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ist di e V o r h e r s a g e nich t günstig , u n d w e n n m a n alles in Betrach t zieht ,


läß t sich ein schnelle s u n d spurlose s Verschwinde n de s K a r ä e r t u m s u n d
alle r seine r B e k e n n e r , ohn e Rücksich t au f A b s t a m m u n g u n d völkisch e
Zugehörigkeit , e r w a r t e n .
Historisch e F u n d e de s letzte n J a h r h u n d e r t s u n d besonder s di e gan z
ü b e r r a s c h e n d e E n t d e c k u n g de r D o k u m e n t e de r „Gemeind e de s N e u e n
B u n d e s " (au s de n sog. Handschrifte n vom Tote n Mee r b e k a n n t ) h a b e n
di e Auffassung von d e r Stellun g de r einzelne n geistigen S t r ö m u n g e n in
de r Menschheitsgeschicht e u n d de r V e r b i n d u n g d e r monotheistische n
Religione n s e h r gewandelt . Auf diese m H i n t e r g r u n d e g e w i n n t auc h da s
K a r ä e r t u m in de r religiöse n E n t w i c k l u n g d e r Menschhei t größer e Be-
d e u t u n g ; wahrscheinlic h w i rd es i n Z u k u n f t noc h e t w a s auszusage n
h a b e n . E s u n t e r l i e g t abe r k e i n e m Zweifel , d a ß di e europäisch e G r u p p e
seine r B e k e n n e r als solch e nich t m e h r lang e b e s t e h e n wird , m i n d e s t e n s
nich t i n d e r F o r m , in de r sie sich ü b e r J a h r h u n d e r t e bis in di e Gegen -
w a r t e r h a l t e n h a t . D a h e r erschein t es als b e s o n d e r e Pflich t de r Soziologe n
u n d Ethnologen , di e noc h verfügbar e F r i s t zu i h r e r Erforschun g voll
auszunutzen .

Heinric h Bodensieck :

Die Politik der Zweiten Tschecho-Slowakischen Republik


(Herbs t 1938—Frühjah r 1939) 1

Di e S u d e t e n k r i s e de s J a h r e s 1938 stellt e di e Z e r r e i ß p r o b e d a r für di e


2

Tschechoslowakisch e Republik . Da s j u n g e Staatswese n hatt e innerhal b


de s Systems , da s von d e n P a r i s e r V o r o r t v e r t r ä g e n geschaffen worde n
war , offiziell als s o u v e r ä n e r N a t i o n a l s t a a t gegolten . Di e Machtergreifun g
de s Nationalsozialismu s i n Deutschlan d führt e jedoc h schnel l zu eine r
Lage , di e v o m Sicherheitssyste m h a t t e v e r m i e d e n w e r d e n sollen , zu eine r
v e r h ä l t n i s m ä ß i g geschlossene n Eigengewichtigkei t de s Reiche s i n n e r h a l b
E u r o p a s . Da s E r s t a r k e n h a t t e s a m t seine n Voraussetzunge n wie Folge n

1) Fü r die Belege vgl.: H . B o d e n s i e c k , Di e Politi k des Prage r Kabinett s


Bera n de r Zweite n Tschecho-Slowakische n Republi k (Herbs t 1938—Frühjah r
1939). Phil . Diss. (Mss) . Kie l 1956.
2) vgl. H . K. G . R ö n n e f a r t h , Di e Sudetenkris e 1938, in : ZfO 44, 1955,
S. 1—47, dor t auc h S. 1, Anm . 2, de r Beleg für da s sogleich angeführt e Ver-
spreche n von Beneś . Ferner : ed. R. G. D . L a f f a n u.a. , Surve y of Internatio -
na l Affairs 1938, Vol. II , Londo n 1951.
Die Politik der Zweiten Tschechoslowakischen Republik 55
von Anfan g an die Sudetendeutsche n beeinflußt . Nunmeh r wirkte es
sich 1938 unmittelba r auf die CSR aus. D a die Westmächt e dem Proze ß
nich t Einhal t zu gebiete n vermochten , trate n in der Krise die wirkliche n
Gegebenheite n de r Republi k deutlic h hervor . Di e außenpolitisch e Hilf-
losigkeit des Staate s ließ inner e Schwächemoment e offenba r werden , die
bisher von de r Prage r Regierun g hatte n bewältigt werde n können . Als
gefährlic h erwiesen sich ersten s die tatsächlich e mehrvölkisch e Zusam -
mensetzun g der Republi k und , dami t zusammenhängend , zweiten s die
Gegne r der bisherige n staatliche n Integration . Es waren die Mehrhei t
de r Sudetendeutsche n un d verschiedenartige , meh r ode r minde r große
Gruppe n in de r östliche n Staatshälfte , also in der Slowakei un d in
Karpato-Ruthenien . Sie hatte n seit de r Gründun g der Republi k darau f
gewartet , da ß der Staa t nac h dem Muste r de r Schweiz aufgebau t werde n
würde , wie es Edvar d Bene s am 20. 5. 1919 in eine r Not e an die zustän -
dige Kommissio n de r Konferen z in Versailles versproche n hatte . Statt -
dessen wurd e de r zentralistisch e Einheitsstaa t des Tschechoslowakismu s
geschaffen. Jetz t sahe n sich die Prage r Machthabe r endlic h gezwungen ,
von ih m abzurücke n un d Autonomierecht e in Aussicht zu stellen .

Di e international e Politi k eilte jedoch übe r diese verspätete n Vor-


schläge hinweg. U m eine n Krie g zu vermeiden , einigte n sich die Regie-
rungschef s de r vier europäische n Großmächt e im Münchene r Abkommen ,
da s de r CSR die Abtretun g de r sudetendeutsche n Gebiet e auferlegte .
Die s war entscheidend . Zugleic h wurde n die übrigen Nationalitätenfrage n
des Staate s für analog e Regelunge n offengelassen. Ers t wen n alle An-
sprüch e befriedigt sein würden , sollte ein e allseitige Garanti e des wei-
tere n Bestande s de r restliche n CSR gegenübe r unprovozierte n Angriffen
möglic h sein.

Auf Grun d dieser Entscheidun g forderte n un d erhielte n im Lau f der


nächste n Woche n das Reich , Ungar n un d Pole n zusamme n 30 v. H. der
bisherige n Fläch e des Staate s un d 33 v. H . seine r Einwohnerschaft . Diese s
Geschehe n stellte die sog. Oktoberkatastroph e der Republi k dar . Mit
eine r Radikalku r schien die Krise friedlich beseitigt zu sein. Tatsächlic h
jedoc h löste n die Maßnahme n in bezu g auf die gesamte n Verhältniss e
des betroffene n Staate s Ereigniss e aus, die dann , wenn sie folgerichti g
weitergeführ t werde n sollten , eine n völligen Bruc h mi t der kau m zwei
Jahrzehnt e alte n Traditio n der ĆSR bedeute n mußten . Den n sie beein -
flußte n nich t nu r die Größ e des Gebiet s un d de n zahlenmäßige n Umfan g
ihre r Bevölkerung . Dies e Auswirkungen de r Oktoberkatastroph e lassen
sich in dre i Hinsichte n erfassen, die sich ihrerseit s aus den Ursache n der
Münchene r Entscheidun g ergeben .

