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Christian Spließ

In <Multi>-Medias
Res
Von Medien und Meinungen

Vorwort
Im Anfang war der Name. Und eine Anfrage von Horst von Allwörden, ob ich nicht willens
und fähig sei einmal in der Woche für das Online-Magazin <Zauberspiegel> eine Kolumne
zu schreiben. Über Multimedia, Social Media, über Serien - kurz, über alles was mit Medien
im weitesten Sinne zu tun hat. Nach einer Bedenkzeit sagte ich schließlich zu, denn es
erschien mir durchaus reizvoll, Themen in einem phantastischem Online-Fanzine zu
behandeln, die so in der Form sicherlich keinen Platz in einem anderen gefunden hätten.

Blättert man auf der Webseite ganz zurück, also bis zum Anfang, dann wird man
feststellen: Der Name der Kolumne bestand schon vor dieser Anfrage und diente
verschiedenen Autoren als Sammelbecken für Medienthemen. Meine erste Kolumne
erschien dann am 12.09.2014 und beschäftigte sich mit der Buchkultur und Tweetups, die
damals relativ neu als Format der Vermittlung waren. Seitdem scheibe ich Woche für
Woche - mal mehr, mal weniger pünktlich freitags erscheinend - über Medien, Internet,
neue Formate der Kulturvermittlung … Wobei sich das Themespektrum der Kolumne stark
erweiterte. So findet sich auch ein Artikel über die Diätkultur zwischen all den Texten über
Filme oder Serien und manch andere Texte scheinen mit dem ursprünglichem Titel der
Kolumne nicht unbedingt was zu tun haben. Der Focus aber sind und bleiben die Medien,
das Fandom und manchmal die etwas unbequemen Fragen darüber, ob diese oder jene
Entwicklung wirklich zielführend ist.

Wer über technische Entwicklungen und das Internet generell schreibt, der schreibt nicht
für die Ewigkeit sondern für den Augenblick. Deswegen sind hier in diesem Band die
Kolumnen versammelt, die die Zeiten hoffentlich etwas überdauern werden, die zentrale
Themen ansprechen und die auch heute noch gültig sind. Die vor allem Dingen auch
Etwas zu sagen haben.

Ich bedanke mich beim Team des Zauberspiegels und besonders bei Horst von Allwörden,
der stets mit großer Güte meine ab und an auftauchenden Verspätungen toleriert und der
bisher nie - wirklich nie - sagte: <<Dieses Thema geht aber ganz und gar nicht.>>

Duisburg, 29.08.2019

Christian Spließ
<<Die allerste Kolumne>>: Tweetups und Bookups:
Kultur auf die Hand
Da lassen sich Leute in einen Buchladen einschließen für mehrere Stunden, machen
Photos, lesen sich gegenseitig was vor und bringen das Erlebnis dank Smartphones und
Social Media direkt ins Netz. Verrückt. Wo doch jeder weiß, dass der Buchhandel
momentan arg mit dem Umbruch durch das Internet und Co. kämpft, kein Tag vergeht an
dem nicht in irgendwelchen Branchenblättern der böse Feind namens Amazon angeknurrt
wird oder in dem versucht wird ein Produkt zu lancieren, dass aber mindestens so cool ist
wie das von Amazon.

Oder von Apple. Was dann dabei herauskommt sieht man ja schön, wenn man sich ein
eBook von der Seite Libreka herunterladen möchte... Also wenn man Glück hat und man
bleibt länger eingeloggt und wird nicht dauernd von anderen Umständen genervt, dann
kann man tatsächlich eBooks von der Libreka-Seite herunterladen. Habe ich gehört.

Verrückt ist auch, wenn Kulturbetriebe Leute einladen damit diese live von einer
Aufführung twittern. Ihre Eindrücke über das Ganze per Internet verbreiten. Das
widerspricht doch eigentlich dem Sinn einer Aufführung: Man soll doch mit allen Sinnen
Kunst und Kultur und Bücher genießen und nicht gleichzeitig mit Smartphones kurze Texte
tippen oder Photos auf Facebook posten. Da geht doch der Genuss vollkommen verloren
könnte man denken und den Kopf schütteln über diese jungen Leute, die irgendwas mit
dem Internet machen. Na ja, die Jugend von heute...

Andererseits: Wir stecken gerade in einem gewaltigen Umbruch, dessen Auswirkungen


wir trotz all dessen was wir bisher kennen und erlebt haben - Musik kommt per Streaming-
Dienst legal auf unsere Rechner? Wie haben wir uns damals noch mit Napster und Kazaa
und eMule - ähm - an natürlich nur legal bereitgestellten Inhalten gelabt, weil - und jetzt
kommt der große Seufzer aus allen Generationen - WIR HATTEN JA NICHTS ANDERES.
Die Musikindustrie ist mit einigen Blessuren aus dem Kampf gegen das Internet
hervorgegangen und ob sie sich ganz erholt ist die Frage - noch wiegen die Streaming-
Einnahmen nicht unbedingt den Verlust von CD-Verkäufen auf, sofern ich das richtig im
Kopf habe. Aktuell scheint allerdings - leider - der Buchhandel genau den Fehler zu
machen, den die Musikindustrie auch macht. Noch heute wird lebhaft darüber gestritten,
was denn nun ein eBook wirklich ist - pragmatischer Ansatz wäre: Ein Text, der auf einem
elektronischen Gerät lesbar ist - und ob eBooks denn wirklich Bücher sind. Vermutlich
haben die Mönche im Mittelalter sich das auch gefragt als sie die erste Gutenberg-Bibel zu
Gesicht bekamen - aber manche meinen ja, man hätte gar nicht erst die Schriftrolle als
Format verlassen sollen... Im zweiten Atemzug wird dann gegen Amazon gewettert, ob zu
Recht oder zu Unrecht sei mal dahingestellt, und Kampagnen wie "Vorsicht Buch"
aufgelegt. CSI-Klebebänder in grellem Gelb in Buchhandlungen sollen also zu mehr
Lesefreude animieren. Na ja. Momentan hat die Agentur gewechselt, vielleicht bekommen
wir dann doch einige bessere Ideen zu dem Thema.

Wobei: Kulturbetriebe und Buchhandlungen um die Ecke haben da bessere Ideen zum
Thema. Sie laden nämlich diejenigen ein, die mit digitaler Neugierde und Spaß an Kultur
dieses ominöse "Neuland" betreten haben und die ihre Leidenschaft fürs Lesen und für
die Kultur von dem einen ins andere Land mitgenommen haben. Die dann diese
Begeisterung mit-teilen und dank der neuen Medien das auch für alle zugänglich und
öffentlich tun. Bookups sind gegenüber den Tweetups, den Treffen von Twitterern zu
einem bestimmten Event, eine recht neue Erfindung, sie übertragen aber genau das
Prinzip der Freude am Lesen für alle in die digitale Welt. Sie stecken an und der kleine
Buchhandel vor Ort kann sich genauer mit seinen Fans verbinden, kann neue Fans
gewinnen und das eben halt nicht nur lokal sondern - soweit das wahrgenommen und
gelesen wird - auch weltweit. Genau diese Art von Ideen sind es eigentlich, die die
Buchbranche fit für das digitale Zeitalter machen. Anstatt mit gelbem Absperrband Leute
abzuschrecken.

Clever und Smart


Oder warum Smart als Begriff etwas überstrapaziert ist

Smart, smart, smart - heutzutage ist ja alles smart. Das fängt von der Uhr an, mit der man
sein Auto entriegeln kann; sofern man das passende Betriebssystem hat. Im Haus ist ein
Smartmeter für den Stromverbrauch eingebaut oder wird eingebaut werden weil das ja
jetzt so sein muss und angeblich die Rechnungen damit total transparent sind. Fragt sich
für wen und was passiert, wenn wirklich mal ein Fehler auftritt.


Wir haben ein smartes Telefon in der Jackentasche dabei, die Kühlschränke versuchen seit
Jahr und Tag Smart zu werden und natürlich kann man mit einem entsprechendem System
auch total praktisch smart mit dem Handy der Wahl die Heizung anwerfen wenn man im
Büro ist. Und klar: Dank entsprechender Zusatzsoftware kann auch der alte Fernseher noch
zu einem Smart-TV umgerüstet werden. Wir sind also umgeben von vielen, vielen bunten
Smarties. Und PR und Reklame sorgen dafür, dass wir ständig neue smarte Produkte
präsentiert bekommen. Toll.
Allerdings: Was ist eigentlich genau die Definition von Smart? Wenn man im Duden nach
Smart schaut hat man zwei Bedeutungen des Wortes. Einmal etwas in die Richtung
gewitzt, clever; die zweite Bedeutung wäre modischer Art: Modische Eleganz, auffallend
auserlesen, fein. (Nebenbei kann man auch gleichzeitig nach, dass "am smartesten"
tatsächlich die ultimative Steigerungsform ist - gelobt sei die Flexibilität der deutschen
Sprache.) Gleichzeitig hat smart aber auch noch eine Bedeutung gewonnen, die noch
nicht im Duden verankert ist - der Technikbezug. Wenn etwas smart ist, dann hat es etwas,
was mit Technik und Moderne zu tun hat. Wie das Smartphone ja kein normales Telefon ist,
es ist halt smart: Es hat technische Funktionen, die weit über das hinausgehen was es
eigentlich nur können sollte.

Nämlich telefonieren. Dazu wurde das Telefon irgendwann mal erfunden, damit man
Gespräche über Distanzen führen kann. Das definiert ein Telefon. Gut, die
Technikweiterentwicklung fügte dann noch die SMS dazu - was uns ja lange Zeit auch
völlig genügte. Okay, wenn das Telefon nicht mehr an einer Schnur hängt und im Flur
angebracht ist, wenn wir uns dann auch nicht mehr mit dem Mondscheintarif rumschlagen
müssen... Unmerklich haben sich nach und nach technische Funktionen angereichert, die
aus dem reinen Telefon an sich ein Gerät machten, dass mehr und mehr um Multimedia-
Knoten für alle Dinge wird. Und seitdem es Siri und Cortana und Co gibt kann man auch
noch das Gefühl haben, dass man kein Telefon mehr in der Hand hat sondern das
Äquivalent einer smarten Sekretärin. In dem Fall würde das Wort an sich auch wieder
stimmen, Sekretärinnen sind in der Regel gewitzt: Schließlich verwalten sie die ganzen
Termine und bearbeiten die Post. Und so.

Im Laufe der Zeit haben also Geräte zusätzliche Funktionen gewonnen, die wir im
normalen Alltag vielleicht nicht immer unbedingt brauchen, aber an die wir uns gewöhnt
haben. Ich lehne es ja permanent ab mit meinem Fernseher zu sprechen, außer diese
verdammte dämliche Kiste hat mal wieder die DVD verschluckt und rückt sie nicht raus aus
dem internen Laufwerk und bei Amazons Echo läuft mein innerer Datenschützer Amok.
Aber natürlich ist Sprache einfacher als wenn man den Rechner anschmeißen und
irgendwas tippen muss. Pardon: Wenn man Siri auf dem iPhone etwas fragt. Es gibt
sicherlich auch sehr nützlich Anwendungen für smarte, von der Sonne aufgeladenen
Jacken - mir fällt zwar jetzt keine ein, aber klar ist auch Basecap mit eingebauten
Lautsprechern sicher total sinnig - wenn man sowas tragen kann. Aber wie man sieht:
Nach und nach sind bei den Dingen, die bisher nur eine Sache konnten und diese sehr gut
neue Funktionen dazugekommen. Manche werden sich eher nicht durchsetzen, manche
schon. Sind sie aber wirklich gewitzt und clever? Oder sind sie einfach nur überkompliziert
und anfällig für Hacker?

Noch sind sie weder gewitzt noch clever. Die Singularität, die Sheldon Cooper aus der
"Big Bang Theorie" ja sehnlichst herbeisehnt und in der Mensch und Maschine
verschmelzen wird nicht so rasch kommen. Clever sind die Geräte nicht, obwohl dazu
schon Ansätze gegeben sind. Etwa wenn mein Smartphone mir sagt, dass es bis zum
nächsten Ziel noch soundsoviele Stunden dauert obwohl ich das gar nicht eingegeben
habe. Schon gruselig. Ansonsten aber sind die Geräte momentan nicht so clever Dinge
von alleine zu tun - was ja eigentlich seit Jahren ein Verkaufsargument für diese smarten
Kühlschränke ist. Wenn die Milch alle wird, funken die den nächsten Supermarkt an und
bestellen automatisch nach. Sehr gruselig.

