis – es sind die Menschen, die sie
normativ deuten. Die Modularisierung besagt
noch nicht die Kleinteiligkeit thematischer
Zusammenhänge im Studium, sie besagt noch
nicht, dass ein Modul ein intellektueller Käfig
sein muss, über den hinaus kein vertiefendes
Arbeiten möglich ist. Die Existenz von Leistungspunkten und Workloadkalkulationen
besagt noch nicht, was und wie viel die Studierenden wirklich „arbeiten“ müssen. Ein freies,
selbstbestimmtes Studium, die langfristige und
vertiefende Auseinandersetzung mit einzelnen
Themen wäre möglich. Studium könnte wieder
mehr Studium und weniger Schule sein. Dazu
aber müssen Lehrende und Lernende in einen
stetigen Dialog treten und ihr Denken von
gegenseitigen Vorurteilen und der vermeintlichen Eindeutigkeit und Alternativlosigkeit
von Regulierungen befreien. Es ist höchste
Zeit – oder die Uni muss brennen!

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AVALIST  — HISTORISCHES SEMINAR

Leben am Historischen
Seminar

HISTORISCHES SEMINAR  —  AVALIST

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AVALIST  — HISTORISCHES SEMINAR

Mittelalter-Flair, Niederegger-Marzipan und
Kneipenkultur mit Reiseführer Borstelmann
LÜBECK-EXKURSIONSBERICHT (09.10.-10.10.2015)
ECEM TEMURTUERKAN

„Jedes Mal, wenn Herr Borstelmann eine
Exkursion veranstaltet, regnet es in Strömen.“
Dieses Gerücht wurde – zum Leidwesen aller
Beteiligten – offiziell bestätigt, als sich an
einem verregneten und kalten Oktobertag 20
Historiker*innen in aller Frühe am Hannoverschen Hauptbahnhof trafen, um für zwei Tage
in die Stadt mit dem Holstentor, der Backsteinarchitektur und dem berühmten Marzipan zu
fahren. Mit großer Vorfreude auf die mittelalterliche Atmosphäre der 1143 gegründeten
Hansestadt wurden rasch die Plätze im Metronom zum bekannten Hundertwasserbahnhof Uelzen gesichert. Sogleich wurde darüber
spekuliert, in welch' rustikaler Jugendherberge
wir in wenigen Stunden einchecken würden,

welche historischen Highlights der Stadt wir
hautnah erleben und natürlich wie das Abendprogramm aussehen würde. Nach dreieinhalb
Stunden Hinfahrt voller neuer Bekanntschaften, Geschrei einer Grundschulklasse und
mittelalterlichen Hintergrundinformationen,
erblickten wir den Lübecker Hauptbahnhof.
„Wo ist mein Koffer?!“ lautete der erste Beitrag
von Herrn Borstelmann vor Ort. Ein Hinweis
darauf, dass diese Geschichtsexkursion neben
dem Entdecken vielfältiger Kultur und Kunst
hinter den roten Backsteinmauern der „Königin der Hanse“ durch einen großen Entertainment-Faktor gekennzeichnet sein sollte.
Ein Spaziergang über die berühmte Puppenbrücke, die direkt zum Holstentor führt, bot uns

HISTORISCHES SEMINAR  —  AVALIST

eine erste Orientierung in Lübeck. Das weltberühmte 1464-1478 von Helmstede erbaute
Wahrzeichen sollte die Souveränität gegenüber Dänemark widerspiegeln. Heute veranschaulicht ein Museum, wie die Macht des
Handels Lübeck im Mittelalter prägte. Nachdem Fotos der goldenen Inschrift „Concordia
Domi Foris Pax“ geschossen wurden, nahmen
wir das architektonisch eindrucksvolle Lübecker Rathaus näher in Augenschein. Unter dem
Eindruck der einstigen hanseatischen Macht
erkundeten Exkursionsteilnehmer*innen in
Kleingruppen die Lübecker Innenstadt entlang
der Kultur- und Einkaufsmeilen. Die einzige
Regel „Ihr dürft aber nicht bei C&A shoppen
gehen!“ drückte aus, dass der Fokus unserer
Aktivitäten stets auf der mittelalterlichen
Stadtgeschichte liegen sollte, über die man
jedoch auch mit Herrn Borstelmann entspannt
im überteuerten „Maredo“-Steakhouse reden
konnte, bevor es über eine der zwölf Brücken
Lübecks in Richtung Jugendherberge ging.
Nach der ersten kleinen Zeitreise durch
Geschichte und Architektur lauteten
die wichtigsten Fragen der anwesenden
Historiker*innen: „Wer geht mit wem auf ein
Zimmer? Wie lange dürfen wir uns ausruhen
und wann bekommen wir wieder etwas zu
essen?“ Wir machten es uns auf den Gruppenzimmern der abseits der Altstadt gelegenen Jugendherberge gemütlich, obwohl
deren Innenarchitektur auf dem ersten Blick
der eines Krankenhauses glich, und lernten
uns näher kennen, bevor es an das detaillierte
Erkunden und Betrachten der Stadttore, Speicherhäuser, Kirchtürme und Hinterhöfe im
historisch-politischen Zentrum Lübecks ging.
Sehenswürdigkeiten, wie der Dom oder das
Buddenbrookhaus wurden angepeilt, wobei
uns Arne Borstelmann mit detailliertem Hin-

27

tergrundwissen über die St. Marienkirche und
die St. Jakobikirche versorgte. Die große Ratsund Bürgerkirche St. Marien, die als Prototyp
der nordeuropäischen Backsteingotik gilt,
beeindruckte mit ihrer qualitativ hochwertigen
Baukonstruktion, der Totentanzkapelle und der
astronomischen Uhr. St. Jakobi, verstanden als
Kirche der Schiffer und Pilger, begeisterte mit
der Richborn-Positiv-Orgel und der Abbildung
der Apostel und Heiligen in der Pfeilermalerei
aus dem 14. Jahrhundert.
Das erneute Erkunden der Innenstadt
Lübecks in Kleingruppen bot eine Verschnaufpause vom Heiligen Jakob: Einige
Kommiliton*innen spazierten die Einkaufsmeilen entlang, um das Niederegger-Marzipanhaus mit der kulinarischen Spezialität
Lübecks zu finden, andere Gruppen legten
erneut ein Augenmerk auf den größten Profanbau des Mittelalters und wiederum andere
ließen sich gemeinsam mit Herrn Borstelmann
in einem Restaurant nieder. Neben dem Vermitteln eines breit gefächerten Wissens über
die mittelalterliche Stadtgeschichte Lübecks
lag es ihm besonders am Herzen, Nähe zu den
Studierenden in Form persönlicher Konversationen bei gutem Essen und einer entspannten
Atmosphäre zu schaffen, welche zusätzlich
durch zahlreiche Witze aufgelockert wurde. So
hatte nicht nur der Erkundungstag in Lübeck
viel zu bieten, sondern auch der Abend, der
gemeinsam in einem Irish Pub bei Livemusik
und gutem Bier verbracht wurde. Der Großteil
der Exkursionsteilnehmer*innen blieb mehrere
Stunden in besagter Kneipe, andere zogen von
Bar zu Bar und eine Minderheit kehrte nach
einem spätabendlichen Spaziergang mit Blick
auf die Trave trotz mangelhaftem Orientierungssinn in die Jugendherberge „Vor dem
Burgtor“ zurück.

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AVALIST  — HISTORISCHES SEMINAR

Der Versuch, am nächsten Morgen im Frühstückssaal nicht müde und erschöpft auszusehen, scheiterte kläglich. Wachgerüttelt wurden
wir vor der Rückfahrt nach Hannover jedoch
durch den Besuch des im Mai 2015 eröffneten
Europäischen Hansemuseums, welches uns mit
begehbaren Grabungsstätten, archäologischen
Funden sowie interaktiven und inszenierten
Situationen aus der Hansezeit beeindruckte.
Nach dem Betrachten einer typischen Kogge
und den gebotenen Informationen über das
Lübische Recht wurden letzte Souvenirs in
Form von Niederegger-Marzipan stilvoll als
Geschenk für Freund*innen und Familien verpackt, bevor wir durch Szeneviertel bummelnd
zum Hauptbahnhof zurückkehrten.

