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Die Mannhardtsche Turmuhr

des Freisinger Rathauses


An die Zeiten, als den Freisingern noch zu jeder kenschlag. Das Gehwerk ist mit der sog. Mann-
Viertel- und vollen Stunde die Glocken des Rat- hardtschen Stiftenhemmung versehen.
hausturms der Freisinger Rathausuhr schlugen,
erinnert dieser Uhrenschrank aus Holz mit seiner Firma Mannhardt:
wertvollen Mechanik, der anlässlich des Rathaus- Johann Mannhardt, 1798 auf dem Einödhof Bürst-
jubiläums 2005 fachmännisch restauriert wurde. ling bei Gmund am Tegernsee geboren, revolutio-
Der Uhrenschrank mit dem Werk wurde 1905 im nierte zwischen 1826 und 1878 den Großuhrenbau
Dachgeschoss des Rathauses aufgestellt. Die und sicherte Deutschland, das schon einmal im 16.
schweren Ausgleichsgewichte wurden über Rollen Jahrhundert auf diesem Gebiet führend war, er-
bis zum Deckenfirst geführt und über lange Seile neut eine Spitzenposition in Europa.
(12m) und Ausgleichswellen wurde der Impuls der Als Bürger, Großuhrmacher und Mechaniker sie-
Schlagwerke zu den Glocken im Turm über dem delte der junge Uhrmacher 1826 nach München
großen Sitzungssaal geleitet. (mit damals 67.000 Ein-
Leider sind die Glocken seit wohnern) über und richtete
der Ausserbetriebnahme in zunächst außerhalb der Stadt
den 70er Jahren nicht mehr seine Werkstätte ein. 1833
vorhanden. Das hier zu se- stellte Mannhardt die Turmuhr
hende Ziffernblatt diente le- für die protestantische
diglich dem Uhrenaufzieher Matthäuskirche her, 1842
als Kontrolle. Von diesem folgte die Frauenkirche. Nun
Werk ging ein langes Gestän- war Mannhardt bekannt und
ge für die Zeigerleitung zu der lieferte Uhren für den Stadt-
eigentlichen und auch heute turm in Winterthur, Normal-
noch zu sehenden beleuchte- uhren für Nürnberg und Augs-
ten Rathausuhr, die an der burg sowie für die Bahnhöfe in
oberen Giebelseite zum Mari- Zürich und München. Die
enplatz angebracht war und Zeigerleitung für die Münch-
auch heute noch ist. ner Bahnhofsuhr erreichte
Das tägliche Uhrenaufziehen dabei 450 Fuß (ca. 160m). Bis
und Überwachen war eine 1852 hatte Mannhardt mehr
verantwortungsvolle Tätigkeit. als 200 Turmuhren gebaut
Jeden Tag mussten die Ge- und 50 umgearbeitet, dabei
wichte und die Werke aufge- versuchte er stets den Uhren-
zogen, die Kontrolluhr vergli- bau zu vereinfachen und zu
chen und oftmals die Werke, präzisieren. Später ging der
Zapfen, Rollen und Büchsen Ruf Mannhardts um die ganze
geputzt und evtl. geschmiert Welt. Von 1826 bis zur
werden. Firmenaufgabe 1926 lieferte
die königliche Uhrenfabrik
Uhrenbeschreibung: über 5000 Turmuhren in das
Die Freisinger Turmuhr, gesamte westliche Europa,
Baujahr 1905 im Original- aber auch nach New York,
holzschrankgehäuse, besitzt ein braunrot gefass- Chile und sogar Indien.
tes Gußgestell, gold gehöht. Das Kontrollziffern- Selbst der bayerische Staat warb 1853 in den
blatt ist aus Messing, die Uhr hat einen Scheren- Kreisamtsblättern für die Turmuhren der Firma.
gang und schlägt alle Viertelstunde mit einem "Bei den Turmuhrfabrikanten J. Mannhardt in Mün-
(seltenen) Doppelschlag (bim-bam) und zu jeder chen werden dermalen die neuesten, besten, ein-
vollen Stunde. Das Pendel ist vor der Uhr aufge- fachsten und leicht zu behandelnden Turmuhren
hängt und besitzt im obersten Teil ein Loch in der ausgeführt ... die Uhren besitzen die Einrichtung,
Pendelstange. Falls die Pendelfeder reisst, kann daß dieselben statt am oberen Teile des Turmes
das wertvolle Pendel nicht herunterfallen. Die Be- ganz unten aufgestellt werden können, wo der
wegung des Pendels und der Antrieb der Zeiger ist Turm am ruhigsten, die Temperatur am gleichmä-
getrennt. Ein eigenes Zeigerlaufwerk besorgt ßigsten und der Weg zum Aufziehen am nächsten
gleichzeitig die Auslösung der drei Schlagwerke. ist ... auch während des Aufziehens gehen sie un-
Ein sog. Gegengesperr mit Gewichten muss beim unterbrochen fort und können ohne Zerlegung
Aufziehen in Gang gesetzt werden, ein externer auch von der unkundigsten Person geputzt wer-
Windfang dient dem Schwungausgleich beim Glok- den.“

© 2005, Stadtarchiv Freising