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Viel Wut, wenig Protest

von Bettina Gaus

N ur ein paar hundert Demonstranten versammelten sich


am 2. April 2009 vor dem Excel-Center in London, dem
Tagungsort des Gipfeltreffens von Staats- und Regierungschefs
als die Haltung zur jeweiligen Einzelfrage. Die Wahrscheinlich-
keit war hoch, dass die Taube nicht nur den Wunsch nach
Frieden signalisieren sollte, sondern zugleich für Forderungen
der zwanzig einflussreichsten Industrie-und Schwellenländer. wie die nach einem Boykott der Volkszählung stand. Um nur
Sie hatten zahlreiche Anliegen. Viele sorgten sich wegen des ein Beispiel zu nennen.
Klimawandels. Andere traten für ein freies Palästina ein. Eine Jahrzehntelang hat diese Form der Arbeitsteilung zwischen
Gruppe Somalis kämpfte für die Loslösung des Ogaden von Fachleuten verschiedener Arbeitsbereiche und der jeweils
Äthiopien. Ach ja: Es gab auch Demonstranten, die eine andere sympathisierenden Teilöffentlichkeit gut funktioniert. Jetzt,
Weltwirtschaftsordnung und Reformen des Finanzmarktes angesichts der Wirtschaftskrise, ist das nicht mehr der Fall.
forderten. Die also bereit waren, das Thema der Konferenz zur Zwar erreichen globalisierungskritische Bücher weiterhin hohe
Kenntnis zu nehmen. Auflagen, und auch öffentliche Diskussionsrunden von
In den Tagen unmittelbar vor dem Gipfel waren es immerhin Organisationen wie Attac werden rege besucht. Aber das
einige Zehntausend gewesen, die sich an Kundgebungen Interesse mündet nicht in eine Protestbewegung. Nicht einmal
beteiligt hatten. Insgesamt jedoch fiel der Druck der Straße die große Wut über hohe Bonuszahlungen für Manager treibt
weit schwächer aus, als manche befürchtet und andere gehofft die Leute auf die Straße.
hatten. »Verglichen mit den Irak-Protesten 2003 war es kein Ein Gefühl allgemeiner Verunsicherung ist spürbar.
großer Marsch und sehr viel weniger breit gefächert«, schrieb In privaten Gesprächen, in Zeitungskommentaren, auf
Ian Jack im britischen Guardian. Die BBC bilanzierte: Veranstaltungen. Manche mögen den Anliegen führender
»Tatsächlich haben frühere G-Treffen mehr Gewalt, mehr Globalisierungskritiker immer noch mit Sympathie gegen-
Proteste und mehr Blamage für das Gastgeberland gebracht.« überstehen. Aber sie sind nicht mehr so überzeugt, dass diese
Die Welt steckt in der schwersten Wirtschaftskrise der tatsächlich Recht haben mit ihrer Analyse. Was nicht
Nachkriegszeit, aber eine Revolution findet nicht statt. bedeutet, dass der Gegenseite, den »Mächtigen«, größeres
Vieles haben Regierungen seit dem Zusammenbruch der Vertrauen geschenkt wird. Ratlosigkeit macht sich breit.
Lehman-Bank zu fürchten gelernt. Die Macht sozialer In der Bundesrepublik sind soziale Bewegungen bislang
Bewegungen gehört nicht dazu. von Leuten mit überdurchschnittlich hohem Bildungsgrad
Woran liegt das? Zunächst einmal und vor allem: an der getragen worden – mithin im Regelfall von Angehörigen der
weit verbreiteten Unkenntnis über die Zusammenhänge Mittelschicht. Das ist die Schicht, die materiell etwas zu
internationaler Finanzpolitik. Nicht nur ein großer Teil der verlieren hat, also unmittelbar und schmerzlich von einem
Öffentlichkeit, sondern auch viele politische Journalistinnen Kollaps des Bankensystems oder einer Währungsreform
und Journalisten – die Autorin eingeschlossen – haben sich, oft betroffen wäre. Die Angst vor dem Verlust der privaten
über viele Berufsjahre hinweg, für Wirtschaftsfragen nur in sehr Altersvorsorge, der Ersparnisse oder des Eigenheims sitzt tief.
eingeschränktem Maße interessiert. Das bleibt nicht folgenlos. Schon wahr: Demonstranten sind überwiegend junge Leute,
Im Zusammenhang mit dem eigenen Fachgebiet erkennt die von solchen Überlegungen meist noch nicht geplagt werden.
jeder eine Nebelkerze, wenn er sie sieht, und weiß meist auch, Aber Eltern reden mit ihren Kindern über solche Themen,
warum sie geworfen wird. Bei allen anderen Themen besteht zumal in einer Zeit mit wenig ausgeprägten Generations-
die Gefahr, sich im dichten Nebel zu verlaufen. Das gilt für konflikten. Auch Studenten lassen sich verunsichern, wenn
Wirtschaftspolitik, aber nicht nur für sie. Vater und Mutter ernsthaft besorgt sind.
Um einen Irrweg zu vermeiden, wird eigene Sachkenntnis Es rächt sich, dass so viele politisch Interessierte lange
durch Vertrauen ersetzt. Was nichts mit Denkfaulheit zu tun so wenig Interesse für Wirtschaft und Finanzen aufgebracht
hat, sondern in einer komplexen Umgebung unvermeidlich ist. haben. Aber selbst wenn sie es schon früher getan hätten –
Welchem Leitartikler, welcher Politikerin, welchem Blog man wären sie dann jetzt weniger ratlos? Nicht einmal Regierungen
glaubt und welchen nicht, prägt den Blick auf die Welt. Und scheinen sich ja derzeit ihrer eigenen Überzeugungen sicher zu
verstärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl mit denen, die ein sein. Und unter der Verstaatlichung der Banken hatten jene,
ähnliches geistiges Koordinatensystem haben wie man selbst. die sie gefordert hatten, sich ursprünglich etwas ganz anderes
Soziale Bewegungen unterscheiden sich darin nicht von vorgestellt als die Sozialisierung von Verlusten.
anderen gesellschaftlichen Gruppen oder auch von Anhängern »Wir zahlen nicht für eure Krise!« – Der Slogan ist gut
einer Partei. Wer früher mit einem »Atomkraft? Nein, danke!«- formuliert. Aber er kann nicht zünden, wenn viele insgeheim
Aufkleber oder einer Friedenstaube unterwegs war, wollte hoffen, dass die Allgemeinheit eben bitte doch die Rechnung
damit nicht zwangsläufig eigene profunde Kenntnisse über begleichen möge, weil man fürchtet, andernfalls ganz
die Funktionsweise eines Kernkraftwerks oder atomarer individuell die Zeche bezahlen zu müssen.
Sprengköpfe anzeigen, sondern – jedenfalls in vielen Fällen – Die Angst vor dem sozialen Abstieg und dem Verlust
das eigene Weltbild skizzieren, das sehr viel mehr umfasste materieller Sicherheit ist eine andere Angst als die vor

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Atomwaffen oder vor dem GAU in einem Kernkraftwerk.
Nicht, dass die zuletzt genannten Ängste weniger real wären. Kapitel
Keineswegs. Aber es gibt daneben auch Hoffnung: auf einen
längeren Zeitaufschub,
bevor die Katastrophe
eintritt, und vor allem
darauf, dass man wenig-
stens nicht alleine darunter
zu leiden hätte. Oder sogar
Kapitalismus in der Krise
darauf, dass die Apokalypse
doch nicht eintritt, nicht einmal dann, wenn die falschen
Entscheidungen getroffen werden.
Das ist anders in Zeiten einer Wirtschaftskrise. Falsche
Entscheidungen zeigen sofort Wirkung. Zumindest für einen
Teil der Bevölkerung. Es hat sich herumgesprochen, dass –
entgegen der Legende – auch 1929 und 1948 nicht alle
gleichermaßen von Vermögensverlusten betroffen waren.
Zu den Verlierern möchte niemand gehören. Und Solidarität
mit Unterprivilegierten, im eigenen Land und weltweit,
schwindet im Zeichen eigener Bedrohung. Historisch ist
das keine neue Erfahrung.
Bitter für diejenigen, die das Debakel schon lange vorher-
gesagt hatten. Und jetzt die alten Neoliberalen im Aufwind
erleben müssen.
© Le Monde diplomatique, Berlin

Bettina Gaus ist politische Korrespondentin


der tageszeitung (taz) in Berlin. 2008 erschien ihr Buch
Auf der Suche nach Amerika. Begegnungen in einem
fremden Land (Eichborn, Frankfurt).

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Krisen und wer dafür bezahlt
Der Beinah-Kollaps der Warenpreise (1900/1910 = 100)
Finanzmärkte im Herbst 2008 Protektionismus, Missernten, Depression
hat eine lange Vorgeschichte. 1815–1818 Preisverfall, Kreditkrise, Bankenkollaps
220 1819–1823 Run auf Eisenbahn- und Kohlenbergwerks-Aktien
Die globale Spekulation hat die 1835–1839 Eisenbahn-Baisse und Depression
1847–1851 erster »Schwarzer Freitag« nach Baumwoll-,
Gefahren vervielfacht. Eine sehr
180 Bank- und Eisenbahnpleiten
kurze Wirtschaftsgeschichte der 11. Mai 1866
Wirtschaftskrise in Lateinamerika, Silber-Panik
westlichen Welt. 1890–1893
140
Gründerboom
1871–1873

100
1857 1873–1896
1825 Börsencrash und Rezession Große Depression
Südamerika-Spekulation (Gold- und Silberminen, Staatsanleihen)
1800 1810 1820 1830 1840 1850 1860 1870 1880 1890 1900 1910

Schon im 19. Jahrhundert: Schocks als Wegbegleiter des Kapitalismus

S eit seinem Bestehen hat der Kapitalis-


mus immer wieder Krisen durchlebt.
Lange Zeit war er in ein Umfeld von Klein-
verhindern: mit Hilfe einer vorübergehen-
den Stärkung der globalen Nachfrage, vor
allem durch Stützung der Löhne.
der 1960er-Jahre der Nachholbedarf nach-
ließ und der gesellschaftliche Widerstand
zunahm, begannen die Profitraten wieder
und regionaler Produktion wie Landwirt- Das Wirtschaftswunder der Nachkriegs- zu sinken; Anfang der 1980er-Jahre er-
schaft und Handwerk eingebettet, das stär- zeit – das europäisch-amerikanische »Gol- reichten sie ihren Tiefststand.
kere Schwankungen zunächst ausgleichen dene Zeitalter des Kapitalismus« von 1946 Die fordistische Produktionsweise ver-
konnte. Doch der Übergang von der Pro- bis zur Ölpreiskrise von 1974 – verdankt lor an Bedeutung, das Ziel hieß jetzt Lohn-
duktion in selbständigen Kleinbetrieben sich den steigenden Profitraten nach der kürzung. Es begann eine neue Ära der Glo-
zur abhängigen Lohnarbeit in Fabriken Zerstörung des fixen Kapitals in Europa balisierung, in erster Linie die der Lohn-
seit Mitte des 19. Jahrhunderts destabili- und einer verzögerten Kapitalerneuerung arbeit. Das ist ein wichtiger Unterschied
sierte die Wirtschaft und mündete in die in den USA zwischen 1914 und 1945. Der zur ersten kapitalistischen Globalisierung
große amerikanische Krise von 1929 bis Fordismus, der durch überhohe Löhne im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, die
1933. Die nach 1945 eingeführten fordis- und billige Massenprodukte »Sozialpart- den Handel betraf. Ein zweiter Unter-
tischen Produktionsformen und eine key- nerschaften« ermöglichte, fand die Zu- schied liegt nicht in dem Ausmaß, sondern
nesianisch regulierende Wirtschaftspoli- stimmung der Kapitalisten, solange die in der Art und Weise, wie sich Banken über
tik sollten eine neue weltweite Rezession Profitraten hoch waren. Als aber seit Mitte den Kapitalmarkt finanzieren. Während

Weltfinanz und Börsenkurs: Die Explosion der Kapitalmärkte


0 500 1000 1500 2000 2500 3000 3500
Börsen Devisenmärkte Finanzprodukte
reale Wirtschaft (weltweite Produktion von Gütern und Dienstleistungen)
Welthandel Umsätze in Mrd. US-Dollar pro Tag, Durchschnittswerte 2007

»Dow Jones« ist die Kurzform für den weltweit wichtigsten Aktienindex Dow Jones Industrial Average, der die 30 wichtigsten
der 3000 Aktienkurse der New York Stock Exchange, der Börse an der Wall Street, zusammenfasst. Dazu gehören Boeing, Coca-Cola,
Exxon, General Electric, General Motors, IBM, McDonald‘s, Microsoft, Wal-Mart und Walt Disney.