Die einzige Herausforderung auf der Rückfahrt nach Hannover stellte ein Sprint à la
Usain Bolt beim Umsteigen am Hamburger
Hauptbahnhof dar, wobei auch die langsamsten Historiker*innen mit einem Hechtsprung
in den Wagen die Heimreise fortsetzen konnten. Dieses Mal vergaß Herr Borstelmann auch
nicht seinen Koffer im Zug.
Was man aus solch' einer Fahrt macht und
wie viel Spaß man hat, hängt von allen selbst
ab. In Lübeck fiel es jedoch leicht, sich zu amüsieren und eine wunderschöne, historische
UNESCO-Weltkulturerbe-Stadt mit seinen
Kommiliton*innen zu entdecken und zu erleben.

HISTORISCHES SEMINAR  —  AVALIST

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Singe mir, oh Muse!
EDWARD McKENZIE
Der 22.07.2015 ging damals als Tag der
Schande in die Geschichte der Universität ein.
An diesem Tag habe ich mit sieben weiteren
Vertretern in der Studienkommission meinen
Freund und Kameraden Jan Heinemann auf
schmählichste Weise verraten. Nicht etwa
einem Brutus, der uns vor der Tyrannie des
Cäsar bewahrte, oder einem Akechi Mitsuhide, der die Welt vor seinem launischen und
grausamen Herrn retten wollte, sondern einem Judas gleich, hob ich meinen Arm für das
unheilvolle Paket und kauft damit unseren Untergang. Die LSE war beschlossen!
Als der dunkle Bann des Studiendekanates
gebrochen war, fiel ich auf die Knie und bat den
Himmel um Vergebung. Die Erkentnis, was ich
verbrochen hatte, war kaum zu ertragen. Auch
mein Bruder im Geiste konnte sich dem Horror nicht länger verweigern und wir weinten
gemeinsam bitterlichste Tränen. Gab es denn
gar keinen Ausweg? Keine Möglichkeit die Tat
zu revidieren? Kein rechtliches Schlupfloch? In
dieser dunkelsten aller Stunden schien es für
uns keine Hoffnung mehr zu geben und wir
glaubten, auf ewig mit der Bürde der Schuld
leben zu müssen. Doch als schon alles verloren
schien, besann ich mich auf meine Anfänge
zurück und sah vor mir den jungen und motivierten Menschen, der ich einst war und er
sprach zu mir: „Wenn ihr mich wählt, dann verspreche ich euch, dass ich die Qualität der Lehre
mit Hilfe eines Scanroboters verbessern werde.“
Der Scanroboter? Natürlich... Der Scanroboter! Die Antwort auf all meine Probleme hatte
sich mir soeben erschlossen. Das Ausweg aus
der selbstverschuldeten Verschulung war mit
Hilfe des Verstandes gefunden. Ein Scanroboter würde keine billige Anschaffung sein, aber
Geld spielte in diesem Fall ja auch keine Rolle
– oder aber auch eine große. Als mein Bruder
im Geiste von dieser Idee hörte, war er sofort

begeistert. Wir hatten unsere Wunderwaffe
gefunden, mit der wir den Verlauf des Krieges
doch noch ändern konnten.
Nun musste schnell gehandelt werden. Anträge mussten geschrieben, Mehrheiten gefunden werden. Durch die unvorhersehbare Notwendigkeit eines Lazarettbesuches konnte ich
an dieser ersten von vielen folgenden Schlachten nicht teilnehmen. Mit Spannung erwartete
ich die Berichte von der Front. Dann erhielt ich
eine Nachricht „Sieg auf ganzer Linie. Der Antrag wurde einstimmig im FSR angenommen.“
Also konnte nun die nächste Phase in Angriff
genommen werden. Durch eine umfangreiche
Rekrutierungs- und Mobilisierungkampagne
gelang es uns, sogar ganze neun Mitglieder in
der StuKo zu versammeln. Der Sieg schien nun
so gut wie sicher. Doch dann wurde uns das
Ausmaß des feindlichen Siegeswillens deutlich. Er schreckte nicht davor zurück, durch
Hinhalte- und Zermürbungstaktiken unsere
Einheit unter Beschuss zu nehmen. Ich merkte, dass einige meiner Kameraden begannen zu
wanken, doch auch die Entschlossenheit unserer Gegner war nahezu gebrochen. Unter gedanklichen Rufen wie „Once more unto the breach, dear friends, once more!“ führten wir einen
letzten Angriff und der Feind war geschlagen.
Doch nicht, ohne uns in seinem letzten Atemzug noch mit dem Fluch des Rechtsdezernates
zu versehen.
War also vielleicht alles umsonst? Waren wir
so weit gekommen, nur um jetzt doch noch zu
scheitern? Ein Monat voller Angst und Hoffnung, die sich abwechselten, wie das Wetter
im Mai, folgte und zog sich in die Länge. Doch
dann am 25.11. kam endlich die Erlösung!

Habemus Scanroboter!

30

AVALIST  —  GESCHICHTE IN SPIEL UND FILM

JAN HEINEMANN
Die J.T.F. ist eine halblegale militärische
Sondereinsatztruppe der UNO unter der Leitung von Major O‘Connell, die auf die Gefahren des globalen Terrorismus reagieren
soll. Das Echtzeitstrategiespiel von Most Wanted aus dem Jahr 2006 kommt gänzlich ohne
Basisbau und anderen Firlefanz aus und wartet stattdessen mit aktuellem Kriegsgerät wie
dem Apache-Longbow oder dem AbrahmsA2-Kampfpanzer auf. In den Missionen variieren die verfügbaren Einheiten abhängig von
Infrastruktur, Operationsziel und Zwischenerfolgen des Bataillons. Zusätzliche Einheiten
können auf eroberten Landebahnen oder
durch einzelne Kommandeure per SeahawkHubschrauber angefordert werden. Doch Achtung: Die teuer erkaufte Verstärkung kann unter Flugabwehrbeschuss geraten und noch vor
der Landung zerstört werden. Hier zeigt sich
der taktische Tiefgang des Spiels: Ohne Feindaufklärung geht gar nichts. Blinde Vorstöße
werden mit dem Tod bestraft. Vielmehr müssen die einzelnen Waffengattungen geschickt
ausgewählt und kombiniert, die Infanteristen
entsprechend ausgerüstet werden, um mit wenigen Verlusten an‘s Ziel zu kommen. Sind die
knappen Ressourcen aufgebraucht, stehen die
Einheiten ohne Nachschub und Verstärkungen
im Feld.
Die J.T.F. verfolgt in unterschiedlichen Missionen die Spur einer Terrororganisation von

Somalia über den Kosovo nach Afghanistan
und in den Irak. Dabei sind auch immer humanitäre Einsätze – wie das Eskortieren von
Hilfskonvois o.ä. –
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Teil
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der Missionen und decken das offizielle Mandat der Einsatztruppe.
Alles was darüber hinaus passiert, sollte besser nicht die Aufmerksamkeit der Journalisten
erregen, denn häufig bewegt sich die J.T.F. in
Einsatzgebieten, die nicht durch ihr Mandat
gedeckt sind. Der Tod von Zivilisten wird
ebenfalls sanktioniert, sodass eine massive
Bombardierung von Wohngebieten zur Beseitigung einzelner Terrorzellen keine Option
darstellt. Ein Phänomen, das in Spielen selten
thematisiert wird.
Abschließend lässt sich sagen: J.T.F. ist ein
immer noch – bzw. wieder – aktuelles Spiel,
das sich mit dem Krieg gegen den globalen
Terrorismus und der Problematik militärischer
Einsätze in Krisengebieten auseinandersetzt.
Dabei spielen auch die Medienberichterstattung und die Gefahr von Kollateralschäden
eine ebenso zentralle Rolle wie das militärische Geschehen selbst.

