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Diskussionsbeiträge des SFB 619 »Ritualdynamik« der Ruprecht-Karls

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Universität Heidelberg, herausgegeben von Dietrich Harth und Axel Michaels

Nr. 1
Dezember 2003

Grundlagen des SFB 619
RITUALDYNAMIK
Soziokulturelle Prozesse in
historischer und kulturver-
gleichender Perspektive

www.ritualdynamik.uni-hd.de

Editorial

Mit der ersten Ausgabe des Forum Ritualdynamik startet der SFB 619
eine in lockerer Folge erscheinende Reihe von Einzelpublikationen im
Internet. Die hier veröffentlichten Aufsätze, Essays und Thesen sollen
Einblicke in die Werkstatt des SFB ermöglichen. Sie geben Auskunft
über den lebendigen Prozess der Erkenntnisgewinnung , so wie er sich
in Entwürfen, Gedankenexperimenten und vorläufigen Aussagen nie-
derschlägt. Darüber hinaus ist das Medium offen für die Beiträge jener
WissenschaftlerInnen, mit denen sich die Mitglieder des SFBs über ri-
tualwissenschaftlich relevante Probleme austauschen. Das Copyright
der Texte liegt bei den Autorinnen und Autoren.

Wir beginnen die Reihe mit der Publikation der Grundlagen des SFB
619, die den Entwurf und insofern eine ausführlichere Vorform der An-
tragsversion bilden. Der Text wurde im Sommer 2001 geschrieben und
geht auf Vorschläge aus dem Arbeitskreis zurück, der mehrere Jahre
lang mit der Vorbereitung des Sonderforschungsbereichs befasst war.
Für diese Veröffentlichung wurde der Text an wenigen Stellen um
leichterer Lesbarkeit willen verändert. Die systematische Bibliographie
im Anhang spiegelt den damaligen Stand unserer Literaturstudien wi-
der.

Wer eine gedruckte und broschierte Ausgabe des einen oder anderen
Beitrags der Forum-Reihe in Händen halten möchte, kann diese bei der
Geschäftsstelle des SFBs (E-mail: sfb619@uni-hd.de) bestellen und ge-
gen einen kostendeckenden Betrag erwerben.

Dietrich Harth Axel Michaels

1

Inhaltsverzeichnis

Grundlagen

Kurzbeschreibung................................................................................................. 3

Themenbegründung und Anknüpfungspunkte ........................................ 5

Forschungspositionen und Literaturüberblick
Einleitung .............................................................................................................. 7
Zur Geschichte der Ritualforschung (Bibl. 1.3 u. 2.3)........................... 8
Theoretische Aspekte der Funktions- und Bedeutungsbestimmung 9
Klassifikation und Typenbildung ................................................................ 12
Phänomenologische Kriterien ....................................................................... 13
Conclusio............................................................................................................. 14

Profile der Leit- und Schlüsselkonzepte
Ritual, rituelles Handeln und Ritualisierung .......................................... 14
Rituelle Performanz und Repräsentation.................................................. 17
Migration und Ritualtransfer........................................................................ 23
Rekursivität und Erfindung (inventio)....................................................... 26
Hypothesen zum Kulturvergleich ................................................................ 27

Methodenfragen
Matrix der Leitfragen ....................................................................................... 30
Methodenpluralismus ..................................................................................... 31
Aufriß der Kombinatorik ................................................................................ 35
Neuansätze.......................................................................................................... 35

Forschungsziele.....................................................................................................................36
Zitierte Literatur................................................................................................ 38

Systematische Bibliographie......................................................................... 41

2

während diese des historisch-philologischen Know how bedürfen. den Grund für die Etablierung einer Ritualwissenschaft zu bereiten. soll in dem geplanten Forschungsvor- haben vorrangig erforscht werden. Das Projekt orientiert sich an folgenden Leitlinien: a) Ritualdynamik: Ging die bisherige Forschung meist davon aus. wer sie wann und zu welchem Zweck erfindet und wie sich das Verhältnis von Ritual und Ritual-Kritik gestaltet? Es ist sicher. wie Rituale entstehen. analysiert und vergleichend zusammengeführt werden. dass diese Forschungen nicht nur für die beteiligten Fächer relevant sind. Ein entscheidender Impuls hinter der Begründung dieser neuen Forschungsinitiative ist es. die Hypothese überprüft. um das empirisch gewonnene Material vor dem Hintergrund ritualdyna- mischer Prozesse 'lesen' zu können. die asiatische und europäische Kulturen betreffen. sich verwandeln und auflösen. nach ihrem Entstehen. So wird u. c) Kulturvergleich: Hinzu kommt die kulturvergleichende Perspektive. deren Genese nur schwer nachweisbar ist. in der die spezifischen Erscheinungsformen und Modalitäten ritueller Prakti- ken erfaßt. impliziert eine diachrone und interkulturelle Sichtweise. Erstmals werden durch eine enge Vernetzung von Projekten. ihrem Vergehen und ihren Wanderungen zwischen Gesellschaften und Kulturen. b) Text und Kontext: Die prinzipielle Fragestellung nach der Dynamik von Ritualen.Grundlagen Kurzbeschreibung Der nachfolgend beschriebene Sonderforschungsbereich umfaßt 15 kultur. um den in der Ritualfor- schung bislang nahezu ungeklärten Aspekt der Ritualdynamik umfas- send zu bearbeiten. sondern dazu beitragen können. d. dass Rituale stereotype und erstarrte Verhaltensformen seien. Diese Art der Zusammenarbeit erfolgt überwiegend im Projektbereich B mit dem Titel Rekonstruktion ritualdynamischer Prozesse in Kulturen der Vergangenheit. Deshalb verbinden sich vornehmlich in einem Projektbereich A („Ritualdynamik zwischen Tradition und rezenter religiöser Praxis“) historische mit empirischen Fächern.a. die noch lebendige Ritualtraditionen beobachten können.h.und sozialwissenschaftliche Fächer der Ruprecht-Karls-Univer- sität in 16 Teilprojekten aus sechs Fakultäten. die Grundfragen bestehender Ritualtheorien neu zu erörtern und weiter zu entwickeln. ob Rituale einen Handlungstypus sui generis verkörpern. verschiedene Ritual- 3 . Zum Beispiel sind ie beteiligten Altertumswissenschaft zur Erklärung von Lücken in ihrem Material auf solche Disziplinen angewiesen.

Allgemeine Literaturwissenschaft (Germanistik). Islamwissen- chaft. Es ist daran gedacht. e) Nachwuchsförderung: Das Forschungsvorhaben soll überwiegend jüngere Forscherinnen und Forscher zusammenbringen und inter- national vernetzen. Theologie. Eine organisatorische Bündelung so verschiedener Fachkompetenzen ist mehr denn je notwendig.und Festrituale. In zunehmendem Maße sollen hochqualifizierte Magistrierte in die Forscherteams einbezogen werden. Religionswissen- schaft. typen einem gründlichen Vergleich unterzogen: Toten. Soziologie. Weihe und Trancerituale. Alte Geschichte.und Herrschafts- rituale. höfisches Zeremoniell. Erziehungswissen- schaft und Medizinische Psychologie. Sterbe. Macht. Es ist zu erwarten. um die bisherigen Erfahrungen inter. der literarischen Kanon- bildung. internationale Tagungen und gemeinsame Lehrveranstaltungen ein so hohes Maß an Interdisziplinarität zu praktizieren und einzuüben. Religion oder Region) in eine andere untersucht werden. Ritualisierungen und Re-Ritualisierungen des Kulurtransfers. Institute für Ägyptologie. dass damit alte Fragen nach einem allen Menschen gemeinsamen Inventar von Mustern des Ritualverhaltens neu beantwortet werden können. des jugendlichen Drogenkonsums und der Internetpräsen- tation. Gebets-. um die Ver- jüngung der Forschung zu fördern. des Holocaustgedenken. um den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen die Möglichkeit zu bieten. Klassische und Moderne Indologie. Die Kulturinvarianz rituellen Verhaltens kann am besten an den Prozessen des Ritualtransfers von einer Kultur (bzw. d) Interdisziplinarität: An der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg befassen sich ungewöhnlich viele Fächer seit längerem mit der Ritual- forschung.und transdisziplinärer Kooperation zu verbessern und langfristig auf sicherem Boden weiter zu entwickeln. 4 . Diesem Komplex widmet sich besonders der Projektbereich C: Rituatransfer in Gesellschaften Europas und des Vorderen Orients. gemeinsam und über bestehende Fächergrenzen hinweg nach Problemlösungen zu suchen. Ethnologie. Assyriologie. Der SFB 619 schließt den Großteil von ihnen zusammen: die Fächer bzw. Diese Fächer haben sich schon früh in dem Arbeitskreis Ritualdynamik organisatorisch zusammen- geschlossen.und Initiations- rituale. Summer Schools.und Ahnenrituale. Tempel. Mittlere Geschichte. Kolloquien. durch regelmäßige Symposien und Kollegs. Alters-.

bisweilen auch spielerische Anwendung finden. an ihr teilnimmt. Hinzu kommt. Eine Gesellschaft. 1S. im Laufe der Zivilisationsge- schichte verändert haben. Große Aufmerksamkeit findet der so bezeichnete Handlungstypus auch in den andauernden Auseinander- setzungen über die Gestalt ritueller Gedenkorte und Mahnmale.Themenbegründung und Anknüpfungspunkte Debatten über Sinn und Unsinn der Rituale gehören nicht zu den ge- wöhnlichen Meinungsbildungstrategien der öffentlichen Medien. dafür Opfer zu bringen. Doch nicht die Aktualität der Tagesereignisse bestimmt die hier darzulegende Forschungsinitiative. 5 .1 Davon bleiben die praktischen Zwecke und die Symbolik des Rituellen nicht unberührt. sondern integrieren auch 'fremde' Traditionen in die eigene Lebenswelt. dass Ereignisse. die die Grenzen des Vorstellbaren sprengen. um das zerstörte Vertrauen wieder herzustellen und die Be- troffenen auf etwas Neues einzustimmen: eine andere. Die Motive für die Wahl des spezifischen Handlungstypus. sondern nach wie vor noch erfüllt. wenn auch meist mit negativen Vorzeichen verwenden. seiner Genese. obwohl diese den Begriff in geradezu inflationärer Weise. Diese Überzeugung schließt nicht aus. die in den neuen sozialen Milieus eine breit gefächerte. dass sich der Ritualbegriff und die Sachverhalte. die kulturvergleichenden empirischen Untersuchungen zum Wertewandel von Hofstede (1980) und Inglehart/Abramson (1995). Die Schrecken des September-Terrors des Jahres 2001 haben überdies einmal mehr deutlich gemacht. Das schließt den be- schleunigten Austausch nicht nur von Informationen und Gütern. dass rituelles Handeln als eigenständiger Ty- pus von anderen Handlungstypen zu unterscheiden ist und wichtige Funktionen im Werden und Wandel aller bekannten soziokulturellen Ordnungen nicht nur erfüllt hat. dass Religion (Kultus) und Politik in den Weltan- schauungen der Fundamentalisten zusammenfallen. durch gesteigerte Sicherheitsbedürfnisse veränderte Ordnung und die Bereitschaft. son- dern auch von Symbolen und kulturellen Lebensstilen ein. deren Dynamik nichts zu wünschen übrig läßt. es ist vielmehr die wissenschaftlich begründete Überzeugung. historischen Erscheinungsformen und Wandlungsprozesse sind nicht unberührt von jenen Veränderungen in der modernen Kul- tur. auf die er verweist. ist kaum noch vorstellbar. die sich nicht in irgendeiner Weise an der modernen Kultur orientiert bzw. mit rituellem Handeln beantwortet werden müssen. Zum Bei- spiel richten die ökonomisch besser gestellten sozialen Milieus der weltweit emergenten Migrationsgesellschaften ihre Lebensstile nicht mehr allein an nationalen Überlieferungen aus. eine Entwicklung. polyfunktionale.

