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Hessisches Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung

für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag
für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag
für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag
Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantra g Dr. Alexander Werner Dr.

Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

Dr. Alexander Werner Dr. Claus Bauer Anja Gauler

HA Report Nr. 963 Wiesbaden 2018

IMPRESSUM

HERAUSGEBER Hessisches Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung

BEARBEITUNG HA Hessen Agentur GmbH

KONTAKT HA Hessen Agentur GmbH Konradinerallee 9 65189 Wiesbaden Tel +49 611 95017-80 /-85 Fax +49 611 95017-8466 info@hessen-agentur.de

VERFASSER Dr. Alexander Werner, Dr. Claus Bauer, Anja Gauler

STAND

Mai 2018

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Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird auf eine geschlechtsspezifische Differenzierung von Funktions- bzw. personenbezogenen Bezeichnungen, wie zum Beispiel Teilnehmer/Innen, verzichtet. Entsprechende Begriffe gel- ten im Sinne der Gleichbehandlung für beide Geschlechter.

Nachdruck – auch auszugsweise – ist nur mit Quellenangabe gestattet. Belegexemplar erbeten.

DRUCK Hessisches Statistisches Landesamt

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HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung

Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

Inhalt

Seite

Vorwort

III

1 Zielsetzung und Aufbau der Untersuchung

1

2 Brexit – aktueller Stand in Hessen, in der Europäischen Union und im Vereinigten Königreich

3

2.1 Rahmenbedingungen

3

2.2 Stand der Verhandlungen

6

2.3 Brexit-Aktivitäten in Hessen

8

3 Vereinigtes Königreich im Überblick

14

3.1 Geopolitische Lage und Bevölkerung

14

3.2 Wirtschaftsstruktur und Wirtschaftsentwicklung

16

4 Außenwirtschaftliche Beziehungen zwischen Hessen und dem Vereinigten Königreich

21

4.1 Außenhandel

21

4.2 Direktinvestitionen

33

5 Auswirkungen des Brexit: Studien, Befragungen und Positionen

39

5.1 Brexit-Folgen aus der Sicht von ökonomischen Studien

39

5.2 Brexit-Folgen aus der Sicht von Unternehmensbefragungen

45

5.3 Positionen von Verbänden, Institutionen und Organisationen

50

6 Befragung hessischer Unternehmen zum Brexit

64

6.1 Zielsetzung und Methodik der Unternehmensbefragung

64

6.2 Strukturelle Merkmale der befragten Unternehmen

66

6.3 Erwartungen der befragten Unternehmen an das Verhandlungs- ergebnis und die Auswirkungen des Brexit insgesamt

68

6.4 Hessische Unternehmen mit Geschäftsbeziehungen zum Vereinigten Königreich

72

6.5 Hessische Unternehmen mit Standorten im Vereinigten Königreich

79

6.6 Hessische Unternehmen mit Exporten in das Vereinigte Königreich und Importen aus dem Vereinigten Königreich

83

6.7 Hessische Unternehmen mit finanzwirtschaftlichen Verflechtungen mit dem Vereinigten Königreich

90

6.8 Vorbereitungen, Planungen, Einschätzungen

93

7 Zusammenfassung und Fazit

99

Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

Abbildungsverzeichnis

104

Tabellenverzeichnis

106

Literaturverzeichnis

107

Anhang

113

Vorwort

Vorwort HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung Liebe Leserinnen und Leser, der

HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung

Liebe Leserinnen und Leser,

der angekündigte Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU ist ein Schaden für Europa. Die Auswirkungen betreffen un- ser Bundesland in besonderem Maße, denn Großbritannien ist gemessen am Handelsvolumen mit 7,8 Mrd. Euro unser fünft- wichtigster Handelspartner und mit 21 Mrd. Euro das zweit- wichtigste Zielland von Direktinvestitionen hessischer Unter- nehmen jenseits unserer Grenzen. Leider ist immer noch völlig unklar, unter welchen Bedingungen das Vereinigte Königreich die EU verlassen wird und wie sich das künftige Verhältnis zum europäischen Binnenmarkt gestaltet.

Diese Unsicherheit spiegelt sich in den Antworten auf unsere aktuelle Unternehmensbe- fragung wider. Sie machen deutlich, dass sich zahlreiche Unternehmen mit Geschäftsbe- ziehungen in das Vereinigte Königreich auf den Brexit vorbereiten und einige von ihnen bereits konkrete Maßnahmen eingeleitet haben. Viele erwarten – insbesondere bei einem harten Brexit – negative Auswirkungen, sodass sich eine klare Mehrheit auch nach dem Austritt eine möglichst enge Anbindung des Vereinigten Königreichs an den EU-Binnen- markt erhofft.

Die Landesregierung wird die hessische Wirtschaft weiterhin mit zahlreichen Maßnahmen dabei unterstützen, die mit dem Brexit verbundenen Herausforderungen zu meistern und mögliche Chancen zu nutzen. Mittlerweile haben rund 20 Banken angekündigt, Aktivitäten aus London auf neu zu gründende oder bestehende Niederlassungen in Frankfurt zu ver- lagern. Mit intensiver Werbung für den Standort Hessen werden wir Ansiedlungen nicht nur von Finanzinstituten, sondern auch von Unternehmen anderer Wirtschaftszweige weiter un- terstützen.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre und bedanke mich bei allen Unternehmen, die in dieser und der vorangegangenen Umfrage, bei Veranstaltungen und in Arbeitskreisen mit uns in Dialog getreten sind.

und in Arbeitskreisen mit uns in Dialog getreten sind. Tarek Al-Wazir, Hessischer Minister für Wirtschaft,

Tarek Al-Wazir, Hessischer Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung

HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung

1 Zielsetzung und Aufbau der Untersuchung

Am 29. März 2017 hat das Vereinigte Königreich (UK) gemäß Artikel 50 des Vertrags über die Europäische Union (EU-Vertrag) offiziell bekundet, dass es aus der Europäischen Union (EU) austreten will. Seit dem 19. Juni 2017 verhandeln die EU-Kommission und das UK über die Modalitäten des Austritts. Dieser wird gemäß EU-Vertrag spätestens zwei Jahre nach dem Antrag, also Ende März 2019, vollzogen, sofern sich nicht beide Seiten auf eine Verlängerung der Verhandlungsphase einigen. Mehr als die Hälfte des Verhandlungszeit- raums ist inzwischen abgelaufen und trotz verschiedener Verhandlungsfortschritte ist wei- terhin unklar, unter welchen Bedingungen der Brexit vollzogen wird und wie die zukünftigen Beziehungen zwischen der EU und dem UK gestaltet sein werden.

Der Austritt des UK stellt politisch eine bedeutende Zäsur dar – nach mehreren EU-Erwei- terungsrunden wird erstmals ein Land die Staatengemeinschaft verlassen. Doch auch die ökonomischen Konsequenzen haben eine erhebliche Tragweite: Das UK weist nach Deutschland das zweithöchste BIP und die drittgrößte Einwohnerzahl der EU auf. In Ab- hängigkeit des Verhandlungsergebnisses wird der EU-Austritt des UK mehr oder weniger tiefgreifende wirtschaftliche Auswirkungen haben. Dabei wird nicht nur das UK selbst be- troffen sein, sondern auch in anderen Ländern werden über diverse Transmissionskanäle Auswirkungen auftreten. Die Bandbreite reicht von wechselkursbedingt geringeren Export- und Importvolumina im Handel mit dem UK über einen Rückgang der ausländischen Direkt- investitionen in das UK bis hin zu Verlagerungen von Arbeitsplätzen aus dem UK in EU- Länder und vermehrte Ansiedlungen aus Drittstaaten in andere EU-Länder. Dabei treten Auswirkungen nicht erst nach dem vollzogenen Brexit ein, sondern sind bereits während der mit großer Unsicherheit einhergehenden Verhandlungsphase spürbar. Am offensicht- lichsten ist die Wechselkursentwicklung seit dem Brexit-Referendum mit einem Wertverlust des Britischen Pfundes von 17 % gegenüber dem Euro.

Als international ausgerichteter Standort verfügt Hessen über intensive Wirtschaftsbezie- hungen zum UK. Dies gilt sowohl für den Außenhandel als auch für die Direktinvestitions- verflechtungen zwischen Hessen und dem UK. Dementsprechend steht die hessische Wirt- schaft vor Herausforderungen, aber auch Chancen beim Umgang mit dem Brexit. Vor die- sem Hintergrund hat die Hessen Agentur im Auftrag des Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung im Rahmen der Studie „Hessen und der Brexit – Auswirkungen auf die hessische Wirtschaft“ bereits Ende 2016 eine breit an- gelegte Unternehmensbefragung durchgeführt. Ziel war es, ein Meinungsbild von hessi- sche Unternehmen mit geschäftlichen Beziehungen zum UK zu gewinnen. Dazu wurden alle hessischen Unternehmen befragt, die eine Tochtergesellschaft im UK besitzen oder deren Mutter bzw. Konzernzentrale im UK ihren Standort hat. Zudem wurden Unternehmen in exportstarken Branchen mit mehr als 50 Mitarbeitern berücksichtigt. Von insgesamt 4.100

Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

angeschriebenen Unternehmen antworteten rund 700, womit die Befragung auf einem brei- ten Fundament der betroffenen hessischen Wirtschaft steht. Die Untersuchungsergebnisse sind nicht zuletzt in die Brexit-Aktivitäten des Landes Hessen eingeflossen.

Die vorliegende Untersuchung baut auf der Vorjahresuntersuchung auf. Ziel der neuen Stu- die ist es, einen Blick auf die Entwicklungen des letzten Jahres – d. h. seit dem offiziellen Austrittsgesuch durch das UK – zu werfen und die weiteren Perspektiven aufzuzeigen. Durch eine aktuelle Unternehmensbefragung können die derzeitigen Einschätzungen der Unternehmen erfasst sowie Unterschiede gegenüber der vorherrschenden Stimmung vor dem offiziellen Austrittsantrag aufgezeigt werden.

Im sich anschließenden Kapitel 2 wird ein Überblick über den bisherigen Verlauf und den Stand der Verhandlungen zwischen der EU und dem UK gegeben. Ebenfalls wird ein Über- blick über zahlreiche Maßnahmen der hessischen Landesregierung sowie verschiedener weiterer Akteure zur Unterstützung der hessischen Wirtschaft bei der Bewältigung von Her- ausforderungen und der Nutzung von Chancen durch den Brexit gegeben.

Das dritte Kapitel enthält ein kurzes Länderprofil mit grundlegenden Informationen zum UK und der Entwicklung der britischen Wirtschaft. Im vierten Kapitel erfolgt eine detaillierte Analyse der außenwirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Hessen und dem UK. Struktur und Entwicklung des Außenhandels werden untersucht, getrennt nach Einfuhr und Ausfuhr und jeweils differenziert nach den wichtigsten Gütergruppen. Als Vergleichsmaßstab wer- den die Bundesebene herangezogen und teils andere Bundesländer betrachtet. Neben den Außenhandelsbeziehungen werden die Struktur und die Entwicklung der hessischen Direk- tinvestitionsbeziehungen zum UK – im Vergleich zum Bund – in die Analyse einbezogen.

Im fünften Kapitel werden die potenziellen Auswirkungen des Brexit in den Blick genom- men. Hierzu werden die Ergebnisse von ausgewählten Analysen und Unternehmensbefra- gungen herangezogen. Zudem werden Veröffentlichungen und Positionspapiere von Ver- bänden und Wirtschaftsvereinigungen von in Hessen stark vertretenen Branchen im Hin- blick auf die Auswirkungen des Brexit ausgewertet.

Das sechste Kapitel beinhaltet die Auswertung der aktuellen Unternehmensbefragung in Hessen. Rund 3.900 Unternehmen mit Sitz in Hessen wurden im März 2018 zum Brexit befragt. Die Befragung lehnt sich methodisch an die Erhebung zum Jahreswechsel 2016 / 2017 an. Der Fokus der schriftlichen Befragungen liegt dabei auf hessischen Unter- nehmen mit Wirtschaftsbeziehungen zum UK (Export, Import, Mutter- / Tochterunterneh- men im UK etc.). Die Befragung thematisiert insbesondere die Folgen des Brexit für die Unternehmen – detailliert nach Art der Geschäftsbeziehungen mit dem UK – und den Wirt- schaftsstandort Hessen insgesamt sowie den Vorbereitungsstand der Unternehmen. In Ka- pitel 7 werden die Ergebnisse der Studie zusammengefasst.

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2 Brexit – aktueller Stand in Hessen, in der Europäischen Union und im Vereinigten Königreich

2.1

Rahmenbedingungen

Zunächst werden kurz die Entwicklung und die Rahmenbedingungen des Brexit-Prozesses erläutert, bevor im nächsten Abschnitt der aktuelle Stand 1 der Verhandlungen zum Brexit zwischen der EU und dem UK dargestellt wird. Das UK ist seit dem 1. Januar 1973 Mitglied der EU, sodass die im Laufe der Zeit entwickelten, engen wirtschaftlichen Verknüpfungen der EU-Mitgliedsstaaten, insbesondere die Grundfreiheiten des europäischen Binnenmark- tes, derzeit für das Land gelten. Allerdings ist das UK weder Mitglied der Euro-Zone noch des Schengenraums. Gemäß des EU-Vertrags (Artikel 50) steht den EU-Mitgliedsstaaten die Möglichkeit offen, aus der EU auszutreten. Am 23. Juni 2016 kam eine – rechtlich nicht bindende – Volksabstimmung im UK mit knapper Mehrheit zum Ergebnis, dass das Land die EU verlassen soll. Durch das Austrittsgesuch löste mit dem UK erstmals ein Mitglieds- staat Austrittsverhandlungen gemäß Artikel 50 des EU-Vertrages aus. Der Vorgang ist da- her sowohl politisches als auch juristisches Neuland, woraus eine intensive und mit vielen Unsicherheiten behaftete Verhandlungsphase resultiert. 2

Die langfristigen wirtschaftlichen Folgen des Brexit sind im engen Kontext mit dem Ver- handlungsergebnis zwischen der EU und dem UK über die Ausgestaltung des Brexit und die Neuregelung der Beziehungen zu sehen. Hinsichtlich des Austritts selbst ist insbeson- dere die Frage nach Übergangsfristen für bestehende Regelungen, Verträge und Verein- barungen sowie die Höhe von Forderungen der EU an das UK relevant. Bei der Gestaltung der zukünftigen wirtschaftlichen Beziehungen werden häufig zum Vergleich die derzeit be- stehenden unterschiedlichen Abkommen mit anderen Nicht-EU-Staaten herangezogen.

In einer aktuellen Einschätzung hat die EU-Kommission die bestehenden Abkommen den „roten Linien“, die durch die britische Regierung gezogen wurden, gegenübergestellt und kommt zu dem Ergebnis, dass danach lediglich ein Freihandelsabkommen entsprechend den Abkommen der EU mit Südkorea und Kanada möglich ist (vgl. Abbildung 1). Eine An- bindung zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) entsprechend Norwegen, Island und Liechtenstein schließt sich nach dem derzeitigen Stand aus, da dadurch mehrere „rote Li- nien“ des UK durchkreuzt werden. So lehnt das UK die Zuständigkeit des europäischen Gerichtshofs, die Personenfreizügigkeit im Binnenmarkt und eine substanzielle finanzielle Beteiligung am EU-Haushalt ab und möchte zukünftig regulatorische Autonomie gegenüber den EU-Vorgaben erreichen. Die drei letztgenannten Gründe sprechen auch gegen ein Ver- hältnis entsprechend den derzeitigen Beziehungen der EU mit der Schweiz. Gegen ein

1 Redaktionsschluss 31.03.2018.

2 Mittlerweile ist ein umfangreicher Literaturbestand zu den historischen Ursprüngen sowie den rechtlichen, politischen und ökono- mischen Rahmenbedingungen verfügbar, vgl. beispielsweise die Sammelbände von Kramme, Baldus, Schmidt-Kessel (2017), Armour, Eidenmüller (2017) und Troitiño, Kerikmäe, Chochia (2018).

Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

künftiges Abkommen zwischen der EU und dem UK nach dem Vorbild des derzeitigen Ver- hältnisses der EU zur Ukraine sprechen wiederum die Ablehnung der Zuständigkeit des europäischen Gerichtshofes sowie der Wunsch nach regulatorischer Autonomie seitens des UK. Schließlich hat das UK die Zielsetzung, zukünftig eine eigene Handelspolitik zu betreiben, wodurch ein Abkommen entsprechend der derzeitigen Vereinbarung zwischen der EU und der Türkei nicht möglich erscheint. Allerdings hat jüngst das Britische Oberhaus für eine Änderung des EU-Austrittsgesetz votiert, die eine Zollunion des UK mit der EU ermöglichen könnte. 3 Damit bliebe die Möglichkeit, ein tiefgehendes Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem UK zu vereinbaren, wie etwa die jüngsten Abkommen mit Ka- nada und Südkorea. Diese Freihandelsabkommen entsprechen einem neuen Typus. Sie gehen weit über die Absenkung von tarifären Handelsbarrieren hinaus und enthalten um- fangreiche Regelungen zum Beispiel im Hinblick auf eine Harmonisierung von Standards. 4 Es ist davon auszugehen, dass die Integration der Märkte des UK und der EU trotz eines Freihandelsabkommens deutlich geringer sein wird als bei den anderen zuvor genannten Alternativen. Die geringste Integration der Märkte würde bei einem Austritt des UK ohne Abkommen auftreten, da das UK aus Sicht der EU dann auf den Status eines Drittlandes zurückfällt und zukünftig die WTO-Regularien angewendet würden. Im weiteren Verlauf der vorliegenden Studie wird dieser Fall als „harter Brexit“ bezeichnet.

