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Schlafmittel

Verführerische Müdemacher
Medikamente sollen Schlafgestörten helfen, endlich Ruhe zu finden. Doch diese Hilfe ist mit großer Vorsicht zu
genießen. Selbst rezeptfreie Mittel können möglicherweise abhängig machen. Die wichtigsten Fakten.

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Lösen Schlafmittel meine Schlafprobleme? MEHR ZUM THEMA


Nein. Schlafmittel sorgen nur kurzfristig für bessere Nächte,
beseitigen das eigentliche Problem jedoch nicht. "Ich empfehle
Schlafmittel nur Patienten, die in akutem Stress wie zum Beispiel
einer Prüfung stecken, gerade keine Möglichkeit haben, sich
grundsätzlich um ihren Schlaf zu kümmern, und eine vorläufige,
schnelle Lösung brauchen", sagt Dieter Riemann, Leiter des
Schlaflabors am Universitätsklinikum Freiburg. Ohne Rücksprache HEISSE NÄCHTE
mit einem Arzt sollte man nie Schlafmittel einnehmen. Duschen, trinken, fächeln: Hitze-
Experte erklärt, wie Sie in tropischen
Nächten cool bleiben
Wie wirken Schlafmittel? Von Jan Sägert
Schlafmittel sind größtenteils Psychopharmaka, die im Gehirn
wirken. Wenn wir wach sind, läuft das Denkorgan auf Hochtouren.
Um einschlafen zu können, muss es erst heruntergebremst werden.
Der dafür wichtigste körpereigene Stoppstoff ist die Gamma-
Amino-Buttersäure. Seine Wirkung wird von modernen
Schlafmitteln verstärkt. Die heute verwendeten Arzneien erzwingen
den Schlaf nicht, sondern wirken nur schlafbahnend: Wer das
Medikament geschluckt hat, dämmert nicht unweigerlich weg,
sondern kann nur leichter einschlafen.

Welche Arten von Schlafmitteln gibt es?


Ärzte verschreiben fast nur noch die so genannten neuen Nicht-
Benzodiazepine, die auch Benzodiazepin-Rezeptoragonisten
genannt werden oder Z-Substanzen - weil alle Wirkstoffe mit dem
Buchstaben Z anfangen. Ihr Suchtpotenzial ist niedriger als das der
ähnlich wirkenden Benzodiazepine. Weiterer Vorteil: Die Z-
Substanzen werden vom Körper schneller abgebaut und
verursachen weniger häufig Benommenheit oder Schwindel am
nächsten Tag. "In einigen Fällen, wenn ein Schlafmittel über einen
langen Zeitraum verwendet wird, verschreiben wir auch niedrig
dosierte Antidepressiva", sagt Dieter Riemann, denn auch sie
stoßen den Schlaf an. Allerdings haben sie mehr Nebenwirkungen
als moderne Schlafmittel.

Kann ich von Schlafmitteln abhängig werden?


Ja, sogar sehr leicht: Selbst wenn sich keine körperliche
Abhängigkeit entwickelt, kann die Psyche sich schnell an die
Schlafmittel gewöhnen. Man ist überzeugt, dass man ohne Tablette
nicht mehr schlafen kann - und kann auch nicht mehr ohne
schlafen. Dieses Risiko bergen alle Schlafmittel, auch Baldrian oder
Hopfen. Auch wenn das Abhängigkeitsrisiko bei neuen
Schlafmitteln nicht mehr so hoch ist wie bei alten, sollen die
Medikamente in der Regel nicht länger als zwei Wochen am Stück
eingenommen werden. Je kürzer, desto besser!

Welches Schlafmittel soll ich nehmen?


Am besten gar keins. Wenn es gar nicht ohne geht, werden in
Absprache mit dem Arzt je nach Art der Schlafstörung
unterschiedliche Medikamente eingesetzt: Solche, die im Körper
schnell wieder abgebaut werden, haben eine kurze Wirkungsdauer
von etwa zweieinhalb Stunden und helfen gegen
Einschlafstörungen. Gegen Durchschlafprobleme oder wenn man
morgens zu früh aufwacht, braucht man Stoffe mit mittlerer
Wirkungsdauer, die länger als fünf Stunden aktiv bleiben.
Allerdings können sie auch am nächsten Tag noch Schwindel und
Schläfrigkeit verursachen. Vor allem das Reaktionsvermögen, zum
Beispiel beim Autofahren, kann beeinträchtigt sein. Schlafmittel
mit langer Wirkungsdauer werden nur selten eingesetzt, weil man
mit ihnen oft am nächsten Tag noch müde und unfit ist.

Ist eine Überdosierung tödlich?


Weil Z-Substanzen und Benzodiazepine erst in der 5000 bis
15.000-fachen Dosis tödlich wirken, kann man sich mit modernen
Schlafmitteln nicht mehr umbringen. Die stark giftigen Barbiturate,
die früher häufig für Suizide geschluckt wurden, werden heute so
gut wie nicht mehr verschrieben.

Schlafe ich mit Medikamenten anders?


Alle synthetischen Schlafmittel verändern das Schlafprofil: Mit
Benzodiazepinen und Z-Substanzen nimmt der Anteil des
besonders erholsamen Tiefschlafes aber auch des REM-Schlafs in
der Nacht ab. Mit Antidepressiva verschwindet der REM-Schlaf.
"Wer Schlafmittel nimmt, hat also einen unphysiologischen,
eigentlich unnatürlichen Schlaf", sagt Riemann. So erholsam wie
natürlicher Schlaf ist künstlich herbeigeführter nie.