Nein, die Maschinen und Geräte an sich sind noch nicht so weit, dass sie eigenständige
Entscheidungen für uns fällen können - glücklicherweise. Dafür aber sind sie teilweise vom
Design her sehr elegant, sind auserlesen und fein. Apple ist ja ein Beispiel dafür wie
modische Eleganz bei technischen Geräten aussehen kann und wenn demnächst noch die
SmartWatch kommt wird das wieder mal eine Revolution sein. Wobei sich die Ironie des
Ganzen ja bei der Smartwatch schon zeigt: Sie ist nur wirklich "smart" wenn sie an das
Smartphone der Wahl ankoppelt. Ansonsten funktionieren die ganzen Zusatzfunktionen in
der Regel wohl nicht und sie wird auf das reduziert, was eine Uhr ursprünglich tut: Sie zeigt
nur die Zeit an. Und vermutlich muss man sie jede Nacht wieder aufladen, da der Akku
bestimmt nicht länger hält.

Und ja: Letzten Endes ist natürlich auch die Tatsache, dass je komplexer etwas wird, desto
anfälliger wird es für Fehler und für Leute, die Unfug treiben wollen. Und natürlich kehrt
sich zum Beispiel beim Smartmeter heimlich und leise die Beweislast um: Da die Technik
der Stadtwerke ja unfehlbar ist, können sie sich bei der Abrechnung gar nicht vertun. Ergo
muss letzten Endes ich als Verbraucher irgendwie beweisen, dass ich nicht so viel Strom
verbraucht habe wie man mir nahelegt, dass ich es getan haben soll. Wie genau ich das
dann tun soll ist die Frage: Gegenüber der Technik kann ich das gar nicht. Außer natürlich
der Fehler ist sehr offensichtlich und das Ding fällt mal komplett aus. Falls jemand jetzt
einwendet, das sei vom Gesetzgeber her noch nicht der Fall - was nicht ist, kann noch
werden. Und Hacker werden sicherlich ganz viel Spaß haben wenn alle Geräte im Haus mit
dem Internet vernetzt sind und der Smart-TV mit der eingebauten Kamera beobachtet uns
dann natürlich auch schön brav dabei, wie wir fernsehen, spielen oder eine App nutzen.
Und die gesammelten Daten werden dann zu unserem Besten, nämlich zur
Programmverbesserung für unsere kleinen Echokammern, benutzt und irgendwann sind
dann bestimmte Fernsehkanäle einfach nicht mehr da, weil wir uns die nie angesehen
haben - oder weil sie angeblich nicht für uns von Wert sind. Hallo 1984, wo warst du nur so
lange?

Ich darf hoffen, dass es zu diesen Szenarien erst gar nicht kommt, aber natürlich muss man
wenn man das Eine denkt auch das Andere mitbedenken. (Was übrigens hervorragend die
britische Anthologien-Serie "Black Mirror" macht. Falls jemand RTL Crime empfängt, sie
scheint momentan dort zu laufen.) Wie immer sind wir gefordert uns mit den modernen
Entwicklungen auseinanderzusetzen und unsere jeweils eigenen persönlichen Lösungen
zu finden. Manche nutzen Siri nicht, andere tragen keine Fitnesstracker, wieder andere
verweigern sich den Smartphones komplett. Jedem das Seine. Lassen wir uns aber nicht
kirre machen, wenn demnächst wieder irgendetwas mit dem Zusatz "smart" angeboten
wird sondern schauen wir mal besser genau hin und entscheiden dann, ob wir das wirklich
brauchen. Ich persönlich warte ja dadrauf, dass es endlich den intelligenten Videorecorder
gibt, der Dinge für mich ansieht damit ich das nicht tun muss. Sowas wie das
Dschungelcamp zum Beispiel.

Quantified Self
Ich messe, also bin ich

Verdammt, schon wieder nicht das Tagesziel von 10.000 Schritten erreicht. 


Na schön, ich kann natürlich als Entschuldigung anführen, dass momentan halt wieder eine
dieser intensiven Arbeitsphasen ist an der man halt mehr am Rechner sitzt als sich auf die
Beine macht. Dennoch - ärgerlich ist das schon, schließlich möchte man ja seine Ziel auch
erreichen.

Damit man also fitter wird und sich mehr bewegt kann man sich diverse Geräte anschaffen,
die nicht nur den Schlaf und seine Phasen messen sondern Schritte zählen, einen daran
erinnern dass man mal aufstehen sollte und dergleichen mehr. Quantified Self nennt sich
die Bewegung, die sich ständig optimieren möchte um - um einfach besser zu werden.
Warum sollte man sich sonst optimieren wollen?
In diesem Gedanken steckt natürlich auch eine Gefahr. In einer Gesellschaft, in der der
Mensch schon von der Schule her aus immer mehr in Richtung Wirtschaftskompatibilität
gedrängt wird und man Latein ja nur lernt, damit man später andere Sprachen besser
lernen kann - besonders das Englische, allerdings müsste man ja heutzutage eher
Chinesisch lernen wenn man denn im Wettbewerb mithalten möchte - in dieser
Gesellschaft ist der Zeitgeist von der Optimierung aller Möglichkeiten getrieben. Wir
wollen immer schöner, besser, toller, fitter werden und wenn die Krankenkasse demnächst
noch einige Prämien anbietet wenn wir bestimmte Ziele im Fitsein erreichen ist das ja nur
um so besser! Weil: Wir wissen doch alle, dass ein gesunder Geist in einem gesundem
Körper steckt und wer von uns möchte denn schon gerne krank sein? Natürlich keiner. Die
Tatsache, dass Gesundheit allerdings mehr umfasst als nur die Abwesenheit von Krankheit
spielt natürlich keine Rolle in diesen Betrachtungen.

Ja, natürlich ist im Verlangen alles messen zu wollen - einfach weil wir das mit der Technik
heutzutage können - ein wenig Hybris mit im Spiel. Natürlich schadet es nicht wenn man
einmal seine Gewohnheiten überdenkt und wenn man sich über die Tatsachen im Klaren
ist, die zu diesen schlechten Gewohnheiten führen - allerdings sollte man vielleicht nicht
unbedingt dann sofort ins hysterische Gegenteil verfallen und zum Mess-Evangelisten
werden, der in Hoffnung auf die Erlösung von seinen Leiden ständig auf die erfassten
Daten starrt. Das wäre dann wieder zu viel des Guten.

Zudem ist ja auch immer die Frage: Wem nützt es? Klar, in erster Linie eine selbst wenn
man sich vermisst und wenn man sich optimieren möchte - aber wenn man nicht gerade
mit Bleistift und Radiergummi Buch führt sondern sich auf die moderne Technik verlässt ist
die Frage ja auch, wo die ganzen Daten landen. Dass Firmen sich an Datenschutzgesetze
halten sollte man zwar annehmen - allein wissen wir ja aus der Vergangenheit, dass die es
nicht immer so genau damit nehmen. Wo landen also die Daten über uns, die
Schlafphasen, die Schritte, die Angaben was wir wann wo verzehrt haben? Und was
machen die Firmen damit? Wenn hierzulande schon Krankenkassen danach gieren, dann
könnte es unter Umständen auch sein dass Arbeitgeber sich demnächst vorab neben dem
Lebenslauf auch Zugriff auf einige Daten sichern möchten. Wer möchte schon jemanden
einstellen, der eventuell all zu oft krank wird weil er sich nicht gesund ernährt?

Allerdings sollte man vielleicht auch etwas die Bremse ziehen: Ja, natürlich, das
Selbstoptimieren hat seine Schattenseiten. Unbestreitbar und auf die sollte man auch
aufmerksam machen. Aber darüber hinaus ist es ja tatsächlich je nach Motivationstyp für
den Ein oder Anderen wirklich von Nutzen wenn er per App oder Gerät oder Smartwatch
demnächst einige Hinweise darauf bekommt, wie er sich etwas verbessern kann. Dass
bisweilen dann über das richtige Maß hinausgeschossen werden wird ist klar, wir haben
das als Menschen nun mal so an sich. Und wenn man weiß, dass Daten gesammelt werden
kann man sich überlegen ob der Gegenwert für einen so nützlich ist, dass man den Handel
eingeht. Und jetzt entschuldigt mich: Ich habe noch einige Schritte zu gehen bevor ich
meinen Tageswert erreiche…

Schlag nach bei Goethe:


Storytelling-Vorschläge aus dem Faust

Angeregt durch eine Konversation bei Twitter mit Wibke Ladwig und Anke von Heyl

Bekanntlich gibt es nichts Neues unter der Sonne und alles ist schon mal gedacht worden.
Wissen Storyteller am Besten, die gründen ihr Werk bekanntlich auf Aristoteles und Gustav
Freytag und die Heldenreise. Daher sollte es nicht überraschen, wenn Ratschläge zum
Storytelling auch bei den Klassikern vorhanden sind auch wenn man die nicht immer sofort
als solche sieht.

So überschlägt man in der Regel ja gerne bei Goethes Faust I das Vorspiel auf dem
Theater, außer der Deutschlehrer verlangt eine Interpretation des Ganzen und weist darauf
hin, dass das Programm des Fausts in den letzten Worten des Direktors angelegt ist. Dabei
kleidet Goethe das Dilemma des Storytellers auf eloquente Weise in Worte: Wie schafft
man es Leute zu begeistern? Das will der Direktor wissen, dem natürlich daran gelegen ist
so viele Billetts wie möglich an den Mann zu bringen. Das Unternehmen muss Profit
abwerfen, sonst sind im Endeffekt der Dichter sowohl als die Lustige Person ihren Job los.

Alles neu und bedeutsam


Wie machen wir’s, daß alles frisch und neu

Und mit Bedeutung auch gefällig sei?

Das ist die Grundfrage des Direktors, der spürt was die Menge möchte – allerdings auch
genau weiß, dass man Neues bringen muss um die Menge zu fesseln. Das Problem dabei:
So viel Neues gibt es eigentlich gar nicht. Jede Geschichte beruht auf einem Muster
welches wir kennen. Das ist eine Erkenntnis, die vielleicht erklärt warum gewisse
Romanexperimente der schriftstellerischen Avantgarde scheitern: Sie stellen das
Experiment der Form über das Muster der Geschichte. Dies muss bisweilen auch sein um
den Text, die Sprache weiterzuentwickeln und auszuprobieren bis zu welchen Grenzen der
Erzählstoff gehen kann oder auch nicht. Dabei kann aber wie bei Umberto Ecos “Der
Name der Rose” durchaus die Geschichte – es ist ja nicht das erste Mal, dass eine
Krimigeschichte im Mittelalter erzählt wird – mit “gefälliger Bedeutung” erfüllt werden und
so einerseits demjenigen genügen, der nur die Krimigeschichte lesen will und vermutlich
die ganzen anderen Anmerkungen zu Problemen der Scholastik überblättert. Andererseits
wird sich gerade jemand, der sich für Scholastik und Denkweisen des Mittelalters
interessiert sicherlich weniger für die Krimigeschichte interessieren. Und dann haben wir
noch die Liebesgeschichte zwischen dem jungen Mönch und der unbekannten Frau.
Nichts davon wäre irgendwie neu, aber es ist mit Bedeutung und Gefälligkeit geschrieben.
Dagegen habe ich persönlich immer meine liebe Not und Mühe mich durch James Joyce
“Ulysses” hindurchzulesen, obwohl dessen experimentelle Art und Weise mit Sprache
umzugehen eine Bereicherung für mich als Leser ist. Aber das sieht natürlich jeder wieder
anders – generell bringt der Direktor es im Faust aber von seiner Sicht auf den Punkt:

Ich weiß, wie man den Geist des Volks versöhnt;



Doch so verlegen bin ich nie gewesen:

Zwar sind sie an das Beste nicht gewöhnt

Allein sie haben schrecklich viel gelesen.

Und wer schrecklich viel liest – da klingt bei Goethe eventuell noch die Debatte über die
Lesewut aus vergangener Zeit nach – der kennt natürlich auch entsprechende Geschichten
und hat eine Erwartung an das, was da kommt. Und diese Erwartung, die kann der Direktor
zum ersten Mal seit langem offenbar nicht erfüllen. Wobei: Wir wissen nicht wie das
Programm der Bühne bisher ausgesehen hat. Mag sein, dass Goethe, der ja auch
Theaterdirektor gewesen ist, hier auch ein bisschen sein eigenes Leid in Worte kleidet.

Kunst gegen Kommerz


Was glänzt, ist für den Augenblick geboren,

Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren.

