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SEXUALITÄT & LIEBE - (K)EIN THEMA IN DER

PSYCHOTHERAPIE?

Sexuelles Begehren und Liebe:


Das Subjekt auf der Such nach sich selbst
Manfred Klemann (2013)

Einleitung
Als ich gefragt wurde, ob ich Interesse hätte, im Rahmen des Tagungsthemas einen Vortrag über
Sexualität und Liebe zu halten, konnte ich nicht ahnen, wie schmal der Grat zwischen Banalität
und Verklärung sein kann, den ich damit betreten würde.
Auf der einen Seite scheint bereits alles Wesentliche dazu gesagt zu sein - sei es wissenschaftlich
oder literarisch. Auf der anderen Seite sucht man vergeblich nach eindeutigen und allgemein
anerkannten Begriffsdefinitionen. Schon deshalb sind die nachfolgenden Überlegungen nur als
Essay zu betrachten, zumal auch ich der Komplexität dieses Feldes nicht gerecht werden kann.
Ich werde zunächst versuchen, Sexualität, Verliebtheit und Liebe von einander gesondert zu
betrachten. Allerdings sind sie weder als Begriffe, noch als Phänomene in reiner Form von
einander isolierbar. Das liegt nicht zuletzt daran, - und hier greife ich schon ein wenig vor - dass
sie Teil eines gesellschaftlichen Diskurses sind, der sie nicht nur deskriptiv erfasst und definiert,
sondern sie dadurch erst ins Leben ruft. Allen drei Begriffen ist die Dimension der Beziehung
gemeinsam;
sei es diskursiv, indem sie als Begriffe mit anderen Begriffen in Beziehung gesetzt werden;
sei es inhaltlich, indem sie Subjekt-Objekt-Relationen beschreiben und diese entweder als
narzisstisch in Form der Selbstliebe, oder als objektbezogen in Form der Liebe zum Anderen
kennzeichnen.
Die jeweils impliziten Werturteile und Anthropologien zu skizzieren, wird daher ein weiterer
Schritt meiner Betrachtungen sein. Schwerpunktmäßig werde ich konzeptuell die Perspektive der
strukturalen Analyse einnehmen. Da ich davon ausgehe, dass diese Sichtweise nicht so geläufig

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ist, werde ich mich bemühen, die theoretisch schwierigen Passagen so klar und einfach zu
formulieren wie es geht. Aber komplexen Sachverhalten hat dies seine Grenzen. Falls Sie beim
Zuhören an der ein oder anderen Stelle noch eine Weile in Gedanken verweilen möchten und
deshalb in Gefahr geraten, den Anschluss zu verlieren oder innerlich aussteigen zu wollen,
möchte ich Ihnen schon jetzt mit auf den Weg geben, sich dem Gedankenfluss einfach zu
überlassen, auch wenn Ihnen da und dort nicht sofort alles klar und verständlich erscheint. In der
Mehrzahl der Fälle wird es sich schließlich am Ende auflösen, so wie bei einem Krimi. Es ist da
wie mit jedem gesprochenen Satz: man muss ihn bis zum Schluß anhören um zu verstehen, was
er aussagt.
So, nachdem ich nun hoffentlich erfolgreich bei Ihnen im Vorfeld Abbitte geleistet habe für all‘
das, was nun folgen wird, will ich beginnen. Mein Vortrag ist in 5 Kapitel eingeteilt. Die ersten
vier sollen Sie in die Thematik einführen und die theoretischen Grundlagen skizzieren. Das fünfte
Kapitel, das sich mit der Praxis befasst, werde ich Ihnen dann am Nachmittag präsentieren.
Lassen Sie mich nun mit dem ersten Kapitel beginnen, das überschrieben ist mit:

1 Vom Trieb und vom Begehren


Wie kommt eigentlich die psychoanalytische Krankheitslehre dazu, der Sexualität und der Liebe
eine so prominente Bedeutung hinsichtlich Verursachung und Therapie psychischer Störungen
und Krankheiten zuzuweisen?
Aus historischer Sicht lautet die Antwort: Weil Freud Breuer und Charcot beim Wort genommen
hatte. Denn Breuer hatte behauptet, dass Neurosen „immer Geheimnisse des Alkovens“ wären
(Freud 1914d, S. 51). Und Charcot war davon überzeugt, dass es bei den Neurosen immer die
"Geschlechtssache" ist.
Wie Heinrich Schliemann den Texten Homers geglaubt hatte, so glaubte auch Freud seinen
Patienten, die ihm anfangs unter Hypnose, später ohne von ihren sexuellen Traumatisierungen,
Sehnsüchten, Phantasien und Nöten erzählten.
Und sie waren es schließlich, die ihn auf die Idee gebracht hatten, ein Konzept von Psycho-
Sexualität zu formulieren, mit dem Liebe sowohl als ein psychisches, als auch als ein somatisches
Phänomen definiert wurde: „Diese Liebestriebe werden nun in der Psychoanalyse a potiori _

und von ihrer Herkunft her Sexualtriebe geheißen“ schreibt Freud (1921, S.99).
Oder anders ausgedrückt: Liebe ist ohne triebhaft-körperlichen Ursprung undenkbar. Sie ist der
psychische Ausdruck eines elementaren Sexualtriebes. Zum besseren Verständnis unterschied

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Freud zwischen einer gemein sinnlichen Liebe (ebd. 122), die von der sexuellen Begierde
dominiert wird, und einer zärtlichen Liebe, die das Ergebnis zielgehemmter sexueller Triebe ist.
Sexuelle Leidenschaft und zärtliche Liebe sind also von Anfang an zentrale „Gegenstände“
psychoanalytischer Therapie, Theorie und Forschung. Um so mehr erstaunt, wie wenig präzise
Sexualität und Liebe bisher definiert und deren Relation zueinander geklärt werden konnte.
Immerhin scheint es einen Konsens darüber zu geben, dass beide eine bestimmte Art von
Beziehung eines Subjekts zu einem Objekt beinhalten, wobei das Objekt sowohl ein anderes
Subjekt, als auch Teil des eigenen Selbst sein kann. Der Sexualtrieb verweist ja schon von seiner
biologischen Funktion her implizit auf einen anderen. Demgegenüber ist die Liebe als Begriff
reserviert, um damit die Beziehung einer Person zu einer anderen zu kennzeichnen.
Während die Sexualität aufgrund ihrer biologischen Funktion und den anatomischen
Gegebenheiten im Realen verankert ist, gründet Liebe ausschließlich im Symbolischen. Ihre
Bedeutung ist niemals vollständig zu haben, weil sie einerseits als Signifikant, d.h. als Begriff auf
andere Begriffe verweist und mit diesen verkettet ist, und weil sie andererseits als Teil eines
sozialen Diskurses einem ständigen Bedeutungswandel unterworfen ist. Dieser Diskurs regelt im
wesentlichen, wie man „Gefühle ausdrücken, bilden, simulieren, anderen unterstellen, leugnen
und sich mit alldem auf die Konsequenzen einstellen kann, die es hat, wenn entsprechende
Kommunikation realisiert wird“ schreibt Luhmann (1982, S. 23).
In gewisser Weise fällt der Liebe die Aufgabe einer Scharnierfunktion zwischen dem Realem und
dem Imaginärem zu. Dabei umfasst das Imaginäre im Wesentlichen den Bereich des Sichtbaren,
des Bildhaften und Vorgestellten. Es ist der Bereich, der im Subjekt die Frage hervorbringt, was
es ihm bedeutet, was es gerade sieht oder vor seinem inneren Auge erscheint. Die Liebe fungiert
für den Sexualtrieb und dem mit ihm verknüpften Balzverhalten als Schnittstelle. In ihr kommt
das sexuelle Begehren buchstäblich „zur Sprache“ und findet damit im Symbolischen seinen
Ausdruck.
(ev. Cyrano de Bergerac erwähnen).
In der genannten Schnittstelle hat sich auch die Psychoanalyse angesiedelt, die sozusagen in ihrer
„Gründerzeit“ mit der Ausformulierung der Triebtheorie die Sexualität in den Rang einer
„physiologischen“ Ursache neurotischer Erkrankungen hob. Die sog. „Aktualneurosen“ oder
„Neurasthenien“ wurden dementsprechend als Folge eines gestörten Sexuallebens erklärt.
In der Weiterentwicklung der psychoanalytischen Theorie wurde diese Betrachtungsweise
zugunsten der Psycho-Sexualität aufgegeben, also der Aspekt des Symbolische ins Zentrum

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gestellt. Lacans Begriff des Begehrens ist bestens geeignet, um einen vor den terminologischen
Untiefen zu bewahren, die in der Triebtheorie lauern, besonders wenn man sie konkretistisch
versteht und auf eine Bedürfnistheorie reduziert . [„Eine Zigarre ist eine Zigarre, eine Zigarre!“
_

oder: der Schweizer Witz]