Die britische Regierung vertritt dagegen die Ansicht, dass der Vergleich mit bestehenden Abkommen zwischen der EU und anderen Ländern kein geeigneter Maßstab sei, da die Verhandlungen zwischen der EU und dem UK von einem gänzlich anderen Startpunkt aus- gehen. Die Integration zwischen beiden Partnern sei derzeit durch die EU-Mitgliedschaft des UK äußerst tiefgehend und es bestünden viele Gemeinsamkeiten, auf denen aufgebaut werden könne. Daher sei zwischen der EU und dem UK ein maßgeschneidertes Abkommen zu vereinbaren, das gegenüber den bestehenden Abkommen ein neues Modell darstellt.

Hinsichtlich der potenziellen Austrittsszenarien ist stets zu betonen, dass das Ergebnis der Verhandlungen noch offen ist und auch die „roten Linien“ möglicherweise nochmals geprüft und angepasst werden könnten. Insbesondere der Umgang mit der Grenze zwischen dem EU-Land Irland und dem zum UK gehörenden Nordirland stellt derzeit die Verhandlungs- teilnehmer vor besondere Herausforderungen. Aufgrund der engen wirtschaftlichen Bezie- hungen, persönlichen Verbindungen und nicht zuletzt zur Aufrechterhaltung des Friedens in Nordirland sind sich beide Seiten einig, dass keine Grenze mit Zoll- und Personenkon- trollen zwischen Irland und Nordirland eingeführt werden soll. Andererseits wird die Grenze nach dem Brexit eine EU-Außengrenze darstellen, die abhängig von der Integrationstiefe zwischen der EU und dem UK entsprechende Kontrollen voraussetzt.

3 Vgl. SZ (2018).

4 Vgl. zum Freihandelsabkommen zwischen der EU und Kanada beispielsweise Hessen Agentur (2017b).

Abbildung 1:

HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung

Zukünftige Beziehung zwischen der Europäischen Union und dem Vereinigten Königreich: Abgleich potenzieller Szenarien und Zielsetzungen („rote Linien“) des UK

Szenarie n und Zielsetzungen („rote Linien“) des UK Zukünftige Beziehung (sortiert nach „rote Linien“

Zukünftige Beziehung (sortiert nach

„rote Linien“ des UK

Intensität der Beziehungen, Nähe

zur EU)

EU-Mitgliedschaft

Das UK tritt aus der EU aus

Europäischer Wirtschaftsraum EWR (Norwegen, Island, Liechtenstein)

Das UK lehnt Zuständigkeit des europäischen Gerichtshofs ab

Das UK lehnt Personenfreizügigkeit ab

Das UK lehnt substanzielle finanzielle Beteiligung am EU-Haushalt ab

Das UK will regulatorische Autonomie erreichen

European Free Trade Association EFTA (Schweiz)

Das UK lehnt Personenfreizügigkeit ab

Das UK lehnt substanzielle finanzielle Beteiligung am EU-Haushalt ab

Das UK will regulatorische Autonomie erreichen

Vergleichbar mit Ukraine

Das UK lehnt europäischen Gerichtshof ab

Das UK will regulatorische Autonomie erreichen

Vergleichbar mit Türkei

Das UK will unabhängige Handelspolitik betreiben

Freihandelsabkommen (Kanada / Republik Korea)

Kein Abkommen (WTO-Regularien, UK als Drittland)

Quelle: Abbildung entnommen aus EU-Kommission (2018, S. 6), Darstellung der Hessen Agentur

Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

Die britische Regierungschefin lehnte einen Vorschlag des EU-Verhandlungsführers, die Grenze zwischen Nordirland und Irland offen zu halten und stattdessen Kontrollen zwischen Großbritannien und Nordirland einzuführen, ab, da dies den Zusammenhalt der Landesteile des UK schwächt.

2.2 Stand der Verhandlungen

Mehr als die Hälfte der in Artikel 50 des EU-Vertrags vorgesehenen Verhandlungsdauer von zwei Jahren nach dem offiziellen Austrittsantrag ist mittlerweile abgelaufen. Die Regie- rung des UK hat den Antrag zum Austritt des Landes bei der EU am 29. März 2017 einge- reicht, sodass das Land zum 30. März 2019 aus der EU ausscheiden wird. Dabei ist anzu- merken, dass sich die Verhandlungspartner auf eine Verlängerung der Verhandlungsfrist einigen könnten, was aber zurzeit als sehr unwahrscheinlich eingeschätzt wird. Auch kön- nen in einem Austrittsabkommen Übergangsregelungen festgelegt werden. Hier wurde jüngst eine grundsätzliche Einigung, d. h. unter dem Vorbehalt der Verabschiedung eines Austrittsabkommens, auf eine Übergangsfrist bis zum Ende des Jahres 2020 erreicht. Einen Überblick zum bisherigen zeitlichen Ablauf und dem sich daraus ergebenen aktuellen Stand der Verhandlungen beinhaltet Tabelle 1.

Nachdem sich beim Brexit-Referendum eine knappe Mehrheit der britischen Wähler für den Austritt aus der EU ausgesprochen hatte, kam es zu umfangreichen innenpolitischen Aus- wirkungen im UK. Auch hierdurch bedingt erfolgte die Übergabe des offiziellen Austrittsan- trags erst rund neun Monate später am 29. März 2017. Der Europäische Rat verabschie- dete die Leitlinien für die Verhandlungen am 29. April 2017, worauf die erste Verhandlungs- runde am 19. Juni 2017 starten konnte. Die EU hat sich dahingehend durchgesetzt, dass zunächst über die Bedingungen des Austritts verhandelt werden soll, und erst wenn dies- bezüglich deutliche Fortschritte gemacht wurden, die zukünftigen Beziehungen diskutiert werden sollten. Nach sechs Verhandlungsrunden kam der EU-Rat am 15. Dezember 2017 gemäß dem gemeinsamen Fortschrittsbericht zu dem Ergebnis, dass in der ersten Ver- handlungsphase zu den Austrittsbedingungen ausreichend Fortschritte erzielt worden seien, um die Verhandlungen für die zweite Verhandlungsphase zu den zukünftigen (Wirt- schafts-)beziehungen (Artikel-50-Verhandlungen) aufnehmen zu können. Schließlich ver- öffentlichte die EU-Kommission am 28. Februar 2018 einen ersten Entwurf für einen Ver- tragstext des Austrittsabkommens, in den die erzielten Ergebnisse und Kompromisse der bisherigen Verhandlungen eingingen.

Trotz der erzielten Fortschritte der Verhandlungen ist der Ausgang weiterhin kaum vorher- zusehen. Insbesondere diverse Pressemitteilungen und Artikel seitens der EU-Kommission und der britischen Regierung zeigen häufig, wie weit die Positionen immer noch auseinan- derliegen. Positiv zu bewerten ist die erwähnte Einigung – unter dem üblichen Vorbehalt, dass nichts beschlossen ist, bis das finale Abkommen steht – im Hinblick auf eine Über- gangsphase. Das UK erklärte sich mit der von der EU-Kommission vorgesehenen kürzeren

HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung

Übergangsfrist bis Ende 2020 einverstanden. In dieser Zeit bliebe das UK Mitglied der Zoll- union und hätte weiterhin Zugang zum Binnenmarkt. Das UK würde während dieser Über- gangsfrist auch die vereinbarten Zahlungen an die EU weiterhin leisten.

Tabelle 1:

Zeitlicher Ablauf der Brexit-Verhandlungen

Datum

23.06.2016

Brexit-Referendum im UK

29.03.2017

Übergabe des Austrittsantrags durch das UK an die EU Beginn der zweijährigen Verhandlungsphase

29.04.2017

Verabschiedung der politischen Leitlinien für die Verhandlungen durch den Europäischen Rat

19.06.2017

Erste Verhandlungsrunde EU-UK (Erste Phase, Organisation des Austritts)

17.07.2017-

20.07.2017

Zweite Verhandlungsrunde EU-UK (Erste Phase, Organisation des Austritts)

01.08.2017

Beginn der Evaluierung der Bewerbungen um den zukünftigen Sitz der EU-Bankenaufsicht (EBA) und der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) durch die EU

28.08.2017-

31.08.2017

Dritte Verhandlungsrunde EU-UK (Erste Phase, Organisation des Austritts)

25.09.2017-

28.09.2017

Vierte Verhandlungsrunde EU-UK (Erste Phase, Organisation des Austritts)

09.10.2017-

12.10.2017

Fünfte Verhandlungsrunde EU-UK (Erste Phase, Organisation des Austritts)

10.11.2017

Sechste Verhandlungsrunde EU-UK (Erste Phase, Organisation des Austritts)

20.11.2017

Entscheidung für Umzug der bisher in London ansässigen EBA nach Paris und der EMA nach Amsterdam

 

Gemäß den Ergebnissen des gemeinsamen Fortschrittsberichtes zu den Verhandlungen kommt der EU-Rat zu

15.12.2017

der Entscheidung, dass die zweite Phase der Verhandlungen, d.h. zu den künftigen Wirtschaftsbeziehungen, aufgenommen werden kann

16.01.2018-

17.01.2018

EU-UK Artikel 50 Verhandlungen (Verhandlungen auf technischer Ebene)

06.02.2018-

09.02.2018

EU-UK Artikel 50 Verhandlungen (Verhandlungen auf technischer Ebene / Koordinatoren-Ebene)

19.02.2018-

20.02.2018

EU-UK Artikel 50 Verhandlungen (Verhandlungen auf technischer Ebene / Koordinatoren-Ebene)

26.02.2018-

27.02.2018

EU-UK Artikel 50 Verhandlungen (Verhandlungen auf technischer Ebene / Koordinatoren-Ebene)

28.02.2018

Veröffentlichung eines Vertragsentwurfs für das Ausscheiden des UK aus der EU durch die EU-Kommission

05.03.2018-

07.03.2018

EU-UK Artikel 50 Verhandlungen (Verhandlungen auf technischer Ebene / Koordinatoren-Ebene)

13.03.2018-

15.03.2018

EU-UK Artikel 50 Verhandlungen (Verhandlungen auf technischer Ebene / Koordinatoren-Ebene)

19.03.2018

Einigung zwischen UK und EU auf Übergangsfrist bis Ende 2020, sofern ein Austrittsabkommen vereinbart wird

Quelle: Zusammenstellung der Hessen Agentur

Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

2.3 Brexit-Aktivitäten in Hessen

Der Brexit ist ein gesellschaftlich und politisch einschneidendes Ereignis, das – wie die Stu- die der Hessen Agentur aus dem Jahr 2017 belegt – nicht nur auf das UK selbst, sondern auch auf Hessen ökonomische Auswirkungen haben wird. Obwohl das Verhandlungser- gebnis, wie im vorangegangenen Abschnitt erläutert, weiterhin unklar ist, wird bereits deut- lich, dass sich viele Rahmenbedingungen ändern dürften. Potenziellen Herausforderungen, wie etwa einer Einführung von tarifären und nicht-tarifären Handelsbarrieren, dem „Ausei- nanderlaufen“ von Standards und Normen sowie Einschränkungen der Mobilität von Mitar- beitern zwischen dem UK und der EU, stehen potenzielle Chancen wie etwa ein erhöhter Zustrom von Direktinvestitionen durch eine verbesserte Positionierung Hessens als Brü- ckenkopf in die EU für Unternehmen aus Drittstaaten gegenüber.

In Hessen wird der Brexit-Prozess daher bereits von Beginn an, d. h. seit sich ein potenzi- eller EU-Austritt des UK abzeichnete, durch zahlreiche Maßnahmen der Landesregierung und weiterer hessischer Akteure flankiert. Im Vordergrund stehen dabei Aktivitäten auf po- litischer Ebene, um die Interessen Hessens im Verhandlungsprozess zu vertreten, Maß- nahmen des Standortmarketings für mögliche Investoren aus dem UK und aus anderen wichtigen Quellländern sowie Veranstaltungen und Informationen für hessische Unterneh- men über die Herausforderungen, die sich durch den Austritt des UK aus dem gemeinsa- men Binnenmarkt ergeben. Der Austausch mit der Politik und den Wirtschaftsvertretern im UK ist von einem partnerschaftlichen Ansatz geprägt, d. h. es werden die Interessen der hessischen Wirtschaft vertreten, aber auch nach gemeinsamen Lösungsmöglichkeiten ge- sucht.

Die Aktivitäten der Hessischen Landesregierung zum Brexit werden in der Staatskanzlei koordiniert, wo sich eine Stabsstelle dem Thema Brexit widmet. Bereits im Sommer 2016 wurden mit der Einberufung des Finanzplatzkabinetts, an dessen Sitzung der Präsident der Bundesbank, Vertreter des Finanzplatzes, der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Bun- desregierung teilnahmen, die drei Themengruppen „Marketing und Realwirtschaft“, „Rechtsrahmen“ und „Bund und Europa“ gebildet. Frühzeitig wurden auch gemeinsam mit dem Präsidium der hessischen Unternehmerverbände Kabinettssitzungen abgehalten. Nachfolgend werden beispielhaft Aktivitäten aus den drei Themengruppen dargestellt.

Bund und Europa

Die Themengruppe „Bund und Europa“ wird federführend in der Staatskanzlei betreut. Be- deutende Aktivitäten im Hinblick auf den Brexit werden durch die Vertretung des Landes Hessen bei der Europäischen Union initiiert. Hierunter fallen die Durchführung von Veran- staltungen zum Brexit allgemein sowie zu spezifischen Themen, beispielsweise dem Euro- clearing oder den Auswirkungen auf den Justizbereich, Expertengespräche mit Verbänden sowie die Organisation von Austauschmöglichkeiten in Brüssel, um hessische Positionen sowohl in den Verhandlungsprozess einzubringen als auch gegenüber EU-Institutionen wie

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der EU-Kommission und dem EU-Parlament deutlich zu machen. Dieses politische Lob- bying entspricht den Ergebnissen der letztjährigen Unternehmensbefragung der Hessen Agentur, in der das Eintreten für hessische Interessen als wichtigste Maßnahme von Seiten des Landes eingeschätzt wurde. Mehr als 80 % der teilnehmenden Unternehmen messen dem politischen Engagement des Landes auf EU- und Bundesebene im Sinne möglichst guter Brexit-Verhandlungsergebnisse eine große Bedeutung bei. So hat Ministerpräsident Volker Bouffier in Brüssel bereits direkt nach dem britischen Volksentscheid intensive Ge- spräche mit den Fraktionen des Europäischen Parlaments, dem Präsidenten der Europäi- schen Kommission und den Kommissaren der Europäischen Kommission, u.a. dem für den Kapitalmarkt zuständigen Vizepräsidenten, geführt und für den Standort Hessen geworben. Das Finanzplatzkabinett tagte im April 2017 in Brüssel zu den Themen Verhandlungsin- halte, Strategie der EU sowie Auswirkungen des Brexit auf die EU-Finanzdienstleistungs- politik und den Finanzplatz Frankfurt und tauschte sich dabei intensiv mit Funktionsträgern der EU aus. Europaministerin Lucia Puttrich hat in den vergangenen Monaten eine Vielzahl an Gesprächen mit Unternehmen geführt, die in Geschäftsbeziehungen mit dem UK stehen, sowie sich in Brüssel in Gesprächen mit EU-Vertretern für die hessischen Positionen ein- gesetzt. Hessen ist Mitglied in einer Bund-Länder-AG, in der u.a. über den Gesetzanpas- sungsbedarf gesprochen wird. Der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir begleitete den Ausschuss Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung des Hessischen Land- tags im März 2018 nach London. Schwerpunkte waren die Information über den aktuellen Stand des Brexit und dessen mögliche Konsequenzen für Hessen sowie die Themen Finanzwirtschaft und Gründerförderung.

