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Dr. Alexander Bischoff, Elisabeth Kurth, MNS, und Antoinette Conca-Zeller, MNS, Institut für Pflegewissenschaft, Universität Basel, Basel

Nur übersetzen? Dolmetschen, vermitteln und schlichten in Gesundheitsinstitutionen

Jede siebte Person, die einen Gesundheitsdienst in Genf aufsucht, spricht die lokale Sprache ungenügend oder gar nicht. In Basel ist dies bei jeder sechsten Person der Fall. Um eine qualitativ befriedigende Betreuung zu ge- währleisten, besteht Bedarf an Dolmetscherarbeit. Professionelle, die in Gesundheitsinstitutionen tätig sind, schätzen die Zusammenarbeit mit Dolmetscherinnen und Dolmetschern und erachten diese als nützlich. Gleichzeitig zeigen unsere Umfrageergebnisse, dass dennoch vielerorts selten auf Dolmetscherdienste zurückgegriffen wird und auch die notwendigen Strukturen und Regelungen hierfür fehlen.

Die Schweiz ist wie alle modernen Gesellschaften durch einen starken kulturellen und sozialen Wandel geprägt. Die Einwanderung von Men- schen unterschiedlicher Herkunft bringt eine Vielfalt von Sprachen und Lebensformen mit sich. Diese Diversität macht sich in Spitälern, Arzt- praxen und anderen Gesundheitsinstitutionen bemerkbar: auf der Not- fallstation, beim Arzt-Patienten-Gespräch, in der Geburtenabteilung, bei der täglichen Pflege im Spital. Wie in vielen anderen Ländern steht das schweizerische Gesundheitssystem vor der Herausforderung, seine Versorgungsaufgabe an eine zunehmend heterogene Klientel anzupas- sen. Als höchste Hürde gilt dabei die Überwindung von Sprachbarrie- ren. Fremdsprachigen Personen fehlen Informationen über die Angebo- te der Gesundheitsdienste, bei der Betreuung kommt es eher zu Fehldiagnosen und Missverständnissen, fremdsprachige Patientinnen und Patienten sind weniger zufrieden mit der erhaltenen Aufklärung, und sie werden weniger einbezogen in Entscheidungen bezüglich der Behandlung (Saladin et al. ; Flores ; Gerrish et al. ). Um diesen Schwierigkeiten zu begegnen, ziehen verschiedene Institutionen für die gesundheitliche Betreuung fremdsprachiger Pati- enten qualifizierte Dolmetscherinnen und Dolmetschern bei. Diverse Studien zeigen, wie die Arbeit mit ausgebildeten Dolmetschern die Be- treuungsqualität anhebt: Der Zugang zu präventiven Massnahmen wurde verbessert, Diabetes-Patienten erlernten mit der Unterstützung

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von Dolmetschern ein optimales Umgehen mit der Therapie, Patientin- nen einer Poliklinik waren zufriedener mit der Qualität der Kommuni- kation, wenn Dolmetscher das Gespräch mit dem Arzt unterstützten (Jacobs et al. ; Tocher und Larson ; Bischoff et al. ). Ein Arzt der Universitätsfrauenklinik Basel schildert Folgendes aus seinem Alltag: «Unsere Türkisch-Dolmetscherinnen sind hervorra- gend, meiner Meinung nach. Sie sind ein sehr gutes Bindeglied. Sie ver- stehen die türkische Denkweise, sind aber schweizerisch genug, um auch zu verstehen, wenn es zu Spannungen kommt beziehungsweise zu Unverständnis von beiden Seiten. Es braucht auch die Fähigkeit, sich die beiden unterschiedlichen kulturellen Gesichtspunkte bewusst zu ma- chen. Und es gibt Frauen, die machen das extrem gut. Sie sind Türkin- nen, durch und durch, hat man den Eindruck, sind aber trotzdem auch Schweizerinnen. Das Konfliktpotenzial, welches das normalerweise in sich hat, lösen sie perfekt auf. Sie verstehen beide Seiten. Sie bringt mir die Sicht einer türkischen Patientin so nahe, dass ich sagen kann: Ah ja, deswegen. Sie macht das so gut, dass es auch für diese türkischen Pa- tientinnen akzeptabel wird.» Etwas wird aus diesem Fallbeispiel schnell klar: Dolmetscher übersetzen nicht nur. Es geht nicht nur um sprachliche, sondern auch um kulturelle Vermittlung, ja auch um Konfliktmediation. 1 Der Arzt umschreibt es anschaulich: Die Dolmetscherin steht zwischen zwei Sei- ten in mehrfacher Hinsicht (Sprachen, Kulturen, Laienperson-Fachper- son). Sie hat Kenntnisse, welche die anderen Beteiligten nicht haben, sie kann mit Spannungen und Konflikten umgehen, sie kann erklären. Die- ser Gesprächsausschnitt ist der Studie, die wir im Rahmen des NFP  durchführten, entnommen. 2 Nach diesem Einblick in die Alltagspraxis einer Klinik stellt sich die Frage, wie Personen in öffentlichen Institutionen auf Diversität und Fremdsprachigkeit reagieren. Wie schätzen sie den Beizug von Dolmet- schern ein, und wie wirkt sich ihrer Einschätzung nach der Einsatz von Dolmetschern in der Patientensituation («Mikro-Ebene»), in Institutio- nen («Meso-Ebene») und in der Gesellschaft («Makro-Ebene») aus?