Börsenkrach von 1903 (»Rich Man’s Panic«)


Börsenkrach von 1907 (»Banker’s Panic«) Börsenkrach von 1929: Beginn der Weltwirtschaftskrise
1917: Kriegseintritt der USA 1941: Kriegseintritt der USA

T. Roosevelt Taft Wilson Harding Coolidge Hoover F. D. Roosevelt Truman


19 01 – 19 0 9 19 0 9 – 1913 1913 – 1921 1921 – 1923 1923 – 1929 1929 – 1933 1933 – 1945 1945– 1953

1905 1910 1915 1920 1925 1930 1935 1940 1945 1950

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2008/09: Weltweite Bankenkrise

Dow-Jones-Index
die großen weltweiten Kapitalströme im die größten Banken der Welt bedroht. Ge- 2007: Beginn der 14 000
19. Jahrhundert noch weitgehend an staat- scheitert sind bereits die Versuche, Zeit zu Subprimekrise

liche Rahmenbedingungen, feste Wechsel- gewinnen und auch damit noch Profite zu
kurse oder Handelsverträge gebunden wa- erzielen. Finanzkonstrukte, die darauf ab-
ren, werden sie heute – ohne auf nennens- zielten, riskante Schuldtitel zu bündeln 13 000
werte Grenzen zu stoßen – vornehmlich und immer weiter zu verschieben, liegen
von Aktionären, Investmentfonds und der in Banktresoren auf der ganzen Welt. Ihr 2001: Attentat
vom 11. September
mit der Finanzwirtschaft verflochtenen Re- Markt ist zusammengebrochen.
alwirtschaft bewegt. Der Haupteffekt der Finanzkrise ist die 1997:
12 000
Finanzmarktkrise in Asien
Zwar haben sich die Profitraten wieder stark eingeschränkte Vergabe neuer Kredi-
erholt, doch die Instabilität und die speku- te, das heißt ihre Verteuerung. Dies betrifft
lativen Risiken haben zugenommen. Tat- die US-Konzerne, aber vor allem, sofern es
sächlich bewegt sich der Kapitalismus zwi- sich um Hypothekar- oder Konsumkredite 11 000
schen zwei Abgründen: Bei zu wenig Regu- handelt, die Privathaushalte. Auch der Ver-
lierung droht er zu kollabieren, bei zu viel mögenseffekt ist nicht zu unterschätzen,
zu ersticken. Die konservative Revolution denn der Wertrückgang beim Immobilien-
der letzten Jahrzehnte bekämpfte Lohner- besitz wirkt sich negativ auf den Konsum 10 000
höhungen – aber wie soll in Zeiten der aus.
beginnenden Rezession die globale Nach- Dieser spielt in den USA eine zentrale Immobilien-
b l ase
frage aufrechterhalten werden? Rolle. Bricht er ein, wird aus der Rezession Sta n d : Au gus t 2 0 0 9

Die USA setzten bislang auf die Erspar- eine Depression. Um das zu verhindern, 9000
nisse der Privathaushalte und auf Ver- muss die US-Bevölkerung zweimal bezah-
schuldung. Doch die Ersparnisse sind auf- len: Als Bürger müssen sie für die explodie- I n te r n e t-
b l ase
gebraucht, die Inlandsnachfrage fällt so rende Staatsverschuldung aufkommen,
schnell, dass ein Großkonzern wie General als Konsumenten sollen sie weiterhin 8000
Motors Insolvenz anmelden musste. Die Nachfrage auf Pump erzeugen.
seit langem wachsende Finanzierung der
amerikanischen Wirtschaft aus dem Aus-
land war nur eine Flucht nach vorn, die www
7000
nun eine Überschuldungskrise wahr- Analysen und Berichte:
www.nybooks.com/articles/22756
scheinlich macht. www.bpb.de/publikationen/QFG4OG,0,0,Krise_der_Weltwirt-
Das Platzen der Immobilienblase in den schaft.html
USA hat besonders schwerwiegende Fol- www.cesifo-group.de/portal/page/portal/ifoHome/a-
winfo/d2kprog/20kproggd 6000
gen, weil dabei zwei Krisen ineinander- www.diw.de (Wochenberichte)
greifen. Die eine betrifft den Bausektor Historische Darstellungen:
und ist eine Krise der Realwirtschaft, die www.wiso.uni-koeln.de/wigesch/sites.html (Linkliste)
www.nber.org/cycles/
lange andauern kann. Die andere, die www.econlib.org/library/Enc1/Recessions.html 5000
Finanzkrise, ist äußerst gefährlich, weil sie zeitenwende.ch/finanzgeschichte

1991: Erster Golfkrieg

4000

4500 5000 5500 1987: Börsenkrach vom 19. Oktober 1987 (Black Monday)
Finanzwirtschaft

3000
1961: Kraftprobe zwischen Regierung und Stahlindustrie über Stahlpreise
1965: Die US-Luftwaffe beginnt mit der
Bombardierung Nordvietnams
1971: Abschaffung der Goldkonvertibilität
des US-Dollars 2000
1973: Erster Ölpreisschock
1979: Zweiter Ölpreisschock

1000

1
96 3
–1
9 53 – 196
r1 61 –
we 1 9 0 09
ho edy 20
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E i s Ke n
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Johnson Nixon Ford Carter Reagan G. H. Bush Clinton G. W. Bush Ob
1963 – 1969 1969 – 1974 1974 – 197 7 197 7 – 1981 1981 – 1989 1989 – 1993 1993 –20 01 20 01 –20 09

1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005

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Versagen ohne Reue:
die Ausreden der Marktradikalen
Neoliberale Ökonomen und schaft von dieser Krise schwer in Mitlei- Idee zu Unrecht für die damalige Wirt-
konservative Politiker suchen denschaft gezogen würde. Viele Ökono- schaftsmisere verantwortlich mache. Wie
men erinnerte die Situation an die Große in der heutigen Debatte distanzierten sich
nach Wegen aus ihrer Glaubwürdig-
Depression Anfang der 1930er-Jahre, den die Neoliberalen nach der Krise von ihrer
keitskrise. Die einen wollen schon bislang schlimmsten Niedergang der jün- Philosophie des Laissez-faire und der Ent-
immer missverstanden worden sein, geren Wirtschaftsgeschichte. staatlichung. Sie hätten sich sonst isoliert
für die anderen ist weiterhin der Als eigentliche Ursache für die erste – in den USA und in Europa galten staats-
große Finanzkrise des 21. Jahrhunderts gilt interventionistische Programme wie der
Staat an allem schuld.
überwiegend die neoliberale Wirtschafts- New Deal des US-Präsidenten Franklin D.
philosophie. Sie habe seit Jahrzehnten Roosevelt als allgemein anerkannte Mittel
dazu geführt, dass die Staaten die Finanz- der Wirtschaftspolitik.
märkte weltweit dereguliert und der Gier Der Ökonom und Mises-Schüler
der Manager keine Grenzen gesetzt hätten. Friedrich August Hayek trug dem Miss-
Zudem habe die Politik zu stark auf eine trauen gegenüber dem allzu freien Kapita-
unternehmerfreundliche angebotsorien- lismus Rechnung und schrieb 1944, »dass
tierte Wirtschaftspolitik gesetzt. So sei ein wir in Fällen, in denen die Bedingungen
brutaler, egoistischer und nicht nachhal- für das richtige Funktionieren des Leis-
tiger Kapitalismus entstanden. Besonders tungswettbewerbs nicht hergestellt wer-
die US-Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph den können, die automatische Regulie-
Stiglitz und Paul Krugman halten die neo- rung durch staatliche Lenkung ersetzen
liberale Idee deswegen für gescheitert. müssen«. Ähnlich klingen heute die Argu-
Dem widersprechen die meisten Leitar- mente des neoliberalen Wirtschaftspro-
tikler der großen US-Wirtschaftsmedien fessors Hans-Werner Sinn oder des ehema-

E nde 2008 herrschte Panik in der


Finanzwelt. Die Finanzmärkte waren
zusammengebrochen, die Aktienkurse fie-
vehement. Es habe zwar Auswüchse gege-
ben, weil besonders die Banken ihre Ge-
schäfte zuletzt mit viel zu wenig Eigenkapi-
ligen US-Finanzministers und Chefs der
Investmentbank GoldmanSachs, Henry
Paulson. Hayek sagte aber auch, was die
len dramatisch, und Politiker diesseits wie tal hinterlegt hätten. In diesem Bereich dreistesten Neoliberalen in den USA be-
jenseits des Atlantiks forderten, einen Teil stimmen auch die Neoliberalen strenge- reits wieder behaupten: Die Fehlinvestitio-
der Banken zu verstaatlichen. Schon bald ren Regeln und besseren Kontrollen zu. nen von Banken und Unternehmen, die
zeichnete sich ab, dass auch die Realwirt- Die Märkte seien jedoch zuvor keineswegs zur Finanzkrise geführt haben, seien auf
übermäßig liberalisiert worden, weder in Fehler des Staates, insbesondere eine ver-
Wie wichtig die Geldmacher sind den USA noch in Europa. fehlte Wirtschaftspolitik und falsche Re-
Sie argumentieren so: Es ist in der Zeit gulierungen, zurückzuführen.
Anteil des US-Finanzsektors des Thatcherismus und der Reaganomics In den USA fordern dennoch viele Repu-
an der US-Wirtschaftsleistung viel darüber geredet worden, dass sich der blikaner, das Wirtschaftsprogramm der
in Prozent
8 Staat möglichst zurückhalten und die Fi- konservativen Partei so zu verändern, dass
nanzmärkte freier agieren lassen solle. die Rolle des Staates für eine funktionie-
7 Doch habe der Boom der Finanzbranche rende Wirtschaft anerkannt wird. Die an-
die Staatskassen vor allem in den USA und gebotsorientierte Politik mit Steuersen-
6 Großbritannien so üppig gefüllt, dass sie kungen und Deregulierungen habe ihre
damit einen Gutteil ihrer Haushalte finan- Berechtigung gehabt, als es in den 1970er-
5
zieren konnten. Entgegen der linken Kritik Jahren galt, die Stagflation zu überwinden.
ist die Staatsquote, also der Anteil der Heute aber dürfe nicht mehr der risiko-
Staatsausgaben am Bruttoinlandspro- freudige Unternehmer im Fokus der Wirt-
4
dukt, gestiegen. 2008 erreichte sie in den schaftspolitik stehen, schreibt der republi-
USA 38,6 Prozent und in Großbritannien kanische Starpublizist David Brooks in der
3
sogar 45,8 Prozent – mehr als in Deutsch- New York Times, sondern die Arbeitneh-
land, wo sie 43,5 Prozent beträgt. mer, die in den letzten Jahren nicht vom
2 Wichtiger noch ist den Neoliberalen, Boom profitiert haben und nun von Ar-
herauszustreichen, dass sie grundsätzlich beitslosigkeit bedroht sind – damit man
1 missverstanden werden. Darauf berufen sie nicht endgültig als Wähler verliert. An-
sie sich traditionell gern. Schon 1927 be- dere Republikaner halten am bisherigen
0 klagte der Ökonom Ludwig von Mises in Denken fest: dass möglichst niedrige Steu-
1960 1970 1980 1990 2000 2007
seinem Buch Liberalismus, dass man die ern gerade für die Wohlhabenden der

48
+236
US-Haushalt: Defizite und Überschüsse
in Milliarden US-Dollar
200

+126 +128

100

+ 69

+3
-3 -6
0 ausgeglichener Haushalt
-3 -7 -5 -8 -1 -4 - 22
-9 - 15 - 41
- 25 - 23- 23
-7 - 54

- 18 - 53 - 79
- 59
- 74 - 74
-100
- 28 - 107
- 128
- 68 - 150 - 153
- 158 -162
- 155 - 164
- 185
0
-200
- 203
- 208 - 221
- 212
- 221

- 255
- 81 - 248
- 269

-300 - 290

- 318
- 135

+ 526
- 378

-400 - 407

- 413 - 410

- 646

-500
Lyndon B. Johnson Gerald Ford Ronald Reagan Bill Clinton Barack Obama
19 63 – 19 68 1975– 1976 1981 – 1988 1993 –20 01 20 09 –
John F. Kennedy Richard Nixon Jimmy Carter George H. W. Bush George W. Bush
1961 – 1962 19 69 – 1974 197 7 – 1980 1989 – 1992 20 01 –20 08

1961 1970 1980 1990 2000 2009

US-Präsidenten und ihre Budget-Bilanzen

www
Schlüssel zum Erfolg sind, weil nur sie bis 2016 auf höchstens 0,35 Prozent des Berichte und Analysen:
neue Arbeitsplätze schaffen. Bruttoinlandsproduktes begrenzen; die www.iwh-halle.de/d/publik/wiwa/1TH-09.pdf
Einig sind sich die Republikaner aller- Bundesländer dürfen ab 2020 überhaupt www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/gutacht/
ga-content.php?gaid=53
dings in ihrer Furcht vor der rasant stei- keine neuen Kredite mehr aufnehmen. berater.fidelity.de/common/pdf/maerkte/
genden Staatsverschuldung. Ihre Kampa- Der Staat wird also künftig seltener als subprime_krise_entstehung.pdf
gnen haben Erfolg: Präsident Obama ver- heute lenkend oder fördernd in die Verteidiger des Neoliberalismus:
blog.mises.org/blog
spricht schon, die Staatsverschuldung Wirtschaft eingreifen können – das neoli- www.cesifo-group.de/portal/page/portal/ifoHome
möglichst bald einzudämmen. Und die berale Denken entfaltet weiterhin seine www.finanzkrise-2008.de
deutsche Bundesregierung hat sogar eine Wirkung. Kritik des Neoliberalismus:
www.attac.de/aktuell/krisen
gesetzliche »Schuldenbremse« beschlos- © Le Monde diplomatique, Berlin www.uni-koblenz.de/~vladimir/breviary/neoliberal.html
sen: Der Bund muss seine Neuschulden www.fh-wuerzburg.de/professoren/bwl/brodbeck/hayek.pdf

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Steuerzahler als Bankenretter
Die Wallstreet schiebt Washington Zu den auf diese Weise sozialisierten anzuführen, die den Staat für die Krise ver-
die Schuld am Crash zu und Kosten jahrelanger Finanzexzesse gehö- antwortlich machen, den Gärtner zum
ren 6,8 Billionen Dollar Hilfen der Noten- Bock erklären sollen.
wälzt alle Verantwortung auf
bank für wackelnde Finanzfirmen, 2,3 Bil- Der Ökonom Thomas J. McCool ist über-
Zinspolitik und mangelnde lionen Dollar für die Einlagensicherung, zeugt, dass schon 1998 die unter der Lei-
Finanzaufsicht ab. Dabei haben 7,4 Billionen Dollar für weitere Stabilisie- tung der Zentralbank gelungene Rettung
die Banker ihre Risiken verheimlicht rungsprogramme des Finanzministeri- des kollabierenden Hedgefonds LTCM ein
ums und 7,2 Billionen Dollar, mit denen staatlicher Anreiz zu mehr Sorglosigkeit
und mit den Bonuszahlungen fatale
unter anderem die Hypothekenfinanzierer war. Der konservative Banker Richard W.
Anreize gesetzt. Fannie Mae und Freddie Mac gestützt wer- Fisher kritisiert, die niedrigen Leitzinsen
den. 23,7 Billionen Dollar entsprechen un- nach dem Platzen der New-Economy-Blase
gefähr acht Jahreshaushalten der Regie- und den Anschlägen vom 11. September
rung in Washington. 2001 hätten zu einer aufgeblähten Kredit-
Tatsächlich ist die Summe irreal. Denn vergabe vor allem an Hauskäufer geführt.
sie enthält auch Garantien und rückzahl- 2004 schließlich erlaubte eine Lockerung
bare Zuschüsse. Banken, Versicherungen der Eigenkapitalvorschriften den Banken
und andere Finanzinstitute werden das eine enorme Steigerung ihrer Hypotheken-
eingesetzte Kapital aber teils gar nicht ab- geschäfte. Aber zur Rettung des Hedge-
rufen, teils schnell an den Staat zurückzah- fonds 1998 und zur Bereitstellung von
len. Und der kann an einzelnen Positionen preiswerten Krediten 2001 gab es keine
sogar recht gut verdienen. ernsthaften Alternativen – und die Erlaub-
Allerdings liegt es im Wesen jedes Ban- nis von 2004, noch mehr Immobilienkre-
kenrettungsplans, das bereitgestellte Ka- dite herauszugeben, kam erst durch inten-
pital eben nicht auszubezahlen. Wer die sive Lobbyarbeit der Banken zustande.
Risiken der Krise auf diese Weise herunter- Mit der gelegentlichen Rechtfertigung,