Marty/Appleby 1996. scheint angesichts der neuen Fundamentalismen nicht zuletzt deshalb als Erklärungshilfe ungeeignet. weil diese sich an anderen als nationalstaatlichen Modellen der politischen Organisation orientieren. 17ff. sondern die Traditionsbestände reorganisiert. um sie gleichsam als Material für neue Erfindungen zu verwerten (Kriterium der Rekursi- vität).und multikulturell agierender Gemeinschaften der europäischen Moderne (Projektbereich C).und des Niltals (Projektbereich B) über rezente Initiations-. zur modellbildenden Funktion der Religionen für die Organisation politischer Gruppen Cohen (1974). Wo dies der Fall ist.3 Die Projektbereiche der vorliegenden Forschungsprogramms sind über ein kulturhistorisch sehr umfangreiches Feld ritueller Handlungs- weisen verteilt.2 Alle diese z.und Machtverhältnissen zunehmend beachtet wer- den.und Lebenssphä- ren. and how well the world around them measures up against these standards. Wo die Wiederkehr eines Traditionellen bemerkbar wird.und Territorialrituale in Asien (Projektbereich A) bis zu den teils arkanen. von einer Wiederkehr des Ri- tuellen zu sprechen (vgl." 6 . ritual is an important means of influencing people's ideas about political events. der Ritualkritik zu berücksichtigen. Die Reflexe der soziokulturellen Verschiebungen und Verwerfungen sind in den verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen wahrzunehmen. die den mit dem Forschungsprogramm verknüpften Er- wartungen entspricht. Herrschafts. teils virtuellen Ritualisierungen trans. political policies. hinter der sich wohl nichts anderes als dessen Neubewertung verbirgt. . Es ist insbesondere die Weite der thematisierten kulturellen Räume und Zeiten.und Gedächtnisritualen der frühen Hochkulturen des Zweistrom.die als Reaktion auf den Zusammenbruch der ideologisch ausbuchsta- bierten Fortschrittsutopien des Westens und Ostens gedeutet werden kann (Tibi 1995.T. Der daran abzulesende theoretische und methodologische Paradigmen- wechsel hat in der Formel vom cultural turn einen markanten Ausdruck gefunden und dazu geführt. people develop their ideas about what are appropriate political institutions. die vielfältigen Erscheinungsformen rituellen 2 Der Begriff der "politischen Religion". ). what are appropriate qualities in political lea- ders. Through ritual. 79) schreibt: "Indeed. dra- matischen Veränderungen legen es nahe. Dessen raumzeitliche Begrenzungen reichen von kon- kreten Macht. die freilich nicht mit der Repetition eines längst schon Dagewesenen zu verwech- seln ist.Kertzer (1988. hat das Projekt daher auch die entsprechenden Positionen des Widerstands bzw. der eine historisch zutreffende Folie für die Analyse faschistischer Rituale bietet (Behrenbeck 1996. 3 Vgl. political systems. Meyer 1997) und die zu einer Verstärkung gerade ritueller Aktionsformen führt. Tempel. dass die kulturellen Konstruktionsbedin- gungen des Rituellen in so gut wie allen Erfahrungs. die Beiträge in van der Toorn 1995). sind die Kritiker in der Regel nicht weit. and political leaders.

die Übertragung ritueller Praktiken auf Demokratisie- rungsprozesse. Prozessionen in Nordindiens Garwhal oder in Städten der europäischen Antike. Ritualwanderungen zwischen Vorderem Orient und den Diasporagemeinden in Europa. die geheimen Rituen der Freimauerer und die Ritualisierung des Drogenkonsums in Jugendgruppen. auf so komplexe Phänomene wie Identitätsbildung. Machtlegitimierung. des Ritualtransfers oder der durch Ri- tuale beschleunigten bzw. c) Das Konzept der Sozialdynamik bezieht sich u. Dieses Kräfte- spiel hat zwei Seiten: Die eine neigt sich den Geschichten zu. kollektive Sinnbedürfnisse erfüllenden Auswirkungen rituellen Handelns in den sozialen Welten jener Kultur- systeme. Toten. b) Geschichtsdynamik bezieht sich u. Ordnungs- stabilisierung oder auch auf Mißbrauch und Repression. ordnen und schließlich kulturvergleichend bewerten zu können. Markante Beispiele sind Trancerituale in Marokko. behinderten Modernisierung. Herrschertreffen und Hofzeremoniell in Rajasthan und im mittelalterlichen Europa . Alle im interdisziplinären Projektverbund zusammenwirkenden Einzeluntersuchungen kreisen um die Frage nach den spezifischen Merkmalen im Kräftespiel (Dynamik) rituellen Handelns. die über die Genese und die Transformationen des Rituellen zu erzählen sind. Forschungspositionen und Literaturüberblick Einleitung Die ältere wie die neuere Ritualforschung umfaßt ein kaum noch über- schaubares Spektrum an Fragestellungen und Positionen. auf Prozesse der Ritualerfin- dung und Re-ritualisierung. die zum topographischen Spektrum des Forschungsvorhabens gehören. Tempelrituale in Südindien. Beispiele aus dem SFB bieten die Königsrituale in Mesopotamien.a. vis.und sozialwissenschaftlichen Fächern 7 .und Literaturpreisverleihungen.Handelns sichten. Die Ubiquität des Begriffs läßt sich an der Konjunktur einschlägiger Forschungsi- nitiativen in fast allen kultur. Ritualisie- rung ästhetischer Wertbildung im Zusammenhang mit Kunst.und makrostrukturellen Ebenen. energeia. Beispiele sind die neuen mit Internet-Ritualen verbundenen Patchwork- Religionen.und Ahnenrituale in Nepal oder Ägypten. kinesis und potestas umfaßt) wird daher in dreifacher Hinsicht verwendet: a) Der Begriff der Strukturdynamik bündelt die morphologischen Aspekte der rituellen Praktiken und ritualisierten Handlungen auf mikro. Der Begriff „Dynamik“ (dessen Bedeutungsspektrum nicht nur dynamis.a. die andere den energetischen. sondern auch violentia.

nachträglichen Auswertungen mündlicher Redetexte oder körpersprachli- cher Ausdrucksformen.sowie interdisziplinär relevante Schriften. ausschließlich regional orientierte und historisch kleinteilig verfahrende Publikationen beiseite.) beziehen. auf Bildttexten (Abbildungen von Ritualen. eingefrorene Ritualgesten) und auf Aufzeichnungen bzw. Die Auswahl der in unserer Positionsbestimmung berücksichtigten Titel läßt spezialistisch eng gefaßte. Spiel etc. sondern verlangt seitdem nach fächer- übergreifenden.3 u.3)4 Über die Geschichte der Ritualforschung. In unserem Überblick. die sich direkt oder. eine wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Weiterführung dieser Forschungen in den historisch-philologischen Teilprojekten unse- rer Initiative. Zur Geschichte der Ritualforschung (Bibl. trans.und Bildüberlie- ferungen. Performanz. son- dern auch zur Loslösung des Leitbegriffs von der einseitigen Fixierung auf religions. der sich auf die im Anhang wiedergegebe- ne systematische Bibliographie bezieht. werden vor allem diejenigen Veröffentlichungen berücksichtigt. 8 . Für die Fragestellungen unseres Projekts grundlegend ist die Beob- achtung.zur Sozialorientierung einher- gegangen ist. die Erschließung und Auslegung der Schrift.ablesen.' verweist auf die Gliederungspunkte der systematisch geordneten Bibliographie im Anhang. Eine stets weiter anwachsende Literatur umfaßt inzwischen tausende von Buch. deren Auswahl von den Grundlinien unsere eigenen Forschungsperspektive abhängig ist. Die Einheit von Begriff und Sache war von da an nicht mehr auf die Spezialisierungsenge eines Einzelfaches angewiesen.und Zeitchriftenpublikationen in zahlreichen Spra- chen. Methodisch gesehen liegt je nach Fachrichtung das Gewicht der mei- sten bibliographisch erfassten Untersuchungen auf der Schriftüberliefe- rung (Ritualanweisungen und -protokolle). der Ritualtheorien und den Be- deutungswandel des Leitbegriffs selbst ist bisher relativ wenig veröffent- licht worden. in ausführlichen Kapiteln auf die einschlägige Thematik und auf verwandte Phänomene (Zeremonie. so konzentriert sich der größte Teil ihrer Untersuchungen auf die Doku- mentation. Statt des- sen beziehen wir uns auf eher allgemeine. Bauen die Fächer auf historischem Material auf. 2. die in der Folgezeit nicht nur weiter ausgebaut wurde. dass die Entstehungsgeschichte der 'modernen' Ritualtheorien um 1900 mit einer Wende von der Natur. also interdisziplinären Gelegenheiten der Bedeutungs- 4'Bibl. geht es um weiter gefasste Titel.und mythenhistorische Themen geführt hat. 1.

Diese Vielfalt spiegelt sich unter anderm auch in der uneindeutigen Se- mantik des Ritualbegriffs.2) Entwürfen. helfen über Krisen hinweg. um eine ganz andere Orientierung zu nennen.und Bedeutungsbestimmung Ritualtheorien lassen sich gut auf disziplinärer Grundlage klassifizieren. B.und Deutungsaushandlung mit Blick auf die in allen – traditionellen und modernen – Gesellschaften zu beobachtende Vielfalt ritueller Phänomene.Gefragt wird zum Beispiel nach dem individuellen (psychischen) Nutzen oder Schaden bzw. soziologische (Bibl. 2. Diese Plastizität ist im übrigen in der Tradition des Be- griffs fundiert. Soziologische Theorien. des Status und auf die Legitimationsprobleme des für die jeweilige Gemein- schaft verbindlichen Ethos. aber auch die Zwänge und nicht zuletzt die Funktionen ritueller Krisenbewältigung. erfolgsorientierten (Ritual-)Kom- petenz.2. Zwangsneurosen hervor)? Sind Rituale nicht zu leer und zu starr.2). Schon die frühesten Belege zeigen ihn in Verbindung nicht nur mit religiösem Kult und Liturgie.5. die sich nicht nur an seiner inflationären Ver- wendung in den öffentlichen Sprachen der Medien. denn sie halten sich in der Regel an die Theorie.2. psychologische (Bibl. 1.6). 2. Gewohnheit und Ordo (Bibl. Psychologische Theorien wiederum akzentuieren die Erfahrungen der Angstreduzierung. Theoretische Aspekte der Funktions. sondern auch inner- halb der doch sehr durchlässigen Grenzen wissenschaftlicher Fachspra- chen ablesen läßt.4).4) und semiotischen (Bibl. Die meisten soziologischen und psychologischen Theorien suchen das Funktionieren der Rituale innerhalb gesellschaftlicher und soziopa- thologischer Rahmenbedingungen zu erklären. mit Sitte. Rechtsbrauch. 2.und Methodendiskus- sionen innerhalb der Einzelfächer. konzentrieren sich auf die Aspekte der Konfliktvermeidung.1) über ethologische (Bibl. der kathartischen Paradoxien.und Kommunikationsstrukturen: Machen Rituale krank (rufen sie z. nach dem Stellenwert der Rituale innerhalb konventioneller Partizipations. um überhaupt einen praktischen Nutzen bewirken zu können? Fördern sie das Zusammenleben. der Kontrolle und Hierarchie. 2. der Schaffung von Solidarität (communitas). Das traditionelle mit solchen Theorien verknüpfte Fächerspektrum ist groß: Es reicht von den altertumswissen- schaftlichen (Bibl. stiften Gemein- schaftssinn und politische Bündnisse? Gestalten sie vielleicht jenes kol- 9 .2. der Internalisierung normativer Kontexte sowie auf Fragen der Macht. der individuellen Bewährung und die Formen des kollektiven sowie des indi- viduellen Erwerbs einer angemessenen. sondern auch mit zeremonieller Re- präsentation. 2. Die Myth-and-Ritual- Theory der Cambridge-Schule hat mit der Engführung zwischen Ritual und Mythos eine bis heute andauernde Debatte über diese Korrelation in Gang gesetzt. 2.3) bis hin zu handlungstheoretischen (Bibl.

plädieren solche An- sätze für kulturvergleichende Untersuchungen auf der Basis idealtypi- scher Modelle rituellen Verhaltens. was zu einer erheblichen Intensivierung der Ritualfor- schung beigetragen hat. Mit dem cultural turn in den Kultur. und es ist gewiß kein Zufall. geht weit über solche Funktionsanalysen hinaus. 2. das zur Identität einer Gruppe oder einer Gesellschaft gehört? Eine nicht geringe Zahl allgemeiner Ansätze. sie unter den Gesichts- punkten der 'szenischen' Performanz mit allen Implikationen der Insze- nierung.2) und Interaktion (Bibl. der Dramaturgie. Mimik. Prozessualität (Bibl. 2. In den vergangenen Jahren haben sich die Perspektiven noch ein- mal verschoben. Diese Begriffe markieren bestimmte Interpretationsaspekte ritueller Handlungsvollzüge und tragen in erheblichem Maß zur Verfeinerung der empirischen Beschreibungsmethoden bei. Der etwas sperrige. oder anders gesagt: nach den Bezie- hungen zwischen Kult.3). Zeremoniell.4. nicht nur die kulturellen Struktureigentümlichkeiten zu vergleichen.4. Rituale als Texte zu 'lesen' und zu interpretieren ist eine Sache. der Körpersprache. die das Forschungs- feld zu begründen und die Grundbegriffe zu definieren suchen.1). aus dem Englischen ins Deutsche übernommene Begriff der "Performanz" (performance) faßt die nonverbalen Präsentationsaspekte rituellen Han- delns zusammen. der Mimesis. sondern auch nach den biologischen bzw.und Verknüpfungs- formen ritueller Akte gelenkt und rückt die Frage nach dem Verhältnis von Haupt.lektive Gedächtnis. genetischen Voraussetzungen eines solchen Verhaltens zu fragen. sie schärfen den Blick für die Eigenarten der nonverbalen Äußerungen (der Gestik. Performativität (Bibl. Interaktionstheorien wiederum fragen nach der Rolle sowohl der Akteure als auch der (passiven) Partizipanten. der Requisiten und überhaupt des Dekors zu analysieren. Anthropologische Ansätze z. ist ein weit- aus komplexerer Vorgang. Pro- xemik) und ihrer Beziehung zur materiellen Symbolik.und Nebenhandlungen. verteidigen die Annahme.B. Ritus. Der Begriff der Prozessualität hat darüber hinaus die methodische Aufmerksamkeit auf die dramaturgischen Verlaufs.und Sozi- alwissenschaften sind sehr umfassende transdisziplinäre Fragen in den Vordergrund gerückt.4. die über die klassischen Standpunkte der Hand- lungstheorie und der Kulturhermeneutik hinausgehen und sich mit fol- genden Leitbegriffen verbinden lassen: Performanz bzw. zu schriftlichen Kodifizierungen sowie zu den metakommunikativen Funktionen des Ritu- 10 . Ritual und Ritualisierung ins Zentrum. Hier liegt es nahe. Rituale gehörten zur biologischen Grund- ausstattung der menschlichen Spezies. 2. dass sich dieser Begriff zunächst im Kontext der Theatre Studies bewährt hat. Die universelle Verbreitung ri- tuellen Handelns in allen Kulturen vorausgesetzt. der auch auf methodischer Ebene nach neu- en Instrumenten verlangt. der Kulisse.