Fragebogen und Fallstudien Im ersten Teil der Untersuchung ging es darum, mittels eines Fragebo- gens einen möglichst umfassenden Überblick über die gegenwärtigen Praktiken, Erfahrungen und Probleme im Bereich des Dolmetschens, der interkulturellen Vermittlung und der Konfliktmediation im Schul-, Gesundheits- und Sozialbereich sowie bei der Justiz und Polizei in zwei ausgewählten städtischen Agglomerationen zu erhalten. Basel und Genf wurden als vergleichbare Städte gewählt, weil beide einen hohen Anteil an Migranten und Pendlern aus dem nahen Ausland aufweisen.

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Der zweite Teil der Untersuchung hatte zum Ziel, ausgewählte Aspekte von Dolmetscherpraktiken, interkultureller Vermittlung und Konfliktmediation detailliert unter die Lupe zu nehmen. Anhand von Fallstudien untersuchten wir die Elternarbeit in den Schulen in Genf und Basel, das Community Policing in Basel, das Strafverfahren in Ba- sel, die Gefängnismedizin in Genf sowie die Universitäre Frauenklinik in Basel und die Sozialhilfe in Genf, die so genannten CASS (Centres d’action sociale et de santé), wo neben der Sozialhilfe auch die Spitex (soins à domicile) funktioniert. 3 In den Gesundheitsdiensten in Basel und Genf nahmen ver- schiedene Fachpersonen mit Leitungsfunktion an der Umfrage teil. In Basel erhielten wir den Fragebogen von Oberärzten, Spezial- oder Assis- tenzärzten, Leiterinnen von Pflegeteams, Vertretern von medizinisch- therapeutischen Berufen, von Psychologinnen, Sozialarbeitern und Pflegenden zurück. In Genf haben Chefärzte der Kliniken und Leiter von Pflegeteams mehrheitlich den Fragebogen retourniert.

Ausgewählte Ergebnisse Gemäss Schätzungen der befragten Personen sind in Basel % der Kli- entinnen und Klienten der Gesundheitsdienste Migrantinnen und Mig- ranten; in Genf wird geschätzt, dass % der Klientel Migranten sind. Dabei geben die Befragten in Basel an, dass % der Migranten, die zu ihnen kommen, wenig bis keine Kenntnisse der lokalen Sprache haben. In Genf wird dieser Anteil etwas tiefer, auf % geschätzt.

Gelegentlicher Einsatz von Dolmetschern Zur Überwindung von Sprachbarrieren setzen die allermeisten von uns befragten Institutionen, in Basel wie in Genf, Dolmetscherinnen und Dolmetscher ein. Sie tun dies aber unterschiedlich oft. In Basel geben % der Befragten an, dass sie regelmässig auf Dolmentscherdienste zu- rückgreifen, in Genf ist dieser Anteil mit % etwas tiefer. Der grosse Teil der Befragten gibt an, gelegentlich und unregelmässig Dolmetscher- dienste einzusetzen (in Basel beträgt der Anteil %, in Genf %). In Basel setzen % der Befragten nie Dolmetscher ein, in Genf beträgt die- ser Anteil %. Wie wird der Nichteinsatz von Dolmetscherdiensten be- gründet? Am häufigsten damit, dass kein Bedarf für diesen Dienst be- stehe (in Basel begründen dies so %, in Genf ist diese Begründung mit % häufiger). Ein weiteres Argument für den Nichteinsatz sind fehlen- de finanzielle Ressourcen (% in beiden Städten).

