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NEUANFANG

Nach der friedlichen


Revolution wurde die junge
Republik jahrelang von
Gewalt erschüttert.
Sozialdemokraten gingen
im Bund mit den Militärs
brachial gegen die radikale
Linke vor.

Blutiger
Beginn
Von MICHAEL SONTHEIMER

Philipp Scheidemann ruft


vom Reichstag die „deut-
sche Republik“ aus;
bewaffnete Revolutionäre
in Berlin (r. o.); von
Regierungssoldaten
getötete Arbeiter
(März 1919)

uch Revolutionäre bekom- und skandieren „Nieder mit dem Kaiser, noch an eine parlamentarische Monar-

A men irgendwann Hunger.


Philipp Scheidemann sitzt
am 9. November 1918 um
zwei Uhr nachmittags in
der Kantine des Reichstags in Berlin-
Tiergarten. Der Abgeordnete der Mehr-
heitssozialdemokraten (MSPD) löffelt
nieder mit dem Krieg“.
Scheidemann, gedrängt von herein-
stürmenden Arbeitern und Genossen,
tritt schließlich auf den Balkon und
spricht zu den Massen. „Das Volk hat auf
der ganzen Linie gesiegt“, ruft er. „Der
Kaiser hat abgedankt“, und: „Es lebe das
chie. Er macht Scheidemann bittere Vor-
würfe, dass er voreilig die Republik aus-
gerufen hat. Dann löffeln sie weiter ihre
Kartoffelsuppe in der Reichstagskantine.
Über Scheidemann, Ebert und ihre
Genossen schrieb der rechte Kulturphi-
losoph Oswald Spengler Ende 1919: „Sie
zusammen mit seinen Genossen eine Neue! Es lebe die deutsche Republik!“ hatten plötzlich, was sie seit 40 Jahren
dünne Kartoffelsuppe. Tausende Demon- Aber was ist das Neue? Was würde an erstrebten, die volle Gewalt und empfan-
ULLSTEIN BILD

stranten ziehen um das Parlamentsge- die Stelle des alten Kaiserreichs treten? den sie als Unglück.“
bäude, die meisten von ihnen Arbeiter Scheidemanns Parteigenosse Friedrich Ganz so einfach war es nicht. Einer-
und Soldaten. Sie tragen rote Fahnen Ebert, Vorsitzender der MSPD, denkt seits reagierten nicht nur die modera-

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ten Sozialdemokraten ratlos auf das burg und der Kriegsgegner Karl Lieb- Kaiser Wilhelm II. hatte sich am 9. No-
Ende der Monarchie, alle politischen knecht, Sohn des SPD-Mitbegründers vember widerstrebend bereit erklärt ab-
Kräfte rangen um ihre Handlungsfähig- Wilhelm Liebknecht. zudanken, er hatte selbst bei den treues-
keit. Andererseits hatten die Sozialde- Zwei Stunden nach Scheidemanns ten Truppen den Rückhalt verloren. Nur
mokraten politische Konkurrenten, die Proklamation der Republik hielt Lieb- ein paar desperate Offiziere im Zentrum
ihnen die Macht von Anfang an streitig knecht seine Verkündigungs-Rede vor Berlins schossen, 15 Menschen kamen zu
machten. dem Berliner Stadtschloss. „Das Alte ist Tode. Die Revolution hatte ohne Kampf
nicht mehr“, rief er seinen Anhängern und größeres Blutvergießen gesiegt. Wie
Die aktivsten politischen Gegner zu. „Die Herrschaft der Hohenzollern, bei einer späteren deutschen Revolution,
der Mehrheitssozialdemokraten waren die in diesem Schloss jahrhundertelang der von 1989 in der DDR, war sie weniger
die Vertreter der radikalen Linken des gewohnt haben, ist vorüber. In dieser eine von Revolutionären geplante Um-
„Spartakusbundes“, darunter die aus Po- Stunde proklamieren wir die freie sozia- wälzung des politischen Systems als der
BPK (2)

len stammende Sozialistin Rosa Luxem- listische Republik Deutschland.“ Kollaps eines maroden Regimes.