Rechtsrahmen

Das Hessische Ministerium der Finanzen bearbeitet innerhalb der Brexit-Arbeitsstruktur die Themengruppe „Rechtsrahmen“. Deren Ziel ist es, den bestehenden Rechtsrahmen so zu optimieren, dass Risiken für die wirtschaftlichen Beziehungen Hessens zum UK gemindert, aber auch sinnvolle Änderungen angestoßen werden, sodass sich Chancen für den Stand- ort Hessen ergeben. Im Fokus stehen dabei Fragen der Finanzmarktregulierung und des Steuerrechts. Genauso gehören das Zivil- und Wirtschaftsrecht (einschließlich Insolvenz- recht) dazu. Ein gutes Beispiel ist sicherlich das deutsche Kündigungsschutzrecht, das zu Recht stark auf den durchschnittlichen Arbeitnehmer ausgerichtet ist. Spitzenverdiener in der Finanzindustrie sind aber mit diesen Arbeitnehmern nicht vergleichbar; international ist das deutsche Arbeitsrecht hier zu wenig flexibel. Insofern ist Handlungsbedarf entstanden, den die neue Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag vom März 2018 nunmehr aufge- griffen hat. Ein weiteres Beispiel sind Verträge im Finanzdienstleistungssektor nach engli- schem Recht. Welche Auswirkungen der Brexit auf diese Verträge hat und was das für die Praxis bedeutet, ist ein weiterer Teil der Aufgabenstellungen der Themengruppe. Das Hes- sische Finanzministerium engagiert sich in diesen und weiteren Problemfeldern für vernünf- tige Lösungen.

Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

Darüber hinaus hat die Hessische Finanzverwaltung – ergänzend zu ihrem Angebot in der „Servicestelle Finanzplatz Frankfurt“ im Ministerium – eine englischsprachige Webseite nebst Hotline und Emailadresse (www.gofrankfurttax.de) mit Informationen zum deutschen Steuerrecht eingerichtet. Sie richtet sich an Personen, die nach einem Umzug infolge des Brexit erstmals mit dem deutschen Steuerrecht konfrontiert sind und Fragen zur eigenen Besteuerung in Hessen haben. Insofern rundet diese Webseite das Angebot der Service- stelle ab, den Unternehmen einen möglichst reibungslosen Übergang zu ermöglichen. Fi- nanzminister Dr. Thomas Schäfer führte bislang unter anderem in London und Dublin zahl- reiche Gespräche mit Unternehmen und Institutionen und warb für Hessen im Zuge des Brexit.

Marketing und Realwirtschaft

Die Themengruppe „Marketing und Realwirtschaft“, in der sowohl Aktivitäten mit Blick auf den Finanzplatz als auch Aktivitäten für das Verarbeitende Gewerbe koordiniert werden, wird vom Hessischen Wirtschaftsministerium geleitet. Der Brexit eröffnet Chancen für den Standort Hessen, da sich durch den Austritt des UK aus der EU die Möglichkeit ergibt, dass Unternehmen bzw. Teilaktivitäten von Unternehmen aus dem UK an einen Standort inner- halb der EU verlagert werden. Zudem dürfte für Unternehmen aus Drittstaaten, die sich in Europa niederlassen wollen, die Attraktivität des Standorts UK gesunken sein, während Standorte innerhalb der EU an Attraktivität gewonnen haben. Da dieser Effekt nicht nur für Hessen zutrifft, sondern für die EU insgesamt gilt, steht Hessen hierbei im Standortwettbe- werb um die Ansiedlung neuer Unternehmen.

Die Hessen Trade & Invest GmbH ist die koordinierende Stelle für Standortmarketingmaß- nahmen des Landes. Durch eine enge Zusammenarbeit von Land, den Wirtschaftsförder- gesellschaften Hessen Agentur und Hessen Trade & Invest gemeinsam mit den Partnern FrankfurtRheinMain International Marketing of the Region (FRM), Wirtschaftsförderung Frankfurt, der IHK Frankfurt, dem Auslandsbankenverband und – bei Maßnahmen für den Finanzplatz Frankfurt Rhein/Main – der FrankfurtMainFinance wird das gemeinsame Standortmarketing schlagkräftig umgesetzt. Unternehmen und Investoren erhalten aus ei- ner Hand Informationen zum Standort Hessen. Die „Brexit Task Force“ der beteiligten Part- ner dient der gemeinsamen Absprache und Entwicklung von Marketingprojekten sowie dem Austausch von Informationen. Viele Aktivitäten wie etwa Delegationen, Messebeteiligungen und Investmentseminare in Quellmärkten werden gemeinsam durchgeführt.

Bereits kurz nach dem Referendum – im August 2016 – führte Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir bei einer Delegation nach London zielgerichtete Gespräche mit Entscheidungsträ- gern von Banken und anderen Finanzdienstleistern. Die Standortvorteile Hessens werden in der Broschüre „Welcome to Frankfurt, Welcome to Hessen“ der Hessen Trade & Invest beworben, die im Oktober 2016 erstmals erschienen ist. In der aktuellen Auflage wird unter anderem das Thema internationale Schulen am Standort Hessen neu aufgenommen, da

HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung

dies für die Mitarbeiter ausländischer Unternehmen als sogenannter „weicher“ Standortfak- tor von hoher Bedeutung ist. Einen Tag nachdem das Referendum im UK knapp zu Gunsten des Brexit ausgegangen ist, wurde die Webseite www.welcometofrm.com freigeschaltet. Zudem wurde frühzeitig ein Ansprechpartner in London etabliert. Die Informationsplattform für internationale Investoren www.invest-in-hessen.de der Hessen Trade & Invest wurde um eine Vielzahl von Inhalten zum Thema Brexit erweitert, um zielgerichtet Informationen zur Verfügung zu stellen und passende Ansprechpartner zu vermitteln.

In den Jahren 2016 und 2017 stand die Finanzwirtschaft im Fokus vieler Aktivitäten des Landes, da in dieser Branche der Handlungsdruck aufgrund der weitreichenden Regulie- rung sowie des benötigten längeren Vorlaufs für möglicherweise notwendige Umstrukturie- rungen besonders groß ist. Zudem ist in Hessen mit dem Finanzplatz Frankfurt das Zentrum der Finanzwirtschaft in Deutschland mit weltweiter Bedeutung angesiedelt, sodass das Land Hessen in diesem Bereich seine Verantwortung wahrnimmt und die Führungsrolle auch im Bund übernommen hat. Hierunter fiel das intensive Engagement im Bewerbungs- prozess um den zukünftigen Standort der aus London abzuziehenden Europäischen Ban- kenaufsicht (EBA), für den die Bundesregierung der EU schließlich Frankfurt am Main vor- geschlagen hat. Die hierfür erstellten notwendigen Bewerbungsunterlagen enthielten de- tailreiche Informationen zum Standort Frankfurt bis hin zu potenziell nutzbaren Bürogebäuden. Zudem wurde im Zuge der Bewerbung ein Imagefilm für das Rhein-Main- Gebiet als zentralen Finanzplatz mit hoher Lebensqualität erstellt. Ferner wurde die Bewer- bung in einer gemeinsamen Veranstaltung mit dem Bundesministerium der Finanzen in Brüssel präsentiert. Zwar konnte sich Deutschland im Bewerbungsverfahren um die EBA letztlich auf EU-Ebene knapp nicht durchsetzen, aber der Finanzplatz Frankfurt wird trotz- dem durch die Ansiedlungen neuer Banken und die Ausweitung der Aktivitäten bestehender Häuser gestärkt. Rund 20 Banken haben derzeit angekündigt, dass sie aufgrund des Brexit eine Niederlassung am Finanzplatz Frankfurt gründen wollen bzw. ihre Beschäftigtenzahl in Frankfurt ausweiten wollen. Wichtiges Thema des Landes im Bereich der Finanzwirt- schaft und Bankenaufsicht ist das potenzielle Risiko, das für die EU-Finanzmarktstabilität entsteht, wenn das Clearing von auf Euro lautenden Derivaten, das derzeit auf ein Clea- ringhaus in London konzentriert ist, nach dem Brexit in signifikantem Ausmaß außerhalb der EU stattfindet.

Zahlreiche Maßnahmen des Landes haben weitere Dienstleistungsbereiche und das Pro- duzierende Gewerbe im Blick, um die hessische Wirtschaft auf die Folgen des Brexit vor- zubereiten. Im November 2017 fand beispielsweise eine Unternehmerreise in das UK nach Birmingham, Leeds und Manchester statt, um über den Standort Hessen zu informieren und für den Standort Hessen zu werben. Im Rahmen dieser durch das Enterprise Europe Network Hessen der Hessen Trade & Invest gemeinsam mit den nordenglischen Partnern vor Ort organisierten Reise hatten hessische Unternehmer die Gelegenheit, die wirtschaft- lich starken Städte Birmingham, Leeds und Manchester kennen zu lernen und dort Kontakte

Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

zu knüpfen. Delegationen und Unternehmerreisen dienen somit stets sowohl der Internati- onalisierung der hessischen Unternehmen als auch als Plattform für die Bewerbung des Wirtschaftsstandorts Hessen. Es werden aber nicht nur Marketingmaßnahmen im UK durchgeführt, sondern der Standort Hessen wird auch in Drittländern beworben. Die Ange- bote und eingesetzten Instrumente umfassen Investmentseminare und Roadshows, Dele- gationen sowie Anzeigen und Artikel in internationalen Medien. Zur Förderung des Standortmarketings im Jahr 2018 werden Informationsmaterialien erstellt bzw. aktualisiert sowie verschiedene Anzeigenkampagnen in relevanten Zielmärkten initiiert. In der Planung sind FDI-Roadshow-Veranstaltungen in China, Singapur und Japan sowie Investment- seminare in den USA und Indien. Auch Teilnahmen an Messeveranstaltungen wie der Au- tomechanika 2018 sowie die Kooperation bei interessanten internationalen Brexit-Veran- staltungen mit den Wirtschaftsförderungspartnern der „Brexit Task Force“ dienen dem Standortmarketing Hessens.

Durch Community Events für bereits in Hessen ansässige Unternehmen – im Jahr 2017 wurden Veranstaltungen für die Communities aus dem UK, Indien und China ausgerichtet, im Jahr 2018 sind weitere Veranstaltungen erneut für die indische und die britische Com- munity geplant – werden sowohl Unternehmen am Standort Hessen unterstützt als auch positive Signale an andere Investoren aus diesen Ländern gesendet.

Während das Standortmarketing vornehmlich darauf abzielt, durch verstärkte Ansiedlungen Chancen für den Standort Hessen wahrzunehmen, ergreift die Landesregierung auch viel- fältige Maßnahmen, um hessische Unternehmen dabei zu unterstützen, die mit dem Brexit verbundenen Herausforderungen zu meistern und die sich eröffnenden Chancen zu nutzen. Aktuell schwenken die Verhandlungen zum Brexit zwischen der EU und dem UK in die entscheidende Phase zur Gestaltung der zukünftigen Beziehungen, sodass nun die Rah- menbedingungen vereinbart werden, unter denen die in Hessen ansässigen Unternehmen zukünftig im Austausch mit dem UK agieren. Um die Belange der Industrie- und Dienstleis- tungsunternehmen in Hessen zielgerichtet vertreten zu können, gründete das Wirtschafts- ministerium eine Arbeitsgruppe mit Vertretern von Unternehmen und Verbänden, die im März 2018 erstmals zusammenkam.

Der Wunsch nach Information und Austausch zum Brexit ist ein zentrales Anliegen der hes- sischen Unternehmen. Die Hessische Landesregierung hat gemeinsam mit den Industrie- und Handelskammern Informationsveranstaltungen in Frankfurt, Kassel, Wetzlar und Darmstadt zu den Auswirkungen des Brexit durchgeführt. Hessische Unternehmen werden zudem regelmäßig über einen E-Mailverteiler durch das Brexit-Update der Hessen Trade & Invest informiert. Die Unterstützung von Messeteilnahmen im Ausland sowie Delegationen in das UK wie auch in andere Auslandsmärkte sind weitere Beispiele für die Unterstützung der heimischen Wirtschaft zur Überwindung der Auswirkungen des Brexit. So fand im Mai

HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung

2017 eine Delegation des Wirtschaftsministers nach London mit den Schwerpunkten Krea- tivwirtschaft und Finanzsektor statt. Und im November reisten Wirtschaftsdelegationen nach Singapur und Hongkong.

Im Mai 2018 fand eine Veranstaltung mit Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir in Frankfurt statt, weitere Informationsveranstaltungen zum Brexit sind in Nord-, Mittel- und Südhessen geplant. Unter anderem werden bei diesen Veranstaltungen die zentralen Ergebnisse der vorliegenden Studie präsentiert. Die dieser und der letztjährigen Studie zugrundeliegenden Unternehmensbefragungen haben einen wichtigen Kanal zum Austausch mit der heimi- schen Wirtschaft etabliert, der die Landesregierung und die beteiligten Wirtschaftsförder- einrichtungen bei der Weiterentwicklung von zielgerichteten Maßnahmen zum Brexit unter- stützen kann. Auch zukünftig werden das Land Hessen sowie die weiteren Institutionen und Organisationen mit vielfältigen Maßnahmen den Brexit-Prozess begleiten. Innerhalb der Hessen Agentur und der Hessen Trade & Invest werden grundsätzlich alle Aktivitäten The- menfelder übergreifend daraufhin überprüft, inwieweit sie dazu beitragen können, durch den Brexit auftretende Herausforderungen zu bewältigen bzw. Chancen zu nutzen und in- wieweit umgekehrt Maßnahmen durch den Brexit beeinflusst werden könnten.

Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

3 Vereinigtes Königreich im Überblick

3.1 Geopolitische Lage und Bevölkerung

Das UK – vollständig bezeichnet als Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland – ist der größte Inselstaat Europas (vgl. Abbildung 2). Es besteht aus der Hauptinsel Groß- britannien, 5 einem Teil von Irland (Nordirland) und zahlreichen weiteren kleineren Inseln. 6 Der mit Abstand größte der vier Landesteile ist England gefolgt von Schottland, Wales und Nordirland.

Das UK trat 1973 gemeinsam mit Irland und Dänemark der EU bei, die zum damaligen Zeitpunkt aus den Gründungsstaaten Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und Niederlande bestand. In den folgenden Jahrzehnten und in mehreren Erweiterungsrun- den haben sich insgesamt 28 Staaten innerhalb der EU organisiert. Durch den Brexit wird voraussichtlich erstmals in der Geschichte der EU ein Mitgliedsland diese wieder verlassen. Beim Referendum zum EU-Austritt stimmten Mitte 2016 insgesamt 51,9 % der Wähler im UK für den Brexit, wobei die Ergebnisse in den vier Landesteile unterschiedlich waren:

Während in Schottland und Nordirland die Mehrheit der Wähler (62,0 % bzw. 55,8 %) für den Verbleib in der EU votierten, stimmte in England 53,4 % und in Wales 52,5 % die Mehr- heit für den Brexit.

Das UK erreicht hinsichtlich der Größe etwa 70 % der Fläche und mit 66 Mio. Einwohnern knapp 80 % der Einwohnerzahl Deutschlands (vgl. Tabelle 2). Die Einwohnerdichte liegt mit 269 Personen pro Quadratkilometer über dem Wert Deutschlands (229) und weit über dem Wert für die gesamte EU (117). An der Einwohnerzahl gemessen ist das UK nach Frankreich und Deutschland das drittgrößte EU-Mitglied. Durch den Brexit nimmt die Ein- wohnerzahl der EU entsprechend um etwa 13 % ab – eine beachtliche Größenordnung, die die Zäsur in der Geschichte der EU durch den Brexit unterstreicht.

Aufgrund des relativ niedrigen Durchschnittsalters im UK – der Median liegt mit 40 Jahren nicht nur unter dem Wert für Deutschland mit fast 46 Jahren, sondern auch unter dem EU- Durchschnitt von knapp 43 Jahren – und des vergleichsweise hohen Anteils jüngerer Men- schen wird für die Bevölkerung ein Wachstum vorhergesagt. Prognosen gehen von einer Bevölkerungszunahme um annähernd 5 Mio. Personen bis zum Jahr 2030 aus, während für Deutschland eine bestenfalls stagnierende Entwicklung erwartet wird. Die Bevölke- rungsentwicklung der letzten Jahre wird jeweils durch die Zuwanderung – eines der The-

5 Insofern ist die Gleichsetzung des UK mit Großbritannien nicht korrekt, da sich die Bezeichnung Großbritannien nur auf die Haupt- insel bezieht.

6 Die Kanalinseln und die Isle of Man sind nicht Teil des UK, sondern direkt der britischen Krone unterstellt.

HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung

men schlechthin im Kontext mit dem Brexit – beeinflusst. Im Gegensatz zur o.g. Langfrist- prognose lag der Bevölkerungszuwachs hierdurch zuletzt für Deutschland mit 0,8 % sogar geringfügig höher als für das UK (0,7 %).

Abbildung 2:

Europäische Union und Vereinigtes Königreich

Abbildung 2: Europäische Union und Vereinigtes Königreich Quelle: www.gadm.org für die Verwaltungs grenzen,

Quelle: www.gadm.org für die Verwaltungsgrenzen, Darstellung der Hessen Agentur

Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

Tabelle 2:

Vergleich statistischer Kennzahlen: Vereinigtes Königreich, Deutschland und Europäische Union

 

Vereinigtes

Deutschland

Europäische

Königreich

Union

Landesfläche in Mio. qkm

244

357

4.325

Bevölkerung, 1.000 Einwohner (01.01.2017)

65.809

82.800

511.805

Bevölkerungsdichte in Einwohner je qkm (2015)

269

229

117

Relative Bevölkerungsveränderung von 2016 bis 2017, in %

0,65

0,76

0,30

Prognostizierte Bevölkerung im Jahr 2030

70.579

82.187

k.A.