Seltener Einsatz von interkulturellen Vermittlern und Mediatoren Die Institutionen ziehen in ihrer Arbeit weit weniger häufig interkultu- relle Vermittlerinnen und Vermittler bei. Nur % der Befragten ziehen

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sie regelmässig bei, % greifen gelegentlich auf sie zurück, während % nie davon Gebrauch machen (in Genf sind es %, % und %). Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Konfliktmediation: In Basel geben % der Befragten an, regelmässig Mediatorinnen und Mediatoren beizuzie- hen, % tun dies gelegentlich und % nie (in Genf sind es %, % und %). Sowohl interkulturelle Vermittlung wie Konfliktmediation sind in den Gesundheitsinstitutionen demnach noch relativ selten anzutreffen. Dabei decken sich die Angaben aus beiden Städten weit gehend. Im Folgenden konzentrieren wir uns auf die Arbeit der Dolmet- scherinnen und Dolmetscher, nicht weil sie wichtiger als die interkultu- relle Vermittlung und die Konfliktmediation wäre, sondern weil – neben der erwähnten Tatsache, dass selten spezifische interkulturelle und Konfliktvermittler beigezogen werden – Dolmetscher in der Praxis ge- mäss unseren Studienergebnissen häufig auch interkulturell und gele- gentlich (wenn auch selten) in Konfliktsituationen vermitteln.

Organisation und Regelung des Einsatzes von Dolmetschern In den meisten von uns befragten Institutionen ist die Zusammenarbeit mit Dolmetscherinnen und Dolmetschern nicht einheitlich geregelt. Die befragten Personen geben mehrheitlich an, dass in ihrer Institution keine schriftlichen Vorgaben zum Dolmetschereinsatz vorhanden seien (% in Basel, % in Genf), oder dass sie nicht wissen, ob solche Richt- linien existieren (% bzw. %). Das Beiziehen von Dolmetschern, zwecks besserer Verständigung mit Fremdsprachigen, scheint vielerorts im Ermessen der einzelnen Fachperson zu liegen. Auch die konkrete Organisation der Dolmetschereinsätze wird nicht einheitlich gehandhabt. Ungefähr ein Viertel der Befragten gibt an, dass in ihrer Institution eine zentrale Koordinationsstelle die Aufga- be übernehme, Dolmetschereinsätze zu organisieren. Die übrigen Be- fragten nennen verschiedene Möglichkeiten, wie ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Dolmetscherdienste organisieren: Am häufigsten wen- den sie sich an fremdsprachige Arbeitskollegen und bitten diese, zu übersetzen (Basel %, Genf %). Als weitere Möglichkeit bestehen in einigen Institutionen Telefonlisten von Dolmetscherinnen und Dolmet- schern, die bei Bedarf beigezogen werden können (Basel %, Genf 25%). Manchmal kontaktieren die Mitarbeiter auch Organisationen, die Dol- metscherdienste vermitteln (Basel %, Genf %), oder wenden sich di- rekt an Dolmetscher, mit denen sie bereits zusammengearbeitet haben. Eher selten wenden sich Mitarbeiter an ihre Vorgesetzten, wenn sie ei- nen Dolmetscher beiziehen möchten. Insgesamt zeigt sich, dass Mitar- beiter in Institutionen ohne zentrale Koordinationsstelle viel Eigenini- tiative und Zeit investieren müssen, um einen Dolmetscheinsatz zu organisieren. Da vielerorts keine schriftlichen Vorgaben existieren, sind

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die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dabei weit gehend auf sich ge- stellt. Im Klinikalltag, der zunehmend von Zeitdruck geprägt ist, dürfte es für das medizinische Personal nicht einfach sein, neben ihren eigent- lichen Pflichten Zeit zu finden, um dieser Aufgabe gerecht zu werden. Ein beträchtlicher Anteil der Befragten möchte denn auch öfters auf Dolmetscherdienste zurückgreifen können (Basel %, Genf %).