Ich werde auf das Konzept des Begehrens an anderer Stelle genauer eingehen. Hier nur so viel:
auch wenn der Ursprung des Sexualtriebes ein biologischer ist, so ist Sexualität im menschlichen
Erleben nur als Sexualität zu haben, wenn sie auch psychisch repräsentiert ist, sprich: als Wunsch
zur Sprache kommt! Und zwar als ein Wunsch, der sich im Anspruch Gehör verschafft, sofern es
einen Anderen gibt, der in der Lage ist, diesen Anspruch zu hören. Nur dann kann er später auch
als Begehren in Erscheinung treten.
Lacans Ansatz geht davon aus, dass das Subjekt zu Anfang nur als ein vegetatives existiert und
erst in der Mutter-Kind-Interaktion im Symbolischen als eigentliches, nämlich sprechendes
Subjekt hervorgebracht wird. Die Bezeichnung Subjekt ist wörtlich gemeint. Es handelt sich hier
um ein menschliches Individuum, das der Sprache unterworfen (subjicere) ist.
Dieser Unterwerfungsvorgang ergibt sich aus dem Umstand, dass die Sprache dem Kind
vorausgeht. Im Lallen, findet man zwar die Grundvoraussetzungen der Sprachkompetenz des
Säuglings, aber die Sprache selbst kommt nicht von ihm, sondern er muss sie sich über das
Sprechen des Anderen aneignen. Dieser Andere ist als Sprachkorpus zunächst ein abstrakter
Anderer. Dessen Platz besetzt die Mutter als konkrete Andere, die spricht und hört. Es liegt bei
ihr, ob sie im Schrei des Säuglings ein Sprechen vernimmt, sich angesprochen fühlt und einen
An-Spruch hört. Ihre Art zu antworten bereitet den Boden für ein sich allmählich seiner selbst
bewusst werdenden Subjekts. In den von der Mutter unterstellten Bedürfnisse kann man analog
zur Auster den Kristallisationskern sehen, um den herum sich das Subjekt wie bei der Bildung
einer Perle herumlegt. Da das Kind nicht lernt, seine Bedürfnisse in der Sprache der Mutter
auszudrücken - vergleichbar wie jemand eine Fremdsprache lernt, um sich darin anderen
verständlich zu machen -, besteht der Kern seiner Subjektivität aus den Antworten seiner Mutter.
In ihren Antworten unterstellt sie nicht nur bestimmte Bedürfnisse bei ihm, sondern schreibt dem
Kind auch zu, welche Bedürfnisse es überhaupt hat bzw. zu haben hat (Klemann 2013).
In diesem sog. alteritätstheoretischen Ansatz, wird die Entstehungsgeschichte des Subjekts
dialektisch mit dem Anderen zusammengeschlossen. Ich und Du bedingen einander. Die

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Bedürftigkeit des Kindes wird zum Vehikel dieses Prozesses. Der Wechsel zwischen Bedürfnis
und Sättigung wird zu einem wichtigen Organisator erster Erfahrungsmuster. Die bei der
Bedürfnisbefriedigung unvermeidlich auftretenden Irritationen und Unzulänglichkeiten werden
dabei zu wichtigen Gestaltungselementen, weil auch die mit ihnen einhergehenden Erlebnisse
passagerer Mangelsituationen den Rhythmus von Abwesenheit und Anwesenheit hervorbringen,
der letztlich das zentrale Kennzeichen für die Struktur einer symbolischen Ordnung ist.

Mit dem Begriff des Mangels versucht Lacan, eine besondere Dimension der Subjekt-
Anderer-Beziehung zu charakterisieren. Je mehr sich nämlich das Kind seiner selbst bewusst
wird, desto mehr spürt es seine existenzielle Abhängigkeit von der Mutter. Und je mehr es die
Mutter als allmächtig idealisiert, desto mehr wächst seine Angst, sie zu verlieren. Folglich
nehmen Gefühle eigener Unvollkommenheit und Bedürftigkeit zu. Eine Weile kann sich das Kind
noch der narzisstischen Illusion hingeben, es könne die Mutter jederzeit herbeirufen, wenn ihm
danach ist. Doch dann beginnen Verzögerungen seitens der Mutter, wenn sie bspw. nicht im
vertrauten zeitlichen Rahmen reagiert, plötzlich die Sorge zu nähren, dass die Mutter ein vom
Willen des Kindes unabhängiges Eigenleben führt. Dadurch erhält die Bedürfnisbefriedigung
einen anderen Charakter und wandelt sich von einem selbstverständlichen Anspruch zu einer
Gabe, einem Geschenk der Mutter, die aus Liebe handelt. Dies wiederum bringt im Kind die
Überzeugung hervor, dass diese Liebe ihre Ursache in einem Mangel der Mutter haben muss, den
offenbar das Kind zu kompensieren in der Lage ist ohne eine Ahnung zu haben wie und wodurch.
Der Wunsch, geliebt zu werden, wird damit zum zentralen Motiv des kindlichen
Anspruches. Allerdings birgt dieser auch Gefahren, die sich aus der damit verbundenen
Abhängigkeit vom anderen im Verlauf des weiteren Individuations- bzw. Separationsprozesses
noch klarer hervortreten werden. Außerdem kann die Liebe mit der Absolutheit, wie sie nun
erwartet wird, niemals in Erfüllung gehen, so dass unvermeidlich etwas offen bleiben muss.
Dieser „Rest“ wird nach Lacan zur eigentlichen Quelle des Begehrens, denn „das Begehren [ist]
weder Appetit auf Befriedigung, noch Anspruch auf Liebe, sondern vielmehr die Differenz, die
entsteht aus der Subtraktion des ersten vom zweiten“ formuliert Lacan (1991, S. 127). Das
Begehren erscheint geheimnisvoll, weil es über die Bedürfnisbefriedigung hinausgeht, auch wenn
es in Gestalt des sexuellen Begehrens im sog. Objekt a sein Ziel gefunden zu haben scheint.
Mit dem Objekt a ist ein, dem ursprünglich vollkommenen und damit bedürfnislosen Individuum
verloren gegangenes Stück seiner selbst gemeint. Zum einen ist damit die bereits genannte

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Unterwerfung unter die Sprache gemeint, die für eine Spaltung des Individuums in ein Subjekt
des Bewussten - gewöhnlich als das „Ich“ bezeichnet - und des Unbewussten verantwortlich ist.
In der Terminologie der strukturalen Analyse ist dies der „ontologischer Mangel“. Dabei handelt
es sich um einen Mangel an Sein, der ein basales Begehren hervorbringt.
Im speziellen Begehren, dem sexuellen, geht es dagegen primär um dieses Objekt a, das
entsprechend der sexuellen Partialtriebe (oral, anal, skopisch und akusmatisch) Gestalt annimmt
und sich dann auf Brust, Kot, Blick und Stimme bezieht. Es formt die individuelle
Beziehungsgestaltung zu anderen Menschen.
Folgen wir zur Illustration für einen kurzen Moment den von Zarnegin (2006) beschriebenen
möglichen Beziehungskonstellationen: Ist im unbewussten Erleben die Beziehung des Subjekts
zum anderen wie die zu einer Brust, dann dominieren klammerndes, forderndes und devotes
Verhalten. Im analen Modus folgt auf das Verliebtsein plötzlich eine Flucht, weil das geliebte
Objekt, unbewusst als anales zu stinken beginnt. Der skopische Zugang sucht den Moment, sich
im Blick des anderen anerkannt zu fühlen, so dass der Zustand des Verliebtseins immer wieder
obsessiv gesucht wird. Und schließlich kann die Stimme des Geliebten, als Ausdruck reiner
Präsenz als narzisstische Umhüllung ersehnt werden.
Wenn Freud schreibt, dass sich die Sexualtriebe an die Selbsterhaltungstriebe anlehnen und
deren Objekte wählen, so könnte man analog sagen, dass die im Mangel an Sein begründete
Abhängigkeit des Subjekts von der Anerkennung durch den Anderen den Bahnen des sexuellen
Begehrens folgt. Selbst wenn in der Verliebtheit das Begehren nach körperlicher Vereinigung
dominiert, liegt ihm letztlich der Wunsch zugrunde, vom Anderen als Subjekt anerkannt zu
werden: „Wenn wir zulassen, dass wir jemanden lieben, entdecken und lieben wir nicht nur den
Betreffenden, sondern werden auch damit konfrontiert, wer wir sind und wer wir in Kontakt mit
diesem Anderen werden“ schreibt Mitchell (2004, S. 81).
In der Logik des sexuellen Begehrens heißt das jedoch, dass nicht nur der Andere begehrt wird,
sondern vielmehr dessen Begehren selbst, womit die narzisstische Dynamik abermals in den
Vordergrund gerückt wird. „Das Begehren des Menschen ist das Begehren des Anderen“ schreibt
Lacan und hebt damit auf die Vielschichtigkeit der Beziehungsdynamik hervor. Der
Ausgangspunkt der Liebe ist, so betrachtet, zunächst also eine narzisstische Verzückung, ist
letztlich Selbstliebe, die einer imaginären Verkennung entspringt.
Der Verliebte glaubt im anderen das zu sehen, was er meint einst verloren zu haben und ihn
wieder vollkommen machen, sprich: seinen Seinsmangel beseitigen könnte. Da jedoch das

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sexuelle Begehren des Liebenden den Geliebten zum Objekt degradiert und ihn deshalb als
Subjekt mit Vernichtung bedroht, bedarf es einer Gegenmaßnahme, die in einer wechselseitigen
Idealisierung besteht. Diese von Freud noch als Sexualüberschätzung des Objekts bezeichnete
Reaktion kann die Katastrophe verhindern, weil es die „Einmaligkeit“ des Geliebten betont,
wodurch im Gegenzug die Selbstachtung des Subjekts gerettet ist.