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NEUANFANG

Der starke Mann der MSPD war ihr Otto Wels. Als jedoch Weihnachten nä- ter auf, sich in der Siegesallee zu versam-
Vorsitzender Friedrich Ebert, ein ge- her rückte und die Soldaten noch immer meln: „Erscheint in Massen! Um Großes
lernter Sattler, Journalist und geschick- nicht den geforderten Sold bekommen handelt es sich nunmehr! Nieder mit der
ter Parteiorganisator. Über die „soziale hatten, marschierte ein Teil von ihnen Regierung Ebert/Scheidemann!“
Revolution“ sagte er: „Ich aber will sie am 23. Dezember 1918 zum Reichskanz- Ein paar Hundert der rund 100 000,
nicht, ich hasse sie wie die Sünde.“ lerpalais und setzte dort zwei der sechs die aufmarschierten, hatten Waffen mit-
Ebert und seine Genossen hätten am Volksbeauftragten fest. Später nahmen gebracht, auch Maschinengewehre und
liebsten eine handverlesene Übergangs- die Soldaten den Stadtkommandanten ein paar Panzerautos. „Die Stimmung
regierung gebildet, doch allerorten ent- Wels in Gewahrsam. der Leute“, hieß es in einem Bericht der
standen jetzt Arbeiter- und
Soldatenräte. Im April 1917
hatten sich die Linken in der
SPD, die sich gegen die Unter-
stützung der Arbeiterpartei
für die Kriegspolitik des Kai-
serreichs gewandt hatten, ab-
gespalten; sie firmierten seit-
dem als Unabhängige SPD
(USPD) und zwangen nun die
MSPD, die Räte als Träger der
souveränen Macht anzuer-
kennen.
Gemeinsam bildeten die
Führungen der Schwesterpar-
teien einen Rat der Volksbe-
auftragten, in dem beide je-
weils drei Sitze hatten. Die
Mehrheitssozialdemokraten
wollten schnellstmöglich die
Wahl einer Nationalversamm-
lung, die dann eine Verfas-
sung ausarbeiten und be-
schließen sollte.
Bereits am Abend des 10.
November rief Generalleut-
nant Wilhelm Groener den So-
zialdemokraten Ebert auf ei-
ner geheimen Telefonleitung
in der Reichskanzlei an. Das
Mitglied der Obersten Heeres- Rosa Luxemburg 1914 in Berlin, Sozialistenführer Karl Liebknecht
leitung offerierte dem Sozial-
demokraten seine Loyalität und Unter- Die SPD-Volksbeauftragten Friedrich preußischen Regierung, „war außeror-
stützung, wenn dieser nur „den Bolsche- Ebert, Otto Landsberg und Philipp dentlich erregt.“ Der Anlass der Auf-
wismus“ bekämpfen würde, worunter Scheidemann befahlen daraufhin dem regung war die Absetzung des Berliner
die Militärs alle radikalen Linken ver- preußischen Kriegsminister, der noch Polizeipräsidenten Emil Eichhorn, eines
standen. im Amt war, den festgesetzten Otto Wels USPD-Mitglieds, durch den preußi-
mit Gewalt zu befreien. Am Morgen des schen Innenminister. ULLSTEIN BILD (L.); FOTOARCHIV JUPP DARCHINGER IM ADSD DER FES (R.)

