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THEMA BERUFLICHE QUALIFIZIERUNG VON MIGRANTEN/-INNEN

Lernenden oder ihrer Eltern zu suchen sind, als bei den


Schwächen des Systems.1 Dies trifft zunächst alle benach-
teiligte Jugendliche unabhängig von einem vorhandenen
Migrationshintergrund, verschärft sich aber bei diesen in
besonderem Maße. Sie können häufig nach Abschluss der
Schule ihrem Alter angemessene Texte nicht verstehen
bzw. schriftlich formulieren, d. h. Informationen verarbei-
ten, aus Wissen Schlüsse ziehen und sie anwenden, Pro-
bleme lösen etc.
Dies hat eine Fülle von Einschränkungen in der Bewälti-
gung von Alltagssituationen für die Heranwachsenden zur
Folge, verschärft sich aber noch zusätzlich durch die ver-
änderten Anforderungen der Arbeitswelt.

Kommunikative Kompetenz in der Landessprache ist durch


den tief greifenden Strukturwandel der Wirtschaft und der
Vom Sprachunterricht zum ganzen Gesellschaft (Wandel von einer Industriegesell-
Kommunikationstraining schaft zur Informations- und Dienstleistungsgesellschaft)
Berufsbezogene Vermittlung von zu einem zentralen Element beruflicher Handlungskompe-
Deutsch als Zweitsprache tenz geworden. Neue Arbeitsorganisationen und -inhalte
verlangen von allen Beschäftigten, Ausländern und Inlän-
M AT I L D E G R Ü N H A G E - M O N E T T I , F R A N Z S C H A P F E L - K A I S E R dern, auf allen Hierarchieebenen neue (früher nicht not-
wendige, manchmal sogar nicht erwünschte), anspruchs-
vollere kommunikative Kompetenzen.2 Daraus resultieren
E Teilhabe am gesellschaftlichen und betrieb-
neue Qualifizierungsbedarfe sowohl für Beschäftigte in den
lichen Leben basiert auf Kommunikation, Ver- unteren Lohnsektoren, in denen in erhöhtem Maße Mi-
grantinnen und Migranten beschäftigt sind, als auch für
ständigung zwischen Partnern. Neue Ansätze
deren Vorgesetzte.
der Sprachförderung im beruflichen Kontext
Diese veränderten Anforderungen lassen sich sowohl aus
entwickeln Konzeptionen, die alle Beteiligten linguistischen Studien und Beobachtungen an Arbeitsplät-
und den konkreten Gegenstand des kommu- zen erschließen, als auch, wie in dem Projekt „Deutsch am
Arbeitsplatz“3 des Deutschen Instituts für Erwachsenenbil-
nikativen Geschehens einbeziehen. Es wird ein dung DIE exemplarisch gezeigt, aus der Analyse eines Sys-
Weg aufgezeigt, der Handlungs- und Sprach- temaudits, das auf DIN EN ISO 9000 ff. basiert. So finden
sich hier beispielsweise folgende Formulierungen:
kompetenzentwicklung miteinander verknüpft • „Es ist sicherzustellen, dass die Qualitätspolitik auf alle
Ebenen verstanden, verwirklicht und aufrechterhalten
und so einen Beitrag zur Integration durch
wird (QM-Element1/QE1)
Qualifikation leistet. • Die Qualität der Produkte soll erhöht/verbessert werden,
u. a. durch entsprechende Prüfverfahren und Dokumen-
tation wie z. B. Begleitpapiere, Etiketten, Prüfaufzeich-
PISA und die Anforderungen der Arbeitswelt nungen etc. (QE10-12).“
an kommunikative Kompetenzen
Berufliche Qualifizierung von Personen mit Einwande- Sicherer Umgang mit sprachbasierten Informationen ist
rungshintergrund, seien es Jugendliche in der Ausbildung demzufolge grundlegender Bestandteil beruflicher Hand-
oder erwerbstätige bzw. arbeitslose Erwachsene, ist mit der lungsfähigkeit an allen Arbeitsplätzen.
Frage der Förderung der dafür relevanten Zweitsprache
Deutsch eng verbunden.
Sprachvermittlung in Qualifizierungs-
Die Ergebnisse der PISA-Studie weisen deutlich die Mängel maßnahmen integrieren
aus, die es Jugendlichen mit bildungsfernem Elternhaus er- Im September vergangenen Jahres veranstaltete das Good
schweren, den Übergang von Schule in Ausbildung und Practice Center des BIBB in Bonn eine Fachtagung zu
Arbeit zu bewältigen. Sie macht ferner darauf aufmerksam, sprachbezogenen Angeboten in der beruflichen Bildung.
dass die Ursachen hierfür weniger bei den Schwächen der Sowohl hier als auch bei dem Expertenforum des DIE und