2 Verschmelzungslust und Verschmelzungsangst


Als analytischer Paar- und Familientherapeut ist für mich die besondere Rolle, die Sexualität und
Liebe für Paarbeziehungen spielen unmittelbar evident. Willi (2002) unterscheidet mit Blick auf
die Sexualität zwischen einer Sexualität der Lust und einer Sexualität der Zugehörigkeit.
Während letztere (die der Zugehörigkeit) im Laufe einer Beziehung an Gewicht zunehme,
verliere sich, so Willi, die erstere (die der Lust) spätestens mit der Geburt von Kindern. Kinder
sind aus der Sicht vieler Eltern die größten „Lustkiller“. Paartherapeuten sprechen daher vom
"Babyschock", um die durch die Geburt eines Kindes ausgelösten weitreichenden Veränderungen
für das sexuelle Liebesleben eines Paares zu charakterisieren.
Da jedoch die meisten Paare langfristig gesehen in der Lage sind, diesen Schock irgendwie zu
bewältigen, zeigt das, wie wenig substantiell Sexualität für den Zusammenhalt einer Beziehung
ist. Nach einer Befragung liegt diese nur auf Platz 14, während die Liebe dagegen den ersten
Rang besetzt. Insofern verwundert es auch kaum, schreibt Willi, dass in vielen Ehen häufig
Selbstbefriedigung und Partnersexualität neben einander bestünden, „um energiezehrende
Streitigkeiten zu vermeiden“ (ebd. S. 95).
Willi beklagt ferner, dass sich hinsichtlich der wissenschaftlichen Forschung zum Thema
Liebe eine große Lücke auftun würde. Da es seiner Meinung nach keine allgemein gültige
Definition der Liebe gibt, versucht er eine Psychologie der Liebe aus seiner therapeutischen
Praxis herzuleiten. Auf diesem Wege fördert er neben bekannten Trivialitäten (Liebe ist das
zentrale Motiv der Partnerwahl) auch Überraschendes zutage.
Beispielsweise hat das Phänomen der Liebe auf den ersten Blick für die endgültige Partnerwahl
anders als häufig vermutet, einen relativ hohen Stellenwert; d.h. die Entscheidung für eine
dauerhafte Bindung wurde von fast 40 % der befragten Paare innerhalb der ersten 24 Stunden
nach ihrem Kennenlernen gefällt. Außerdem gaben 60 % der Befragten an, ihre große Liebe
geheiratet zu haben.
Inhaltlich definiert Willi „Liebe“ als eine zwischenmenschliche Beziehung, in der sich zwei

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Menschen „wechselseitig die Erfüllung und Verwirklichung ihrer tiefsten Sehnsüchte in
Aussicht" stellen (ebd. S. 16). Damit gibt er sich als Vertreter eines Diskurses zu erkennen, der in
der romantischen Liebe das typische Beziehungsmodell der Moderne sieht. Die für sie typische
Beziehungsvariante besteht darin, die Verbindung von sexuellem Begehren und Liebe als einzig
legitime Grundlage für eine Paarbeziehung anzuerkennen. Das ist allerdings eine relativ neuartige
Einstellung. Noch vor 100 Jahren ging man Beziehungen ein und heiratete um der
Existenzsicherung willen. Selbstverständlich hat es stets eine Idee der „Liebe“ im Sinne einer
Sehnsucht gegeben, der jedoch keine sozialrelevante strukturbildende Valenz zugekommen war.
Retzer (2004) vermutet das entscheidende Motiv für die romantische Liebe in der Frage nach der
personalen und sozialen Identität, die in einer stark individualistisch geprägten Gesellschaft stets
virulent sei. Diese Frage sei verankert in der sog. Innerlichkeit des Individuums, und würde
ausschließlich unter Inanspruchnahme der Liebe in der Intimität der Zweierbeziehung
kommuniziert.
Die sich aus der romantischen Liebe ergebenden Beziehungsprobleme können m.E. vor allem auf
einen ihr strukturimmanenten Widerspruch zurückgeführt werden. Zum einen ist die moderne
Beziehung überfrachtet von Ansprüchen, die je nach dem wie sie vom jeweiligen Partner
wahrgenommen und erfüllt werden als Gradmesser des Liebesglücks herhalten müssen. Zum
anderen lässt das sexuelle Begehren, wie beschrieben, gegenüber dem anderen keine Rücksicht
walten und gerät damit in Konflikt mit der Liebe, die gerade die Einzigartigkeit und
Unaustauschbarkeit des Geliebten hervorhebt.
Verwundert fragt deswegen Mitchell (2004), wieso Menschen, die sich lieben nach einer
gewissen Zeit glauben, sich durch und durch zu kennen, so dass nichts Fremdes, nichts
Unsicheres mehr bleibt, was das Begehren am Leben hält? Und seine Antwort lautet: „Wir lernen
zu lieben im Kontext der konstruierten und notwendigen Sicherheit der frühen Kindheit, und die
Liebe sucht unablässig nach einer Art von Sicherheit, die das Unbekannte, das Fantastische und
das Gefährliche ausblendet“ (ebd. 45). Doch die Konsequenz davon sei, dass das sexuelle
Begehren auf der Strecke bleibt, was gleichbedeutend sei mit einem Verlust an Vitalität.
In der klinischen Praxis begegnet man diesem abgestorbenen Begehren in Gestalt depressiv
eingefärbter Selbstwertkrisen, die im alltäglichen Sprachgebrauch auch als Midlifecrisis
etikettiert werden, wenn sie um die 5. Lebensdekade herum auftreten. Bei genauer Betrachtung
entpuppen sich so viele Ehekrisen als allgemeine Sinnkrisen. Von dieser sind meistens zwar beide
Partner betroffen, aber aufgrund einer interaktionellen Ambivalenzspaltung wird sie zunächst nur

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von einem bewusst erlebt und angesprochen oder im sog. Seitensprung agiert. Anders als es auf
den ersten Blick wirkt, ist jedoch in vielen Fällen nicht primär die Abnahme der sexuellen
Attraktivität ursächlich für die Krise, sondern wie von Mitchell vermutet ein Mangel an Mangel.
Dieser Mangel an Mangel ist verantwortlich für die Sehnsucht nach einer neuen Liebe, die das
eigene Sein bestätigen und dem Leben wieder einen Sinn geben soll, indem es das Subjekt wieder
im Begehren hervorbringt. Es markiert eine Art Wendepunkt, dem wir in der paartherapeutischen
Praxis bspw. in der wiederkehrenden Klage begegnen, sich schon lange nicht mehr vom anderen
gesehen gefühlt zu haben, aber auch in der Replik, nicht zu wissen, was der andere eigentlich
will: „Ich konnte dich nicht mehr glücklich machen!“ klagte ein Mann, der den schleichenden
Verlust seiner Einzigartigkeit in der Beziehung zu seiner Frau nicht hatte verkraften können und
der sich daher vorübergehend bei einer anderen „getröstet“ hatte.
Auch Mitchell (2004) nimmt die Romanze zum Ausgangspunkt seiner psychoanalytischen
„Erkundungen über Liebe, Begehren und Beständigkeit“ wie der Titel seines Buches lautet. In der
Romanze können sich die Verliebten zeitweilig der Illusion überlassen, im jeweiligen Partner den
Sinn für das eigene Leben gefunden zu haben. Bedauerlicherweise sei aber jede romantische
Liebe zu einem schleichenden Untergang verurteilt, weil darin der eine Pol, die erotische
Komponente der Alltagsroutine zum Opfer falle, weil sonst der ihr entgegenstehende Wunsch
nach Bindung und Sicherheit nicht befriedigt werden könnte.
Der in der Verliebtheit dominierende Wunsch nach Verschmelzung kann als Ausdruck eines
unbewussten Wunsches nach Wiederherstellung eines primär-narzisstischen Zustandes gelesen
werden. In diesem mythologisch zu nennenden Zustand - denn es gibt für ihn keinen empirischen
Beweis - ist die Welt oder die archaische Mutter noch "eine Umhüllung befriedigter Bedürfnisse"
(Kristeva, 1989, S. 360).
Cohen schreibt: „Das Schicksal der Liebe handelt von Hindernissen und Schwierigkeiten, die
integrale Bestandteile dieses ständigen Dramas und charakteristisch für Liebesbeziehungen sind:
die Spannung zwischen Annäherung und Rückzug“ (1994, S. 11). Blass und Blatt (1992)
zitierend greift er deren Unterscheidung zwischen Union und Fusion auf. Bei der Union als einer
Form von Bindung respektiere die Mutter die grundsätzliche Eigenständigkeit des Kindes,
während dies bei der Fusion nicht der Fall sei, weil das Kind dort für die Mutter die Funktion
eines Selbstobjektes habe. Im Zustand der Verliebtheit geraten die Sehnsucht nach Union und die
Angst vor einer Fusion in Konflikt. Daraus kann man analog für Paarbeziehungen folgern, dass
der Verlust von Gegenseitigkeit gleich zu setzen ist mit einem Selbstverlust. Solange den

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Liebenden irgendwie bewusst ist, dass sie bei aller Vertrautheit letztlich für einander immer auch
Unbekannte sind, solange bleibt das Begehren lebendig und das eigene Sein unbedroht.