GESCHICHTE IN SPIEL UND FILM  —  AVALIST

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An Weihnachten
sind wir wieder zu Hause
ROBIN KÜHNE
Eigentlich wollte ich an dieser Stelle im
Detail über ein einziges Computerspiel über
den Ersten Weltkrieg berichten, aber die
Suche nach dem optimalen Spiel über diesen
Zeitraum blieb leider fruchtlos. Sie alle schaffen
es nicht, die Brutalität und den Wandel der in
Kriegsführung im Laufe der Zeit angemessen
abzubilden. Jedes der Spiele scheitert dabei auf
andere Weise. Meistens ist das Kampfsystem
entweder nur geeignet, um die Anfänge des
Krieges – und damit zu einem gewissen Grad
auch die Endphase – darzustellen, oder aber
ist zu sehr auf die Grabenkämpfe an der Westfront ausgelegt, schwächelt deshalb leider an
der Ostfront und im Orient. Andere schaffen es
wiederum, diese Probleme zu umgehen, indem
sie sich auf eine sehr bestimme Region, Zeit
und/oder Heeresgattung beschränken. Dann
gibt es noch eine weitere Kategorie, meistens
in Form von Grand Strategy-Spielen, die zwar
das Kriegsgeschehen in seiner Gesamtheit
darzustellen wagen, aber dies nur in einer
sehr abstrahierten Weise tun. Der Grabenkrieg

wird hier zu einem hohen Verteidigungswert
der Einheiten, was zwar auf strategischer Ebene den gewünschen Effekt erzielt, aber nicht
die harte historische Realität für die Kämpfer
repräsentieren kann. Eines der wenigen Spiele,
die sich auf emotionale Weise dem ersten
Weltkrieg nähern, ist Valiant Hearts, doch zeigt
sich darin auch eine große Schwäche, denn es
werden vielfach realistische Darstellungen zugunsten der Dramatik vernachlässigt.
Damit aber nicht nur alles schlecht geredet
wird, möchte ich an dieser Stelle wenigstens
noch einige Beispiele nennen, die unter den
Limitationen, die sie sich selbst setzen, dennoch glänzen. Da wären Rise of Flight, ein exzellenter Flugsimulator, Verdun, als der einzige
zeitgemäße Shooter mit Grabenkampfthematik, Valiant Hearts, das es schafft, die schwerwiegenden Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf einzelne Personen zu vermitteln,
und To End All Wars, das eine gelungene, aber
auch etwas zeitraubende, Abstraktion des
Krieges darstellt.

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AVALIST  —  GESCHICHTE IN SPIEL UND FILM

EMPIRE

TOTAL WAR
LARS-CHRISTIAN HILLEKE

Die von Creative Assembly geschaffene
Total-War-Serie, zeichnet sich durch einen
Mix aus Echtzeitstrategie und rundenbasierter Strategie aus und hat so seit Beginn des
Jahrtausends eine Art eigenes Genre geschaffen. Bisher bietet das Franchise neun Titel von
der Antike bis in die Frühe Neuzeit und von
Europa bis Japan. In diesem Artikel soll es um
einen früheren Teil der Serie gehen. Das 2009
erschienene „Empire Total War“.
Was ist Total War eigentlich?
Die Total War-Reihe besteht aus einem rundenbasierten und einem Echtzeitstrategieteil,
in dem Gefechte und Seeschlachten auf der
Taktikebene geführt werden. Der rundenbasierte Teil zeigt eine in Provinzen und Städte
aufgeteilte Karte (meistens von Europa inkl.
dem Orient und Nordafrika) in einem bestimmten historischen Zeitraum (in diesem
Fall 1700-1800).
Nun gilt es mit einer historischen Fraktion
zu starten, welche zu Beginn bestimmte Provinzen kontrollieren (z.B.: Preußen startet in
Empire mit Königsberg und Berlin, Frankreich
mit Paris und Straßburg), das Herrschaftsgebiet sukzessive zu erweitern und zur vorherrschenden Großmacht zu werden.
Von hieraus hat der Spieler nun die Möglichkeit, innerhalb der Städte und Provinzen
Gebäude zu bauen, die entweder die Wirtschaft oder die militärische Entwicklung fördern. Gleichzeitig sollen die Armeen durch die
Länder ziehen und diese für das eigene Land
erobern. Diese Armeen werden auf der Strategiekarte in der Person eines Generals darge-

stellt, welcher das Banner seiner Fraktion hält
und bestehen aus bis zu 20 Regimentern mit
einer Sollstärke von jeweils 120 Soldaten.
In einer Runde (in Empire Total War ein
halbes Jahr) schafft eine Armee etwa den Weg
von Berlin nach Hannover. Sind diese ersten
Schritte gegangen, beendet der Total-WarSpieler die Runde und die anderen Fraktionen bauen und ziehen ihre Truppen. Treffen
zwei Armeen aufeinander, hat der Spieler die
Möglichkeit, auf das Schlachtfeld zu wechseln.
Erst mit dem Beginn einer Schlacht wechselt
das Spiel in den Echtzeitmodus. Der Spieler
und sein Gegner haben dort die Möglichkeit,
jeweils in einer Hälfte der Schlachtkarte ihre
Regimenter aufzustellen. Der Kampf kann beginnen und beide Seiten versuchen, sich durch
gezieltes Manövrieren und intensive Kämpfe
ihre Truppen zum Sieg zu führen. Anders als
z.B. in der Age of Empires-Reihe kann hier nicht
jeder Soldat einzeln Befehle entgegennehmen,
sondern ein Bewegungs- oder Angriffsbefehl
gilt immer für das ganze Regiment.
Die Armeen prallen also, annähernd realitätsgetreu, aufeinander. Noch eine schnelle
taktische Neuausrichtung und die Schlacht ist
hoffentlich gewonnen. Der Sieg ist errungen,
wenn die gesamte gegnerische Armee gefallen
oder vom Schlachtfeld geflohen ist (umgekehrt
geht das natürlich auch für eine eigene Niederlage). Die Verluste werden angezeigt und
von der Armee subtrahiert.
Wieder zurück auf der strategischen Karte,
muss der Spieler entscheiden, ob die Armee
sich zurückziehen oder tiefer ins feindliche
Territorium vordringen sollte.

GESCHICHTE IN SPIEL UND FILM  —  AVALIST

Die Besonderheit an Empire Total War
Mit Empire Total War taucht der Spieler in
den Beginn des 18. Jahrhunderts ein. Europa
hat sich gerade von den Strapazen des 30jährigen Krieges erholt und ist nun wieder für
Kriege bereit.
Der Monarch hat in den meisten Reichen
die uneingeschränkte (absolute) Macht und
die Soldaten sind ein Spielball der persönlichen Machtinteressen der politischen Elite.
Doch während im Laufe des Jahrhunderts die
Kolonialreiche auseinanderzubrechen drohen
und schlichtweg „unrentabel“ werden, hält
die Aufklärung, und damit ein Freiheits- und
Selbstbestimmungsgedanke, Einzug in die
europäischen Länder. Die unteren Schichten
fordern eine Umstrukturierung der Machtverhältnisse und es wird Zeit für eine Revolution.
Für den Spieler gilt in dieser turbulenten Zeit
also: Agiere mit Bedacht oder der Kopf deines
Königs landet unter dem Jubel der Menge in
einem Korb.
Tatsächlich hält Empire Total War neben
dem Europasetting auch noch ein Nord- und
Mittelamerikasetting und ein Indiensetting
bereit. Während Amerika nur mit Schiffen
erreichbar ist, ist Indien selbstverständlich
auch auf dem Landweg zu erreichen. Neben
den 10 spielbaren europäischen Großmächten
Frankreich, Spanien, Großbritannien, Preußen, Österreich, Russland, dem Osmanischen
Reich, Schweden, Polen-Litauen und den Vereinigten Provinzen der Niederlande lässt sich
auch die in Südindien aufstrebende Marathenkonföderation steuern, welche sich von den
Fesseln der Unterdrücker zu befreien versucht.
Gleichzeitig rückt Indien natürlich auch in den
Fokus der Europäer.
Neben Provinzausbau und Armeesteuerung bietet Total War selbstverständlich auch
noch die Möglichkeit, Bündnisse zu schließen,
Tauschgeschäfte einzugehen oder sogar Geld
von schwächeren Ländern zu erpressen.
Zusätzlich zu den Generälen finden sich
drei weitere Personengattungen auf der Kam-