D ie Maximalkosten, die von den Steu-


erzahlern in den USA für die schnells-
te und schärfste Rezession der Wirt-
rechnet, unterschlägt aber, dass der von
vielen Ökonomen und Bankern einst so
verachtete Staat das Geld zunächst einmal
der Staat habe die Verbreitung fauler Kre-
dite in »unauffälligen« Wertpapieren ja
nicht verboten, tun sich Neoliberale noch
schaftsgeschichte aufgewendet werden zur Verfügung stellen musste, um den Fi- schwerer. Das hieße schließlich, der staat-
müssen, liegen bei 23,7 Billionen Dollar. nanzsektor und damit die gesamte US- lichen Bankenaufsicht zuzugestehen, dass
Diese Summe schätzt Neil Barofsky, der Volkswirtschaft und das Weltwirtschafts- sie, anders als die Wirtschaft selbst, die
Sonderbeauftragte der US-Regierung für system zu stabilisieren. Finanzkrise hätte verhindern können. Tat-
den Bankenrettungsplan TARP. Damit wer- Ein Desaster für die Neoliberalen. Buch- sächlich haben die Banken über Jahre alles
den Banken ihre Schrottanleihen los, halterisch formuliert steht ihre Bilanz jetzt getan, um behördliche Kontrollen zu um-
Hauskäufer vor dem Bankrott gerettet und mit 23,7 Billionen US-Dollar im Soll, die gehen: Sie haben Kredite aus den Bilanzen
Unternehmen in Schieflage mit Kapital- des Staates mit gleichem Betrag im Haben ausgelagert – um bei gleichbleibendem
spritzen am Leben gehalten. – Grund genug, um nun allerlei Argumente Eigenkapital noch mehr Schuldenpapiere

Die Krise – kurz und tief

Finanzstress in entwickelten und Schwellenländern


Weltwirtschaftswachstum Index aus 113 Werten, für die beiden Ländergruppen
in Prozent, Quartal gegenüber Vorjahresquartal unterschiedlich, kaufkraftgewichtet, in Prozent
12 Entwickelte Volkswirtschaften Volkswirtschaften der Schwellenländer
Volkswirtschaften der Schwellen- und Entwicklungsländer
10 20 10
USA
8 in Europa
8
6 15
Welt Durchschnitt Durchschnitt
4 6

2 10
4
0 in Asien
2
-2 5
Japan
-4 0
Entwickelte Volkswirtschaften
-6 0
Westeuropa -2
-8
Prognosen Lateinamerika
-10 -5 -4
2005 2006 2007 2008 2009 2010 2007 2008 2009 2007 2008 2009

50
2009 Kanada

Japan
USA

Island
Finnland
Schweden
Grossbritannien Dänemark
Irland Australien
Niederlande Deutschland
Belgien Österreich
Spanien Italien
Frankreich

Verstaatlichte Banken Wirtschaftswachstum, Prognosen,


Verbot einiger Börsengeschäfte nach Ländern und Regionen
Prozent gegenüber Vorjahr

2010 -9 -6 -3 0 +3 +6 +9

Nordamerika

Japan

Russland

China
5 asean-länder
Grossbritannien
Deutschland
Frankreich
Italien
Spanien
Indien

Naher Osten

Brasilien

Afrika

Wachstumsmotor Asien

ausgeben zu können –, Finanzdienstleis- lenkt dabei vom eigentlichen Problem ab, dert somit die Vorteilnahme, manche nen-
tungen entwickelt, die nicht der Staatsauf- dem Prämiensystem, das in den USA für nen das Korruption.
sicht unterstehen sollten, und Ausfallrisi- praktisch alle mittleren und höheren © Le Monde diplomatique, Berlin
ken in komplizierten Wertpapieren ver- Ränge gilt. Denn die meisten Boni werden
steckt, die in die ganze Welt verkauft wur- in Banken zunächst nicht bestimmten Per-
den und die Krise bis in abgelegene islän- sonen zugeteilt, sondern an Geschäfts- www
dische Bauernhöfe getragen haben. einheiten vergeben. Deren Chefs verteilen Analysen:
Die in den Medien ausgebreitete Empö- sie vor allem nach Loyalität weiter – und www.pbs.org/wgbh/pages/frontline/meltdown
rung über Bonuszahlungen und Spitzen- nach Innovation und Effizienz nur inso- www.ft.com/indepth/subprime
Grafische Darstellungen:
gehälter für Manager von Unternehmen, weit, als dies die Hierarchie der Geschäfts- news.bbc.co.uk/2/hi/business/7073131.stm
die mit Steuergeldern gestützt werden, einheit nicht stört. Das Prämiensystem för- vimeo.com/3261363

51
Steueroasen trocknen nicht aus
Das Bank- und das Steuergeheimnis
sind die unentbehrlichen Voraus- U m die Freiheiten des illegalen welt-
weiten Kapitalverkehrs nutzen zu
können, braucht man vor allem die rich- Transnationale kriminelle
setzungen für Steuerhinterziehung, Vereinigungen
tigen Informationen. Wie schafft es ein
Geldwäsche und Terrorfinanzierung. Gutverdiener, sein Geld in einer ausländi- USA
Die Industrieländer wollen diese schen Vermögensverwaltung unterzubrin- • Cosa Nostra
40 000 Mitglieder, 25 Familien
Delikte bekämpfen, ihre Gutverdiener gen, ohne dass die heimatliche Steuerbe- Kolumbien
• Drogenmafia
hörde davon erfährt? Wie gelingt es einer 25 000 Personen, 2500 Gruppen
aber nicht unter Druck setzen – Italien
kriminellen Bande, Erlöse aus Drogenhan-
und beschränken sich deshalb auf del und Prostitution zu legalisieren? Wie
• Mafia (Sizilien)
50 000 Mitglieder, 150 Familien
unglaubwürdige Absichtserklärungen strukturiert sich ein Multi, um möglichst • Camorra (Kampanien)
7000 Mitglieder, 130 Familien
und halbherzige Schritte. viele Kosten dort anfallen zu lassen, wo die • N’Drangheta (Kalabrien)
Steuern am höchsten sind, und möglichst 5000 Mitglieder, 150 Familien
• Nuova Sacra Corona Unita (Apulien)
viele Gewinne dort zu realisieren, wo ein 2000 Mitglieder, 50 Familien
Staat nur wenig oder gar nichts abzieht? Russland
160 000 Mitglieder, 12 000 Gruppen
Damit all diese Operationen gelingen, Japan (Yakuzas)
• Yamaguchi Gumi
muss man nicht nur um die lukrativsten 23 000 Mitglieder, 750 Klans
Möglichkeiten wissen, sondern sich auch • Sumiyoshi Rengo
7000 Mitglieder, 170 Klans
mit zwei international wirksamen Geheim- • Inagawa Kai
nissen auskennen. Das eine ist das Steuer- 7000 Mitglieder, 300 Klans
Länder, in denen »verdächtige Gesellschaften«, Hongkong (Triaden)
gegen die deutsche Behörden ermitteln,
geheimnis, mit dem Staaten voreinander • Vereinigte Wo
ihren Sitz haben die Einkünfte ihrer Steuerzahler verber- 40 000 Mitglieder, 10 Klans
Zahl der Firmen • 14 K
gen. Das andere ist das Bankgeheimnis, 25 000 Mitglieder, 30 Klans
3000
mit dem diese Staaten die Konten ihrer • Sun Yee On
50 000 Mitglieder
Steuerzahler nicht nur vor dem Ausland, Andere betroffene Staaten: Kanada,
sondern auch vor sich selbst verbergen. Mexiko, Jamaika, Türkei, Albanien,
Kosovo, Tschetschenien, China, Taiwan,
Jede offizielle Kapitalbewegung hingegen Nigeria, Israel, Staaten im Kaukasus
und Zentralasien (Ferganatal)
liegt offen: Jede Interbanküberweisung,
2500
jede Kreditkartenzahlung, jede Wertpa-
pierbuchung lässt sich heute genau nach- Schwarzes, graues, weißes Geld
vollziehen. Geschützt sind sie nur, weil die
Zuordnung zu einzelnen Geschäften miss-
lingt – eben dank der undurchdringlichen Um den Interessenausgleich zwischen
2000 Barriere, die das Steuer- und das Bank- den Einzelstaaten, der internationalen Fi-
Schweiz geheimnis zusammen bilden. nanzindustrie und den akzeptierten Nutz-
Was als der entscheidende Vorteil für nießern des Systems kümmert sich die
Grossbritannien
Steuerhinterzieher, Geldwäscher und Ka- Arbeitsgruppe FATF (Financial Action
Britische pitalflüchtlinge erscheint, ist jedoch auch Task Force on Money Laundering), die bei
1500 Jungferninseln eine große Gefahr. Insbesondere seit der der Industrieländer-Organisation OECD
Explosion der globalisierten Finanzmärk- angelagert ist. Mitglieder sind 34 Staaten,
Zypern te, die Ende der 1990er-Jahre begann, darunter alle Industrieländer, sowie inter-
stecken die Industrieländer im Wider- nationale Organisationen. Die FATF hat
USA
spruch zwischen Liberalisierung und Kon- 49 Empfehlungen zur Bekämpfung von
1000 Russland
trolle: Einerseits wollen sie ihre Reichen Geldwäsche und Terrorfinanzierung veröf-
verhätscheln; andererseits müssen sie ge- fentlicht und führt öffentliche »weiße«,
Österreich gen die wettbewerbsverzerrenden Steuer- »graue« und »schwarze« Listen mit Staaten,
oasen und die Offshore-Finanzzentren vor- die in unterschiedlichem Maße mit ihr
Spanien gehen, weil diese ihnen hohe Steueraus- kooperieren.
fälle bescheren. Zeitweilig standen auch EU-Mitglieder
500 Niederlande
Ein weiterer Faktor kam mit dem 11. Sep- wie Österreich, Luxemburg und Belgien
Deutschland
tember 2001 hinzu. Bis zu den Anschlägen sowie die Schweiz und Liechtenstein auf
der al-Qaida spielte die Bekämpfung groß- der Liste. Die beabsichtigte Bloßstellung
krimineller Strukturen keine vorrangige führt allerdings nicht weit, da sich die Staa-
Rolle. Seit die USA die Finanzierung des ten per Absichtserklärung selbst von der
0
2006 2007 2008 internationalen Terrors unterbinden wol- schwarzen oder grauen Liste streichen
In Deutschland sind die meisten len, dringen sie auf mehr Transparenz im können. Auf der fehlen außerdem die briti-
dubiosen Firmen deutsch Weltfinanzsystem. schen Kanalinseln, US-Staaten wie Dela-

52
Marshallinseln
Tokio Nordmarianen Cook-Inseln
3,2
USA Samoa
Japan
Tokio Tonga
Toronto
Nauru Fidschi
Mexiko 1,3 New York/NYSE 1
Chicago 9,9 Schanghai
2,3
New York/Nasdaq 1 Toronto Vanuatu
2,6 Schanghai Taiwan Salomoninseln
Belize Montreal Euronext 2
New York Russland Philippinen
2,3 Hongkong
El Salvador Kaimaninseln 1,8
Bermudas London Hongkong
Frankfurt a. M. Macao
Jamaika Nassau (Bahamas) 2,2 Amsterdam 1,1 Labuan
Costa Rica Turks- und Caicosinseln Isle of Man Luxemburg China Hainan
Panama Dominikanische Republik
Jungferninseln Irland
Aruba London Zurich
Anguilla Kanalinseln
Niederländische Antillen Antigua und Barbuda FrankreichParis
Dominika Andorra Genf Bangladesch Singapur
Kolumbien Österreich
Barbados Madrid Liechtenstein Sydney
Madrid Monaco Türkei
Grenada 1,1 Mailand Vatikan
Spanien Gibraltar Italien
Zypern Pakistan
Malta Indonesien
Bahrain
Französisch-Guyana Tunesien
Ägypten

Chile

Ghana, Togo Kenia


Uruguay Seychellen
transnationale kriminelle Vereinigungen
Steueroasen und Geldwäscheparadiese
Mauritius
Sonderwirtschaftszonen
Hauptfinanzplätze
Madagaskar
Kapitalisierung der weltgrößten Börsen,
in Billionen Dollar (Juni 2009)
1. Nasdaq einschließl. OMX (Nordeuropa).
2. Euronext gehört zur NYSE.