Auswirkungen der Zusammenarbeit mit Dolmetschern In zweiten Teil des Fragebogens schätzen die befragten Personen mit Leitungsfunktionen ein, wie sich die Zusammenarbeit mit Dolmetsche- rinnen und Dolmetschern auswirkt, a) im direkten Patientenkontakt, b) in Institutionen und c) auf gesellschaftlicher Ebene. Es fällt auf, dass die Befragten die Wirkung von Dolmetschern zum grössten Teil positiv beurteilen. Rund % der Befragten stimmen der Aussage zu, Dolmetschen verbessere die Verständigung. Ähnlich hoch liegt die Zustimmung bei der Aussage, dass Dolmetscher besser informieren. Am kritischsten beurteilen die Befragten aus Basel die Aussage, der Beizug von Dolmetschern stärke die Selbstständigkeit von Migrantinnen und Migranten. Dies ist der einzige Punkt, bei dem die Befragten aus Genf eine deutlich andere Meinung vertreten. In Basel finden % der Befragten nicht, dass Migranten dank Dolmetscher- diensten selbstständiger würden; in Genf sind % der Befragten dieser Ansicht. Demzufolge wird das Potenzial der Vermittlungstätigkeit von Dolmetschern im Hinblick auf eine grössere Selbstständigkeit von Mig- ranten in Basel weit weniger positiv als in Genf eingeschätzt. Bei der Einschätzung zu den negativen Wirkungen des Dolmet- schens stimmen die Antworten aus Basel und Genf weit gehend überein. Eine Minderheit der Befragten befürchtet eine Allianz zwischen Patient und Dolmetscher, das heisst eine gewisse Nähe, von der die Gesund- heitsfachperson ausgeschlossen ist. Zur Wirkung der Dolmetscherarbeit auf Institutionsebene zeigt sich, dass über % der Befragten in Basel und Genf der Meinung sind, dass das Dolmetschen die Qualität der Dienstleistungen verbessere. Die übrigen positiven Wirkungen schätzen die Führungspersonen aus Basel etwas kritsicher ein als ihre Kollegen in Genf. In Basel sind nur % der Meinung, dass Dolmetscher den Austausch zwischen Fachper- son und Migrant verbessern. Auch die negativen Wirkungen erhalten in den Einschätzungen aus Basel mehr Gewicht. Vor allem weniger Flexi- bilität und geringere Effizienz im Arbeitsalltag werden als negativen Auswirkungen von Dolmetscheinsätzen genannt. Die finanzielle Belas- tung des Budgets durch Dolmetscherarbeiten wird in Basel wie in Genf nur von einer kleinen Minderheit, von bis % der Befragten, als nach- teilig eingeschätzt.

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Am meisten Zustimmung finden die Aussagen, dass Migranten dank dem Beizug von Dolmetschern ihre Rechte besser kennen und sich besser in den hiesigen Verhältnissen orientieren können. Darin ist man sich in Basel wie in Genf einig. Weniger als % Zustimmung erhalten hingegen die Aussagen, der Dolmetschereinsatz unterstütze ein aktive- res Verhalten auf Seiten der Migrantinnen und Migranten und reduzie- re längerfristig die Kosten für Dienstleistungen, die sie beziehen. Die Mehrheit der Befragten bezweifelt eine solche Wirkung oder enthält sich eines Urteils. Die Aussage, der Beizug von Dolmetschern demotiviere Mig- ranten, die lokale Sprache zu lernen, findet in Basel deutlich mehr Zu- stimmung als in Genf. Insgesamt gesehen beurteilen die Befragten aber auch die Wirkungen auf gesellschaftlicher Ebene überwiegend positiv. Dabei fällt auf, dass bei den Fragen nach der gesellschaftlichen Wirkung bis zu % der Befragten nicht geantwortet oder die Antwort «weiss es nicht» gewählt haben. Insbesondere bei der Frage, ob der Einsatz von Dolmetschern langfristig Kosten senkend wirke, wagten viele keine schlüssige Antwort.