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pagnenkarte, die sogenannten Agenten: Als
erster der Lebemann, eine Mischung aus Spion und Attentäter, der eingesetzt wird, um
feindliche Stellungen auszuspionieren, starke
Generäle auszuschalten oder strategisch wichtige Gebäude anderer Länder zu sprengen. Die
nächste Agentengattung sind die Priester (je
nach Staatsreligion auch protestantische Missionare, Imame oder Brahmane), die den eigenen Glauben verbreiten und die ansässige Bevölkerung missionieren, was die Zufriedenheit
einer eigenen Provinz erhöht oder, als Waffe
eingesetzt, die Unzufriedenheit in Provinzen
anderer Länder mit abweichender Staatsreligion erhöht. Der letzte Agent ist der Edelmann,
der in der Universität eingesetzt die eigene
Forschung beschleunigt, sich mit anderen
Edelmännern duellieren oder feindliche Technologien stehlen kann.
Technologien
Der technologische Fortschritt des 18. Jahrhunderts wird durch drei, jeweils etwa 20
Technologien umfassende, „Techtrees“ dargestellt: den militärischen – (z.B. Bajonette,
verkürzte Karabiner oder die Quadratformation), den industriellen – (z.B. Spinning Jenny,
Massenproduktion und die Dampfmaschine)
und die Gesellschafts- und Wirtschaftstheorien (z.B. Utilitarismus, Gewaltenteilung, Staatsverschuldung und die Menschenrechte).
Während die militärischen Technologien
die Soldaten effizienter kämpfen lassen, steigern die industriellen und wirtschaftlichen
Technologien die Wirtschaftsleistung. Aber
Achtung vor den Gesellschaftstheorien! Mit
zunehmendem technologischen Fortschritt
auf diesem Gebiet wird sich die Bevölkerung
ihrer prekären Lage immer mehr bewusst und
beginnt, unzufriedener zu werden. Versagt
die Repression des Staates und wird die Bevölkerung in der Hauptstadt zu unzufrieden,
bauen die gepeinigten Bürger nahe der Stadt
eine Revolutionsrmee auf. Der Spieler muss
sich nun für eine Seite entscheiden: die der Re-

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AVALIST  —  GESCHICHTE IN SPIEL UND FILM

gierung oder die der Rebellion. Schlägt er mit
der Regierung die Rebellion zurück, haben die
Aufständischen vorerst eingesehen, dass ein
revolutionärer Umsturz aussichtslos ist und
beruhigen sich für die nächsten Jahre. Entscheidet sich der Spieler aber für die Rebellion
und es gelingt ihm, die Hauptstadt zu erobern,
übernimmt er nun das Reich als eine Republik,
während dem König nur noch das Ende durch
die Guillotine erwartet.
Insbesondere die unteren Schichten sind
innerhalb der Republik deutlich zufriedener. Es gibt für den Spieler selbst aber auch
Kehrseiten der neuen Regierungsform: Die
Minister können nicht mehr eigenhändig
ausgewählt werden und die Regierung wechselt spätestens alle acht Jahre durch Wahlen,
unabhängig davon, wie fähig sie war. Außerdem sehen die Königshäuser der anderen
Nationen die Enthauptung eines der ihrigen
als Affront und fürchten, die revolutionären
Ideen könnten in die eigenen Reiche „überschwappen����������������������������������
“���������������������������������
. Kurz: Die rivalisierenden Großmächte fürchten und hassen die neu entstandene Republik und sind sehr daran interessiert, sie militärisch in die Knie zu zwingen.
Sollte der Spieler sich jedoch für die falsche

Seite entscheiden und die Entscheidungsschlacht um die Hauptstadt verlieren, ist das
Spiel automatisch beendet, egal wie groß,
reich und mächtig das aufgebaute Imperium
bis zu diesem Zeitpunkt war. Also: Überlegt
euch gut, welche Seite ihr wählt oder ob ihr es
überhaupt zu einer Revolution kommen lassen
wollt...!
Da dieses Spiel von 2009 ist, ist die Grafik nicht immer ganz aktuell, bietet aber immernoch die perfekte Ergänzung zum Spielerlebnis. Auch der Multiplayer und die historische Kampagne „Road to Independence“, in
der man die ersten englischen Siedler in Nordamerika durch den Unabhängigkeitskrieg bis
ins 19. Jahrhundert führen kann, stellen unterhaltsame Ergänzungen dar. Wem das nicht
reicht, der kann auch einige gute Modifikationen nutzen, die das Spiel historisch realistischer gestalten. Das Spiel hat sicherlich nicht
den Anspruch, über die Zeit zu informieren
oder ein wissenschaftliches Buch zu ersetzten,
aber es könnte dazu motivieren, sich ein solches Buch zu schnappen und zu lesen.
Im eigenen Fazit würde ich das Spiel jedem
empfehlen, der gerne sowohl rundenbasierte
als auch Echtzeitstrategiespiele spielt.

GESCHICHTE IN SPIEL UND FILM  —  AVALIST

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ECEM TEMURTUERKAN
Drogen, Korruption und eine Reihe von
grausamen Mordfällen: In Rockstar Games
Action-Adventurespiel, kombiniert mit ThirdPerson-Shooter-Elementen, begibt sich der
Polizeibeamte Cole Phelps im Auftrag des
L.A.P.D. im Los Angeles des Jahres 1947 auf
die Spur von skrupellosen Serienmördern. Dabei erkennt er nach und nach, dass die Stadt
in der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkrieges
von verbrecherischen und korrupten Geldmachern regiert wird. Die Jahre 1940-1950 sind
gekennzeichnet von Reichtum und Wohlstand,
aber auch durch eine hohe Kriminalitätsrate.
Im Zentrum des Spiels „L.A. Noire“ steht die
Spurensuche an den Schauplätzen der Nachkriegszeit. Um bei Verhören von Verdächtigen
ein besonderes Augenmerk auf die realistischen Gesichtszüge legen und Lügner an ihren
Reaktionen erkennen zu können, wurde mit
Hilfe der Depth Analysis Motionscan-Technik
die Mimik real existierender Personen aufge-

zeichnet und digitalisiert. Werden Verbrecher
überführt, steigt Phelps im Rangsystem auf,
wodurch versteckte Outfits und Fahrzeuge
freigeschaltet werden. Fehlen jedoch handfeste Beweisgegenstände vom Tatort, darf der
L.A.-Polizeibeamte mit Spott seitens des Polizeichefs rechnen. Rückblenden aus Phelps
Vergangenheit zim Zweiten Weltkrieg in Japan machen den „player historian“ darauf aufmerksam, dass Phelps ein dunkles Geheimnis
mit sich trägt, welches seine Handlungen während des gesamten Spielverlaufes beeinflusst.
Der Spieler interagiert mit der Spielumgebung
und NPCs, die durch Elemente des „Film noir“
geprägt sind, während die Spielhandlung auf
eine Hetzjagd durch Los Angeles zusteuert
und ein schockierendes Ende nimmt. Ein Crime-Thriller mit historischem Setting und riesengroßem Spielspaß in der digital zum Leben
erweckten Welt der späten 40er-Jahre.

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AVALIST  —  GESCHICHTE IN SPIEL UND FILM

Epic Battles of
History Movies
JENNY HAGEMANN
Ein Weihnachts-Special mit Weihnachtsfilmen? Langweilig! Öde! Vorhersehbar!
Aber woran denken diesen Winter wohl die meisten, die „Weihnachts-Special“ lesen?
Richtig: an den größten Detektiv, den es jemals gab, an Sherlock Holmes (für alle
Schnarchnasen: BBC beehrt uns mit einer Sherlock-Weihnachtsfolge! Bitte ausrasten)!
Die Frage lautet also diesmal: Cumber-Bitch oder Richie-Guy?