Als Folg e de r Machtverlagerun g in Mitteleurop a zugunste n Deutsch -


land s war de r Druc k des nationalsozialistische n Reiche s entscheiden d ge-
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wesen. Er hatte die inneren Ursachen der Krise gefährlich werden lassen
und zugleich kraß die tatsächliche Lage der Republik im internationalen
Leben enthüllt: ihre Abhängigkeit von anderen Mächten, bisher von
den großen westlichen Demokratien und dem Völkerbund. Dieses Ver-
hältnis war nunmehr offenkundig überholt. Es war bis zum September
1938 von den Repräsentanten dieses Systems wie seinen in- und ausländi-
schen Stützen als „Unabhängigkeit" bezeichnet und der „Unterwerfung
unter Deutschland" gegenübergestellt worden. Nun fragte sich, wie dieser
nicht erwünschte Zustand trotz der augenblicklichen Macht des Reiches ver-
mieden werden konnte. Das war die Grundfrage der Prager Politik nach
der Münchener Entscheidung. Der Wortlaut des Abkommens ließ hoffen,
daß die Anerkennung des Zwanges auch ein Positivum mit sich bringe,
daß man nämlich eine neue Lebensgrundlage des Staates erkauft habe
und es in der veränderten Situation möglich sei zu retten, was zu ret-
ten war.

Ein wirkungsvoller eigener militärischer Schutz war illusorisch, da fast


alle Befestigungen dem Reich hatten überlassen werden müssen. Es war
aber notwendig, die Unabhängigkeit zu wahren. Ihr wesentliches Merk-
mal war die wirkliche bzw. mögliche außenpolitische Aktionsfähigkeit, d. h.
das tatsächliche Nichtangewiesensein auf den Willen e i n e r Macht. Mög-
lich war diese Stellung, wenn sie völkerrechtlich garantiert wurde. Die
wirtschaftliche Lage sprach für sie. Die aussichtslose militärische Situa-
tion brauchte nicht berücksichtigt zu werden, falls die europäischen
Staaten in Zukunft — genau so wie in München — zusammenarbeiteten.
Dann war nicht damit zu rechnen, daß sich die unterschiedlichen geo-
politischen wie machtmäßigen Voraussetzungen zugunsten der national-
sozialistischen Ideologie des Reiches auswirkten, deren weitere Verbrei-
tung die Republik vernichten mußte.

Diesen außenpolitischen Überlegungen mußte auch eine jede Verände-


rung der inneren Struktur des Staates entsprechen. Die Auflockerung
des Gefüges zugunsten der noch näher zu kennzeichnenden Bestrebungen
innerhalb des Karpatengebiets durfte nicht dahin führen, daß der Ge-
samtstaat in seinem Bestand gefährdet wurde. Derartige negative Mög-
lichkeiten des staatlichen Umbaues mußten unbedingt ausgeschaltet
werden. Sie konnten sich aus zwei verschiedenen Richtungen ergeben:
einerseits aus der Tatsache, daß die Bevölkerung der östlichen Staats-
teile nunmehr gleichberechtigt neben die der Historischen Länder, also
Böhmens und Mähren-Schlesiens, gestellt werden sollte, und andererseits
deshalb, weil die Autonomisten der Karpatengebiete im Gegensatz zur
bisherigen Prager parteienstaatlich-demokratischen Praxis westeuro-
päischer Prägung, die sich zumeist zugunsten der Tschechen ausgewirkt
hatte, autoritäre Regierungsformen bevorzugten. Es kam hinzu, daß es
Die Politik der Zweiten Tschecho-Slowakischen Republik 57

zu r schnelle n Ü b e r w i n d u n g d e r Kris e auc h in d e n Historische n L ä n d e r n


wünschenswer t erschien , di e B e d e u t u n g d e r parlamentarische n Einrich -
t u n g e n zumindes t zeitweise zu m i n d e r n .
Dies e H i n w e n d u n g zu r a u t o r i t ä r e n Demokrati e in eine m Nationali -
tätenstaa t wurd e in den Historische n Länder n besonder s von den Agra-
rier n vertreten , in der Slowakei von der klerikale n Hlinka-Parte i un d in
Karpato-Ruthenie n von der ukrainische n Gruppe . Ihr e gemeinsame n Be-
strebunge n zur Rettun g des Staate s durfte n nich t von Anhänger n des
bisherigen System s ode r von andere n Radikale n gestört werden .
Di e Problemati k de r Prage r Politi k nac h der Münchene r Entscheidun g
läß t sich wie folgt erfassen: Prima t der Außenpolitik , die auf Unab -
hängigkei t vom nationalsozialistische n Deutschlan d bedach t ist, gesamt -
staatlich e Zusammenarbei t der verbliebene n dre i verschiedene n slawischen
Bevölkerungsteil e Tschechen , Slowaken un d Ruthene n sowie Mitarbei t
de r Staatsbürge r an der neue n autoritäre n Demokratie . Diese n Sach -
verhal t kan n ma n zusammenfassen d betrachte n im Hinblic k auf die
Prage r Regierun g als das politisch e Willenszentru m der Republik . Ab-
gesehen von dem mittelba r beteiligte n Staatspräsidente n war sie die-
jenige Instan z auf Seiten des passiven Partner s von München , die sich
handeln d verantwortlic h wußt e für den restliche n Bestan d des jungen
Staatsgebildes . Nebe n ihre m gesamtstaatliche n Auftrag war sie nac h der
staatsrechtliche n Durchführun g der Gleichberechtigun g der Karpatenge -
biet e insbesonder e den Bewohner n der Historische n Lände r als dere n
Repräsentan t verpflichtet . Aus dieser Lage entspran g ein e gewisse
Zwitterstellun g des Prage r Kabinetts . Ih r entsprechen d gruppiert e sich
seine Innenpoliti k in eine m engere n un d eine m weitere n Rahmen . Diese r
umfaßt e die Stellun g de r Zentral e zu den autonome n Bestandteile n der
Republik , jene r die Verbindun g de r Prage r Regierun g mit der Bevöl-
kerun g de r Historische n Länder .

Di e Politi k der Prage r Exekutiv e der ĆSR seit dem Herbs t 1938 kan n
bislan g nich t auf Grun d von Akten des Kabinett s dargestell t werden ,
da so gut wie nicht s publizier t wurde . Stat t dessen ist ma n auf die deut -
schen un d britische n Akten , Memoiren , die zeitgenössisch e Publizisti k
sowie die bishe r erschienene n Darstellunge n angewiesen. 3 Dies e Unter -
lagen erlauben , aus den Zeugnisse n von Wollen un d Tu n de r Prage r
Instan z mittelba r eine n „Hauptnenner " zu erschließen .

3) Vgl. H. S c h i e f e r , Deutschlan d un d die Tschechoslowake i von Sep-


tembe r 1938 bis Mär z 1939, in: ZfO 4, 1955, S. 48—66. Dor t angegeben e Litera -
tu r wird wesentlich ergänz t durc h die zeitgenössisch e Frankfurte r Zeitun g
sowie die Darstellunge n bei H. R i p k a , Munich , Before and After, Londo n
1939, un d R. G. L a f f a n - V . M. T o y n b e e , The Crisis over Czechoslo -
vakia, Oct. 1938 to Mare n 15, 1939 in R. G. D. L a f f a n and others , Survey of
Internationa l Affairs 1938, Vol. III , Londo n 1953.
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Er bildet e sich herau s als das Program m des Übergangskabinett s
S y r o v y II , das am 4. 10. 1938 als erst e innerpolitisch e Folg e de r Vier-
mächteentscheidun g vom Staatspräsidente n berufe n wurde , eine n Tag
bevor B e n e ś selber vom oberste n Amt de r Republi k zurücktrat . Dabe i
dar f angenomme n werden , da ß Bene s noc h an der Aufstellun g des neue n
politische n Leitfaden s mitgewirk t hat .