Lebenserwartung bei der Geburt (Frauen), Jahre (2015)

82,8

83,1

83,3

Lebenserwartung bei der Geburt (Männer), Jahre (2015)

79,2

78,3

77,9

Anteil der Alterskohorte 0 bis unter 15 Jahren an der Bevölkerung, in % (2016)

17,7

13,2

15,6

Anteil der Alterskohorte 15 bis unter 65 Jahren an der Bevölkerung in % (2016)

64,4

65,7

65,2

Anteil der Alterskohorte 65 Jahre und älter an der Bevölkerung, in % (2016)

17,9

21,1

19,2

Median Alter (2016)

40,0

45,8

42,6

Quelle: CIA Factbook, Eurostat, UN, Darstellung der Hessen Agentur

3.2 Wirtschaftsstruktur und Wirtschaftsentwicklung

Das UK zählt als Mitglied der G7 zu den wirtschaftlich bedeutendsten Staaten weltweit und weist eine weit zurückreichende Wirtschaftsgeschichte auf. Es ist das Mutterland der In- dustrialisierung und hat die Weltwirtschaft in den vergangenen Jahrhunderten zeitweise ge- prägt. Letztlich ist hierdurch die englische Sprache die weltweit bedeutendste Sprache im internationalen Geschäftsverkehr, was einen wichtigen Standortvorteil des UK darstellt. Das UK gilt als offene, intensiv in das weltwirtschaftliche Geschehen eingebundene Volks- wirtschaft mit hohem Liberalisierungsgrad, die international traditionell für Marktwirtschaft und Freihandel eintritt.

Das UK erwirtschaftete im Jahr 2016 ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 2,65 Bill. US-Dol- lar, was einem Anteil von 16,1 % am gesamten BIP der EU entspricht (vgl. Tabelle 3). Le- diglich Deutschland hat mit 3,48 Bill. US-Dollar bzw. 21,1 % einen noch höheren Anteil. 7 Sowohl das UK (40.400 US-Dollar) als auch Deutschland (42.200 US-Dollar) weisen ein BIP je Einwohner auf, das klar über dem EU-Durchschnitt von 32.200 US-Dollar liegt. Für das UK ist der mit 80,4 % äußerst hohe Beitrag des Dienstleistungssektors am BIP kenn- zeichnend, der den entsprechenden Anteil in Deutschland (69,3 %) weit übersteigt.

7 Für diesen Vergleich wird die international übliche Vergleichseinheit US-Dollar herangezogen. Dabei ist zu beachten, dass die jeweiligen Landeswährungen innerhalb der EU unterschiedliche Wechselkursentwicklungen aufweisen, wodurch sich der Anteil eines Landes am gesamten BIP merklich verschieben kann.

Tabelle 3:

HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung

Vergleich volkswirtschaftlicher Kennzahlen: Vereinigtes Königreich, Deutschland und Europäische Union

 

Vereinigtes

Deutschland

Europäische

Königreich

Union

BIP in Mrd. US-Dollar (2016)

2.648

3.478

16.487

BIP je Einwohner, laufende Preisen, in US-Dollar (2016)

40.367

42.161

32.242

Veränderungsrate des BIP in Landeswährung zu konstanten Preisen 2017 gegenüber 2016, in %

1,8

2,2

2,0*

Anteil des Primärsektors am BIP, in % (2017)

0,6*

0,6*

1,0*

Anteil des Sekundärsektors am BIP, in % (2017)

19,0*

30,1*

25,0*

Anteil des Tertiärsektors am BIP, in % (2017)

80,4*

69,3*

74,0*

* Schätzung

Quelle: CIA Factbook, Weltbank

Die differenziertere Gliederung der Wirtschaftsstruktur in Abbildung 3 zeigt, dass das Pro- duzierende Gewerbe mit 14,0 % einen sehr geringen Anteil an der Bruttowertschöpfung des Landes einnimmt. Zum Vergleich: In Deutschland ist der entsprechende Anteil mit 25,7 % annähernd doppelt so groß. Im Gegenzug fallen sämtliche dargestellte Dienstleis- tungsbereiche zum Teil deutlich höher als in Deutschland aus. Ob man in diesem Kontext den Niedergang der britischen Industrie beklagt, neutral vom Strukturwandel spricht oder die große Bedeutung des britischen Finanzsektors hervorhebt, ist letztlich Ansichtssache.

Abbildung 3:

Wirtschaftsstruktur im Vereinigten Königreich und in Deutschland – Anteile der Wirtschaftssektoren an der Bruttowertschöpfung 2016

Vereinigtes Königreich

Deutschland

Legende

0,6% 0,6% 14,0% 25,7% 6,2% 48,2% 54,7% 4,8% 18,3% 16,0% 6,2% 4,7%
0,6%
0,6%
14,0%
25,7%
6,2%
48,2%
54,7%
4,8%
18,3%
16,0%
6,2%
4,7%

Land- und Forstwirtschaft, Fischerei25,7% 6,2% 48,2% 54,7% 4,8% 18,3% 16,0% 6,2% 4,7% Produzierendes Gewerbe (ohne Baugewerbe) Baugewerbe Handel,

Produzierendes Gewerbe (ohne Baugewerbe)16,0% 6,2% 4,7% Land- und Forstwirtschaft, Fischerei Baugewerbe Handel, Verkehr, Lagerei Information und

BaugewerbeFischerei Produzierendes Gewerbe (ohne Baugewerbe) Handel, Verkehr, Lagerei Information und Kommunikation

Handel, Verkehr, LagereiProduzierendes Gewerbe (ohne Baugewerbe) Baugewerbe Information und Kommunikation Sonstige Dienstleistungen

Information und Kommunikation(ohne Baugewerbe) Baugewerbe Handel, Verkehr, Lagerei Sonstige Dienstleistungen (u.a. Finanzsektor, öffentlicher

Sonstige Dienstleistungen (u.a. Finanzsektor, öffentlicher Sektor)Handel, Verkehr, Lagerei Information und Kommunikation Quelle: Weltbank, Darstellung der Hessen Agentur Wie bereits

Quelle: Weltbank, Darstellung der Hessen Agentur

Wie bereits erwähnt, liegt das nominale BIP des UK aktuell bei 2,65 Bill. US-Dollar. Seit der Jahrtausendwende, als das BIP etwa 1,65 Bill. US-Dollar betrug, ist es damit um rund 60 % angestiegen (vgl. Abbildung 4). Es ist damit nicht so stark gewachsen wie in Deutschland, hier ist es im gleichen Zeitraum von 1,95 Bill. US-Dollar auf 3,48 Bill. US-Dollar, d. h. um

Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

knapp 80 %, angestiegen. Für das UK ist eine deutliche Zunahme des nominalen BIP zwi- schen 2001 und 2007 zu beobachten. Im Zuge der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise ging das BIP in den Jahren 2008 und 2009 deutlich zurück. Nach der anschließenden Er- holung sank das nominale BIP im Jahr 2015 und auch im Jahr 2016 wieder.

Abbildung 4:

Nominales Bruttoinlandsprodukt des Vereinigten Königreichs 2000-2016 (in Mrd. US-Dollar)

3.500 3.000 2.399 2.521 2.693 3.074 2.891 2.383 2.441 2.620 2.662 2.740 3.023 2.886 2.648
3.500
3.000
2.399 2.521 2.693 3.074 2.891 2.383 2.441 2.620 2.662 2.740 3.023 2.886 2.648
2.500
2.038
2.000
1.648 1.622 1.768
1.500
1.000
500
0
Quelle: Weltbank, Darstellung der Hessen Agentur
2000
2001
2002
2003
2004
2005
2006
2007
2008
2009
2010
2011
2012
2013
2014
2015
2016

Die Veränderungen des nominalen BIP in US-Dollar sind zu einem Teil Ergebnis von Wech- selkurseffekten, d. h. auf die Schwankungen des Wechselkurses zwischen dem Britischen Pfund und dem US-Dollar zurückzuführen (vgl. Abbildung 5). So wurde das kräftige Wachs- tum ab 2001 durch den Wertzuwachs des Pfund Sterling gegenüber dem US-Dollar ge- stützt. Die Ursache für den Rückgang in den Jahren 2008 und 2009 sowie am aktuellen Rand des Untersuchungszeitraums liegt zu einem beträchtlichen Teil am Wertverlust des Pfunds gegenüber dem US-Dollar.

Im Kontext des Brexit ist die Wechselkursentwicklung zwischen Euro und Britischem Pfund von Interesse (vgl. ebenfalls Abbildung 5). Gegenüber dem Euro sank der Wert der briti- schen Währung zwischen 2000 und 2009. Insbesondere in den Jahren 2003, 2008 und 2009 wertete das Britische Pfund kräftig gegenüber dem Euro ab. Während u.a. aufgrund der Staatsschuldenkrise im Euroraum der Wert des Britischen Pfunds in den Jahren 2014 und 2015 stieg, nahm sein Wert im Vergleich zum Euro im Jahr 2016 auch als Folge der Brexit-Entscheidung deutlich ab: Im Jahresdurchschnitt 2016 gegenüber 2015 hat das Pfund um 11,4 % an Wert verloren. Die Abwertung hat sich 2017 (-6,9 %) fortgesetzt, so- dass das Pfund Sterling zum Jahresende 2017 deutlich niedriger notiert als vor dem Refe- rendum.

2004
2005

2014
2015

2008
2009

2016

2017

2007

2006

2012
2013

2002
2003

2000

2010

2001

2011

Abbildung 5:

HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung

Entwicklung des Wechselkurses von US-Dollar bzw. Euro pro Britisches Pfund

2000-2017

%

% Jährliche Änderung in %   Wechselkurs US-Dollar pro Britisches Pfund   US-Dollar pro

Jährliche Änderung in %

 

Wechselkurs US-Dollar pro Britisches Pfund

 

US-Dollar pro

 

Britisches Pfund

15

12,1

2,5

10

8,9 8,7 5,3 4,1 3,7 1,2 -0,7 -0,8 -1,4 -1,0 -4,9 -4,4 -6,5 -7,2 -8,1
8,9
8,7
5,3
4,1
3,7
1,2
-0,7
-0,8
-1,4
-1,0
-4,9
-4,4
-6,5
-7,2
-8,1
-11,6

2,0

5

0

1,5

-5

1,0

-10

-15

0,5

 

-15,3

-20

2000

2001

2002

2003

2004

2005

2006

2008

2009

2007

2010

2011

2012

2013

2014

2015

2016

2017

0,0

%

Jährliche Änderung in %

Jährliche Änderung in %

 

Wechselkurs Euro pro Britisches Pfund

 

Euro pro

 
 

Britisches Pfund

20

2,0

 

11,1

10

7,0 5,4 3,9 2,0 0,3 -1,1 -0,8 -0,4 -1,2 -4,5 -6,9 -9,1
7,0
5,4
3,9
2,0
0,3
-1,1
-0,8
-0,4
-1,2
-4,5
-6,9
-9,1

-14,1 -10,6

-11,4

1,5

0

1,0

-10

0,5

-20

0,0

Quelle: Bank of England, Darstellung der Hessen Agentur

Ergänzend wird zur Beschreibung der wirtschaftlichen Entwicklung des UK das jährliche Wachstum des realen BIP in Landeswährung herangezogen (vgl. Abbildung 6). Hierbei fin- det keine Überlagerung durch Wechselkurseffekte statt und die Entwicklung wird preisberei- nigt, d. h. die Inflationsrate berücksichtigt.

Das UK erlitt im Jahr 2009 im Zuge der weltweiten Krise einen starken Rückgang des realen BIP von 4,2 %, der damit jedoch geringer ausfiel als etwa in Deutschland (-5,6 %). Dabei ist zu berücksichtigen, dass im UK die weltweite Krise bereits im Jahr 2008 zu einem Rück- gang von 0,5 % des BIP führte, während in Deutschland noch ein Zuwachs von 1,1 % er- reicht wurde. Hierin dürfte sich sowohl die engere Verbindung vom UK zu den USA als auch die höhere Bedeutung der Finanzwirtschaft im UK gegenüber Deutschland widerspiegeln, sodass die vom Immobilien- und Finanzbereich in den USA ausgehende Krise das UK frü- her erfasste. Im Hinblick auf die langfristige Entwicklung zeichnet sich die Wirtschaft des UK durch ein stabiles und robustes Wachstum des realen BIP aus. Die jährlichen Zuwachs- raten liegen seit Mitte der 1990er Jahre bis zur weltweiten Rezession jeweils um die 3 %.

2014
2015

2004
2005

2008
2009

2016
2017

2006
2007

2012
2013

2002
2003

2000

2010

2001

2011

Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

Diese Dynamik wurde in den letzten Jahren allerdings nicht mehr erreicht. Doch auch seit

2010

wird jedes Jahr ein BIP-Plus von rund 2 % ausgewiesen. Dies gilt auch für die Jahre

2016

(+1,9 %) und 2017 (+1,8%). Damit liegt das Wirtschaftswachstum im UK in den letzten

beiden Jahren in der gleichen Größenordnung wie in Deutschland, wo Wachstumsraten von 1,9 % für 2016 und 2,2 % für 2017 zu Buche stehen. Der Wert für das jeweils letzte Jahr ist allerdings erfahrungsgemäß noch etwas unsicher, da die Angaben vonseiten der Statistik noch revidiert werden können. Von einem deutlichen Rückgang des BIP-Wachs- tums infolge der Brexit-Entscheidung oder gar einem Einbruch der Wirtschaftsleistung kann also bisher nicht die Rede sein. Die Auswirkungen auf das BIP dürften sich erst mittel- bis langfristig zeigen.

Abbildung 6:

Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts im UK 2000-2017 gegenüber dem Vorjahr

5%

4%

3%

2%

1%

0%

-1%

-2%

-3%

-4%

-5%

3,7% 2,5% 2,5% 3,3% 2,4% 3,1%

1,5% 2,1% 3,1% 2,3% 1,9%

2,5% 2,4% 1,8% 1,7% 1,5% -0,5%
2,5% 2,4%
1,8%
1,7% 1,5%
-0,5%

-4,2%

Quelle: Eurostat, Darstellung der Hessen Agentur

HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung

4 Außenwirtschaftliche Beziehungen zwischen Hessen und dem Vereinigten Königreich

Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Hessen und dem UK werden nachfolgend anhand des Güteraußenhandels und auf Basis der Direktinvestitionen veranschaulicht und analy- siert. Vergleichswerte für Deutschland insgesamt – sowie ein ergänzender Blick auf den Außenhandel der anderen Bundesländer mit dem UK – dienen zur besseren Einordnung der hessischen Verflechtungen mit dem UK in den Gesamtkontext.

4.1

Außenhandel

Drei methodische Anmerkungen bezüglich der verwendeten Außenhandelsdaten sind zu beachten. Erstens beziehen sich die Angaben auf den Außenhandel mit Gütern, da keine nach Bundesländern differenzierten Daten für den grenzüberschreitenden Dienstleistungs- handel vorliegen. Zweitens werden auf der Ebene der Bundesländer – im Gegensatz zu Deutschland insgesamt – Einfuhr und Ausfuhr nach unterschiedlichen Konzepten (Gene- ralhandel versus Spezialhandel) erfasst. Damit ist eine Saldierung von Einfuhr und Ausfuhr auf Bundesländerebene, d. h. sozusagen die Bildung eines hessischen Außenhandelssal- dos mit dem UK, nicht statthaft. Ebenso ist der Vergleich zwischen der Einfuhr auf Bundes- ebene und der auf Hessenebene eingeschränkt. Und schließlich handelt es sich drittens bei den Angaben für 2017 und 2018 noch um vorläufige Werte.

Hessische Exporte in das Vereinigte Königreich

2017 exportierte Hessen Güter im Wert von 4,1 Mrd. Euro in das UK. Dies entspricht einem Anteil von 6,5 % an den hessischen Exporten weltweit. Das UK nimmt damit nach den USA, Frankreich und den Niederlanden in der Rangliste der wichtigsten hessischen Exportmärkte den vierten Rang ein.

Für Deutschland insgesamt lautet die Reihenfolge: VR China, Niederlande, USA, Frank- reich und UK, d. h. Rang 5. Ergänzend sei ein Blick auf die Bedeutung des UK als Zielland im Bundesländervergleich geworfen. Mit Abstand die größte Relevanz kommt dem UK im Saarland zu, denn 13,7 % der saarländischen Exporte des Jahres 2017 fanden im UK einen Abnehmer – gefolgt von der Hansestadt Bremen und Sachsen-Anhalt (jeweils 8,3 %). Am anderen Ende der Rangliste liegt Brandenburg (3,4 %). Hessen rangiert im Bundesländer- vergleich im Mittelfeld.