SHERLOCK HOLMES / SHERLOCK
HOLMES: A GAME OF SHADOWS
DER DETEKTIV HIMSELF  Robert Downey Jr.
erfreut sich ja seit seinem Siegeszug im rotgoldenen Metall-Anzug anhaltender Beliebtheit, sodass 2009 sein erster Auftritt in Guy
Richies Neuverfilmung mit dem schlichten
Titel Sherlock Holmes folgte – nur ein Jahr, bevor BBC sich des Stoffes annahm. Sherlock ist
hier ein liebenswerter, aber total neurotischer
Detektiv, der sich nur auf den ersten Blick von
der Buchvorlage entfernt. Richies Holmes ist
kein hagerer, stiller Denker – er boxt, tratscht
gern mit Verbrechern und legt nur geringfügige soziale Fähigkeiten an den Tag. Damit
entspricht er interessanterweise sämtlichen
in den Büchern beschriebenen Eigenschaften
des großen Detektivs, lediglich die für Holmes
typische britische Zurückhaltung und Eleganz
vermisst man bei ihm vergeblich. Wehrmutstropfen: Downey Jr.'s angestrengter englischer
Akzent.
HOLMES UND WATSON: FOREVER IN LOVE! 
Jude Law spielt den Kriegsveteranen und Arzt
Dr. Watson durch und durch überzeugend.
Viel wichtiger aber ist sein Verhältnis zu Holmes und hier wird es interessant: Anders als in
den Büchern bleibt er nicht dabei, Holmes Fälle niederzuschreiben und immer wieder über
seine deduktiven Fähigkeiten zu staunen. Die
zahlreichen, unfassbar witzigen Dialoge zwi-

schen dem Arzt und seinem Begleiter legen
vielmehr offen, wie abhängig Holmes von ihm
ist, fungiert er doch abwechselnd als Kindermädchen, Versuchsperson oder sozialer Puffer.
Mehr als einmal rettet er ihn aus gefährlichen
Situationen oder leiht ihm (unfreiwillig) Kleidung. Die Freundschaft zwischen Holmes und
Watson stellt das Herzstück von Richies Filmen dar.
DRUMHERUM: DIE FÄLLE, DIE OPTIK, DER
FILM  In beiden Filmen muss Sherlock jeweils einen großen Widersacher besiegen,
wobei die Fälle etwas weniger komplex als
in den Büchern sind und teils Elemente des
klassischen Superhelden-Films mit einfließen
(in Teil zwei steht nicht weniger als der Weltkrieg auf dem Spiel, herbeigeführt von einem
evil genius). Dabei gilt es immer wieder, die
Fäuste zu schwingen und Explosionen auszuweichen. Hier drückt Guy Richie dem Stoff
seinen ganz eigenen Stempel auf – und das ist
auch gut so, schließlich wurde und wird Sherlock Holmes vorlagengetreu mehr als genug
filmisch verarbeitet. Diesmal erleben wir eine
kurzweilige Mischung aus aufwendigen Sets,
Galgenhumor und Action. Dank des großzügigen Budgets kann sich letzteres auch gern
sehen lassen. Nicht zu vergessen wäre da auch
noch Hans Zimmers catchy Hauptthema, das
man nur schwer vergisst, wenn einem der Film
auch nur halbwegs gefallen hat.

GESCHICHTE IN SPIEL UND FILM   —  AVALIST

37

versus

SHERLOCK
DER DETEKTIV HIMSELF  Nur selten wird
eine klassische Figur der Literatur wieder so
lebendig wie in Sherlock. Völlig zurecht öffnete
Benedict Cumberbatchs Interpretation des berühmtesten Detektivs der Welt dem britischen
Schauspieler Tür und Tor in Hollywood. Wir
erleben Holmes im modernen London genau
so, wie wir ihn uns vorstellen und wünschen:
scharfsinnig, neurotisch, zu allen Schandtaten
bereit und durch und durch unausstehlich, dabei seinen Freunden treu ergeben. Eigenen Angaben nach ein „hochfunktionaler Soziopath“,
macht er Scotland Yard das Leben ebenso
schwer wie seinem Mitbewohner Dr. Watson
und löst nebenbei die kniffligsten Fälle. Statt
Pfeife gibt’s Nikotin-Pflaster und statt Lupe
ein Smartphone. Nicht zuletzt ist Holmes hier
very british – und zwar ganz ungezwungen.
HOLMES UND WATSON: FOREVER IN LOVE! 
Auch in Sherlock nahmen sich die Drehbuchautoren des üblichen Holmes-Watson-Verhältnisses an und hauchten ihm neues Leben ein.
Watsons Kriegsverletzung ist zum Beispiel nur
eingebildet und statt Ruhe sehnt sich der alte
Knabe eher nach Abenteuern. Trotzdem bleibt
er auch hier Sherlocks Mittler zur normalen
Welt samt ihren Bewohnern. Anders als bei
Guy Richie ist Martin Freemans Watson aber
noch diese altbekannte Bewunderung geblie-

ben, das überwältigte Staunen, mit dem er
– zusammen mit den Zuschauern – Holmes'
Fälle verfolgt. Holmes ist ganz klar der Star
der Show; es ist weniger offensichtlich, dass er
ohne Watson nicht überleben kann. Trotzdem
bilden die beiden ein durch und durch liebenswürdiges Team, dessen Dialoge immer wieder
für die nötigen Lacher sorgen.
DRUMHERUM: DIE FÄLLE, DIE OPTIK, DER
FILM  Dank des kleinen Twists, Holmes
und Watson ins 21. Jahrhundert zu versetzen,
braucht sich die Serie nicht zwingend mit vorangegangenen Interpretationen messen, obwohl sie das problemlos könnte. Die Fälle sind
inhaltlich wie auch dem Titel nach an bekannte Sherlock-Holmes-Fälle angelehnt, greifen
aber auch immer wieder aktuelle Themen auf.
Dabei überzeugen die einzelnen Folgen entweder durch wirklich verzwickte Rätsel oder
aber absurde Situationen zwischen Holmes
und seinem Begleiter (auf dessen Hochzeit
zum Beispiel). Kamera-Arbeit und Musik sind
gleichbleibend hochwertig, wenn die Titelmelodie vielleicht auch nicht ganz so eingängig
oder leichtfüßig daher kommt wie bei Sherlock
Holmes. Dafür bleiben Sherlocks im Bild aufploppende Assoziationen im Gedächtnis.

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AVALIST  —  GESCHICHTE IN SPIEL UND FILM

BATTLE ERGEBNIS 
Puh, jetzt wird es
schwierig. Insgesamt lassen sich die beiden
Interpretationen kaum vergleichen (zumal
das eine eine Reihe, das andere eine Serie ist),
beide haben ihre Vorzüge. Gehen wir deshalb
Schritt für Schritt vor: Der Detektiv selbst
überzeugt bei Sherlock am meisten. Benedict
Cumberbatch hat mit „seinem“ Sherlock Holmes einfach eine neue Kultfigur geschaffen, ist
noch einen Ticken neurotischer, einen Ticken
britischer als Robert Downey Jr.
Was das Verhältnis zwischen Holmes und
Watson angeht, gehen die Kontrahenten unentschieden auseinander. Beide Versionen
zeigen die zwei als altes Ehepaar, das sich
zwar unentwegt und höchst amüsant streitet,
ohne einander aber eben doch nicht kann. Dabei unterscheiden sich Jude Law und Martin
Freeman angenehm voneinander, sodass beide
Watsons eigenständig funktionieren.

Was den Gesamt-Eindruck angeht, wollen
Sherlock und Sherlock Holmes einfach in zu
unterschiedliche Richtungen, um ernsthaft das
eine besser als das andere finden zu können.
In gewisser Weise ist die Serie, obwohl sie
im 21. Jahrhundert spielt, näher am Original
dran als der Kinofilm. Die Fälle sind meist wesentlich komplexer und stehen zudem mehr
im Vordergrund als bei Richie. Action und
Effekt-Hascherei sind spärlicher gesät, dafür
konzentrieren sich teilweise ganze Folgen auf
Holmes und Watson (man denke hier wieder
an die Hochzeit). Letztlich unterhalten beide
auf unglaublich kurzweilige Weise, allerdings
sind die Sherlock-Holmes-Filme stärker an
amerikanische Sehgewohnheiten angepasst,
was sicherlich dem einen oder anderen eingefleischten Holmes-Fan sauer aufstoßen wird –
was schade ist, denn so verpasst er zwei lustige
und spannende Filme.