3 Liebe und sexuelles Begehren: das Subjekt auf der Suche nach sich selbst
Liebe und sexuelles Begehren gehören, zum einen zusammen und bringen in ihren jeweiligen
quantitativen Mischungsverhältnissen ganz verschiedene Aspekte in einer Beziehung zum
Klingen; zum anderen sind sie die Basis eines dialektischen Subjekt-Subjekt-Verhältnisses, einer
Ich-Du-Relation. Deswegen verwundert es nicht, dass sich von dieser relationalen Sichtweise
besonders Therapeuten angesprochen fühlen, die in ihrer Praxis mit Paaren zu tun haben, bzw. die
die psychischen Konflikte ihrer Patienten vor dem Hintergrund derer jeweiligen
Beziehungssituation begreifen.
Die Liebe scheint das Subjekt sich selbst „gut schreiben“ zu können, während es sich in der
Verliebtheit eher hilflos und ausgeliefert fühlt, da es in ihr die Handschrift des sexuellen
Begehrens spürt. Das Begehren determiniert die aus dem Mangel geborene Suche nach dem
Verlorenen, das durch die Liebe phantasmatische Züge annimmt. Phantasmatisch meint, dass das
Subjekt neben bewusst wahrgenommenen Attraktoren auch unbewusste Vorstellungen darüber
hat, was den anderen für ihn so besonders anziehend macht. [Aussehen, Eigenschaften etc.]
Die Verliebtheit kreiert schließlich die absurde Situation, dass zwei Subjekte jeweils im anderen
die Erfüllung eigener Wünsche sehen ohne aber genau sagen zu können - abgesehen von einigen
Oberflächlichkeiten -, was den Einen für den Anderen wirklich so attraktiv macht. Anderenfalls
wäre es sonst wie beim Rumpelstilzchen: sobald man es bei seinem Namen nennt, zerreißt es
sich.
Da die Liebe ein Wunsch nach anspruchsloser Anerkennung ist, muss jeder Versuch, die
Gründe für eine Liebe zu beschreiben, beim Geliebten unweigerlich zu Ernüchterung und
Enttäuschung führen. Schuld daran ist, dass in der Angabe von Gründen auch zum Ausdruck
kommt, nicht um seiner selbst willen geliebt zu werden, sondern dem Genießen des anderen zu
dienen. Es handelt sich hier um eine Variante des infantilen Erschreckens darüber, dass die
Mutter nicht absolut verfügbar, sondern ein autonomes Subjekt ist, das eigene, für das Kind nicht
immer durchschaubare Interessen verfolgt und darüber hinaus einen anderen, nämlich den Vater
liebt.
Im Wunsch, für die Mutter zu jenem Objekt zu werden, das sie unbedingt braucht, versucht das
Kind einerseits seine Existenz als Subjekt abzusichern; andererseits verfällt es aber auch der

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Angst, von der Mutter zu einem bedürfnisbefriedigenden Objekt funktionalisiert zu werden.
Einen vergleichbaren Moment des Erschreckens findet sich in Paarbeziehungen angesichts der
Entdeckung eines (sexuellen) Seitensprunges. Plötzlich entpuppt sich der vertraute Partner, von
dem man alles zu wissen glaubte, sich als ein Fremder. Im individuellen Erleben gibt es diese
Momente, wenn einem die quälenden neurotischen Symptome unmissverständlich vor Augen
führen, nicht "Herr im eigenen Hause zu sein", sondern von etwas gesteuert zu werden, das sich
dem willentlichen Zugriff zu entziehen scheint.
Nun befindet sich das Subjekt der Moderne weniger hinsichtlich seiner sexuellen
Triebwünsche und den mit ihnen verbundenen verinnerlichten Ver- und Geboten im Konflikt, als
vielmehr hinsichtlich der fremden und eigenen Erwartungen an seine Selbstinszenierungs- und
Selbstoptimierungskompetenzen. Während also die sozialen Reglementierungen des sexuellen
Begehrens im Großen und Ganzen liberaler geworden sind, wuchsen doch die Ansprüche an die
Selbstdarstellung deutlich. Auf deren Nichterfüllung richten sich inzwischen die unangenehmen
sozialen Sanktionen.
Auch wenn die von mir zitierten Autoren Cohen, Mitchell, Retzer und Willi nicht explizit
auf die strukturale Analyse Bezug nehmen, so sind doch die Ähnlichkeiten ihrer Standpunkte
frappierend, weil sie dem Sprechen, dem Beziehungs-Dialog, im Hinblick auf die Liebe
absoluten Vorrang vor dem Materiell-Körperlichen einräumen.
Retzer (2004) pointiert die Paradoxie, die jede Liebe in der Kommunikation hervorbringt,
die darin besteht, in „der Liebesbeziehung [...] unter weitgehendem Verzicht auf Kommunikation
[kommunizieren zu müssen]“ (S. 71). Die Liebe, so Retzer weiter, „basiert auf der Überzeugung
des Schon-verstanden-Habens“ (ebd.).
Das wortlose gegenseitige Verstehen der Liebenden ist das wahre Ideal. Und insofern „erzeugt
[Liebe] Sprachnot“, wie Retzer schreibt (ebd.), weil auf der einen Seite Nachfragen ernüchternd
wirken und auf der anderen Seite das sexuelle Begehren nach einem geistigen Ausdruck drängt.
Willis Beschreibung geschlechtstypischer Verhaltensweisen in Paarbeziehungen wiederum
zeigt deutliche Analogien zur strukturalen Typologie des hysterischen und zwanghaften
Diskurses. Während für Mitchell erst Liebe und Begehren es möglich machen, dass sich das
Subjekt in und durch den Anderen selbst erkennen kann. Schlüssig leitet er daraus sogar
weitreichende Konsequenzen für die Behandlungspraxis der Psychoanalyse ab, die dem
entsprechend weniger analytisch, im eigentlichen Wortsinne, als vielmehr synthetisch oder
konstruktiv auszuüben sei: „Psychotherapeuten und ihre Patienten versuchen, gemeinsam [kursiv;

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MK] eine Erzählung dessen zu entwickeln, was der Patient allein und was er mit dem
Therapeuten zusammen erlebt hat“ (Mitchell 2004, S. 206 f.).
Cohen schließlich hebt die besondere Dialektik von Bindung und Abgrenzung für das
Gelingen einer Liebesbeziehung hervor, die zu einer Selbsterweiterung der Liebenden beiträgt.

4 Psychoanalytische Therapie: Technik oder Liebe?


In welchem Verhältnis stehen nun Sexualität und Liebe zur Psychoanalyse?
Sciacchitano (2013) bringt die in diesem Verhältnis liegenden Widersprüche auf den Punkt, wenn
er von der Psychoanalyse spricht als einer "Kur der Liebe, also eine Kur, die die Liebe kuriert"
(S. 59). Wohlgemerkt, hier geht es um Liebe, nicht um die Sexualität, die am Ursprung der
Psychoanalyse Pate gestanden hatte. Waren es doch die sexuellen Wünsche seiner Patientin, vor
denen Breuer, so will es wenigstens der Mythos in der psychoanalytischen Geschichtsschreibung,
buchstäblich Reisaus genommen, während Freud ihnen mittels eines konzeptionellen Kniffes
standgehalten hatte. Indem er sich im Begehren seiner Patientinnen nur als Platzhalter ihrer
Wünsche und nicht als deren Urheber sah, war es ihm gelungen, die psychoanalytische
Begehrensbeziehung als eine Übertragungsbeziehung zu konzipieren. Sie wurde grundlegend für
die Psychoanalyse, weil das Konzept der Übertragung erst den Rahmen schuf, in dem sich ein
therapeutischer Prozess entfalten kann. Ohne dieses Konzept wäre die therapeutische Beziehung,
in der das Emotionale das Vehikel der Heilung sein soll, kaum von einer alltäglichen Beziehung
zu unterscheiden.
Allerdings ist zu beachten, dass das Übertragungskonzept über die Sexualität, also über das
sexuelle Begehren hinausgeht, denn es fokussiert sich schließt auf die Liebe.
„Übertragung“ meint einen Vorgang der Verschiebung, der im Endeffekt zur Ersetzung
einer ursprünglichen Vorstellung führt. Verschoben wird der mit einer bestimmten Vorstellung
assoziierte Affekt, wodurch die ursprüngliche, konflikthafte Vorstellung "frei" wird und aus dem
Bewusstsein verdrängt werden kann. Der Preis dafür ist das neurotische Symptom, nämlich eine
psychische und/oder somatische Manifestierung, die wie ein Fremdkörper in das Bewusstsein
ragt und für das Subjekt keinen Sinn ergibt. Die Verschiebung von Affekten kann auch andere
Subjekte betreffen, die dann - für den Patienten unbewusst - etwas repräsentieren, worauf er
entsprechend affektiv reagiert. Dieser Vorgang ist in der Lage Grenzen von Zeit und Raum zu
überwinden, weil es sich um symbolische und nicht um somatische Abläufe handelt, selbst wenn
dies reale Subjekte und/oder Objekte betrifft. Die Fähigkeit zur Symbolisierung ermöglicht es