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Diese Netzpublikation wurde bei der Deutschen Nationalbibliothek angemeldet und archiviert. URN: urn:nbn:de:0035-bwp-02227-9
THEMA

des Sprachverbandes im Oktober 2001 in Mainz 4 zeigte „Deutsch am Arbeitsplatz“ für teilqualifizierte
sich der Trend in der didaktischen Diskussion zur Verbin- Beschäftigte
dung von Sprach- und Handlungslernen. „Grammatik ist In den DIE-Projekten, insbesondere SEP, wurden und wer-
nicht Selbstzweck, sondern eingebunden in Mitteilungsab- den im Kontext arbeitsplatzbezogenen Deutscherwerbs
sichten und Handlungssituationen“, so formulierte zuge- neue Qualifizierungskonzepte entwickelt. Sie erinnern zum
spitzt Rolf Deutschmann.5 einen die Arbeitgeber und Betriebsräte an ihre Verantwor-
tung für die kommunikationsbezogene Qualifizierung ih-
Sprachvermittlung muss also integriert in Qualifizierungs- rer Beschäftigten und versuchen neue Beteiligungsmodelle
maßnahmen und nicht als gesonderter Sprachunterricht hierfür zu nutzen9, zum anderen zielen sie darauf, genau
konzipiert und durchgeführt werden. So lassen sich die re- jene Klientel in den Betrieben in der Qualifizierung einzu-
levanten Sprachkompetenzen für die antizipierten Sprach- beziehen, die zumeist davon ausgeschlossen sind. Teilqua-
situationen erwerben und zugleich die Motivation der Teil- lifizierte Beschäftigte mit Migrationshintergrund sollen
nehmenden erhöhen. Dabei kann nur bedingt auf die alten eine Zweitsprachenförderung in Deutsch erhalten, die als
Modelle aus der Zeit der Sprachmeister in den Lernstatt- integraler Bestandteil einer beruflichen Qualifizierung kon-
ansätzen zurückgegriffen werden.6 zipiert und durchgeführt wird.

Die Grundlagen der Professionalisierung von Sprachleh- Der Zusammenhang zwischen betrieblichen Veränderun-
renden ist fortgeschritten und hat sich um Erkenntnisse le- gen und kommunikativen Anforderungen am Arbeitsplatz
bensweltsprachlicher Analysen, wie sie mit Kindern und wird zum Schlüssel einer Sprachbeschreibung gemacht,
Jugendlichen vorgenommen wurden7 und um methodische und so jeglichen didaktisch-methodischen Überlegungen
Ansätze bereichert.8 Sie verlangt also sowohl eine kompe- und curricularen Entwicklung für Zweitsprachangebote
tente Analyse des erreichten Sprachstandes als auch ein sowohl für Jugendliche in der Ausbildung als auch für
teilnehmerorientiertes und situationsangemessenes Quali- Erwachsene in Weiterbildungsmaßnahmen/Qualifizie-
fizierungsziel. rungsmaßnahmen zugrunde gelegt.