Seufzt der Dichter. Der alte Zwiespalt zwischen Kunst und Kommerz bricht hier auf:
Während der Direktor volle Plätze haben will, träumt der Dichter davon nur der Kunst zu
gehören. Was grell und lärmend daherkommt, das kann ja keinen wahren Wert an sich
besitzen – nur das Echte, das, was wirklich die Grundfesten unserer Persönlichkeit anrührt
und diese verwandelt, das hat Bestand. Erstaunlich aktuell das Ganze: Wer sich nämlich
mit Storytelling befasst wird genau in diesen Zwiespalt reintappen und vermutlich auch
sein Leben lang sich fragen, ob er eher mit Marketing und Werbung seinen
Lebensunterhalt verdient oder ob es nicht doch vielleicht besser ist als Künstler sein Leben
zu fristen. Das ist eine Frage, die jetzt im Laufe des Dialogs rege zwischen Dichter und
Lustiger Person verhandelt wird.

Wer sich behaglich mitzuteilen weiß,



Den wird des Volkes Laune nicht erbittern;

Er wünscht sich einen großen Kreis,

Um ihn gewisser zu erschüttern.

Da spricht die Lustige Person eine Grundwahrheit des Storytellings an: “Behaglich
mitzuteilen” soll man sich, dann findet man auch Gehör. Dieses Behagliche sollte man aber
nicht in die Ecke des Gemütlichen abstellen – behaglich steht hier für angenehm und
befriedigend und unterhaltend. Im Grunde genommen möchte des Volkes Laune
unterhalten werden und je angenehmer man das gestaltet, desto eher erreicht man sie.
Und dann kann man, fährt die Lustige Person ja fort, durchaus auch zu Chören und
Dramatik greifen – wenn man allein auch bedenkt, dass der Mensch halt ein Mensch ist.

Hauptsache Drama!
Moment, unterbricht der Direktor, der mit beiden Beinen auf der Erde steht:


Besonders aber laßt genug geschehn!

Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn. (…)

Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen,

Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.

Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;

Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.

Der Direktor kennt seine Zielgruppe – in diesem Fall sind das wie bei Kulturinstitutionen so
gerne postuliert ja “Alle”. Wer für “Alle” erzählen will, der muss halt ein Ragout anrichten,
dass jedem schmeckt. Hauptsache, so der Direktor, man hat genug zum Sehen, da kommt
es auf Bedeutung an sich gar nicht mehr an. Und irgendwie ertappt man sich als moderner
Mensch im Zeitalter des Fernsehens dabei, dass es etliche Sendungen gibt, die tatsächlich
nach dieser Maxime des Direktors handeln: Viel Dramatik, viele Schauwerte, viel Glitzer
und Glamour. Willst du als Storyteller die Massen bezwingen rät der Direktor – und
arbeitest eventuell im Marketing oder in der Werbung – dann musst du dick auftragen. Da
aber revoltiert der Dichter:
Ihr fühlet nicht, wie schlecht ein solches Handwerk sei!

Wie wenig das dem echten Künstler zieme!

Der saubern Herren Pfuscherei

Ist, merk ich, schon bei Euch Maxime.

“Pfuscherei”! “Handwerk”! Nicht weiter dahinter! Das kann dem wahren Dichter natürlich
nur kränken. Dessen Zielgruppe ist halt eine andere, eine, die durchaus Werte und
Bedeutung sucht und sich nicht von der Oberfläche blenden lässt. Diese Zielgruppe aber –
und das weiß der Direktor auch – ist nur ein kleiner Teil derjenigen, die ins Theater
kommen. Wäre er allein auf diese angewiesen würde sich sein Laden nicht rentieren.
Deswegen kann er auch ruhig entgegnen:

Bedenkt, Ihr habet weiches Holz zu spalten,



Und seht nur hin, für wen Ihr schreibt!

Goethe schon wußte also um die Wichtigkeit von Zielgruppen und des Publikums. Das
scheint heutzutage irgendwie mehr und mehr vergessen zu werden – jedenfalls habe ich
den Eindruck, dass ich dauernd daran erinnern muss, dass die Zielgruppen da und wichtig
sind. Und auch der Storyteller, der nur als Autor, als Künstler lebt sollte sich das
vergegenwärtigen. Beruf versus Berufung – auch diese Frage zieht sich unter der
Oberfläche durch dieses erste Vorspiel des Faust I.

Konfrontation!
Ich sag Euch, gebt nur mehr und immer, immer mehr,

So könnt Ihr Euch vom Ziele nie verirren

Sucht nur die Menschen zu verwirren,

Sie zu befriedigen, ist schwer

Ist der Direktor ein Zyniker oder ein Realist? Bisweilen ist das im Vorspiel so eine Frage – an
dieser Stelle ist er allerdings bitterböse. Gehört sich das denn für einen Storyteller? Das
Mehr und Mehr? Das Aufwerfen von immer neuen Effekten? Müdet das nicht auch im
Laufe der Zeit ab oder führt es nicht sogar dazu, dass der nächste Effekt noch besser,
gigantischer, atemberaubender sein muss als der zuvor? Menschen zu befriedigen
jedenfalls ist eine Kunst, die schwer ist – so der Direktor. Und damit hat er ja Recht: Man
kann es nicht allen Recht tun. Das muss man sich auch stets eingestehen. Für diese
Erkenntnis ist der Dichter allerdings gar nicht zu haben, nach dem kurzen Aufbäumen
vorhin bricht jetzt eine Wutkanonade los:
Geh hin und such dir einen andern Knecht!

Der Dichter sollte wohl das höchste Recht,

Das Menschenrecht, das ihm Natur vergönnt,

Um deinetwillen freventlich verscherzen! (…)

Wer sichert den Olymp? vereinet Götter?

Des Menschen Kraft, im Dichter offenbart.

Kunst gegen Kommerz. Tiefe gegen Höhe. Der Dichter fühlt sich sichtlich an seiner
Berufsehre gekränkt. Da könnte jetzt einer wutschnaubend von der Bühne abtreten wenn
nicht – ja – wenn nicht die Lustige Person eingreifen würde und die Konfrontation in
ruhigere Bahnen lenkt:

So braucht sie denn, die schönen Kräfte



Und treibt die dichtrischen Geschäfte

Wie man ein Liebesabenteuer treibt.

Zufällig naht man sich, man fühlt, man bleibt

Und nach und nach wird man verflochten;

Es wächst das Glück, dann wird es angefochten

Man ist entzückt, nun kommt der Schmerz heran,

Und eh man sich’s versieht, ist’s eben ein Roman.

Den Roman sollte man hier natürlich übertragen verstehen, man seufzte ja in alten Zeiten
auch des öfteren, dass gewisse reale Begebenheiten ein Roman seien – heutzutage hat
sich das ja eher für die Buchform durchgesetzt. Davon abgesehen: Für die Erzählung von
Geschichten stellt die Lustige Person hier durchaus ein Modell auf – eine Geschichte als
Liebesabenteuer, mit Kennenlernphase, Gefühlsentwicklung, Glückserkenntnis,
Anfechtung und Schmerz und das gute Ende. Da findet sich etwas von Aristoteles wieder,
von den verschiedenen Phasen eines Stückeaufbaus aber was Goethe hier noch ergänzt
ist, dass Geschichten emotionaler Natur sind. Und sich Geschichten auch aus dem Leben
ableiten lassen – und für den Faust gilt das sicherlich auch:

Laßt uns auch so ein Schauspiel geben!



Greift nur hinein ins volle Menschenleben!

Ein jeder lebt’s, nicht vielen ist’s bekannt,

Und wo ihr’s packt, da ist’s interessant.

In bunten Bildern wenig Klarheit,

Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit,

So wird der beste Trank gebraut,

Der alle Welt erquickt und auferbaut.

“Ein jeder lebt das Leben, es ist halt nur nicht vielen (in allen Einzelheiten möchte man
ergänzen) bekannt” – als Storyteller besteht ja gerade darin die Faszination für das, was
man tut. Man kann aus dem vollen Menschenleben schöpfen, die Erfahrungen von
anderen Personen weitergeben – und das ist Faszinierende: Man muss diese Erfahrungen
gar nicht unbedingt selbst erlebt haben und dennoch kann man sie weitertragen. Ob die
Lustige Person Recht hat wenn sie meint, dass man die Wahrheit hinter bunten Bildern
verbergen muss? Braucht eine Geschichte wirklich viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit,
damit sie erquicken kann? Vielleicht muss man das Rezept je nach Geschichte und je nach
Gebrauch abwandeln.

Prospekte und Geräusch


Während der Dichter noch einmal – aber etwas weniger heftig als zuvor – aufbegehrt und
sich die Jugend zurückwünscht um mit ihrer Kraft zu schaffen, hält die Lustige Person
dagegen:

Doch ins bekannte Saitenspiel



Mit Mut und Anmut einzugreifen,

Nach einem selbstgesteckten Ziel

Mit holdem Irren hinzuschweifen,

Das, alte Herrn, ist eure Pflicht,

Und wir verehren euch darum nicht minder.

Es gibt eine Zeit, in der man stürmend nach vorne drängt und es gibt eine Zeit, in der man
die Erfahrungen und die Geschichten mit Mut und Anmut erzählt. Tröstlich zu wissen. Es
kommt also darauf an als Storyteller nicht immer das Rad neu zu erfinden sondern den
Stoff so gut wie möglich zu erzählen. In der Tat tröstlich. Natürlich steckt in diesen beiden
Dialogen eine Menge von dem, was Faust als Figur später kennzeichnet und das Stück
auch an sich: Fausts Verlangen nach der Jugend etwa oder die Schlussformel in Faust II,
das Ziel im holen Irrtum angestrebt – “wer immer strebend sich bemüht, den können wir
erlösen”. Deutschlehrer weisen da gerne sicherlich auch noch auf andere Dinge hin, die
relevant für diese Stelle und das Stück sind. Etwa den Schluss des Ganzen, den der
Direktor mit einem sprichwörtlich gewordenen Wort beginnt:
Der Worte sind genug gewechselt,

Laßt mich auch endlich Taten sehn!

Indes ihr Komplimente drechselt,

Kann etwas Nützliches geschehn.

Was hilft es, viel von Stimmung reden?

Dem Zaudernden erscheint sie nie.

Frisch ans Werk also! Man kann viel theoretisieren, aber letztendlich kann man nur durch
das Machen etwas erreichen. “Im Anfang war die Tat” wird Faust später den Beginn des
Johannes-Evangeliums übersetzen. Der Direktor ist halt kein Mann der Theorie, er ist Mann
der Praxis – und irgendwann sollte halt ein Stück auf der Bühne zu sehen sein. Die
Deadline naht, also los:

Was heute nicht geschieht, ist morgen nicht getan,



Und keinen Tag soll man verpassen,

Das Mögliche soll der Entschluß

Beherzt sogleich beim Schopfe fassen,

Er will es dann nicht fahren lassen

Und wirket weiter, weil er muß.

Zum Schluss kommt der Direktor aber noch mal auf das zurück, was er zuvor schon als
“Mehr und Mehr” angebracht hat: Prospekte – nein, nicht die Dinger die man in Briefkästen
heutzutage findet, Prospekte sind die großen Hintergrundbilder auf der Bühne im
Gegensatz zu den Maschinen, die Donner und Blitz hervorrufen. Der Storyteller an sich hat
die Möglichkeit in einem kleinen Bretterhaus, auf wenigen Seiten Papier, in wenigen
Textzeilen die Atmosphäre der Schöpfung einzufangen – allein sollte das nicht zum reinen
Selbstzweck bestehen sondern es sollte in all den vielen bunten Bildern durchaus auch
etwas Klarheit und Wahrheit bestehen. Wenn es gelingt eine Geschichte in dieser Art und
Weise zu erzählen – wenn klar wird, dass der Autor den Leser als “Liebenden” sucht und
das dann mit dem Marketing-Aspekt in Eins fällt – nun – dann hat man wohl das Optimum
an sich erreicht. Doch lassen wir den Direktor komplett noch einmal zu Wort kommen am
Schluss:

Drum schonet mir an diesem Tag



Prospekte nicht und nicht Maschinen.

Gebraucht das groß, und kleine Himmelslicht,
Die Sterne dürfet ihr verschwenden;

An Wasser, Feuer, Felsenwänden,

An Tier und Vögeln fehlt es nicht.

So schreitet in dem engen Bretterhaus

Den ganzen Kreis der Schöpfung aus,

Und wandelt mit bedächt’ger Schnelle

Vom Himmel durch die Welt zur Hölle.

Transmedia Storytelling:
Was ist eigentlich damit passiert?
2010, 2011 war es. Da geisterte das Wort des "Transmedia Storytelling" durch alles
Bereiche des Marketings. Auf einmal machten Fernsehsender wie das ZDF mit "Dinah Fox"
- oder so - auf Geschichten und Geschichenkosmen, namhafte Experten rieten, dass man
Geschichten brauche um überhaupt an den Verbraucher zu kommen. Die Buchverlage
sprangen dankbar auf das Thema auf, weil sie natürlich schon immer transmedial erzählt
haben.