Die Produktgruppe der Fahrzeuge, Fahrzeugteile und -zubehör stellt mit einem Wert von annähernd 1,1 Mrd. Euro 26,7 % der gesamten hessischen Ausfuhr des Jahres 2017 in das UK (vgl. Abbildung 7). Mehr als die Hälfte dieses Exports sind komplette Personenkraft- wagen (640 Mio. Euro). Es ist davon auszugehen, dass es sich ganz überwiegend um Fahr-

Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

zeuge von Opel 8 handelt, die im UK unter dem Namen der Schwestermarke Vauxhall ver- trieben werden. Somit wird ein beachtlicher Teil des hessischen Exports in das UK von einem einzigen Unternehmen getätigt, was wiederum bedeutet, dass dort getroffene Unter- nehmensentscheidungen auf den Export Hessens in das UK insgesamt „durchschlagen“ können. Darüber hinaus exportierte Hessen Kraftfahrzeugteile und -zubehör für 240 Mio. Euro. Zudem traten 2017 Luftfahrzeuge bzw. -teile aus Hessen im Wert von 200 Mio. Euro den Weg über den Ärmelkanal an. Die weiteren Positionen der Warengruppe Fahrzeuge, Fahrzeugteile und -zubehör (z.B. Schienenfahrzeuge) sind in der Regel – so auch 2017 – von untergeordneter Bedeutung. In einzelnen Jahren (Auslieferung von Großaufträgen) kann es jedoch auch in diesen Segmenten zu beachtlichen Exportvolumina kommen.

Den zweiten Rang (19,5 %) nehmen chemische und pharmazeutische Erzeugnisse ein, die 2017 für 795 Mio. Euro in das UK geliefert wurden. Hiervon entfallen knapp zwei Drittel auf Erzeugnisse der chemischen Industrie und knapp ein Drittel auf Pharmaprodukte. Wiede- rum mit Abstand belegen elektrotechnische Erzeugnisse (479 Mio. Euro bzw. 11,7 %) Rang drei der wichtigsten hessischen Exportgüter im Handel mit dem UK. Geräte der Elektrizi- tätserzeugung und -verteilung stellen mit 192 Mio. Euro die größte Position dieser Ausfuh- ren. Diese genannten drei wichtigsten Warengruppen vereinen 58,0 % aller Exporte Hes- sens in das UK im Jahre 2017 auf sich.

Abbildung 7:

Hessischer Außenhandel mit dem UK: TOP10-Exportgüter 2017

Export in Mio. Euro Fahrzeuge, Fahrzeugteile und -zubehör Chemische und pharmazeutische Erzeugnisse Elektrotechnische
Export in Mio. Euro
Fahrzeuge, Fahrzeugteile und -zubehör
Chemische und pharmazeutische Erzeugnisse
Elektrotechnische Erzeugnisse
Maschinen
Eisen- und Metallwaren
Feinmechanische und optische Erzeugnisse
Ernährungswirtschaft
Halbwaren
Waren aus Kunststoffen
Kautschukwaren
1.091,2
795,4
479,1
323,6
254,1
208,3
199,6
145,8
129,7
108,6
0
200
400
600
800
1.000
1.200

Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt, Darstellung der Hessen Agentur

8 Welche Auswirkungen der Eigentümerwechsel bei Opel auf die Export- wie auch auf die Importverflechtungen zwischen Hessen und dem UK haben wird, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschätzen. Hierbei wird auch die zukünftige Entwicklung der Produktionsstandorte von Opel bzw. Vauxhall im UK in Ellesmere Port und Luton eine Rolle spielen. Für das Werk in Ellesmere Port wurde Ende 2017 ein Stellenbau von 400 Arbeitsplätzen angekündigt, was einem Viertel der Belegschaft entspricht.

HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung

Aufschlussreich ist auch der Vergleich der wichtigsten Exportgüter Hessens in das UK mit den wichtigsten Exportgütern Hessens weltweit: Im Unterschied zum UK sind weltweit che- mische und pharmazeutische Erzeugnisse die wichtigste Warengruppe – Ausdruck der starken Stellung der hessischen Chemie- und Pharmabranche. 2017 stellten diese Erzeug- nisse 27,7 % des hessischen Exports. Auf dem zweiten Rang folgen Maschinen aller Art (11,3 %) vor Fahrzeugen, Fahrzeugteilen und -zubehör auf Platz drei (10,1 %).

Ein anderer Blickwinkel (vgl. Abbildung 8) unterstreicht die Rolle von Fahrzeugen. Über alle Warengruppen hinweg entfallen – wie bereits angegeben – 6,5 % des hessischen Exports 2017 auf das UK. Betrachtet man den Anteil der UK-Exporte in den einzelnen Warengrup- pen, so sind deutliche Unterschiede im Grad der Abhängigkeit mit dem UK festzustellen. Die Warengruppe der Fahrzeuge, Fahrzeugteile und -zubehör sticht hierbei deutlich her- aus, denn 17,3 % des Exports dieser Güter haben UK als Abnehmermarkt. Die Bedeutung des UK als Exportmarkt beträgt damit rund das Vierfache wie für chemische und pharma- zeutische Erzeugnisse (4,5 %).

Abbildung 8:

Hessischer Außenhandel mit dem UK: Bedeutung des UK für die TOP10-Exportgüter

2017

Anteil UK an insgesamt je Warengruppe in %

Fahrzeuge, Fahrzeugteile und -zubehör Chemische und pharmazeutische Erzeugnisse Elektrotechnische Erzeugnisse
Fahrzeuge, Fahrzeugteile und -zubehör
Chemische und pharmazeutische Erzeugnisse
Elektrotechnische Erzeugnisse
Maschinen
Eisen- und Metallwaren
Feinmechanische und optische Erzeugnisse
Ernährungswirtschaft
Halbwaren
Waren aus Kunststoffen
Kautschukwaren
17,3
4,5
7,2
4,5
6,6
4,5
7,2
3,7
6,8
7,5
0,0
2,0
4,0
6,0
8,0
10,0
12,0
14,0
16,0
18,0
20,0

Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt, Darstellung der Hessen Agentur

Was zeigt der Blick auf die Bundesebene in der folgenden Abbildung 9? Auch beim Außen- handel Deutschlands insgesamt mit dem UK liegt die Warengruppe der Fahrzeuge, Fahr- zeugteile und -zubehör (36,1 %) mit klarem Vorsprung auf dem ersten Rang vor chemi- schen und pharmazeutischen Erzeugnissen (12,5 %) sowie Maschinen aller Art (11,2 %). Nicht nur für Opel ist das UK also ein bedeutender Markt, sondern ebenfalls für andere deutsche Automobilhersteller und Zulieferer. Dies verdeutlicht die nach Bundesländern dif-

Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

ferenzierte Betrachtung, denn bei der überwiegenden Mehrheit sind Fahrzeuge und Fahr- zeugteile die wichtigste Exportwarengruppe im Handel mit dem UK. Nur für Berlin, Meck- lenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein trifft dies nicht zu.

Abbildung 9:

Außenhandel mit dem UK: Relative Bedeutung der wichtigsten Exportgüter 2017 (in %)

Exportanteil je Warengruppe* am Gesamtexport

Fahrzeuge, Fahrzeugteile und -zubehör

Chemische und pharmazeutische Erzeugnisse

Elektrotechnische Erzeugnisse

Maschinen

Eisen- und Metallwaren

Hessen Deutschland 26,7 19,5 12,5 11,7 6,6 7,9 11,2 6,2 6 0 5 10 15
Hessen
Deutschland
26,7
19,5
12,5
11,7
6,6
7,9
11,2
6,2
6
0
5
10
15
20
25
30
35

36,1

40

*absteigend sortiert nach dem Anteil am hessischen Export in das UK Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt, Statistisches Bundesamt, Darstellung der Hessen Agentur

Insgesamt gesehen präsentiert sich der hessische Export in das UK – bezogen auf die drei wichtigsten Warengruppen – damit ähnlich wie der deutsche Export in das UK, weicht aber deutlich von der Exportgüterstruktur Hessens weltweit ab. Oder stark verkürzt formuliert:

Das Pendant zum hessischen „Exportschlager“ Chemie und Pharma im weltweiten Handel sind im Warenaustausch mit dem UK Fahrzeuge, Fahrzeugteile und -zubehör – mit Fokus auf kompletten Fahrzeugen.

Abbildung 10 gibt die Entwicklung der hessischen Exporte in das UK in den letzten zehn Jahren wieder, wobei die Betrachtung auf Besonderheiten und die letzten Jahre fokussiert. Der globale Konjunktureinbruch 2008 / 2009 erfasste die britische Wirtschaft ebenso wie die hessischen Unternehmen, die Exporte in das UK gingen massiv zurück. Sie belebten sich allerdings schnell wieder, wozu der Aufwärtstrend des Pfunds über mehrere Jahre hin- weg beigetragen haben dürfte. Die Jahre 2012 und 2013 verdeutlichen die große Bedeu- tung des Automobilsektors für die Schwankungen der hessischen Exporte in das UK, denn die Abnahme im Jahr 2012 gegenüber dem Vorjahr ist weitestgehend auf dieses Segment der hessischen Wirtschaft zurückzuführen. Umgekehrt dann im Jahr 2013: Der Export von Personenkraftwagen über den Ärmelkanal hat sich mehr als verdoppelt, was wiederum auf den gesamten hessischen Export dorthin durchschlägt.

HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung

Die hessischen Exporte in das UK haben letztmalig 2014 kräftig zugenommen – das Plus lag mit 14,2 % zudem deutlich über dem Anstieg der hessischen Exporte weltweit (+2,7 %). Auf Bundesebene gilt dies auch noch für 2015 (+12,4 %). Aus hessischer Sicht verlief der Export in Richtung UK in den Jahren 2015 und 2016 unbefriedigend: Es waren Rückgänge um 5,3 % bzw. 10,1 % zu verzeichnen, womit sich die Entwicklung schwächer als bei den hessischen Exporten insgesamt (+2,6 % bzw. -2,6 %) präsentiert. Für das Jahr 2017 steht ein Mini-Plus von 0,8 % zu Buche – „besser als nichts“ könnte man angesichts der weiter erfolgten Abwertung des Britischen Pfundes und dem entsprechenden Druck auf die preis- liche Wettbewerbsfähigkeit der hessischen Produkte konstatieren. Die hessischen Exporte weltweit haben 2017 ungeachtet der Euroaufwertung allerdings um 6,6 % zugenommen. Im Bund stehen dem Rückgang der Exporte über den Ärmelkanal 2016 (-3,5 %) und 2017 (-1,8 %) Zuwächse um 0,9 % und 6,2 % des Exportes insgesamt gegenüber. Die ergän- zende Betrachtung auf Bundesländerebene zeigt kein eindeutiges Bild: Bundesländer mit Zuwächsen in der jüngsten Vergangenheit im Exportgeschäft mit dem UK stehen solchen mit Rückgängen gegenüber.

Abbildung 10: Export zwischen Hessen / Deutschland und dem UK sowie insgesamt 2007-2017

Exportvolumen Hessens in das UK in Mrd. Euro Jährliche Veränderung in %

Exportvolumen Deutschlands in das UK in Mrd. Euro Jährliche Veränderung in %

6,0 100,0 69,8 64,2 53,2 58,7 65,6 70,8 71,3 79,2 89,0 85,984,4 4,7 4,5 4,2
6,0
100,0
69,8 64,2 53,2 58,7 65,6 70,8 71,3 79,2 89,0 85,984,4
4,7
4,5
4,2
3,9
4,0
4,1
3,6
3,7
3,5
3,5
4,0
3,1
50,0
2,0
0,0
0,0
in %
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
in %
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
40,0
40,0
20,4 14,2
10,7 13,1
10,2 11,8 8,0
0,6 11,1 12,4
20,0
6,3
20,0
7,8
2,6
0,8
0,0
0,0
-3,5 -1,8
-20,0
-20,0
-11,7
-5,3 -10,1
-16,6
-8,0 -17,0
-40,0
-40,0
Exportvolumen Hessens insgesamt:
Exportvolumen Deutschlands insgesamt:
Jährliche Veränderung in %
Jährliche Veränderung in %
in %
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
in %
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
40,0
40,0
19,2 8,1
9,7
18,5 11,5 3,0
20,0
6,6
20,0
8,1
6,2
6,2
3,8
3,0
2,7
2,6
2,0
3,3
0,9
0,0
0,0
-0,2
-2,6
-0,4
-20,0
-20,0
-15,6
-18,4
-40,0
-40,0

Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt, Statistisches Bundesamt, Darstellung der Hessen Agentur

Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

Aufgrund der Entwicklung der letzten Jahre ist das UK in der Rangliste der wichtigsten Ex- portmärkte abgerutscht: Viele Jahre lang drittwichtigster Exportmarkt für die hessische Wirt- schaft belegt das UK 2017 nur noch Rang 4. Aus Sicht Deutschlands insgesamt pendelte das UK viele Jahre lang zwischen Rang 3 und 4 – 2017 ist es nur noch die Nummer 5. Inwiefern dies bereits strategische Entscheidungen der hessischen Unternehmen im Hin- blick auf den Brexit widerspiegelt – und damit auch langfristige Veränderungen in den Han- delsbeziehungen einläutet – oder sich eher teils wirtschaftliche, teils rein statistische Effekte der deutlichen Wechselkursänderung nach dem Brexit-Votum zeigen, ist noch nicht genau zuzuordnen.

Es liegen zudem monatliche Angaben bis einschließlich Januar 2018 vor (vgl. Abbildung 11), d. h. auch Daten unmittelbar vor und nach der Entscheidung der britischen Bevölke- rung für einen Brexit im Juni 2016 bzw. nach Einreichung des Austrittsantrags im März 2017. Diese unterjährigen Daten sollten jedoch nicht überbewertet werden – Zufallsschwan- kungen spielen eine gewisse Rolle –, weshalb von einer detaillierten Interpretation einzel- ner Monatswerte abgesehen werden sollte.

Abbildung 11: Export Hessens und Deutschlands in das UK Januar 2015 bis Januar 2018 (in Mio. Euro)

Export in das UK aus Hessen

500 400 300 200 100 0 Jan 15 Mrz 15 Mai 15 Jul 15 Sep
500
400
300
200
100
0
Jan 15
Mrz 15
Mai 15
Jul 15
Sep 15
Nov 15
Jan 16
Mrz 16
Mai 16
Jul 16
Sep 16
Nov 16
Jan 17
Mrz 17
Mai 17
Jul 17
Sep 17
Nov 17
Jan 18

Export in das UK aus Deutschland

10.000 8.000 6.000 4.000 2.000 0 Jan 15 Mrz 15 Mai 15 Jul 15 Sep
10.000
8.000
6.000
4.000
2.000
0
Jan 15
Mrz 15
Mai 15
Jul 15
Sep 15
Nov 15
Jan 16
Mrz 16
Mai 16
Jul 16
Sep 16
Nov 16
Jan 17
Mrz 17
Mai 17
Jul 17
Sep 17
Nov 17
Jan 18

Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt, Statistisches Bundesamt, Darstellung der Hessen Agentur

HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung

Die Handelsvolumina mit dem UK in den ersten Monaten nach dem Brexit-Votum wie auch nach Einreichung des Austrittsantrags zeigen sowohl auf Hessen- als auch auf Bundes- ebene insgesamt gesehen keine gravierenden Auffälligkeiten. So ist der Export weder stark zurückgegangen oder etwa gar eingebrochen. In dieser kurzen Frist war dies jedoch auch nicht zu erwarten. Zudem liegt die britische Wirtschaft keineswegs darnieder und auch der Wert des Britischen Pfund ist nicht ins Bodenlose gefallen. Wechselkursschwankungen sind im Übrigen kein neues Phänomen für die hessische Exportwirtschaft im Handel mit dem UK – so manches größere Geschäft dürfte zudem gegen Währungsrisiken abgesichert sein.

Hinsichtlich der Entwicklung der Exporte auf Güterebene ist in den letzten drei Jahren – hier dargestellt anhand der fünf wichtigsten Exportgütergruppen Hessens im UK-Handel (vgl. Abbildung 12) – kein einheitliches Muster zu erkennen. So gingen 2016 die hessischen Exporte dieser fünf Gütergruppen alle mehr oder weniger deutlich zurück, wobei die Band- breite von einem verhältnismäßig geringen Rückgang um 2,9 % bei Eisen- und Metallwaren bis zu einem kräftigen Minus von 14,5 % bei Fahrzeugen, Fahrzeugteilen und -zubehör reicht. Es ist naheliegend, dies im Kontext der Brexit-Entscheidung zu sehen. Im Jahr 2017 hingegen waren jedoch zum Teil wieder kräftige Anstiege zu verzeichnen – wie etwa bei elektrotechnischen Erzeugnissen (+16,5 %), was gegen negative Konsequenzen der Brexit- Entscheidung zumindest in der kurzen Frist bei dieser Gütergruppe spricht. Für den Export von Fahrzeugen, Fahrzeugteilen und -zubehör war jedoch auch 2017 ein schlechtes Jahr, denn es steht erneut ein kräftiges Minus zu Buche (-14,9 %). Damit ist der Export dieser für Hessen wichtigsten Warengruppe binnen zweier Jahre um mehr als ein Viertel (-27,2 %) zurückgegangen. Zum Vergleich sei der Wert für Deutschland insgesamt angeführt: -8,3 %.

