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04.04.

2010 mare online - Die Tränke der wilden T…

Die Tränke der wilden Tiere Es war einmal eine Zeit, da gab es weder Arbeit noch Urlaub. Nur Menschen und Tiere, die
Te xt: R o na ld Düke r
ums Überleben konkurrierten und sich dazu den entscheidenden Standortvorteil verschaffen
Be ttenburge n, Vergnügungsparks und Flat-rate -
mussten. Wer fällt wem von wo aus in den Rücken? Das war eine Frage von existenzieller
Ba rs - das spa nische Be nido rm ist für vie le e in
Sym bo l des pro letarischen Massento urism us. Bedeutung. So ging aus der Alternative von Fressen oder Gefressenwerden jener
Sie ht m an genaue r hin, ist a lles halb so Sehnsuchtsort hervor, der bis heute den Gipfel von Annehmlichkeit und Luxus repräsentiert:
schlim m .
Hanglage mit Seeblick. Den schützenden Berg im Rücken, hält der Jäger den Blick auf das
Politik Feb 2008, No. 66 unter ihm liegende Ufer gerichtet.
Eine privilegierte Position - erlaubt sie doch, das zur Tränke ziehende Wild genau in dem
Moment zu erlegen, wo es, seinerseits nach hinten schutzlos, den Kopf zum Wasser neigt. Die
HEFTINHALT MARE NO. 66
Evolutionsbiologie bezeichnet diese strategische Wahl eines geeigneten Wohnorts mit dem
LEBEN IM MEER Ausdruck Habitatselektion. Man braucht aber im Grunde kaum etwas über die Fundorte
Die W ie de re ntdeck ung prähistorischer Waffen und Werkzeuge zu wissen, um sich von dieser These auch als Laie
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überzeugen zu lassen. Schließlich bietet sie eine schlüssige Erklärung dafür, warum diese
Universum s idealtypische Kombination von Deckung und Ausblick so beliebt ist - warum also der Mensch
so gern am Hang wohnt und von dort so gern aufs Wasser schaut.
KRIM
Sex & Drugs & Te chno