Oder es zumindest behaupteten. Vorne mit dabei allerdings: Die Film- und
Serienindustrie. "Star War" - klar: Transmedial und sowas von. "Star Trek", "Herr der Ringe"
- alles war auf einmal trans- wenn nicht gar hypermedial. Und heute? Was ist heute davon
geblieben? Wird Transmedia Storytelling überhaupt noch eingesetzt?

Zunächst mal: Was ist dieses Transmedia Storytelling eigentlich? Storytelling dürfte klar
sein: Das ist das Erzählen einer Geschichte, meistens orientiert sich diese am Heldenreise-
Prinzip und an den vorgegebenen Schemata, die es so gibt. So richtig neu sind die
Elemente einer Geschichte ja nun nicht und wenn man sich einigermaßen intensiv damit
beschäftigt merkt man halt, dass es diverse Plots gibt und dass man diese in Verbindung
mit der Heldenreise halt nutzen kann. Über die Unterschiede zwischen Story und Plot kann
man sich dann mal im Internet informieren, das geht jetzt etwas zu sehr in die Tiefe.

Transmedia ist dann auch klar: Eine Geschichte wird nicht nur in einem Medium erzählt
sondern sie wird über etliche Medien gespannt. Aber moment - wäre das nicht dieses
Crossmedia von dem die TV-Hersteller ab und an gerne noch reden? Nicht ganz. Bei
Crossmedia geht es in der Regel nur um die Kanäle selbst. Eine Werbebotschaft kann etwa
im Fernsehen, in der Zeitung oder als Youtube-Video daherkommen. Das wäre eine
Botschaft, die in mehrere Kanäle verteilt wird. Das machen heutzutage ja die meisten
Marketingexperten - wobei diese dann vielleicht doch noch darauf achten ob die
Zielgruppe eventuell wirklich bei Youtube rumhängt, sonst verpufft die Botschaft grandios.
Zwar werden auch hier die Kanäle miteinander verbunden, aber bei Crossmedia geht es
nicht um das Erzählen einer Geschichte. Crossmedia ist das, was der Focus online etwa (in
Nicht-So-Gut) macht: Da gibts einerseits den Text zum Lesen, andererseits obendrüber das
Video zur Nachricht.

Transmedia Storytelling unterscheidet sich davon bzw. nutzt verschiedene Kanäle um EINE
Geschichte zu erzählen. So etwas wäre es möglich den Herrn der Ringe einerseits als Buch
vor sich zu haben, dann aber gibt es einen Youtube-Kanal, der die Ereignisse aus der Sicht
von Sam erzählt, in einem Blog protokolliert Gandalf dann zeitgleich was er mit Saruman
geredet hat und wenn man möchte kann man noch aus der Sicht der zu Hause
gebliebenen Hobbits die schleichende Eroberung Hobbingens erleben. Das alles sind
Elemente einer Geschichte - die des Herrn der Ringe. Aber die verschiedenen
Perspektiven werden von verschiedenen Kanälen aus erzählt und als Leser oder Erleber
kann ich jederzeit den Kanal wechseln. Und bin intensiver dabei. Vielleicht gibt es sogar
ein Forum wo ich mich mit anderen Fans austauschen kann und - falls ich die Geschichte
nicht kenne - dann munter drauflos spekulieren kann. Oder mit Fanfiction meine Sicht der
Dinge schildern. Sofern die Rechteinhaber das gestatten.

Es ist kein Wunder wenn damals die Leute der TV- und Film-Branche verzückt aufsprangen
und meinten: "Hier, wir machen dieses Transmedia Storytelling doch schon! Wir haben
den Film, dann den Comic, der die Vorgeschichte erzählt, dann haben wir die Romane, die
alles fortschreiben und wir haben die LEGO-Spielsets dazu!" Gleichermaßen muss man
aber zurückenthusiasmieren und deutlich sagen: "Nein! Was ihr macht ist crossmediales
Erzählen in einem Erzählkosmos, in einer Storyworld. Ihr erzählt nicht eine Geschichte aus
verschiedenen Blickwinkeln - ihr erzählt separate Geschichten in verschiedenen Medien.
Das ist bei Doctor Who zum Beispiel so: Die Romane erzählen jeweils eine
abgeschlossene Geschichte. Die Fernsehserie erzählt abgeschlossene Abenteuer im
Medium Film. Die Spiele erzählen wiederum jeweils für sich eine geschlossene Geschichte
mit der Spielekonsole der Wahl. Diese Geschichten sind zwar durch den größeren
Erzählkosmos von Doctor Who verbunden - aber sie sind nicht EINE Geschichte. Sondern
mehrere."

Nicht, dass ich was gegen Storyworlds habe - also einen großen Kosmos, in dem
Geschichten aller Art spielen können, Shared-World ist vielleicht einigen noch ein Begriff,
das geht in die Richtung. Ich finde Storyworlds großartig, weil man mehr mit ihnen machen
kann als mit der klassischen Heldenreise. Nichts gegen diese, aber sie wird ja ab und an
falsch eingesetzt. Vor allem im Marketing. Aber zurück zum Transmedia Storytelling: Wo ist
das eigentlich abgeblieben? Irgendwie habe ich in den letzten Jahren nicht mehr so viele
Beispiele für diese Art der Erzählkunst gesehen - weder in der Werbung, noch bei
Verlagen - eine Zeitlang haben die ja sehr viel mit Rabbitholes und ARG - Alternative
Reality Games - experimentiert. Dabei waren Fernsehserien wie "ReGenesis" da ganz groß
drin - oder auch "Lost": Neben der aktuellen Handlung konnte man im Internet auf
Spurensuche gehen und Rätsel lösen. Das macht heutzutage offenbar keiner mehr. Spuren
findet man noch bei der BBC - "Doctor Who" oder "Sherlock" - aber ansonsten scheint sich
das Transmediale Erzählen nicht durchgesetzt zu haben.

Merkwürdig: Auch Verlage haben offenbar nach einigen Experimenten kapituliert. Man
verbleibt was die Promotion von Büchern anbelangt dann gerne beim Üblichen.
Manchmal blitzt noch so eine Art Transmedia auf, wenn eine Vorgeschichte in einem Blog
erzählt wird oder es Ansätze von ARG gibt. Aber ansonsten: Leere. Wildnis. Öde. Man setzt
auf die normalen Methoden. Merkwürdig. Hat sich das Experiment nicht gelohnt oder liegt
es daran, dass zwar jedermann meint ein Storyteller zu sein, es aber im Endeffekt dann
doch nicht kann?

Tatsache ist: Für Transmedia Storytelling braucht man Ressourcen. Zeit, Personal, eventuell
auch Geld. Soll das Storytelling dann auch noch perfekt ineinandergreifen und nicht bloß
zu einem "Ich wähle mir mein Abenteuer" verkommen, dann braucht man exaktes Timing
und ein Drehbuch. Das kostet dann auch wieder. Weiterhin: Das Aufbauen einer
Community ist tatsächlich immer noch Handarbeit - und kann bisweilen auch scheitern,
weil man die falsche Zielgruppe anvisiert. Das ist mir auch schon passiert. Man muss die
Geschichte also komplett mit allem Pi-Pa-Po entwickeln, man braucht Leute, die
Community-Aufbau betreiben, dann Growth-Hacker fürs Wachstum, dann braucht man ein
SWCC um zu überprüfen wie die Leute reagieren und notfalls einzugreifen - kurz: Ja, das
ist wirklich viel Aufwand. Und für einen Verlag, der nur mal eben EIN Buch promoten
möchte eventuell sogar zu viel.

Deswegen meinte ich vorhin ja schon: Wenn es sich nicht für EINE Heldenreise allein lohnt,
dann aber lohnt sich das doch wenn man a) schon eine eingespielte Marke hat - siehe Star
Wars - und b) wenn man eine Storyworld konzeptioniert hat. Dann kann man in dieser
unendliche Geschichten aus unendlichen Blickwinkeln erzählen und den Leser oder
Erleber an diesem Universum teilhaben lassen. Leute klinken sich ja eh jetzt schon per
Fanfiction in diverse Universen ein und erzählen Varianten oder schreiben
Nebencharaktere fort. Das ist natürlich ein Potential, dass man nutzen kann. Und was man
im Heftromanbereich ja auch macht: Nachwuchsförderung heißt hier dezidiert
beobachten, die guten Fanfiction-Autoren rausgreifen und dann zu regulären Autoren
machen.

Es mag sein, dass Transmedia Storytelling etwas von der Bildfläche verschwunden ist. Aber
es heißt nicht, dass es komplett weg vom Fenster ist. Es ist ein Werkzeug im Koffer
desjenigen, der damit umgehen kann. Was natürlich der Punkt ist: Er muss damit umgehen
können. Autoren können das in der Regel. Marketingfachleute eher nicht. Und deswegen
ist das wohl aus dem Marketing komplett verschwunden. Was schade ist. Potential hat es
auf jeden Fall.

Be a Brand? Be a Brand! Be a Brand?


Marke werden! Marke sein! Marken sind toll! Und deswegen muss jetzt jeder eine Marke
werden, denn nur so kann mal Aufmerksamkeit in der Buchbranche auf sich vereinen. Dan
Brown? Eine Marke! Da weiß jeder: Das sind Thriller für den Sommerurlaub, in einem Jahr
kräht kein Hahn mehr danach. Gunter Dueck? Innovationsrebell! Da ist das deutsche
Management unter Beschuss! Marken sind also total prima. 


Nur: Ist das wirklich DIE Lösung für alle Autoren?

Klar: Marken sind toll. Als Verbraucher lieben wir sie. Sie sorgen für Orientierung und
Klarheit in einer unübersehbaren Warenwelt. Bei einer Marke wissen wir woran wir dran
sind. Und wenn das andere Waschmittel genauso gut wäscht wie das andere - wir kaufen
dann doch das eine weil wir positive Emotionen damit verbinden. Klar, natürlich werden
wir auch mit Werbung vollgestopft und natürlich spielt das Marketing - zwei verschiedene
Dinge übrigens, bitte nicht verwechseln - eine Rolle. Aber Emotionen sind natürlich das
treibende Element wenn es um Einkaufsentscheidungen geht. Unter anderem. Wir
glauben ja immer wir würden völlig rational einkaufen gehen, aber die meisten Dinge
macht dann doch wieder das Unbewußtsein.

Jetzt ist ja eines der Allheilmittel, das öfters für Autoren propagiert wird, dass man zur
Marke werden soll. Dass man sich unterscheidet, dass man seine Stärken kennt und dass
man Strahlkraft entwickelt. Werde zum Experten für Geeks und schreibe lustige Ratgeber!
Fördere die Talente eines total unterschätzten Fantasy-Volkes und schreibe Trilogien
darüber. Oder auch nicht so total unterschätzt, was mit Elfen geht immer. Schreib Urban-
Fantasy mit einem Schuss Steampunk! Sei einzig! Sei unique! Sei du selbst! Los, los! Das ist
die Rettung für dich, Autor! Und dann sei immer in Kontakt mit deinen Fans! Heutzutage ist
das leichter also noch vor Jahren - auf zu Twitter, auf zu Facebook, mach ein Blog, mach ein
Youtube-Video - und das möglichst lustig. So wie Le Floid, aber noch viel lustiger! Und
besser! Und so.

Erstmal: Wenn jemand ein Allheilmittel propagiert sollte man skeptisch sein. Denn dieses
verkürzt und schrumpft die Wirklichkeit, beachtet einige Dinge einfach nicht. Daher sollte
man vorsichtig sein. Nun ist generell ja nichts gegen diese Idee einzuwenden. Terry
Pratchett ist ebenso eine Marke wie Douglas Adams. Beide haben sich selbst Felder
erschrieben, auf denen sie gut sind oder die es vorher nicht in der Form gab. Klar, Fantasy-
Parodien hats auch schon vor Pratchett gegeben. Allerdings hat Pratchett aus den reinen
Parodien dann schließlich mehr als nur Lacher gemacht - etwas was Piers Anthonys
"Xanth"-Romanen ab und an deutlich mangelt, aber selbst diese sind eine Marke weil sie
Wortspiele und die übliche Form der Heldenreise miteinander verbinden. Gut, ob es in
jedem Band eine Heldenreise sein muss sei dahingestellt, aber Anthony versteht sich ja
auch eher als Handwerker, der seine Fans gut unterhält. In dem Fall ist auch er eine Marke,
natürlich. Leichte Unterhaltung mit einigen Lachern? Anthony.