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dem Subjekt unter Verwendung der Sprache, sich früherer Erfahrungen zu erinnern. Und indem
es sich seiner Vergangenheit vergegenwärtigt gelingt es ihm, seine Gegenwart zu gestalten.
Zusätzlich können Subjekte der Gegenwart an die Stelle vergangener, virtueller oder
phantasierter Subjekte treten. Diese Melange aus imaginierter Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft steckt den Erfahrungsraum des Subjekts ab und definiert ihn im wahrsten Wortsinne als
dessen Wirklichkeit. Letzteres meint das Wirksamsein diachroner Erfahrungen im Psychischen, so
dass eine klare Unterscheidung zwischen Phantasie und Realem verschwimmt. Im Extrem führt
dies zu Erscheinungen, die wir gewohnt sind gemäß der psychoanalytischen Ätiologie als
Neurose oder Psychose zu diagnostizieren.
Theoriegeschichtlich finden wir zwar eine Aufwertung psychischer Phantasien in der
Neurosentheorie, durch die Aufgabe der allgemeinen "Verführungstheorie", weil Freud nicht für
alle Fälle neurotischer Erkrankungen einen zuvor stattgefundenen sexuellen Missbrauch
empirisch eindeutig belegen konnte. Aber die Annahme der besonderen Bedeutung des Sexuellen
blieb davon relativ unberührt. Sie erfuhr im Gegenteil schließlich in der Trieb- und Libidotheorie
noch eine Ausweitung und Aufwertung ihrer Valenz für die Genese neurotischer Symptome und
Verhaltensweisen.
Dies wiederum hatte weitreichende Folgen für den wissenschaftlichen Status der Psychoanalyse,
wie Sciacchitano (2013) meint. Freud sei damit wieder hinter seine Entdeckung des Unbewussten
zurückgefallen, indem er in „seiner intellektuellen Entwicklung zu Kant regrediert [sei] und
damit gleichsam die eigene Erfindung verleugnet [habe]. Freuds Regression heißt
Metapsychologie“ (62). Mit ihr sei die mit dem ursprünglichen Konzept des Unbewussten
verknüpfte Ungewissheit wieder von der ontologischen Perspektive, die von Gewissheit getragen
ist, verdrängt worden. Ungewissheit ist ein wesentliches Kennzeichen epistemischer
Wissenschaften, die „das Kriterium der Wahrheit als Übereinstimmung mit der Natur“ (ders.
2009, S. 59) aufgegeben haben.
Die Folgen von Freuds Regression zur Metapsychologie für die analytische Praxis sind, nach
Sciacchitano, ebenso gravierend. Die psychoanalytische Metapsychologie wiege nämlich den
Analytiker in der trügerischen Gewissheit, das Unbewusste seines Patienten im Rahmen einer
sozusagen zeitlosen Ethik erfassen zu können: „Ganz anders spielt die Musik," so Sciacchitano
weiter, "wenn meine Intuition des anderen ungewiss [kursiv MK] ist“ (ebd. S. 63).
Unter "Intuition" will er hier allerdings kein irgendwie emotionales, vorbewusstes Erfassen des
Patienten verstanden wissen, sondern eine aus der antiken Philosophie stammende Weise der

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Erkenntnisgewinnung: Demnach erfasst das Subjekt ein Objekt intuitiv, wenn es sich ihm
buchstäblich "gegenüber stellt".
Mit seiner metapsychologischen Wende habe sich Freud daher als ein typischer Mediziner
geoutet. Mit Anleihen aus der Physiologie sollten neurotische Erkrankungen nicht mehr nur
verstanden, sondern auch erklärt werden. Sciacchitanos Hypothese scheint plausibel angesichts
der Tatsache, dass Freud bis zu seinem Tod an der besonderen Bedeutung der Sexualität in der
analytischen Ätiologielehre festgehalten hat. Der Sexualtrieb sollte als etwas, das zwischen
Körperlichem und Psychischem angesiedelt war garantieren, dass die Psychoanalyse als
Humanwissenschaft dauerhaft im naturwissenschaftlichen Paradigma der Medizin verankert
bleibt. Allerdings hatte das zur Folge, dass wesentliche Aspekte der zwischenmenschlichen
Dimension in der Triebtheorie nur stiefmütterlich behandelt wurden; ein Defizit, das schließlich
zu Konzeptualisierung einer Objektbeziehungstheorie beitrug. Anstoss dafür war eine
Kontroverse, die zwischen Wien, London und Budapest Mitte der 1930er Jahre um die Fragen
zum sog. Primären Narzissmus aufgebrochen war. Die Londoner kritisierten die Annahme eines
beziehungslosen Urzustandes, so wie ihn die Wiener vertraten, unter Hinweis auf das Bestehen
einer primären Objektbezogenheit. Allerdings nahmen sie dabei eine entscheidende
Akzentverschiebung vor. An die Stelle der von den Wienern vertretenen besonderen Rolle der
Sexualität setzten die Londoner den Sadismus. Begründet wurde diese Akzentverschiebung unter
Hinweis auf Freuds Aufsatz über die Verneinung (Freud 1925h). Darin hatte er argumentiert, dass
die primäre Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt, also zu dem, was das Subjekt als Nicht-
Ich, mithin als Objekt einstuft, sich als Hass-Beziehung herausbildet. Dazu passte Abrahams
Hypothese, dass die zur Übertragung, also zur Liebe unfähigen Psychotiker eine Tendenz
aufwiesen, den anderen zu hassen.
Melanie Klein hatte zusätzlich diese destruktive Neigung mit Freuds Todestriebkonzept erklärt.
Die besondere Gewichtung sadistischer und destruktiver Impulse in der klinischen Theorie von
Klein und ihren Nachfolgern hatte tief greifende Konsequenzen für die zeitgenössische
analytische Behandlungstechnik. Besonders problematisch erscheint mir, neben einigem anderen
(Klemann 2008), dass die logischen Kategorien durcheinander geraten, wenn aus den alternativen
Begriffspaaren "Lust und Unlust" sowie "Liebe und Hass" plötzlich "gut und böse" wird.
So genügte letztlich ein kleiner Schritt, um auf der Grundlage der Triebtheorie eine
Objektbeziehungstheorie zu entwerfen, in der die jedem Menschen zur Verfügung stehende
Fähigkeit zur Aggression - was wörtlich übersetzt "herangehen" bedeutet -, als Destruktivität und

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Neigung zum Bösen denunziert wird.
Eben darauf zielt Sciacchitanos Kritik der ontologischen Regression, denn "gut und böse" sind
Werturteile, die nur in einem sozialen Kontext ihren Sinn erhalten. Man kann den Eindruck
gewinnen, als habe die Liebe unter Psychoanalytikern mittlerweile weniger Fürsprecher als der
Hass. Cohen erwähnt eine Publikation von Bollas (1989), in der dieser das überwertige Interesse
der gegenwärtigen psychoanalytischen Theorie und Praxis problematisiert und damit zu erklären
versucht, dass sich Analytiker in ihrer Rolle sicherer fühlen, wenn sie sich bevorzugt den
aggressiven Äußerungen ihrer Patienten zuwenden. Was Cohen wiederum anregt sich zu fragen,
ob es nicht überhaupt so sein könnte, "dass Menschen sich - so paradox das auch klingen mag -
geschützter fühlen, wenn sie sich mit Äußerungen von Hass und Zurückweisung als mit Gefühlen
der Liebe konfrontiert sehen? Könnte es sein,“ - fragt sich Cohen weiter - „dass dieses Bedürfnis,
sich zu schützen, damit zu tun hat, dass Liebe so verletzlich macht? Dass Hass und Destruktivität
dagegen ein Gefühl von Stärke geben - auch wenn diese noch so trügerisch und in ihren
Auswirkungen noch so desolat ist" (Cohen 1994, S. 9)?
Ich möchte an dieser Stelle auf die spezielle psychoanalytische Variante kleinianischer
Theorie und Praxis nicht weiter eingehen, zumal dort der Liebe lediglich in Form der depressiven
Position eine selbsterhaltende, subjektbildende Funktion zugeschrieben wird. Statt dessen möchte
ich ein etwas anderes Übertragungskonzept vorstellen, das nicht auf den Aspekt der
Wiederholung einer in der Vergangenheit liegenden Beziehungserfahrung zentriert. Lacan
gewichtet nämlich den ontologischen Aspekt der Übertragung deutlich geringer und betont darin
vielmehr den Vorgang, der beim anderen ein Wissen unterstellt. Diese Unterstellung sei das
entscheidende Moment, das die Übertragung ins Leben rufe, und zwar unabhängig davon, ob
dieses Wissen beim anderen tatsächlich vorhanden ist oder nicht: "Ich liebe den Menschen",
schreibt Sciacchitano, "dem ich unterstelle, dass er weiß, was ich will, unter der Bedingung, dass
er es mir nicht sagt. Ich liebe den Menschen, der meine Unwissenheit achtet, oder besser: fördert"
(ders. S. 69). Hass entsteht folglich immer dann, wenn man versucht die Unwissenheit zu
analysieren um der Wahrheit willen.
Anders als bei der sog. Liebesübertragung, also der Verschiebung des sexuellen Begehrens von
einem unbewussten Objekt auf den Therapeuten, entspringt die Übertragungsliebe aus der
Intimität des analytischen Settings. Der Begriff Übertragungsliebe soll die Situation, in der die
Liebe entstanden ist, als eine therapeutische kenntlich machen. Mit anderen Worten: wo die
Übertragung am Werk ist, ob außerhalb oder innerhalb eines therapeutischen Settings, ist auch

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"die Liebe an sich" nicht weit. Die eine Liebe ist so echt wie die andere. Und daher ist es weniger
ein moralisches Problem, warum die Übertragungsliebe nicht ausgelebt werden darf, als vielmehr
ein behandlungstechnisches (Klemann 1995). Nur in der sog. Versagung kann sich nämlich
wieder ein Begehren entfalten, das intensiv genug ist, den in der neurotischen Symptombildung
erstarrten Individuationsprozess erneut in Gang zu setzen, der aus Angst vor einer Trennung zum
Stillstand gekommen war.
[ev. ab hier Teil 2 für den Nachmittag] 55 Min.