ware oder Nevada sowie etliche karibische Was von der deutschen Rechtsprechung Das Bundesfinanzministerium und die
oder pazifische Steueroasen. als »tätige Reue« anerkannt und von der Steuerbehörden sahen dies nicht als ein
Die »Aufweichung« des Bankgeheimnis- Finanzverwaltung gern als Lockmittel ein- »Bekanntwerden« im rechtlichen Sinne an
ses hatte bislang wenig Wirkung. So kam gesetzt wird, um im Ausland verstecktes und forderten die Steuersünder zur Selbst-
es 2009 zu einem erheblichen Kapitalab- Geld zurückfließen zu lassen, stellt in anzeige auf. Dabei ist es nach geltendem
fluss aus Liechtenstein – aber vor allem Wirklichkeit eine Gefälligkeit für Wohlha- Recht für eine Selbstanzeige zu spät, wenn
deshalb, weil die berüchtigten Stiftungen bende dar. Gerade der Ausweg einer späte- der Täter »bei verständiger Würdigung der
des Fürstentums ihre Kapitalien selbst in ren Selbstanzeige ist ein Anreiz für den Sachlage« mit einer Anzeige rechnen
»ungefährliche« ausländische Standorte Versuch, sich auf diese Weise zu berei- muss.
verlagerten. Überlagert werden die inter- chern. Und wenn die Aufdeckung droht, Mit solchen Kumpaneien steht Deutsch-
nationalen Bemühungen um die »Harmo- bestehen immer noch gute Aussichten auf land nicht allein da. So erhalten britische
nisierung von Bank- und Steuergeheimnis- Straffreiheit. So ist es beispielsweise mög- Selbstanzeiger für ihr Geld in Liechten-
sen« noch durch bilaterale Streitigkeiten, lich, Selbstanzeige noch in dem Zeitraum stein geringere Strafen, als wenn sie in
die den Blick auf die Halbherzigkeiten der zwischen der Ankündigung einer Außen- Großbritannien von der Steuerbehörden
einzelnen Länder verstellen. prüfung und dem tatsächlichen Erschei- entdeckt worden wären. Die Folge: Briti-
Ein bequemer Ausweg eröffnet sich den nen eines Prüfers zu erstatten. sches Schwarzgeld strömt in die Alpen, um
Reichen in vielen Ländern durch die so ge- Den Betrug fördern aber auch politische in den Genuss des Liechtenstein-Rabatts
nannte Selbstanzeige. Wer gegenüber den Gefälligkeiten. Grundsätzlich ist es für zu kommen.
Behörden zugibt, Steuern hinterzogen zu eine Selbstanzeige zu spät, wenn dem Hin-
haben, und die Differenz nachträglich be- terzieher bekannt wird, dass ein Verfahren
www
OECD:
gleicht, wird vor Gericht kaum oder gar gegen ihn angelaufen ist. Als aber 2008/09 www.oecd.org/department/
nicht belangt. In Deutschland ist die Steu- in allen deutschen Zeitungen stand, dass 0,3355,en_2649_34897_1_1_1_1_1,00.html
erhinterziehung das einzige Delikt, das gegen Steuerhinterzieher ermittelt wird, www.fatf-gafi.org
Kritiker:
durch Selbstanzeige nach vollendeter Tat die ihr Geld in Liechtensteiner Stiftungen www.attac.de/themen/steuern/
nicht bestraft wird. verbargen, vergaß man diesen Grundsatz. www.taxjustice.net/cms/front_content.php?idcatart=2t

53
Kleine Wagen mit großer Zukunft
Abwrackprämien helfen nur keit geht es nun. Doch umweltpolitisch GM schon vor der Finanzkrise an den Rand
kurzfristig gegen die Strukturkrise sind solche Prämien absurd. Fahrzeuge be- des Ruins. Wie eine Befreiung schien es
lasten die Umwelt zu zwei Dritteln durch deshalb, als GM bekannt gab, die Toch-
in der Automobilindustrie.
ihre Herstellung und nicht durch ihren terfirma Hummer mit ihren 2,7-Tonnen-
Die US-Konzerne sind an ihrer Verbrauch. Die Treibstoffersparnis wird Geländewagen – Stadtverbrauch: 24 Liter –
Modellpolitik gescheitert. überschätzt und der öffentliche Personen- an einen chinesischen Schwermaschinen-
Jetzt werden die asiatischen verkehr bekommt einen weiteren Wettbe- konzern zu verkaufen.
werbsnachteil zugeschoben. Umdenken Die Wettbewerbsnachteile führten dazu,
Hersteller stärker.
in der Verkehrspolitik? Fehlanzeige, und dass US-weit seit den 1990er-Jahren mehr
zwar weltweit. Die Prämien sind auch sozi- neue Arbeitsplätze durch investierende
al ungerecht. Schließlich kommen sie nur ausländische Autofirmen entstanden, als

E rinnert sich noch jemand an die Ju-


pettes und Balladurettes? So hießen
in Frankreich die Altautos, die zwischen
denjenigen zugute, die sich überhaupt ein
neues Auto leisten können oder wollen.
Die Umweltrhetorik ging hauptsächlich
bei den Detroiter Firmen verloren gingen.
Ab 2008 kam der Nachfragerückgang
durch die einsetzende Wirtschaftskrise
1994 und 1996 mit Hilfe einer Verschrot- von den USA aus, wo wegen des Klimawan- hinzu. Zudem erhöhten die für den Auto-
tungsprämie aus dem Verkehr gezogen dels ein »Greening« der Industrie seit eini- verkauf wichtigen Kredit- und Leasingban-
wurden. Zwischen 5 000 und 7 000 Francs, gen Jahren ernsthaft diskutiert wird. Nach ken ihre Bonitätsanforderungen oder stell-
heute 762 bis 1 067 Euro, zahlte der Staat in seiner Wahl sprach sich auch US-Präsident ten das Geschäft mit Neuwagen zeitweilig
der Regierungszeit von Edouard Balladur Obama dafür aus. Aber die Bestimmungen fast komplett ein. Davon waren jetzt auch
und Alain Juppé an den Käufer eines Neu- für die Abwrackprämie »Cash for Clun- die US-Werke ausländischer Hersteller be-
wagens, wenn der dafür ein mindestens kers« (Bargeld für Klapperkisten) zeigen, troffen. 2009 lag die Überkapazität bei
zehn-, später achtjähriges Auto stilllegte. wie weit der Weg ist, der noch zurückgelegt 40 Prozent.
Die Umweltrhetorik hielt sich damals in werden muss: Die Prämie wird bereits ab Zugleich setzte eine weltweite Verände-
Grenzen, es ging um Staatsinterventionis- einem für europäische Verhältnisse gro- rung in der Struktur der Automobilkonzer-
mus und den Schutz der teils in Staatsbe- tesken Spritverbrauch von 10,7 Litern auf ne ein. Mehrere internationale Koopera-
sitz befindlichen französischen Autokon- 100 Kilometer gezahlt. tionen waren bereits zerbrochen, promi-
zerne. Nach dem Ende der Programme Die drei Detroiter Autoriesen Ford, nent die Verbindungen von Daimler-Benz
stürzten sich neoliberale Wirtschaftswis- Chrysler und General Motors haben sich und Chrysler sowie zuvor die von BMW
senschaftler auf diese Form der Marktver- den Einbruch ihres Absatzes selbst zuzu- und Rover. Die italienische Fiat, vor der
zerrung, mit der die Überproduktionskrise schreiben. Ihre Modellpalette blieb an Krise noch beinahe durch GM übernom-
bekämpft werden sollte. Ergebnis: Kurz- schweren Spritschluckern orientiert, als men, beteiligte sich in der Krise ihrerseits
fristiger Erfolg, langfristig wirkungslos. außer den Firmenchefs längst niemand an Chrysler. Chinesische, indische und
Ursprünglich kritisch gemeint, hat diese mehr glauben wollte, dass die Mineralöl- russische Hersteller bemühen sich jetzt
Analyse mit der weltweiten Verbreitung preise je wieder auf ein für solche Autos ak- ernsthaft, auf den Märkten der Industrie-
von Verschrottungsprämien eine Umdeu- zeptables Niveau fallen würden. Diese Ma- länder Fuß zu fassen, weil Tochterfirmen
tung erfahren: Genau um diese Kurzfristig- nagementfehler brachten Chrysler und und -marken der westlichen Hersteller
zum Verkauf stehen, neben Hummer auch
Pontiac und Saturn, Saab und Volvo, Opel
Kapital und Ideen aus Südost und Vauxhall. Kapitalinvestoren vor allem
vom Persischen Golf nutzten die Krise mit
ihren niedrigen Preisen, um sich Aktienpa-
kete deutscher Hersteller zu sichern, die
sonst nicht zu haben gewesen wären.
Internationale Aufmerksamkeit erregte
Europa
der Arbeitskampf im südkoreanischen
Nordamerika
SsangYong-Werk, in dem es zu militanten
Asien Widerstandsaktionen gegen Schließungs-
pläne kam; der viertgrößte Autokonzern
des Landes gehört zur Hälfte dem chinesi-
schen Autobauer SAIC. In Wladiwostok,
Afrika
dem wichtigsten Hafen für Pkw-Importe
Australien aus Südostasien nach Russland, schlug die
Lateinamerika Polizei Unruhen nieder, nachdem die rus-
sische Regierung einen Importzoll von
Gescheiterte Fusionen und Allianzen, 30 Prozent erhoben hatte, um ihre einhei-
Verkäufe von Automarken mischen Hersteller zu schützen. Die Beleg-
Sitz eines Autokonzern/einer Konzernmarke Stabile Fusionen und Allianzen, Aufkäufe, Investitione
I t dI d t i G ä h d V h dl St d A t
schaften der Werke, die weltweit zum Ver-

54
Deutschland Russland
Kanada
Grossbritannien
Asien
Nordamerika
Europa Polen

Frankreich Slowakei
Belgien Tschechien China Südkorea

USA Japan
Spanien Iran
Italien Türkei
Mexiko
Indien

Thailand
Afrika
Veränderung zu 2007 Malaysia
in Prozent Indonesien
+ 50 Südamerika
+ 25 Brasilien
+ 20
+ 15
+ 10
+5 Südafrika Australien
0
Anzahl der Pkws
-5 Millionen Anzahl der Lkws
- 10
Argentinien 10 Millionen
3
- 15 5
1,5
- 20 2 0,5
- 25
- 30

Automobilproduktion 2008

kauf, vor der Schließung oder Schrump- prägt wie in den Industrieländern, wo- von ist nur ein Teil des Globus.
fung stehen, umfassten 2009 rund 110 000 durch die Nachfrage nach Straßenfahrzeu- © Le Monde diplomatique, Berlin
Personen. gen – Pkw und die in der öffentlichen Dis-
Weniger auffällig ist, dass die Krise die kussion häufig übersehenen Lkw – hoch
www
Verbände:
Anteile auf dem internationalen Auto- bleibt. Und die kleineren Hersteller Süd- www.vda.de
markt deutlich verschieben wird, sowohl ostasiens haben ihre zweistelligen Zu- www.acea.be
hinsichtlich des Verkaufs als auch der Pro- wachsraten sogar 2009 beibehalten kön- www.oica.net
Analysen:
duktion. Die Rezession ist in Indien und nen. Insofern führt das Reden von der »glo- wsws.org/articles/2008/dec2008/pers-d20.shtml
China bei weitem nicht so stark ausge- balen Autokrise« in die Irre, betroffen da- www.ucsusa.org/clean_vehicles

Fabriken für Autos, die keiner will Automarkt Deutschland – von der Einheit bis zur Krise

Pkw-Produktion in Nordamerika in Millionen


5,0
(USA, Kanada, Mexiko), in Millionen
28 Neuzulassungen von Pkws (2009 Prognose)
Export von Pkws
26
24 4,0
22
20
Überkapazität
18 3,0
16
14
12 2,0
10
8 Ausgenutzte
Kapazität
6 1,0
4
2
0 0
2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 1989 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 00 01 02 03 04 05 06 07 08 2009

55
Eine neue internationale Arbeitsteilung
Noch dominiert der Handel des
Nordens mit dem Norden. Doch S eit der Gründung der Welthandelsor-
ganisation (WTO) 1995 haben sich die
internationalen Warenströme stark verän-
schen Industrieländern bilden allerdings
weiterhin die Hauptachse des internatio-
nalen Handels. Der Nord-Nord-Handel
die Warenströme innerhalb des
dert. Die Neugestaltung des Austausches stellt mit fast 70 Prozent immer noch den
Südens nehmen zu – eine Folge könnte sogar noch weiter reichen, wenn größten Anteil, obwohl in der letzten Zeit
der Produktionsverlagerung sie nicht durch die gegenwärtige Wirt- der Nord-Süd-Handel, insbesondere der
in Niedriglohnländer. schaftskrise und die Krise der WTO verzö- mit Asien, schnell gewachsen ist.
gert würde. Die internationale Arbeitsteilung, die im
China ist das dynamischste Land Asiens. »traditionellen« Austausch von Fertigpro-
Sein Anteil am Weltexport lag 1993 bei dukten aus dem Norden gegen Rohstoffe
2,5 Prozent und wuchs bis 2008 auf 8,9 Pro- aus dem Süden bestand, wird inzwischen
zent – allein zwischen 2000 und 2008 stie- zunehmend infrage gestellt, und der Han-
gen die chinesischen Importe jedes Jahr del mit Zwischenprodukten nimmt zu.
um durchschnittlich 24 Prozent. Parallel Grund dafür ist die Verlagerung von Pro-
zu Chinas Aufstieg geht die Bedeutung der duktionsstätten durch Direktinvestitio-
USA im Welthandel zurück: Der Anteil ih- nen im Ausland. Die im Süden auf Rech-
rer Exporte sank seit 1993 von 12,6 auf nung internationaler Konzerne hergestell-
8,1 Prozent. Obendrein bedroht ihr Han- ten Halbfertigprodukte werden exportiert
delsdefizit die Stabilität des internationa- und in die im Norden gefertigten Produkte
len Finanzsystems und der Weltwirtschaft. und komplexen Systeme eingebaut.
Unterdessen wächst, wenn auch lang- Die Entwicklung der Handelsströme von
sam, der Süd-Süd-Handel. Er umfasst Gütern und Dienstleistungen ist eng mit
etwa 6 Prozent des Welthandels gegenüber tiefgreifenden Veränderungen der Produk-
3 Prozent 1985 und findet vor allem zwi- tionsabläufe verbunden. Der Austausch
schen wenigen Schwellenländern statt. zwischen den internationalen Konzernen
China ist inzwischen nach den USA, aber ist schließlich der Motor des Welthandels.
vor Frankreich und Großbritannien, der Der Anteil des internen Handels zwischen
zweitgrößte Handelspartner Afrikas. Das den Tochtergesellschaften eines Konzerns
chinesische Augenmerk ist dabei auf Afri- an dessen Gesamtexport schwankt bei ja-
kas Energie gerichtet: Erdöl macht 85 Pro- panischen Multis um 20 Prozent, bei US-
zent seiner Importe aus Afrika aus. Die amerikanischen um 60 und bei schwedi-
Warenströme zwischen den kapitalisti- schen sogar um 70 Prozent. Solche Ströme
führen – wie beispielsweise die Informa-
tions- und Kommunikationstechnologien
zeigen – zu einer neuen Kartografie des in-
Schwerpunkte des Exports ternationalen Handels. China hat Han-
delsüberschüsse gegenüber den USA und
der EU, aber auch Handelsdefizite gegen-
über den ostasiatischen Staaten Taiwan,
Ex-UdSSR Südkorea, Japan, Malaysia und Thailand.
2008 betrug der Anteil der Waren am
Nordamerika Europa Welthandel etwa 80 Prozent, der Rest wa-
Asien- Pazifik
ren Dienstleistungen. Das mit einem An-
teil von 15 Prozent am meisten gehandelte
Gut sind Brennstoffe, also vor allem Erdöl
Golfstaaten und Erdgas. Darauf folgen Büro- und Tele-
und Naher Osten
Afrika kommunikationsausrüstung mit 12,3 und
Lateinamerika
chemische Produkte mit 10,3 Prozent. Au-
tos und Autoteile stellen 8,6 Prozent des
Warenhandel
weltweiten Warenhandels, Agrarprodukte
Milliarden US-Dollar 8 Prozent, und auf Textilien und Beklei-
4800 dung entfallen 4,5 Prozent.
Produkte nach Wirtschaftszweigen Der Außenhandelsumfang wächst unter-
1600
Agrargüter schiedlich nach Volumen und nach effek-
600
Bergbauprodukte, Energieträger tiven Preisen. Der Preisanstieg bei Brenn-
Gewerbliche Güter stoffen hat die Zahlen dieses Sektors auf-
gebläht; er ist seit Sommer 2008 wieder