Worauf sollte ich achten, bevor ich ein Rezept


bekomme?
Bevor der Arzt ein Schlafmedikament verschreibt, sollte er auf alle
Fälle vorher ein etwa halbstündiges Diagnosegespräch mit dem
Patienten führen. Dabei muss er zum Beispiel herausfinden, ob
nicht doch vielleicht Kaffee zu spät am Nachmittag, Alkohol am
Abend oder Medikamente gegen andere Krankheiten schuld an den
Schlafproblemen sind oder ob vielleicht eine Depression hinter den
Schlafstörungen steckt. "Wenn schon nach fünf Minuten
Schlafmittel verschrieben werden, sollte man skeptisch sein und
nachfragen", rät Riemann. Wenn der Arzt ein Benzodiazepin
verschreibt, sollte man fragen, warum man nicht eine der
moderneren (aber teureren) Z-Substanzen nehmen kann. Nach
etwa einer Woche sollten Arzt und Patient bei einem neuen Termin
die Wirkung des Medikaments besprechen.

Wie setze ich Schlafmittel ab?


Beim Absetzen des Medikamentes sollte man in Absprache mit dem
Arzt "schleichend" vorgehen, also die Dosis langsam verringern.
Dabei gilt: Je länger das Mittel eingenommen wurde, desto länger
sollte sich der Ausstieg hinziehen. Wer das Schlafmittel nur wenige
Wochen eingenommen hat, halbiert die Dosis nach einer Faustregel
alle drei Tage - oder versucht, jede zweite (später jede dritte usw.)
Nacht ohne Medikament auszukommen. Wer ein Jahr lang
Schlafmittel genommen hat, muss sich über ungefähr ein halbes
Jahr hinweg aus dem Konsum herausschleichen. Setzt man die
Schlafmittel plötzlich ab, kann es häufig zu einem "Rebound-
Effekt", einer Art Entzugssymptom, kommen: Man schläft einige
Nächte sehr schlecht. Die Gefahr ist groß, dass man dann wieder zu
den Tabletten greift.

Sind alle Schlafmittel rezeptpflichtig?


Nein. Rezeptfrei werden neben Schlafmitteln auf natürlicher Basis
auch Antihistaminika verkauft. Das ist eine Medikamentengruppe,
die normalerweise der Behandlung von Allergien dient. Einige
ältere Antihistaminika machen aber auch müde - sie blockieren im
Gehirn die Wirkung des körpereigenen Hormons Histamin und
wirken dadurch schlafanstoßend. Auch diese Medikamente
verändern die Schlafarchitektur, vor allem der Traumschlaf leidet.
Sie wirken erst etwa ein bis drei Stunden nach der Einnahme, dann
allerdings ziemlich lange, sodass manche Menschen auch am
nächsten Tag noch müde sind. Es gibt wenige Studien über die
Wirkung von Antihistaminika bei Schlafstörungen. In den
Leitlinien der Schlafmediziner, wie Schlafstörungen behandelt
werden sollen, werden diese Stoffe deshalb gar nicht erst erwähnt.
Diese Medikamente sollten nicht länger als drei Tage
hintereinander eingenommen werden. Auch rezeptfreie
Schlafmittel können abhängig machen, deshalb sollten sie
möglichst nur in Absprache mit dem Arzt eingesetzt werden.

Wirken Naturheilmittel wie Baldrian?


"Für natürliche Substanzen wie Baldrian ist die Wirkung bisher
nicht ausreichend belegt", sagt Riemann; es gibt aber Hinweise
darauf, dass Baldrian tatsächlich den Schlaf fördern kann - die
Schlafstruktur leidet bei natürlichen Mitteln offenbar nicht.
Allerdings dauert es einige Wochen, bis die Wirkung einsetzt. Weil
beim Schlafen aber ohnehin vieles eine Frage der Einstellung ist,
können Baldrian, Hopfen oder Melisse auch durch den Placebo-
Effekt wirken - und einschläfern. Doch es gibt selbst bei natürlichen
Schlafmitteln das Risiko einer - psychischen - Abhängigkeit.

Wer darf keine Schlafmittel einnehmen?


Weil ihr Stoffwechsel langsamer ist, kommen ältere Menschen
meist mit geringeren Schlafmitteldosen aus - und wegen des
erhöhten nächtlichen Sturzrisikos sollten sie keine Benzodiazepine
einnehmen, denn die wirken stark muskelentspannend. Auch nicht
für Ältere geeignet sind die frei verkäuflichen Antihistaminika: Sie
können einen schweren Verwirrungszustand herbeiführen. Wer
Schlafmittel nimmt, darf keinen Alkohol trinken, Menschen mit
Leberfunktionsstörungen müssen mit den Medikamenten
vorsichtig sein. "Tabu sind Schlafmittel für Schwangere, Stillende
und für Menschen, die schon mal ein Suchtproblem hatten", sagt
Riemann. Auch bei Schlaf-Apnoe dürfen sie nicht genommen
werden, da sie die Krankheitssymptome verschlimmern.
Eva-Maria Schnurr / GesundLeben

THEMEN IN DIESEM ARTIKEL

#Schlafmittel #Dieter Riemann #Schlafproblem


#Universitätsklinikum Freiburg #Schlaf

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