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Rund um die Pfarrei: Rituell-musikalische Bewegungen am Rande der Pfarrei

Gregorianischer Choral – Taizé – Jugendchöre Arbeits- und Publikationsbericht


Author(s): Martin J.M. Hoondert
Source: Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie , 2008, Vol. 47 (2008), pp. 205-216
Published by: Vandenhoeck & Ruprecht (GmbH & Co. KG)

Stable URL: https://www.jstor.org/stable/24237593

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Rund um die Pfarrei

Rituell-musikalische Bewegungen am Rande der Pfarrei


Gregorianischer Choral - Taizé - Jugendchöre

Arbeits- und Publikationsbericht

Martin J.M. Hoondert

Die nachstehend beschriebenen Forschungsergebnisse sind publiziert in der


Dissertation: Hoondert, Martin J.M.: Om de parochie: ritueel-muzikale bewe
gingen in de marge van de parochie; Gregoriaans, Taizé, jongerenkoren.
Heeswijk 2006.1

1. Forschungsbereich

In der heutigen Kultur ist ein wachsendes religiöses und spirituelles Interesse
erkennbar, dennoch sind christliche Kirchen kaum in der Lage, adäquat auf
dieses Interesse einzugehen. Einerseits sehen wir einen immer mehr abnehmen
den Einfluss des institutionalisierten Glaubens, mit der Folge, dass die Positi
on der Pfarrei als Konzentrationspunkt kirchlicher Präsenz in unserer Gesell
schaft immer marginaler wird, anderseits stellen wir ein zunehmendes Interes
se für Sinngebung und Ritualität fest. Es existiert offensichtlich eine Kluft zwi
schen Nachfrage und Angebot.
Diese Arbeit sucht nach Orten, wo diese Kluft überbrückt wird. Erfolgreich
erscheinen hauptsächlich kleinangelegte Projekte zu sein, wo sich vorläufige
oder gelegentliche Gemeinschaften bilden und der Glaubensschatz auf die in
dividuelle Erfahrung abgestimmt wird. Außerhalb des regulären Rahmens der
Pfarrei gibt es viele Orte, wo Menschen zusammenkommen, um gemeinsam zu
feiern, oder wo in allgemeinem Sinne pastorale Nähe und kirchliche Präsenz
gestaltet werden. Aus der Sicht der Kernpfarrei werden jene Orte oft als
,Rand' (,Marge') und ,Diaspora' betrachtet. Dort, begegnen wir Menschen,

1 Das vorliegende Abstract wurde aus dem Niederländischen übersetzt durch Dr. Dipl. Übers.
Y. van den Akker-Savelsbergh; überarbeitet und leicht gekürzt durch die Schriftleitung.

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die wir in der Kernpfarrei weniger treffen (zum Be


den dort rituelle und rituell-musikalische Repertoir
schen Angebot in den Hintergrund geraten sind, od
ten Kontakt zwischen Schrift, Tradition und Alltags
hier erneut Anschluss zwischen Kirche und Kultur,
rituellen Repertoire und der Liturgie gefunden. Hie
und Dynamik.
Kann die Kernpfarrei aus Randbewegungen und a
jekten, die in ihrer Marge stattfinden, lernen? In al
konische Initiativen, an liturgische Experimente u
rismatischen Erneuerung zu denken. In dieser Arbe
eine rituell-musikalische Perspektive; einige rituell-
am Rande der Pfarrgemeindeliturgie werden unters
der Frage, in welcher Weise sie zur liturgischen In
wurden drei musikalische Repertoires gewählt: als e
Gregorianische Choral, zweitens die Gesänge von T
sik der Jugendchöre. Die durchgeführte Untersuch
schenden Kontextwechsel und die Ubergänge der m
von einem Bereich in den anderen. Diese Kontextwechsel treten sowohl von
, innen nach außen' auf (zum Beispiel das gregorianische, traditionell liturgi
sche Repertoire, das in Konzertsälen und bei Festspielen viel Publikum an
zieht) wie auch von , außen nach innen' (zum Beispiel die Popkultur, die über
die Jugendchöre in die Liturgie eindringt).