Da s Bestreben , de n Reststaa t in eine r schwierigen Lage nac h auße n


un d inne n zu sichern , kennzeichnet e das Programm . Dabe i bedient e ma n
sich in den amtliche n Äußerunge n des Motiv s vom neue n europäische n
Konzer t der Mächte , das sich in Münche n gezeigt habe . Es gelte, sich ihm
zu fügen, un d zwar in freundschaftliche r Zusammenarbei t mi t allen Län -
dern . Von den alte n Freunde n wolle ma n sich nich t trennen , neu e müßte n
hinzugewonne n werden . Dami t waren die Nachbar n Deutschland , Un -
garn un d Pole n gemeint , mit dene n sich die CSR noc h im einzelne n
währen d dieser Woche n auseinanderzusetze n hatte . Ein e möglichs t
schnell e Bereinigun g de r Grenzfrage n un d dami t de r Bedingungen , die
sich aus der Münchene r Entscheidun g ergeben hatten , sollte die Garanti e
des Rumpfstaate s beschleunigen . Zugleic h erwies es sich deswegen als
notwendig , den Statu s eine r neutrale n Republi k herzustellen . Bei diesem
Strebe n nac h äußere m Schutz : durft e der gesamtstaatlich e Umba u nich t
benachteilig t werden , sonder n mußt e in demselbe n Sinn e stattfinden .
Formelmäßi g läßt sich das Zie l der Prage r Politi k nac h de r Oktoberkata -
stroph e als das eine s unabhängi g neutralen , demokratische n Nationali -
tätenstaate s kennzeichnen .

Entsprechen d dieser Vorstellun g handelt e die Regierun g Syrovy II .


Sie betrachtet e sich als Übergangskabinett . Es wandelt e die sog. Erst e
Republi k des Tschechoslowakismu s gemä ß dem neue n Zie l in die Zweit e
Tschecho-Slowakisch e Republi k um . Bereit s währen d der Amtszeit stellte
sich dabe i heraus , da ß die Prage r Thes e meh r ode r minde r akzentuier t
die Antithes e darstellt e zum Programm , das von den Machthaber n des
tatsächlic h entscheidende n „größte n Nachbarn " der Republi k zu Beginn
dieses neue n Abschnitt s nac h der Münchene r Entscheidun g aufgestellt
worde n war. Di e Prage r Politike r lernte n sie in der große n Lini e ode r
im einzelne n dadurc h kennen , daß die Wünsch e des Dritte n Reiche s je
nac h den Bedingunge n des Augenblicks von höchste n Vertreter n de r
Berline r Regierun g formulier t wurde n ode r von einigen deutsche n Zei -
tungen , von der Parte i des Reiche s ode r von Sprecher n der restliche n
deutsche n Volksgruppe innerhal b der Republik .

Di e Tatsache , da ß alle genannte n Faktore n nu r ein e Meinun g ver-


traten , nämlic h die der entscheidende n Machthabe r des Dritte n Reiches ,
schein t ma n in Pra g lange Zei t hindurc h nich t für möglich gehalte n zu
haben , da ma n sich stet s auf die offiziellen Erklärunge n der Reichsre -
Die Politik der Zweiten Tschecho-Slowakischen Republik 59

g i e r u n g stütze n zu k ö n n e n glaubte . Sie von Anfan g a n in da s eigen e


K o n z e p t e i n k a l k u l i e r e n zu k ö n n e n w a r d e r Wunsc h de r tschecho-slowa -
kische n Politiker . E n t s p r e c h e n d e E r k u n d i g u n g e n ließ da s K a b i n e t t
S y r o v y I I sofort , u n d z w ar seit d e m 5. 10. 1938, von einige n seine r Mit -
gliede r d u r c h f ü h r e n . Insbesonder e fiel d e m n e u e n A u ß e n m i n i s t e r diese
Aufgabe zu . Bei seine m erste n A u f e n t h a l t in Deutschlan d in diese r F u n k -
tio n h a t t e Chvalkovsk y a m 13. u n d 14. 10. 1938 Gelegenheit , sein e An -
sichte n g e g e n ü b e r H i t l e r u n d R i b b e n t r o p darzulege n u n d d e r e n Mei -
n u n g e n u n d Wünsch e k e n n e n z u l e r n e n .
E i n d e u t i g ließ di e P r a g e r R e g i e r u n g dabe i stet s versichern , d a ß di e ĆS R
„i n i h r e n n e u e n e n g e r e n G r e n z e n kein e a n d e r e Politi k als di e d e r A n l e h -
n u n g u n d d e r Z u s a m m e n a r b e i t m i t D e u t s c h l a n d b e t r e i b e n w e r d e " . 4 Di e
K o m b i n a t i o n Moska u — P r a g — P a r i s sei beendet. 5
Dami t war abe r
nicht , wie sich au s de n v o r h e r g e h e n d e n Überlegunge n sowie d e m fol-
g e n d e n V e r h a l t e n d e r P r a g e r R e g i e r u n g ergibt , ein e völlige Abhängig -
kei t v o n Deutschlan d gemeint , s o n d e r n ein e A n l e h n u n g im R a h m e n de r
n e u e n europäische n Z u s a m m e n a r b e i t alle r S t a a t e n .
Diese r H i n t e r g r u n d scheint , nac h de n vorliegende n deutsche n Akten ,
nich t ausgesproche n w o r d e n zu sein . D a d u r c h erweckte n di e tschecho -
slowakische n V e r h a n d l u n g s p a r t n e r de s K a b i n e t t s Syrovy I I be i de r
Reichsregierun g de n Anschein , als ob P r a g b e r e i t sei, di e von H i t l e r t a t -
sächlic h gefordert e alleinig e Abhängigkei t vom Reic h bedingungslo s an -
z u e r k e n n e n . D e n n in B e r l i n w a r e n di e M a c h t h a b e r entschlossen , di e
G a r a n t i e de r vier Mächt e nich t verwirkliche n zu lassen . Hitle r v e r d e u t -
licht e dies e Ansich t g e g e n ü b e r Chvalkovsky . Auf G r u n d de r geogra -
phische n L a g e de r CSR entwickelt e e r di e zwei Möglichkeite n e i n e r künf -
tige n O r i e n t i e r u n g diese s Staates , di e er a n z u e r k e n n e n vermöge : ent -
w e d e r freundschaftliche r Ausgleich mi t d e m Reic h ode r e r n e u t e Ver-
suche , „ein e Roll e als F e i n d Deutschland s zu spiele n . . . W e n n auc h n u r
d e r geringst e Versuc h . . . in diese r Richtun g gemach t w e r d e n sollte ,
w ü r d e Deutschlan d sofor t energisc h eingreifen". 6 B e z u g n e h m e n d au f di e
G a r a n t i e f r a g e f ü h r t e H i t l e r schließlic h aus , da ß di e einzi g w i r k s a m e
G a r a n t i e diejenig e Deutschland s sei; d e n n „di e größt e Sicherhei t b e r u h e
für ei n L a n d wie di e Tschechoslowake i in freundschaftliche n Beziehunge n
m i t seine n N a c h b a r n u n d vor alle n Dinge n m i t d e m größte n N a c h b a r -
staat , d e m Deutsche n Reich". 7