Von heute aus betrachtet, lässt Heiligabend griffen die Regierungstrup- Doch es ging um mehr: Die schlecht
sich der Ablauf der Geschehnisse bereits pen mit Artillerie die Volksmarinedivi- organisierten radikalen Arbeiter auf der
als Vorgeschmack auf das Ende der ers- sion in Schloss und Marstall an, wurden Straße wollten die Revolution weitertrei-
ten deutschen Demokratie nach nur 14 aber zurückgeschlagen. ben, die Großindustrie sozialisieren,
Jahren deuten: Die ersten bewaffneten Die drei Vertreter der USPD traten wirkliche Veränderungen durchsetzen,
Auseinandersetzungen nach dem Ende nach den „Weihnachtskämpfen“ aus die Stützen des alten Systems entmach-
des Kaiserreichs brachen nicht zwi- dem Rat der Volksbeauftragten aus und ten. Rosa Luxemburg dagegen hielt den
schen Revolutionären und Vertretern überließen der MSPD, Ebert und seinen Zeitpunkt für eine sozialistische Revo-
des alten Regimes aus, sondern zwi- Genossen, das Feld. Ein großer Teil der lution noch nicht für gekommen.
schen radikalen Linken und gemäßigten radikalen Linken, die bislang als Sparta- Aktivisten besetzten spontan und mit
Sozialdemokraten. kusbund firmiert hatten, begründete Waffengewalt in der Nacht vom 5. auf
Die radikale Volksmarinedivision, Ende Dezember 1918 in Berlin die Kom- den 6. Januar 1919 den Redaktionssitz
rund 1500 Mann stark, sollte die Regie- munistische Partei Deutschlands (KPD). des Vorwärts, des Parteiblatts der MSPD,
rung schützen. Sie unterstand dem sozi- Zusammen mit der USPD rief ihre Füh- und die Redaktionsgebäude von weite-
aldemokratischen Stadtkommandanten rung die radikalen Genossen und Arbei- ren Zeitungen. Da Ebert und seine Re-

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gierung nicht über zuverlässige Truppen doch sie wurden verraten. Bewaffnete nun der Geist Goethes und nicht mehr
verfügten, kamen sie auf das Hilfsange- brachten sie zunächst in ein Hotel, dannder preußische Militarismus Deutsch-
bot der Obersten Heeresleitung zurück. eskortierten Freikorps-Soldaten sie ge- land beseelte. Die MSPD bildete zusam-
Bei einer Krisensitzung der MSPD- trennt in zwei Autos. Die Soldaten stie-men mit der liberalen Deutschen Demo-
Führung erklärte der gelernte Korbma- ßen Liebknecht aus dem Wagen und er- kratischen Partei (DDP) und dem katho-
cher und Journalist Gustav Noske: „Ich schossen ihn „auf der Flucht“, ein Leut-lischen Zentrum die Regierung, Fried-
bin der Meinung, dass nun mit Waffenge- nant tötete Rosa Luxemburg; ihre Lei- rich Ebert wurde von der National-
walt Ordnung geschaffen werden muss.“ che warfen sie in den Landwehrkanal. versammlung zum vorläufigen Reichs-
Friedrich Ebert entgegnete ihm: „Dann Erst vier Monate später wurde sie ge- präsidenten gewählt. Er beauftragte
mach du doch die Sache.“ Darauf seinen Parteigenossen Philipp
Noske, der als Volksbeauftragter Scheidemann mit der Regie-
für die Marine und das Heer fun- rungsbildung.
gierte: „Meinetwegen! Einer muss Doch vielen Arbeitern war die
der Bluthund werden, ich scheue nun erreichte parlamentarische
die Verantwortung nicht.“ Demokratie und auch die Einfüh-
rung des 8-Stunden-Tages nicht
Die Führer der MSPD sahen genug, sie traten für die Soziali-
lediglich zwei Alternativen, wie sierung ihrer Werke und Fabri-