Autoren können als Marken durchaus funktionieren. Wenn sie originelle Stoffe bearbeiten,
wenn ihr Stil einmalig ist, wenn sie es schaffen mit ihren Werken den Leser in den Bann zu
ziehen. Wolfgang Herrndorfs "Tschick" hat sich ein Alleinstellungsmerkmal erarbeitet -
nicht, weil in dem Roman ein Roadmovie erzählt wird, auch nicht weil es ein Jugendroman
ist. Sondern weil die Sprache von Herrndorf und die Charaktere den Roman so einzigartig
und unbeschreiblich vergnüglich machen. In diesem Sinne ist Herrndorf schon eine Marke
geworden und er hat dann das gemacht, was so gefährlich an dieser Art des Denkens ist:
Er hat zumindest ein wenig "Mehr desselben" angefangen, einen Roman aus der Sicht
einer der Figuren aus "Tschick", den er aber nicht vollenden konnte.  Dass er darüber
hinaus noch exzellente Romane verfasst hat, das allerdings wissen dann schon wieder die
Wenigsten.

Und genau hier bricht die Forderung eine Marke zu sein, sich zu positionieren und
möglichst hell zu leuchten an den Erfordernissen der Realität ein. Eine Marke zu
rebranden, neu aufzustellen, komplett neue Dinge mit der Marke zu wagen ist verdammt
schwer. Man frage mal Coca-Cola nach der "New Coke" oder Pepsi nach der "Crystal
Pepsi". Die jammern heute noch darüber. Und vermutlich ist deswegen auch nicht ohne
Grund die "neue Fanta" so sehr im Retrostil aufgemotzt. Natürlich kann man eine Marke
werden und natürlich ist das eventuell auch für den Autor eine gute Idee, sofern es seinem
Charakter entspricht. Allerdings lässt eine Marke nicht unbedingt Raum für die
menschliche Entwicklung oder für das, was eben selbst vielleicht am Besten noch
entspricht. Klar: Ich kann als Autor die Rampensau geben und unablässig in den Medien
sein - meist noch mit einem tollen Vertrag mit der BILD, gelle, Dieter? - oder ich spiele die
Rolle des Unnahbaren und lasse so gut wie keine Informationen von mir an sie
Öffentlichkeit. Thomas Pynchon fällt einem da irgendwie ein. Klar. Aber wenn ich eine
Marke werde, dann bin ich in den Erwartungen der Leser an diese Marke gefangen.

Deswegen sind die Teppich-Völker-Romane von Pratchett ebenso wie die "Johnny und die
Toten"-Romane zwar bei einem Teil der Leser bekannt und beliebt, aber der Buchhändler
vor Ort wird die selten direkt im Regal stehen haben. Weil sie zwar auch lustig und
wortreich und weisheitsliebend sind - sie sind aber komplett anders. Piers Anthony hat mit
der Manta-Trilogie ein wunderbare tiefsinnige und philosophische Geschichte erzählt.
Außer den Hardcore-Fans kennt die aber kaum noch jemand, weil sie halt nicht von
Wortspielen lebt oder total witzig ist. Wie die Xanth-Romane. "Die Letzten ihrer Art" von
Douglas Adams dokumentiert witzig und geistreich die Suche nach den letzten Vertretern
von lebenden Spezies - aber da es sich halt nicht mit SF beschäftigt sondern mit der
Umwelt wird der SF-Fan des Anhalters nicht gleich auf die Idee kommen es zu kaufen. Alle
diese Beispiele unterlaufen die Erwartungen, die man an eine Marke hat.

Zudem: Man kann zwar von heute auf morgen zu einer Marke werden - wenn man eine
geschickte Marketing-Abteilung hat, die einen puscht. Wenn aber die Rede davon ist, dass
Autoren Marken werden sollen, dann denkt man ja eher in die Richtung von
verlagsunabhängigen Schriftstellern, die alle ihre Promotion selber machen. Und das kann
dann dauern bis man wirklich wahrgenommen wird - es sei denn man ist ein
Ausnahmetalent und Genie und hat auf einmal DIE Idee zu einem Roman, der wirklich
einzigartig ist. Das kommt vielleicht mal alle paar Jubeljahre vor, aber mal ehrlich: Wenn
ich selbst DIE Idee hätte würde ich nicht hier sitzen sondern längst irgendwo in der Karibik,
Goldfische umspielten meine Zehen und ich hätte Spaß, Spaß, Spaß in der Sonne, Sonne,
Sonne. Nein. So einfach ist das nun nicht. Schade eigentlich.

Sicherlich ist kein Schriftsteller wie der Andere. Jeder hat seinen Stil. Jeder hat sein Thema.
Und wenn dem einen nun halt Werwolf-Liebhaber-Romanzen näher liegen als Military-SF
dann ist das halt so. Dass man seine Einzigartigkeit auch desöfteren hervorheben, ja, dass
man sich überlegen sollte wo man seine Einzigartigkeit besitzt und auf welchen Feldern -
keine Frage. Das ist aber nicht DAS Allheilmittel um sich als Autor zu profilieren. Nebenbei
gehört noch Kommunikationskompetenz hinzu, das haben nicht alle automatisch, es
gehört Freude am Beruf dazu, es gehört Echtheit dazu, es gehört Kreativität dazu ...
kurzum: Marke werden ist nicht das Mittel zur Lösung. Darüber nachzudenken wofür man
steht ist allerdings nie verkehrt. Und wenn man gewillt ist eine Marke zu sein sollte man
damit rechnen, dass dies nicht unbedingt nur Positives hat sondern auch eine Menge
Negatives. Es gibt Leute, die können damit umgehen. Gelle, Herr Bohlen?

Tools sind Tools,


aber wo wollen wir hin?

Medienpädagogen sind komisch. Manchmal. Oder vielleicht sind nur die merkwürdig, die
ich in einer Facebook-Gruppe verfolge. Das klingt jetzt wieder so nach Stalker und
eigentlich - so formulierte das mal jemand - sei der Social-Media-Experte ja der natürliche
Feind des Medienpädagogen. 


Warum auch immer das so sein soll, ich sehe da keine Feindschaft.

Sicherlich kann man darüber streiten ob die Konzentration auf reine Tools nicht vielleicht
ein wenig überhand nimmt derzeit. Lasst uns das doch mal bereden, Freunde!

Neulich mal wieder: Bekannter Pädagoge verurteilt die Nutzung von Tablets im
Klassenzimmer. Mal wieder dann das übliche Reaktionsverhalten - Befürworter, Gegner
schlagen aufeinander ein und nur selten kann man eine differenzierte Meinung zu diesem
Thema wahrnehmen. Die einen fühlen sich halt in ihrer These des "Dieses Internetzeugs
braucht wirklich keiner, wir kamen zu meinen Zeiten auch ohne Technik aus! Und das war
VIEL BESSER, weil..." bestätigt. Andere wieder seufzen, warum man in Deutschland
offenbar immer noch der Zeit hinterherhinke. Die Realität sähe doch eh anders aus,
Jugendlich brächten die Smartphones mit in den Unterricht, man sollte dann doch
vielleicht mal besser Regeln für den Umgang aufstellen anstatt komplett zu verbieten oder
zu verbannen. Dazwischen gibts ja dann bekanntlich nichts. Entweder bist du für uns -
oder du bist gegen uns. Wenn Jesus Christus das von sich als Anspruch fomuliert hat das
ja eine bestimmte Richtigkeit, aber im Leben ist das eh immer etwas komplexer.
An diesem Beispiel wird nämlich offenbar, wie sehr wir uns alle noch - immer noch - auf die
Frage der Tools, der Werkzeuge und der Technik stürzen. Mein Gott, mit Smartwatches
können Schüler jetzt im Unterricht die Wikipedia abfragen. Früher hätten die das nicht
gekonnt, wir müssen daher die Smartwatches verbieten. Nun, früher hätten die Schüler
andere Mittel und Wege gefunden - kleine Zettel als "Erinnerungshilfe" etwa. Wer
betrügen will, der findet immer einen Weg. Wie sinnvoll ein Verbot ist, das ist dann die
Frage, die natürlich keiner in der Diskussion um Tablets in Schulen, Whiteboards in
Bildungseinrichtungen oder Smartphones im Gottesdienst stellt. Wir stürzen uns liebend
gerne auf die Technik. Wir denken nicht darüber nach, wo wir damit hin wollen.

Fest steht: Wir befinden uns immer noch einer Umbruchsphase. Die "Neuland"-Phrase der
Kanzlerin mag belächelt worden sein von den Internetnerds, aber Nerds befinden sich laut
Definition vielleicht nicht unbedingt in der Mehrheit. Die Mehrheit glaubt, WhatsApp habe
nichts mit dem Internet zu tun sondern sei ein Dienst, der einfach über die normale
Telefonleitung geht. Kein Witz, das habe ich während meiner Zeit als Kundenberater für ein
Telefonunternehmen tatsächlich des öfteren so gehört. Installiert man ein Blog, so wird gar
nicht verstanden, dass man die erste Anlaufstelle als Punkt für aktuelle Infos nutzen kann -
stattdessen werde ich dann gefragt ob es möglich ist, dass jeder seinen aktuellen
Seitenbereich pflegen kann. Darüber kann man lächeln, schmunzeln, sich ärgern - die
Wahrnehmung aber davon, wie Leute mit Facebook und Co umgehen, die ebend NICHT
beruflich damit zu tun haben erdet einen auch wieder. Manchmal recht drastisch.

Die richtigen Digitalen Natives sind gerade erst geboren worden. Und selbst wenn
angenommen wird, dass jeder Jugendliche vertraut mit Sozialen Netzwerken oder dem
Internet ist - es gibt genügend Gründe, warum dem nicht so ist. Das hat mit Bildung zu tun.
Das hat auch - und da kommen die Medienpädagogen im Spiel - mit dem Umgang zu tun,
den man den Kindern vom Elternhaus beibringt und der dann in der Schule als Impuls
aufgegriffen werden und vermittelt werden soll. Der Umgang mit diesem Neuland ist
etwas, was uns gesellschaftlich noch eine lange Zeit beschäftigen wird. Momentan aber
fehlt eine ganzheitliche Vision davon, wie wir als Gesellschaft uns in Zukunft verhalten
sollen. Kommt mir jetzt nicht mit der Digitalen Agenda der Bundesregierung, die ist
schwachsinnig und wird eh nicht umgesetzt.

Solange wir uns aber an der Frage aufhalten, wie das mit der Technik geht, warum
Smartpads im Unterricht verboten sein sollten - warum Jugendliche in der Grundschule
schon Smartphones haben sollten oder auch nicht - sollten wir uns fragen: Was möchten
wir eigentlich unseren Kindern vermitteln? Und was können wir, die wir eine Zeit ohne
Internet und Telefone an Schnüren mit Wählscheiben noch kennen von ihnen lernen?
Momentan ist die Rede davon, man müsse die Städte verbessern, dieses smarter machen,
diese vernetzen mit den Bürgern. Wie genau das aussehen soll - und ob man da nichts
schnell in ein Big-Brother-Szenario gerät - ist momentan noch sehr nebulös, da hat jeder
eigene Vorstellungen von. Wir als Gesellschaft sollten aber anstatt von Firmen und
Industrien hier genau ansetzen und uns Gedanken machen. Vielleicht wäre das mal von
Vorteil anstatt uns nur immer an Dingen aufzuhalten, die sich eh ändern.

Bequemlichkeit versus Freiheit versus Sicherheit


Es scheint die Woche der Datenschützer zu sein. Oder zumindest derer, die aktiv darüber
nachdenken was mit Daten passiert. So veröffentlichte der Spiegel einen Text von Edward
Snowden. Und räsoniert im Leitartikel über die Frage, ob  in unserer Gesellschaft nicht
Freiheit allmählich von der Sicherheit in die Enge getrieben wird.


Denn Sicherheit ist ja bekanntlich ein von der Politik erklärtes Supergrundrecht - man wird
es aber kaum in Grundgesetz finden.

Wie unangenehm übrigens, dass selbst der Bundestag offenbar nicht vor Hackern sicher
war - und schockierender noch,  dass Hacker mal eben ohne Weiteres dort eindringen
konnten. Wie will eigentlich die Regierung unsere Vorratsdaten schützen, die demnächst
gespeichert werden? Wir wissen es nicht.