Dami t dürfte n für Chvalkovsk y di e gegenseitige n Standpunkt e deut -


lich k o n f r o n t i e r t gewesen sein . Sowei t e r k e n n b a r , h a t e r Hitler s Aus-

4) Akten zur deutsche n Auswärtigen Politi k 1918—1945, Seri e D, Ban d IV,


Baden-Bade n 1951, Nr . 36, S. 37. I m folgende n abgekürzt : ADAP .
5) ADAP , IV, Nr . 55, S. 58.
6) Ausführliche r zitier t bei S c h i e f e r , S. 53 f.
7) ADAP , IV, Nr . 61, S. 67.
60 Heinrich Bodensiećk

führunge n widerspruchslo s hingenommen , un d zwar mitsam t den Kon -


sequenzen , die sich au s der deutsche n Konzeptio n ergaben . Zwische n den
Unterredende n bestande n hierübe r kein e Meinungsverschiedenheiten . In
seine n Verhandlunge n hatt e der Prage r Außenministe r damit , ebenso
wie die andere n Verhandlungsbevollmächtigte n seines Staates , der deut -
schen Regierun g mi t den Zugeständnisse n eine n Maßsta b geliefert für
die Art, in de r die stillschweigen d anerkannt e „freundschaftlich-fried -
liche Lösung " vor sich gehen sollte.
Chvalkovsky wird seine n Kabinettskollege n übe r die Auffassungen
Hitler s berichte t haben , die ih m unmißverständlic h kundgeta n worde n
waren . I n Pra g beharrt e ma n jedoch auf dem einma l eingeschlagene n
Kurs . Ma n wünscht e die Garanti e de r vier Mächt e un d zugleich Zusam -
menarbei t un d loyale Annäherun g an Deutschland , räumlic h ausge-
drückt : Zusammenarbei t mi t a l l e n Staate n un d nich t nu r mi t den
vier Nachbarn , wie es Hitle r verlangte .
Diese s Prage r Program m wurd e nunmeh r auc h publizistisc h vertrete n
un d ergab sich au s den diplomatische n Bemühungen , besonder s seit dem
23.11., die allseitige Garanti e zu erlange n — trot z der inzwische n wieder -
hol t geäußerte n deutsche n Einwände . I m Gegensat z zum Münchene r Ab-
komme n besagten diese, da ß die Grenzgaranti e nich t mi t der Grenz -
ziehun g verknüpf t sei, sonder n vielmeh r von der weitere n politische n
Gestaltun g überhaup t abhinge . Außerde m würde n die restliche n Volks-
deutsche n weiterhi n schlech t behandelt. 8 Dies e Gegenargument e Berlin s
begründete n sofort die negativ e deutsch e Antwort . Zusamme n mi t den
andere n Forderunge n in bezu g auf die innere n Verhältniss e des Staate s
un d besonder s im Hinblic k auf das Abkomme n übe r die gegenseitige
Behandlun g de r Volksgruppen , das mi t dem Vertra g übe r die Staats -
angehörigkeits - un d Optionsfrage n vom 20. 11. 1938 gekoppel t worde n
war, zeigten diese Moment e an , wozu die CSR verpflichte t sein würde ,
wenn sie ausschließlic h von de r Gnad e des nationalsozialistische n
Deutschland s abhängi g sein sollte. Den n Hitle r verlangt e völlige Abhän -
gigkeit un d Gleichschaltun g in jeglicher Beziehung , vor allem in der
Kampfstellun g gegen „Weltjudentum , Freimaurere i un d Bolschewismus" .
Nationalsozialistisch e Führe r de r restliche n in der CSR ansässigen Deut -
schen propagierte n diese Vorstellunge n von eine r Neuordnung , inde m
sie seit dem 24. 11. 1938 ein e privilegiert e Stellun g für die Volksgruppe
verlangten .

Di e nationalsozialistische n deutsche n Argument e widersprache n nich t


nu r dem Zie l der Prage r Politi k in bezu g auf die äußere n un d innere n
Verhältniss e der Zweite n Republik , sonder n auc h dem , was währen d
derselbe n Zei t erreich t worde n war, in der die Forderunge n angemelde t

8) ADAP, IV, Nr . 116, S. 131; Nr . 136, S. 148; vgl. S. 122.