56
Warenströme Nordamerika
in Milliarden US-Dollar 2049

700

450
100 GUS 1
50 703 Asien/Pazifik
25 4355
weniger als 25

Warenexporte Europa
6456
in Milliarden US-Dollar
5000

2000
1000
500
300
Lateinamerika Mittlerer Osten
602 1047

Anteil des Außenhandels … Afrika


561
innerhalb der Region
mit anderen Regionen
1. Zwölf Nachfolgestaaten der UdSSR außer baltische Republiken

Europa macht Geschäfte, hauptsächlich mit sich selbst

stark gefallen. Der Handel mit Informa- zent pro Jahr stiegen. Wechselkursände- Werbung und Kommunikation. Rund 22
tionstechnologien hingegen, den die WTO rungen, vor allem der Wertverfall des Dol- Prozente entfielen auf Reisen einschließ-
seit ihrer Gründung stets gefördert hat, lar gegenüber dem Euro, verzerren das lich des internationalen Tourismus, rund
wuchs trotz massiver Preissenkungen Bild allerdings. 23 Prozent auf Transportdienstleistungen.
auch nach Wert. Zwischen 1996 und 2005 2008 waren die Exporte von Dienstleis- Dieser Bereich bekommt die jüngste Krise
hatte der Preisverfall in den USA 6 Prozent tungen vor allem mit dem Warenhandel der Globalisierung, die sich auch als Han-
im Jahr erreicht, während die Preise aller verbunden; die Hälfte dieser Exporte ent- delskrise zeigt, wohl am deutlichsten zu
anderen Fertigerzeugnisse um etwa 1 Pro- fielen auf Leistungen wie Buchhaltung, spüren.

Der Handel mit Wirtschaftsgütern … Asien, das neue Schwergewicht

Prozent Anteil am Welthandel in Prozent


100 50
80

60
Europa
40 40
20

0
Waren Dienstleistungen
30
Asien
… findet vor allem im Norden statt
www
Organisationen:
Prozent www.weed-online.org
20
100 www.attac.de
www.wto.org
80
USA hdr.undp.org
60 Einzelfallstudie Brasilien/Indien:
10 oops.ibit.uni-oldenburg.de/volltexte/
40 BRIC 1
incoming/2008/789/pdf/wersue07.pdf
20 Daten und Fakten:
Afrika www.die-gdi.de (Stichwort Süd-Süd)
0
0 www.bpb.de/wissen/Y6I2DP (Daten)
Nord-Nord Süd-Süd
1948 1963 1973 1983 1993 2008 globalization.kof.ethz.ch (Index))
Nord-Süd und Süd-Nord 1. Brasilien, Russland, Indien, China www.worldmapper.org/index.html (Karten)
www.transeurope-project.org/page.php?id=356 (historisch)

57
Welthandelsrunde im Langzeitkoma
Die Gespräche über eine Welthandels. Formell blieb es ein Abkom-
weitergehende Liberalisierung men, dessen Weiterentwicklung in »Run- G90
den« stattfand, die nach ihrem Tagungsort Allianz dreier Gruppen, bestehend aus
der Importregeln kommen nicht den ärmsten Ländern der Welt, den
oder -land benannt wurden; dies hat sich afrikanischen Ländern sowie den mit
voran, auch weil sich die bis heute nicht geändert. der EU vertraglich verbundenen
»AKP«-Ländern Asiens, der Karibik und des
Entwicklungsländer die Agenda 1985 trafen sich die Interessen der USA, Pazifiks. Die G90 befürchtet, dass die
deren Handelsdefizit sich enorm vergrö- drastische Senkung der Zölle, die die G20
nicht mehr vom Norden diktieren den Industriestaaten auferlegen möchte,
ßert hatte, und der damaligen Europäi- die Importvorteile mindert, die
lassen. Die Geschlossenheit, mit die G-90-Staaten derzeit genießen.
schen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG,
der sie die WTO-Runde in Cancùn seit 1992 Europäische Union), die die Vor- G4
Allianz von vier afrikanischen Ländern
platzen ließen, wird trotzdem teile ihres entstehenden Binnenmarktes gegen subventionierte US-Baumwolle.
eine Ausnahme bleiben. auch nach außen nutzen wollte. Mithilfe G20, G22, G20+
der 1986 eröffneten Uruguay-Runde woll- Allianz von Schwellenländern mit
unterschiedlicher Teilnehmerzahl, die
ten die USA und EWG zusätzliche Märkte mehr Lebensmittel exportieren, als sie
erobern und fassten dazu zwei neue Berei- importieren, auf ihre Wettbewerbsfähig-
keit setzen und von den reichen Ländern
che ins Auge. In erster Linie ging es um die die Marktöffnung verlangen. Nicht mit der
ebenfalls G20 genannten Gruppe der

D ie Geschichte der internationalen


Handelspolitik in den letzten fünfzig
Jahren ist auch eine Geschichte ihrer Or-
Landwirtschaft, weil beide Handelsblöcke
ihre hoch subventionierten Überschüsse
weltweit vertreiben wollten. Verhandelt
zwanzig wichtigsten Industrie- und
Schwellenländer sowie Finanzinstitutionen
zu verwechseln, die jährlich über weltwirt-
schaftliche Probleme berät.
ganisationen. So verwirrend die vielen werden sollten auch neuartige exportier- G8 und eingel adene L änder
Gremien und Strukturen auf den ersten bare Dienstleistungen – von Bauplänen Gruppierung, deren globale Interessen
über die Welthandelspolitik hinausge-
Blick auch wirken, so lassen sich an ihnen über Management-Know-how bis zur hen. Sie mischt sich nicht in die internen
doch die Interessen der beteiligten Länder Bankberatung –, bei denen die beiden do- Debatten der WTO ein, auch wenn sie
auf den Abschluss der Doha-Runde
ablesen. Handeln im Zeitalter der Globali- minierenden Mächte große Wettbewerbs- drängt. In der WTO vertreten sich die
sierung heißt auch: verhandeln. vorteile hatten. G-8-Mitglieder selbst oder über die EU.

Das Allgemeine Zoll- und Handelsab- Seit Beginn der 1980er-Jahre predigten
kommen (Gatt) von 1947 war ursprünglich die großen Institutionen der Globalisie-
als Teil der Grundlagen für eine Internatio- rung den verschuldeten Staaten der Drit- Das Geflecht der Wirtschaftsallianzen
nale Handelsorganisation (ITO) geplant, ten Welt, dass Handelsschranken auch das
deren Gründungsdokument die Havanna- Wachstum beschränken würden. Tatsäch-
Charta von 1948 war. Der US-Kongress ver- lich sank mit der Liberalisierung des Han- zent für die USA und Japan sowie 14,3 Pro-
weigerte jedoch die Ratifizierung dieser dels das Wirtschaftswachstum sowohl in zent für die EU mit ihren nunmehr 27 Mit-
Charta und verhinderte die ITO zugunsten den Entwicklungs- wie auch in den west- gliedern deutlich geringer als derjenige
der nicht so zahlreichen und weniger lichen Industrieländern. Die Ausnahmen der am wenigsten entwickelten Staaten
strengen Festlegungen des Gatt. Darin ka- China und Indien mit ihrem jeweils hohen mit fast 30 Prozent.
men Dienstleistungen nicht vor; auch Wachstum betrieben hingegen eine inter- Zwischen 100 und 200 Millionen Men-
Landwirtschaft und Textilhandel entgin- ventionistische Politik. Ihr Erfolg beruhte schen leben in extremer Armut: Sie hun-
gen weitgehend den Gatt-Regelungen der jedenfalls nicht auf dem Freihandel. 2006 gern und müssen von weniger als einem
Liberalisierung. war der Öffnungsgrad der entwickelten halben Dollar pro Tag leben. 80 Prozent
Bis 1995 war das Gatt die höchste inter- Staaten, also der Anteil des Außenhandels von ihnen gehören zur Landbevölkerung
nationale Institution zur Regelung des am Bruttoinlandsprodukt, mit 13,5 Pro- der Entwicklungsländer. Auch diese Län-

Abhängig vom Außenhandel Die Welt der WTO

Importe und Exporte von Waren und Dienstleistungen


in Prozent der Wirtschaftsleistung
0 20 40 60 80 100
China
subsaharisches Afrika
Entwicklungsländer
Lateinamerika
Indien
Japan
EU Mitglied der Welthandelsorganisation
USA Länder mit Beobachterstatus

58
Kanada

Norwegen

Island Russland

Grossbritannien USA Guyana


Niederl ande Surinam
Deutschland Mongolei
Französisch-Guyana
Schweiz Südkorea
Frankreich Bulgarien Karibik
Liechtenstein China
Türkei Afghanistan Japan Mexiko
Spanien Italien Nepal Bhutan Venezuela
Israel
Pakistan Taiwan
Saudi- Indien
Ägypten
Ar abien
Philippinen
Mali Tschad Guatemala Br asilien
Burkina Faso Thailand Belize Peru
uganda Malediven Papua-Neuguinea Honduras Bolivien
Nigeria El Salvador
Elfenbein- Benin Kenia Paraguay
küste Nicaragua
Indonesien
Tansania Panama
Kongo Osttimor
Mosambik G10 Chile Uruguay
Sambia Bangladesch
Mauritius Birma Hauptsächlich Exporteure von
Botswana
Madagascar Laos Industriegütern und Importeure von Argentinien
Lebensmitteln. Wegen ihrer stark
Kambodscha geschützten Landwirtschaft sind sie gegen
Simbabwe Vietnam Austr alien
Südafrik a einheitliche Zollsenkungen für Agrargüter.
Malaysia
Neuseeland
Cairns -Gruppe G11
Agrarexporteure, die sowohl gegen den Protektionismus der USA und Länder, die sich strikt gegen die Senkung
der EU als auch gegen hohe Schutzzölle der Entwicklungsländer auftreten. der Zölle auf Industriegüter wehren.
G33
Verhandlungskoalition von Entwicklungsländern, die einige »strategische Produkte« ihrer Bauern, die der
Ernährungssicherung dienen, mit Einfuhrbeschränkungen vor hoch subventionierten Lebensmittelimporten schützen wollen.
Die G 33 verlangt zudem Sicherungsmechanismen gegen zu stark ansteigende Importe oder zu schwache Exporterlöse.

der brachte der Norden dazu, dass sie ihre dukte und Dienstleistungen in die Ent- Amerikaner sollten ihre direkten Export-
Subventionen kürzten, die Handels- wicklungsländer exportieren und akzep- subventionen für Baumwolle streichen –
schranken gegen den existenzbedrohen- tierten im Gegenzug eine Senkung ihrer diese beliefen sich 2005 auf 253 Millionen
den Import verbilligter Lebensmittel redu- Agrarsubventionen. Dennoch hätten die Dollar –, haben aber im selben Jahr 3,3 Mil-
zierten und beschäftigungsarme Agrar- Drittweltländer die Hauptlast tragen sol- liarden Dollar interne Subventionen für
firmen für den Export förderten. Solche len. Daraufhin ließ ein ungewöhnlich ef- ihre Baumwollproduzenten gezahlt.
Konzepte zur vermeintlichen Konsolidie- fektiver Zusammenschluss der Entwick- Die Streitigkeiten unter den Entwick-
rung der Staatshaushalte und zur Erwirt- lungsländer die Konferenz von Cancùn lungsländern verstärkten sich vor allem
schaftung von Devisen, mit denen die (Mexiko) 2003 platzen. Zwar versuchten durch den extremen Anstieg der Lebens-
Schulden bezahlt werden sollten, stamm- die westlichen Staaten, deren Widerstand mittelpreise ab 2007, von dem Brasilien
ten vom Internationalen Währungsfonds zu schwächen, indem sie Brasilien und besonders profitierte. Denn der größte
(IWF) und der Weltbank. Sie wurden von Indien zu informellen Verhandlungsrun- Teil der brasilianischen Agrarexporte geht
der 1995 neu geschaffenen Welthandelsor- den einluden. Die beiden Staaten vertreten in die Entwicklungsländer. Deswegen ver-
ganisation (WTO) übernommen. jedoch vor allem ihre eigenen Exportinte- suchte die brasilianische Regierung auch,
Die WTO, sehr viel strenger organisiert ressen – Landwirtschaftsprodukte aus Bra- deren protektionistische Bestrebungen zu
als ihr Vorläufer Gatt, verfügt über ein silien und Dienstleistungen aus Indien. verhindern. Seither hat der Big Player Bra-
Streitbeilegungsgremium, das Klagen zwi- Seit 2006 stecken die Verhandlungen silien seine Glaubwürdigkeit als Wortfüh-
schen den 153 Mitgliedstaaten (Stand: Juli fest. Die Entwicklungsländer, vor allem rer der Entwicklungsländer verloren.
2009) prüft. Sie kann jedoch durch das die ärmsten unter ihnen, sind nicht bereit,
Konsensprinzip gelähmt werden: Jedes die Entwicklung ihrer Industrie- und
Abkommen verlangt die Zustimmung aller Dienstleistungssektoren im Tausch für et-
Mitglieder. was mehr Agrarexporte zu opfern. Sie wer- www
2001 wurde trotz lautstarker Kritik der fen der EU und den USA Heuchelei vor: Die Welthandelsorganisation:
Globalisierungsgegner die Doha-Runde EU habe 2006 zwar nur 2,5 Milliarden Euro www.wto.org
eingeläutet – angeblich, um die Chancen Exportsubventionen gezahlt, aber die in- Kritiker:
www.citizen.org/trade/wto
der Entwicklungsländer zu verbessern. Die ternen Subventionen für exportierte Pro- www.ictsd.net
EU und die USA wollen mehr Industriepro- dukte lägen bei knapp 6 Milliarden. Die www.viacampesina.org