Fallstudie CASS, Centres d’action sociale et de santé In den Genfer Sozialhilfezentren, den CASS, gibt es keine zentrale Orga- nisation von Dolmetschereinsätzen. 4 Die Mitarbeiterinnen und Mitar- beiter müssen den Dolmetscherbeizug bei Bedarf selbst organisieren. Dazu berechtigt sind Sozialarbeiter und Pflegefachpersonen, nicht aber Mitarbeiter der Administration oder Pflegehilfen. Vor allem im Spitex- bereich (soins à domicile) übersetzen häufig Angehörige der Klientel oder mehrsprachige Mitarbeiter, die meist dem Hilfspersonal angehö- ren. Spitex-Mitarbeiter greifen kaum auf Dolmetscher zurück, weil sie befürchten, Klienten würden den Beizug eines Dolmetschers bei der Pflege zu Hause als Einmischung in ihre Privatsphäre empfinden. Die Spitex hätte eigentlich Zugang zum offiziellen Dolmetscherdienst, macht davon jedoch kaum Gebrauch. Beim Sozialdienst ist der Zugang zum offiziellen Dolmetscherdienst nicht formalisiert, und der Beizug von Dolmetschern ist entsprechend selten. Während bei der Spitex vor allem für die Bedarfsanalyse und Planung der Betreuung Übersetzungs- arbeit nötig wäre, ginge es bei der Sozialhilfe meist darum, die Klientel über ihre Anspruchsberechtigung und Pflichten gegenüber der Sozial- hilfe zu informieren. Viele Interviewteilnehmer betonen die Wichtigkeit von Dolmetschern, ziehen sie in Wirklichkeit aber kaum bei. Das offizielle Beiziehen von spezifischen Personen für die inter- kulturelle Vermittlung ist nicht üblich: Zum Teil wird von beigezogenen Dolmetschern interkulturelles Vermitteln erwartet und geleistet. Punk- tuell versuchen auch CASS-Mitarbeiter oder Angehörige von Klienten

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interkulturell zu vermitteln. Gelegentlich sehen sich Sozialarbeiter selbst als interkulturelle Mediatoren. Interkulturelle Vermittlung wird am ehesten dann erwähnt, wenn es darum geht, den Klienten die Sicht der Institution näher zu bringen. Fachpersonen den kulturellen Hinter- grund der Klienten verstehen zu helfen, scheint zweitrangig zu sein. Hinsichtlich der Konfliktmediation sind bei der Sozialarbeit oder in der Spitex die Bedingungen grundsätzlich verschieden: Die Spi- tex arbeitet im Auftrag des Arztes im Privatraum von Patienten und passt sich ihnen deshalb an. In der Sozialarbeit muss sich der Klient den Regeln des CASS anpassen, wenn er Hilfe erhalten will. Als Konflikt- gründe werden genannt: Uneinigkeit über Art, Ausmass und Anrecht auf Hilfe, frustrierte Erwartungen von Klienten, Verdacht auf Diskrimi- nierung, Missachtung der CASS-Regeln, unterschiedliche Vorstellun- gen von Genderrollen. Auch die Konfliktstrategien unterscheiden sich. In der Sozialarbeit intervenieren hierarchisch Administratoren, Sektor- verantwortliche oder Sozialarbeiter, wenn nötig mit Dolmetschern. Wenn Konflikte eskalieren, kann die Polizei beigezogen werden, um die Situation zu beruhigen. In der Spitex lösen die Pflegenden und Pflege- hilfen die Konflikte selbst, da sie vor Ort ihren Betreuungsauftrag er- füllen wollen. Was in der Umfrage unter den Personen mit Leitungsfunktio- nen im Gesundheitsbereich offenkundig wurde, zeigt sich auch im So- zialbereich der CASS: Unter den Vermittlungstätigkeiten wird einzig das Dolmetschen häufig wahrgenommen, weniger die interkulturelle Ver- mittlung und die Konfliktmediation. Hingegen arbeiten die Dolmet- scherinnen und Dolmetscher im Gesundheits- wie im Sozialbereich auch interkulturell vermittelnd, wenn die Bereitschaft oder Aufforde- rung von Fachpersonen gegeben ist. Eine Fachperson (aus der Frauen- klinik in Basel) schildert dazu ihre Beobachtung: «Von den Dolmetsche- rinnen gibt es eine, die einfach direkt Satz um Satz übersetzt. Man merkt, sie ist ganz textgetreu. Da finde ich persönlich, dass es nicht so gut klappt, wie bei denen, die etwas ausführlicher übersetzen. Ich habe den Eindruck, dass es besser funktioniert, wenn jemand interkulturell vermittelt, als wenn er einfach wortgetreu übersetzt. Ich finde, dass man das Ziel besser erreicht.»