Abbildung 12: Export Hessens aus dem UK: Entwicklung der wichtigsten Exportgüter 2015-2017

Veränderung des Exportes nach Warengruppe* in %

-27,2 Fahrzeuge, Fahrzeugteile und -zubehör -14,9 -14,5 -8,8 Chemische und pharmazeutische Erzeugnisse 0,5 -9,2
-27,2
Fahrzeuge, Fahrzeugteile und -zubehör
-14,9
-14,5
-8,8
Chemische und pharmazeutische Erzeugnisse
0,5
-9,2
10,3
Elektrotechnische Erzeugnisse
16,5
-5,3
2,8
Maschinen
10,6
-7,1
11,1
Eisen- und Metallwaren
14,4
-2,9
-30
-20
-10
0
10
20
2015 / 2017
2016 / 2017
2015 / 2016

*absteigend sortiert nach dem Anteil am hessischen Import aus dem UK Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt, Statistisches Bundesamt, Darstellung der Hessen Agentur

Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

Hessische Importe aus dem Vereinigten Königreich

Die hessische Wirtschaft importiert auch in beträchtlichem Ausmaß Güter aus dem UK. So führte Hessen im Jahr 2017 Güter im Wert von insgesamt 3,7 Mrd. Euro aus dem UK ein, was einem Anteil am gesamten hessischen Import von 3,9 % entspricht. Das UK nimmt damit in der Rangliste der wichtigsten hessischen Bezugsländer den zehnten Rang ein.

Für Deutschland insgesamt ist es der elfte Rang. Wie stellt sich die Bedeutung des UK als Bezugsland von Bundesland zu Bundesland dar? Am größten ist diese für Thüringen mit einem Anteil an allen Importen des Landes von 9,1 %. Hessen rangiert im Mittelfeld, Sach- sen-Anhalt bildet mit einem Anteil von 2,3 % das untere Ende der Rangliste.

Welche Güter bezieht Hessen in welchem Umfang aus dem UK? Klar an der Spitze stehen

chemische und pharmazeutische Erzeugnisse, die im Jahr 2017 im Wert von 1,0 Mrd. Euro

– 605 Mio. Euro chemische Erzeugnisse und 401 Mio. Euro pharmazeutische Erzeugnisse

– aus dem UK bezogen wurden (vgl. Abbildung 13). Dies entspricht 27,8 % des gesamten

hessischen Imports aus dem UK. Rang zwei belegen Fahrzeuge, Fahrzeugteile und -zube- hör (538 Mio. Euro bzw. Importanteil von 14,7 %). Hierunter stellen komplette Personen- kraftwagen (330 Mio. Euro) vor Kraftfahrzeugteilen und -zubehör (73 Mio. Euro) den größ- ten Anteil. Bei Personenkraftwagen ist aus hessischer Sicht in erster Linie an die Produkti- onsstandorte von PSA / Opel in Ellesmere Port (zurzeit Astra) und Luton (zurzeit Vivaro) zu denken. Aber auch bekannte britische Marken wie Jaguar, Land Rover und Mini sind anzu- führen. Zwar nicht mehr eigenständig, produzieren diese jedoch zum Teil noch im UK. Den dritten Platz im Ranking nehmen Maschinen aller Art ein (411 Mio. Euro bzw. 11,3 %).

Abbildung 13: Hessischer Außenhandel mit dem UK: TOP10-Importgüter 2017

Import in Mio. Euro

Chemische und pharmazeutische Erzeugnisse Fahrzeuge, Fahrzeugteile und -zubehör Maschinen Halbwaren Feinmechanische
Chemische und pharmazeutische Erzeugnisse
Fahrzeuge, Fahrzeugteile und -zubehör
Maschinen
Halbwaren
Feinmechanische und optische Erzeugnisse
Elektrotechnische Erzeugnisse
Ernährungswirtschaft
Eisen- und Metallwaren
Sonstige Fertigwaren
Kautschukwaren
1.013,6
537,5
410,8
364,3
193,5
179,4
102,5
94,8
80,5
55,3
0
100
200
300
400
500
600
700
800
900
1.000 1.100 1.200

HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung

Damit sind zwei der wichtigsten Warengruppen der hessischen Importe aus dem UK in Relation zur Importstruktur Hessens im weltweiten Handel überproportional ausgeprägt:

Bezogen auf alle Importe Hessens 2017 belaufen sich die Anteile für chemische und phar- mazeutische Erzeugnisse nämlich auf 13,5 % (Rang 2) und für Fahrzeuge, Fahrzeugteile und -zubehör auf 10,8 % (Rang 3). Spitzenreiter bei den hessischen Einfuhren insgesamt sind elektrotechnische Erzeugnisse (16,6 %), während dieser Anteil beim hessischen Im- port aus dem UK nur bei 4,9 % liegt – elektrotechnische Erzeugnisse werden zum erhebli- chen Teil aus Asien bezogen.

Eine alternative Darstellung bietet die Abbildung 14. Sie verdeutlicht, dass vor allem für die chemischen und pharmazeutischen Erzeugnisse, aber auch für Fahrzeuge, Fahrzeugteile und -zubehör der britische Markt ein sehr wichtiger Importmarkt ist. Über alle Warengrup- pen hinweg wurden – wie bereits angeführt – 3,9 % aller hessischen Importe 2017 aus dem UK bezogen. Für Chemie und Pharma ist der Anteil mit 8,0 % aber mehr als doppelt so hoch, und auch für Fahrzeuge, Fahrzeugteile und -zubehör (5,9 %) deutlich überdurch- schnittlich.

Abbildung 14: Hessischer Außenhandel mit dem UK: Bedeutung des UK für die TOP10-Importgüter

2017

Anteil UK an insgesamt je Warengruppe in %

Chemische und pharmazeutische Erzeugnisse Fahrzeuge, Fahrzeugteile und -zubehör Maschinen Halbwaren Feinmechanische
Chemische und pharmazeutische Erzeugnisse
Fahrzeuge, Fahrzeugteile und -zubehör
Maschinen
Halbwaren
Feinmechanische und optische Erzeugnisse
Elektrotechnische Erzeugnisse
Ernährungswirtschaft
Eisen- und Metallwaren
Sonstige Fertigwaren
Kautschukwaren
8,0
5,9
4,0
4,1
3,2
1,1
2,5
1,9
4,7
2,8
0,0
1,0
2,0
3,0
4,0
5,0
6,0
7,0
8,0
9,0
10,0

Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt, Darstellung der Hessen Agentur

Der Vergleich mit den Importen aus dem UK auf Bundesebene (vgl. Abbildung 15) zeigt, dass für Deutschland insgesamt Fahrzeuge, Fahrzeugteile und -zubehör die wichtigsten Importgüter aus dem UK sind (24,3 %), während die chemischen und pharmazeutischen Erzeugnisse (16,0 %) den zweiten Rang belegen, d. h. die Reihenfolge ist im Bund umge- kehrt im Vergleich zu Hessen.

Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

Abbildung 15: Außenhandel mit dem UK: Relative Bedeutung der wichtigsten Importgüter 2017 (in %)

Importanteil je Warengruppe* am Gesamtimport

Chemische und pharmazeutische Erzeugnisse

Fahrzeuge, Fahrzeugteile und -zubehör

Maschinen

Halbwaren

Feinmechanische und optische Erzeugnisse

Hessen Deutschland 27,8 16,0 14,7 24,3 11,3 8,3 10 8,2 5,3 3,6 0 5 10
Hessen
Deutschland
27,8
16,0
14,7
24,3
11,3
8,3
10
8,2
5,3
3,6
0
5
10
15
20
25
30

*absteigend sortiert nach dem Anteil am hessischen Import aus dem UK Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt, Statistisches Bundesamt, Darstellung der Hessen Agentur

Abbildung 16 gibt die Entwicklung der hessischen Importe aus dem UK der letzten zehn Jahre wieder, wobei die Betrachtung auf Besonderheiten und die letzten Jahre fokussiert. Die Entwicklung des hessischen Importvolumens im Handel mit dem UK verlief bis 2012 weitgehend parallel zur Bundesebene. Während für Deutschland insgesamt in den Folge- jahren die Importe aus dem UK sukzessive zurückgingen, fand für Hessen der Rückgang schlagartig im Jahr 2013 statt. Der regelrechte Einbruch der hessischen Importe von 2012 auf 2013 ist wesentlich auf die Automobilindustrie zurückzuführen, denn die Einfuhren von Fahrzeugen, Fahrzeugteilen und -zubehör haben sich mehr als halbiert. Hierbei dürfte es sich sozusagen um das Gegenstück des weiter oben aufgezeigten massiven Exportan- stiegs im gleichen Zeitraum handeln. Offenbar wurde die Produktion im UK, die Hessen zum Teil importierte, zugunsten der Produktion in Hessen, die zum Teil in das UK exportiert wird, zurückgefahren.

In den Jahren 2015 (+0,6 %) und 2016 (-1,8 %) veränderten sich die hessischen Importe aus dem UK nur wenig. Für 2017 steht hingegen eine kräftige Zunahme der Importe (+12,7 %) zu Buche – stärker als auf Bundesebene (+4,2 %) und auch stärker als die Zu- nahme der hessischen Importe insgesamt (+8,5 %). Der zusätzliche Blick auf die Bundes- länderebene zeigt kein eindeutiges Bild: Bundesländer mit einem Anstieg der Importe aus dem UK in der jüngsten Vergangenheit stehen solchen mit Rückgängen gegenüber. Dies spricht gegen eine große Bedeutung der Abwertung des Pfunds für diese Entwicklung.

HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung

Abbildung 16: Import zwischen Hessen / Deutschland und dem UK sowie insgesamt 2007-2017

Importvolumen Hessens aus dem UK in Mrd. Euro Jährliche Veränderung in %

Importvolumen Deutschlands aus dem UK in Mrd. Euro Jährliche Veränderung in %

6,0 60,0 4,7 4,5 4,6 4,4 4,0 3,7 3,5 3,4 4,0 3,3 3,3 3,3 40,0
6,0
60,0
4,7
4,5
4,6
4,4
4,0
3,7
3,5
3,4
4,0
3,3
3,3
3,3
40,0
42,0 41,6 32,5 37,9 44,7 41,5 39,5 38,5 38,4 35,7 37,1
2,0
20,0
0,0
0,0
in %
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
in %
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
40,0
40,0
15,5 17,8
16,9 18,0
12,7
20,0
20,0
2,8
4,2
0,6
0,0
0,0
-0,9 -2,1
-2,7
-1,8
-0,8
-20,0
-4,6
-20,0
-7,3 -4,8 -2,3 -0,3 -7,2
-21,8
-22,1
-40,0
-24,9
-40,0
Importvolumen Hessens insgesamt:
Importvolumen Deutschlands insgesamt:
Jährliche Veränderung in %
Jährliche Veränderung in %
in %
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
in %
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
40,0
40,0
16,8 13,2 1,5
19,9 13,2
20,0
8,5
8,3
4,6
20,0
4,9
4,7
1,9
1,9
3,7
3,5
2,2
4,3
1,2
0,6
0,0
0,0
-0,3 -1,0
-20,0
-20,0
-15,0
-17,5
-40,0
-40,0

Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt, Statistisches Bundesamt, Darstellung der Hessen Agentur

Ungeachtet dieses kräftigen Importzuwachses im Jahr 2017 ist die Bedeutung des UK als Bezugsland für die hessische Wirtschaft weiter gesunken. 2015 belegte das UK noch Rang 9, 2017 ist es nur noch Rang 10. Dies gilt auch aus Sicht des Bundes (2015: Rang 9, 2017:

Rang 11). Der Blick weiter zurück macht jedoch deutlich, dass damit lediglich ein bereits seit vielen Jahren bestehender Trend seine Fortsetzung erfahren hat. Vor zehn Jahren wur- den noch 6,8 % (Rang 6) der gesamten hessischen Importe (Deutschland: 5,5 %, ebenfalls Rang 6) aus dem UK bezogen. 2017 beläuft sich der Anteil für Hessen nur noch auf 3,9 %, für Deutschland auf noch 3,6 %.

Abbildung 17 bildet die monatliche Entwicklung der Importe aus dem UK von Januar 2015 bis Januar 2018 ab. Wie bereits bei der Betrachtung der Monatszahlen für den Export, so lassen sich auch beim Import keine Auffälligkeiten – etwa ein regelrechter Einbruch oder ein kontinuierlicher Rückgang – im Hinblick auf den Zeitpunkt des Brexit-Votums im Juni 2016 oder die Abgabe des Austrittsantrags im März 2017 feststellen. Dies gilt für die hes- sischen Importe wie auch für die Importe Deutschlands insgesamt aus dem UK.

Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

Abbildung 17: Import Hessens und Deutschlands aus dem UK Januar 2016 bis Januar 2018 (in Mio. Euro)

Import aus dem UK in Hessen

400 300 200 100 0 Jan 15 Mrz 15 Mai 15 Jul 15 Sep 15
400
300
200
100
0
Jan 15
Mrz 15
Mai 15
Jul 15
Sep 15
Nov 15
Jan 16
Mrz 16
Mai 16
Jul 16
Sep 16
Nov 16
Jan 17
Mrz 17
Mai 17
Jul 17
Sep 17
Nov 17
Jan 18

Import aus dem UK in Deutschland

4.000 3.000 2.000 1.000 0 Jan 15 Mrz 15 Mai 15 Jul 15 Sep 15
4.000
3.000
2.000
1.000
0
Jan 15
Mrz 15
Mai 15
Jul 15
Sep 15
Nov 15
Jan 16
Mrz 16
Mai 16
Jul 16
Sep 16
Nov 16
Jan 17
Mrz 17
Mai 17
Jul 17
Sep 17
Nov 17
Jan 18

Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt, Statistisches Bundesamt, Darstellung der Hessen Agentur

Auf der Ebene der wichtigsten hessischen Importgüter im Handel mit dem UK liegt der Ent- wicklung der letzten drei Jahre ein ausgesprochen heterogenes Bild zugrunde, wie aus Ab- bildung 18 hervorgeht. Dies macht es unmöglich, etwa die Abwertung des Britischen Pfunds – und damit den Brexit – als Ursache der insgesamt gesehen gestiegenen Importe Hessens aus dem UK ins Feld zu führen. Es dürfte sich vielmehr um eine Mischung unterschiedlichs- ter branchen- bzw. güterspezifischer Bestimmungsgründe handeln. Hervorzuheben ist die Warengruppe der Halbwaren. Unter dieser Bezeichnung wird eine Vielzahl unterschied- lichster Güter zusammengefasst, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie in punkto Bearbeitungsgrad zwischen Rohstoffen einerseits und Fertigwaren andererseits anzusie- deln sind. Die massive Zunahme des Importes derartiger Halbwaren aus dem UK nach Hessen 2017 gegenüber 2016 (+156,4 %) ist maßgeblich auf die Einfuhr von Gold für ge- werbliche Zwecke zurückzuführen.

HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung

Abbildung 18: Import Hessen aus UK: Entwicklung der wichtigsten Importgüter 2015-2017

Veränderung des Importes nach Warengruppe* in %

10,4 Chemische und pharmazeutische Erzeugnisse 21,9 -9,4 -2,5 Fahrzeuge, Fahrzeugteile und -zubehör -12,4 11,3
10,4
Chemische und pharmazeutische Erzeugnisse
21,9
-9,4
-2,5
Fahrzeuge, Fahrzeugteile und -zubehör
-12,4
11,3
-14,7
Maschinen
-1,7
-13,2
27,6
Halbwaren
156,4
-50,2
-6,8
Feinmechanische und optische Erzeugnisse
-6,1
-0,7
-100
-50
0
50
100
150
200
2015 / 2017
2016 / 2017
2015 / 2016

*absteigend sortiert nach dem Anteil am hessischen Import aus dem UK Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt, Statistisches Bundesamt, Darstellung der Hessen Agentur

4.2

Direktinvestitionen

Ergänzend zum vorangegangenen Kapitel (Güterebene) stehen nachfolgend die Verflech- tungen der Unternehmen auf der Kapitalebene im Mittelpunkt. Die länderübergreifenden Unternehmensstrukturen sind allgemein betrachtet von außerordentlicher Komplexität, d. h. dies gilt keineswegs etwa nur für die Beziehungen zwischen Hessen und dem UK.

