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Socialism. The Failed Idea That Never Dies.

Anmerkungen zum gleichnamigen Buch von Kristian Niemietz

Kristian Niemietz, Socialism. The failed idea that never dies, The Institute of Econo-
mic Affairs, London 2019, 374 Seiten
Reviewed by Marco Rehm, Universität Siegen

Der Sozialismus ist vor dreißig Jahren für die ganze Welt sichtbar krachend geschei-
tert. Zu offensichtlich waren seine Effizienzprobleme, seine mangelnde Legitimität
und seine unterdrückerischen Auswüchse. In den 1990er-Jahren wurde bereits das
„Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) postuliert: Die demokratisch verfassten
Marktgesellschaften des Westens würden sich über kurz oder lang durchsetzen und
ein Systemwettbewerb werde es nicht mehr geben. Ungeachtet eines mittlerweile
möglichen neuen Systemwettbewerbs der demokratischen Marktgesellschaften ge-
genüber diktatorischen Marktgesellschaften – allen voran China – würde heute kaum
jemand mehr die These aufstellen, dass der Sozialismus ein tragfähiges, alternatives
Gesellschaftsmodell darstellt.
Aber müsste man nicht zwischen dem real existierenden Sozialismus in der
Sowjetunion, China Nordkorea und dem „eigentlichen“ Sozialismus unterscheiden?
Noch immer hört man überraschenderweise manche westliche Intellektuelle diese
Position äußern. Jeremy Corbyn, Vorsitzender der britischen Labour-Partei, der sich
Hoffnungen machte, britischer Premierminister zu werden, beschied dem Sozialismus
den Charakter einer ernsthaften Gesellschaftsalternative: „Chavez [...] showed us that
there is a different, and a better way of doing things. It’s called socialism.“ Hinsicht-
lich historischer Negativbeispiele negierte etwa Noam Chomsky, dass in der Sowjet-
union der Sozialismus gescheitert sei: „It’s got nothing to do with socialism.“ Auch
bei Teilen der Bevölkerung scheint der Sozialismus als Idee alles andere als aus der
Mode gekommen zu sein: 82 Prozent der befragten Ostdeutschen stimmten 2002 der
Aussage zu, dass der Sozialismus eine gute Idee sei, die falsch ausgeführt worden sei.
Kristian Niemietz hat sich mit seinem Buch „Socialism. The failed idea that never
dies“ diesem Widerspruch aus offensichtlichem Scheitern und ungebrochenem En-
thusiasmus bei manchen Intellektuellen angenommen. Das Herzstück seines Buches
ist eine historische Studie der Wahrnehmung der wichtigsten sozialistischen Regimes
im Zeitverlauf. Die Analyse gewinnt durch diese Breite und die Fülle an Belegen an
großem Gewicht. Schon Hayek hat 1988 beschrieben, wie manche Intellektuelle Uto-
pien nachlaufen und desillusioniert enden. Detaillierter zeichnet Niemietz nach, wie
Intellektuelle aus dem Westen mittlerweile untergegangene Regimes wie das in
Sowjetrussland, das maoistische China, das Kambodscha Pol Pots, Ostdeutschland,
Enver Hoxhas Albanien, aber auch noch bestehende Regimes wie in Nordkorea und
Venezuela charakterisieren. Diese Analyse zeigt bestechende Parallelen in deren