Einher mit der Debatte geht dann auch die Frage: Wenn ich meine Daten schützen will,
dann kann ich ja kaum Dienste wie Google oder Facebook oder Apple nutzen weil diese ja
Dinge mit meinen Daten machen, die böse sind. Nimmt man halt so an. Das böse Amazon
ja noch mitgerechnet, dass dann auch noch dem Buchhandel zu schaffen macht - der mit
Kundenkarten übrigens genau so Daten abgreift wie Amazon auch. Aber da Amazon böse
ist müssen Angebote aus Deutschland ja total die Alternative und total gut sein. Leider
nutzt aber nun mal keiner mehr Wer-Kennt-Wen als Facebook-Alternative und Seniorbook
ist ebenfalls eher was für die Silversurfer. Aber generell: Man könnte ja doch einfach mal
diese Alternativen nutzen! Denn: Wir haben immer die Wahl. Wir können zu Facebook
gehen oder zu Ello, dass demnächst eine App für das iPhone herausbringt - es ist also
doch nicht so tot wie man annehmen konnte. Vor kurzem ist Ello ja als neuer “Facebook-
Killer” – eine Phrase, die durch Wiederholung nicht wahrer wird, davor war es Diaspora –
gehandelt worden und warum? Weil Ello hoch und heilig versprochen hatte, dass die
Daten, die Nutzer dort eingeben nicht vermarktet werden. “Du bist kein Produkt”, rief Ello
uns entgegen. Und sofort hatte es den Nimbus der Hehren, Guten, derer, die als wahre
Helden gegen Facebook und Co. gegen den bösen Kapitalismus in der Welt antreten.
Kommt zu uns, hier ist es kuscheliger!

“Ello uses an anonymized version of Google Analytics and Segment to gather and
aggregate general information about user behavior. Google/Segment may use this
information for the purpose of evaluating your use of the site, compiling reports on site
activity for us and providing other services relating to site activity and internet usage.
Google/Segment may also transfer this information to third parties where required to do
so by law, or where such third parties process the information on Google/Segment’s
behalf.”

Da kommen erste Kratzer in den Heiligenschein wenn man sich wirklich mal die
Datenschutzbestimmungen von Ello durchliest. Keine Weitergabe von Daten an die
Werbung? Mag sein. Keine Weitergabe von Daten generell an andere Drittfirmen? Eher
nicht so. Dass darüber hinaus Ello immer noch ein amerikanisches Unternehmen ist und
somit natürlich auch gezwungen werden kann Daten rauszurücken wenns um Terrorismus
geht – oder dass die NSA sicherlich auch hier ihre Finger im Spiel hat im Hintergrund und
schön Daten sammelt – darüber denkt natürlich keiner nach. Nein, Hauptsache endlich ist
mal wieder ein Guter, ein Hehrer, eine Projektionsfläche für all die Wünsche und
Sehnsüchte von Leuten nach einer unkomplizierten und heilen Welt aufgetaucht. Das ist so
wie damals der Werbespot mit Coca-Cola in den 70gern, der dank des Mad-Man-Finales
nochmal hervorgekramt ist. “Love, Peace and Capitalism, but in a nice way!” So funktioniert
das nicht.

Man kann über die bunten Designeroberflächen spotten, man kann über die
Funktionalitäten, die andere Dienst – wie DuckDuckGo als Suchmaschine oder Ixquick
etwa – angeblich besser machen reden und diese anpreisen. Angeblich, weil wir als
normale Bürger den Aussagen von Diensten vertrauen müssen. So siehts doch aus. Im
Grunde ist doch alles eine Frage des Vertrauens und des Vorschusses. Denn Vertrauen
bedeutet immer, dass ich einen Vorschuss gebe. Nur: Selbst wenn Ixquick von sich
behauptet meine Privatsphäre zu schützen und nichts zu speichern – dann muss ich denen
das erstmal so glauben. Da wird das Verhältnis auf einmal umgekehrt: Ich muss nicht mehr
vertrauen, ich muss auch noch denen glauben, dass die wirklich nichts speichern. Können
die mir das auch wirklich beweisen? Ich kann natürlich nachfragen per Email. In die
Niederlande. Das ist nämlich der Hauptsitz von denen. Womit wir schon wieder den
deutschen Boden des strengen Bundesdatenschutzgesetzes verlassen hätten. Nun sind
die Niederlande in Fragen von Datenschutz eventuell sogar ein wenig weiter als wir – wenn
ich Niederländisch verstehen könnte, könnte ich das sogar in deren eigenem Gesetz
nachschlagen was dort gilt und in wieweit Datenschutz für die von Relevanz ist. Wobei: Ein
Land, das fröhlich die Vorratsdatenspeicherung durchgejagt hat und immer noch an ihr
festhält – ich bin mir nicht so sicher ob meine Daten dort wirklich geschützt sind. Das ist
eine Glaubensfrage. Die auch durch ein Zertifikat des Unabhängigen Landeszentrums für
Datenschutz aus Schleswig-Holstein nun nicht wirklich beantwortet werden kann. – Denn:
Das Siegel ist vom ULD entwickelt worden. Ja, es beruht auf europäischen Richtlinien.
Sicher. Und wer mag kann sich 59 Seiten als PDF herunterladen in denen auf englisch
genau die Kriterien für die Vergabe des Siegels erläutert werden. Das kann ich tun,
sicherlich. Aber dazu muss ich eine Menge von Fachvokabeln verstehen und schon etwas
über Datenschutz wissen. Das kann man nicht von jedem Nutzer von Ixquick voraussetzen,
oder? Ebend: Glaubensfrage.

Aber zurück zu den Funktionalitäten, den gespotteten: Es mag sein, dass die
Verschlüsselung von Emails kein Thema ist wenn man denn ein Email-Programm nutzt und
einmal verstanden hat wie das mit öffentlichem und privatem Schlüssel ist und wo man
den deponiert. (Ich klammere mal Dienste wie Posteo aus, da sind wir wieder bei der
Glaubensfrage, ich GLAUBE ja auch daran, dass Threema die besser Alternative zu Whats-
App ist, aber wer nutzt das schon? Dazu kommen wir noch…) Woran Verschlüsselung von
Mails scheitert? “Verschlüsselte E-Mails zu versenden ist sehr einfach, natürlich nur dann,
wenn beide Kommunikationspartner ein Verschlüsselungsprogramm installiert haben.” Tja,
hat das BSI schon Recht. Im privaten Bereich könnte man sogar noch seine Verwandten
dazu zwingen, zu verschlüsseln. Damit berühre ich zwar ein heikles philosophische Thema
– habe ich das Recht, die Entscheidungsfreiheit des Anderen so zu beschneiden, dass der
gar keine Wahl hat? Damit wäre ich ja nicht anders als die Fanatiker bestimmter
Religionen, oder? Sofern man Mails mit Behörden oder Kulturinstitutionen wechselt haben
wir das oben zitierte Problem: wenn ich eine Mail an die Stadt Duisburg schicke weil ich
etwas wissen möchte, dann kann ich die verschlüsseln, werde aber vermutlich keine
Antwort drauf bekommen. Insofern: Ja, Email-Verschlüsseln ist total toll wenn alle das
machen. Machen aber nicht alle. Abgesehen davon, dass ich Behörden bisweilen nur
durch ein Kontaktformular erreiche wenn ich online mit denen kommunizieren will. Soweit
zu: Wir Nutzer sind zu unbequem. Nein, sind wir nicht. Wir sind nur pragmatisch – und wir
nutzen Dinge auch einfach mal nicht, weil sie scheiße kompliziert sind. Und zu unattraktiv.
Wir Luxusnutzer wir aber auch, wir verlangen dass Dinge auch noch schön sind? Nein, wir
verlangen, dass sie möglichst einfach zu handhaben sind. Sie sollen funktionieren!

Kosten-Nutzen-Rechnung


Abgesehen davon: Ich fühle mich sehr exklusiv. Ja. Wirklich. Weil von allen Bekannten, die
ich habe ich nur zwei habe, die Threema wirklich aktiv nutzen – und es nicht einfach nur
panisch runtergeladen haben weil WhatsApp das Telefonbuch des Smartphones auf die
Server lud. So wie Path damals. Und Threema dann doch nicht nutzten weil – nun – alle
anderen nutzen WhatsApp. Falls ihr das Wort Gruppenzwang kennt wisst ihr, was ich
meine. Und selbst, wenn ein neuer sozialer Dienst aufmacht, wer hat als erster eine Beta-
Einladung? Ich. Und alle, die ich sonst auch durch Facebook und Co. kenne weil die
natürlich ausprobieren wollen wie gut oder schlecht das System ist. Im Grunde vernetze
ich mich dann mit Leuten, mit denen ich schon auf anderen Netzwerken vernetzt bin –
Redundanz ist toll. Und selbst wenn ich bewußt wie bei Ello versuche, mit anderen Leuten
als den üblichen mich zu vernetzen: Es mag sein, dass ich für die paar Kontakte Ello mal
aufmache. Das passiert immer dann wenn ich per Mail wie bei Seniorbook daran erinnert
werde, dass ich da noch einen Account habe. Der Großteil aber der Kommunikation mit
Bekannten findet in Facebook, in Twitter, in Google+ – na ja – statt.

Logisch: Nur weil andere Dienste besser sind verlasse ich doch nicht komplett die anderen
Dienste. Da habe ich meine Fotos hochgeladen. Da sind Kontakte, die ich nicht per Mail
regeln kann eventuell. Und warum habe ich da Dinge überhaupt hochgeladen? Hätte das
ja sein lassen können, aber irgendwie habe ich einen Nutzen davon gehabt. (Abgesehen
davon, dass man nicht alles in Netz reinschreiben muss – aber das sollte sich
rumgesprochen haben – ebenso wie nicht alle Photos bei Facebook landen müssen.) In
dem Fall sind mir dann die AGBs und die Rechte, die ich eventuell abtrete – oder auch
nicht – total egal, weil der Nutzen höher ist als die Kosten. Daran denkt aber natürlich
keiner, der mit Verschlüsselung, schizophrenem Verhalten oder so ankommt. Ja. Ich kann
aus Facebook aussteigen. Florian Blaschke hat das ja sogar mit Ankündigung gemacht –
allerdings hat Florian immer noch einen Twitter-Account und ein persönliches Blog. Sollte
man bedenken, das schmälert natürlich den Schritt nicht. Aber ich glaube, Florian hat sich
dennoch nicht jetzt bei Ello angemeldet oder einen der anderen Facebook-Killer. Für
Florian waren die Kosten größer als der Nutzen und er hat die Reißleine gezogen. Dafür
verdient er immer noch Respekt. Aber weder ich noch andere sind Florian. (Wobei andere
durchaus Florian Blaschke heißen, aber den amüsanten Artikel kann man ja selber mal
ergooglen. Oder wie auch immer…)

Ich habe über Jahre hinweg Beziehungen in diversen Software-Klicki-Bunti-Vernetzungs-


Angeboten aufgebaut. Und wenn ich auf einmal umziehe oder gar in ein anderes Land
weggehe, dann bleiben diese Beziehungen, in die ich jede Menge Arbeit und Zeit
gesteckt habe, natürlich auf der Strecke. Und: Es gibt keine Richtig und Falsch im Umgang
mit den Daten. Es gibt eher die Frage: Wem vertraue ich? Wem kann ich noch vertrauen?
Die endgültige Konsquenz wäre die Abnabelung vom Internet und das berühmte
Rousseau-Motto "Zurück zur Natur". Das aber hat ja nun noch nie wirklich funktioniert für
eine Gesellschaft. Nein: Eher sind die Fragen komplex und die Antworten manchmal
paradox. Insofern ist alles eine Frage des Vertrauens und des Glaubens.

Pratchetts Jingo:
Von Fremdenhass in Ankh-Morpork

Es ist nicht das erste Mal, dass Pratchett in seinen Romanen Stellung zur Problematik der
verschiedenen Rassen und deren Miteinander-Leben bezieht. In "Fliegende Fetzen" -
"Jingo" im Original - geht es nur im Vordergrund um die Insel Leshp, die plötzlich aus dem
Ozean auftaucht, genau zwischen Ankh-Morpork und Klatch in der Round Sea. Auch wenn
auf einmal Ankh-Morpork und Klatch unaufhörlich auf einen Krieg zusteuern.

"Jingo" beschäftigt sich mit der Frage "besorgten Bürgern".