5 Aus der Praxis


Am Beginn einer jeden Therapie steht ein Patient, also jemand der leidet bzw. etwas erduldet,
wie der lateinische Wortsinn nahelegt. In seinem Leiden wendet sich der Patient an einen
Anderen, von dem er annimmt, dass der ihn mit Hilfe seines Wissens von seinen Beschwerden
befreien kann. Unter Hinweis auf seine manifesten Beschwerden bringt der Kranke seinen
Anspruch auf Heilung zur Sprache. Allerdings handelt es sich dabei um ein Sprechen, das mit
Anspielungen arbeitet, weil es im Latenten um einen konflikthaften Subjektivierungsprozess
geht. Konflikthaft deswegen, weil der Patient in seinen Symptomen einen Kompromiss gefunden
hat, zwischen seinem Wunsch nach Individuation und seinem Wunsch nach Verschmelzung.
Folglich steht am Beginn einer jeden Therapie eine ambivalente Übertragung. Um sich als
Subjekt anerkannt zu fühlen, muss sich der Patient des Begehrens seines Analytikers sicher sein.
Deswegen wird er mit allen Sinnen versuchen herauszufinden, was von ihm erwartet wird, damit
der Analytiker ihn begehrt. Gleichzeitig bietet ihm diese Scharade die Möglichkeit, sich gemäß
den unterstellten Ansprüchen des Analytikers zu maskieren, um so die eigene Haut zu retten.
Daraus kann sich dann ein therapeutischer Diskurs entwickeln, der am Wesentlichen vorbeigeht.
Wenn sich der Analytiker aber weigert, die ihm vom Patienten zugedachte Rolle des wissenden
Subjekts zu spielen, eröffnet er dem Patienten nach und nach einen Weg, sich nicht mit den
vermeintlichen Erwartungen des Analytikers, sondern mit dessen Begehren zu identifizieren, das
im Kernpunkt ein Fragen und ein Suchen ist. Indem der Analytiker die manifesten Ansprüche des
Patienten, bspw. nach Verstehen oder Fürsorge unbefriedigt läßt, reduziert sich die Angst, vom
Analytiker manipuliert zu werden.
Voraussetzung dafür ist, eine therapeutische Haltung einzunehmen, die probeweise so
gekennzeichnet werden kann: Ich glaube nicht wirklich, den Patienten in seiner Subjektivität
besser verstehen zu können als er selbst dazu in der Lage ist. Die üblicherweise mit dem

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Therapieauftrag verbundene Art von Verstehen, zu der sich ein Therapeut nicht zuletzt qua
Ausbildung verpflichtet fühlt, die ich hier im Moment vor Augen habe, basiert auf einer Vielzahl
mehr oder weniger diffuser Gegenübertragungsgefühle. D.h. diese sog. Verstehen korrespondiert
stärker mit gewissen bewussten und unbewussten subjektiven Vorurteilen, Konflikten und
theoretischen Präferenzen des Analytikers als mit dem Erleben des Patienten. Deutungen, die
daraus destilliert werden bewegen sich im Imaginären und verfehlen das Symbolische, weil die
eigene innere Versenkung, die in anderen Zusammenhängen auch als Reverié bezeichnet wird,
verhindert zu hören, was der Patient spricht. Entwicklungspsychologische Konzepte,
konventionelle Vorstellungen von Normalität, eingebettet in Behandlungsziele und manchmal
abgefasst in Behandlungsmanualen legen den Patienten auf ein Prokrustesbett, das im günstigsten
Fall die in ihm ontologisch bedingte Selbstentfremdung unangetastet lässt, im ungünstigsten aber
noch weiter vertieft (Borens 2013).
Anhand einer publizierten Kasuistik, die Schmithüsen seinem Aufsatz „Von der
Schwierigkeit, über die Liebe zu reden“ (2012) voranstellt möchte ich dies illustrieren:
„Nach einem langen Schweigen zu Beginn ihrer Stunde sagt eine Analysandin das Folgende:
"Ich glaube, es ist für mich einfacher, über all das Fürchterliche, das mich quält, zu sprechen als
darüber, wie sehr ich Sie vermissen werde, wenn Sie in drei Tagen Ferien machen." Nach dieser
Äußerung schweigt sie kurz, um sich dann auf das Heftigste für ihre „Kinderei“ zu kritisieren:
„Sie sind doch noch gar nicht weg; und dass ich sie vermissen könnte, das ist doch maßlos
übertrieben von mir.“ Der Tonfall, indem sie das sagt, klingt verhalten traurig und zärtlich
zugleich; mir scheint es wie eine sehr vorsichtige Annäherung von großer emotionaler Bedeutung
bei gleichzeitiger Möglichkeit, sich sofort wieder zurückzuziehen. Es mutet mich an, als würde
ihre Bewegung im Moment des „Absprungs“ erstarren.
Etwas später in der Stunde platzt es aus ihr heraus: „Wenn Sie mich lieben würden, dann nähmen
Sie mich mit in den Urlaub.“ Ich bin zunächst einigermaßen überrascht und auch irritiert über
diesen starken Ausdruck, benötige Zeit zum Verdauen, die mir das Schweigen meiner
Analysandin auch lässt. Im Kontext der Stunde deute ich: „Sie stellen sich und mir die Frage, ob
ich Sie lieben könnte. Dann gäbe es in Ihrer Vorstellung auch keine Trennung.“ Worauf meine
Analysandin reagiert: „Nur rein theoretisch natürlich, das mit der Liebe!“ Mir scheint das ein
erneutes zurückweichen, aber auch etwas kokett im Ton und ich überlege, ob es nicht möglich ist,
einen Schritt vorwärts zu tun, und so sage ich: „Nein, nicht theoretisch, sondern potentiell!“
Daraufhin schweigt meine Analysandin zunächst und sagt dann: „Es ist nicht so einfach, eine

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solche Sehnsucht zu empfinden oder gar zu äußern.“ Und nach nochmaligem kürzerem
Schweigen: „Nein, eigentlich ist es unerträglich“ (Schmithüsen 2012, S. 193-194).
Im Anschluss an einen nachfolgenden, theoretischen Teil seiner Arbeit stellt Schmithüsen
ausführlicher noch eine Patientin vor, die er Sophia nennt. Trotz einiger Parallelitäten bleibt
unklar, ob obige Patientin dieselbe ist. Zumindest aber wird anhand dieser zweiten
Falldarstellung ersichtlich, dass Schmithüsen sich einer analytischen Deutungsfigur bedient, die
die emotionale Reaktionen seiner Patientin mit einer bevorstehenden Therapieunterbrechungen in
Verbindung bringt und als unbewusste Trennungsangst interpretiert. Somit ist sein Augenmerk
auf die prägenitale Liebe gerichtet, die von Balint als "primäre Liebe" konzeptualisiert worden ist
und den Wunsch des Kindes meint, geliebt werden zu wollen. Demnach lösen Trennungen vom
mütterlichen Anderen beim Kind jeweils Anspannung und Angst aus, gefolgt von einem
anklammernden Verhalten, was unter bestimmten Bedingungen zu einer traumatischen Erfahrung
führen kann. Darauf also stützt sich diese Deutungsfigur von Schmithüsen, mit er annimmt, dass
es aufgrund traumatisch erlebter Trennungs- und Verlusterfahrungen in der Übertragung zu einer
Remobilisierung infantiler Ängste kommt. Je nach Verarbeitungsmodus werden dann entweder
anklammernde oder aber destruktive Verhaltensweisen gegenüber dem Therapeuten mobilisiert.
Im beschriebenen Fall handelt es sich offenbar mehr um die Hypothese einer anaklitischen
Reaktion. Die vorgestellten Deutungen verdanken ihre Herkunft offenbar einer solchen
analytischen Entwicklungstheorie und haben den Analytiker zu der Annahme geführt, dass die
Patientin die anstehende Trennung stark beunruhige.
Da Deutungen niemals final sein können, sondern nur Möglichkeitsräume eröffnen,
erscheint es legitim, diese Vignette mit einem anderen Konzept, nämlich dem der strukturalen
Analyse zu betrachten um zu sehen, welche Schlussfolgerungen sich dann daraus ergeben. Darum
möchte ich jetzt an dieser Stelle die Fallvignette so wie sie Schmithüsen dem Leser präsentiert
verlassen und zu meinen eigenen Überlegungen kommen.
Die Patientin spricht zunächst davon, das es einfacher sei, all das Fürchterliche, was sie
quält mitzuteilen. Vorausgesetzt, es handelt sich hier um die Stunde einer fortgeschrittenen
Therapie, dann wird die Patientin inzwischen glauben oder meinen zu wissen, was ihr Analytiker
von ihr gerne hören möchte. Das ist sozusagen das Pendant zu den klinischen Präferenzen des
Therapeuten. In diesem Falle wäre all das Fürchterliche das, was er seiner theoretischen
Präferenz entsprechend thematisch erwartet. Ich leite diese Annahme aus den Überlegungen ab,
die sich Schmithüsen in Bezug auf die bereits genannte zweite Patientin Sophia gemacht hat.