11 . theolo- gische etc. ver- schieben. die Rituale als eine doppelt. von einer (profanen) zur anderen (sakralen) Bedeutungsebene statt.ellen. weil per definitionem leer und selbstrefe- rentiell.und Selbsterhaltung und den davon ableitbaren evolutionstheoreti- schen Schlußfolgerungen. nämlich nonverbal und verbal ko- difizierte Handlungsform registrieren und noch im rituell gebotenen Schweigen eine Steigerung des Sich-Mitteilens erkennen. Doku- mente.Rituale sind bedeutungslos. Ritualtexte). auf die Abhängigkeit von der Mytho-Logik. . Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang die mit der Neuorientierung am Rituellen einhergehende Abwendung der (politikwis- senschaftlichen) Strategieforschung von jenen spieltheoretisch begrün- deten Modellen.Rituale sind bedeutungsvoll im Sinne der Polysemie und insofern auslegungsbedürftig.bzw. während es bisher nur wenige kommunikationstheoretische An- sätze gibt. . von schrift- kulturellen Operationen und Aufzeichnungssystemen (Protokolle.6). 2.Rituale sind bedeutungsvoll. viel beachteter Publikationen hat sich ausschließlich diesem Thema gewidmet (Bibl. soziale. Nahezu alle Theorien fragen nach der Bedeutung von Ritualen und definieren "Bedeutung" entweder als Sinn oder als Gebrauchsfunktion oder aber bestreiten grundsätzlich und unter Hinweis auf die Selbstrefe- renz rituellen Handelns die Existenz einer 'Ritualsemantik'. 2. auf die Performanzinstruktionen der Texte (Anreden. In den Auseinandersetzungen über die ge- nannten Bestimmungsversuche werden folgende Positionen vertreten: . . Rezitieren etc. interaktionstheoretischen (Bibl. der Grammatik (Liturgie). Eine Anzahl neuerer. Manche Bedeutungstheorien stehen in enger Verbindung mit den Rituali- sierungs-Konzepten der Verhaltensforschung (Bibl. die das Rational-choice-Prinzip favorisierten (Bibl. Die Texttheorien wiederum beziehen sich auf die Probleme der Syntax. Funktionen erfüllen. 2. auf die Übersetzung des Skripts in Handlung. Semiotische Theorien interessieren sich vornehmlich für die Symbolik und die Zeichenfunk- tionen.5. Singen. findet doch im Ritualvollzug ein Wechsel oder Übergang z.B. Das Interesse dieser Spielart der wissenschaftlichen Soziobiologie gilt den biogenetisch und psychophysiologisch definierten Strukturen des Rituals im Sinne der Art. Urkunden. 2.1).5.Rituale sind bedeutungslos. 3.5.5.2) und kommunikations.1) und erörtern zum andern den heteroge- nen Zeichengebrauch dieser Aktionsform unter semiotischen (Bibl.und Nachbereitung von Ritualen. 2. weil sie psychologische.) und schließlich die sprachlich- intermediäre Vor. weil sie Bedeutung herstellen bzw. Sprachtheoretische und sprachsoziologische Analysen versuchen zum einen den Beziehungen zwischen schriftlichen und/oder oralen Tex- ten (Skripten) und den sinnlich wahrnehmbaren Ritualhandlungen auf den Grund zu gehen (Bibl.3).3) Aspekten.

3) und Reinigungsriten (Bibl. Sterben. Ritualisierungen seien atavistische Relikte aus vorgeschichtlichen Perioden des tierischen und artspezifischem Verhaltens.2. 3.3). 3.4).und Opfer- riten bzw. Die Fragen. Hausbau etc. Opferritua- len (Bibl. Ein sehr großer Teil der einschlägigen Publikationen konzentriert sich auf die Beschreibung und Analyse von Tempelritualen (Bibl. stehen an erster Stelle die le- benszyklischen Rituale (Bibl.3. 3.6.1). wenn über- haupt.1). 3.1. 3. eher am Rande behandelt.3).2. Heirat (Bibl. in denen Rituale über längere Zeiträume hinweg verglichen wurden.1. In dem großen Bereich der religiösen Rituale (Bibl. Wie und warum konkrete Rituale entstehen und wieder verschwin- den. da in den meisten Untersuchungen die Invarianz der Rituale. Klassifikation und Typenbildung In den wissenschaftlichen Klassifizierungen jener Rituale. Historische Langzeit-Untersuchungen.) werden meist unter den Bedin- gungen säkularer Lebensstile (Bibl.2). die rites de passage im engeren Sinne: Situationen der Geburt (Bibl.1. lauten: Bewahren Rituale nur das Obsolete. 3.5. Im Kon- 12 . ohne eigens die Ver- knüpfungen mit der sozialen Welt zu thematisieren.1). 3. Prozessions. Wer erfindet Rituale zu welchen Gelegenheiten und beansprucht mit der Autorschaft die Kontrollmacht über das Erfundene? Die ethologische Erklärungshypothese lautet. Rituale werden oft zur Heilung eingesetzt (Bibl.oder Statusgruppe (Bibl. 3. das Überkommene? Wie kommt der Protest gegen Rituale zustande? Brauchen Rituale Anti-Rituale oder sind Rituale selber im- mer schon Anti-Rituale? Wer sind die Erfinder von Ritualen? Wie lange können Rituale erhalten bleiben? Warum und in welcher Weise knüpfen sie an älteste Überlieferungen an? Solche Fragen werden.2.2). obwohl es durchaus Sinn macht. berufliche Veränderungen.2).3. ist bisher kulturwissenschaftlich kaum untersucht worden. wenn es darum gehen soll. von Prozessionen und Wallfahrten (Bibl. 3.1).2) fehlen oft trennscharfe Bestimmungen der Fest-. im Veränderlichen das Dauern- de und im Dauernden das Veränderliche aufzusuchen. Das gilt vor al- lem im Kontext schamanistischer Operationen (Bibl. sucht man verge- bens. 3. 3.4) registriert und beschrieben. -rituale. 3. Tempel-. zunehmend aber auch im Kontext psychotherapeutischer.2.4) und Feste (Bibl.4). 3. Bewahrung und Erneuerung zu unterscheiden.2) geschrieben. des Übergangs von einer in die ande- re Alters. 3. 3. Typische Schwellenrituale (Prüfungen. Viel wurde über jahreszeitlich gebun- dene Ernterituale (Bibl. Tod und Gedenken (Bibl. die in außereu- ropäischen Kulturen zu beobachten sind. die sich in diesem Kontext aufdrängen. selten aber ihre Dynamik und ihre Veränder- barkeit im Mittelpunkt stehen. 3. seelsorgerischer und salu- togenetischer Zwecke (Bibl.1.

4) besondere Aufmerksamkeit. Andere Beobachter haben die rituellen Kontexte gemeinschaftlichen Essens entdeckt (Bibl.6. Phänomenologische Kriterien Nicht wenige Beiträge zur Ritualforschung suchen nach einem spezifi- schen Inventar ritueller Gegenstände und Handlungsmuster. Blumen. um die rituellen Agenten und die rituelle Arena zu markieren. auch Veränderungen am Haar (Bibl. Ton- sur.2) sowie auf ritualisierte Tanz.6). hat vor allem die Aspekte der Dramatisierung und Performanz (Bibl. Kranz). sprich: der Kleidung (Bibl. 4. andere auf die Ordnun- gen des Verzehrs. festliche oder neue Gewänder. 3. auf die Bewir- tungs. Einen wichtigen semiotischen Part spielen darüber hinaus auch Schmuck und andere Dekorationen (Bibl. besonders gestaltete Frisuren und Perücken. 3. Kopfbedeckung (Hüte.6.und/oder Opferhandlungen usf. In bestimmten Ri- tualen ist die Behandlung des Leibes ein Schlüssel zur Konstruktion der rituellen Bedeutung (Bibl. Beschneidungen.3) und die Funktionen säkularer Rituale in Familie. Schleier. als heuristische. Der Großteil einschlägiger Veröffentlichungen bezieht sich auf Spiel und Sport (Bibl.2). auch die Verwundung und Beschriftung der natürlichen Haut. Masken. Eine Forschung. 3. Krönung. auf die Zeiten des Fastens. Weihrauch. Rechtsrituale (Bibl. auf theatralisch inszenierte Feste (Bibl. das zeigt dieser Überblick. Die einen konzentrieren sich auf die ver- schiedenen Erscheinungsformen der Nahrung und die Gestaltung oder Aggregatzustände der Speisen (roh oder gekocht).5. Bildungsinstitutionen und im Medienkon- sum (Bibl. Kerzen etc. Gesichtsbemalung etc. Schuhwerk. So fallen zum Beispiel im Bereich der 'zweiten Haut'. Tätowierungen und anderes mehr. 3. ist nicht möglich. 4.5. Strukturell betrachtet stehen Spiel und Ritual einander sehr nahe (Bibl. 4. Ringe. systemgebundene Hilfsmittel stets von Nutzen sind. 4. Feuer.3).1) in den Vordergrund gerückt.1).4.text der politischen und Kulturgeschichte fanden Investitur. die sich beiden Handlungstypen widmet. vornehmlich Kopfrasur bzw.und Krö- nungsrituale (Bibl. 4. Auffallend sind z.3).und Musikdarbietungen (Bibl. allgemein gesehen. als Medien symbolischen Ausdrucks besonders ins Auge. da Typisie- rungen in der Reduktion partikularer Erscheinungen auf wenige gemein- same Merkmale unvermeidlich und. 3.1).5).2): Ketten. Licht. Eine systematisch befriedigende Typenbildung.6. 13 . Das wird auch nicht erwartet.5. also vorübergehende.B. 3. aber auch auf die des zügellosen Konsums. Dazu zählen Körpersalbung. Federn. 3. wieder andere auf Zeiten der Purifikation.4). 2. Kostümwechsel. werden eingesetzt. -wa- schung oder -verletzung.

Priorität genießen in unserem Rahmen vor allem diejenigen Neuansätze.3) bietet der Tausch von Gaben und anderen Dingen ein reichhaltiges Forschungsfeld (Bibl. Schmuck. den Ritualwandel sowohl in mikro. was keine Geschichte hat. auch den situativen Deter- minanten der Zeit und des Ortes auf den Grund zu gehen. nämlich eine 'rituelle Zeit' (Bibl. Um- schreitungen. 4. Profile der Leit. Inszenie- rung und Körperausdruck umfassendes Prozessgeschehen betrachten. in sehr verschie- denen Fachkulturen verankerte Ritualforschung. die rituelles Handeln als ein komplexes. 4. der Profan. in die eine andere als die Alltagszeit.4. Nahrungsmittel.und Sakralzeiten. an der sich wiederum die Konstrukteure der Kalender-. 125) qualifiziert und ihn somit in besonderer Weise für die interdisziplinäre Zusammenarbeit in- 14 . eine Opferstätte. Da liegt es nahe. Schrittfiguren.6). beobachten und zu erklären suchen (Bibl. Paraden.als auch makrohistorischer Perspekti- ve zu beobachten.und Tageszeiten. sondern ihn sogleich als heuristische Größe. Bänder. ein aus der 'normalen' Topographie herausgeschnittenes Denkmal. die es erlauben.7). dass sein po- lyvalenter.. Schrift.und Schlüsselkonzepte Ritual. Conclusio Der Überblick belegt eine reichhaltige und differenzierte. 2. die Bewegungen im Raum: Prozessionen. Wir wollen uns an dieser Stelle auch nicht mit dem Alltags- gebrauch dieses Begriffs aufhalten. Von den choreographischen Merkmalen rituellen Handelns spre- chen die Untersuchungen. ein Geleit etc.8) einfließen kann. öffentliche Räume. Früchte oder Mitgiftbündel wechseln nicht selten im Akkord mit rituellen Verhaltensmustern ihre Besitzer. Ringe. Geld. rituelles Handeln und Ritualisierung Wenn sich – nach einem Wort Nietzsches – nur das definieren läßt. der Jahres. Aber der Überblick gibt auch die Desiderate zu erkennen: Es fehlt an kulturvergleichenden und an solchen Langzeitstudien. aber auch die säkularen 'Priester' der Frei. was Begriffe wie (Ein)Weihung und Sakralisierung annäherungsweise andeu- tet: ein Tempel. eine festliche Arena oder Kultstätte.und Arbeitszeit orientieren. über sehr unterschiedliche Fachdomänen verstreuter Ge- brauch ihn als offenen Begriff (Bourdieu 1996. Rituelle Orte werden überhaupt erst durch eine rituelle (Weihe-)Handlung zu dem. Wertsachen. An vieles läßt sich an- knüpfen. Unter dem Gesichtspunkt ritueller Interaktion (Bibl. also als Arbeitsbegriff einführen und hinzufügen. 4. so ist die schulgerechte Bestimmung des Ritualbe- griffs müßig.