Die Politik der Zweiten Tschecho-Slowakischen Republik 61
wurden. Eine wirtschaftliche Krise hatte vermieden werden können, die
Verfassungsgesetze über die Autonomie der Slowakei und Karpato-
Rutheniens waren am 22. 11. verabschiedet worden und seit Mitte No-
vember war auch in den Historischen Ländern die Vielfalt des Parteien-
lebens endlich zusammengefaßt: die bürgerlich-kleinbäuerliche Mehrheit
sammelte sich in der Partei der Nationalen Einheit, während sich die
oppositionelle Arbeitspartei sehr zurückhielt. Der demokratische Cha-
rakter des Staates blieb erhalten; im Rahmen der Verfassung sollte sich
der Wille der Mehrheit ausdrücken, ohne daß irgendein Teil der Be-
völkerung wegen seiner Abstammung oder seines Glaubens verfolgt
würde. Ideologisch und nach der Regierungsform wurde eine Mittel-
stellung zwischen den westlichen Demokratien und dem „größten Nach-
barn", dem nationalsozialistischen Reich, bezogen. Diese autoritäre
Zweite Republik sollte innenpolitisch die Neutralität sichern, die man
außenpolitisch um der Unabhängigkeit willen anstrebte. Die überwie-
gende Mehrheit der politischen Kräfte in der gesamten Republik war
sich jetzt einig in dem Bestreben, diesen Zustand so gut und so schnell
wie möglich zu festigen und die Zeit des Übergangs zu beenden. Ein
wichtiges Anzeichen hierfür war die Wahl des neuen Staatspräsidenten.
Am 30. 11.1938 konnte sie vorgenommen werden. Die Nationalver-
sammlung berief den angesehenen Juristen Emil H a c h a in dieses Amt.
Zugleich trat das Kabinett Syrovy II zurück. Damit war die e r s t e
P h a s e in der Entwicklung der Zweiten Tschecho-Slowakischen Repu-
blik beendet.
Zurückschauend läßt sich feststellen, daß in ihr die Krise hatte ge-
meistert werden können. Die Auswirkungen der Oktoberkatastrophe
waren binnen zwei Monaten bewältigt worden. Nur eines stand noch
aus: die versprochene Garantie. Sie hing von dem Willen Hitlers ab und
war nicht erteilt worden, da sich das Prager Ziel eines homogenen un-
abhängig-neutralen demokratischen Nationalitätenstaates grundsätzlich
von dem Anspruch des Dritten Reiches unterschied. Es fragte sich nun-
mehr, ob dessen totalitäre Bestrebungen auch im Ausland durchgesetzt
werden konnten und damit auch machtpolitisch und ideologisch seine
mitteleuropäische Vormachtstellung festigten. Die Prager Politiker nah-
men das nicht an, sondern gründeten ihr Handeln auf dem friedlichen
Zusammenleben verschiedener politischer Systeme. Auch dürften sie die
augenblickliche Überlegenheit Deutschlands als vorübergehend ange-
sehen haben. Hierin mochten sie durch die Entwicklung bestärkt sein,
die dem Münchener Abkommen folgte; das neue europäische Konzert
der Mächte sollte nicht für immer wie in München von der Stärke
Deutschlands abhängen. Deswegen rüstete Großbritannien auf. Auch wies
die Auswirkung der antisemitischen Maßnahmen im Reich darauf hin,
Heinrich Bodensiech
daß die Weltöffentlichkeit mit einer derartig radikalen Verwirklichung
des Nationalsoziaiismus, wie die „Kristallnacht" sie darstellte, sich
nicht abfinden würde. Insofern schien der Prager Kurs berechtigt zu
sein und konnte von einem endgültigen Kabinett übernommen werden.
In bezug auf das entscheidende Verhältnis zum Dritten Reich bedeuteten
diese Überlegungen, daß die Prager Politiker auch weiterhin versuchen
wollten, die Möglichkeiten, die das Münchener Abkommen bot, zu den
eigenen Gunsten zu verwirklichen, d. h. im Gegensatz zu den Plänen
Hitlers.
Die z w e i t e Entwicklungsphase der Zweiten Republik begann am
1. 12. 1938 mit der Berufung des Kabinetts B e r a n . Es repräsentierte
die bürgerliche Einheitspartei. Sein Kurs kann als St. Wenzels-Politik
bezeichnet werden. Die programmatische Rezeption der Gestalt des mit-
telalterlichen Herzogs geschah aus verschiedenen Gründen. Innenpoli-
tisch bezeugte sie die Absage an den bisherigen „freigeistigen" Kurs
unter Benes. Wichtiger war das gesamtstaatliche Motiv: die ideologische
Homogenität sollte herausgestellt und eine Annäherung an die Katholi-
ken der Slowakei betont werden, wenngleich Wenzel selber nie etwas mit
der Slowakei zu tun gehabt hatte. In außenpolitischer Hinsicht bedeu-
tete das Programm ein Bekenntnis zur Unabhängigkeit. Bei aller nüch-
ternen Würdigung der veränderten Verhältnisse galt das, was Beran am
13. 12. ausführte: „Wir werden uns dem anpassen, was unbedingt not-
wendig ist, ohne unseren unveräußerlichen Rechten und der Wahrung
der staatlichen und nationalen Interessen zu entsagen".
Entsprechend diesem Grundsatz sollte die Nachbarschaft nicht be-
grenzt, d. h. isoliert innerhalb Ost-Mitteleuropas, verstanden werden, son-
dern als freundschaftliches Verhältnis zu a l l e n Staaten. Innerhalb der
Republik gelte es, nach eigener Art und den eigenen Bedürfnissen gemäß
aufzubauen. Ausländische Modelle dürften nicht blind kopiert werden.
Vielmehr müßten der christliche Geist und die St. Wenzels-Tradition
das nationale Leben und die Erziehung tragen. Die Einheit der Völker
des Gesamtstaates werde durch die autonomen Möglichkeiten für die
Karpatenländer gewährleistet. Zugleich müsse die „nationale Reinheit"
angestrebt werden. Zu diesem Zweck seien Maßnahmen gegen die „Zu-
wanderer" notwendig. Damit waren Emigranten aus Deutschland ge-
meint. Die Bürger, die nationalen Minderheiten angehörten, sollten ge-
recht behandelt werden. Die jüdische Frage sei in den Historischen Län-
dern wegen der geringen Zahl nicht so dringend wie in den Karpaten-
gebieten. Bei der Lösung dieses Problems werde es sich darum handeln,
„einen Weg zu finden, der die Aufgabe der Juden im Leben jener Völker,
die die Träger des Staatsgedankens sind, begrenzen könne". 9 Jedoch

9) E. Ha c h a am 3.12. S. Prager Rundschau 8, 1938/39, S. 337—-39; vgl.


Keesings Archiv 1938, S, 3832 K.
Heinrich Bodensieck
Die Wirtschaftskraft der Historischen Länder war bereits vor der Ok-
toberkatastrophe bei weitem größer gewesen als die der Karpatenge-
biete. Die Grenzveränderungen hatten in der Slowakei und ganz be-
sonders in Ruthenien die ertragreichsten Räume an Ungarn fallen lassen.
Andererseits führten antisemitische Maßnahmen in der östlichen Staats-
hälfte dazu, daß die jüdischen Kapitalien von den Preßburger Banken
zumeist nach Prag überwiesen wurden. Deswegen waren die Karpaten-
gebiete noch stärker als bisher auf die tschechischen Länder angewiesen.
Auch bewies die unruhige Lage, die trotz des Wiener Schiedsspruches
vom 2. 11. 1938 an der südlichen Grenze wegen der weiterhin aktiven
ungarischen Freischärler anhielt, daß die Slowaken und die Ukrainer
vom — überwiegend tschechischen — Militär abhängig waren.
Was diese äußeren Momente wie die Finanzen und die Streitkräfte
betraf, so konnte die Regierung Beran auf einen Erfolg ihrer staatser-
haltenden Politik hoffen. Dies war jedoch nicht das Wesentliche, wie
sich in der Sudetenkrise gezeigt hatte. Entscheidend war — innenpoli-
tisch — der Wille der führenden Kreise wie der Bevölkerung in den
Karpatengebieten. Loyalität gegenüber dem Prager Kabinett konnte
nur dann erwartet werden, wenn ein Weiterbestehen des bisherigen
staatlichen Zusammenhangs als die beste aller Möglichkeiten erschien.
Dann stand zu hoffen, daß etwaige separatistische Tendenzen von den
Vertretern der Autonomie selbst bekämpft würden. Es galt also für die
tschechische Staatsführung, die gemäßigten Autonomisten zu unterstützen.
Im Verhältnis zur Slowakei war dieses Bemühen erfolgreich. Trotz
reichs- und Volksdeutschen Drucks konnte ein gutes Verhältnis zwischen
dem Kabinett Beran und der Regierung Tiso in Preßburg hergestellt
werden und erhalten bleiben. Dies traf für Karpato-Ruthenien nicht zu.
Wegen des Monopolanspruchs der großukrainischen Richtung, die dort
herrschte, war bereits die Regierungsumbildung schwierig gewesen.
Schließlich führte die irredentistische Propaganda der jetzigen Nutz-
nießer der Autonomie nicht nur zu Verwicklungen mit Polen, der UdSSR
und Ungarn, sondern Mitte Januar 1939 auch zu einer gesamtstaatlichen
Krise, da sie Gebiete der Slowakei für ihren ukrainischen Staat forderte.
In dieser Lage sah sich die Prager Regierung gezwungen, im gesamt-
staatlichen Interesse einzugreifen. Nach Fühlungnahme mit der Reichs-
regierung (!) ernannte der Staatspräsident am 16. 1. den tschechischen
Divisionsgeneral Lev Prchala zum Minister im autonomen Kabinett der
Karpato-Ukraine. Dies geschah trotz des Protestes der ukrainischen
Nationalisten wie der dortigen Volksdeutschen Nationalsozialisten.
In den Historischen Ländern festigte sich die autoritäre Demokratie
weiterhin. Ein Ermächtigungsgesetz ermöglichte seit dem 14. 12. 1938
die befristete Stärkung der Exekutive. Zugleich wurde der Ausnahme-
zustand, wie er seit dem 17. 9. 1938, also seit unmittelbar vor der Mobil-
Die Politik der Zweiten Tschechoslowakischen Republik 65

machung , bestande n hatte , um weiter e dre i Monate , d. h. bis zum 17. 3.