es der Historiker Karl Dietrich ken in den Streik. Die Sozialde-
Erdmann formulierte: „die sozia- mokraten antworten mit Gewalt.
le Revolution im Bunde mit den Unter dem Oberbefehl von Noske
auf eine proletarische Diktatur zogen die im Kriege verrohten
hindrängenden Kräften oder die Freikorps-Soldaten durch ganz
parlamentarische Republik im Deutschland und hinterließen
Bund mit konservativen Elemen- eine schreckliche Blutspur. Sie
ten wie dem alten Offizierskorps“. warfen Aufstände nieder, darun-
Dieses Modell mag der zeitge- ter in Bremen, Cuxhaven, Wil-
nössischen Wahrnehmung ent- helmshaven, Mülheim, Düssel-
sprochen haben, doch die Gefahr dorf und Halle.
eines bolschewistischen Deutsch- Als Arbeiter in Berlin den Auf-
land existierte nicht. Die Anhän- ruf der KPD zu einem General-
ger der radikalen Linken waren streik befolgten, zog Noske
wenige, isoliert und schlecht or- 42 000 Soldaten in der Haupt-
ganisiert. Zwar sah der bolsche- stadt zusammen und gestattete
wistische Revolutionär Lenin in ihnen, jeden gegen Regierungs-
Deutschland den Schlüssel zur truppen kämpfenden Aufständi-
Weltrevolution. Doch das war schen auf der Stelle zu erschie-
eine Wunschvorstellung. Die ßen. Die Konterrevolutionäre
deutschen Räte waren von mode- nutzten den Befehl des SPD-
raten Sozialdemokraten und Ge- Konterrevolutionäre Gräuelpropaganda, 1919 Manns, um weit über tausend
werkschaftlern dominiert. Linksradikale zu ermorden. Die
Noske übernahm den Oberbefehl in funden. Noske hatte die politischen Verluste der Freikorps lagen bei rund
Berlin, und am 10. Januar 1919 eroberte Morde an der linken Konkurrenz zuvor 110 Mann.
die Brigade Reinhard das Hauptquartier abgesegnet.
der Spartakisten in Berlin-Spandau. Das Ansonsten herrschte in Berlin zu- Besonders brutal gingen die Frei-
Freikorps Potsdam setzte am Tag darauf nächst Ruhe. Bei den Wahlen zur „Ver- korps bei der Niederschlagung der
Artillerie und Flammenwerfer ein, um fassungsgebenden Deutschen National- Münchner Räterepublik vor. Den pazi-
die Kommunisten aus dem Redaktions- versammlung“ am 19. Januar 1919 kam – fistischen Anarchisten Gustav Landauer
gebäude des Vorwärts zu vertreiben. bei einer Wahlbeteiligung von 83 Pro- trampelten Soldaten am 2. Mai 1919 im
Fünf Parlamentäre, die eine friedliche zent – die MSPD auf 37,9 Prozent der Gefängnis Stadelheim zu Tode. Als die
Übergabe vereinbaren wollten, wurden Stimmen, die USPD auf 7,6 Prozent. Die Regierungstruppen die Macht wieder
festgesetzt und erschossen. Noske mar- Mehrheit aber lag bei den bürgerlichen vollständig übernommen hatten, wur-
schierte an der Spitze von 3000 Frei- Parteien. Die Linken hatten dafür ge- den 606 Tote gezählt, nur 38 gehörten
korps-Soldaten auf der Potsdamer Stra- sorgt, dass zum ersten Mal in Deutsch- zu Noskes Truppen.
ße ins Zentrum Berlins, das er anschlie- land Frauen wählen durften; die aber ga- Mit der Liquidierung der Münchner
ßend von Rebellen frei machen ließ. ben ihre Stimmen mehrheitlich konser- Räterepublik war die zweite Phase der
Mehr als 100 Rebellen kamen dabei zu vativen Parteien. Revolution an ihrem Ende angekommen
Tode, aufseiten der Freikorps fielen 13 Die Nationalversammlung trat erst- oder, wie es der Publizist Sebastian Haff-
PULFER / INTERFOTO