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Insofern spielen für seine Fallkonzeptualisierung sowohl die Annahme der destruktiven Impulse
Neid und Wut, des Abwehrmechanismus der Projektiven Identifizierung und das Modell des
Containment eine zentrale Rolle.
Indem die Patientin all das Fürchterliche zur Sprache bringt versucht sie sich so gut wie möglich
auf diese klinischen Vorlieben ihres Therapeuten einzustellen, um sich seiner Aufmerksamkeit
oder genauer gesagt, seines Begehrens zu versichern. Dieses auf einem Mangel beruhende
Begehren unterstellt sie von sich ausgehend unbewusst im Umkehrschluss auch bei ihm. Es bildet
die notwendige Voraussetzung für sie, um so auf den Platz eines vom Therapeuten narzisstisch
besetzten Objektes zu gelangen und sich damit wiederum von ihm als Subjekt anerkannt zu
fühlen.
Nun erwähnt die Patientin im gleichen Atemzug, wie sehr sie den Analytiker vermissen wird,
sobald er in den Ferien ist. Hier handelt es sich ebenfalls um ein Begehren, aber diesmal um ihr
Begehren, das sein Entstehen einer gedanklich vorweggenommenen Abwesenheit des Analytikers
verdankt. Ich habe am heutigen Vormittag im theoretischen Teil meines Referates dargelegt, dass
Abwesenheit ein Charakteristikum symbolischer Ordnung ist. Anders als im Realen, das so, wie
es auch immer ist vollständig ist - „Es ist was es ist!“ schreibt Erich Fried - , gibt es in der
symbolischen Ordnung ein logisches Nicht im Sinne eines Fehlens.
Freud beschrieb ein Beobachtung, wie ein Kind auf das Fortgehen der Mutter hin begann mit
einer Spule zu spielen. Es warf sie immer wieder aus dem Kinderbett, begleitet mit einem
wehmütigen Laut, um sie dann am Faden wieder hochzuziehen und freudig zu begrüßen. Eine
Interpretation dieses sog. Fort-Da-Spieles besagt, es handele sich um einen Versuch des Kindes,
auf symbolische Weise wieder die Kontrolle über die fort gegangene Mutter zu gewinnen, sich
also aus der passiven Position des Verlassenen in die aktive Position des Handelden zu bringen.
Im Unterschied dazu macht die struktural-analytische Perspektive auf den mit dem
Fortgehen der Mutter erfahrenen Selbstverlust aufmerksam. Sie stellt das narzisstische
Grunderleben des Kindes in den Mittelpunkt, in dem die Mutter noch Teil des infantilen Selbst
ist. Deswegen steht die Spule weniger für die Mutter als eigenständige Andere, sondern mehr für
das Stück, das dem kindlichen Subjekt abhanden gekommen ist. Die Abwesenheit der Mutter
konstituiert damit einen Mangel, eine Sehnsucht nach dem verlorenen Zustand narzisstischen
Einsseins, die gleichzeitig zur Grundlage wird, dass sich das Subjekt seiner selbst bewusst
werden kann. Wir begegnen hier einem hoch ambivalenten Moment, da die Ab-Trennung
einerseits also das sich selbst bewusste Subjekt hervorbringt, andererseits aber auch ein

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Bewusstsein existenzieller Abhängigkeit und Verwundbarkeit vom Anderen.
Insofern wundert es wenig, wenn sich die Patientin nach einem kurzen Moment der Besinnung,
sozusagen als vernünftige Patientin selber wieder zur Ordnung ruft, nämlich zur Ordnung des
Imaginären bzw. des Anspruchs: „Sie sind doch noch gar nicht weg; und dass ich Sie vermissen
könnte, das ist doch maßlos übertrieben von mir“. Die ursprünglichen Wünsche nach Bindung
und Trennung werden in dieser Äußerung genial miteinander verschmolzen, indem sie sich den
vermeintlichen Erwartungen ihres Therapeuten gemäß als realitätstüchtige Patientin anbietet.
Der Analytiker seinerseits konzentriert sich auf den Tonfall, also auf das Imaginäre und folgt
seinen Befindlichkeiten, mit denen er den Mitteilungen seiner Patientin eine Bedeutung unterlegt,
die ihn zu der Vermutung eines vorsichtigen Annäherungsversuches führen.
Da er an dieser Stelle noch nichts dazu sagt, platzt es etwas später, wie er schreibt, aus ihr
heraus: „Wenn Sie mich lieben würden, dann nähmen Sie mich mit in den Urlaub“. Dies ist nun
eine vertrackte Äußerung, weil man sie durchaus als Ausdruck ihrer passiven Liebeswünsche
verstehen kann. Schmithüsen hat primär den Wunsch seiner Patientin nach Bindung oder
Anlehnung im Auge, die er auf sich gerichtet fühlt. Berücksichtigt man allerdings den bisherigen
Verlauf der Sitzung als eine spiralförmige Bewegung und nicht als eine lineare kommt man zu
einem anderen Ergebnis, zumal wenn man das, was die Patientin gesagt und nicht das, was sie
vielleicht gemeint hat zum Ausgangspunkt nimmt.
Kehren wir noch einmal zu ihrer ersten Mitteilung zurück, in der es zum einen um all das
Fürchterliche und zum anderen um die Antizipation eines Vermissens geht. Hier deutet sich ein
Begehren an, das die Patientin aber in einer Rückzugsbewegung wieder relativiert, indem sie sich
„Kinderei“ vorwirft. Dieser Rückzugsbewegung folgt wiederum eine Annäherung in Gestalt des
Koditionalsatzes: Wenn-dann. Schmithüsen erfasst zwar diese Bewegung, interpretiert sie
allerdings ausschließlich auf der Ebene der Übertragung, d.h. er bezieht die Äußerungen auf sich.
Dabei entgeht ihm, dass die ambivalente Bewegung auch einen unbewussten Konflikt umkreist,
in dessen Zentrum die Frage der Patientin nach ihrem Sein steht.
Mit der Übertragunsdeutung, die auf die Aussage der Patientin Bezug nimmt - „Wenn Sie mich
lieben würden, dann nähmen Sie mich mit in den Urlaub“ - vollzieht der Analytiker nun eine
entscheidende Akzentverschiebung: während die Analysandin unüberhörbar von seiner Liebe
sprach - wenn Sie mich lieben würden -, deutet er bei ihr einen latenten Wunsch, nicht von ihm
getrennt werden zu wollen: „Sie stellen sich und mir die Frage, ob ich Sie lieben könnte. Dann
gäbe es in Ihrer Vorstellung auch keine Trennung“ (ders. S. 194). Das Thema „Trennung“ hatte

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die Patientin aber bis zu diesem Zeitpunkt höchstens indirekt im Mitnehmen angesprochen.
Abgesehen davon hatte sie auch nicht die Frage gestellt, ob er sie lieben könnte, sondern
vielmehr eine Feststellung in Form einer Wenn-dann-Aussage gemacht, die belegen sollte, dass er
sie gerade nicht liebt. Nimmt man diese Aussage wörtlich ohne in ihr einen verborgenen Sinn zu
suchen, dann findet sich der unbewusste Wunsch weniger in einer deutungsbedürftigen Latenz,
als vielmehr im Kontext, in dem die Aussage gemacht wird. Die Analysandin wird wissen, dass
ihr Analytiker sie nicht mit in seinen Urlaub nehmen wird. Ihre Wenn-dann-Aussage kann also
auch vom implizierten Ergebnis her betrachtet werden, das dann die Abwesenheit, das Fehlen der
Liebe des Therapeuten konstatiert: „Da Sie mich nicht mit in den Urlaub nehmen, heißt das, dass
Sie mich nicht lieben“. Anders als vermutet steht nunmehr nicht der Wunsch nach einem
Ungetrenntsein im Vordergrund, als vielmehr die beim Therapeuten unterstellte Abwesenheit von
Liebe.
Die struktural-analytische Sicht würde sich weniger auf den unterstellten imaginären Anspruch
nach einer ungetrennten Dyade richten, als vielmehr auf die Angst des Subjekts vor der Liebe des
Analytikers. Darüber hinaus erscheint der Wunsch nach einer passageren Separation als Chance
für die Patientin, sich als autonomes, vom Analytiker unabhängiges Subjekt zu konstituieren,
eben weil sie ihn vermissen kann, wenn er ohne sie in die Ferien geht.
Würde er sie in den Urlaub mitnehmen, würde die Begehrensbeziehung zwischen ihnen beiden
kollabieren. Als seine Reisebegleiterin würde sie zum Objekt des Genießens des Therapeuten
werden, was gleichbedeutend wäre mit ihrer Vernichtung als Subjekt. Von daher kann man die
Betonung, dass er sie nicht liebt fast als Beschwörung verstehen, einer solchen
Beziehungskatastrophe zuvorzukommen, die durch Abstinenzverletzung eingeleitet würde.
In eine ähnliche Richtung weist auch ihre Bemerkung: Nur rein theoretisch natürlich, das mit der
Liebe. Wie in der ersten Sequenz findet sich hier nach einer Hinbewegung zum unbewussten
Konflikt ein Rückzug, der nicht zuletzt auf die Übertragungsdeutung zurückgeführt werden kann.
Es ist der Versuch, ihrerseits den vom Analytiker interpretierten Wunsch nach passiver Liebe,
nach ihrem Geliebt-werden-Wollen zu relativieren. Das rein theoretisch ist ein Fingerzeig, sich
weniger mit der Übertragungsbeziehung als mehr mit ihrem Wunsch nach Individuation zu
befassen.
Diese Abgrenzungsbewegung der Patientin, begreift Schmithüsen aber vorrangig als Widerstand,
die unbewussten Wünsche nach Bindung und erotischer Zuneigung nicht wahrhaben zu wollen.
Auch hier hält er sich wieder im imaginären Register auf, indem er seine bewussten