Sterbe-. Alters-. regelgerechtes. benennt Handlungen der verschiedensten Art – in idealtypischer Unterscheidung: normenregulierte. Der Begriff rituellen Handelns hingegen setzt einen Akt wissenschaftlicher Reflexion voraus.5 Geht man hinter die Formen rituellen Handelns zurück. 6 Nach Soeffner (1992. Als normalsprachlicher Einheitsbegriff bezeichnet das Wort Ritual ein. strategische. die Polyvalenz des Leitbegriffs zu reduzieren. Denn es ist nicht die Absicht des Projekts. 5 Zur sozialtheoretischen Einteilung der Handlungstypen vgl. die in den Einzelforschungen unserer Projektbereiche hervorgehoben werden – um einige auszuwählen: Pilger-.nerhalb unsere Forschungsfeldes brauchbar macht. terminologisch gesehen. und es gehört zu den kulturvergleichenden. als Kontrapunkt zur eigenen Begriff- lichkeit ein entsprechendes Glossar zusammenzustellen und auszuwer- ten. In den außereuropäischen Sprachen und Kulturen der Gegenwart und Vergangenheit ist ein solcher Einheitsbegriff nicht vorhanden.und Machtrituale –. ein Einheitsbegriff. Hier hat jeder rituelle Einzelakt seinen besonderen Na- men oder Begriff. die zwar rituell gestaltet sind. Initiations-. Habermas 1981. der sich mit Gründen von andern Typen unterscheiden läßt. da sein Attribut der theoretischen Abgrenzung von anderen Handlungstypen dient. Ritualisierung. 114ff. Über- gangs-. kommuni- kative Handlungen –. Toten. 15 . Ausdruck für einen bestimmten Handlungstypus. 'Alltagsrituale' spielen im geplanten Projekt.6 RITUELLES HANDELN Rituale alltagsakzessorisch oder alltagstranszendierend Ritualisierungen Als alltagsakzessorisch sollen jene Handlungen gelten. die auf der Grenze zum Rituellen vollzogen werden oder um bestimmter Wirkungen willen Anleihen bei typischen Ritualen machen. das dritte Schlüsselkon- zept. symbolisch gestaltetes Handlungsgefüge. bereits be- gonnenen Aufgaben des Projekts. aber von den Akteuren selber nicht mehr als solche durch- schaut werden. Gedenk-. so lassen sich zwei große Klassen unterscheiden: alltagsakzessorisches und alltagstran- szendierendes rituelles Handeln. 118) und Bretschneider/Pasternack (1999. Ritual ist. Identitäts-. teleologische. 19). wie wir vorläufig sagen wollen. die in der Praxis meist nur in Mischungen vorkommen. Diese sog. son- dern diese vielmehr in der Vielfalt der konkreten kulturhistorischen und – spezifischen Erscheinungsformen sichtbar zu machen und zu präzisieren.

Es ist die Repetition ei- ner sinnlich wahrnehmbaren Handlungssequenz. Insignien. So sind denn die Merkmale der Gestaltung. Körper- haltungen. Repetition und Forma- lisierung. in denen diese verkörpert werden. keine hinreichenden Umschreibungsmerkmale. zu nah liegt dieses Merkmal beim Rationellen der einfachen Handlungsroutine. 59). der Gemeinschafts- bildung. dient – so lautet unsere These – der Einver- leibung (Internalisierung) jener normativen Kontexte. ganz allgemein gesagt. In dieser als eine Grundannahme unserer Forschungsinitiative anerkannten generellen Funktion liegen die Grün- de dafür. auffallende Markierun- gen sichtbar wiederkehrenden Körperausdrucks. der zwischen den kulturellen Werten und je- nen normativen Kontexten vermittelt. der Lebensführung und. Rituale sind jedoch mehr als nur ein for- melles und formalisiertes Handlungsschema. der kollektiven Ge- dächtnisnormierung und Herrschaftslegitimierung. Und zwar durchaus in kollektiv verbindlicher Weise. Gesten usf. quasi-automatisierte Sprachgesten (Formeln) und ähnliches lassen sich innerhalb bestimm- ter Kontexte als rituelle Praktiken beschreiben. dass eine große Zahl der unten beschriebenen Teilprojekte sich vorgenommen hat. Gruppe oder Gesellschaft. Schematisierte Wiederholungshandlungen. eines – wie wir das nennen wollen – auffälligen "Performanzmusters". Erst in Ver- bindung mit der Anspielung auf eine Vision. Metaphern. Wenn es – so ist aus dieser komplexen Umschreibung zu schließen – eines Prozesses bedarf. Formen der Identitätsstiftung. die sich auf den For- malisierungsmodus als ein Merkmal des Rituellen beziehen läßt. rituelles Handeln im Konnex mit kultischen 'Welterzeugungen'. – wie es an der zi- tierten Stelle heißt – der "Dynamik der Identitätskonstruktion und –be- hauptung" zum Erfolg zu verhelfen. so gehören dazu vor allem die rituellen Praktiken einer Gemeinschaft. Sie nutzen die kulturell eingewurzelte Symbolik. Was im Vollzug (performance) der rituellen Akte körperlich- rhythmisch ausagiert wird.und Verpflichtungsappell (Kriterium der Normativität) können diese Merkmale dazu dienen. al- lenfalls eine Nebenrolle. ein Ideal oder eine dem Persönlichen übergeordnete Wertvorstellung und ferner in Verbindung mit einem Anerkennungs. rituelles von ande- rem Handeln zu unterscheiden. Mit anderen Worten: Rituelles Handeln setzt mit Hilfe sinnlich wahr- nehmbarer Mittel (Herrschaftszeichen.das sich auf die Klasse der alltagstranszendierenden rituellen Handlun- gen und deren Rückwirkungen auf die Alltagserfahrung konzentriert. um z. Demokratisierung und Enkulturation.B.) eine symbolische Ordnung in Szene. Damit aber nicht genug. die das Handeln in der sozialen Welt einer Gemeinschaft oder Gruppe motivieren. um – so heißt es in einer politikwissenschaftli- chen Studie – ein "Bild der Wirklichkeit" darzubieten (Ross 1997. des soziokulturellen Wandels zu untersu- chen. und das 16 .

Das Modell der 'rituellen Performanz' ist also nicht deckungsgleich mit den Modellen der künstlerischen. vor allem auch Ritualisierungen durchaus eine wichtige Rolle spielen. Sprachtheoretische. der einer praktischen. Die Aufführung selbst. ist unter dem Begriff der Performanz zu erörtern. ihr geregelter Ablauf und gestalterischer Fluss. 20ff. das heißt kohärenten Logik gehorcht [.". man wirft etwas über die linke oder die rechte Schulter).. eine Gruppe oder eine Institution durch bestimmtes Handeln zu erzwingen sucht. wenn dieser Zusammenhang dem Bewußt- sein der Akteure und Partizipanten.. und Waldenfels 1987.gilt auch und gerade dann. obwohl in diesen Handlungsbereichen Rituale. 7 Zum Konzept der Einverleibung von Ordnungsstrukturen durch (rituelles) Handeln vgl. Und dennoch soll er im Rahmen unseres Projekts ein ganz spezifisches Gewicht er- halten.] und praktischen Zwecken dient. 78ff. ist eine Art "Gymnastik oder ein Tanz (man wendet sich von rechts nach links oder von links nach rechts. ei- nes ikonographischen Programms oder einer sakrosankten Vorschrift. Begehren (nach Leben und Tod). das heißt der Erfüllung von Wünschen. Was dieser Satz be- schreibt. Alle diese Verwendungsweisen mögen zum Konnotationshorizont des Begriffs gehören. um mit Hilfe dieser Begrenzung einen regulierten Bewegungsverlauf zu ge- stalten.. indem sie mit ihrem Tun auf möglichst perfekte Weise ein gege- benes Regelwerk erfüllt. Fi- scher-Lichte und C.7 Rituelle Performanz und Repräsentation Rituelles Handeln.8 Der englische Ausdruck performance steht nicht allein für die Ausführung eines Plans oder für die Leistung. bemerkt der Soziologe Pierre Bourdieu (1998. Bourdieu 1985.und aufführenden Medium einer Vision. Er geht auch nicht völlig in der Korrelation zum Begriff der Kompetenz auf.. Die Spra- che des Körpers – seine 'gymnastische' Disziplinierung und sein auto- nomer 'tänzerischer' Ausdruck – setzt eine symbolische Besetzung sei- ner Glieder voraus. hat mit dem medialen Gebrauch des Körpers zu tun. Wulf hrsg. das Attribut 'rituell' beizugesellen ist. zur neueren Geschichte des Begriffs: Blair 1999. ja selbst dem unbefangenen Beob- achter verborgen bleibt. wonach die gelungene Ausführung eines Plans oder Entwurfs nur eine Frage der kulturell erworbenen Fähig- und Geschicklichkeiten der Akteure ist. theater- und kulturwissenschaftliche Anwendungen kommen ausführlich in dem von E. Deren Bewegungsspontaneität wird begrenzt. der politischen oder wissen- schaftlichen Performanz. 17 . Band 10 (2001) der Zeitschrift Paragrana zur Sprache. die eine Person. um der Unterscheidung willen. weshalb ihm hier. 8 Vgl. Der Körper wird – so könnte man auch sagen – auf diese Weise semiotisiert und zum aus. 209).

dass diese die Grundrisse oder die 'Requisiten' jener perfor- mativen Akte liefern. Die dy- namischen Veränderungen der Rituale durch die Autoren. Rituale können ohne schriftliche. Es gibt kaum einen anderen Handlungstyp. zu vergleichen und zu klassifizieren. betreffen nicht nur die jeweils aktuelle Realisierung (PERFORMANZ). Beschwörungsformeln etc. Es wäre zu kurz gegriffen. Handbücher.) vorhanden sind.und Bildquellen einerseits und per- formativem Ritualvollzug andererseits verweisen: Q Der erste Index gilt den Medien der Überlieferung. die auf das Wechselverhältnis zwischen Text. zwischen der Partitur als virtueller Per- formanz einerseits und tatsächlicher Performanz als Abweichung vom Text andererseits zu unterscheiden. sondern wirken sich auch auf die normativen Gehalte der Überlieferung aus. heißt zu- nächst einmal: den Ablauf einer vorher als solche bestimmten Ritual- handlung mit all ihren sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungsformen und in allen sequenziellen Phasen phänomenologisch zu beschreiben. ist nach wie vor ein dringendes Desiderat einer ritualwissenschaftlichen Morphologie. Rekursivität) ihn von anderen. Oft genug aber bieten die Texte nichts anderes als Regeln und Anweisungen. Formalisierung.) in der Ritualperformanz anzuerkennen ist. läßt sich nur mut- maßen.Der Begriff markiert vielmehr eine Aktivität. religiösen oder 18 . deren besondere Gestalt- und Formqualitäten (Symbolhaltigkeit. Gruppen und Institutionen. die wir unter der Sammelbezeichnung SKRIPT zusammenfassen. Wir führen in diesem Zusammenhang zwei Indizes ein. Daher steht auch der dokumentarische Wert der bildlichen Wiedergabe eines Rituals nicht hinter dem seiner Beschreibung und Vor-Schrift zurück. die sie vorschreiben oder nur vage erinnern. ist davon aus- zugehen. 199ff. wenn zu den Texten ikonographische Überlieferungen hinzu- treten. Die rituelle Performanz untersuchen. Wo Ritualtexte (Handlungsvorschriften. gleichwohl verwandten Handlungsfor- men unterscheiden. würde man – nehmen wir diesen Fall einmal an – unter Performanz bloß die Exekution oder Erfüllung der in einem Text niedergelegten Ritualvorschriften (Skript) verstehen und im Text den Schlüssel zur Ritualpraxis suchen. ein Grund mehr. oral tradierte Sprüche. Ge- schichten. Darunter sind sowohl schriftliche und mündliche Überlieferungen (dicenda) als auch gewohn- heitsmäßig tradierte Handlungsmuster (agenda) zu verstehen. Sprech. Die Autoren und Garanten dieser Überlieferung müssen nicht mit den Repräsentanten der politischen. Leibpräsenz. der eine so lebhafte Osmose zwischen Wort und Hand- lung.und Körpersprache nahelegt wie das Ritual. Wie sich die rituelle Präsentation in Wirklichkeit vollzog. Die "Abfolgeordnungen" (van Gennep) verschiedener Ritualperforman- zen zu inventarisieren. ja bisweilen sogar ohne mündliche Texte auskommen – was als ein Beleg für die konstitutive Funktion der Körpertechniken (Mauss 1978. die an den Ritualinszenierungen und –aufführungen be- teiligt sind.

Verkörperung u. Wir bezeichnen diesen Index mit dem Terminus PERFORMANZ. die unabhängig von ihrer Gebrauchssituation überliefert sind.9 SKRIPT: PERFORMANZ: normative Vorga." Bell 1997.a. da sich der Ausdruck auf ver- schiedene Materialien und Gebrauchsformen bezieht: nicht nur auf schriftliche oder mündliche 'Drehbücher' der Ritualinszenierung (prä- skriptive Texte). der die Normen sowohl der SKRIPT-Tradition wie auch des gesellschaftlich anerkannten Handlungssystems verändert.i. people fashion rituals that mold their world.einer anderen. 19 . sondern können auch aus einer peripheren oder semi- peripheren Position heraus agieren und von dort aus das Interpretati- onsmonopol des Zentrums in Frage stellen. 73. anzudeuten. dass die Durchführung eines jeden Rituals in actu – d. Ritualdynamik nungen im Voll- tutionen und zug aktueller Gruppen Ritualpraktiken 9"Ritual does not mold people. um damit u. 'Skript' hat in diesem Kon- text die Funktion eines umbrella-term. ben hegemo. hier nicht näher zu charakterisierenden Zentralmacht identisch sein. die eigentliche Ritual- praxis – einen transformierenden Effekt erzeugen kann. sondern auch auf die sprachlichen Ritualkomponenten (performative Texte). die Veränderun- gen – sei es mit stabilisierenden. Q Der zweite Index verweist auf jene Verkörperungen. Gestaltung sym- nialer und/oder bolischer Ord- peripherer Insti. die auf diesem Weg in die Prozesse des soziokulturellen Wan- dels eingreift. sei es mit destabilisierenden Folgen – in den symbolischen Ordnungen der jeweiligen sozialen Einheiten im Vollzug des rituellen Handelns hervorrufen. Es ist die "active imagery of perfor- mance". und nicht zuletzt auf Ritualberichte oder –beschrei- bungen (deskriptive Texte).