59
Staatsfonds, die neuen Geldgeber
Um ihren Kapitalmangel zu
überwinden, bemühen sich S eit dem Beginn der Bankenkrise Ende
2007 enthalten die Börsenmeldungen
zunehmend Hinweise auf staatliche In-
mit ansehen, wie mehr als die Hälfte der
im Dezember 2007 bei Merrill Lynch inves-
tierten Summe in Rauch aufging, weil der
Unternehmen und Banken um
vestmentfonds. Innerhalb eines Jahres ha- Aktienwert in sieben Monaten um 55 Pro-
Beteiligungen von staatlichen ben sie allein in den USA mehr als 90 Milli- zent gesunken war. Von dieser Erfahrung
Investitionsfonds aus dem arden Dollar in das Eigenkapital großer gewarnt, lehnte Temasek die Unterstüt-
Ausland. Deren Rolle wurde Finanzinstitute gesteckt, die durch ihre zung für Bear Stearns ab; dieses Geldhaus
gewagten Investitionen auf dem dortigen wurde schließlich mithilfe der US-Zentral-
im Norden lange gefürchtet,
Hypothekenmarkt sehr geschwächt wa- bank durch den Konkurrenten JP Morgan
heute wird sie überschätzt. ren. Das Eindringen solcher Staatsfonds in aufgekauft. Um von Temasek eine weitere
das Kapital großer Privatbanken der mäch- Kapitalspritze zu erhalten, verpflichtete
tigsten Industriestaaten hat bei diesen an- sich Merrill Lynch im Juli 2008, dem Fonds
fänglich gewisse Ängste geweckt. Würden für den Wertverlust seiner Aktien 2,5 Milli-
die Regierungen der Schwellenländer wo- arden Dollar Entschädigung zu zahlen.
möglich die Kontrolle über Schaltstellen Staatsfonds werden seit der zweiten
der Wirtschaft übernehmen? Hälfte des 20. Jahrhunderts von Regierun-
Aus rein pragmatischer Sicht haben sich gen aufgelegt, die mit einem Teil ihrer
die westlichen Konzern- und Staatschefs Deviseneinnahmen aus Exporten, seien es
über diese Hilfe gefreut. Die Finanzinsti- Rohstoffe oder Industriegüter, Rücklagen
tute, die ihre Abschreibungen auf wertlose bilden wollten. Die größten entstanden in
Kreditpapiere aus dem Eigenkapital auf- den Erdöl exportierenden Ländern, vor
wenden mussten und deswegen von Unter- allem in den Golfstaaten und Norwegen,
kapitalisierung bedroht waren, wandten sowie in Singapur. Neuerdings ist ihnen
sich sogar selbst an die Staatsfonds, um China auf den Fersen. Weitere machen
deren Unterstützung zu erhalten. Das Inte- sich diskret bemerkbar: Russland, Libyen,
resse war beiderseitig: Auch einige Staats- Venezuela und in jüngster Zeit Algerien,
fonds unternahmen beträchtliche An- Saudi-Arabien, Brasilien und Frankreich.
strengungen, um Aktienpakete großer Insgesamt verfügen diese neuen Staats-
Banken zu erwerben. fonds über annähernd 3 000 Milliarden
Doch unproblematisch ist diese neue Dollar, die sie investieren können.
Zusammenarbeit nicht. So musste zum Dieser Betrag bleibt jedoch weit unter
Beispiel der Temasek-Fonds aus Singapur den 70 000 Milliarden Dollar Kapital, die
von den privaten institutionellen Anlegern
aufgebracht werden können, also von Pen-
Ein ungewohntes Süd-Nord-Gefälle sionsfonds, Investmentfonds, Versiche-
rungen und Geschäftsbanken. Drei Jahr-
Devisenreserven der Zentralbanken zehnte neoliberaler Politik haben diese
Anzahl der Monate, für die alle
Importe finanziert werden könnten institutionellen Anleger beträchtlich ge-
8 stärkt. Heute sitzen sie in den Verwal-
Entwicklungsländer tungsräten der meisten großen Industrie-
7 und Dienstleistungsunternehmen. Auf sie
entfallen 80 Prozent aller Transaktionen
6 auf den Finanzmärkten, und mit ihrer
Nachfragemacht spielten sie eine zentrale
5
Rolle bei der Umwandlung privater Schul-
den in undurchsichtige Derivate, die 2007
4
durch das Platzen der US-Immobilien-
blase in die Krise führte.
Bei einigen Privatbanken sind die Aktiva
3
im Verlauf der Krise stark gesunken, ande-
re Finanzinstitutionen sind ganz unterge-
2
Industrieländer
gangen. Zwar schimpfen sie immer noch
über die Rolle des Staates, aber sie haben
1
die Regierungen des Nordens und die
Staatsfonds des Südens um Hilfe gebeten,
0
1950 1960 1970 1980 1990 2000 04 um ihre Verluste aufzufangen. Sie wissen:
Sie sind too big to fail, »zu groß, um pleite-

60
Norwegen

Russland
Kanada
Irland

Frankreich

USA
Algerien

Mauretanien
Trindidad
und Tobago

Venezuela
Nigeria

Kiribati Brasilien

Botswana
Chile

Neuseeland
Australien

Staatsfonds, finanziert aus dem


Export von Öl oder Gas Kasachstan
Export mineralischer Rohstoffe und Industriegüter
oder den Erlösen von Devisenreserven und Finanztiteln Aserbaidschan China
Kuwait Japan
Länder, in denen die Gründung solcher Fonds Iran
in Vorbereitung oder im Gespräch ist Südkorea
Libyen Bahrein
in Milliarden US-Dollar Katar Indien Taiwan
1000 Oman Hongkong
Thailand
500 Saudi-Arabien Vietnam
100
VAE
Malaysia
Brunei

Singapur
in Milliarden US-Dollar Osttimor
Angola
öffentliche Ausgaben für Erziehung, 2005 1
Grundkapital staatlicher Fonds, 2008
Gesundheitsausgaben, 2005 1 1. jüngste verfügbare Angabe
Weltwirtschaftsleistung, 2007
Börsenkapitalisierung, Ende 2007

0 10 000 20 000 30 000 40 000 50 000 60 000 70 000

Die meisten Staatsfonds sind von Öl und Gas gespeist

zugehen«, und deswegen trauen sie sich, dann umso aktiver auf den Rohstoff- und gerechte und ökologische Entwicklungs-
ihre Verluste so unverfroren zu sozialisie- Agrarmärkten. Sie sind mitverantwortlich politik vom Süden für den Süden, ein kos-
ren und die Gewinne – derzeit vor allem die für die Hungerkrise von 2008. tenloses Gesundheits- und Bildungswesen
Gehälter der Manager – zu privatisieren. Nach dem Erdölboom von 1973 hatten und auch eine solidarische Ökonomie zu
Im Kreis der Kapitalanleger darf man die Regierungen der Opec-Staaten ihre unterstützen. Doch vorläufig ist dies nur
auch die spekulierenden Hedge-Fonds Petrodollars in den Privatbanken des Nor- eine Idee.
und die privaten Kapitalanleger, die Priva- dens angelegt, sich aber dann bei ihnen
te-Equity-Fonds, nicht vergessen. Sie besit- verschuldet. Heute betreiben diese Regie-
zen zusammen etwa 1 500 Milliarden Dol- rungen, deren Staatsfonds in das Kapital
www
Übersicht und Nachrichten:
lar, also immerhin die Hälfte des Gutha- der großen Unternehmen eindringen, eine www.swfinstitute.org
bens der Staatsfonds. Die institutionellen etwas solidere Politik. Sie bricht allerdings www.ft.com/swf
Anleger und die Hedge-Fonds haben sich nicht mit der kapitalistischen Logik. Das Regulierung in Europa:
ec.europa.eu/economy_finance/publications/publicati-
allerdings seit 2007 aus dem Hypotheken- staatliche Geld dieser Fonds könnte im on15064_en.pdf
markt zurückgezogen und spekulierten Süden investiert werden, um eine sozial www.ecb.int/pub/pdf/scpops/ecbocp91.pdf

61
Die Krise erreicht IWF und Weltbank
Der Einfluss der einst in den
Entwicklungsländern gefürchteten I m Jahr 2007 begann die Finanzkrise. Zu-
gleich gerieten zwei internationale Or-
ganisationen wegen ihrer Chefs in die
mengefasst waren, als untauglich: Privati-
sierung und Deregulierung, Liberalisie-
rung des Außenhandels und Reduzierung
internationalen Organisationen
Schlagzeilen. Der Präsident der Weltbank, der Sozialhaushalte.
sinkt. Viele Staatsschulden sind dank Paul Wolfowitz, musste wegen Günstlings- Durch den Anstieg der Rohstoffpreise
hoher Rohstofferlöse zurückgezahlt, wirtschaft zurücktreten, und der General- seit 2004 konnten mehrere einst hoch ver-
Kredite holt sich der Süden auf dem direktor des Internationalen Währungs- schuldete Schwellen- und Entwicklungs-
fonds (IWF), Rodrigo de Rato, räumte sei- länder Währungsreserven anhäufen, ihre
Weltmarkt oder in China. Und in
nen Posten, nachdem er bei der Durchset- Außenstände bei Weltbank, IWF und den
Asien sowie in Südamerika entstehen zung von Reformen im IWF wenig erfolg- Industrieländern des Nordens vorzeitig
neue Institutionen, in denen reich war. Außerdem kritisierten Ökono- begleichen und ihre Abhängigkeit reduzie-
die US-Regierung nicht mehr men und Politiker in der heraufziehenden ren. Die Kredite des IWF, die sich 2003
Krise die Rezepte der 1980er-Jahre, die im noch auf 107 Milliarden Dollar beliefen,
das Sagen hat.
Washington Consensus von 1990 zusam- schrumpften 2007 auf 16 Milliarden Dol-
lar. Heute borgen sich die Regierungen das
Geld lieber in China oder sonstwo auf dem
Schulden und die Suche nach Alternativen Weltmarkt. Das ist kostengünstiger und
nicht an wirtschaftspolitische Auflagen
Verschuldung im Ausland
gebunden.
private Gläubiger
Folgende Entwicklungen bedeuten eine
staatliche Gläubiger Schwächung der traditionellen Kreditge-
Mittel- und Osteuropa,
M i l l i a rd e n US - D o l l a r Türkei, Zentralasien ber Weltbank und Internationaler Wäh-
rungsfonds (IWF).
Guthaben der Reichen aus den
Entwicklungsländern bei den • In Ostasien haben die größten Wirt-
Banken der Industrieländer 980 Ostasien schaftsmächte die Chiang-Mai-Initiative
460
verabschiedet, die eine Zusammenarbeit
Lateinamerika
290 660 der Zentralbanken ermöglicht, um ge-
260 450 meinsam auf eine mögliche Krise zu rea-
400 Nordafrika
40
und Naher Osten gieren. Ein derartiges Abkommen hatte
110 360 80 Washington in der Rubel- und Südost-
400 60 asienkrise von 1997/98 noch verhindern
490 160 190
130 230 Südasien können. Im Mai 2009 beschloss die
Afrika Chiang-Mai-Initiative, einen regionalen
Krisenfonds von 90 Milliarden Dollar
einzurichten.
Si eh e au ch Kar te au f Sei te 61 • Staatsfonds bilden eine neue Kapital-
quelle für die privaten Unternehmen des
Südens (siehe auch Seite 60/61) und ma-
chen der eigens gegründeten Weltbank-
Tochter International Finance Corporati-
on (IFC) Konkurrenz.
• In Lateinamerika stören mehrere regio-
nale Initiativen die Großmächte. Über das
Abkommen Petrocaribe verkauft Venezu-
ela sein Erdöl unter dem Weltmarktpreis
an viele Länder der Region und vergrößert
deren Raffineriekapazitäten. Die Boliva-
Bolivarianische Alternative für Amerika (ALBA), Dezember 2004 rianische Alternative für Amerika (ALBA),
Vereinbarung zur wirtschaftlichen, sozialen und wissenschaftlichen Zusammenarbeit, teils ein Bündnis zwischen Venezuela, Kuba,
auf Tauschbasis. 2008 Gründung der ALBA-Bank, 2009 Ankündigung einer gemeinsamen
Währungseinheit »Sucre« Bolivien und sechs weiteren Staaten, funk-
Chiang-Mai-Initiative (CMI), Februar 2003 tioniert teilweise als Tauschhandel. So
Erlaubt finanzielle Zusammenarbeit zwischen asiatischen Zentralbanken bei Finanzkrisen; leisten 20 000 kubanische Ärzte gratis me-
im Mai 2009 Gründung eines auf der CMI basierenden Krisenfonds
dizinische Versorgung für die venezola-
Bank des Südens, Dezember 2007
Südamerikanische Alternative zu Weltbank und IWF nische Bevölkerung, und in Kuba wurden
Petrocaribe, Juni 2005 50 000 Augenoperationen kostenlos bei
Abkommen zwischen Venezuela und karibischen Staaten zum Bezug von Öl zum Vorzugspreis,
2008 Ankündigung eines Agrarfonds aus venezolanischen Ölexporterlösen venezolanischen Patienten durchgeführt.
Als Gegenleistung gab es Erdöl.