HISTORY BLOGGING   —  AVALIST

39

HISTORISCHE WISSENSCHAFT IM DIGITALEN ZEITALTER
JAN AHRENS UND ALEXANDER WEISS
Blogs sind schon seit weit mehr als zehn Jahren ein großer Teil des Internets. Über alles wird
sich ausgetauscht. Kleidung, Essen und Lebensgefühl sind Inhalte der populärsten Blogs. Doch
was ist mit der Wissenschaft? Warum sollen wir als Studierende uns mit diesem Thema befassen,
wo es doch keinen Schein dafür gibt?
Zudem bleibt nach wie vor die große Frage offen, warum wir hier Geschichte studieren und
wohin wir damit wollen. Lehrer werden? Ja ok, das ist sicherlich für einige eine Option und sollte
auch verfolgt werden. Denkt an die Kinder!
Aber was ist mit den anderen? Da wir ohnehin den ganzen Tag im Internet verbringen, kann
man doch auch Nützliches und private Interessen mit dem Studium verbinden. Was liegt da also
näher, als ein Blog für uns zu erstellen, das beides abdeckt und im Idealfall sogar noch dazu dient,
uns im Studium voran zu bringen?
Früher oder später werden wir alle an den Punkt kommen, an dem wir wollen, dass unsere
Arbeit auch von anderen gelesen und gewürdigt wird. Die Mühe und Zeit, die wir in Texte und
in Recherche stecken, sollte nicht nur für einen (im Idealfall dem Dozenten) zugänglich sein,
sondern mehr Leute erreichen.
Hierfür bietet das Medium Blog eine gute Möglichkeit. „Zeit.Räume“ entstand Anfang des
Jahres aus genau diesem Interesse einiger Studierender heraus. In das große Netzwerk von
hypotheses.org eingebunden, ist hier die Chance, euer digitales Interesse am Fach auszuleben,
Diskussionen zu führen und die eigene Arbeit von vielen lesen und kommentieren zu lassen.
Jedem ist die Möglichkeit gegeben, das Publizieren der eigenen Arbeit im Digitalen Raum
auszuprobieren und Erfahrungen damit zu sammeln. Geht auf „zeitraeume.hypotheses.org“.

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AVALIST  — HOCHSCHULPOLITIK

Stell dir vor, niemand geht hin...
EINFÜHRUNG IN DIE HOCHSCHULPOLITIK
JAN HEINEMANN
Universitas magistorum et scholarium
Liebe/r ErSie, als Neuling an unserem Historischen Seminar und unserer Universität wirst
du, das scheint ein typischen Verhalten gegenüber Minderheiten zu sein, mit einer Reihe begründeter und unbegründeter Vorwürfe
von Seiten jener konfrontiert, die schon lange
vor dir hier waren. Darum sei dir zuallererst
folgendes nahegelegt: Mach dein Ding! An der
Universität geht es um selbstständiges Denken, du musst für dich selbst entscheiden. Das
bedeutet auch: Die Universität ist keine Schule!
Es geht hier nicht um passiven Bildungskonsum, sondern kritische Wissenschaft und Forschung, also: Bring dich ein! Denn die Universität hat ihren Namen vom lateinischen universitas magistrorum et scholarium, das heißt:

Einheit von Verwaltung und Studium. Sie
zeichnet sich dadurch aus, dass sich Lehrende
und Lernende (beides sind Kommilitonen, d.h.
Mitstreiter) auf Augenhöhe die Universität
verwalten und forschen und lernen – die Idee
der Universität gründet auf dieser wechselseitigen Zusammenarbeit. Richtig „anerkannt“
bist du darum erst, wenn du nicht nur lernst
und forschst, also studierst, sondern dich auch
an der Verwaltung und damit Gestaltung der
Universität beteiligst.
Auch du, Kommilitone!
Mit der Immatrikulation an der Universität
Hannover hast du das Niedersächsische Hochschulgesetz (NHG) und die Satzung der Verfassten Studierendenschaft (SvS) anerkannt.

HOCHSCHULPOLITIK  —  AVALIST

Du bist damit Teil der Studierendenschaft. In
vielen Bundesländern, so auch in Niedersachsen, ist die Studierendenschaft eine rechtsfähige Teilkörperschaft der Universität. Sie ist
daher entsprechend damit beauftragt, an der
Verwaltung der Universität teilzuhaben, hat
aber auch das Recht, ihre eigenen Belange zu
vertreten und sich dazu selbst zu organisieren.
Zu den Aufgaben und Pflichten der Studierendenschaft gehört die politische Vertretung der
Studierenden, deren kulturelle und politische
Bildung und die Unterstützung der Universität
bei der Erfüllung ihrer Aufgaben (vgl. NHG §
20 Abs. 1 Satz 1-6 und SvS § 2 und 3). Auch
wenn viele deiner studentischen Kommilitonen es nicht wissen oder nicht den Eindruck
machen: Alle sind Teil der Studierendenschaft
– damit gelten diese Aufgaben und Pflichten für
jeden von uns!
In den Fängen der Macht
Bist du neu an der Universität, wird dir alles
wirr und abstrakt vorkommen: Die Komplexität des Neuen erschlägt dich. Oftmals hilft

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die bildliche Darstellung, um komplexes zu
vereinfachen und zu vermitteln: Du kannst dir
die Universität wie einen Staat im Staate vorstellen. Zwar erhält sie Gelder und Weisungen
von der Landesregierung, verwaltet sich aber
ansonsten selbst. Die Universität unterteilt
sich in die akademische Selbstverwaltung und
die studentische Selbstverwaltung. Beide haben
so etwas wie eine Regierung, ein Parlament,
Landesparlamente und Kommunalverwaltungen.
In der akademischen Selbstverwaltung bildet
der Präsident mit seinem Präsidium die Spitze, er vertritt die Universität nach außen und
sorgt für die Umsetzung von Beschlüssen und
Ordnungen (Exekutive). Alle wesentlichen
Entscheidungen werden jedoch im Senat getroffen, in dem gewählte Vertreter aller Statusgruppen (also 7 Professoren, 2 Wissenschaftliche Mitarbeiter, 2 Verwaltungsangestellte und
2 Studierende) vertreten sind: sie entscheiden
über Haushalt, Ordnungen und Studiengänge
(Legislative). Eine richtige Judikative gibt es
innerhalb der akademischen Selbstverwaltung

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AVALIST  —  HOCHSCHULPOLITIK

nicht, ihre Aufgaben werden von Präsidium
und Rechtsabteilung wahrgenommen.
Die Universität teilt sich in Fakultäten. Diese
werden jeweils, entsprechend des Paares Präsidium-Senat, von einem Dekanat und einem
Fakultätsrat (bestimmt über Prüfungsordnungen usw., setzt sich zusammen wie der Senat)
verwaltet. Schließlich unterteilen sich die Fakultäten in Institute, die jeweils von einem Vorstand und einer Institutskonferenz verwaltet
werden. Auf allen Ebenen der akademischen
Selbstverwaltung gibt es zudem Ausschüsse
und Kommissionen, die über Haushaltspläne,
Zulassung und Prüfung von Studierenden, die
Situation der Lehre und vieles mehr beraten
und den beschlussfassenden Gremien Empfehlungen aussprechen. Zudem beauftragt das
Präsidium Dezernate und zentrale Einrichtungen mit bestimmten Aufgaben.
In der studentischen Selbstverwaltung nimmt
der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA)
die „Regierungsgeschäfte“ wahr, er wird durch
den Studentischen Rat (StuRa) gewählt, der
über alle Belange der Studierendenschaft entscheidet. Außerdem wählt der Studentische Rat
den Ältestenrat, das Bundesverfassungsgericht
der Studierendenschaft. Der Studentische Rat
ist wiederum zur Hälfte gewählt, zur Hälfte
werden in ihn Mitglieder von den Fachschaftsräten delegiert. Die Fachschaftsräte entsprechen den Fakultätsräten der akademischen
Selbstverwaltung – alle Studierenden einer
Fakultät bilden die Fachschaft. Sie unterteilt
sich in Fachgruppen (fachverwandte Studiengänge), die jeweils einen Fachrat wählen, der
ihre ständige Vertretung übernimmt. Der Studierendenrat Geschichte ist ein solcher Fachrat. Auf allen Ebenen der studentischen Selbstverwaltung kann es Vollversammlungen geben,
also Fachgruppen-, Fachschafts- und uniweite
Vollversammlungen, die den vertretenden
Gremien Empfehlungen aussprechen können.