Rhythmus.und ('profanem') Au- ßenraum.) beschrieben worden ist. Versenkung etc.Die in der Graphik dargestellte Wechselwirkung zwischen SKRIPT und PERFORMANZ möchte andeuten. die zwar inhaltsleer (nicht-propositional).. gestisch).). Geschwindigkeit etc. Diese Riten werden je nach Bedarf und Si- tuation einzeln ausgeführt oder zu Sequenzen verknüpft. nonverbaler Ausdruck (Gestik.Malinowski). Denn so gut wie jeder Ritualvollzug – das gilt selbst für die Ritualisierung gewöhnlicher Alltagshandlungen – hantiert darüber hinaus mit rituellen Symbolen (meist unter der Zeichen- Oberfläche von Dekor.10 Mag sein. wenn vielleicht auch die hervorragendsten Elemente der rituellen Performanz.. Anrufung (verbal u. Kostüm. ist nicht in erster Linie eine Frage des Verste- 10 Chwe 2001. Allein. 172ff. 26: ". Wandlung.) – scheint diese Se- quenzierung erst dem Bedürfnis nach einer späteren Komplexitätsstei- gerung der Ritualdynamik zu entsprechen.und Bildquellen angewiesene Lektüre der Historiker und Altertumswissenschaftler. die jüngst unter pragmatistischem Blickwinkel als Bedingung für die Erzeugung von "common knowledge" (I know that you know that I know. Es dürfte indessen nicht schwer fallen. Mimik) und paralinguisti- sche Körperlichkeit der Rede (Tonfall. 127f. Opfer. Lautfolgen etc.) und verwen- det verbale sowie gestische Elemente der 'phatischen Kommunikation' (B. Um Beispiele zu nennen: Kleiderwechsel. dass die sozialwissenschaftliche Beobachtung vor Ort ei- ne größere Fülle an rituellen Handlungssequenzen aufzeigen und nachträglich (ethnographisch) beschreiben kann als die philologische. Separation von (rituellem) Innen.. dass sich die Dynamik auf beide Ob- jektbereiche bezieht. da ihre Funktion sich zu einem guten Teil mit der Induktion so- zialer Beziehungsmuster deckt (Argyle 1975. Eine durchaus nützliche Macht ritueller Energien. auf unvollständige Schrift.the purpose of a ritual is to form common knowledge necessary for solving coordination problems. die in allen bekannten – fernen und nahen – Kulturen zu finden sind. Es zeichnet die ri- tuelle Performanz aus. In manchen Fällen – verwiesen sei hier auf das Beispiel der akkadisch- altbabylonischen Magie (Black / Green 1992. denn die Veränderung eines einzigen Satzes in ei- nem SKRIPT kann eine durchgreifende Änderung der PERFORMANZ – Muster zur Folge haben und vice versa. Heraldik. dass sie anders als die verbale Aushandlung von Individualinteressen eine jenseits solcher Interessenkonflikte angesie- delte Motivation für die Koordination gemeinsamer Handlungsimpulse zu schaffen vermag. Prozession.." 20 . mithilfe ausgewählten Archivmaterials ein Inventar jener rituellen Performanzmuster zusammenzustellen. aber für das Erzeugen koordinierender Praktiken in einer Gruppe unentbehrlich sind. Weihe. Worauf es in der rituellen Performanz ankommt.) sind nur zwei.

das sich als "performative know- ledge" kategorial vom theoretisch aufbereiteten und doktrinär begrün- deten Wissen unterscheidet. das außerhalb liegt. exhibiting the properties of recursive sy- stems. Finally. ist also frei von Referenz auf etwas. Gebets.11 Die darin wirksame paralinguistische Körperlichkeit – Intona- tion. ge- bührt im hier thematisierten Zusammenhang die größte Aufmerksam- keit. Vgl.hens semantischer oder informationeller Gehalte. die Textrezitation Bedeutung und Inhalt des Gesagten in den Hinter- grund drängen oder sogar völlig davon absehen. die er auf jenem dezisionistischen Weg herbeischaffen muß. die er gewählt hat. So fragwürdig diese Verallgemeinerung ist. die zur Einverleibung sozialer Strukturen (Bourdieu) und damit zur Ausbildung eines Wissens führt.und Trauerrituale).12 11 Tambiah (1985. Sie bildet ein ergiebiges Repertoire zugleich für die Feststellung kultureller Differenzen und der über Räume und Zeiten hinweg relativ häufig zu beobachtenden Ähnlichkeiten zwischen den leibzentrierten Ausdrucksformen. 12 Balagangadhara dehnt die Unterscheidung zwischen 'theoretischem' und 'performa- tivem Wissen' auf kulturtypische Eigenschaften des Westens und Asiens (Indien) aus. Performative or practical knowledge is the ability to act recursively in the world. die von den Beteiligten als Unterpfand ihrer temporären oder dauerhaften Zugehörigkeit zu einem Kollektiv empfunden wird. So kann z. während sich in der Intonation des Gesprochenen und in der begleitenden Gestik jene ge- meinschaftsstiftende Energie verkörpert. die transkulturellen gestischen Performanzmuster der Versammlungs-. in der Bedeutung von Gestik und Mimik. Gestik – stellt nichts dar als sich selbst. Be- grüßungs-. Mimik. der ihm von der Fragestellung.B. auch wenn sie auf eine schriftliche Vorlage verzichten können. Es ist die Wiederholung der rituellen Per- formanz. was Futter für den Kulturenvergleich ist (vgl.und Wortsprache erhält in der rituellen Performanz oft eine ganz eigentümliche Gestalt." (1994. Der Körpersprache. 138) nennt diese Art des Sinnvollzugs "pattern recognition". The social environment created in such a culture will itself be recursive. sondern das sehr oft mit Lustempfindungen verbundene Wiedererkennen und Nachvollzie- hen der für jedes Ritual charakteristischen performativen Handlungs- muster.B. Die Beziehung zwischen Körper. auch Staal 1989. als zweckmäßig empfohlen wird. 465) 21 . Erst der erklärungs- süchtige Blick des Wissenschaftlers sucht nach Referenzpunkten in den Kontexten. Stumme oder mit unverständlichen Lautfol- gen verbundene Rituale sind nicht weniger wirksam und lehrhaft als ein vom Skript abgelesener Vortrag. Status-. Rhythmus. z. the way in which members of this culture go-about in the world is itself recognisably ritualized. so diskutabel erscheinen mir andererseits seine Bestimmungversuche des performative knowledge: "Learning to do rituals is performative. the configuration of learning generated by ritual ist stable because the ritual structure is a recursive structure.

. "denn wir konnten die Idee des Ganzen lange nicht sehen und durften sie wohl auch nicht verfrüht sehen. Kontradiktion – Infragestellung bzw. Sie scheint dem Bedürfnis nach je- ner Systematik zu entsprechen. Um die äußerst variablen Beziehungen zwischen Wort.und Aus- drucksfunktionen (Repräsentation und Expressivität) der Bühnenper- formanz. mag die Art der Vermittlung des performative knowledge befremden. die europäische Bühnenkunst zu re-ritualisie- ren. durchaus auf vergleichbare Art handelnd. Illustration des Gesagten durch Mimik und Gestik. wo die Unter- schiede zwischen dem einen und dem anderen Handlungsmodell liegen. Erweiterung des Gesagten. einer Spielart des rituellen Sanskrittheaters. oft verkannten Position A." schreibt der Theateran- thropologe Walter Pfaff rückblickend über die Einübung in die performativen Akte des Kutiyattam. 3. Die theaterwissenschaftliche Konzeption gilt in jedem Fall – auch ange- sichts des re-ritualisierten Dramas13 – den Darstellungs. 4. Artauds in dieser Ge- schichte vgl. Zur einflussreichen. Amplifikation – Unterstreichung. fol- gende vier Modi zu unterscheiden (nach Sager 1992): 1.und Körperspra- che (auf der Bühne) untersuchen zu können. 2." (Pfaff 1996. die dem theoretischen Forscherhabitus des westlichen Wissenschaftlers entspricht. "Der Weg war für uns selbst ein Puzzle. Den Wissenschaftler. der die Ritualpraktiken einer fremden Kulturform zu erwerben sucht. Das Lernen bestand aus unermüdlichen Wiederholungen von kleinen Bewe- gungssequenzen. Substitution – vollständige Ersetzung der Wort. spielen eine große Rolle in den Theaterreformbewegungen seit der Jahrhundert- wende um 1900 und führen in den 30er Jahren zu interessanten ästhetischen Expe- rimenten. wurde vorgeschlagen. die die Meister uns zeigten und deren Sinn wir erst allmäh- lich und in dem Maße entdeckten. wie die Partikel sich zu einem Ganzen zu- sammenfügten.und Körpersprache künstlerisch fruchtbar machen? In 13 Kulturkritisch motivierte Versuche. Harth 2001. Ein Vergleich zwischen den Konzepten der rituellen und der theatrali- schen Performanz kann besonders gut verdeutlichen.durch die Körper- sprache. Ihre Kernfragen lauten: Wie verhält sich die Zeichenhaftigkeit der Körperkunst zur Semantik des Redetexts? Wie läßt sich die Distanz zwischen Wort.. bestimmte Ordnungsstrukturen 'einverleibt' hat. 147) Interessant ist die Suche des teilnehmenden Beobachters nach der "Idee des Ganzen". 22 . unter An- leitung eines erfahrenen indischen Gurus. der seinerseits vielleicht aber in sei- nen nicht bewußt reflektierten und aus der Forscherperspektive ausgeblen- deten Erfahrungszusammenhängen. Modifikation – Kommentierung. Verneinung des Gesagten durch körpersprachlichen Ausdruck. Selbst im entliterarisierten Körpertheater bleibt das Zeigen der Zeichenhaf- tigkeit der Körperbewegung als Bedingung der Möglichkeit der ästhetischen Rezeption unangetastet.

der rituellen Performanz hingegen sind die Ausdrucks- und Darstel-
lungsfunktionen sekundär, im Vordergrund stehen die stimmliche und
gestische Gestaltung (Körpertechniken), die sequenzielle Verknüpfung
der Performanzschemata (Ordnungstechniken) und nicht zuletzt die
Übereinstimmung der kollektiv vollzogenen Bewegungsfiguren (Einver-
leibungstechniken).14 Der damit verbundene Sinnvollzug ist nicht mit
der theatralischen Auslegung eines Weltbildes zu verwechseln, sondern
entspricht jenem partikularen Handeln, das auf die "Verkörperung von
Ordnung" (Waldenfels) im Sinne eines – sit venia verbo – 'korporativen'
Ethos hinausläuft. Diesen Vorgang als körperliches 'Einschreiben' einer
normativen Struktur zu deuten, verfehlt die relative Selbständigkeit des
rituellen Ereignisses gegenüber Schriftlichkeit (Text) und kodifizierter
Regel. Die Metapher des 'Einschreibens' verweist auf die Voraussetzung
eines geordneten, regelgeleiteten Zeichensystems, das in die Körperma-
terie übertragen werden soll. Das Ritual hingegen setzt keine andere als
die performativ 'verkörperte' Ordnung voraus (die Regeln, nach denen es
vollzogen wird, sind Performanz-Regeln).15 Das gemeinsame Wissen
(common performative knowledge), das es vermittelt, ist ein Können,
dessen habitualisierte, also zum Ethos geronnene Anwendung das kon-
stitutiert, was die Beteiligten, ohne die Geltungsfrage stellen zu müs-
sen, als die 'Richtigkeit' einer Lebensordnung empfinden.16

Migration und Ritualtransfer

Die Thematisierung des Ritualtransfers bietet die Möglichkeit, histori-
sche sowie rezente Entwicklungen im Spannungsfeld von Migration,
kommunikativen Interdependenzen, kulturellem Polyzentrismus und
kulturellen Austauschprozessen auf der einen und Rückzügen auf
"primal identities" (wie z. B. Ethnizität) auf der anderen Seite zu erkun-
den. Transferprozesse im Sinne der Ritualdynamik finden intra- wie in-
terkulturell statt und sind daher nicht nur durch kulturelle Nachbar-

14 Der hier verwendete Technik-Begriff spielt wie das altgriech. Wort téchne auf die
Geschicklichkeit (Körperdisziplin) und das Handwerkliche (Gestische) des rituellen
Performers an.
15 Vgl. auch Humphrey/Laidlaw 1994, 99ff.
16 Daran ändert die Tatsache nichts, dass die emphatischen Rituale, die sich von de-

nen des Alltags durch besondere Inszenierungsvorkehrungen unterscheiden, die Nor-
malität des Alltags unterbrechen. Sie beziehen sich eben durch diese Unterbrechung,
und gerade nicht durch einen Akt der Geltungsreflexion, auf den Verkörperungsmo-
dus der geltenden Ordnung, oder – wie man in Übereinstimmung mit dem semanti-
schen Kern des Ritualbegriffs auch sagen kann – auf die Richtigkeit dieser Ordnung.
Das schließt die manipulative Verwendung ritueller Performanzen nicht aus sondern
ausdrücklich ein, denn die Frage, unter welchen Bedingungen eine soziokulturelle
oder politische Ordnung richtig oder falsch ist, läßt sich nicht innerhalb einer Hand-
lungstheorie beantworten.