Mann. mals am 6. Februar 1919 in Weimar zu- ner formuliert hat, „der deutschen Re-
Karl Liebknecht und Rosa Luxem- sammen, um dem in Berlin befürchteten volution das Genick gebrochen“. Im
burg hatten sich in der Wilmersdorfer „Druck der Straße“ zu entkommen und Frühsommer 1919 herrschte Ruhe im
Wohnung eines Genossen versteckt, den Siegermächten zu suggerieren, dass Lande. Die Mehrheitssozialdemokraten

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hatten sich durchgesetzt, aber der Preis
war hoch. Die Gründer der Republik hat-
ten sich mit den Generälen des Kaisers
verbündet und die Stützen des alten Sys-
tems nicht angetastet, nicht einmal die
reaktionäre Justiz. Die Arbeiterschaft
war und blieb gespalten. Die Feindschaft
der radikalen Linken gegen die Republik
war unheilbar – bis zum Untergang der
Demokratie. Und die Sozialdemokraten
waren nun abhängig von den Generälen.
Das sollte sich rächen.
Am 7. Mai 1919 bekam die deutsche
Delegation in Versailles die „Friedensbe-
dingungen der alliierten und assoziierten
Regierungen“ ausgehändigt. Die meisten
deutschen Politiker und Journalisten rea-
gierten mit fassungsloser Wut.
Philipp Scheidemann sagte: „Welche
Hand müsste nicht verdorren, die sich
und uns in diese Fessel legt.“ Der Sozial- Antiparlamentarische Propaganda der Kommunisten, 1920
demokrat trat zurück, ebenso die Minis-
ter der liberalen DDP. Doch mangels Al- bedeutete der Vertrag die Auflösung. Die Warnungen vor einer konterrevolu-
ternative und angesichts einer drohen- durch Krieg und Bürgerkrieg entwurzel- tionären Verschwörung hatte Noske
den Besetzung des Reichs durch die Sie- ten Männer hatten nicht ins zivile Leben ignoriert. Erst in der Nacht zum 13. März
germächte rang sich neben der MSPD zurückgefunden. 1920, als die Brigade Ehrhardt, die
auch die Mehrheit der Abgeordneten des Der Kommandierende General des schlagkräftigste militärische Einheit,
Zentrums dazu durch, die Regierung für Reichswehr-Gruppenkommandos I, Wal- schon auf Berlin marschierte, berief er
die Unterzeichnung zu ermächtigen. ther Freiherr von Lüttwitz, war zum eine Krisensitzung ein. Doch die Gene-
Staatsstreich bereit. Am 10. März 1920 räle erklärten, dass Gegenwehr aus-
Trotz aller Unruhen im Inneren trug er Noske, inzwischen Reichswehr- sichtslos sei. „Reichswehr schießt nicht
und der Aufregung über den Versailler minister, und Reichspräsident Ebert sei- auf Reichswehr“, hieß es.
Vertrag arbeitete die Nationalversamm- ne Forderungen vor, unter anderem die Die Regierung traf sich gegen vier
lung unter Federführung des linkslibe- sofortige Auflösung der Nationalver- Uhr morgens mit Reichspräsident Ebert.
ralen Staatsrechtlers Hugo Preuß eine sammlung und Neuwahlen zum Reichs- Noske plädierte dafür, aus Berlin zu flie-
Verfassung aus. Sie fiel föderalistisch aus tag, seine Ernennung zum Oberkom- hen und dann den Widerstand zu orga-
und räumte dem Reichspräsidenten als mandierenden der gesamten Reichswehr, nisieren, Ebert war dafür, standzuhal-
Korrektiv zum Reichstag und der Regie- die Einsetzung von „Fachministern“. ten. Es kam zu einem Kompromiss:
rung eine starke Stellung ein. Hinzu kam Noske und Ebert lehnten dies ab, aber Ebert und ein Teil der Minister setzten
ein plebiszitäres Moment: Wenn ein statt den offen mit einem Putsch drohen- sich um 6.15 Uhr in bereitgestellte Li-
Zehntel der Wahlberechtigten ein Volks- den General festzusetzen, legte Noske mousinen, zehn Minuten später mar-
begehren unterstützte, sollte es einen Lüttwitz nur den Abschied nahe – ein fa- schierten die Putschisten der Brigade
Volksentscheid geben. taler Fehler. Ehrhardt singend durch das Branden-
Beide sozialdemokratischen Parteien Lüttwitz mobilisierte die Nationale burger Tor und besetzten das Regie-
wollten das Dokument „Verfassung der Vereinigung in Berlin, in der sich die rungsviertel.
Deutschen Republik“ nennen, aber die Vertreter des preußischen Adels und In höchster Not besannen die Sozi-
Mehrheit der bürgerlichen Parteien setz- der Großgrundbesitzer östlich der Elbe aldemokraten sich auf ein Kampfmittel,
te „Verfassung des Deutschen Reichs“ zusammengeschlossen hatten. General das sie erst kurz zuvor selbst mit Ge-
durch. a. D. Erich Ludendorff war dabei, Gene- walt hatten bekämpfen lassen, den Ge-
Am 31. Juli 1919 stimmten bei einer rallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp, neralstreik. Am Morgen nach dem
Enthaltung 262 Abgeordnete von MSPD, Hauptmann Waldemar Pabst, der für die Putsch kursierte in Berlin ein Aufruf
DDP und Zentrum für die Annahme der Ermordung von Luxemburg und Lieb- von Friedrich Ebert, dem SPD-Vorsit-
Verfassung, 75 Abgeordnete von USPD knecht verantwortlich war. Sie alle hass- zenden Otto Wels und den SPD-Minis-
und den beiden nationalistischen Partei- ten die Demokratie und die Republik, tern: „Schneidet dieser reaktionären
en dagegen. Der SPD-Innenminister wollten ein autoritäres Regime errichten Clique die Luft ab! Kämpft mit jedem
Eduard David pries – aufgrund plebiszi- und die Revision des Versailler Vertrags Mittel um die Erhaltung der Republik!
tärer Elemente – die neue Republik als durchsetzen. Lasst allen Zwist beiseite! Keine Hand
ULLSTEIN BILD / STARY