https://doi.org/10.1515/ordo-2020-0027
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Wahrnehmung. Diese beginnt damit, dass der real existierende Sozialismus eines
Regimes – so unterschiedlich diese Regimes auch waren – als dem sozialistischen
Ideal entsprechend charakterisiert werden. Dieses Mal übe „das Volk“ wirklich die
Kontrolle aus, arbeite die Regierung wirklich zugunsten „des Volkes“. Teilweise
werden die Zustände idealisiert, die Regimes gegen Kritik im Westen verteidigt oder
als das Opfer westlicher Regierungen und deren Medien dargestellt. Bekannte Miss-
stände werden negiert oder relativiert. In dieser Phase „pilgerten“ westliche Intellek-
tuelle in diese Länder, um sich (in der Regel erfolgreich) von der idealgetreuen
Umsetzung des Sozialismus zu überzeugen. Besonders eindrücklich wird dies am
Beispiel Kambodschas geschildert, das vom schwedischen Journalisten und Schrift-
steller Jan Myrdal als „kingdom of justice“ bezeichnet wurde. Einer anderer „Pilger“
Pol Pots, Malcolm Caldwell, wurde bei seiner ersten „Pilgerreise“ in Kambodscha in
seinem Hotelzimmer von den Schergen Pol Pots kurzerhand erschossen. Nichtsdesto-
trotz erschien posthum seine Verteidigungsschrift der Roten Khmer, in dessen Vor-
wort die Politik des Regimes mit „this path is correct [and] is the best-suited not only
for Kampuchea, but also for most of the underdeveloped Third World countries“
gelobt wird.
Werden die Defizite des Regimes schließlich sichtbar, beginnt die Suche nach
Sündenböcken und die Kritiker des Sozialismus werden ihrerseits angegriffen – eine
Taktik, die man aktuell von Populisten verschiedenster Couleur kennt. Werden die
erheblichen Defizite der Regimes schlussendlich zu gravierend und zu offensichtlich,
verkehrt sich die Wahrnehmung – allerdings nur die des real existierenden Phäno-
mens, nicht der Idee als solcher. Die Reaktion linker Intellektueller im Westen ist
dann zu leugnen, dass es sich bei dem in Frage stehenden Regime um einen „richti-
gen“ Sozialismus gehandelt habe. Die Idee des Sozialismus sei richtig, aber die
Umsetzung im speziellen Fall mangelhaft gewesen wie das eingangs angeführte Zitat
Chomskys zeigt. Die Ziele der sozialistischen Ideologie werden dabei stets in der Form
abstrakter Ergebnisse beschrieben statt konkreter institutioneller Regelungen. An
dieser Stelle wird in der Arbeit Niemietz’ der eklatante und wiederkehrende Wider-
spruch deutlich, den viele westliche Intellektuelle an den Tag legten und immer noch
legen: Entgegen der anfänglichen Beteuerungen, dass ein sozialistisches Regime nun
den Sozialismus richtig umsetze, behauptet häufig die gleiche Person schlussendlich
das Gegenteil. Dies macht für diese Personen die Schlussfolgerung möglich, dass der
Sozialismus als Idee weiterhin tragfähig ist. Diese Personen sind laut Niemietz nicht
als naiv zu bezeichnen, sondern als Personen, die sich selbst betrügen, die mit
großem Aufwand „self-manipulation and reality-filtering“ betreiben.
Die Breite der empirischen Analyse im Mittelteil ist gleichzeitig eine der Schwä-
chen des Buches: Der Autor zeichnet den Verlauf der Wahrnehmung anhand seiner
drei Phasen in jedem Land nach. Daher kommen die einzelnen Länderanalysen etwas
repetitiv daher. Denn mit Ausnahme der DDR zeichnet der Autor einen sich stetig
wiederholenden Verlauf nach. Verständlich ist dieses Vorgehen, denn ein Anliegen
des Autoren ist es schließlich, diesen von ihm postulierten Verlauf in jedem Land
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nachzuweisen. Ist der Verlauf tatsächlich sehr nah am idealtypischen Verlauf, so


hätte man diesen Teil um der besseren Lesbarkeit Willen knapper gestalten können.
Denn dass sich die Wahrnehmung der sozialistischen Regimes bei linken Intellektuel-
len im Westen immer nach dem gleichen Schema vollzieht, hat der Leser rasch
verstanden. Eine bessere Alternative wäre die Gliederung des Darstellungsteils ent-
lang des idealtypischen Verlaufs statt anhand von Ländern.
Gerade der im Darstellungsteil beschriebene Selbstbetrug, das „self-manipulation
and reality-filtering“, erscheint angesichts der Breite der Darstellung vorher erklä-
rungsbedürftig. Warum jedes neuere sozialistische Regime wie beispielsweise in Vene-
zuela jedes Mal von neuem aus linken Kreisen im Westen großer Enthusiasmus ent-
gegengebracht wird, warum zudem der Sozialismus als Idee nach wie vor in manchen
Kreisen als attraktives Gesellschaftsmodell wahrgenommen wird, darauf verwendet
der Autor nur ein knapp gehaltenes Kapitel am Schluss des Buches.
Niemietz weist aus sozialpsychologischer Sicht darauf hin, dass der Sozialismus
und sozialistische Ideen sich für viele Personen „natürlich“, geradezu intuitiv anfüh-
len, während für die Akzeptanz des Kapitalismus kognitive Ressourcen aufgewendet
werden müssten: Die Idee des Sozialismus knüpft an die intuitive Vorstellung der
Gesellschaft als Familienverband an, in der Gleichheitsideale vorherrschen. Diese
Erkenntnis, dass menschliches Denken nicht immer exakt funktioniert, haben auch die
Vertreter der Verhaltensökonomie deutlich gemacht. Nach Kahneman, Tversky und
anderen lässt sich das menschliche Denken in ein schnelles, intuitives System und ein
langsames, rationales System aufgliedern. Das schnelle System ist phylogenetisch
gesehen älter, basiert auf Intuitionen und schnellen, aber wenig exakten Heuristiken.
Das schnelle System war für das Überleben der menschlichen Spezies in der afrikani-
schen Savanne unabdingbar, es ermöglichte dem Menschen doch mit einer gewissen
Sicherheit lebensgefährliche Gefahren rasch zu erkennen und reagieren zu können,
auch wenn der Mensch sich dabei oft irrte. Hier läge eine Erklärung, warum vielen
Menschen der Sozialismus als „natürlichere“ Idee erscheint. Stattdessen knüpft Nie-
mietz an das verwandte „social intuitionist model“ nach Jonathan Heidt an. Nach
Niemietz, basierend auf Haidts Modell, fällt die Entscheidung für den Sozialismus wie
oben ausgeführt ebenfalls intuitiv. Der Ratio kommt dann nur noch die Aufgabe zu,
diese Entscheidung zu legitimieren. Eine tiefere, rationale Prüfung des Urteils findet
nur statt, wenn die wahrgenommene Realität zu deutlich dem intuitiven Urteil des
schnellen Denksystems widerspricht. Dies ist der kognitive Selbstbetrug, den Niemietz
im Darstellungsteil häufig nachzeichnet. Doch anklagend kommt dies nicht daher,
denn nach Haidt ist dieser Selbstbetrug Teil des menschlichen Funktionierens. Daher
ist es – entgegen der Aussage Niemietz’ – auch keine harte Arbeit, ein Pilger des
Sozialismus zu sein, denn die Affinität zu diesem fällt vielen Menschen schließlich
leicht. Es ist kognitiv weitaus schwieriger, ein Verfechter der Marktwirtschaft zu sein.
Zudem macht Niemietz hier deutlich, warum es gerade westliche Intellektuelle sein
konnten, die den Sozialismus verteidigten: Weil sie im Westen lebten und die Kosten
ihres Selbstbetrugs nicht zu tragen hatten. Kostspielig wäre es für diese in der Öffent-
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lichkeit stehenden Intellektuellen nur gewesen, öffentlich ihrem Glauben an den