62
Milliarden US-Dollar, 2008
700

600

500

400
Grossbritannien

Niederlande 300
Belgien
China Luxemburg
Bermudainseln (Grossbr.) 200

Russland Japan Norwegen

Schweden 100

Kanada Deutschland
Irland Polen
Kasachstan
Frankreich 0
USA Spanien Italien Türkei
Hongkong Marokko
Südkorea
Indien Taiwan Schweiz Ägypten
Mexiko
Thailand Golfstaaten und Naher Osten
Philippinen Virgin Island (Grossbr.)
Singapur Venezuela
Malaysia
Andere Steuerparadiese in der Karibik
Indonesien Brasilien
Rest der Welt
Botswana
Chile
Uruguay Südafrika
Argentinien

Geldgeber: Wer den USA ihre Staatsanleihen abkauft

• 2007 haben sieben lateinamerikanische Ausbeutung der Rohstoffquellen vor allem www
Staaten (Argentinien, Bolivien, Brasilien, den nationalen Interessen Pekings. Und Institutionen:
www.worldbank.org
Ecuador, Paraguay, Uruguay und Vene- die Zentralbanken vieler Schwellenländer www.im.org
zuela) die Bank des Südens gegründet. kaufen weiterhin Staatsschuldverschrei- www.ifc.org
Unstimmigkeiten zwischen den Regierun- bungen der USA. Dabei sollten sie ihre www.adb.org (zur Chiang-Mai-Initiative)
www.alternativabolivariana.org
gen verzögern allerdings den Beginn ihrer Währungsreserven besser für eine eigene
Washington Consensus:
Geschäftstätigkeit. Wirtschafts- und Sozialpolitik einsetzen, www0.gsb.columbia.edu/ipd/pub/
Weitere Anzeichen für ein neues Selbst- die ihrer Entwicklung nützt und neue Kre- barcelonaINTROjes11_8.pdf
bewusstsein sind die teilweise Verstaat- dite im Ausland überflüssig macht.
lichung der Rohstoffgewinnung in Vene-
zuela, Bolivien und Ecuador, im November
2007 der Austritt Boliviens aus dem ICSID Wie viel verleiht der IWF? Rekordschulden im Norden
(International Centre for Settlement of In-
vestment Dispute), einem Schiedsgericht Milliarden US-Dollar Milliarden US-Dollar
120 50 000
der Weltbank mit Sitz in Washington zur Gesamtverschuldung der USA
Beilegung von Investitionsstreitigkeiten, (Staat, Haushalte, Unternehmen)
und die beginnende Diskussion über die 100 Rückzuzahlende Staatsschulden
40 000
der Entwicklungsländer 2007
Gründung eines eigenen, von der Welt-
bank unabhängigen ICSID des Südens. 80 Staatssschulden der USA,
der EU und Japans
Auch die Ausweisung des ständigen Ver- 30 000
treters der Weltbank aus Ecuador und die Börsenverluste 2008
60
Ankündigung der Regierung, ihren Schul-
20 000
dendienst auszusetzen oder zu verringern,
40
zeugen vom neuen lateinamerikanischen Staatsschulden
Selbstbewusstsein. der USA
10 000
Diese Initiativen sind zwar ermutigende 20

Zeichen, ändern aber nichts an den be-


kannten Spielregeln. So dienen die von 0 0
1998 2000 2002 2004 2006 2008 Staatsschulden Deutschlands
China unterzeichneten Abkommen zur

63
Geld-Wechsel in der Weltwirtschaft
Noch kann der Euro dem Dollar zu vertreten. Wim Duisenberg, der erste Dazu kam der schwer zu quantifizierende
seinen ersten Platz in der Präsident der Europäischen Zentralbank Prestige- und Glaubwürdigkeitsverlust der
(EZB), bezeichnete den Euro denn auch als USA unter Präsident Bush;
Weltwirtschaft nicht streitig
»Trumpf für ein starkes Europa«. Die zu • die Besorgnis über die gewaltigen Über-
machen. Aber die Leitwährung Hochzeiten des Neoliberalismus gegründe- schüsse Chinas im Handel mit den USA.
verliert zusehends ihre alte ten europäischen Währungsinstitutionen Alle chinesischen Exporte in die USA müs-
Dominanz. Ursachen sind der waren ohnehin dazu angetan, die Märkte sen schließlich entweder durch Gegen-
zu begeistern. Die EZB, deren Hauptziel da- exporte oder in Geld bezahlt werden. Er-
Irakkrieg, die Schuldenpolitik und
rin bestand, die Inflation zu bekämpfen, gebnis ist ein Staatsschatz für Peking von
der Vertrauensverlust in die war noch unabhängiger von den Regierun- 1 800 Milliarden Dollar, den chinesische
Weltmacht USA. gen des Alten Kontinents als die Federal Politiker schon als »finanzielle Atom-
Reserve von der US-Administration. bombe« bezeichnen. Denn wenn sich die
Doch entgegen den Erklärungen der po- Spannungen zwischen den beiden Län-
litisch Verantwortlichen und den Vorher- dern verstärken, könnte China beispiels-
sagen der Experten fiel der Wert der euro- weise beschließen, den Markt mit Dollars
päischen Gemeinschaftswährung in den zu überschwemmen, wobei der Absturz

D er Euro, die neue Währung, die 1999


von 11 der 15 Staaten der Europä-
ischen Union beschlossen wurde – inzwi-
ersten Jahren ihrer Existenz beträchtlich.
Ab 2002 erlebte der Euro jedoch einen
langsamen Kursgewinn, der sich 2004 be-
des Dollarkurses jedoch den Wert der ver-
bleibenden Devisenbestände mindern
würde;
schen gilt er in 16 von 27 Mitgliedsländern schleunigte und am 22. April 2008 einen • die hohen Kosten für Energie und Roh-
–, präsentiert sich als ernstzunehmender Höhepunkt bei 1,60 Dollar erreichte. Vier stoffe. Sie haben die US-amerikanische
Konkurrent für den Dollar. Der Wert des Faktoren erklären die nach wie vor andau- Wirtschaft und damit den Dollar ge-
Euro im Vergleich zum Dollar sollte theo- ernde Schwäche des Dollar: schwächt und ihn als internationale Han-
retisch die Stärke der EU im Vergleich zum • die Kosten des militärischen Engage- delswährung unattraktiv gemacht;
Wirtschaftsriesen USA widerspiegeln. ments der USA nach den Anschlägen vom • die Finanzkrise in den USA, die in eine
Die europäischen Regierungen schienen 11. September 2001. Der Irakkrieg könnte Rezession mündet und das Misstrauen
zunächst das Prinzip eines starken Euro allein etwa 3 000 Milliarden Dollar kosten. gegenüber dem Dollar verstärkt.

Asiens reicher Devisenschatz

China
Polen Russland
Norwegen
Deutschland Dänemark Japan
Niederlande Schweden
Tschechien
Kanada Grossbritannien Rumänien
Belgien Ukraine Südkorea
USA Spanien Türkei
Marokko Jordanien Hongkong
Schweiz Israel Taiwan
Italien Bulgarien Philippinen
Kroatien Indien
Slowakei Thailand Malaysia
Kolumbien
Brasilien Singapur
Peru Indonesien
Devisenreserven
Mrd. US-Dollar Australien
Argentinien 1800
Uruguay Südafrika
Chile 1000
Zentralbankreserven nach Währungen
1999 = 100 500
Neuseeland
600
Andere 150
500 30
400

300 Zusammensetzung der Devisenreserven


US-Dollar
Euro von 64 Ländern, die diese Angaben dem Internationalen Währungsfonds
200 melden. Das stärkere Ansteigen anderer Währungen (u. a. britische Pfund,
100 Schweizer Franken, Yen, aber auch Währungen von Schwellenländern) stellt
Globalisierungseffekte dar. Dollarreserven bleiben weltweit dominant.
1999 2000 2002 2004 2006 2008

64
Japanischer Yen
US-Dollar
Russischer Rubel

Hongkong-Dollar
Chinesischer Yuan
Euro

Indische Rupie

Brasilianischer Real
Zahlungsmittel mit internationaler Bedeutung

Franc CFA US-Dollar, offizielles Zahlungsmittel


An den US-Dollar gebundene Währungen
US-Dollar als Nebenwährung (Angaben unsicher)
Eurozone
Ländergruppen außerhalb des Dollar- und Euroraums Künftige Mitglieder der Eurozone
mit zusammenwachsenden Volkswirtschaften und/oder Länder außerhalb der Eurozone,
Optionen auf gemeinsame Währungen Euro als Zahlungsmittel
Südafrikanischer Rand An den Euro gebundene Währungen
Mercosur Gemeinsamer Markt Südamerikas
Euro als Nebenwährung
Ecowas Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft
Gemeinsame Währung ECO der Westafrikanischen
Comesa Gemeinsamer Markt für das Östliche und Südliche Afrika Währungszone (WAMZ), für Ende 2009 geplant
Asean Verband Südostasiatischer Nationen Wachstumsländer Brasilien, Russland, Indien
SADC Südafrikanische Entwicklungsgemeinschaft und China mit erstarkenden Währungen

Währungszonen der Welt

Trotz der offiziellen Reden über die Poli- teil ihrer Währungsreserven zur Gründung peldefizit bei Haushalt und Handel ein-
tik des »starken Dollar« waren einige US- von Staatsfonds zu verwenden, die nicht in fach zu gewaltig.
Politiker sicher nicht unzufrieden über Dollar rechnen.
dessen Wertverlust, ist doch eine schwa- Die Konsequenzen solcher Entscheidun- www
che Währung ein Trumpf ebenso für den gen machen sich bereits bemerkbar. Zwi- www.ecb.int
www.federalreserve.gov
Export wie für die Rückzahlung beträcht- schen 2003 und 2007 ist der Euro-Anteil www.bis.org
licher Schulden, wenn diese auf Dollar der Einlagen der Zentralbanken von 18 auf
lauten und mit Exporten in Hartwährungs- 26 Prozent gestiegen. Der Dollar-Anteil
länder bezahlt werden können. schrumpfte zugleich von 73 auf 66 Pro- Wechselkurs Euro/Dollar
Der Dollar hat auch gegenüber Währun- zent. In den kommenden zehn bis fünf-
gen wie dem Yen, dem Pfund Sterling, dem zehn Jahren könnte der Dollar seine Stel- Wert des Euro in US-Dollar
1,6 15. 7. 2008:
Schweizer Franken oder dem kanadischen lung als Leitwährung an den Euro verlie- 1 Euro = 1,60 US-Dollar
Dollar nachgegeben. Jetzt ist Diversifizie- ren, ebenso wie einst der Dollar das Pfund 1,5
Beginn der Kreditkrise
rung angesagt: Russland hat bereits eine Sterling verdrängt hatte.
1,4 Beim Euro-Start:
Umschichtung eines Teils seiner Wäh- Diese monetäre Ausrichtung schafft 1 Euro = 1,17 US-Dollar
rungsreserven hin zum Euro angekündigt. neue Möglichkeiten und bringt neue Pro- 1,3 Einführung
Saudi-Arabien und einige Golfstaaten, die bleme hervor, auf die Banker und Speku- von Scheinen
und Münzen
ihre Währung an den Dollar gebunden hat- lanten auf oft unvorhersehbare Weise rea- 1,2

ten, denken laut darüber nach, ihre natio- gieren. George W. Bush hatte in seiner 11. September
1,1
nalen Zahlungsmittel nach dem Vorbild Amtszeit vergeblich, aber unermüdlich er-
Kuwaits auf einem Korb verschiedener klärt, er werde die Politik des »starken Dol- 1,0
Währungen basieren zu lassen und neue, lar« fortsetzen. Barack Obama hat eben-
0,9
gemeinschaftliche Münzen und Bankno- falls Initiativen in dieser Richtung ange- 26. 10. 2000:
ten einzuführen. Zahlreiche Staaten ha- kündigt. Noch ist allerdings nicht viel pas- 0,8
1 Euro = 0,83 US-Dollar
1999 2001 2003 2005 2007 2009
ben beschlossen, einen beträchtlichen An- siert. Dazu ist das US-amerikanische Dop-

65
Mehr Geld als Waren in der Welt
Der globale Handel steigt schneller 2007 stieg das globale Handelsvolumen auch das für Finanzanlagen. Der Bestand
als die globale Produktion – und noch um jährlich fast 5 Prozent, das weltweite an ausländischen Direktinvestitionen lag
BIP hingegen nur um knapp 3 Prozent. Die 2006 bei 1 216 Milliarden Dollar, etwa
stärker wächst der internationale
Wirtschaftskrise wird daran nicht viel än- 3 Prozent des weltweiten BIP. Die bei wei-
Kapitalmarkt. Viele Unternehmen dern. Im von der Krise bereits betroffenen tem größten Kapitalanlagen kommen
der armen Länder sind von der Krise Jahr 2008 wuchsen beide Werte noch um zwar aus den Industrieländern, aber der
weniger betroffen als die der reichen. 3 Prozent. Für 2009 prognostiziert der In- Anteil der Entwicklungsländer wächst.
ternationale Währungsfonds einen Rück- Von 10 Prozent zwischen 1995 und 2000
gang des globalen BIP um 1 Prozent, wäh- stieg er auf 14 Prozent im Jahr 2006. Das
rend der Welthandel um 11 Prozent auf zeugt von einer beginnenden Umkehr der
den Stand von 2006 schrumpfen soll. 2010 Nettoströme vom Süden in den Norden,
dürften beide Werte um etwa 1 Prozent wie etwa am Kauf von Stahlwerken in den
steigen. Danach wird der Handel dem BIP Industrieländern durch den indischen

D ie Globalisierung zeigt sich unter an-


derem darin, dass der internationale
Handel schneller wächst als die weltweite
wohl wieder davonziehen.
Die Intensivierung des Handels geht mit
einer verstärkten Internationalisierung
Mittal-Konzern zu erkennen ist. Vor allem
aber belegt es die verstärkte regionale Inte-
gration in Asien. Es investieren nicht mehr
Wirtschaftsleistung, also das Bruttoin- des Kapitals einher. Dies betrifft sowohl nur Japan und Südkorea in ihren Nachbar-
landsprodukt (BIP) der Welt. Von 1983 bis das Geld für produktive Investitionen als ländern, sondern das Kapital fließt nun
auch in die andere Richtung.
Der Schwerpunkt der weltweiten auslän-
Die beliebtesten Länder für Direktinvestitionen dischen Direktinvestitionen liegt aber wei-
ter im Nord-Nord-Geschäft, auf das rund
55 Prozent entfällt. Die EU ist dabei viel
1980 stärker in den Weltmarkt integriert, als es
die USA sind. Im Zeitraum von 2000 bis
2006 lag der Zufluss ausländischer Investi-
tionen in die EU bei 22 Prozent der inlän-
dischen Investitionen, in den USA waren
es nur 8 Prozent.
Eine Studie der Unternehmensberater
Ernst & Young erklärt das noch relativ jun-
ge Phänomen des schnellen Wachstums
der Investitionsströme in die Schwellen-
länder. 2007 gehörten 221 Unternehmen
aus Schwellenländern – davon 117 aus den
BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien
und China) – zu den weltweit 1 000 größten
Unternehmen. Ihr Anteil am Wert aller Ak-
Belgien
Niederlande tien dieser 1 000 Unternehmen betrug 2007
Schweden 19 Prozent; noch im Jahr 2000 waren nur
Grossbritannien
Russland 2007 5 Prozent der Börsenkapitalisierung auf
Kanada Deutschland
Firmen aus den BRIC-Staaten entfallen.
Irland Der Umsatz der Konzerne aus den
USA Schweiz China
Frankreich Schwellenländern steigt schneller, ihr
durchschnittlicher Betriebsgewinn ist hö-
Spanien Italien Hongkong her (25 Prozent im Vergleich zu 14 Prozent
im Westen) und ihre Börsenkurse sind zwi-
schen 2001 und 2007 doppelt so schnell ge-
Brasilien
Singapur
stiegen wie die westlicher Unternehmen.
Das ist der Bumerangeffekt der Globalisie-
Australien
rung, der die Überlegenheit der Multis aus
2000
dem Norden in einigen Sektoren infrage
1000
stellen könnte. Denn die Konzerne der
300 Schwellenländer werden weiter aufholen,
100
1 und weniger weil die Wirtschaftskrise die Märkte des
Ausländische Direktinvestitionen in Mrd. US-Dollar, Summe ohne Abschreibungen
Südens deutlich weniger stark trifft als die
des Nordens.