Dabei hätte das alles doch so einfach beredet werden können. Ja, gut, dieser unglückliche
Zwischenfall bei den Fischern, die die Insel als Erstes betraten ist natürlich blöd gelaufen -
hätte auch sicherlich mit der hohen Macht der Diplomatie bereinigt werden können.
Ehrlich gesagt stellt Pratchett aber auch trocken fest, dass Ankh-Morporkh kaum andere
Mittel als die der Diplomatie bleiben. Und trifft damit auf den ersten Seiten des Romanes
in denen Vetinari mit den hohen Amtsträgern der Gilde diskutiert schon mal einen Punkt:
Waffen sind ein Geschäft. Und das Geschäft an sich schert sich wenig darum an welchen
Käufer man seine Produkte verkauft. Oder andererseits gesehen: Auf einmal sind
diejenigen, denen man Waffen verkauft hat - "to pacify the outer regions of his empire" -
 nicht mehr Freunde sondern Gegner. Blöd, wenn man diese auch noch ausgebildet hat.
Aber das ist nur ein Punkt der Geschichte - auf einmal nämlich schlägt die Stimmung in
Ankh-Morpork um. Bisher haben Klatchianer und Ankh-Morporkianer wenn nicht
zusammen, dann doch immerhin ignorierend gelebt. Jeder kümmert sich um das, was vor
seiner Haustür ist, aber auf einmal - nur weil eine unbedeutende Insel ohne wirklich viel
Bodenschätze und mit einer Menge Bildern von riesigen Tintenfischen auftaucht - ist das
Zusammenleben gestört. "It's time to show Johnny Klatchian a lesson" -auch wenn man selbst
überhaupt nicht vor Ort war, die Tatsachen und Fakten gar nicht kennt und von daher gar
nicht wissen kann ob die Insel jetzt wirklich strategische Bedeutung hat oder nicht.
Erzählungen kursieren in Ankh-Morpork und mit dem Kapitän Jenkins gibt es auch Leute,
die neue Erzählungen in Gang setzen. Zu ihrem eigenen Vorteil. Auch wenn Vimes zu
Beginn des Roman diese Erzählung,"Klatchians have stolen my silk!" genüsslich
auseinandernehmen kann. "Show them some cold steel, they will run away" ist ebenfalls eine
Erzählung, die Pratchett später sehr schön ins Lächerliche zieht.

Übrigens muss man ja auch in den Krieg ziehen, weil man das ja immer schon so gemacht
hat. Weil Tradition verpflichtet. Und wenn dann auch noch der klatchianische Abgesandte,
der zu den Friedensgesprächen gekommen ist, durch einen Bogenschuss verwundet wird
- dann ist das der Funke, der den Krieg auslöst. Dass Pratchetts Szenario unwillkürlich an
den Ausbruch des ersten Weltkriegs erinnern lässt ist bestimmt kein Zufall. Die Parallelen
zur Ermordung von JFK in Dallas sind natürlich sehr prominent - ein einsamer
Bogenschütze, der in einem Lagerraum für alte Bücher wartet... Ja, Krieg ist jetzt
unvermeidlich. Wenn auch Vimes das als die Stimme der Vernunft das nicht nachvollziehen
kann."There are Klatchians born in Ankh-Morporkh for heavens sake!" geht ihm durch den Kopf während
die Klatchianer Sack und Pack schultern und die Stadt verlassen.

Später im Roman wird Pratchett das noch einmal konkret aufnehmen. Wenn Carrot eine
Auseinandersetzung mit dem jungen Goriff hat: "My home is here!"Goriffs Junge ist es egal ob
jemand "somebodys delight and moon" ist. Er ist in der Stadt geboren, hat sein Leben hier
verbracht und Klatch ist für ihn ganz weit weg. Auch wenn Nobby und Colon sich darüber
unterhalten, wie man eigentlich die Fremdartigkeit des Anderen feststellt bringt Nobby
Colon - wissentlich? - in Verlegenheit. Früher war alles besser: Man verschloss die Türen
nicht - weil die Schlösser nämlich geklaut wurden. Was eine reine Pratchett Pointe ist, wird
aber im Laufe des Gesprächs ernster: Ein echter Bürger von Ankh-Morporkh ist jemand,
der hart arbeitet - "like Goriff" murmelt Nobby - und der seine Kinder gut erzieht - "Goriffs Kinder
laufen immer in gewaschener Kleidung rum", so Hobby - der also eigentlich ein guter Bürger ist - "like

Goriff". Bis Colon dann verlegen darauf hinweist, dass es auf die Farbe ankommt. "Which color

am I, Sarge?", kontert Nobby. Und Colon, der dann bei der Musterung von Nobby aufgibt
kann nur schwach das Argument anfügen, es komme auf die innere Farbe - er meint wohl
die innere Einstellung an. Dass man diese nun nicht von außen direkt erkennen kann, das
muss der Leser sich dann dazudenken.

Während dann sich der Konflikt zwischen Ankh-Morporkh und Klatch in Wohlgefallen
auflöst - die Insel sinkt einfach wieder - lässt Pratchett offen, in wiefern sich in der
Bevölkerung der Stadt nun wieder das übliche Alltagsleben einfindet, ob Vorurteile
überwunden worden sind oder die Ereignisse in den Köpfen etwas ausgelöst haben.
Colon und Nobby jedenfalls haben etwas gelernt: Während sie vorher in den "Klatchian Head"
gegangen sind - "just a souvenir, Nobby, someone went to war and brought a head back" - sind sie sich am
Ende des Romans dazu nicht mehr bereit. "The beer tastes like piss", murmelt Colon noch
als Begründung. Sie wirkt etwas vorgeschoben. Natürlich gibt es in "Jingo" noch eine
ganze weitere Reihe von Themen - und allein Nobbys Verwandlung in "Beti" zu erlesen ist
ein Vergnügen, da hier Pratchett die ganzen Stereotypen des männlichen Sichtpunktes auf
das weibliche Geschlecht zum Thema macht - und während später Pratchett anhand der
Zwerge noch das Thema Extremismus besonders beleuchten wird, etwa in "Thud!" oder
"Snuff" bringt er in "Jingo" schon die Argumente und Sichtweisen ein, die wir auf der
Rundwelt ab und an auch mal bedenken sollten. 

Warum Snapchat und WhatsApp den Journalismus ...


... nicht retten werden
Dass der Journalismus in einer Krise steckt, das ist wohl unbestritten. Seit Jahren sinken
die Leserzahlen - selbst die Boulevard-Blätter sind davon betroffen. 


Die Auflage von Tageszeitungen sinkt. Und die aktuellen Zahlen für die Zeitschriften und
Magazine sehen nun nicht unbedingt besser aus. Jetzt kann man mit Fug und Recht
einwenden, dies gelte ja nur für den Printbereich!

Da die meisten Deutschen aber online sind und online ihre Nachrichtenquellen goutieren,
müsste es doch dann positive Zahlen für diesen Bereich geben - oder?

Na ja - richtig. Laut Statista stiegen die Verkaufszahlen der ePaper-Varianten auch. Aber


knapp 600.000 verkaufte ePaper-Ausgaben insgesamt fangen die Verluste der Print-
Tageszeitungen nun nicht gerade auf. Und was ist mit denen, die ein Online-Abo
abgeschlossen haben? Stichwort Paywall oder Bezahlschranke? Na ja, meint die
Rheinzeitung gedruckst, für sie geht das wohl irgendwie - den großen Leserzuwachs hat
es nicht gegeben. Generelle konkrete Zahlen zu finden ist übrigens gar nicht so einfach -
zwar geht der BZDV aus, dass Paywalls sich für die Zeitungen sehr wohl lohnen und lobt
die Bereitschaft der Leser für Inhalte zu bezahlen. Aber die Zahlen, die der BZDV liefert
sind nicht gerade aufschlussreich: 52 Millionen Menschen würden mit Print und Digital von
den Zeitungen erreicht. Wieviele davon dann ein digitales Abo abgeschlossen haben,
wieviele sich per App ab und an mal ein Exemplar herunterladen - da halten sich die
Verlage relativ geschlossen.

Jedenfalls haben wir das Jahr 2015 und ganz unbestritten stellt man bei den Verlagen
fest: Die Zukunft liegt im Digitalen! Reichlich späte Erkenntnis, da lag die Zukunft des
Journalismus ja schon immer - mindestens seit der Erfindung der Weblogs eigentlich.
Aber seitdem Portale wie Bento, Ze.tt - das heißt wirklich so - oder gestern das neue
Handelsblatt-Äquivalent für junge Leser im Internet gestartet ist - irgendwas mit Orange -
schnuppert die gute alte Tante Zeitung wieder Morgenluft. Während die Mutterschiffe wie
Handelsblatt und Co. für die anderen Leser eine Paywall errichten versorgen die Verlage
die jüngeren Zielgruppen kostenlos mit Inhalten, die jung und hipp sind. Oder sein wollen.
Was im Endeffekt natürlich dem bekannten Slogan "Krieg sie, wenn sie jung sind!"
entspricht. Wer sich jung an das Handelsblatt bindet, wird es natürlich auch als
Erwachsener lesen wollen. So jedenfalls die Kalkulation. Ob diese aufgeht wird sich
zeigen.

Jedenfalls: Die Zukunft liegt im Digitalen! Und natürlich in den neuen Diensten wie etwa
Snapchat - wobei das hierzulande noch keine große Rolle spielt für die Verbreitung von
Nachrichten, es mag sein, dass der Dienst noch für Deutschland zu neu und ungewohnt ist.
Natürlich spielt auch WhatsApp eine Rolle - Nachrichten zielgerecht an die Nutzer liefern,
wie wunderbar ist das denn! Vermutlich hat man damals, als die Telegraphie aufkam das
auch gedacht. Oder als das Telefon noch ein Unterhaltungsmedium war und zum
Übertragen von Opernaufführungen diente. (Letzteres änderte sich dann als die Hardware
allgemeiner zugänglich wurde und man auch wirklich andere Leute anrufen konnte.) Damit
und natürlich mit Facebook Instant Articles und dem Äquivalent von Google, mit den
hippen neuen Jugend-Portalen - damit müsste man doch den Journalismus retten können!

Also mal wieder. Es ist ja nicht so, dass man diese Phase in Deutschland nicht schon
desöfteren erlebt hätte: Da kommt eine neue Technologie auf - nennen wir sie mal Blogs -
die am Anfang von Amateuren beherrscht wird, die darin anders als früher die Gatekeeper
der Zeitungen umgehen können. Gerade so wie das auch für Podcasts galt. Und für jede
andere neue Technologie. Was haben sich die Journalisten und Blogger um das Jahr 2000
noch gefetzt: Blogger sind keine Journalisten! Journalisten sind keine Blogger! Und
heute? Gehören Blogs zum Angebot einer Zeitung dazu wie die Kommentarsektion.
Eigentlich jede neue - und für den Journalismus nützliche - Technologie wurde von den
Verlagen integriert. Manchmal hat man sie aus verlegen wieder abgestoßen: Hat jemand
noch einen Kachingle-Account übrigens? Nehmen Zeitungen eigentlich auch Bitcoins an?

Nur eines hat die Technologie an sich, haben die schönen neuen glänzenden Spielzeuge
dem Journalismus nicht gebracht: Die Rettung. Die Vermehrung von Auflagenzahlen. Es
liegt mit Sicherheit daran, dass diese neuen großartigen Spielzeuge - Snapchat, WhatsApp
- nur als Verlängerung für die Verbreitung der eigenen Inhalte angesehen werden. Es ist
natürlich ein Service für den Leser, wenn man man Tag fünf Artikel der Tageszeitung per
WhatsApp bekommt - noch schöner wäre es natürlich, wenn die dank einer guten Big-
Data-Analyse so passend sind, dass die auch für mich relevant sind. (Ich finde es immer
wieder erstaunlich, wie wunderbar Dienste wie Flipboard funktionieren.) Ebenso wie es ein
Service für Leser ist, wenn Artikel ihren Weg zu Facebook finden. Ob dann jetzt mit oder
ohne Rücklink auf die Quelle sei dahingestellt. Doch wie jemand schon vor Zeiten sagte:
"Junger Wein in alten Schläuchen geht auf Dauer nicht gut."

Technologie ohne Strategie und ohne Vision ist nichts weiter als eine Ansammlung von
Programm-Zeilen. Das zu verstehen fällt aber Verlagen in Deutschland schwer: Visionen zu
entwicklen. Deutschland kann Technik. Keine Frage. Es fehlt aber an Ideen und Visionen.
Und wenn diese in den USA aufkommen - darf ich mal wieder die Huffingtonpost
erwähnen? - dann setzt man zwar die Technik um und kopiert die Art, wie Artikel
geschrieben werden. (Und ja, man kann über Heftig.co denken was man möchte,
immerhin haben die aber genau diese Vorgänger exakt kopiert und nochmal verbessert,
da ziehe ich wirklich meinen Hut vor.) Was aber nicht passiert. Stattdessen erfinden wir
Deutschen so etwas wie das Leistungsschutzgesetz. Wird getönt, man müsse doch bitte
die selben Chancen wie Google bekommen. Was einigermaßen absurd ist: Als wäre
erstens der Erfolg von Google Ende der 90er wirklich absehbar gewesen als alle Welt
noch mit Altavista und Yahoo-Katalogen surfte - es hätte auch anders kommen können.
Zweitens, welche Chancen hat Google denn in Deutschland erhalten? Haben wir hier
neuerdings ein "Gesetz für die Bevorzugung von Google als Suchmaschine" und keiner
hat mir Bescheid gesagt?