„demokratischste Demokratie der Welt“. darf sich mehr rühren! Kein Proletarier
Das „Diktat von Versailles“ erschien Video: darf der Militärdiktatur helfen. Gene-
besonders den Generälen und Offizieren Der Kapp-Putsch ralstreik auf der ganzen Linie. Proleta-
der kaiserlichen Armee als unerträgliche spiegel.de/appSPG52014putsch rier vereinigt euch! Nieder mit der Ge-
Schmach. Für die allermeisten Freikorps oder in der App DER SPIEGEL genrevolution!“

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NEUANFANG

Die KPD erklärte zunächst, die Arbei- geschlossen, Streikposten ließen sie fest- Bei der Wahl am 6. Juni 1920 erlitten
terklasse werde „keinen Finger rühren nehmen. Arbeiter gingen deshalb zum die drei Regierungsparteien der „Weima-
für die in Schmach und Schande unter- Gegenangriff über, formierten sich in ei- rer Koalition“ dramatische Verluste. Die
gegangene Regierung der Mörder Karl ner „Roten Armee“ und übernahmen die liberale DDP verlor 36 ihrer 75 Mandate,
Liebknechts und Rosa Luxemburgs“. Macht im gesamten Ruhrgebiet. das Zentrum kam statt 91 nur noch auf
Nachdem sich aber die meisten Kommu- 64 Mandate und die MSPD konnte nur
nisten und USPD-Mitglieder spontan Als die Sozialdemokraten sich wie- 102 ihrer 163 Sitze verteidigen. Noske und
dem Generalstreik angeschlossen hatten, der in Berlin etabliert hatten, schickten seine Genossen hatten anderthalb Jahre
ruderten die Funktionäre zurück. Es sie ebenjene Reichswehrtruppen ins zuvor elfeinhalb Millionen Stimmen be-
kam zur Aktionseinheit der gespaltenen Ruhrgebiet, die gerade straflos geputscht kommen, jetzt waren es nur noch sechs
Arbeiterbewegung. hatten. Der Oberjäger Max Ziller von der Millionen. Die USPD gewann stark hinzu.
Und der Generalstreik wirkte. In Ber- Brigade Epp schrieb mit Datum 2. April Die Arbeiter waren nach links ge-
lin gab es kein Gas, kein Wasser, keine 1920: „Pardon gibt es überhaupt nicht. rückt, aber die bürgerlichen Parteien hat-
Elektrizität mehr. Die Post wurde nicht Selbst die Verwundeten erschießen wir ten ihre Mehrheit vergrößert.
mehr befördert, die Eisenbahn stand noch. Die Begeisterung ist großartig, fast In den folgenden Jahren ließ sich die
still. Die Befehle der Putschisten ka- unglaublich. Unser Bataillon hatte zwei Republik von Gewalt nicht niederringen:
men nicht über das Regierungsviertel Tote. Die Roten 200 bis 300.“ Enthusias- Sie verkraftete die Mordanschläge von
hinaus. tisch berichtete der Freikorps-Soldat von Rechten auf Matthias Erzberger vom
Als Lüttwitz und Kapp erkannten, der Erschießung von zehn Rote-Kreuz- Zentrum und den Liberalen Walther Ra-
dass ihr Staatsstreich gescheitert war, Schwestern und kam zu der Einsicht. thenau, auch den Aufstand der Kommu-
verhandelten sie über einen ehrenvollen „Gegen die Franzosen waren wir im Fel- nisten in Mitteldeutschland und den
Rückzug. Kapp trat zurück. Das Ab- de viel humaner.“ Putschversuch von Erich Ludendorff
schiedsgesuch Lüttwitz’ nahm die recht- Mit der Unterdrückung des Kapp- und Adolf Hitler in München am 9. No-
mäßige Regierung an, die inzwischen in Putsches hatten die Demokraten gegen vember 1923.
Stuttgart arbeitete – und dem General rechte Putschisten gesiegt, doch der Den Makel aber, an dem die erste
seine vollen Pensionsansprüche zusi- Putschversuch brachte Verschiebungen deutsche Demokratie seit ihrer blutigen
cherte. im Reichstag mit sich, die die demokra- Geburt litt, wurde sie nicht mehr los. Sie
Im Ruhrgebiet hatten sich Reichs- tische Basis der jungen Republik ein für blieb eine Demokratie, der es an Demo-
wehrkommandeure den Putschisten an- alle Mal unterminierte. kraten fehlte. n