23

schaft bedingt, sondern hängen häufig mit jenen Gruppeninteressen
zusammen, deren normative Kontexte sich unter dem Druck politischer
und/oder religiöser Machtverschiebungen grundlegend verändern.
Rituale werden innerhalb von Kontexten realisiert, die je nach Fra-
gestellung und Forscherinteresse variieren können: Kultur und Religi-
on, Geographie, Wirtschafts- und Herrschaftsformen, Sozialstruktur,
Geschlechterspezifik, Traditions- und Geschichtsbilder usf. Jeder
Transferprozeß läßt sich als Wanderung von Kontext zu Kontext und als
eine zugleich damit einhergehende Wandlung des Rituals selbst be-
schreiben.
Wir unterscheiden zwischen Außen- und Innenfaktoren des Ri-
tualtransfers. Verändert sich der Kontext eines Rituals, beispielsweise
durch die Migration eines Teils der Teilnehmergruppe, so kann dennoch
das religiöse Umfeld erhalten bleiben. Auf diese Weise wird ein Ritual
zur selben Zeit von zwei getrennten Teilnehmergruppen praktiziert, die
eine gemeinsame religiöse Tradition teilen (Traditionsgemeinschaft), wie
dies in Diasporasituationen bei Herkunfts- und Diasporagruppen der
Fall ist („synchroner Ritualtransfer“). In anderen Fällen kann die Teil-
nehmergruppe eine beachtliche Kontinuität in bezug auf Standort und
Gruppenzusammensetzung aufweisen, während die historischen Zu-
sammenhänge sich aber geändert haben, was wiederum zu religiösen,
politischen oder medialen Modifikationen des Ritualkontextes führen
kann. In diesem Zusammenhang ist auch an eine Wiederaufnahme von
Ritualen nach einem Traditionsbruch (innerhalb einer Traditionsge-
meinschaft) und an die Rezeption „historisch eingefrorener“ Rituale
(auch durch andere Traditionsgemeinschaften) zu denken („diachroner
Ritualtransfer“).
Die 'außen' zu beobachtenden soziokulturellen Veränderungen
führen i.d.R. wiederum zur Transformation der rituellen Binnenstruk-
turen. Vorausgesetzt ist, dass sich im Zusammenhang mit der Tradie-
rung und Durchführung von Ritualen bestimmte immanente Eigen-
schaften verfestigt haben, die ihre spezifische Struktur und zugleich
damit ihre Wirkungspotentiale ausmachen. Ritualtheoretisch sind diese
Eigenschaften als differente Merkmalsdimensionen ein und desselben
Rituals aufzufassen.17 Auch hier greifen wieder die Beschreibungsbe-
griffe Skript und Performanz, Performativität und Inszenierung, Rekur-
sivität und Innovation, Formalisierung und Symbolik. Findet nun ein
Transferprozeß statt, d. h. verändern sich die Komponenten des Ritual-
kontextes, so sind auch Veränderungen auf der Ebene der ritualimma-
nenten Dimensionen zu erwarten, auch wenn man davon ausgehen
muß, dass dadurch nicht alle Eigenschaften gleichermaßen verändert
werden.

17 Vgl. Platvoet 1995.

24

In allen Fällen des Kulturkontakts wie des Kulturkonflikts – vom
Altertum bis in die Gegenwart – sind Ritualtransfers zu beobachten.
Das gilt in besonders hohem Maße für den vorderasiatischen Raum
(Begegnung zwischen altägyptischen, jüdischen, hellenistischen und
christlichen Kulturen) und dem südasiatischen Raum (Begegnung zwi-
schen vedischen, buddhistischen und hinduistischen Kulturen). Prakti-
zieren z.B. Zarathuštrier/Parsis, die – um ein modernes Beispiel zu
nennen – aus Indien nach Großbritannien emigriert sind, ihr Bestat-
tungsritual in der Diaspora, so wechselt das Ritual zwar nicht seine
Teilnehmergruppe, sehr wohl aber sein geographisches, kulturelles und
politisches Umfeld. Vor dem Hintergrund dieses Kontextwandels sind
signifikante Modifikationen in der Ritualpraxis zu beobachten, da die
Bestattung nicht mehr als Aussetzung des Leichnams praktiziert wer-
den kann, wie dies bei den Parsis in Indien üblich ist. Durch den An-
passungs- und Innovationsdruck ändert sich die Performanz des Ritu-
als, seine Funktion als Übergangsritual bleibt jedoch erhalten. In
Diasporakontexten modifizierte Rituale können nun wiederum auf die
Herkunftsgruppe zurückwirken und auch dort zu Transformationen
führen. Die Aufrechterhaltung 'heimischer' Rituale in der Diaspora ist
nicht frei von Veränderungen, die oft den Lebensbedingungen der
Fremde geschuldet sind. Von der Diaspora aus erscheint das Ur-
sprungsland als ein Kontext, der für die Zeit des Ritualvollzugs wieder
zum Zentraltext werden kann. Nicht selten erfüllt das in der Diaspora
gefeierte Ritual daher die Funktion einer fiktiven Re-Migration.
Andere Formen des Ritualtransfers – z. B. die Migration 'exotischer'
Ritualresiduen in die Kulturen der Industriegesellschaften – können
wieder zu anderen Strukturveränderungen führen: Neben Variationen
in der Performanz beispielsweise Abwandlungen der kommunikativen
und symbolischen Dimensionen. Typische Beispiele finden sich in der
europäischen Esoterik- oder Psychotherapieszene und bei Missionsbe-
wegungen, wo mit dem Transfer in neue kulturelle Kontexte eine Popu-
larisierung von Ritualen und zugleich damit auch die 'Erfindung'
scheinbar neuer Rituale – als Effekt eines "Ritualdesigns" – zusammen-
gehen kann.18
Ein auffälliges Beispiel bietet etwa die Übernahme schamanischer
Rituale durch Frauen, also der Transfer aus einem männlichen in einen
weiblichen Kontext. Ein derartiger Transfer kann in politischen Um-
bruchsituationen auftreten (vgl. die Bekämpfung des überwiegend
männlichen Schamanentums durch die sowjetische Administration):
Die andere soziale Stellung der Frauen, die nun die Trägergruppe des
Rituals bilden, bedingt hier eine Funktionsverschiebung vom gruppen-
bezogenen Therapieritual hin zur häuslichen Heilzeremonie. Entspre-

18 Vgl. van der Hart 1983.

25

so dass der Versuch nahe liegt. 26 . „Gegenritual“) im neuen Kontext zu untersuchen. ist das Eis gebrochen. Ausdiffe- renzierung und Wechselwirkung von Ritualen beschreiben zu können. sondern auch der sog. das durchaus gewollt ist. Fragt man nach den Gründen. gehört zu den innovativen Aspekten unseres Forschungspro- gramms. Kultur. Diesen Sachverhalt hat die Ritualforschung wenig beachtet. und hier insbesondere gilt der kombinatorische Rückgriff auf sehr alte For- men rituellen Handelns.und sozialwissenschaftliche sowie geschichts. etwa die der Semantik oder der Funktion (nun als „Ritual des Widerstandes“ bzw. Rekursivität und Erfindung (inventio) Die Erfindung von Ritualen geschieht nicht aus dem Nichts. so lie- gen diese vermutlich in der konventionellen Semantik des Ritualbegriffs verborgen.20 'Erfindungen' in der Bedeutung einer vom Standpunkt der Gegenwart aus retrospektiv das Vergangene konstruierenden Arbeit stellen seitdem die Autoritätsansprüche nicht nur des historischen Kontinuitätsdenkens. auch Lewis 1978.19 Transferprozesse von Ritualen durch Raum und Zeit zu analysie- ren. um die kontextuellen und multidimen- sionalen Faktoren der Transfers nach Maßgabe der Variation. Nach eben diesem Mu- ster verfahren auch die Inventionen einer 'neuen' Ritualsetzung. 20 Hobsbawm & Ranger 1983. sie ist vielmehr im Sinne einer inventio zu verstehen. Denn wie oft zeigt sich. vorübergehend in Vergessenheit geratene Muster symbolischen Handelns.und kommunikationswissenschaftliche Methoden gilt es im Rahmen dieses Vorhabens zusammenzuführen. manchmal auch auf uralte. das so gut wie allen mythi- schen und einer (politischen) Religion dienstbaren Gedächtniskulten 19 Vgl. die rekurriert auf vor- handene. Invarianz scheint wichtiger als die Variation. die ja – wie mehrfach angedeutet – mit den Merkmalen des 'Immer-schon' und der 'Dauer-im-Wechsel' konvergiert. von Kontinuitätsdeterminanten unabhängigen Kombinatorik und Kontex- tualisierung der historischen Daten zu suchen.chend wären nun mögliche Änderungen anderer Eigenschaften. Wir sprechen von jenem Paradox der Überzeitlichkeit des Zeitlichen. dass in der konservativen Neigung der Ritual-Invention ein Zeitparadox zur Geltung kommt. Das aber gehört zu den ex- pliziten Aufgabenstellungen unseres Projekts. Eine Folge dieses Perspektivenwechsels ist in der relativ freien. im Neuen das Alte aufzuspüren (Prinzip der Rekursivität). Seit die Geschichtswissenschaft aber den Prozeß der inventio sogar auf die Sache der Tradition selbst ange- wendet hat. Gro- ßen Traditionen zunehmend in Frage.

das auf eine theoretische Konstruktion. Die Aufgabe des Kulturenvergleichs. also nicht bloß auf eine Rezeptur methodischer Kunstgriffe angewiesen ist. Rituale – das ist unsere These – werden nun aber aus eben diesem Grund neu geschaffen. 27 . Es gehört zu den großen Aufgaben unseres Projekts. wird dem Bedeutungswandel des Begriffs nicht gerecht. um den eigen- kulturellen (chinesischen und indischen) Traditionen der Literaturkritik und Exegetik Relief zu geben. Gleichnisse. des Westens und des Ostens. Und wie die Kulturen durch die zunehmenden Migrationsbewegungen ihre stabilen Zentren verlassen und ihren Traditionalismus an das reflektierende Bewußstein ihrer permanenten Veränderbarkeit und Mobilität abtreten (Appadurai 1998). die im Rahmen unseres For- schungsprogramms zu einem guten Teil mit Ritualkomparatistik über- einstimmen wird. so verflüssigen und vermischen sich im kulturellen Crossover auch die rituellen Praktiken. erst recht der zwischen Kulturen. dessen Differen- zierungen meist vor dem Hintergrund einer anthropologischen Univer- salie konstruiert werden. Denn Voraus- setzung für den Vergleich ist eine ergiebige historische und kulturgeo- 21 Das gilt z. dass ihre Anwendung auf die Analyse des Konkreten mit dauernden Differenzierungen zu rechnen hat. Man kommt demnach um eine Klärung des Standorts und der Kultur- begriffe nicht herum. Exempel). B. Danach erzählen die narrativen Partien jener Kultprak- tiken in der weltlichen Zeit spielende Geschichten (Mythen. die bestimmte Komponenten einer westlichen Verstehenstheorie benutzen. diese hier nur andeutungsweise entwickelten Hypothesen in kulturvergleichender Per- spektive an Beispielen der Ritual-Invention aus verschiedenen Zeiten und kulturellen Räumen zu überprüfen. deren Sinn jedoch auf eine außerhalb dieser Zeit liegende Welt verweist. um die Kluft zwischen der weltlichen und der transzendenten Zeit überbrücken zu können.B. hängt vom Standort des Fragestellers ab und bedarf eines tertium comparationis. Diese Überprüfung schließt auch die Frage ein. Motive solche Inventionen zurückzuführen sind. Hypothesen zum Kulturvergleich Jeder Vergleich. Und nicht selten folgt ihre Logik den narrativen Strukturen der innerhalb der weltlichen Zeit spielenden sakrosankten Geschichten.zugrunde liegt.21 Heute von einer einheitlichen oder homogenen Kultur auszugehen. arbeitet mit so groben Common-sense- Typisierungen. Legenden. Der immer noch beliebte Vergleich zwischen den Weltanschauungen z. eines Ma- ßes oder Kriterienbündels. auf welche Ursachen bzw. für die Bücher von Zhang Longxi (1992) und Krishna Roy (1993). gehört zu den offenen Problemfeldern.