Im Rahmen der DIE-Projekte wurde eine Lernzielbeschrei-


bung für Deutschkurse bis zum Zertifikatsniveau für
Veränderungen Domain/Szenarien Lernziele Voraussetzungen
Andere Arbeitsplatz, Wortschatz: Zweck und Funktion Beschäftige in der Metallverarbeitenden Industrie, in der
Arbeitsformen: eigenes Tätigkeitsfeld • Schlüsselbegriffe von der Besprechung ist Alten- und Krankenpflege und Hotel und Gastronomie
Gruppenarbeit, Teambesprechung Besprechungen z. B. Tages- deutlich
Lerninsel, ordnung, vertagen etc. (Schwerpunkt: Service) ausgearbeitet.
Qualitätszirkel • Abkürzungen (TQM) Rolle der Gesprächs-
Fertigkeiten: leitung ist klar
• selektives Hören
Dieser Ansatz entspricht weitgehend dem, was in der mo-
Sprachintention: Vorgehensweise ist dernen Linguistik unter dem Begriff „Szenario“ diskutiert
• Billigung/Missbilligung vereinbart und
ausdrücken transparent:
wird. J. Beneke definiert das Szenario als: „die erwartbare
• Zustimmung/Ablehnung • Tagesordnung Abfolge kommunikativer Handlungen, die teils als rein
• etwas begründen • Sprecherwechsel sprachliche Handlungen, teils als nicht-sprachliche Hand-
• Zweck und Bestimmung • Häufigkeit
erfragen/angeben lungen und teils in gemischter Form ablaufen. Szenarien
Diskursstrategien: Gesprächsleitung erhalten ihre Kohärenz durch den gewussten sozialen
• verschiedene Diskursphasen und Teilnehmende
erkennen sind kooperativ Sinn.“ 10 Hervorheben möchten wir, dass sich diese erwart-
• Sprecherwechsel gestalten, bare Abfolge kommunikativer Handlungen in Verbindung
Unterbrechung verhindern/
einleiten
mit einer Aufgabe entwickelt: die Meldung eines Fehlers
• kooperative Strategien: z. B., sei es im betrieblichen Kontext, sei es in einer Lernsi-
um Wiederholung bitten,
Erklärung einfordern
tuation, sei es im privatem Lebensbereich.
Arbeits- Öffentliches Sprachintentionen: Vertrauensvolles
Dabei steht ein Verständnis von Sprache als Handeln im
verdichtung Klima Vordergrund, als Zusammenspiel von Worten und Gesten,
Rechte und Pflichten • über das eigene Befinden die Menschen miteinander „inszenieren“, um Mitteilun-
als versicherungs- reden
pflichtiger • Schwierigkeiten ausdrücken gen/Informationen auszutauschen und ihre Beziehungen
Arbeitnehmer • Gefühle, Über- oder Unter- zu definieren.
Beschwerde beim forderung ausdrücken
Betriebsrat • um Rat fragen Der Szenario-Ansatz ermöglicht also eine Bedarfsermitt-
Diskursstrategie: lung und -analyse sowie eine Sprachbeschreibung, welche
Strategien zur konstruktiven
sprachlichen Vermittlung von
die Komplexität der sprachlich-gesellschaftlichen Realität
Gefühlen (Frust, so nah wie möglich erfasst und wiedergibt.
Überforderung)

Die durch Szenarien erfassten kommunikativen Handlun-


Abbildung 1 Beispielhafte Darlegung anhand von zwei Szenarien gen werden nicht in kleine Einheiten „zertrümmert“, die

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zum Zweck einer handhabbaren linguistischen Beschrei- • Stellt die dialektale Färbung eine große Barriere dar?
bung in separaten Katalogen von Sprachintentionen, Dis- • Sind die Dokumente leserfreundlich gestaltet?
kursstrategien, Notionen, Wortschatz, grammatische Struk- • Haben die benutzten Schriftstücke ein klares Layout?
turen aufgelistet werden, sondern bleiben in ihrem Hand- • Werden Visualisierungen zur Unterstützung herangezo-
lungszusammenhang erhalten. Dadurch wird sichtbar, gen?
welche sprachlichen Elemente zusammenspielen und wel- • Welchen Einfluss haben Gestik und Mimik?
che Funktion(en) sie erfüllen. Sozio-kulturelle und inter-
kulturelle Aspekte/Elemente werden dadurch in ihrer Aufgabe der Lehrenden als Folge der Sprachbedarfsermitt-
sprachlichen Realisierung erfahrbar und beschreibbar ge- lung und -analyse ist die Beratung aller Kommunikations-
macht. partner: Mit den Lernenden wird sie die Form der Lernbe-
ratung annehmen. Bezüglich der Kommunikationspartner:
So kann z. B. erfasst werden, wie in einer Besprechung (in Kollegen/-innen, Mitschüler/-innen, Ausbilder, Vorgesetzte,
der Arbeit, aber auch in der Schule) der Sprecherwechsel Verantwortliche für die Erstellung schriftlicher Dokumente
zu gestalten ist: etc. zielt die Beratung auf eine Bewusstmachung der be-
nutzten Sprache und auf die Einsicht, einen eigenen Bei-
• wie man unterbricht, ohne unhöflich zu sein, trag zu leisten für die Überwindung von Kommunikations-
• wie man das Wort behält, ohne selbstherrisch zu er- barrieren, die z. B. in Veränderungen des eigenen Sprach-
scheinen, verhaltens münden kann.
• wie man Dissens konstruktiv äußert, ohne aggressiv zu
klingen,
• wie man einen Vorschlag unterbreitet, ohne besserwis- Anstoß und Empfehlungen
serisch zu sein, Es kann hier nur kurz angedeutet werden, in welcher Weise
• wie man in multikulturell besetzen Gruppen im Betrieb, ein arbeitsplatzbezogenes Sprachtraining zur Förderung
in der Schule, in der Nachbarschaft Missverständnisse der Integration von Migrantinnen und Migranten gestaltet
aufspürt und thematisiert bzw. klärt etc. werden kann. Viele Details der Analyse müssen an dieser
Stelle unerwähnt bleiben. Aber der Erfolg des Ansatzes und
Eine solche ganzheitliche Herangehensweise, die den An- seine Verbreitung machen deutlich, dass mit Hilfe des Sze-
spruch hat, die sprachlich-gesellschaftliche Realität zu er- nario-Ansatzes eine Übertragung sowohl auf weitere Bran-
fassen, verändert auch das Verständnis von Sprachunter- chen als auch auf unterschiedliche Altersstufen und Quali-
richt und die Rolle der Lehrkraft. Thematisiert wird nicht fizierungsziele vorgenommen werden kann.
nur der/die Lernende und die Sprache, die ihm/ihr „fehlt“, Wünschenswert ist neben dem Engagement von Führungs-
sondern die gesamte kommunikative Handlung, d. h. auch kräften und Betriebsräten in Unternehmen zur Initiierung
der Anteil der anderen Kommunikationspartner. Der Bei- solcher Qualifizierungen, welche Teilqualifizierte in Unter-
trag von Lehrenden, Ausbildenden, Vorgesetzten etc. wird nehmen ebenso einbeziehen wie qualifizierte Fachkräfte,
analysiert: eine Übertragung auf die Ausbildung und Angebote der
Benachteiligtenförderung in der beruflichen Bildung bei
• Welche Merkmale weist ihr Anteil auf? außerbetrieblichen Bildungsträgern.
• Wird von ihnen verständlich und präzise formuliert?