Es gibt keineswegs nur 100-%-Beteiligungen an einem Unternehmen im Ausland, sondern darüber hinaus auch Mehrheits- und Minderheitsbeteiligungen, von verschiedenen Unter- nehmen gemeinsam gehaltene Tochterunternehmen, unmittelbare und mittelbare Beteili- gungen, Beteiligungen, die gewissermaßen auf dem „Umweg“ über andere Länder gehalten werden, verschiedenste Zweckgesellschaften im Ausland (z.B. zur Fremdkapitalbeschaf- fung, zum Cashpooling oder mit der Funktion einer Zwischenholding) und vieles mehr. Diese komplizierten Strukturen und deren teilweise massiven Veränderungen im Zeitablauf sind nur schwer zu erfassen und abzubilden. Insofern können die folgenden Ergebnisse nur einen Einblick geben. Sie verdeutlichen aber sowohl die Intensität der Direktinvestitionsbe- ziehungen zwischen Hessen und dem UK als auch die hohe Bedeutung des Finanzsektors. Da sich die aktuellen Daten auf das Jahr 2015 beziehen, können sich noch keine Auswir- kungen des Brexit in den Angaben niedergeschlagen haben.

Datengrundlage ist die Statistik der Bestandserhebung über Direktinvestitionen (FDI) der Deutschen Bundesbank. Als Direktinvestitionen gelten dabei gemäß internationaler Kon-

Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

ventionen grenzüberschreitende Anteile am Kapital oder an den Stimmrechten eines Un- ternehmens von mindestens 10 %. Mittelbare Beteiligungen werden dann einbezogen, wenn sie mehrheitlich gehalten werden. Die Direktinvestitionsbestände werden – grob ver- einfacht – aus dem Beteiligungskapital unter Berücksichtigung der wechselseitigen Kredit- beziehungen berechnet. Aufgrund einer Meldefreigrenze erfasst die Bundesbank Direktin- vestitionsobjekte erst ab einer Bilanzsumme von über drei Mio. Euro. Dies bedeutet, dass etwa das Vertriebsbüro eines hessischen Mittelständlers im UK in der Regel nicht Bestand- teil der Direktinvestitionsstatistik sein wird, da kleinere Investments nicht erfasst werden.

Aus der Definition kann zudem abgeleitet werden, dass diese das Verständnis von Direkt- investitionen als Schaffung von Realkapital – idealtypisch die Errichtung einer Produktions- stätte auf der sprichwörtlichen grünen Wiese („greenfield investment“) – zwar einschließt, aber deutlich weiter angelegt ist. Wird etwa ein hessisches Unternehmen von einem briti- schen Investor übernommen oder investiert ein Unternehmen aus Hessen in Finanzanla- gen im UK, so handelt es sich um eine Direktinvestition, ohne dass Realkapital geschaffen wurde. Auch können Direktinvestitionen durch so genannte „reverse investments“ negative Werte annehmen. Dies kann zum Beispiel dann geschehen, wenn ein im UK ansässiges Tochterunternehmen der Mutter in Hessen einen Kredit gewährt. Schließlich ist zu beach- ten, dass etwa das asiatische Unternehmen in Frankfurt, das zur in London ansässigen Europazentrale des Unternehmens gehört, in der Statistik als Direktinvestition aus dem UK ausgewiesen wird.

Der so definierte Direktinvestitionsbestand der hessischen Wirtschaft im UK (aktive Direkt- investitionen) belief sich zum Jahresende 2015 auf 20,9 Mrd. Euro (vgl. Tabelle 4). Nach einem deutlichen Rückgang von 2011 auf 2012 haben die Direktinvestitionen damit in den letzten Jahren wieder leicht zugelegt. Diese 20,9 Mrd. Euro entsprechen 12,3 % der ge- samten hessischen Direktinvestitionen im Ausland, womit das UK für Hessen das zweit- wichtigste Anlageland darstellt. Im Bund fällt der Anteil nahezu gleich hoch aus (11,7 %). Aus Sicht der deutschen Wirtschaft insgesamt, die 121,3 Mrd. Euro im UK investiert hat, belegt das UK ebenfalls den zweiten Rang.

In umgekehrter Richtung (passive Direktinvestitionen), d. h. Direktinvestitionen aus dem UK in Hessen bzw. in Deutschland, liegen die Direktinvestitionen beträchtlich niedriger. Ende 2015 stehen für Hessen 6,3 Mrd. Euro zu Buche, auf Bundesebene sind es 38,7 Mrd. Euro. Damit ist das UK sowohl für Hessen als auch für den Bund der drittwichtigste ausländische Investor mit nahezu identischen Anteilen am jeweiligen Direktinvestitionsbestand von 8,9 % bzw. 8,3 %.

Tabelle 4:

HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung

Ausländische Direktinvestitionen (FDI) zwischen dem UK und Hessen / Deutschland 2010-2015 (Bestände zum jeweiligen Jahresende)

   

Hessen

 

2010

2011

2012

2013

2014

2015*

FDI in das UK (in Mio Euro)

24.548

24.237

19.714

19.601

20.426

20.874

Anteil an FDI in alle Länder

14,0%

14,4%

12,1%

12,4%

11,8%

12,3%

FDI aus dem UK (in Mio Euro)

2.615

5.638

5.776

3.861

5.779

6.345

Anteil an FDI aus allen Ländern

4,5%

9,1%

8,7%

5,8%

8,9%

8,9%

 

Deutschland

 
 

2010

2011

2012

2013

2014

2015

FDI in das UK (in Mio Euro)

99.796

103.466

104.268

105.909

111.507

121.333

Anteil an FDI in alle Länder

12,0%

11,8%

11,3%

11,6%

11,9%

11,7%

FDI aus dem UK (in Mio Euro)

32.813

31.361

35.978

30.517

37.705

38.729

Anteil an FDI aus allen Ländern

8,5%

7,8%

8,2%

6,6%

8,1%

8,3%

Quelle: Deutsche Bundesbank (vorläufige Angaben)

Der erhebliche Unterschied zwischen der Höhe der hessischen Direktinvestitionen im UK einerseits und denen aus dem UK in Hessen andererseits ist somit kein Spezifikum der hessischen Wirtschaftsbeziehungen zum UK, sondern trifft auch für den Bund zu. Darüber hinaus gilt: Die Summe aller Direktinvestitionsbestände Hessens bzw. Deutschlands im Ausland fällt klar höher aus als die des Auslands in Hessen bzw. in Deutschland. Ebenfalls sind die teilweise massiven Schwankungen nicht ungewöhnlich, sondern vielmehr ein Cha- rakteristikum der Direktinvestitionsverflechtungen insgesamt.

Welche Bedeutung kommt Hessen in den Direktinvestitionsbeziehungen Deutschlands ins- gesamt mit dem UK zu? Hessen stellt rund ein Sechstel des deutschen Direktinvestitions- bestandes Ende 2015 im UK, womit Hessen nach Nordrhein-Westfalen und Baden-Würt- temberg und vor Bayern der drittwichtigste Investor aus Deutschland im UK ist. Im Hinblick auf die Direktinvestitionen des UK in Deutschland beträgt der Anteil Hessens ebenfalls rund ein Sechstel, wobei die Reihenfolge im Bundesländervergleich ähnlich ist: Bayern, Nord- rhein-Westfalen, Hessen, Baden-Württemberg.

Wo liegen die jeweiligen Branchenschwerpunkte, d. h. welche Bereiche der hessischen Wirtschaft sind in welchen Wirtschaftszweigen der britischen Wirtschaft engagiert und in welchen Bereichen der hessischen Wirtschaft sind umgekehrt die Unternehmen aus dem UK engagiert (vgl. Tabelle 5)?

Die Direktinvestitionsverflechtungen zwischen Hessen und dem UK werden dominiert durch das wechselseitige investive Engagement der Finanzwirtschaft – und hierunter vor allem

Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

des Bankensektors. So entfallen 18,8 Mrd. des 20,9 Mrd. Euro umfassenden Direktinvesti- tionsbestands Ende 2015 im UK auf den hessischen Bankensektor. Mit großem Abstand folgen die Beteiligungsgesellschaften ohne Managementfunktion (1,2 Mrd. Euro). Diese könnte man durchaus auch dem Finanzbereich im weiteren Sinne zuordnen, womit dieser nochmals an Relevanz gewönne. Alle weiteren Teile der hessischen Wirtschaft sind von klar nachgeordneter Bedeutung.

Die Fokussierung auf den Finanz- und Versicherungssektor hat auch hinsichtlich der Inves- titionsobjekte der hessischen Investoren im UK Gültigkeit, denn 19,3 Mrd. entfallen auf den dortigen Finanz- und Versicherungsbereich – davon 16,2 Mrd. Euro auf Banken. Weitere 1,9 Mrd. Euro sind dem Finanzsegment „Treuhand- und sonstige Fonds und ähnliche Fi- nanzinstitutionen; Sonstige Finanzierungsinstitutionen“ zuzuordnen.

Das Engagement des hessischen Finanzplatzes im UK bzw. genauer gesagt am Londoner Finanzplatz und umgekehrt verdeutlichen exemplarisch Deutsche Bank und Commerz- bank, die beide über zahlreiche Tochterunternehmen bzw. Beteiligungen im UK verfügen. Die Deutsche Bank zählt gut 8.500 Mitarbeiter (Vollzeitäquivalente) im UK, die Commerz- bank knapp 1.000 Beschäftigte (Vollzeitäquivalente). Gemessen an den ausgewiesenen länderspezifischen Umsätzen (Nettoerträge) ist das UK für die Deutsche Bank mit 4,7 Mrd. Euro und für die Commerzbank mit 840 Mio. Euro jeweils der drittgrößte Markt.

Die Bedeutung des Finanzplatzes Frankfurt Rhein / Main schlägt sich naturgemäß auch in den Direktinvestitionen Hessens insgesamt nieder. So zeichnet der hessische Finanzsektor für 100,1 Mrd. Euro bzw. knapp 60 % des 169,7 Mrd. Euro umfassenden Direktinvestitions- bestands Hessens weltweit verantwortlich. Die Gegenüberstellung von UK und der Welt verdeutlicht aber auch, dass der hessische Finanzsektor keineswegs nur im UK investiert:

Auf das UK entfallen „nur“ rund 20 % der Direktinvestitionen dieses Teils der hessischen Wirtschaft. Noch vor dem UK sind hier die USA zu nennen.

Was für die britischen Direktinvestitionen in Hessen insgesamt gilt, trifft auch für die UK- Investitionen in den hessischen Finanz- und Versicherungsbereich zu: Mit insgesamt 4,2 Mrd. Euro – darunter: 2,4 Mrd. in Beteiligungsgesellschaften ohne Managementfunk- tion, 1,8 Mrd. Euro in den Bankensektor – fallen diese niedriger aus als die entsprechenden Direktinvestitionen Hessens im UK. Doch nicht nur dem Finanz- und Versicherungsbereich, sondern auch einer Branche der sogenannten Realwirtschaft – und zwar dem Handel (940 Mio. Euro) – kommt eine wichtige Rolle als hessische Investitionsobjekte für britische Investoren zu. Somit sind die britischen Investitionen in Hessen breiter aufgestellt als um- gekehrt die hessischen Investitionen im UK. Nur gut 10 % der Direktinvestitionen in den hessischen Finanzsektor wurden von dem UK getätigt – ein Anteil, der sich im Zuge des Brexit und daraus resultierender Verlagerungen von Unternehmensaktivitäten in Richtung Finanzplatz Frankfurt Rhein / Main durchaus ändern könnte.

Tabelle 5:

HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung

FDI aus Hessen im UK und aus dem UK in Hessen nach ausgewählten Wirtschafts- zweigen* 2015 (Bestände zum Jahresende)

 

Hessische FDI im Ausland nach dem Wirtschaftszweig des …

Hessische FDI im UK nach dem Wirtschaftszweig des

   
 

FDI aus

   

dem

Ausland in

FDI aus dem UK in

       

Hessen

Wirtschaftszweig

 

 

hessischen

Investors

ausländischen

Investitions-

objekts

hessischen

Investors

ausländischen

Investitions-

objekts

Hessen

 
   

in Mio. Euro

 

Insgesamt

 

169.726

169.726

20.874

20.874

69.038

6.345

 

darunter:

 
 

Verarbeitendes Gewerbe

 

11.281

26.501

-41

559

7.561

79

 

darunter:

 
 

Chemische Erzeugnisse

 

1.404

5.087

x

88

2.054

79

 

Pharmazeutische Erzeugnisse

4.335

9.756

138

27

1.173

-67

 

Gummi- u. Kunststoffwaren

211

1.010

x

0

731

103

 

Meß- u. Kontrollgeräte, Uhren

2.673

1.437

122

48

1.963

138

u. elektromedizinische

Geräte

 

Handel; Instandhaltung u. Reparatur

3.336

16.303

455

643

12.298

943

v.

Kraftfahrzeugen

 

Information u. Kommunikation

1.121

1.871

20

20

1.115

315

 

Erbringung v. Finanz- u. Versicherungsdienstleistungen

136.171

100.078

20.087

19.336

37.796

4.192

 

darunter:

 
 

Banken

 

82.285

62.709

18.751

16.155

17.446

1.834

 

Beteiligungsgesellschaften ohne Managementfunktion

44.230

7.543

1.233

187

12.711

2.352

 

Treuhand- und sonstige Fonds und ähnliche Finanzinstitutionen; sonstige Finanzierungsinstitutionen

988

21.185

x

1.866

7.530

125

 

Verwaltung u. Führung v. Unternehmen

 

u.

Betrieben (Beteiligungsgesellschaften

13.732

1.414

279

x

1.302

-21

mit Managementfunktion)

 
 

Erbringung v. sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen

2.113

867

x

x

1.962

351

*

Auswahl gemäß der Bedeutung für die Direktinvestitionsverflechtungen zwischen Hessen und dem UK

 

x

Angaben aufgrund der Geheimhaltung von Einzelangaben nicht veröffentlicht

 

Quelle: Deutsche Bundesbank (vorläufige Angaben)

Zur Abrundung der Betrachtung sei ein Blick auf die Bundesebene (vgl. Tabelle 6) gewor- fen. Der Vergleich mit Hessen zeigt, dass die Struktur der Direktinvestitionen nach Wirt- schaftszweigen deutlich von der in Hessen abweicht: Zwar kommt auf Bundesebene dem Finanzbereich ebenfalls eine wesentliche Rolle als Investor bzw. als Investitionsobjekt zu, doch die so genannte Realwirtschaft ist im Vergleich zu Hessen wesentlich bedeutender. Als Beispiel ist der Sektor Information und Kommunikation anzuführen, der für die britischen

Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

Direktinvestitionen in Deutschland mit 9,8 Mrd. Euro bedeutender als der Bankensektor (4,0 Mrd. Euro) ist, oder das Verarbeitende Gewerbe, deren Direktinvestitionen im UK in Höhe von 21,5 Mrd. Euro denen des Bankensektors (21,7 Mrd. Euro) entsprechen.

Tabelle 6:

FDI aus Deutschland im UK und aus dem UK in Deutschland nach ausgewählten Wirtschaftszweigen* 2015 (Bestände zum Jahresende)

 

Deutsche FDI im Ausland nach dem Wirtschaftszweig des …

Deutsche FDI im UK nach dem Wirtschaftszweig des

FDI aus

 
 

dem

FDI aus dem UK in

Deutsch-

 

 

Ausland in

Wirtschaftszweig

 

Deutsch-

 

deutschen

Investors

ausländischen

Investitions-

objekts

deutschen

Investors

ausländischen

Investitions-

objekts

land

land

   

in Mio. Euro

 

Insgesamt

 

1.034.082

1.034.082

121.333

121.333

465.866

38.729

darunter:

 

Verarbeitendes Gewerbe

 

295.197

365.124

21.505

11.589

114.661

7.177

 

darunter:

 

Chemische Erzeugnisse

53.062

82.654

851

1.495

13.981

1.200

 

Pharmazeutische Erzeugnisse

9.772

26.733

162

90

10.425

1.377

 

Gummi- u. Kunststoffwaren

5.330

12.977

221

333

5.691

384

 

Meß- u. Kontrollgeräte, Uhren

6.787

26.652

451

1.681

8.627

347

u. elektromedizinische

Geräte

Handel; Instandhaltung u. Reparatur

20.983

166.524

1.130

11.448

53.602

5.493

v.

Kraftfahrzeugen

Information u. Kommunikation

12.528

58.074

8.796

1.229

48.955

9.792

Erbringung v. Finanz- u. Versicherungsdienstleistungen

531.913

286.783

67.079

76.349

163.251

12.351

 

darunter:

 

Banken

99.651

81.842

21.738

19.143

56.714

4.002

 

Beteiligungsgesellschaften ohne Managementfunktion

365.765

68.413

42.580

9.103

66.559

5.000

Treuhand- und sonstige Fonds und ähnliche Finanzinstitutionen; sonstige Finanzierungsinstitutionen

5.864

47.174

364

40.707

25.757

3.234

Verwaltung u. Führung v. Unternehmen

 

u.