Um die ständigen Gremien in der akademischen und studentischen Selbstverwaltung zu
besetzen, finden jedes Jahr im Januar Universitätswahlen statt. Jedes Jahr werden dabei die
studentischen Vertreter*innen in die akademischen Gremien und die studentischen Gremien
gewählt, jedes zweite Jahr die Vertreter*innen
der anderen Statusgruppen in die akademischen
Gremien. Eine Ausnahme bilden die Fachräte:
Sie werden in Fachgruppenvollversammlungen
gewählt.
Macht macht Spaß – gestalte mit!
Oftmals sind sowohl die Wahlbeteiligung an
den Uniwahlen gering (unter 15%), Vollversammlungen schlecht besucht und auch die
Rückbindung zwischen den Gremienvertretern
und der Wählerschaft mangelhaft. Zu häufig
wird die Verantwortung auf die Gewählten
abgewälzt: die Wähler geben ihre Stimme ab.
Sicherlich müssen fast alle Kommiliton*innen
im Studium einiges leisten, Prüfungs- und Studienleistungen erbringen und nebenher noch
Erwerbsarbeit zur Finanzierung ihres Studiums und Lebensunterhaltes tätigen. Aber auch
hier gilt der Grundsatz: Wenn jeder nur ein
Bisschen macht, kann gemeinsam viel erreicht
werden. Vor allem gilt: Macht macht Spaß! Bei
hochschulpolitischen Aktivitäten lernt man
viele neue Kommiliton*innen kennen, die an
verschiedensten Projekten arbeiten, man diskutiert über allerlei und kommt auch den Lehrenden auf einer ganz anderen Ebene näher.
Das alles kann man in Lehrveranstaltungen
häufig nicht erleben. Hat man schließlich an
Entscheidungen mitgewirkt, die den Unialltag
und die Studienrealität auf lange Zeit positiv
beeinflussen, darf man sogar stolz sein, für die
Studierendenschaft und die Universität etwas
erreicht zu haben – universitas magistrorum et
scholarium eben.

HOCHSCHULPOLITIK   —  AVALIST

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UNIWAHLEN
ENTSCHEIDE MIT - GEH WÄHLEN!

Uni-Wahlen 2016
Wie jedes Jahr im Januar finden die Wahlen an der Universität Hannover statt. Vom 12. bis 14.
Januar können wir Studierende unsere Vertreter*innen in die studentischen und akademischen
Gremien wählen. Der Studierendenrat Geschichte tritt zum Fachschaftsrat der Philosophischen
Fakultät als Liste „HistorikA“ und zum Studentischen Rat als Liste „Weihnachtsmann
und Co. KG“ an. Außerdem tritt der Rat in dem Bündnis „Bunte Liste“ zu den Wahlen zum
Fakultätsrat und Senat an.

Wahlen zu den studentischen Gremien
Dienstag, den 12.01.2016, 9 bis 16 Uhr,
Mittwoch, den 13.01.2016, 9 bis 16 Uhr und
Donnerstag, den 14.01.2016, 9 bis 13 Uhr.

Wahlen zu den akademischen Gremien
Dienstag, den 12.01.2016, 9 bis 16 Uhr und
Mittwoch, den 13.01.2016, 9 bis 16 Uhr.

Unsere Kandidat*innen
für den FSR:

1. Robin, 2. Ecem, 3. Lars, 4. Milena, 5. Jan, 6. Julia, 7. Jenny

für den StuRa:

1. Matze, 2. Milena, 3. Lars, 4. Ecem, 5. Fabian, 6. Julia, 7. Jan, 8. Jenny

für den FakRat:

3. Jan, 6. Melanie, 10. Milena, 14. Julia, 16. Irina, 18 Ecem, 20. Robin,
22. Adrian, 23. Fabian, 24. Anton, 25. Mathias

für den Senat:

1. Jan, 6. Milena, 8. Julia, 12. Melanie, 14. Irina, 16. Ecem, 20. Robin,
23. Fabian, 24. Lars, 25. Adrian, 26. Anton, 27. Mathias

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AVALIST  —  POTPÜREE

Unpolitisch.
VON DER GEFAHR, AUCH NUR IRGENDEINE HALTUNG ZU UNTERSTELLEN
HANS HARTMANN KRAUSE
Dies ist eine Replik auf einen Artikel von Jan
Heinemann aus dem letzten Avalist #47. Dieser Artikel erörtet im wesentlichen die These
davon, dass es den Studierenden von hier und
jetzt im wesentlichen an politischer Haltung
mangele und sieht dazu als sein Anderes eine
Melange aus Konsenskultur, Fundamentalopposition und trügerischem Solipsismus am
Horizont aufziehen, der letztlich gefährlich die
Demokratie untergraben könnte, weil er dem
Wesen des Politischen abtrünnig sei.
Dem soll dann Abhilfe geschaffen werden
durch „identitätsstiftende Resonanzsphären
über Selbstwirksamkeitserfahrungen und kritisches Problembewusstsein“ sowie durch „ständigen Kommunikationstransfer.“ Das Ziel der
„Mobilisierung der Mehrheit“ und der „Aktivierung (hochschul-)politischen Engagements“
gegen die „etablierte Ordnung“ ist dabei nicht
umsonst als Absage an eine „universelle Antwort“ formuliert, deren schlechter Schein aber
auch nicht umsonst auf eine politische Fluchtlinie verweist, welche die Konsenskultur der
Studierendenschaft völlig Recht zu jener der
Freiheitlich Demokratischen Grundordnung
(FDGO) in Bezug setzt.
Der Begriff dieser vermeintlichen Gegenüberstellung von konfrontativer Mobilmachung zum Hauen und Stechen sowie dem
notwendigen Niedergang bei deren Verweigerung findet sich in seiner Totalität, die auch
nichts anderes ist als der allgemeine Zusammenhang von politischer und privater Sphäre
in dieser Gesellschaft.
Diese Totalität – und diese Erkenntnis ist
wie jedwede wesentliche Erkenntnis nicht nur
eigentlich banal, sondern auch banal eigentlich – ist im wesentlichen immer nur eines,
nämlich deutsch.
Wer vom Wesen des Politischen schreibt,
dessen immanente Unterscheidung von Freund

und Feind hochhält, schreibt dabei notwendig
vom Souverän, der dem Ausnahmezustand
vorangeht, welcher im Bestehenden immer die
Gewalt des deutschen Volkes entweder tätlich
ausübt oder in der vorzivilisatorischen Stufe
damit dann zumindest notwendig droht. Der
Artikel dreht sich daher im wesentlichen auch
um die Frage, wie unter dieser Gewalt mit der
prekären studentischen Existenz umgegangen
werden kann und stellt dabei die These auf,
dass es doch dann und wann Sinn machen
kann, wie auch das zitierte Vokabular zeigt,
sich mit dieser Gewalt gemein zu machen. Es
geht ja um nichts anderes als Mobilmachung.
Es ist sicherlich richtig, in der Verklärung
der objektiven Tatsache dieser Gewalt, die in
ihrer vorzivilisatorischen Form sowohl zum
Konsens mit FDGO und als auch mit Studentischer Vertretung zwingt, einen Mangel an
Haltung zu erkennen. Diese mag man unpolitisch nennen, was bei der Betrachtung ihres
Anderen sich aber nur als deren notwendiger
Schein offenbart.
Es ist aber genauso falsch, in der Gemeinmachung mit dieser Gewalt so etwas wie Haltung
erkennen zu wollen, so dieser Mangel daran
auch inhaltlich richtig als „politisch“ bestimmt
ist. Der Begriff des Politischen lässt aus seiner
inneren Bestimmtheit so etwas wie Haltung
nur scheinbar zu und das Ressentiment gegen
„die da oben“ verweist auf dessen Erscheinung
als Fortführung dieses Dilemmas.
Auf die Strasse gebracht, ist es dann aber
eben auch genau dieses Ressentiment gegen
die „etablierte Ordnung“, mit der aus dem
schlechten Schein heraus verhindert wird,
dass es so etwas wie geordnete Etabliertheit
jemals geben kann.
Die zutiefst eigentliche Aporie in diesem
Dilemma liegt dabei in der Frage, wo man selber bleibt, wenn man in denen der Wirklich-