ISLA NDPFERDE
Klein, abe r R iese n in Dass das so ist, kann jeder Makler und Tourismusmanager bestätigen. Jagdgründe sind zu
Mut und Ausda ue r
Ferienzielen geworden, Überlebenstechniken zum Luxus; und weil am Ufer nun auch das Wild
ausbleibt, schweift der Blick übers Wasser bis zum Horizont, wo bestenfalls die Sonne
untergeht. Das ist die absichtslose Sehnsucht der Strandtouristen und das grundlose
Glücksversprechen der Reisebüros. Um die Geschichte der berühmtesten Ferienorte zu
verstehen, darf hier allerdings ein historischer Zwischenschritt nicht übersprungen werden: die
zumeist mythisch verklärte Frühgeschichte des Fischerdorfs. Denn so unterschiedlich sich Orte
allein am Mittelmeer entwickelt haben - zur Bettenburg oder Luxusidylle - und so sehr sich
daher Saint-Tropez von Torremolinos und Portofino von Benidorm unterscheidet: Alle haben
sich jenes Goldene Zeitalter ins Wappen geschrieben, in dem die Urväter auf Booten
hinausfuhren, um ihre Netze auszuwerfen.
Das Meer, das seine Früchte stets gratis und AUTOR ROLAND DÜKER
im Überfluss bereithielt, steht dabei für ein R o na ld Düke r ist
vergangenes All-inclusive-Paradies, von dem Kulturwisse nschaftle r und
Jo urna list und le bt in
auch das üppigste Hotelbuffet nur noch Berlin. Auch we nn e r ein
einen matten Abglanz aufscheinen lässt. Der gro ße r Fre und der
literarischen Apo k alypse n
größte Luxus imitiert das einfache Leben, J. G. Ba lla rds ist - e r
und von ferne grüßen stets die Caprifischer. m ö chte se ine n
Le bensabe nd a be r
Im noblen Portofino oder anderswo scheint
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es aber heute beinahe so, als verliefe die co m m unity ve rle ben. Die
Fischerei in umgekehrter Richtung. Wenn C o sta Bla nca hat e r vo r
allem vo n de r Auto ba hn aus ge sehe n.
die dicken Fische des internationalen
Finanzadels ihre Dreimaster in die beschauliche Bucht steuern, dann tun sie das, um an Land
auf Fang zu gehen; in miniaturisierten Flagship-Stores von Brioni und Prada, die in ehemaligen
Fischerhäuschen untergebracht sind.
Ähnlich paradox ist es, wenn die Gäste des 52-geschossigen „Gran Hotel Bali" in Benidorm -
es ist mit 186 Metern das höchste Gebäude Spaniens und zugleich das höchste Hotel Europas -
sich dadurch geerdet fühlen, dass sich zu ihren Füßen einmal ein lauschiges Fischerdorf
befunden haben soll. Mit Männern, die ihren Familien abends den fangfrischen Fisch auf den
Tisch gebracht haben mögen. Tatsächlich aber waren die Fischer von Benidorm im 18.
Jahrhundert als Nomaden der Weltmeere berühmt. Sie brachen von der Costa Blanca nach
Nordspanien, in den Atlantik und sogar nach Südamerika auf, um mit ausgefeilten
Fangmethoden Tunfisch auf hoher See zu jagen.
Eine Flugreise von Großbritannien nach Benidorm ist nichts dagegen, und so führen die
Touristen von heute wohl eine weitaus weniger nomadische Existenz als ihre vermeintlich so
ortsfixierten Vorgänger. Vom Gegenteil auszugehen hieße aber, das Wesen des modernen
Massentourismus zu verkennen. Ein Urlaub in Benidorm unterscheidet sich nämlich dadurch
von der grand tour, dass es weniger um die Reise geht als ums Ankommen. Der Weg ist hier
nicht das Ziel; touristische Habitatselektion bedeutet vielmehr, einen annähernd idealen Ort,
das heißt einen Ort mit Paradiescharakter zu finden, und dann dort zu verharren. So stehen
Ausflüge ins Umland von Benidorm nur ausnahmsweise an.
Die Berglandschaften im Hinterland erscheinen weniger attraktiv als die Tivolis der Stadt;
etwa „Terra Mítica", eine Riesenkirmes, die die Erzählungen der griechisch-römischen Antike
in Form von Karussellen und Achterbahnen vergegenwärtigt, oder der „Terra Natura", ein
kürzlich eröffneter Erlebniszoo, in dem es Sumatratiger und Riesenskorpione zu bewundern
gibt. Worauf es aber vor allem ankommt, ist das Hotel selbst: die Ausstattung der Apartments,
der Pool, das Buffet, das Animationsprogramm. Vielleicht ist das auch der Grund dafür,
warum die Wiege des mediterranen Massentourismus nicht in Italien, sondern in Spanien steht:
Nordeuropäer orientieren sich von jeher nach Italien, wenn es um die Adaption kultureller
Werte geht - von der Musik, der Mode, dem Design bis zur Küche. Das aber ist mit einer
Anstrengung verbunden, die es nahezu unmöglich macht, den historischen und kulturellen
Kontext des Urlaubsorts auszublenden.

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Italien ohne Sightseeing? Spanien ist dagegen ein prädestinierter Ort für künstliche Paradiese.
Da sich das Interesse an landestypischer Küche, Musik und Kunst traditionell in Grenzen hält,
beim Thema Stierkampf sogar reine Abscheu vorherrscht, muss niemand, der im
Hotelkomplex verbleibt, ein schlechtes Gewissen haben. So ignorierten die nordeuropäischen
Gäste schon in den Fünfzigern und Sechzigern, als in Torremolinos und danach in Benidorm die
Infrastruktur des lukrativen Massentourismus entwickelt wurde, dass es das faschistische
Regime Francisco Francos war, das auf diese Weise die maroden Staatsfinanzen sanierte. In
Spanien etablierte sich zu dieser Zeit ein Tourismus mit Scheuklappen. Fixiert auf die
Befriedigung allzu menschlicher Bedürfnisse, also die magischen drei S: sun, sand, sex.
(Textauszug)

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