Nein - der Erfolg von Google, die auch nicht immer aufs richtige Pferd gesetzt haben
wohlgemerkt, hat mit Innovation, Visionen und Ideen zu tun. Irgendwann haben Menschen
dann auch gemerkt: Die Lokalzeitungen bilden nicht das ab, was mich interessiert - also
gründen wir doch ein eigenes Portal. Auch diese Angebote haben sich nicht alle
durchgesetzt. Immerhin aber sind diese heute eine Ergänzung zu dem, was Zeitungen
sonst zu berichten haben. Davon angestachelt haben Lokalzeitungen dann ja doch noch
mal versucht lokaler und besser zu werden. Hielt aber nicht lange vor. Mittlerweile
tauschen in NRW die Westdeutsche Allgemeine Zeitung und die Rheinische Post
untereinander ihre Lokalartikel aus. Nein, kein Witz: Der selbe Lokalartikel taucht auf
beiden Webseiten auf und wird auch in beiden Printaugaben gedruckt. Innovation sieht
anders aus.

Nein, Snapchat und WhatsApp werden den Journalismus nicht retten. (Ob WhatsApp oder
Facebook Instant Article ist eh egal, schließlich gehört Facebook WhatsApp...) Was den
Journalismus retten könnte wären Ideen. Neue Geschäftsmodelle. Unkonventionelle
Herangehensweisen. Spannende und gut recherchierte Artikel, die von gut bezahlten
Journalisten geschrieben werden und die den Leser weiterbringen - eventuell auch.

Emotionen sind der Stoff des Social Web


Fakten, Fakten, Fakten - und immer an die Leser denken. Die legendäre Werbung des
FOCUS, früher als "Guck mal, der Spiegel in bunt" tituliert, kommt mir stets in den Sinn,
wenn ich an die Auswertung von Social Media Statistiken gehe. Denn bekanntermaßen
liegt ja unter jedem Prozeß immer ein ganz bestimmter Kreislauf. Immer. Auch wenn das
nicht so gerne gehört wird: Die Theorie des Qualitätsmanagements hat schon Recht.
Wenn man nicht kontrolliert um dann wieder darauf zu reagieren, dann kommt man nicht
weit.


Fakten, Fakten, Fakten - schön wäre es ja, wenn das Social Web nur nach diesem Maßstab
funktionieren würde. Oder wenn man objektive Tatsachen einfach in den Raum stellen
könnte und alle könnten sich auf diese einigen. Wieviele Hass-Kommentare bei Facebook,
wieviele unsäglich erbärmliche Tweets von Personen wie Erika Steinbach und wieviele
Klickbaiting-Überschriften könnte man dann verhindern. Womit wir wieder beim Focus
wären, der online eine Strategie fährt die widerwärtig ist, die aber bei den Menschen
ankommt. Und die eigentlich genauso arbeitet wie Heftig.co: Sie nutzen Emotionen und
gliedern sich perfekt in die Weltanschauung derjenigen ein, die sie als ihre Zielgruppe
erachten. Im Falle des Focus muss man sich manchmal fragen, wann eigentlich die
überfällige Zusammenlegung mit der deutschen Huffington-Post passieren wird.
Gestehen wir es uns ein: Wir denken zwar immer, dass die Aufklärung die Fähigkeit des
eigenen Verstandes in Europa ganz weit nach vorne gebracht hat, letzten Endes aber muss
sich der Verstand im Fall des Falles dann doch der Emotion ergeben. Emotionen sind der
Stoff, der das Social Web vorantreibt - nicht die reinen Fakten und Daten. Oder warum sind
Katzenvideos so erfolgreich? Weil sie so niedlich sind. Warum ist andererseits die AfD so
erfolgreich im Social Web? Weil sie in erster Linie auf Angst und Hass setzt. Beides große
Emotionen, beides ganz und gar einverträgliche Bettgenossen.

Wenn diese Emotionen dann noch in eine große Erzählung eingebettet sind ist der
Verstand in der Regel erstmal außen vor. Erzählungen wie "Das Internet ist kein rechtsfreier
Raum", "Flüchtlinge können sich einfach nicht benehmen" oder "Transitzonen erleichtern
die Einbürgerung" sind leicht in den Köpfen verankert. Noch leichter, wenn sie zusätzlich
mit Emotionen versehen sind. Und erst dann kommen die Fakten. Dass diese Fakten dann
im ärgerlichsten Falle noch so verdreht werden, dass sie zur Erzählung passen - das kommt
dann in der Regel noch dazu.

Wenn wir uns klar machen, dass Emotionen nicht nur in der Werbung zielführend
eingesetzt werden - auch wenn wir erstmal glauben, Werbung habe keinen Wiederhall,
der Schläfer-Effekt zeigt das Gegenteil - dann können wir glücklicherweise der Falle des
"Sofort-Weiterleitend" widerstehen. Viel zu oft leiten wir im Social Web nur aufgrund der
Überschrift etwas weiter ohne den Artikel selbst gelesen zu haben. Oder? Natürlich tun wir
das, weil eine gut getextete Überschrift oder ein gut gemachter Hinweis und die Emotion
dahinter unseren Verstand überrumpelt und zack - weitergeleitet. Im Nachhinein erst
machen wir uns dann klar, was wir da getan haben und sind froh über die Löschfunktion.

Jeder, der Statistiken im Social Web auswertet hat den Beleg, dass Emotionen der
Treibstoff des Social Web sind. Der Begriff des Catcontent kommt ja nicht von ungefähr
und jeder, der im Social Web arbeitet wird über kurz oder lang nicht an Inhalten
vorbeikommen, die emotional sind aber mit der Marke an sich nicht all zu viel zu tun
haben. In Duisburg landet man über kurz oder lang beim MSV, in Dortmund ist der BVB
halt mit der Stadt verwurzelt - dass dann diese Themen großen Zuspruch erhalten sollte
nicht verwundern. Das Schwierige ist dann: Die Waage zu halten. Die Daten, Zahlen und
Fakten nicht untergehen zu lassen sondern einigermaßen ausgewogen von den
emotionalen Inhalten flankieren zu lassen. Dass dann bisweilen ein Thema durch die
Decke geht, das gar nicht so viel Emotionen hat - nicht jedes Katzenvideo ist ein vitaler Hit
- das zeigt aber wiederum, dass wir Menschen glücklicherweise nicht so berechenbar sind,
wie man es sich im Marketingbereich denkt. Glücklicherweise. Daher: Erst denken, dann
klicken. Erst wirklich lesen und verstehen bevor man Dinge weiterleitet. Schon dadurch
wird das Social Web ein klein wenig besser. Und eventuell kriegen wir es noch hin, dass
"besorgte Bürger" ihre eigene Weltanschauung ein wenig verändern. Obwohl: Bei einem
derartig geschlossenem Weltbild ist das schwierig. Leider.

Barcamp versus Konferenz:


Was ist nachhaltiger?
Schön, wenn man vergleichen kann: Nachdem ich kürzlich auf der Next Level Conference
unterwegs war - da betrachtet man Computerspiele eher unter dem wissenschaftlichen
Aspekt und hat viel mit medienpädagogischen Ansätzen zu tun, das kann spannend sein -
bin ich jetzt die Tage in Wien zum stARTCamp, einem Barcamp zum Thema Computer,
Internet, Kultur und was man damit alles so machen kann. Was ich von den Vorträgen bei
der Next Level Conference behalten habe?

Puh, eigentlich - na ja - also - gut, ich könnte jetzt den Hashtag zur Veranstaltung
nachschlagen, dann fällt mir sicherlich noch Manches ein, aber im Grunde genommen...

Das ist merkwürdig, oder? Konferenzen dienen ja eigentlich der Wissensvermittlung, man
besucht die Vorträge und Workshops - falls es Workshops gibt - ja um sich selbst zu bilden
und voranzubringen. Oder man wird von der Arbeitsstelle zu solchen Konferenzen
geschickt in der Hoffnung, Multiplikator zu werden und das Wissen dann zu vervielfältigen.
Oder so. Meistens aber fühlt man sich dann doch wie - wie - stimmt, wie der Heilige
Antonius von Padua im Gedicht aus des Knaben Wunderhorn. "Die Predigt dermalen hat
allen gefallen", aber am Ende schwimmen die Fische, denen Antonius gepredigt hat,
munter wie immer davon und haben sich nicht im Geringsten verändert. Sprich: Man hört
zwar viel und man schreibt vielleicht noch einigen markante Stellen mit, aber Konferenzen
haben halt diesen Predigt-Effekt an sich.

Bei Barcamps ist das nicht der Fall - jedenfalls bei mir und ich bin mir sicher, es hat seinen
Grund warum die etwas offenere Form der Wissensvermittlung in Deutschland seit Jahren
boomt. Zwar steht bei einem Barcamp in der Regel das Oberthema vorher fest - einige
Barcamps sammeln auch vorab schon Themenvorschläge - aber wer da sein wird und wie
das Programm sich dann gestaltet - das wird dann ja eigentlich erst am Tag oder an den
Tagen selber offenbar. Sprich: Man trifft sich an einem vereinbarten Ort zu einem
gemeinsamen Thema und erarbeitet die Programmgestaltung erst am Tag selbst. Das hat
zwar den Nachteil, dass man nie genau weiß was einen erwartet - bei Konferenzen ist das
Programm strikt durchgeplant und vorher bekannt - hat aber den interessanten Aspekt,
dass man durchaus auch selber aktiv werden kann. Selbst wenn man nur eine Frage hat,
eine Diskussionsrunde zum einem Thema kann genau so spannend sein wie ein
Kurzvortrag.

Während man bei einer Konferenz nur passiver Teilnehmer ist - man sitzt halt rum und hört
sich an, was vorne auf der Bühne vorgetragen wird - ist man bei einem Barcamp eher ein
aktiver Teilnehmer. Das muss man nun nicht unbedingt sein, aber durch diese andere
Erwartung ergibt sich auch eine anderen Atmosphäre. Während bei einer Konferenz
dieses Atmosphäre erst - wenn überhaupt - in den Pausen aufkommt, wenn man bei einem
Kaffee zusammensteht und darüber redet, was man so macht oder was einen bisher so
beeindruckt hat, ist bei einem Barcamp diese Atmosphäre ständig gegeben. Es ist ein
bisschen lockerer.

Die Frage, welches Format jetzt nachhaltiger ist wenn es darum geht Wissen zu vermitteln
und weiterzugeben ist aus meiner Sicht eindeutig klar zu beantworten: Barcamps sind,
weil man gemeinsam den Tag gestaltet und weil man vielleicht dann in eine etwas aktivere
Rolle tritt als bei Konferenzen sicherlich für das Teilen von Wissen besser geeignet als
Konferenzen. Das Kontakteknüpfen ist bei Barcamps sicherlich auch einfacher.
Konferenzen haben den Vorteil, dass man von vornherein genau weiß, auf was man sich
einlässt. Und wenn man fleißig mitschreibt hat man sicherlich auch das Ein oder Andere
was man mitnimmt. Zudem sind Konferenzen sicherlich dann besser, wenn es nur um das
reine Präsentieren von Dingen geht. Sicherlich hat das Ganze auch damit zu tun, dass die
Form der Konferenz an sich auch besser für den Arbeitgeber oder für den, der die
Mitarbeiter da hinschickt besser viermittelbarer ist. Ich erinnere mich noch an den Versuch,
ein Barcamp als Fortbildungsveranstaltung genehmigen zu lassen - schön, das ist eine
Weile her und das Format war damals noch relativ neu, aber bis man dann erklärt hat, dass
man da hin muss weil - weil - na ja, es ist wirklich nicht einfach zu erklären warum das
gefördert werden sollte. Mittlerweile müsste das aber einfacher sein. Hoffe ich.

Wo das Barcamp noch nicht vertreten ist, das ist im Science-Fiction-Bereich. Vielleicht weil
die bisher eingespielte Form der Convention DIE ultimative Form für das Genre ist. Es geht
bei ihr ja auch eher um eine Präsentation von Wissen oder eine Präsentation von Dingen.
Also Raumschiffmodelle oder Kostüme oder die Richtung. Ich könnte mir einen
spannenden Workshop zum Thema "Wie baue ich meinen eigenen Dalek" ja durchaus
auch als Beitrag für ein Barcamp vorstellen - aber die meisten Themen, die in der SF zu
Hause sind scheinen eher nicht interaktiv geeignet zu sein. Oder sie haben sich - siehe das
Basteln von Robotern oder das Programmieren von Kleinrechnern - eher in den Bereich
der Maker-Szene verlagert, die wiederum ja ihre Maker-Fares haben. Vielleicht ist die SF
auch wirklich nicht geeignet für das Format des Barcamps. Man müsste es einfach
vielleicht auch mal ausprobieren. Schaden könnte es nicht.