Betrieben (Beteiligungsgesellschaften

126.219

7.226

16.323

77

11.349

355

mit Managementfunktion)

 

Erbringung v. sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen

3.871

13.578

240

544

3.300

577

* Auswahl gemäß der Bedeutung für die Direktinvestitionsverflechtungen zwischen Hessen und dem UK

Quelle: Deutsche Bundesbank (vorläufige Angaben)

HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung

5 Auswirkungen des Brexit: Studien, Befragungen und Positionen

Die Tragweite des Brexit und die Dimension dieser Entwicklung für die EU ziehen eine intensive Beschäftigung mit diesem Thema auf vielen Ebenen nach sich. Experten aus Po- litik, Wirtschaft und Wissenschaft widmen sich dem Brexit und nehmen seine Auswirkungen aus verschiedenen Blickwinkeln unter die Lupe. In diesem Kapitel wird ein Ausschnitt der weitläufigen Untersuchungen und Positionen präsentiert. Dabei erfolgt eine Fokussierung auf die bedeutendsten Beiträge im Hinblick auf die Auswirkungen des Brexit auf die hessi- sche Wirtschaft.

Im ersten Abschnitt werden volkswirtschaftliche Analysen der quantitativen Auswirkungen des Brexit zusammengefasst. Quantifizierbare Ergebnisse berechnen allerdings nur relativ wenige Studien – oftmals werden mögliche Auswirkungen des Brexit qualitativ beschrieben. Im Vordergrund stehen hier Untersuchungen, die Effekte für Deutschland, einzelne Bun- desländer oder auf regionaler Ebene ermitteln. Neben Analysen werden die Effekte des Brexit auch durch Umfragen ermittelt. Eine Übersicht über Befragungen – ebenfalls mit Fo- kus auf Deutschland – erfolgt im zweiten Abschnitt. 9 Im dritten Abschnitt werden die Brexit- Folgen aus dem Blickwinkel von Kammern und Wirtschaftsverbänden anhand von Positi- onspapieren und Veröffentlichungen überblicksartig zusammengefasst.

5.1 Brexit-Folgen aus der Sicht von ökonomischen Studien

Bereits vor dem Brexit-Referendum wurden in mehreren ökonomischen Studien anhand von Modellrechnungen und Simulationen Brexit-Effekte ermittelt. Im Vordergrund standen dabei zunächst die Effekte auf das UK selbst. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sind auch in die politische Diskussion im UK vor dem Brexit-Referendum eingeflossen. Ein Über- blick zu Studien über die Auswirkungen auf das UK kommt zu dem Ergebnis, dass die meisten Studien BIP-Verluste im UK von -1 % bis ca. -5 % vorhersagen, allerdings gebe es auch vereinzelt Untersuchungen, in denen positive Auswirkungen für das UK prognostiziert werden. 10 Seit dem Brexit-Referendum sind viele weitere Analysen veröffentlicht worden, die häufig auch die Auswirkungen des Brexit auf die Wirtschaftspartner des UK, insbeson- dere auf die verbleibenden 27 EU-Staaten, in den Blick nehmen.

Die Auswirkungen des Brexit lassen sich zeitlich in zwei Bereiche trennen. Kurzfristige Aus- wirkungen treten noch vor dem eigentlichen Brexit – d. h. seit dem Referendum bzw. wäh- rend der Verhandlungsphase – auf. Zur Größenordnung dieser Auswirkungen wurden kurz nach dem Brexit-Referendum erste spezifische Berechnungen veröffentlicht bzw. gängige Konjunkturprognosen angepasst. Die OECD prognostizierte in einer Studie, dass das reale BIP – kumuliert ab dem Referendum bis 2018 – in der EU um 1,1 % unter dem Wert liegt,

9 Sowohl die Zusammenstellung der ökonomischen Studien als auch der Befragungen führt die Ergebnisse der letztjährigen Unter- suchung fort.

10 Vgl. Busch, Matthes (2016).

Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

der bei einer Entscheidung zum Verbleib in der EU erreicht worden wäre. 11 Die kurzfristigen Auswirkungen treten in der aktuellen Diskussion allerdings immer mehr in den Hintergrund und man konzentriert sich stattdessen in noch höherem Maß auf die potenziellen langfristi- gen Folgen, d. h. nach dem vollzogenen Brexit. Im Vergleich zu den kurzfristigen Auswir- kungen während der Verhandlungsphase sind die in verschiedenen Studien berechneten langfristigen Folgen naturgemäß deutlich höher. Aufgrund der Ungewissheit über das Er- gebnis der Brexit-Verhandlungen werden in langfristigen Prognosen oft verschiedene Brexit-Szenarien – von einem harten Brexit ohne Abkommen bis hin zu einer Mitgliedschaft des UK im EWR – betrachtet. In den gängigen ökonometrischen Modellen sind die negati- ven Auswirkungen umso größer, je stärker sich das UK von der EU entfernt, d. h. je härter der Brexit ist. Tabelle 7 enthält einen Überblick zu ausgewählten Analysen der ökonomi- schen Konsequenzen des Brexit. Die Zusammenstellung konzentriert sich auf Untersu- chungen, die Ergebnisse für Auswirkungen auf Deutschland bzw. auf regionaler Ebene in- nerhalb Deutschlands beinhalten.

Drei der aufgeführten Studien sind kurz vor dem Brexit-Referendum veröffentlicht worden. Den Studien der Bertelsmann Stiftung und von Euler Hermes liegen Simulationsanalysen makroökonomischer Modelle zugrunde. Dabei werden die potenziellen Auswirkungen des Brexit für verschiedene Szenarien berechnet. Die Studie der Bertelsmann Stiftung kommt in der langfristigen Betrachtung zu dem Ergebnis, dass das reale BIP pro Einwohner in Deutschland im Jahr 2030 gegenüber dem Referenzszenario ohne Brexit um 0,1 % bis 0,3 % (statische Betrachtung) bzw. um 0,3 % bis 2 % (dynamische Betrachtung) niedriger liegt. 12 In der Untersuchung von Euler Hermes liegt das reale BIP-Wachstum Deutschlands um 0,2 bis 0,4 % niedriger. Die Effekte beziehen sich ebenfalls auf das Jahr 2030, da in Simulationsstudien von einer Anpassungszeit von 10 bis 12 Jahren ausgegangen wird. 13 Die Studie von Standard & Poor‘s beruht auf der Bildung eines Index der derzeitigen wirt- schaftlichen Beziehungen (z.B. Export, FDI) zwischen dem UK und anderen Ländern und leitet daraus den Grad der Betroffenheit ab. Die Daten werden zu diesem Zweck zu einem Index-Wert zusammengefasst. Deutschland liegt hiernach unter den 20 durch den Brexit am stärksten betroffenen Ländern im Mittelfeld, da in einer relativen Betrachtung andere Staaten noch deutlich enger mit dem UK verflochten sind. 14

Mitte 2017 erschien eine Untersuchung des ifo-Instituts im Auftrag des Bundeswirtschafts- ministeriums zu den Brexit-Effekten. Durch den Einsatz eines Gravitationsmodells wird in der Studie der handelsschaffende Effekt der verschiedenen Integrationsschritte der EU, d. h. die Mitgliedschaft in der EU, in der Europäischen Zollunion, im Schengenraum und in der EURO-Zone, berechnet. Diese gehen in ein allgemeines Gleichgewichtsmodell zur Si- mulation der Wachstumseffekte für acht verschiedene Brexit-Szenarien ein. Das reale BIP

11 Vgl. OECD (2016).

12 Vgl. Bertelsmann Stiftung (2015).

13 Vgl. Euler Hermes Economic Research (2016).

14 Vgl. Standard & Poor’s Global Ratings (2016).

HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung

in Deutschland liegt je nach Szenario am Ende einer rund zehnjährigen Anpassungsphase um 0,06 % bis 0,23 % niedriger als ohne den Brexit. Die Studie zeichnet sich darüber hin- aus durch eine ausführliche Darstellung der bestehenden wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Deutschland und dem UK aus. 15

Im Dezember 2017 veröffentlichten Chen et al. eine Analyse zum Brexit nicht nur auf nati- onaler, sondern auf regionaler Ebene. Die Autoren legen die europäischen NUTS-2-Regi- onen 16 zu Grunde, sodass Ergebnisse für die drei hessischen Regierungsbezirke vorliegen. Allerdings werden nicht die direkten Auswirkungen betrachtet, sondern über internationale Input-Output-Beziehungen lediglich der Anteil der regionalen Bruttowertschöpfung ermittelt, der von wirtschaftlichen Austauschbeziehungen mit dem UK abhängig ist. Die Anteile dür- fen daher nicht als tatsächlicher BIP-Rückgang im Falle eines Brexit interpretiert werden. Der Anteil dieser potenziell gegenüber Brexit-Effekten anfälligen Bruttowertschöpfung liegt für Deutschland insgesamt bei 5,5 %. Nach dem UK (12,2 %) und Irland (10,1 %) ist dies der höchste Wert unter den betrachteten EU-Ländern. Der Regierungsbezirk Darmstadt liegt mit 5,7 % geringfügig über dem Bundesdurchschnitt, während der Regierungsbezirk Kassel mit 5,5 % genau im und der Regierungsbezirk Gießen mit 5,4 % knapp unter dem Bundesdurchschnitt liegen. Der größte Anteil der betroffenen Bruttowertschöpfung entfällt auf das Produzierende Gewerbe (RB Darmstadt: 16,2 %, RB Kassel: 14,0 %, RB Gießen:

13,5 %). Die jeweils betroffenen BWS-Anteile liegen in den hessischen Regierungsbezirken für den primären Sektor zwischen 4,6 % und 5,5 %, im Baugewerbe zwischen 0,6 % und 1,8 % und im Dienstleistungssektor zwischen 2,8 % und 3,6 %. 17

Eine weitere regionale Analyse wurde Ende März 2018 durch den Europäischen Ausschuss der Regionen veröffentlicht. Die Untersuchung beinhaltet eine statistische Analyse der Han- delsströme mit dem UK bezogen auf den Handel der einzelnen Staaten nach Gütergruppen weltweit. Regionalisierte Ergebnisse werden ermittelt, indem die Beschäftigtenanteile der Regionen in den am stärksten durch den Brexit betroffenen Branchen berechnet werden. Damit wird der „Brexit Regional Exposure Index“ (BREI) gebildet, um den Grad der Betrof- fenheit einzelner Regionen insgesamt und in verschiedenen Branchen zu ermitteln. Der BREI nimmt Werte von 0 bis 3 an, wobei die Regionen umso stärker betroffen sind, je höher der Wert ist. Deutschland ist insgesamt relativ stark den Brexit-Folgen ausgesetzt, was ins- besondere auf die Bedeutung des UK für die deutsche Automobilindustrie zurückzuführen ist. Die höchsten Indexwerte erreichen einige süddeutsche Regionen mit starkem Fokus auf den Fahrzeugbau wie Stuttgart und Niederbayern. In Hessen erreichen die Regierungs- bezirke Darmstadt und Gießen den Index-Wert 1 und der Regierungsbezirk Kassel den Indexwert 2. Der Fahrzeugbau hat für Nordhessen ein relativ hohes Gewicht, wodurch sich

15 Vgl. ifo (2017).

16 Die nach der NUTS (Nomenclature des unités territoriales statistiques) abgegrenzten europäischen Regionen entsprechen in Deutschland auf Ebene 2 Regierungsbezirken bzw. ehemaligen Regierungsbezirken und kleineren Bundesländern.

17 Vgl. Chen et al. (2017).

Hessen und der Brexit – Ein Jahr nach dem Austrittsantrag

der höhere BREI-Wert erklärt. Auf Branchenebene sind in der Studie Daten für den Fahr- zeugbau und den Maschinenbau für Hessen verfügbar. Im Maschinenbau ist der Regie- rungsbezirk Gießen demnach vergleichsweise anfällig für potenzielle Brexit-Folgen. 18

Tabelle 7: Studien zu den Auswirkungen des Brexit auf Deutschland im Überblick

Titel der Veröffentlichung

The continental divide? Eco- nomic exposure to Brexit in regions and countries on both sides of The Channel

Ökonomische Effekte eines Brexit auf die deutsche und europäische Wirtschaft

Assessing the impact of the UK’s withdrawal from the EU on regions and cities in EU27

Veröffentlichungszeitpunkt

Dezember 2017

Juni 2017

März 2018

Herausgeber

Chen, Wen et al.

Ifo Institut Felbermayr, Gabriel et al.

Europäischer Ausschuss der Regionen

Länder (Ergebnisdarstellung)

EU 28 und NUTS-2-Regionen (in Deutschland: Regierungs- bezirke)

EU 28, im Detail für UK und Deutschland

EU 28 ohne UK und NUTS-2- Regionen (in Deutschland:

Regierungsbezirke)

Methodik

Mit Hilfe von Input-Output- Daten wird die Exposition der Länder/Regionen gegenüber Brexit-Effekten bestimmt. Hierzu wird der vom Export in das UK abhängige Wert- schöpfungsanteil einer Region auf das regionale BIP bezogen.

Bestimmung der handelsschaf- fenden Effekte des EU-Binnen- marktes, woraus für verschie- dene Brexit-Szenarien Effekte auf das reale BIP berechnet werden.

Anhand der derzeitigen Export- beziehungen mit dem UK auf nationaler Ebene und den Be- schäftigtenanteilen in verschie- denen Branchen auf regionaler Ebene wird der Brexit Regional Exposure Index gebildet.

 

5,5 % des BIP Deutschlands können Brexit-Folgen ausge- setzt sein, Deutschland ist nach Irland (10,1 %) und dem UK (12,2 %) in der EU am stärksten durch den Brexit betroffen. In Hessen liegt der Regie- rungsbezirk Darmstadt mit 5,7 % über und die Regie- rungsbezirke Gießen und Kassel mit 5,4 % bzw. 5,5 % knapp unter bzw. im Bundes- durchschnitt. Insb. das Produzierende Ge- werbe ist gegenüber Brexit- Folgen anfällig (RB DA 16,2 %, RB GI 13,5%, RB KS 14,0%). Im Dienstleistungs- sektor (RB DA 3,6 %, RB GI 2,8%, RB KS 2,9 %), im Bau- gewerbe (RB DA 1,8 %, RB GI 0,7%, RB KS 0,6 %) und im primären Sektor (RB DA 5,5 %, RB GI 5,0%, RB KS 4,6 %) sind die für Brexit- Folgen anfälligen Wertschöp- fungsanteile niedriger.

Freihandelsabkommen nach dem Modell des EWR zwi- schen EU und UK:

Deutschland ist relativ großen Risiken durch den Brexit aus-

Zentrale Aussagen und ausgewählte Ergebnisse

UK: -0,4% BIP Deutschland: -0,06% BIP WTO-Szenario, harter Brexit:

UK: -1,73% BIP Deutschland: -0,23% BIP Die Auswirkungen in den übri- gen Szenarien liegen zwischen diesen beiden Extrempunkten. Deutschland liegt etwa im Schnitt der EU-Länder. In Deutschland sind die Pharma-, Kfz-, und Maschinen- bausektoren mit Wertschöp- fungsverlusten von jeweils bis zu 3 % am stärksten betroffen. Der Finanzsektor kann dage- gen bis zu 0,7 % Zuwachs er- reichen.

gesetzt. Die hessischen Regie- rungsbezirke liegen dabei im Mittelfeld. Für den Regierungs-

bezirk Kassel liegen die Risi- ken vor allem im Fahrzeugbau, für den Regierungsbezirk Gie- ßen im Bereich Maschinenbau.

Quelle: Recherchen der Hessen Agentur

18 Vgl. Europäischer Ausschuss der Regionen (2018).

HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung

Fortsetzung Tabelle 7: Studien zu den Auswirkungen des Brexit auf Deutschland im Überblick

Titel der Veröffentlichung

Who Has The Most To Lose From Brexit? Introduc- ing The Brexit Sensitivity In- dex

Brexit: What does it mean for Europe?

Brexit – Mögliche wirtschaftliche Folgen eines britischen EU-Aus- tritts

 

Juni 2016

Mai 2016

Mai 2015

Veröffentlichungszeitpunkt

(vor Brexit-Votum)

S&P Global Ratings www.agefi.fr

Euler Hermes Economic Research www.eulerhermes.com

Bertelsmann Stiftung

Herausgeber

www.bertelsmann-

 

stiftung.de

Länder (Ergebnisdarstellung)

Die 20 am stärksten betroffenen Länder (überwiegend europäische Länder)

19 Länder (überwiegend europäische Länder)

Ausgewählte europäische Länder

Bildung eines Index über Daten zu den bestehenden Beziehungen des jeweiligen Landes mit dem UK (z.B. Export, Forderungen Fi- nanzsektor, eingehende FDI, gegenseitige Migra- tion), Abbildung der Intensi- tät und Bedeutung der Be- ziehungen zum UK

Szenarioanalyse, Ergebnisse

Szenarioanalyse, Unterschei- dung statischer und dynami-

Methodik