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Wahrnehmungen zur Grundlage seiner nächsten Intervention macht: „Mir scheint, das ein
erneutes Zurückweichen, aber auch etwas kokett im Ton“; jedenfalls widerspricht er ihr, indem er
seine Perspektive wiederholt und noch einmal ausdrücklich auf die Möglichkeit einer solchen
Liebe zwischen ihnen beiden hinweist: „Nein, nicht theoretisch, sondern potentiell!“
Mit dieser Intervention ist der Beziehungsdialog nun endgültig im Imaginären angekommen.
Dem Analytiker ist es gelungen, den Schwerpunkt wieder auf die Übertragungsbeziehung zu
rücken. Folglich wird die unterstellte Übertragungsliebe im Register des Anspruchs formuliert.
Allerdings handelt es sich hierbei um den Anspruchs des Analytikers, der darauf besteht, zu
wissen, was die Patientin eigentlich mit ihren Äußerungen gemeint hat. Insofern überrascht es
nicht, wenn die Patientin sich ebenfalls wieder auf die imaginäre Ebene begibt, die sie am Beginn
dieser Vignette versucht hatte zu verlassen. Die Übertragungsdeutungen haben bewirkt, dass das
Begehren des Analytikers, wieder zum vorrangigen Begehren der Analysandin geworden ist, das
sie nun zu bedienen sich bemüht. Sie weiß ja zu hören, was ihr Analytiker gerne hören möchte.
So stimmt sie schließlich nach einer Zeit des Schweigens seiner ursprünglichen Deutung zu: „Es
ist nicht so einfach, eine solche Sehnsucht zu empfinden oder gar zu äußern“. Damit schließt sich
der Kreis, nicht aber ohne abermals einen Fingerzeig auf das Begehren der Analysandin zu
geben, die in gewisser Weise hellsichtig feststellt, dass es ihr nicht leicht gemacht wird, eine
solche Sehnsucht zu empfinden oder gar zu äußern.
Die strukturale Analyse bevorzugt also eine Deutungstechnik, die als Signifikantendeutung
zu definieren wäre. Sie hält sich eng an den Wortlaut der Aussagen der Patientin. Typisch für
diese Art des Deutens ist daher die Technik des An-Deutens, die es Patienten ermöglichen soll,
sich allmählich mit einem analytischen Begehren zu identifizieren, das eine Suche nach dem
eigenen unbewussten Sprechen darstellt (Klemann 2008, 2011).
Fink (2013) rät, statt sofort „alles was wir hören, in Verbindung zu uns selbst zu hören“ (S. 15),
also unser Verstehen zu bemühen, einfach nur als Therapeut im Hören präsent zu sein. Ein weit
verbreitetes Missverständnis besteht leider darin zu meinen, dass das Verstehen der Schlüssel zum
Erleben des Patienten sei. „In der Tat können wir nur einen ganz kleinen Teil von jemandes
Erfahrung verstehen - so Fink -, indem wir uns einfühlen oder die Ereignisse an unsere eigenen
Erfahrungen angleichen; [...] „unsere übliche Art zuzuhören ist im höchsten Maße narzisstisch
und ichbezogen“ (ders. S. 19), weil sich darin die Konzentration darauf richtet, „was der Diskurs
des Analysanden für [...] [den Analytiker] bedeuten kann, und was er über [...] [ihn] aussagt“
(ders. S.20).

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Unberührt davon bleibt, dass der Patient das Verständnis des Therapeuten braucht, um sich mit
den Problemen, Schmerzen und Kümmernissen emotional so aufgehoben zu fühlen, dass er Kraft
genug besitzt, sich den Schwierigkeiten und Hürden einer Psychotherapie stellen zu können. Aber
darüber hinaus sollte die therapeutische Kunst darin bestehen, zu hören ohne zu verstehen. Das
bringt jedoch Probleme für das professionelle Selbstverständnis des Therapeuten mit sich:
Was soll er denn nun machen?
Eine Teilantwort habe ich schon oben gegeben: er soll hören, und zwar auf das, was nicht passt,
was keinen oder zu viel Sinn macht. Solange wir ausschließlich auf den manifesten Sinn der
Aussage achten, den wir selber als Hörer konstruieren, überhören wir den Sprecher. Wir glätten
unbewusst kleinere Widersprüche, gehen bereitwillig über Versprecher hinweg und komplettieren
sogar unvollständig ausgesprochene Sätze zu einer für uns brauchbaren Gesamtaussage.
Das analytische Hören zentriert sich aber genau auf das Gegenteil: es fixiert sich nicht primär auf
den Inhalt, als vielmehr auf die Unterbrechungen, die jedes Sprechen begleitet. Wortverdreher,
unrichtige Sprichworte, stottern, abgebrochene Halbsätze etc. Gönnen Sie sich einfach mal das
Vergnügen und achten Sie bspw. bei Rundfunksprechern nur auf diese Art von Fehlleistungen.
Sie werden überrascht sein, wie häufig sie vorkommen.
Einer meiner Patienten beklagte sich darüber, dass er Hemmungen habe, sich am Arbeitsplatz
seiner Position entsprechend durchzusetzen und modifizierte die Metapher „einen blinden Fleck
haben“ in: „einen schwarzen Fleck haben“. Als ich ihn nur durch die Wiederholung „ein
Schwarzer Fleck“ auf seine Formulierung aufmerksam machte, wunderte er sich zunächst selber,
kam dann aber auf Assoziationen, die mit seinen Schuldgefühlen und seiner Angst zu tun hatten,
seine Macht als Vorgesetzter rücksichtslos zu mißbrauchen.
Im Fall der von Schmithüsen präsentierten Patienten könnte eine Signifikantendeutung nach ihren
ersten beiden Äußerungen: „Ich glaube, es ist für mich einfacher, über all das Fürchterliche, das
mich quält, zu sprechen als darüber, wie sehr ich Sie vermissen werde, wenn Sie in drei Tagen
Ferien machen.“ Und weiter: „Sie sind doch noch gar nicht weg; und dass ich sie vermissen
könnte, das ist doch maßlos übertrieben von mir.“
auf das zweimal genannte Wort vermissen aufmerksam machen, indem man es lediglich mit
einem fragenden Tonfall wiederholt: Vermissen?
Jetzt aus dieser Perspektive im Nachhinein weitere konkrete Interventionen zu diesem
besonderen Fall zu formulieren halte ich für unangemessen, weil sie nicht passen können. Das
was sich in dieser Vignette darstellt, ist das Ergebnis eines Abstimmungsprozesses zwischen

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diesem Analytiker und dieser Analysandin. Deswegen muss es im Vagen bleiben, ob diese
Äußerungen der Patientin zu diesem Zeitpunkt auf dieselbe Weise bei einem anderen Analytiker
auch so gefallen wären. Und wie es bei der von mir vorgeschlagenen Technik des An-Deutens
weitergegangen wäre.
Ich hoffe, ich konnte dennoch deutlich machen, dass bei dieser Behandlungstechnik weniger
meist mehr ist. Es geht also nicht um lange und komplexe Konstruktionen, aus denen Patienten
oftmals nur die Erkenntnis ableiten, dass sich der Analytiker sehr viele Gedanken um ihn macht.
Vielmehr werden kurze und knappe Interventionen bevorzugt, die möglichst die Wortwahl des
_

Patienten berücksichtigt. Angenehmer Nebeneffekt ist zudem, dass sie die unbewusste
Bereitschaft zum Widerstand reduzieren, weil „die meisten Analysanden solche Aussagen gar
nicht als Deutungen“ (Fink, 2013 S. 140) erleben. Ein weiterer Vorteil solcher Interventionen ist,
dass sie den Patienten im Unklaren darüber lassen, was der Analytiker ihrer Meinung auf der
Anspruchsebene gerne hören würde.

Literaturverzeichnis:
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