1939, verlängert .
Insgesam t läßt sich von der Prage r Politi k in dieser zweiten Phas e
feststellen , daß sie die Verhältniss e konsolidierte . Da s geschah nich t
zur Erhaltun g ode r gar Restaurierun g des statu s quo der Erste n Repu -
blik, sonder n u m den gebietsmäßige n Umfan g un d den Zusammenhal t des
Staate s in eine r For m zu wahren , die de r Lage gemä ß war. Dies e konser -
vative Politi k führt e jedoch nich t nu r zu eine m verhältnismäßige n Er -
folg, sonder n erzeugt e auc h Spannungsfelde r im politische n Leben . In
de n Historische n Länder n hatte n sich das Verhältni s zu den bisherigen
Repräsentante n des Staates , die Stellun g zu den autonome n Bestand -
teile n de r Republik , die Rassenfrage , die Behandlun g der verbliebene n
völkischen Minderheite n un d die Lage der „Zugewanderten " als derar -
tige Komplex e herausgestellt . Hinz u tra t ganz allgemei n die Frag e nac h
dem Charakte r der Politik , die in Pra g verfolgt wurde .
Trot z de r abschwächende n Zensu r un d trot z de r vorsichtige n Zurück -
haltung , dere n sich die Oppositionsparte i befleißigte, trate n dami t deut -
lich die neuralgische n Punkt e hervor , welche die nachmünchene r Politi k
de r CSR kennzeichneten . Sie wurde n besonder s von Kreise n hervorge -
hoben , die, im Gegensat z zur sog. staatserhaltende n Oppositio n der Ar-
beitspartei , als real e Oppositio n bezeichne t werde n können . Ihr e Wort -
führe r ware n tschechisch e Nationaliste n un d Kommunisten . Wenn sie
auc h kau m Gelegenhei t hatte n sich zu äußern , so bewirkt e gerad e die
radikal e nationalsozialistisch e Propagand a gewisser Volksdeutsche r Kreise ,
da ß sich der Eindruc k weitgehen d festigte, die Regierun g Bera n treib e
Erfüllungspolitik .
D a das Kabinet t nich t gewillt war, einseitige m ausländische n Druc k
zu Ungunste n seine s Ziele s nachzugeben , verhiel t es sich gegenübe r den
Spannungsmomente n abwarten d un d behandelt e sie entsprechen d den
programmatische n Ankündigungen . Maßgeben d für ein e solche Politi k
war die Tatsache , daß die gesamtstaatlich e Stabilitä t hatt e gewahr t wer-
de n können . Da s gute Einvernehme n mit der Regierun g Tiso sowie die
Exporterfolg e un d schließlic h als entscheidende s Momen t die positive
reićhsdeutsch e Antwor t vom 12. 1. bestärkte n die Staatsführun g in ihre r
Einstellung . Deswegen wurd e der tschechische n Press e seit dem 15. 1.
gestattet , sich mi t den Forderunge n des Volksdeutsche n Führer s Erns t
Kund t auseinanderzusetzen . Dies e Stellungnahme n konzentrierte n sich
auf zwei Fragen : die nac h dem Verhalte n un d nac h der Aufgabe der in
de r ĆSR verbliebene n Volksdeutschen .
I n dieser Lage wurd e die nationalsozialistisch e Propagand a aus dem
Reic h unterstützt . Es zeigte sich, da ß die Berline r Regierun g die Auf-
fassungen Kundt s übernahm . Zugleic h wurd e ein weitere r Besuch des
Außenminister s Chvalkovsk y in Berlin angekündigt . E r fand bereit s am
5
66 Heinrich Bodensiech

21. 1. 1939 stat t un d führt e zu Unterredunge n mi t Hitle r un d Ribbentrop .


Dabe i wurd e Chvalkovsky die Ansicht der Reichsregierun g übe r die
Politi k seines Lande s mitgeteilt . Als Maßsta b für die Beurteilun g dient e
das, was Chvalkovsky am 13. un d 14. 10. 1938 als Zie l der Prage r Politi k
herausgestell t hatte . Es war in Berlin als absolut e Anlehnun g de r ĆSR
an das Dritt e Reic h aufgefaßt worden . Chvalkovsky hatt e eine r solche n
Auslegung nich t widersprochen . Diese s „Versprechen " wurd e jetzt mi t
dem bisherige n Geschehe n verglichen . Besonder s die Aufsätze, die sich
in den letzte n Tagen mi t den Forderunge n Kundt s auseinandergesetz t
hatten , wurde n als Sympto m dafür angesehen , da ß die „Benes-Tendenz "
in Pra g tatsächlic h wiederaufgeleb t sei. Manch e andere n Moment e der
St. Wenzels-Politik , die den nationalsozialistische n Forderunge n wider-
sprachen , wurde n hinzugefügt . Demgegenübe r wurd e „kla r un d deutlich "
ein e sofortige völlige Gleichschaltun g gemä ß den reichs - un d Volks-
deutsche n Vorstellunge n gefordert .
Somi t sahe n sich die verantwortliche n Prage r Politike r am 21. 1. 1939
erneu t der Auffassung Hitler s gegenübergestellt . Dies e Tatsach e bedeu -
tete , da ß die zweite Phas e in der Entwicklun g der Zweite n Republi k be-
ende t war. I n ih r hatte n die Prage r Politike r ihre n Staa t weitgehen d
nac h ihre n eigene n Interesse n gestalte n können . Nunmehr , seit dem 22.
1. 1939, began n ein e d r i t t e Phase . I n ih r bestimmt e die Auseinander -
setzun g mi t den nationalsozialistische n Forderunge n das weiter e Wollen
un d Tu n de r Prage r Staatsführung . Aus ihre m Verhalte n vor diesem
Datu m ergibt sich, daß sie nich t mi t eine r derarti g schlechte n Beurtei -
lun g seiten s der Reichsregierun g gerechne t habe n wird. D a das Kabinet t
Bera n jedoch wußte , da ß die Ansicht Hitler s übe r das Schicksa l der Repu -
blik entschied , mußt e nunmeh r geprüft werden , was die deutsche n Be-
anstandunge n bedeuteten . Genaus o wie währen d der Amtszeit des Kabi -
nett s Syrovy I I fragte es sich wiederum , ob die reichsdeutsche n Forde -
runge n im einzelne n anerkann t werde n konnten , ohn e daß sich dadurc h
zugleich die Republi k in eine n gleichgeschaltete n Satellite n des Reiche s
verwandelte , ode r ob gar die Berline r Wünsch e grundsätzlic h bejah t wer-
den mußten , also ein völliger Kurswechse l notwendi g war. Da s mußt e
entschiede n werden , um das Wesentlich e zu retten , nämlic h den Bestan d
der Bevölkerung . Konnt e ma n ih r dabe i zugleich ein e eigene, nich t
nationalsozialistisch-deutsc h beherrscht e Lebensordnun g un d politisch e
Orientierun g sichern ?