POTPÜREE   —  AVALIST

keit abgerungen Änderungen oder auch ihrem
Ausbleiben nicht am Ende doch nur das Immergleiche erkannt hat, dass gerade durch dieses unveränderliche Wesen hindurch zu seinem eigenem Verfallsprodukt wird, das auch
nichts weiter als der objektive Bestand der
eigenen subjektiven Überflüssigkeit ist, mit
der man nicht nur zu Rande kommen muss,
sondern der auch in deren objektiver Sinnlosigkeit noch Sinn abgerungen werden soll.
Die Antwort auf dieses ganze schäbige Studentendasein liegt meiner Meinung nach nicht
darin, dem deutschen Konsens mit ebenso
deutscher Politik begegnen zu wollen. Was
gebraucht wird, ist daher der unpolitische
Dissens, dessen Begriff nicht umsonst absurd
scheint, aber gerade darin auf die Wirklichkeit
verweist. Die einzig mögliche Haltung, die
sich auch objektiv so nennen könnte, würde
ihre eigene Verwehrtheit anerkennen und ihre
innere Aporie erkennbar negativ nach außen
tragen und sich genau damit auf das Subjekt
wenden. Weil das so ist, ist diese Debatte auch
mit diesem Beitrag objektiv beendet.
Wenn dies nicht geschieht, ist dies keinesfalls eine Sache von „Fundamentalopposition“

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oder vermeintlich „unpolitischer Haltung“ der
Studierenden, sondern das Gleichzeitige von
deren verklärender Rhetorik wie deren objektivem Mangel, die ihr Zusammenhang sind.
Man meint ja heute noch, während des Studiums zwischen Ritalin, Burn-Out und sozialem Abyss jene Triebabfuhr ausmachen zu
können, die man später einmal die „beste Zeit
des Lebens“ nennen wollte, die aber zwischen
schlechtem Rausch, schlechten Seminaren
und schlechtem Sex vor allem etwas darüber
aussagt, dass es danach nur noch schlimmer
werden kann.
Eine Menschheit, welche die wenigen glücklichen Momente der Kindheit in ein erfülltes
Leben überführen könnte, gibt es noch eben
so wenig wie die Haltung, die diese möglich
machen würde. Eine deutsche Studierendenschaft, die sich nicht gegen ihre eigene
schlechte Objektivität wendet, ist dabei notwendig Teil des Problems, dem aber durch die
Vorschläge von Jan keine Abhilfe geschaffen
werden kann, wie er ja auch selbst wenigstens
offen und ehrlich schreibt.
Eine unpolitische Haltung dagegen wäre zumindest ein Mittel zur Utopie.

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AVALIST  —  POTTPÜREE

Sprüche
Es wird darüber diskutiert, dass sämtliche ErSieBasismodule überlaufen sind und die Gasthörenden hierbei einen besonderen Stellenwert einnehmen oder in anderen Worten: unerwünscht sind.
Mathias: „Ach, die sterben doch sowieso alle in zwei
Jahren!“
Ecem feuert in ihrer Rede vor allen Dozierenden des Historischen Seminars treffsicher die
Aussage ab, dass das Geschichtsstudium nicht
lernintensiv sei. Neben Gelächter und Michael
Rothmanns scherzhaftem „Das habe ich jetzt aber
nicht gehört!“ lag ein besonderes Augenmerk auf
Beate Wagner-Hasel, die, begleitet von einem
Todesblick, „Das können wir auch ändern!“ rief.
Bei der Dozentenvorstellung kritisiert Michael Rothmann Ecems „9 Dinge, die jeder Student getan haben
sollte“-Checklist aus der vorangegangenen AvalistAusgabe: „Also da waren jetzt nicht unbedingt Dinge
mit dabei, die ich mir unter einem Studium vorstelle.
Wie wäre es denn gewesen mit 'Ein Buch lesen'?!“
Lars, zusammenhangslos im Facebook-Gruppenchat
des Studierendenrates: „Nächstes Semester bin ich der
Motor unserer Sitzungen!“
Igor: „Zockerbräute sind Zuckerbräute.“

Rapha zu einem Erstsemester, der dem Rat bei den
Einkäufen unter die Arme gegriffen hat: „Ein großes
Lob an dich dafür, dass du uns den ganzen Tag geholfen
hast. Ich glaube, du hast weder Hobbys, noch Freunde.“
Ecem: „Spätestens beim Verspeisen von vorzüglicher asiatischer Ente wurde klar, dass wir mit Borstelmann als
begleitende Lehrperson das große Los gezogen hatten.“
Robin: „Herr Borstelmann ist also der Tollste, weil er
Peking-Ente isst?“ und „WARUM? Was ist beim Asiaten
passiert? Was für ein Qualitätsmerkmal ist das Verspeisen asiatischer Ente?“
Ein italienischer Erasmus-Student am Ende seines
Referates in Anlehnung an den berühmt-berüchtigten
Trappatoni, jedoch völlig unbewusst: „Ich habe fertig!“
Marcel bei einer Vorstellungsrunde im Rat: „Ich bin
Marcel. Ich bin ein besorgter Bürger.“
David: „Ich gehe ja auch nicht opportunistisch auf Toilette!“
Carina: „Nehmt eure Assi-Botten vom Tisch!“
Robin, der einen Kumpel zitiert: „Türkisch ist eine altaische Sprache, weil Türken immer 'Alter' sagen.“
Ein Erstsemester über seine Kommilitoninnen: „Diese
Schabracken wollen nicht in den Rat kommen, weil er
angeblich zu links ist.“

Unerfahrener ErSie: „Frau Hatzky? Ich bin etwas verwirrt. Unsere Klausur wird am selben Tag geschrieben
wie die Mittelalterklausur.“
Hatzky: „Ja... Und?!“
Unerfahrener ErSie: „Das ist doch bestimmt nur ein
Fehler, oder? Ich meine, in der Schule war das nie so!“

Rapha, nachdem Lars im Studierendenrat-Gruppenchat verkündet hat, dass er einige Minuten später zur
Ratssitzung kommen wird: „Mach's mal wie ein Spanner, Lars. Sieh zu.“

Mehrere Kommilitonen auf dem Cocktailabend über
Robins 90er-Kostüm: „Es ist wie ein Autounfall. Man
kann nicht weggucken.“

Ecem: „Wie findest du eigentlich meinen Bericht,
Marius?“
Robin: „Ein Teil unserer Antworten würde dich nur verunsichern.“
#doitlikedemaizière

StuRa-Mitglied: „Mir ist scheißegal, was ihr sagt! Eure
Meinung ist mir wichtig.“

Impressum  —  AVALIST

Dulce et decorum est
pro Avalist mori.
IMPRESSUM
Ausgabe 48 – Dezember 2015

c/o AStA der Leibniz Universität Hannover
Welfengarten 2C – 30167 Hannover
redaktionavalist@web.de

REDAKTION

Jan "Zensator" Heinemann, Robin "Baggerkönig" Kühne, Ecem
"Lernintensiv" Temurtuerkan, Marius "Scanroboter" Lahme,
Adrian "Asbest" Gärner, Sabrine "Assistentin" Chelbi, Hanna
"ohne H" Versümer, Lars-Christian "Motor" Hilleke, Edward
"Eddie" McKenzie, Jenny "nicht mehr Triebel" Hagemann

SPECIAL SUPPORT

A

Carina Pniok, Alex Weiss, Julia Wolff
Für die Inhalte der Artikel und die darin enthaltenen Meinungen
sind allein die jeweiligen Verfasser verantwortlich.

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