Die folgenden Hypothesen.graphische Konkretion der Zielphänomene. Q Die kulturregionale Hypothese geht hingegen von der Annahme einer über verschiedene Wege und Medien (Migration. Akkulturati- on etc. Der Grund liegt auf der Hand: Im ersten gibt es im Unter- schied zum zweiten Fall keine (bekannten) interaktiven Beziehungen. 53). also als situationsunabhängig zu behauptender Gesetzmäßigkeiten so- ziokulturellen Handelns aus. Sowohl Saussu- res Begriff der "konstanten [linguistischen] Daten" als auch Max Webers Konzept der "Idealtypen" enthalten nützliche Hinweise für die for- schungspraktische Anwendung dieser Hypothese (Martin 2000. Diese empirisch motivierte Beschränkung ist freilich dann aufzu- heben. der zwischen christlichem und islamischem Ritus indes scheint sich geradezu aufzu- drängen. Daraus folgt eine erste Bestimmung für jenes tertium datur. das den zu- reichenden Grund für einen möglichen Vergleich enthält: Die zu verglei- chenden Kulturen stehen oder standen im Austausch miteinander.) führenden Kommunikation zwischen den Kulturen aus. Eine notwendige und zweckmäßige Vorbedingung für die Suche nach ge- meinsamen Mustern in den Ritualpraktiken von zwei oder mehreren (benachbarten) Kulturen. Eine notwendige und zweckmäßige Vorbe- dingung für die Extrapolation typologischer Gemeinsamkeiten aus dem kulturübergreifenden Sammeln und Vergleichen verschiedener Riten und Rituale. die konkreten Domänen und Formen dieses Austauschs zu rekonstruieren. In diesem Fall bilden die historisch rekonstruierbaren und empirisch abfragbaren Daten eine notwendige Basis für den Vergleich. der den gemeinsamen Grund für die vergleichende Feststellung differenter Ritualmuster und einer entsprechenden Klassifizierungsstrategie bildet. Die hier zu formulierenden Annahmen haben daher den Charakter eines im Verlauf der Einzelfor- schungen zu überprüfenden Entwurfs. Sie bilden vielmehr so etwas wie eine korrelative Theoriepartitur. wenn es – gemäß der transkulturellen Hypothese – um Beleg und Bestätigung eines als universell angenommenen zivilisationsge- schichtlich bedeutsamen Handlungstypus geht. Transfer. Allein die Anwendung des 28 . Die oben genannten Annahmen stehen – theoretisch gesehen – nicht wie ein Entweder-Oder einander gegenüber. die im übrigen auch von kulturtheoretischer Bedeutung sind. beziehen sich auf mögliche Zwecksetzungen eines wissenschaftlich fundierten Kultu- renvergleichs: Q Die transkulturelle Hypothese geht von der Annahme universeller. Ein Vergleich – sagen wir probehalber – zwischen den Riten der Kultu- ren Altägyptens und des modernen Indien ist schwierig. und es ist die zentrale Aufgabe des Vergleichens.

vor allem im Fall fragmentarisch überlieferter Handlungsdaten (Altertumswissen- schaften) nicht ohne Verallgemeinerungen. das System allein an den Leistungen der kulturellen Elite zu messen (sog. sondern auf das von diesem abgezogene. wird der Begriff nicht als eine hypothetische Konstruktion (im Sinne eines Arbeitsbegriffs) ernst genommen. oder ver- langt – methodisch gesprochen – nach einer Untersuchung der jenseits des 'konstanten semantischen Datums' üblichen Gebrauchsweisen und Wortprägungen. Das setzt die Anerkennung sei- ner semantischen Vorläufigkeit und Korrigierbarkeit voraus. Das geht. der aus Fragmenten ein archaisches Krönungsritual zu re- konstruieren sucht. In diesem Fall besteht auf der Ebene der intrakulturellen Analyse die aus- geprägte Tendenz. Nicht selten folgen in diesen Fällen die kulturwissenschaftlichen Analysen einer unausgesprochenen De- pendenztheorie. Hochkultur). die zu Trugschlüssen führen muß. Der Wissen- schaftler. Da die Erkennt- nis fremder Praktiken vom Standort des Erkennenden in der Eigenkul- tur nicht völlig abstrahieren kann. Von den theoretischen Unterschieden zwischen der transkulturel- len und der kulturregionalen Hypothese läßt sich eine Linie zu den fol- genden Verfahrens-Modellen ziehen: Taxonomisches Modell des Kulturvergleichs. Die erkenntnislogische Korrelation zwischen Universal. also verallgemeinerte Schema gemeinsamer Eigenschaften. von der herrschenden Elite verteidigtem Identitätskern.und Parti- kular-Hypothese hat aber noch einen anderen Grund. Voraussetzung für die Anwendbarkeit dieses Modells ist die Auffassung der Kultur als autonomes. vom Zentrum zur Peripherie verläuft. Es sind vor allem die Repräsentationsrituale (rituelle Praktiken der hochkulturellen Elite) die sich unter Annahme der oben genannten Vor- aussetzungen als Schlüssel zum kulturellen Gesamtsystem interpretieren 29 . Die beliebte Parteienkonfrontation zwischen Kontextualisten einerseits und Universalisten andererseits spielt eben nicht auf dem Boden der konkreten Forschung. und diese nehmen Bezug nicht aufs Partikulare. aus unserem Sprachgebrauch bekannten Erscheinungen auf die Qualitäten des Anderen und projizieren unsere Einsichten im Modus der analogischen Deutung aufs Unbekannte. schließen wir von den aus unserer Erfahrung. kommt ohne solche kontextunabhängigen Analo- gieschlüsse nicht aus. stark hierarchisiertes System mit relativ ge- sichertem.(europäisch aufgeladenen) Ritualbegriffs auf räumlich wie zeitlich frem- de Kulturen setzt eine stillschweigende Übereinkunft über die Univer- salisierbarkeit des Begriffs voraus. derzufolge die Vergesellschaftung der Kultur von oben nach unten bzw. sondern in der dünnen Luft theoretischer Abstraktionen.

).wie interkulturellen Grenzen hinausgreift. und die Fragen der Assimilation bzw. der Enkulturation beziehen sich auf die Wechselwirkungen zwischen Zentrum und Peripherie bzw. der nicht allein die For- men der Kommunikation und des Kontakts. Nach diesem Modell analy- siert der Kulturwissenschaftler auf intrakultureller Ebene die osmoti- schen Beziehungen zwischen Elite.und Alltagskultur und verlangt auf komparatistischer Ebene nach einer Interdependenztheorie. Nach Maßgabe dieses Modells eignen sich in erster Linie solche Rituale für eine genaue Untersuchung. des Kulturtransfers. die an den interaktiven Prozessen partizipieren. Rituale des Grenzübertritts. Nicht die Hoch. Ritualpraktiken gelten im skizzierten Rahmen nicht als Besitz einer bestimmten Elite.sondern die Hybridkultur steht im Zentrum der Analysen. der Territorialität. sondern als Ausdruck einer symbolproduzierenden Praxis. weil sie über die intra. sei es als Antwort auf den Verlust der kulturellen Identität (z. der Kontingenzbewältigung in Diasporasituationen etc. sei es als Regulierungs- versuche. zwischen den Ebenenen der Sozialhierarchie. die beim Entwurf thematischer Fragenkataloge und in der Wahl der Methoden zu berücksichtigen sind: 30 .und mit den entsprechenden Erscheinungen der Vergleichskultur(en) parallelisieren lassen. Dieses Modell legt einen lebendigen Austausch zwischen verschiedenen Kulturen (auch über weite Räume) zugrunde. die nicht einzelkulturell markiert ist. Interaktives Modell des Kulturvergleichs.B. Methodenfragen Matrix der Leitfragen Die folgende vierfache Matrix veranschaulicht die für alle Einzelfor- schungen geltenden Relevanzaspekte. sondern auch die der Kon- frontation und Aggression annehmen kann.

An- tionen 1. 2. Wissen. Methodenpluralismus Analytisch gesehen kreuzen sich im Rahmen unseres Projekts zwei Per- spektiven: der synchrone und der diachrone Zugriff. mit welchen Mitteln tik. fangssetzungen. die den Untersuchungen vom Paradigma rituellen Handelns nahegelegt werden.B.B. geht es um die Vermittlungsleistungen rituellen Handelns im Hinblick auf die 'Einverleibung' bestimmter kultureller Ordnungsstruk- turen. während die auf schriftliche und bildliche Zeugnisse zurückgreifende historische Forschung – im Sinne z. manz) und innere Fokussierung und ste. Äußere (Perfor- 3. Institutionelle Religion. Rituale und Absichten? tuale Alltag welchem Erfolg? Diese Graphik bildet jene Faktoren ab. Poli- Normierung der ganisation der Ri. die zwi- schen den lokal bzw. MATRIX DER LEITFRAGEN Ritualinventionen. Raum. synchrone Schnitte legenden Einzelanalysen und den makrohistorischen. Unter makrostrukturellen Voraussetzungen bedarf diese Perspektiven- kreuzung einer großzügigeren theoretischen Begründung. die in die Analyse einzubezie- hen sind. zeitstrukturierende und Komplexi- Modalitäten ritu- tätssteigerung der ellen Handelns Rituale 4. ritualisierte lungen. Ritualraum und gen. -zeit. -wiederbelebun. Unter mikro- strukturellen Voraussetzungen heißt das: Die Auswertung der vor Ort des Ritualgeschehens gesammelten Beobachtungen – z. die Phasen der kulturellen Evolution skandierenden idealtypischen Definitionen zu vermitteln 31 . im Sinne der in manchen indologischen und ethnologischen Projekten notwendigen Feldforschung – ist stets auch auf historische Recherchen angewiesen. -umwand. Kün. in der "World-system theory" entwickelt wurden. Sie abstrahiert von den weiteren soziokulturellen Kontexten. deren Bau- steine u. der altertumswissenschaftlichen Projekte – die mögliche Form der einst aktuellen Ritualgestalt ver- suchsweise auf einer Ebene fiktiver Gleichzeitigkeit herstellen muß. a. Genese. Zeit-Räume. regional orientierten. -kombina. Arbeit.und Transformation Übergänge etc. wer? wann? wo? schaften. (Komposition) Or.

einen bestimmten Schauplatz. Wir unterscheiden drei Zeit-Phasen in der Logik der rituellen Handlungsabfolge: . in der Abfolge der Themenwahl und Materialerhebung (inventio). auf einen bestimmten Zeitpunkt. dass nur die spektakuläre Schauseite – der zen- trale Ritualakt – Beachtung findet. die sich auf die Analyse und Interpretation bestimmter Ritualhandlungen beziehen. Vgl. sozialwissen- schaftliche Untersuchungsmethoden andererseits. die. Die Kernphase. Die Wirkungen der Ritualdynamik sind indessen nicht allein in der Zeitdimension der kulturhistorisch und zivilisationsgeschichtlich zu konstruierenden Abfolgordnungen zu beobachten. die den zentralen. . In beiden Fällen geht es um den Zusammenhang zwischen Erfahrungen und Handlungen. eine bestimmte Gestik festgelegten Ritualakt enthält. Es wird immer wieder betont. von denen die ersten drei mit jenen 'natürlichen' Methoden aller Einzelprojekte in Ver- bindung stehen.sucht.22 Ein offenes Problem. 23 Vgl. lassen sich in zwei Gruppen einteilen: historisch-philologische Verfahren einerseits. will man vermeiden. von der Situation – im Sinne der "Heterotopie" und "Heterochronie"23 – sowie von den nor- mativ geregelten Sozialbeziehungen zwischen den Teilnehmern be- stimmt werden. Die konkreten Fragen. Bauten etc. Kostüme. Jedes Ritual hat sei- ne eigene zeitlich gegliederte Phasenstruktur.U. zu diesen Begriffen Foucault 1984.4: Hypothesen zum Kulturvergleich. Fetische. auch 1. der Aus- wahl und Systematisierung (dispositio) sowie der Darstellung für be- stimmte Zielgruppen (elocutio) zu beschreiben sind: 22 Chase-Dunn/Hall 1997. Die Vorbereitungsphase. genauer gesagt: um die gesellschaftlich relevanten Gestaltungsaspekte (riutellen) symbolischen Handelns und um ihre Veränderungen in der Zeit. einen längeren. Masken.) und u. mit großem ökonomischem Aufwand verbundenen Zeitraum umfaßt. auf rituelle Weise) gereinigt und in Verwahrung gebracht werden. in der sich der Übergang von der 'an- deren' zur 'normalen' (Alltags-)Zeit vollzieht und die Ritualobjekte aus dem Verkehr gezogen sowie (evtl. in wie hohem Maß die wahrnehmbaren Formen rituellen Handelns vom Ethos der Akteure. ausgehend vom pragmatischen Rhetorik-Modell. . Die Phase der Nachbereitung. das sich erst im Verlauf der interdiszipli- nären Zusammenarbeit präziser formulieren läßt. die es zu analysieren gilt.4. die oft schon mit rituellen Handlungen ein- hergeht (Herstellung der Texte. 32 . Wir unterscheiden zunächst vier Ebenen.