Aus eine r Analyse der augenblickliche n innerstaatliche n un d europä -


ischen Lage sowie der Hitlersche n Forderunge n mußt e sich die Antwor t
des Prage r Kabinett s ergeben . I n Pra g wird ma n allgemei n dami t ge-
rechne t haben , da ß sich das Kräfteverhältni s in Europ a im Lau f der
Zei t änder n würde . Deswegen betrachtet e ma n die Ausführunge n Hit -
lers nich t als die Forderung , die Republi k sofort tota l gleichzuschalten ,
Heinrich Bodensieck
werden sollten, unweigerlich zur Zerstörung des eigenen Staates führen
mußten.
Diese Einsicht bewirkte einen Kurswechsel. Seit dem 28. 2. 1939 wurde
er in der v i e r t e n Phase durchgeführt. Denn die möglichst große
U n a b h ä n g i g k e i t der Zweiten Republik vom nationalsozialistischen
Reich samt dem ihr als zugehörig betrachteten Begriff der S o u v e r ä n i -
t ä t konnte jetzt entgegen den deutschen Forderungen nicht mehr ge-
wahrt bleiben. Nunmehr erschien ein zeitweiliger Rückzug auf die bloße
Erhaltung der E i g e n s t ä n d i g k e i t notwendig. Diese Ausweichpo-
sition konnte dann verteidigt werden, wenn der Gesamtstaat erhalten
blieb.
In der Außenpolitik mußte jetzt eine prodeutsche Neutralität verwirk-
licht werden, ohne daß dabei der Status eines S a t e l l i t e n allzu deut-
lich hervortreten durfte. Man wollte die tatsächliche Abhängigkeit vom
Reich nicht vorbehaltlos bejahen, wie es z. B. dann naheliegt, wenn
einen der Mächtigere vor Gefahren schützt, die von Seiten Dritter drohen
können, sondern man wollte sich die Möglichkeit offenhalten, diesen
erzwungenen Zustand bei einer Änderung des europäischen Machtver-
hältnisses sofort wieder zu verlassen.
Innenpolitisch erwartete man für den deutschen Bevölkerungsteil die
Anweisungen Berlins. Man war gewillt, jetzt das freie Leben der Volks-
deutschen als privilegierter Gruppe in ideologischer und wirtschaftlicher
Hinsicht zu garantieren. Da eine derartige Rechtslage jedoch erst kon-
struiert werden mußte, wird man in Prag damit gerechnet haben, daß
sich die Verhandlungen zur Einführung dieses Novums einige Zeit hin-
auszögern würden. In dieser Hoffnung war man sogar bereit zuzuge-
stehen, daß nationalsozialistische Vertrauensleute des restlichen deut-
schen Bevölkerungsteiles in der Republik die Verwirklichung des Ab-
hängigkeitsverhältnisses der Tschecho-Slowakei vom Dritten Reich be-
aufsichtigten. Auch der Geltungsbereich der sog. inneren Souveränität
wurde also eingeschränkt, um die tatsächliche Abhängigkeit auszu-
drücken. Außerdem wurden in bezug auf die tschechischen Bewohner der
Historischen Länder die faschistischen Bestrebungen begünstigt, die man
bisher unterdrückt hatte.
Der grundsätzlich neue Kurs der vierten Phase schien zwei Wochen
lang, bis zum 12. 3. 1939, zugleich erfolgreich und von Deutschland ge-
wünscht zu sein. Zwar blieb ein entsprechender diplomatischer Vorstoß
vom 1. 3. 1939 in Berlin 12 ohne Resonanz; aber ein anderer Bescheid war
augenscheinlich wichtiger. Da die Lage in den Karpatengebieten un-
durchsichtig wurde und nach den Aussagen slowakischer Regierungsmit-
glieder gewisse reichsdeutsche Politiker eine völlige Lostrennung der

12) Masafik; vgl. S c h i e f e r , S. 57.


