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Vorsokratiker

Die Vorsokratiker waren Aufklärer. Heute glauben wir uns in einer aufgeklärten Gesellschaft, doch wir lieben die
Helligkeit nicht. Wir lieben selbst nicht die Dunkelheit, denn wir fürchten uns vor beiden. Wenn wir überhaupt
noch etwas lieben, dann uns selbst: das Subjekt und das Objekt der Liebe in einem. Doch das einzige, was an uns
heute liebenswürdig wäre, ist gerade diese Selbstliebe. Wir verschmähen niemanden, der uns liebt, weil wir Liebe
brauchen. Also lieben wir uns zurück. Das ist das einzige Schicksal des heutigen Menschen. Zur egoistischen
Weltvergessenheit verurteilt, frönt er sein Leben bis zum Ableben, und seine einzige Liebe steckt in einem
Teufelskreis fest. Es ist eine Fron an die Ausweglosigkeit eines einsamen Einweglebens.
Also die Liebe zu uns selbst ist nicht aufrecht, sie ist denn nicht wahrhaftig, sondern entartet, entfremdend und
falsch.
Vielleicht war es zuviel der Aufklärung. Wir dachten sie uns als ungeheure Kläranlage, die uns von unseren
Lastern reinigt. Ihre Methode klang viel versprechend: Vernunft lautete das Ent-Zauberwort.
Als pathologische Maßnahme verbannte sie Leid und Leidenschaft in die Un-Reiche der Tiere und Götter.
Das Leid fand zurück zum Menschen, doch Gott lässt die Leidenschaft nicht wieder frei.
Nur manchmal in der Peripherie, abseits des zivilisatorischen Zentrums, lässt sie sich noch blicken. Gott lässt sie
dann von der Leine, beruhigt, dass ohnehin kein Mensch sie erkennen, geschweige denn auf sie anspringen würde.
Flugs wird sie verwechselt mit Unbedachtheit und Unruhe. Enttäuscht begibt sie sich freien Willens zurück zum
Herrn und verlässt das elende Menschengeschlecht.

Ihr wolltet ein Thesenblatt? Ja, gibt es ein schöneres Symbol der Aufklärung als ein Thesen-Blatt? Gutenberg,
Reformation und Wissenschaft in einem – nimm das, du Seele!

Bitteschön, die wichtigsten Fakten:

1. In der „Achsenzeit“ (Karl Jaspers) von etwa 800-200 v. Chr. denken Menschen in unterschiedlichen
Kulturkreisen über Welt und den Menschen nach.
2. Im griechischen Raum entsteht das so genannte vorsokratische Denken: eine Abkehr vom Homerischen
Mythos hin zur Objektivierung der Wirklichkeit (d.h. die Welt wird des Menschen Denk- und
Forschungsobjekt: Philosophie (und) Wissenschaft entstehen)
3. Thales von Milet war vielleicht der erste Philosoph und Naturwissenschaftler des Abendlandes. Wasser ist
der Urstoff (arché) der Welt.
4. Anaximander denkt abstrakt und stellt das apeiron an den Anfang. Das Unbegrenzte, Unendliche als
Quelle für die begrenzte, endliche Welt.
5. Pythagoras entdeckt die Bedeutung der Zahlen. Er wendet Mathematik erfolgreich auf die Welt an.
6. Heraklit bestreitet das Sein im Werden und begründet die Dialektik. Der Krieg als Vater aller Dinge
definiert den Frieden erst als sein Gegenpol.
7. Parmenides wiederum stellt das Werden in Frage. Es gibt nur eine Wirklichkeit (Monismus), es gibt kein
Nicht-Sein und unsere Sinne täuschen. Zenon erregt Aufsehen mit seinen paradoxen Schein-Beweisen der
Parmenides’schen Lehre.
8. Empedokles synthetisiert die arché-Bestrebungen in der Vier-Elementen-Lehre und fügt Liebe und Hass
als waltende Prinzipien hinzu. Aus diesem Dualismus ergibt sich ein dialektischer Weltenlauf. Außerdem
entwickelt er eine Evolutionslehre.
9. Leukipp und Demokrit erfinden das Atom, ein unteilbares Elementarteilchen. Der Materialismus ist ins
Leben gerufen, denn die Welt besteht im Innersten aus nichts anderem als aus Atomen.
10. Die Sophisten setzen das Wort gewinnbringend als Waffe im öffentlichen Leben ein. Der Fokus des
Denkens fällt auf den Menschen. Subjektivismus und (Werte-)Relativismus rechtfertigen eine egoistische
Lebens- und Denkweise, teilweise bis hin zu einem propagierten Recht des Stärkeren. Gleichzeitig wird
das demokratische Athen pluralistischer. Ein Agnostizismus im sokratischen Sinne macht sich breiter.
11. Der Weg ist bereitet für das Dreigestirn Sokrates, Platon und Aristoteles, das das europäische Denken und
Leben über die Kirche im Mittelalter mitbestimmen und auch aus neuzeitlichem Denken nicht
wegzudenken sein wird.