„Der Feind steht rechts!“ seine Arbeiten in allen Ländern, dann


als Staatsmann im Auswärtigen Amt
Am Tag nach der Ermordung des liberalen Reichs- mit den reichen Gaben seines Geistes
außenministers Walther Rathenau durch rechtsextreme ... gefördert hat ... dann hat er damit
Terroristen am 24. Juni 1922 in Berlin würdigte dem deutschen Volke einen großen
Reichskanzler Joseph Wirth im Reichstag den Getöte- Dienst erwiesen ... Geduld ... wieder
ten in einer emotionalen Rede. Dabei wandte sich der Geduld und nochmals Geduld und die
liberale Politiker, Mitglied der katholischen Zentrums- Nerven angespannt und zusammen-
partei, an die rechtsnationalistischen Abgeordneten, gehalten auch in den Stunden, wo es
die er als Gegner der Demokratie brandmarkte. persönlich und parteipolitisch an-
genehmer wäre sich in die Büsche zu
„Ist es eine Schande, wenn wir mit jenem gemäßigten Teil drücken. In jeder Stunde ... Demokra-
des französischen Volkes, der die Probleme nicht nur un- tie! Aber nicht Demokratie die auf
ter dem Gesichtspunkt sieht: ,Wir sind die Sieger, wir tre- den Tisch schlägt und sagt: Wir sind
ten die Boches nieder, heraus mit dem Säbel, Einmarsch an der Macht! – nein, sondern jene
ins Ruhrgebiet‘, wenn wir durch persönliche Beziehungen Demokratie, die geduldig in jeder
mit allen Teilen der benachbarten Nationen zu einer Be- Lage für das eigene unglückliche Va-
sprechung der großen Probleme zu kommen suchen? Dr. terland eine Förderung der Freiheit
Rathenau war wie kaum einer zu dieser Aufgabe berufen. sucht! In diesem Sinne ... Mitarbeit!
Seine Sprachkenntnisse, die formvollendete Art seiner In diesem Sinne müssen alle Hände,
Darstellung machten ihn in erster Linie geeignet, an dieser muss jeder Mund sich regen, um end-
Anknüpfung von Fäden zwischen den Völkern erfolgreich lich in Deutschland diese Atmosphäre
zu arbeiten. Wenn dann ein Mann wie Rathenau über des Mordes, des Zankes, der Vergif- Walther Rathenau,
trennende Grenzpfähle hinaus bei aller Betonung des tung zu zerstören! Da steht (Wirth 1921
Deutschen, seines Wertes für die Geschichte, seiner kul- dreht sich zu den Abgeordneten der
turellen Taten, seines Forschungstriebes, seines Wahr- Rechtsparteien –Red.) der Feind, der sein Gift in die
heitssuchens, die großen Probleme der Kulturentwick- Wunden eines Volkes träufelt – Da steht der Feind – und
lung Europas und der Wirtschaft organisatorisch durch darüber ist kein Zweifel: Dieser Feind steht rechts!“
AKG

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