Die Politik der Zweiten Tschechoslowakischen Republik 69
Slowakei von den Historischen Ländern befürworteten, erkundigte sich
die Prager Regierung am 9. 3. während einer entscheidenden Kabinetts-
sitzung beim deutschen Geschäftsträger nach den Absichten der Reichs-
regierung in bezug auf den Gesamtstaat. Auf Grund der Antwort mein-
ten Hächa, Beran und Chvalkovsky sowie die anderen tschechischen Poli-
tiker, mit dem Interesse des Reiches an dem Weiterbestand der Zweiten
Republik rechnen zu können.
Entsprechend dieser Auskunft begann man in der Nacht zum 10. 3.1939
mit militärisch-politischen Maßnahmen zur Sicherung des Gesamtstaates.
Die slowakische Regierung Tiso wurde entlassen und bis zum 12. 3. be-
herrschte Prag die Lage. Obwohl sich herausstellte, daß die nationalsozia-
listische Führung der Preßburger deutschen Minderheit mit den Separa-
tisten zusammenarbeitete und diese auch von Wien aus weiterhin unter-
stützt wurden, konnte die Krise der Zweiten Republik als gemeistert
gelten; so mußte die Regierung Beran am 12. 3. 1939 urteilen, wenn sie
das Ergebnis ihrer Integrationspolitik betrachtete. Der Zusammenhalt
des Gesamtstaates, der die Voraussetzung für die neue Politik bildete,
blieb gewahrt. Jetzt erschien es angezeigt, die grundsätzliche Wendung
auch personell durch einen Regierungswechsel auszudrücken.
Diese Veränderung wurde jedoch nicht durchgeführt. Denn am selben
12. 3. ereigneten sich in den Historischen Ländern Zwischenfälle zwischen
Volksdeutschen und Tschechen. Dies geschah trotz der ernsten Warnun-
gen der Prager Regierung. Die Provokationen waren von Deutschen her-
beigeführt und letztlich an manchen Orten erfolgreich.
Sehr bald stellte es sich heraus, warum diese Zwischenfälle erfolgt
waren: Am nächsten Tag, am 13.3., konnte die reichsdeutsche Presse
schlagartig, genauso wie auf dem Höhepunkt der Sudetenkrise im ver-
gangenen Herbst, davon berichten, daß die Tschechen noch immer ihre
anderssprachigen Staatsbürger terrorisierten. Darüber hinaus wurde ge-
meldet, daß in Prag ein Putsch bevorstehe, um Benes wieder die Füh-
rung im Staat zu verschaffen.
Das Kabinett Beran dürfte geglaubt haben, daß dieser publizistische
Angriff nur die Loslösung der Karpatengebiete einleiten bzw. bewirken
sollte, daß also die gesamtstaatliche Integrationspolitik, die sie — an-
scheinend mit der Zustimmung des Reiches — in den letzten Tagen
durchgeführt hatte, doch nicht dem Wollen Berlins entsprach. Die Ent-
scheidung, die Ende Februar in Prag getroffen worden war, mußte also
in diesem wesentlichen Punkt berichtigt werden. Es schien tatsächlich
nur noch ein Weg offenzustehen: Die Anlehnung eines bloß tschechi-
schen Staates an das Dritte Reich. Ein solches Verhältnis würde die Re-
publik der Historischen Länder kaum noch außenpolitisch handlungs-
fähig lassen, zumal auch die Gleichschaltung nicht mehr wirkungsvoll
zu verhindern war und somit den Staat auch in ideologischer Hinsicht
70 Heinrich Bodensieck
von seinen bisherigen Freunden trennen würde. Das mußte hingenom-
men werden, ebenso wie die Tatsache, daß der Gedanke des Tschecho-
slowakismus gescheitert war, zerbrochen an dem Wollen des „größten
Nachbarn". Er verfügte über die Macht, seine Konzeption durchzuführen.
Geschickt hatte seine Führung es bis jetzt verstanden, ihre Absichten in
bezug auf den Gesamtstaat zu verbergen. Jetzt stellte es sich heraus, daß
die Zusammenarbeit zwischen den slowakischen Separatisten und den
Volksdeutschen sowie ostmärkischen Nationalsozialisten durchaus dem
Willen Hitlers entsprochen hatte. Sie war bisher wirkungslos geblieben.
Für diesen Fall waren die Vorbereitungen für die politische Autonomie
des Deutschtums in den Historischen Ländern ausgenutzt worden. Als
endlich die von Berlin gewünschte Lage eintreten sollte, hatte man die
Minen im tschechischen Gebiet springen lassen.
Diesem deutlichen Hinweis auf die Macht des Dritten Reiches mußte
man in Prag weichen. Wenn die Regierung Beran schon beabsichtigt
hatte, nach dem Gelingen ihrer gesamtstaatlichen Integrationspolitik zu-
rückzutreten, so war eine solche Handlung nun noch mehr begründet
als vorher. Nachdem zunächst der St. Wenzel-Kurs erfolglos geblieben
war, mußte die Prager Staatsführung jetzt feststellen, daß die reale
Voraussetzung für alle bisherigen politischen Planungen entschwunden
war. Es blieb nichts weiter übrig, als die Pläne Hitlers in den tschechi-
schen Gebieten auszuführen. Einige rechtsradikale Mitglieder der tsche-
chischen Einheitspartei schienen für diese Aufgabe bereit zu sein.
Die Prager Staatsführung hoffte, für diese f ü n f t e P h a s e so schnell
wie möglich mit der Reichsregierung zu einem Übereinkommen zu ge-
langen. Nachdem Tiso am 13. 3. von Hitler empfangen worden war, berief
Hächa den Preßburger Landtag für den folgenden Tag ein. Der Staats-
präsident wird dabei mit den Ereignissen gerechnet haben, die dann
auch eintraten, daß nämlich die Preßburger Volksvertretung die Slowa-
kei für unabhängig erklärte. Auch die Karpato-Ukraine war verloren.
Zwischenfälle, die sich wieder seit dem 8. 3. an der ungarischen Grenze
ereignet hatten, waren jetzt nur noch als ein Vorspiel zur Einverleibung
dieses Gebiets in den Herrschaftsbereich Budapests zu verstehen. Des-
wegen wurde den tschechischen Truppen befohlen, sich aus dem östlichen
Staatsgebiet zurückzuziehen. Die ukrainischen Nationalisten mußten
ihrem Schicksal überlassen bleiben.
Am Abend des 13. 3. erbat der Staatspräsident als Vertreter des tsche-
chischen Volkes eine Unterredung mit Hitler. Diesem Wunsch wurde am
14.3. entsprochen. Der Außenminister begleitete Hächa auf der Reise
nach Berlin. Nachdem ihr Sonderzug Prag verlassen hatte, beschloß das
Kabinett Beran zurückzutreten. Diese Entscheidung konnte aber nicht
verwirklicht werden, da der Staatspräsident nicht sein Einverständnis
bekunden konnte.
Die Politik der Zweiten Tschecho-Slowakischen Republik 71
I n Berlin wurde n die tschechische n Politike r mit dem Entschlu ß Hitler s
bekann t gemacht , de r für sie in dieser For m überraschen d gewesen sein
dürfte . Es wurd e ihne n mitgeteilt , da ß die deutsch e Wehrmach t binne n
weniger Stunde n die Historische n Lände r besetze n werde . Häch a war
sich darübe r im klaren , da ß jeglicher Widerstan d sinnlo s sein würde . Er
fügte sich der Gewalt , um seine m Volk unnötige s Blutvergieße n zu er-
sparen . Schließlic h unterzeichnete n die beide n Tscheche n am 15. 3. gegen
4 Uh r morgen s ein e — vom Berline r Auswärtigen Amt so bezeichnet e —
„Erklärung " der Regierunge n Deutschland s un d der „Tschechoslowakei" ,
wonac h Hach a als Staatspräsiden t „da s Schicksa l des tschechische n Vol-
kes un d Lande s vertrauensvol l in die Händ e des Führer s des Deutsche n
Reiches " legte. Dafü r sichert e Hitle r dem tschechische n Volk unte r dem
Schut z des Deutsche n Reiche s „ein e seine r Eigenar t gemäß e autonom e
Entwicklun g seines völkischen Lebens " zu. 18
Di e Tschecho-Slowakisch e Republi k existiert e nich t mehr . I m Kraft -
feld der Politi k Hitler s war sie in ihr e einzelne n völkischen Bestand -
teile zerbroche n un d in ihre m Kernlan d völlig entmachte t worden . Das ,
was Kund t im Dezembe r 1938 fordern d de n „totale n Einba u dieses Rau -
me s in irgendeine r For m in den totale n Machtbereic h des Reiches " u ge-
nann t hatte , war verwirklich t worden . Ohn e Mobilmachun g un d ohn e
Krie g hatt e sich Hitle r de r Positio n versichert , die ih m bereit s seit der
Münchene r Entscheidun g offengestande n hatte . Da s damalig e Abkom-
me n hatt e sich zugunste n des Reiche s ausgewirkt, entgege n den Bemü -
hunge n der Prage r Politiker , die sich verzweifelt gewehrt hatten , um
ein e derartig e Entwicklun g auf verschiedene n Stufe n aufzuhalten . Di e
Tenden z zu eine r solche n vollständige n Machtverlagerun g in Böhme n
un d Mähren-Schlesie n hatt e seit de r Oktoberkatastroph e den Umwand -
lungsproze ß innerhal b de r ĆSR so zu beeinflussen vermocht , daß sich
die Problemati k de r Zweite n Republi k schließlic h nich t meh r von ihre m
eigene n Dasei n he r bestimmte , sonder n da ß vom nationalsozialistische n
Reic h die Frage n gestellt wurden , die die Entscheidun g vorbereiteten .
Seit Anfan g Mär z 1939 hatt e sich alles zugespitzt ; schließlic h war die
Geschwindigkeit , in der das Geschehe n verlief, atemrauben d beschleunig t
worden . Nachde m die Slowakei zum selbständige n Staa t erklär t worde n
war un d Ungar n die Karpato-Ukrain e besetz t hatte , wurde n die Histo -
rische n Lände r als Protektora t in den Hoheitsrau m des nationalsozia -
listische n Reiche s einbezogen . Diese r Endzustan d des Prozesse s blieb be-
stehen , solange das Dritt e Reic h mächti g war.

13) ADAP, IV, Nr . 229, S. 235.


14) ADAP, IV, Nr . 151, S. 163.