Übersetzungen) an. Film. Für das Gesamtprojekt ist darüber hinaus die Einrichtung von fächerübergreifend zugänglichen Materialressourcen – Spezialbibliotheken.. Was in den Zeichen nicht zum Ausdruck kommt.und Darstellungsge- sichtspunkte. Fresken. Kontextualisierung etc. interdiszi- plinär zu prüfenden Interpretations-.). Klassifizierung (z. Photographien.Was die Zeichen verschlucken. bedarf der Rekonstruktion aus Überlieferungsmaterialien. Wo Texte (Skripte aller Art) und ikonographische Überlieferungen vorliegen. Funkti- onstypen etc. Ar- chitektur. (2) Die dichte Analyse (deep description) bestimmter ritueller Handlun- gen im Sinne von Clifford Geertz' Kulturhermeneutik wird phänomeno- logisch-beschreibende und kontextuell-interpretierende Schritte mitein- ander verbinden. Was direkter Beobachtung nicht zugänglich ist. die aus an- deren. Erhe- bungen usw.a. das spricht ihre Anwendung aus. und zusätzlich • (4) die Reflexionsebene der noch zu entwickelnden neuen. Analyse. Videotheken und Datenbanken – anzustreben. bedarf es der qualifizierten Auswahl und fragerelevanten Disposition des Aufgezeichneten. der Sammlung. Die Materialsammlungen der Projekte beschränken sich nicht auf SKRIPTE verschiedenster Art und Herkunft.24 Die Vielfalt sinnlich wahrnehmbarer Ausdrucksformen und -medien er- fordert je spezifische Beschreibungs.und Tonaufnahmen u.• (1) die Ebene der Materialkonstitution durch Beobachtung.m. (1) In allen Fällen sind Forschungsbestandsaufnahmen notwendig. um als approximati- ve Konkretion einer symbolischen Handlungspraxis zur Erscheinung 24 Ludwig Wittgenstein. fallen die üblichen Arbeiten der Archiv.und Bibliotheksrecherchen.B.) und der sprach. Zeugniserschließung. die sich wie geronnene Performanzen auf Skripte beziehen oder als optisch gefilterte Performanzdarstellungen zu 'lesen' sind: Reliefs. • (3) die Ebene der wissenschaftlichen Präsentation. Tractatus 3. Textsorten.sowie performanzorientierten Auswertung (incl.und Analysemethoden. formel- le/informelle Interviews. • (2) die Ebene der Analyseverfahren und Deutungshypothesen (Be- schreibung. Aufbereitung usf. Wo Beobachtungen vor Ort. Aufzeichnung. medienorientierten Disziplinen importiert werden müssen. sondern schließen auch Bilder und Bildaufzeichnungen (ICON) ein. nach Gattungen. Befragungen. Do- kumentation.262 33 . im Sinne der methodisch offenen Feldforschung durchzu- führen sind. das zeigt ihre Anwen- dung.

kommen zu können. Neue For- men der Präsentation. Sequenzbildung. eines Programms. 34 . die nicht nur einzelwissenschaftliche Befunde enthalten. • Rolle der Experten. sondern mit den Befunden selbst den Prozeß interdisziplinä- ren Experimentierens zur Darstellung bringen. Dekor etc. Als Kriterien für phänomenologisch beschreibende Zugänge gelten folgende Wahrnehmungsaspekte: • Vorgabe einer Konvention.25 (3) Wissenschaftliche Präsentationsformen: In den selbstkritischen Dis- kussionen der Historiographie wie der Ethnographie ist die Erkenntnis zum Allgemeingut geworden. sind erst noch zu erpro- ben. 25 Anregungen für die Phänomenanalyse enthält der folgende mnemotechnische Appa- rat SPEAKING.26 Es ist eine offene Frage.). Akteure (Priester etc. die das 'Bild' der zu rekonstruierenden Epoche oder Kultur prägen. wie ein komplexes interdisziplinäres Projekt mit der Präsentation seiner Ergebnisse umgehen will. sollte sich auch in den Veröffentlichungen des Projekts widerspiegeln. den Dell Hymes (1974) für die ethnographische Untersuchung von Kommunikationsprozessen vorgeschlagen hat: S Situation P Participants E Ends (purposes. dass es die wissenschaftlichen Schreib- weisen und kulturellen Voreingenommenheiten sind. Der heterogen zusammengesetzte Sammelband im konventionellen Sinn ist sicher nicht zu verwerfen. • Heterogenität der verwendeten Zeichen und Symbole (performative Texte.. die mit unserem Schlüsselbegriff angesprochen wird. Kostüm. Phrasierung und Phasengliederung. manner) I Instrumentalities N Norms (of interaction. Partizipanten (Gemeinde). einer Vorschrift etc. Musik. Die Dynamik. etwa Berg/Fuchs 1993 (hier Hinweise auf weitere Lit. doch kann er hier nicht als Ultima Ratio angesehen werden. goals) A Act sequence K Key (tone. • Angewiesensein auf und Festlegung von situativen Determinanten (rituelle Orte und Zeiten). Gestaltung.) und Brocker/Nau 1997. • die (auf Zielgruppen beschränkte) Öffentlichkeit der Performanz. Geschichte und Kultur haben in dieser Sichtweise ihren ontologischen Status eingebüßt und treten – soweit die Wissenschaft die Autorschaft übernommen hat – als theoriegeleitete Konstruktionen in Erscheinung. of interpretation) G Genres (culturally recognized types of communication) 26 Vgl.). • dramaturgische Verknüpfung der Zeichenhandlungen: Komposition. einer Partitur. Körpersprache.

schriftliche Ritual. wie an dieser Stelle nur zu vermuten ist.und Bild. zwei Wege einschlagen:  Zum einen kann auf verschiedene. morphologische. Text-Bild-Kompo- Konstellationen: tische Rekon- thentizität und des sition und semioti- (INTERMEDIALITÄT) struktion der Ri- Zeugniswerts schen Isotopien tualpraxis Die Tabelle berücksichtigt nicht die Metamorphosen eines Rituals über einen längeren Zeitraum. Ein ge- eigneter Ausgangspunkt wäre hier etwa die Bildung von Idealtypen We- 35 . jedoch in geeigneter Form zu ad- aptierende und mittelfristig fortzuschreibende Methoden der kultur- und zeitübergreifenden Komparatistik zurückgegriffen werden. Eine operational brauchbare Fortschreibung kann. Neuansätze Mit den oben skizzierten fächerübegreifenden Faktoren und Konstella- tionen liegen bereits wichtige Bausteine für die Erprobung neuer Be- schreibungs-. Bestimmung des bildliche mung. Die damit veranschaulichte Methodenvielfalt schließt jeden dogmatischen Methodenmonismus aus. fung der Authenti. Analyse. Funkti- Ritual-Zeugnisse und Prüfung des und inhaltliche onsbestimmung. Kontextualisierung Zeugnisse syntagmatischer u. (ICON) Zeugniswerts Deskription Vergleich mit tra- diertem Bildge- Bestimmung der Deskription der Schrift. Beschreibg. stilistische Bildtypus. hypothe- Herkunft. sondern bezeichnet vorab die wichtigsten der auf synchroner Ebene relevanten Bestimmungen und Operationen. Verfahrensschritte aspekte schriftliche beobachtbare Kontaktaufnahme Analyse und Inter- und/oder medial Ritualpraxis und teilnehmende pretation des Auf- vermittelte Auf- (PERFORMANZ) Beobachtung gezeichneten zeichnung Textsortenbestim- textkritische Prü. der Au. Datierung formale. zität und des (textuell / kultu- (SKRIPT) paradigmatischer Zeugniswerts rell) Strukturen Herkunftsbestim.Aufriß der Kombinatorik Allgemeiner Überblick betreffend die Zuordnungen zwischen den Ge- genstandsaspekten und den zu kombinierenden Untersuchungsverfah- ren: Gegenstands. dächtnis.und Interpretationsmodelle vor. mung. Inhaltsanalyse.

an Modellen der Schriftkultur orientierten 'Lesarten' stehen zur Verfügung? Welche Möglichkeiten gibt es. B.berscher Prägung. Kaelble 1999. van Gen- neps rites de passage) besitzen. Es ist ein Ziel unseres Programms. die semantischen Gehalte der Skripte vom Standpunkt der Performanz aus kritisch zu analysieren (Befragung der Texte aus der Sicht der 'Regisseure' und Akteure)? In welchem Maß und mit welchen Effekten tragen die sinnlich wahrnehmbaren Aktionen rituellen Handelns (z. dass rituelles Handeln in allen Kulturen – 27 Vgl. 36 .28 Forschungsziele Das umfassendste Ziel ist ein Vergleich zwischen den Prozessen rituel- len Handelns. die wohl kaum zufällig eine methodische Entspre- chung in der Typenbildung der frühen Ritualforschung (z. aber er lebt immerhin von der an- thropologischen Hypothese.  Zum anderen kann vom Ausgangspunkt der bereits gemeinsam im methodologischen Crossover am Material entwickelten neuen Ansätze aus weitergedacht werden. seiner Phasenstruktur und Trans- formation zu verknüpfen. raumzeitlich eng gefasste Phänomene auf einer Metaebene langfristiger soziokultureller Prozesse zusammenzuführen.B. die es erlauben. Dieser Vergleich will zwar nicht den Nachweis einer ritu- ellen Universal-Grammatik führen. nonverbale Gestik) zu einer Versinnlichung (Verleiblichung) der Skripte bei? Als eine übergreifende regulative Idee mag gelten.27 Anders als bei diesen älteren. 61ff. die über den Rahmen einer Ein- zeldisziplin hinaus Plausibilität besitzen und wissenschaftlichen Nutzen für alle Projektbereiche beanspruchen können. Eine besondere Herausforderung bildet z. dass es am Beispiel der Ritualdynamik um erste Schritte in Richtung einer vergleichenden Zivilisationsgeschichte in systemischer Absicht gehen sollte. zur Kritik an Weber: Burger 1987. die Frage nach der 'Lesbarkeit' des Performativen: Welche anderen als die bewährten. Schritte. 28 Zu den Konzepten einer vergleichenden historischen Forschung: Haupt/Kocka 1996 u. hierfür geeignete Instrumente zu entwickeln. die eine maßgebende Rolle in den Lebenswelten zeitlich. gleich- sam statischen Interpretationsmodellen ist die Analyse eines Ritualty- pus jedoch mit der seiner Genese. an van Gennep: Snoek 1987. Weber 1973. räumlich und mental differenter Welt-Kulturen gespielt haben und bis heute spielen. die Befunde über einzelne.B.

h. durch Ritual- transfer und/oder Medienwechsel. sondern innerhalb des Rahmens ei- ner allgemein. Rituale seien in jedem Fall vorrationale Disziplinierungsinstru- mente. • Aufklärung der soziokulturellen Sinndimensionen rituellen Han- delns mit Blick z. spielen. • Nachweis der an Raum. profane Räume. sakrale vs. • Überprüfung der verhaltenswissenschaftlich begründeten These.von den vorkapitalistischen bis zu den spätkapitalistischen und nach- modernen Epochen – aufs engste mit den normativen. aufgrund von äußeren Einwirkungen.B. Territorialisierungs. im Vollzug (per- formance) selbst liegender Verschiebungen. • Schrittweise Entwicklung einer Theorie des Rituellen. Vergleicht man die einzelnen Projekte.und Wendezeiten etc. die selber die Rolle dynamischer Komponenten innerhalb eines umfassenderen Systems.und Jahreszeiten.und Weiheakte. die das Be- sondere rituellen Handelns nicht auf Begriffsbildungen aus der religiösen Ideenwelt reduziert. • Entwurf einer kulturübergreifenden. 37 . identitätsstiftende und -bewahrende. interdisziplinär gültigen Theorie der kulturellen Praxis zu explizieren sucht.). so treten je nach ausgewählter Kul- tursphäre und Ritual-Institution verschiedene spezifische Ziele zutage.und Mahnmale. gesellschaftliches Handeln prägenden und umwälzenden Ordnungsvorstellungen der je- weiligen Akteure und Gruppen verbunden war und ist. krisentherapeutische und ord- nungsbewahrende Faktoren. Tabuzonen. des gemeinsa- men Forschungsfeldes. Lebenszyklen. von Erfindungen und absichtlichen Rückgriffen auf traditionelle Muster. Krisen. Jubiläen.und Zeitparametern haftenden ordnungs- stiftenden Funktionen rituellen Handelns (Sieges.B. die mit Hilfe repressiver Einverleibungsstrategien auf kol- lektiv wirksame Uniformierungen des Sozialverhaltens zielten. lebenszyklische. auf machtlegitimierende. Kalender. konventionelle Modellbildun- gen ablösenden Ritualtypologie nach formalen und funktionalen Gesichtspunkten. diese unter recht allgemeine Begriffe zu subsumieren: • Nachweis der mit den jeweiligen Ritualpraktiken verbundenen Dy- namik z. Der folgende Überblick versucht. d.

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1 Geburt 3.1.4 Handlungstheoretische Ansätze 2.1 Sprach.und Religionswissenschaften 2.und Investiturrituale 3.1 Altertums.5.5 Politische.2 Symbol und Zeichen 2.2 Soziologische und kulturanthropologische Ansätze 2. Legitimations. Familie etc.2.6. Wallfahrt 3.1 Anthologien.und Texttheorien 2.1 Politische Rituale 3. Reader 1.3 Interaktion 2.1. Nachschlagewerke.2. Typologie der Rituale 3.1 Performanz 2.6 Ludische Rituale 3.5 Akademische Rituale 3.und Alltagsrituale 3.5.2 Krönungs.2.2 Sammelbände 1.2 Feste 3.4 Alltag.5.3 Psychologische Ansätze 2.5. Überblicke.4 Tod und Ahnenkult 3. rituelle Kunst 41 .1.1 Tempelritual 3. Besessenheit.3 Heilrituale.3 Geschichte der Ritualforschung 1.1 Spiel und Sport 3.4 Reinigungsrituale 3.2 Prozession. Theorie der Rituale 2. symbol.4.2 Religiöse Rituale 3.4 Ernte.2 Prozessualität und Transformation 2. Exorzismus 3.2.2 Initiation 3.2.3 Kommunikationsmodelle 2.4.2 Therapeutische Rituale 3.1.6 Ethologische Theorien 3. Definitionen 2.1 Lebenszyklische Rituale (Rites de passage im engeren Sinne) 3.und Bedeutungsgeschichte 2.5.und Fruchtbarkeitsrituale 3.5.4 Begriffs.3.3 Rechtsrituale 3. Einführungen 1.3 Opferrituale 3.und zeichentheoretische Ansätze 2.4.Systematische Bibliographie Gliederung 1.2.2.3 Heirat 3.5 Text-.6.2 Fachorientierte Theorien 2.3 Semantische Ansätze und Bedeutungstheorien 2.3.1 Schamanistische Rituale 3. Sammelbände.1.6. Medien. 3.1 Allgemeine Werke zur Theorie des Rituals.3 Tanz und Musik.5.

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