Zusammenfassende Bemerkungen Nach Einschätzung der befragten Personen spricht in Genf im Schnitt jeder siebte Patient bzw. jede siebte Patientin die lokale Sprache unge- nügend oder gar nicht, in Basel jeder bzw. jede sechste. In der Befragung äussern sich die Führungspersonen jedoch weit gehend positiv über die Zusammenarbeit mit Dolmetscherinnen und Dolmetschern. Vor allem auf den Ebenen des Patientenkontakts und der Institutionen schätzen

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sie die Wirkung der Dolmetscherarbeit als nützlich ein. Nach Ansicht der meisten Befragten verbessert der Beizug von Dolmetschern die Pa- tienteninformation sowie die bessere gegenseitige Verständigung und optimiert die Qualität der Dienstleistung. Die Umfrageergebnisse zeigten ferner, dass die organisatori- schen Strukturen für den Dolmetschereinsatz vielerorts nur minimal vorhanden sind. Entsprechende Richtlinien liegen meist nicht vor. Aus- serdem verfügt nur eine Minderheit der Institutionen über eine zentra- le Koordinationsstelle, die Dolmetschereinsätze organisiert. In der Pra- xis besteht also eine Diskrepanz zwischen dem wahrgenommenen Bedarf und der positiven Einschätzung von Dolmetscherarbeit und den oft nur minimal ausgebauten organisatorischen Strukturen, die einen effizienten Einsatz von Dolmetschern gewährleisten würden. Es ist an- zunehmen, dass ohne solche Strukturen der Beizug von Dolmetschern unkoordiniert abläuft und für die betreffenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen zusätzlichen Aufwand bedeutet, der bei einem engen Zeitbudget schwierig zu bewältigen ist.

Diskussion Angesichts dieses Ergebnisses stellt sich die Frage, was verantwortliche Führungspersonen davon abhält, dem Bedarf entsprechende organisa- torische Strukturen zu schaffen, um den Einsatz von Dolmetschern ef- fizient und koordiniert zu gestalten. Zwei Drittel der Befragten gaben gar keine Gründe für den Nichteinsatz von Dolmetschern an. Die Übri- gen nannten als Gründe den fehlenden Bedarf an Dolmetscherarbeit und die fehlenden finanziellen Ressourcen. Diese Antworten lassen un- terschiedliche Interpretationen zu. Es ist möglich, dass Führungsperso- nen die Verständigungsschwierigkeiten mit fremdsprachigen Klienten zwar wahrnehmen, aber nicht für ein Problem halten, dessen Lösung sie als Führungsaufgabe betrachten. Für diese Deutung spricht der Um- stand, dass das Beiziehen von Dolmetschern scheinbar vielerorts der Initiative der Mitarbeiter überlassen wird. Eine andere Interpretation wäre, dass Führungspersonen und Mitarbeiter Verständigungsschwie- rigkeiten für ein Problem halten, das fremdsprachige Migrantinnen und Migranten im Grunde selbst zu lösen haben. Für diese Deutung spricht die vor allem in Basel genannte Annahme, der Dolmetscherdienst wür- de Migranten daran hindern, die lokale Sprache zu lernen. Neben diesen Überlegungen erklärt vielerorts wohl auch die Macht der Gewohnheit die Diskrepanz von positiver Einschätzung und fehlendem Rückgriff auf Dolmetscherdienste. Wenn es bis jetzt ohne ef- fizient organisierte Dolmetschereinsätze gegangen ist, weshalb sollte man daran etwas ändern? Es mag die Macht der Gewohnheit sein, dass viele Mitarbeiter in den Institutionen, wo unregelmässig oder nie mit

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Dolmetschern gearbeitet wird, daran gewöhnt sind, bei der Betreuung fremdsprachiger Patientinnen und Patienten Qualitätseinbussen in Kauf zu nehmen.

Fazit Angesichts der zunehmenden heterogenen Klientel der Gesundheits- dienste und aufgrund unserer Umfrageergebnisse empfehlen wir einen Bruch mit der Macht der Gewohnheit und die Förderung der interkultu- rellen Kompetenz von Institutionen. Dabei ist die interkulturelle Kom- petenz von Vermittlern (Dolmetscher und Konfliktmediatoren inklusi- ve)daseine.DasandereistdiezuschaffendeKompetenzbeiMitarbeitern, die über einen Mittler mit Klienten zu kommunizieren und zusammen- zuarbeiten haben. So, und erst so, entsteht ein Dialog zu dritt, oder, wie wir diese neue triadische Konstellation programmatisch nennen wol- len, ein Trialog, in dem drei Personen miteinander kommunizieren: Pa- tient, Fachperson und Mittler.