66
Ein beschränkter Teil der internatio-
nalen Investitionen erfolgt in Form von Defizit
Verlagerungen existierender Produktions- – 900 – 800 – 700 – 600 – 500 – 400 – 300 – 200 – 100 0

stätten. Insgesamt sind davon seither USA


nicht so viele Arbeitsplätze betroffen, wie
in Milliarden US-Dollar, 2006 EU-27
in den Industrieländern neu geschaffen
werden. Bedeutsamer, aber schwerer ein- Grossbritannien
zuschätzen ist die Nichtansiedlung, also Spanien
die sofortige Investition im Ausland. Be-
sonders Exportländer wie Deutschland 0 Indien
müssen aber hinnehmen, dass ein Teil der Frankreich
Arbeitsplätze den Waren dorthin folgt, wo
Türkei
sie gekauft werden.
Durch die Globalisierung geraten die Iran
Arbeitnehmer in eine weltweite Lohnkon- Niederlande
kurrenz, die zum nahezu weltweiten Sin-
Ver. Arab. Emirate
ken des Anteils der Arbeitseinkommen am
BIP beiträgt. Dieser Rückgang ist umso un- 500
Norwegen
ausgewogener, weil die Beschäftigten in Russland
den Schwellenländern auch nichts von der
Saudi-Arabien
Umkehr der Nettokapitalströme haben:
Zwar finanzieren die asiatischen Schwel- Deutschland
lenländer und Russland den größten Teil
China
des Handels- und des Haushaltsdefizits
0 100 200 300
der USA, doch kommen die Zinsen darauf
nicht den Beschäftigten, sondern den In- Überschuss
1000
vestoren in US-Staatspapiere und den devi-
senhortenden Regierungen der asiati- Defizite und Überschüsse im weltweiten Warenhandel
schen Exportländer zugute.
So trägt auch die desolate wirtschaft- Beschäftigung und Umstrukturierung in Europa
liche Lage der USA zur »Finanzialisierung«
bei, dem Umstand, dass Erträge aus Fi-
nanzanlagen inzwischen die Erträge aus Geschätzte Arbeitsplatzverluste
in Tausend, bis 2010, akkumuliert nach Ankündigungen zwischen Januar 2002
der realen Warenproduktion übersteigen. und Januar 2009 – noch im Anfangsstadium der Wirtschaftskrise – durch:
Mit anderen Worten: Es gibt mehr Geld als 1500
Waren in der Welt.
Das internationale Bankensystem und
die Investoren erfüllen tatsächlich die
Funktion, den nicht in die reale Wirtschaft
firmeninterne Umstrukturierung
investierten Profit zu recyceln und das
Gleichgewicht der Zahlungsbilanzen zu si-
chern. Aber die Finanzialisierung ist auch
eine Quelle chronischer Instabilität, weil 2000
das Geld ständig auf der Flucht vor zu ho-
hem Risiko und auf der Suche nach höhe-
rer Rendite ist. Dies führt zu immer neuen
finanziellen Erschütterungen, die seit
fünfzehn Jahren eine ganze Reihe von Staa-
ten erfasst haben. Nachdem diese Erschüt-
terungen diesmal quasi von sich selbst –
Konkurs und Betriebsschließung
nämlich dem Bankensystem – ausgingen,
2500
münden sie nun in einer allgemeinen
Wirtschafts-, Handels- und Sozialkrise.

Standortverlagerung ins Ausland


www Rationalisierung nach Firmenaufkäufen
Finanzialisierung:
www.peri.umass.edu/fileadmin/pdf/working_papers/ Standortverlagerung im Landesinneren
working_papers_151–200/WP153.pdf
Ausgliederung an Unterauftragnehmer
Umstrukturierung: 3000
www.eurofound.europa.eu/emcc/ Andere
Direktinvestitionen:
www.unctad.org/en/docs/diaeia20093_en.pdf

67
Der Neoliberalismus belohnt
seine Fürsprecher
Die Firmengewinne kommen
in den USA zunehmend den Japan Deutschland USA
Aktionären und Spitzenmanagern Bereinigte Lohnquote
(Anteil der Arbeitnehmerentgelte am
zugute. Für die allermeisten Volkseinkommen), aus der u. a. der
64,5 62 , 4 66,3 Strukturwandel der Landwirtschaft
Beschäftigten hingegen herausgerechnet ist; Landwirte gelten als
Selbstständige. Nicht berücksichtigt sind
hat sich die Lage seit langem u. a. Aktien- und Fondsdividenden sowie
Zinseinnahmen in Arbeitnehmerhaushalten
nicht verbessert. - 15,9 % - 9,6 % -3%

Arbeitsentgelte Verluste 1976–2006 Einkommen aus Unternehmen und Vermögen

Der Niedergang des Lohnanteils

D ie ersten Jahrzehnte nach dem Zwei-


ten Weltkrieg wurden in vielerlei Hin-
sicht als gesellschaftlicher Fortschritt be-
sozialen Sicherung und im Bildungssek-
tor. Aber es herrschte nicht nur Optimis-
mus. Die Verschmutzung von Luft und
ralismus in den USA bis heute stärker aus-
geprägt als in Frankreich, Italien oder
Deutschland. Nur Großbritannien orien-
griffen. Zahlreiche Arbeitskämpfe in den Wasser wurde langsam zum Thema, die tierte sich nach bitteren gesellschaftli-
meisten westlichen Industrieländern mün- Welt hatte Angst vor dem Atomkrieg und chen Auseinandersetzungen am rigiden
deten in Kompromisse zwischen Kapital- die Entkolonialisierung brachte eine Vorbild der USA.
besitzern und Beschäftigten. Die Weltwirt- Welle von Kriegen nach Afrika und Asien. Für Frankreich sind die Folgen der Libe-
schaftskrise von 1929 und der Krieg hatten Die Wirtschafts-, Währungs- und Ölkri- ralisierung gründlich erforscht. Die Kapi-
eine nachhaltig traumatische Wirkung, sen der 1970er-Jahre bedeuteten das Ende talrendite – also der Profit vom eingesetz-
doch folgte auf den Wiederaufbau nach der Kompromisse und machten den Weg ten Kapital, nicht vom Umsatz – von Fir-
1945 in vielen Ländern eine längere Phase für den Neoliberalismus frei. Der Druck men, die keine Privateigentümer mehr be-
der Vollbeschäftigung und des Wohl- auf Werktätige und Manager stieg, um die saßen, fiel in den Strukturkrisen von 1974
stands. Der Einfluss der UdSSR und der Rentabilität und die Wertschöpfung für bis 1982 um 9 Prozent und wuchs danach
kommunistischen Parteien in Europa, der die gesichtslosen Aktionäre zu steigern, wieder um mehr als 12 Prozent. In den
nach 1945 zunahm, bot westlichen Demo- die die alten Familienkapitalisten ablös- 1990er-Jahren gab es einen gegenüber den
kratien wie Frankreich und Italien einen ten. Die Handelsschranken mussten fal- 1970er-Jahren, also der Zeit vor dem Neo-
Gegenentwurf zu konservativen Gesell- len, um die unbegrenzte Mobilität des Ka- liberalismus, jahresdurchschnittlich fast
schaftsmodellen. Zudem sorgten harte, pitals zu erlauben, die in die neoliberale 3 Prozent höheren Gewinn.
aber erfolgreiche Arbeitskämpfe in vielen Globalisierung mündete. Da der sozial- Vergleicht man die Struktur der Erträge
Ländern für höhere Einkommen, eine Ver- demokratische Kompromiss der Nach- von Kapitalgesellschaften (außerhalb des
kürzung der Wochenarbeitszeit und im kriegszeit in Europa weiter ging als in den Finanzsektors) in den USA und in Frank-
weiteren Sinne für Verbesserungen bei der USA, sind die Charakteristika des Neolibe- reich zwischen den 1970er- und den

Spitzenverdiener in den USA

Anteil des einkommensstärksten einen Prozent


am Gesamteinkommen der US-Haushalte Zusammensetzung des durchschnittlichen Einkommens von Topmanagern in den USA
in Prozent Millionen US-Dollar (2007)
25 16

14
20 Prämien und geldwerte Vorteile
12 Gehalt
15 10 Wert von Aktienoptionen
8
10 6

4
5
2

0 0
1910 1930 1950 1970 1990 2005 1989 1991 1993 1995 1997 1999 2001 2003 2005 2007
1920 1940 1960 1980 2000 1990 1992 1994 1996 1998 2000 2002 2004 2006 2008

68
Grundlage: Unternehmen außer Finanzinstitutionen Dividenden und Rückzahlungen
nicht ausgeschüttete Gewinne
90 Prozent der Beschäftigten die bestbezahlten 10 Prozent der Beschäftigten, teils gewinnabhängig

1998–2007 57 30 2 11
Löhne und Gehälter
Unternehmensgewinne
1970–1979 64 23 5 8

0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 %

Einkommen in den USA: Löhne und Gehälter im Vergleich zu Unternehmensgewinnen

1990er-Jahren, zeigen sich aufschlussrei- ten – an die Aktionäre ausgeschütteten – Ge- auf das am Kapitalmarkt mit seinen Kurs-
che Ergebnisse. Diese Erträge können in winne. Die anteilsmäßigen Kosten für die schwankungen eingesetzte Investment.
vier Komponenten aufgeteilt werden: Ge- 10 Prozent Spitzenverdiener sanken in glei- Der somit erreichte Anstieg der oberen
hälter und Sozialabgaben mit Ausnahme chem Maße wie die für die anderen Gehalts- Einkommen wird besonders in den Steuer-
der 10 Prozent bestbezahlten Angestellten, empfänger. Doch während sich in Frank- statistiken der USA sichtbar. Vor dem
Bezüge dieser 10 Prozent, Ausschüttungen reich das Kaufkraftwachstum mit dem Neo- Krieg verdiente das oberste Prozent der US-
an die Aktionäre sowie vom Unternehmen liberalismus bei allen Einkommensgrup- Haushalte 17 Prozent der Gesamteinkom-
einbehaltene und reinvestierte Profite. pen nur verlangsamt hat – höchst ungleich menssumme. Bis 1975 fiel dieser Anteil
Diese vier Komponenten stehen in einem allerdings –, stagniert es in den USA bei den auf 9 Prozent. Der neoliberale Aufschwung
Wechselverhältnis zueinander: Innerhalb 90 Prozent weniger gut bezahlten Angestell- erfolgte rasend schnell, denn um das Jahr
von zwanzig Jahren stiegen in den USA die ten seit 1970 gänzlich, während die Besser- 2005 herum überstieg dieser Anteil die
Ausschüttungen an die Aktionäre und an- verdiener reich wurden. 20-Prozent-Marke. Eine analoge, wenn
dere Geldgeber von 7,5 auf 10,5 Prozent Noch größere Veränderungen zeigten auch weniger ausgeprägte Tendenz lässt
der Erträge, während die Investitionen aus sich bei der Entwicklung der Börsenkurse. sich in Frankreich erkennen. Die Entwick-
dem erzielten Gewinn halbiert wurden. Inflationsbereinigt lässt sich ein allmähli- lung in Großbritannien dürfte derjenigen
Eine neue Aufteilung wird auch bei den cher Anstieg zwischen der Krise in den in den USA folgen, die in Deutschland der
Gehältern sichtbar. Die 10 Prozent best- 1970er-Jahren und 1995 beobachten. in Frankreich.
bezahlten Angestellten erhielten in den Dann kam bis 2000 die Explosion der
1970er-Jahren 23 Prozent der Gehalts- »New-Economy-Jahre«. Zwischen Mitte der
summe, in den 1990er-Jahren waren es 1970er-Jahre und dem Jahr 2000 versechs-
30 Prozent. Der Höhenflug der Spitzenge- fachten sich die Kurse. Seitdem haben die
hälter ist auch in absoluten Zahlen spekta- Krisen von 2001 und 2007 zu massiven Tur-
kulär, besonders bei den Unternehmens- bulenzen bei der Kursentwicklung ge- www
chefs (CEOs). 2007 erhielten die 500 best- führt. Im Verkaufswert von Aktien haben Frankreich/USA:
bezahlten CEOs in den USA durchschnitt- die Dividenden ihre einstige zentrale Be- www.inegalites.fr
www.jourdan.ens.fr/levy
lich je 16 Millionen Dollar im Jahr, davon deutung verloren. An ihre Stelle ist die Er- www.jourdan.ens.fr/piketty
mehr als 7 Millionen in Form von Aktien- wartung künftiger Börsenkurse getreten. US-Steuerstatistiken:
optionen. Reich werden Aktionäre nicht mehr durch www.irs.gov/taxstats
Deutschland:
In Frankreich stiegen sowohl die einge- ihre Rendite auf das in der Firma einge- www.diw.de
zahlten – investierten – wie die ausgezahl- setzte Kapital, sondern durch die Rendite www.boeckler.de

Deutschlands Reiche werden immer reicher 61,1


57,9

Vermögen Vermögenswachstum
in Prozent in Prozent, 2002–2007
50
reichste reichste reichstes
Die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung 10 Prozent 5 Prozent 1 Prozent
besitzen 60 Prozent aller Vermögen
40 + 13,4
2007 Westdeutschland
+ 9,2 + 10,0
2002
Jedes Zehntel entspricht etwa 7 Millionen
30 Personen; Schulden sind von den Vermögen + 6,4 + 6,1
Ostdeutschland
bereits abgezogen + 4,6

20 Deutschland

10 10 Prozent der Bevölkerung mit


dem niedrigsten Einkommen - 8,7
- 1,2 - 1,6 -11,7 Ostdeutschland:
meist Preisverfall
- 14,1
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 von Eigenheimen

69