Anmerkungen

1 Vgl. die Diskussionen auf dem 3 Grünhage-Monetti, M.: „Neue in der beruflichen Bildung durch 7 Vgl. Fürstenau, S.; Gogolin, I.:
Abschlusskongress des forum Zertifikate braucht das Land !?! sprachbezogene Angebote. Bonn, Sprachliches Grenzgängertum.
bildung im Januar 2002 und Das Projekt „Deutsch am 2002 (www.good-practice. Zur Mehrsprachigkeit von
dessen Empfehlungen. Arbeitsplatz“ und das Zertifikat bibb.de), S.30 Migranten. In: List, G., Quer-
2 Vgl. Rützel, J.; Schapfel, F.: „Leben und Arbeiten in Deutsch- 6 Vgl. Szablewski-Cavus, P.: sprachigkeit. Tübingen 2001
Gruppenarbeit und Qualität. land“. In: Tanzer, W. (Hrsg.): Skizze einer Profilierung. Der 8 Vgl. Müller, A.: Berufsbezogener
Alsbach 1998, zur Kritik an der Sprache – Kultur – Politik. Unterricht Deutsch für auslän- Sprachunterricht und Förderung
unreflektierten Übernahme von Regensburg 2000, S. 462–471 dische Arbeitnehmer. In: Deutsch der kommunikativen Kompeten-
Slogans der neuen Anforderun- 4 Im Rahmen des EU-Projekts des als Zweitsprache – Extraheft zen. Ein Beitrag zur inter-
gen in der Arbeitswelt. Vgl.: DIE „Setting up Partnerships 2001, S. 23–34, und Markert, aktionsorientierten Sprachdi-
Plath: Arbeitsanforderungen im against Social Exclusion at the W.: Die Lernstatt. Ein Modell daktik. In: Zielsprache Deutsch
Wandel, Kompetenzen für die Workplace (SEP)“ zur beruflichen Qualifizierung 3/98, S. 114–120
Zukunft – Eine folgenkritische 5 Deutschmann, R.: Sprachförde- von Ausländern am Beispiel der 9 Bspw. die Möglichkeiten von
Auseinandersetzung mit aktuel- rung von Migranten in der BMW AG. Vom Sprachmodell Jobrotation, wie bei der VHS
len Positionen. In: MittAB schulischen Berufsvorbereitung für Ausländer zum betrieblichen Velbert
4/2000, S. 583–593 in Hamburg. In: GPC (Hrsg.): Organisationsmodell. BIBB 10 J. Beneke. In: ZDfB,1995, S.51
Förderung von Migranten/-innen (Hrsg.), Berlin 1985

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