Sozialismus abzuschwören. Zugleich zeigt Niemietz, wie schnell selbst Intellektuelle
Theorien anhängen können, die scheinbar Erkenntnissen der Wissenschaft zuwider-
laufen, wie schnell sich Intellektuelle in stammesähnlichen communities zusammen-
finden und verschwörungstheorieartige Ansichten über „die Medien“, „die westlichen
Eliten“ und andere intellektuelle „Stämme“ entwickeln können. Wenn dies während
des Kalten Krieges möglich war, wird deutlich, warum solcher Selbstbetrug in der
heutigen, medial beschleunigten Zeit noch reibungsloser funktioniert.
Eine Idee zur Erklärung der Attraktivität des Sozialismus, die Niemietz nicht
weiterspinnt, ist die der sekularen Religionen, was angesichts der Bezeichnung der
westlichen Anhänger des Sozialismus als „Pilger“, Chomskys Bezeichnung der sowje-
tischen Apparatschiks als „state priests“ und der Analyse von rationalem Irrationalis-
mus naheliegt. Caplan vergleicht dabei Anhänger politischer Ideologien mit denen
traditioneller Religionen, die ihre Glaubenssätze nicht aufgrund von Überzeugung
vertreten, sondern weil diese identitätsstiftend sind. So beschrieben beispielsweise
Eric Voeglin in der Mitte des 20. Jahrhunderts und Anfang der 2000er-Jahre Emilio
Gentile Marxismus und Nationalismus als säkulare Religionen, die ihre eigenen Sym-
bole, Mythen, Rituale und Glaubenssätze hätten. Diese seien aufgrund des erodierten
traditionellen Glaubens an dessen Stelle getreten. Linke Intellektuelle erscheinen in
diesem Licht aufgrund ihrer Gegnerschaft gegen traditionelle Religionen anfällig für
solche säkularen Religionen, die zum einen Sinn und zum anderen ein Gemein-
schaftsgefühl (Stichwort Benedict Andersons imagined communities) stiften.
Diese beiden Erklärungsstränge hätten im Werk gestärkt werden können, um
nicht nur die Wahrnehmung durch westliche Intellektuelle zu beschreiben und zu
analysieren, sondern theoretisch zu erklären und mögliche Interventionsmöglichkei-
ten aufzuzeigen. Nichtsdestotrotz ist „Socialism. The failed idea that never dies“ eine
eindrucksvolle Dokumentation und Analyse menschlichen Selbstbetrugs und Herden-
denkens. Sie erinnert daran, dass akademische Gewissheiten und die öffentliche
Wahrnehmung sehr weit auseinanderliegen können. So ist der in manchen Kreisen
ungebrochene Enthusiasmus für eine Ideologie der Unterdrückung auch ein Mahnzei-
chen, akademische Erkenntnisse wirksamer in die Öffentlichkeit zu tragen. Auch
dreißig Jahren nach dem Zerfall des real existierenden Sozialismus scheint der Sozia-
lismus daher lebendiger denn je.

Literatur
Anderson, Benedict (1988), Imagined communities: reflections on the origin and spread of national-
ism, London.
Hayek, Friedrich A. von (1988), Die verhängnisvolle Anmaßung. Die Irrtümer des Sozialismus, Tübingen.
Caplan, Bryan (2006), The myth of the rational voter. Why democracies choose bad policies,
Princeton.
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Haidt, Jonathan (2012), The Righteous Mind. Why good people are devided by politics and religion,
London.
Voeglin, Eric (1938), Die politischen Religionen, München.
Gentile, Emilio (2006), Politics as Religion, Princeton.