Résumé

Les personnes que nous avons interrogées estiment qu’à Genève, en moyenne une patiente ou un patient sur sept ne parle pas suffisamment ou pas du tout la langue locale, à Bâle une ou un sur six. En même temps, les cadres interrogés se déclarent largement satisfait(e)s de la col- laboration avec des interprètes. En particulier au niveau du contact avec les patient(e)s et au niveau de l’institution, ils considèrent le travail des interprètes omme utile. D’après la plupart des personnes interro- gées, l’intervention d’interprètes améliore le niveau d’information des patient(e)s; la meilleure compréhension mutuelle améliore quant à elle la qualité des prestations. Il ressort également de l’enquête que les struc- tures organisationnelles permettant l’intervention d’interprètes ne sont souvent que rudimentaires. Il n’y a généralement pas de directives en ce sens. Seule une minorité d’institutions dispose d’un propre centre de coordination qui organise l’intervention des interprètes. En somme, il y a dans la pratique un fossé entre le besoin ressenti et l’évaluation positive du travail des interprètes d’une part, et les règles et structures souvent rudimentaires d’autre part.

Anmerkungen

1 Nach Saladin et al. (2006, 91ff.) lassen sich die drei Tätigkeiten als Berufskatego- rien wie folgt unterscheiden: Dolmetscherinnen und Dolmetscher sind Fach- personen mit perfekter Kenntnis der eigenen Muttersprache und einer oder meh- rerer Fremdsprachen. Sie beherrschen die notwendigen Dolmetschertechni- ken, um eine gesprochene Botschaft mündlich von der Ausgangssprache in die Zielsprache zu übertragen. Interkulturelle Vermittlerinnen und Vermittler in-

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formieren adressatengerecht Migranten und Fachpersonen öffentlicher Dienst- leistungen über kulturelle Besonderheiten, über unterschiedliche Regeln des politischen oder des Sozialsystems und über unterschiedliche Umgangsformen. Damit bauen sie Brücken zwischen den Migranten und den Bildungs- oder Beratungseinrichtungen und sorgen dafür, dass Unklarheiten zwischen Exper- ten und Laien keinen Raum haben. Mediatorinnen und Mediatoren schliesslich werden nach einem Konfliktausbruch eingeschaltet. Sie sind interessenunab- hängig, den Parteien gleichermassen verpflichtet und unterstützen die Beteilig- ten darin, ihren Konflikt durch Verhandlungen fair und einvernehmlich zu lösen. Sie vermitteln ohne Entscheidungsmacht.

2 Die NFP-51-Studie «Trägt die interkulturelle Mediation zur Inklusion bei? Strate- gie und Praxis im Vergleich zwischen den Bereichen Gesundheit, Erziehung, Soziales und Justiz» wurde von Alexander Bischoff, wissenschaftlicher Mitarbei- ter am Institut für Pflegewissenschaft der Universität Basel, und von Janine Dahinden, Professorin der Universität Neuchâtel (Schweizerisches Forum für Migrations- und Bevölkerungsstudien (SFM) und „Maison d’analyse des proces- sus sociaux“ MAPS) geleitet. Als Forschende an der Studie mitgewirkt haben Antoinette Conca-Zeller, Igor Rothenbühler, Elisabeth Kurth und Chantal Delli. Neben einer Reihe von wissenschaftlichen Artikeln ist ein Materialienband des Projekts erschienen, der beim Projektleiter bezogen werden kann.

3 Wir führten die Umfrage zwischen März und November 2004 durch. In den zwei Städten Basel und Genf wurden alle Institutionen angeschrieben, die gesund- heitliche Grundversorgung anbieten, das heisst Spitäler und ambulante Dienste der Regelversorgung.

4 Für dieses Teilprojekt war Igor Rothenbühler verantwortlich. Der Text dazu (La médiation interculturelle dans les Centres d‘action sociale et de santé) wurde nicht publiziert, er kann aber bei der Projektleitung als unveröffentlichtes Manuskript bezogen

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