2. Arbeitsplan, Methoden und Quellen

Um in der Lage zu sein, in evaluativem Sinn Aussagen zu machen, sind zu


nächst Beschreibung, Analyse und Interpretation notwendig. Welche Aktivitä
ten finden statt, wie gehen die Singenden mit der Musik um, in welchem rituel
len Kontext funktioniert die Musik, wie sprechen die Singenden über das mu
sikalische Repertoire und den rituellen Rahmen, welche Bedeutungen messen
sie ihren Aktivitäten bei?
Diese Fragen werden im Rahmen des liturgiewissenschaftlichen Forschungs
programms, das mit „ritual studies" verbunden ist, zur Sprache gebracht. Die
se Forschung zeichnet sich aus durch eine offene und explorierende Betrach
tung der Fiturgie als Teil eines sozialen, kulturellen, anthropologischen und ri
tuellen Kontextes. Es werden vor allem ethnographische Forschungstechniken
benutzt, eine Vorgehensweise, die in der Liturgiewissenschaft noch nicht oft
angewandt worden ist, die jedoch einen Beitrag zur Verringerung des soge
nannten empirischen Mangels hinsichtlich der , Liturgie in actu' leisten kann.
Durch intensive partizipierende Beobachtung und Interviews sind es vor allem
die Teilnehmer an den rituellen und rituell-musikalischen Repertoires selbst,
die das Wort führen und Sinngebungen aufzeigen. Sie decodieren ihre Aktivi

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täten, die verschiedenen Ritualitätsformen; der Forschungsgegenstand wird


zuerst durch die Augen der Teilnehmer selbst betrachtet. Die ethnographi
schen Beschreibungen (, liturgische Ethnographien'), die sich hieraus ergeben,
sind anschließend in ,Qualitäten der Ritualität' interpretiert und übersetzt
worden. Ein dritter Schritt der Untersuchung ist die Evaluation. Zugrunde lag
der Begriff der liturgischen Inkulturation'. Hier kommt die theologische, kri
tisch-normative Dimension der Untersuchung zum Ausdruck, u. a. durch die
Thematisierung des Zusammenspiels von Benennung und Aneignung und des
spannungsvollen Verhältnisses zwischen übertragener Kultur und eigenen (in
dividuellen und kollektiven) Sinngebungen.

3. Inkulturation, Pfarrei und Marge

Im dritten Kapitel der Dissertation werden zwei Schlüsselbegriffe näher unter


sucht: liturgische Inkulturation' und ,Marge'.
Inkulturation - Trotz der Tatsache, dass die Verwendbarkeit des Inkultura
tionskonzepts aus postmoderner Situation zur Diskussion gestellt wird, spielt
es in dieser Arbeit eine wichtige Rolle. Für eine erste Begriffserkundung stüt
zen wir uns auf die Arbeit von Gerard Lukken.2 Er umschreibt, Inkulturation'
als „das dynamische Verhältnis zwischen der christlichen Botschaft und der
Kultur, oder besser noch: den Kulturen." Diese Umschreibung ist in einigen
Punkten zu ergänzen. So ist die Erkenntnis wichtig, dass liturgische Inkultura
tion ein komplexer Begriff ist: Wir beschreiben damit zurückblickend und eva
luierend historische Entwicklungen ebenso wie die fundamentale Verflechtung
von Kultus und Kultur(en) in der Gegenwart. Zweitens trägt auch die Liturgie
eine Kultur (oder besser: verschiedene Kulturen) in sich, die den im lokalen
(hier: niederländischen) Kontext zu unterscheidenden Kulturen (auch hier
Plural!) begegnet. Diese interkulturelle Begegnung ist unumgänglich; die Li
turgie findet eben immer in einem bestimmten Kontext statt und ist selber ein
Teil der Kultur. Drittens kann Liturgie im kulturellen Kontext verwurzelt sein,
sich aber auch gegen die vorherrschende Kultur stellen. Beide Verhältnisse fal
len unter dem Begriff der Inkulturation. Viertens ist es meiner Ansicht nach
wichtig, die Inkulturation immer in die konkret zu feiernde Liturgie, in die
performance zu betten.
Aufgrund der obigen Ergänzungen kommen wir zu einer Revision des Be
griffs der liturgischen Inkulturation in drei miteinander zusammenhängenden
Punkten: 1. Liturgische Inkulturation ist der Umwandlungsprozess eines Ritu
als und/oder die Änderung der Sinngebung, die diesem Ritual beigemessen
wird. 2. Die Inkulturation ist immer konkret, sie findet in und durch perfor
mance eines Rituals, hier und jetzt, in konkreten Gruppen oder Gemeinschaf

2 Lukken, Gerard: Rituals in abundance. Critical reflections on the place, form, and identity of
Christian ritual in our culture. Leuven 2005.

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ten (in der gregorianischen Schola, der Taizégruppe


Die Verbindung mit performance gibt dem liturgis
eine kontextuelle und soziale Dimension. 3. Die litur
durch das Zusammenspiel von Benennung und Ane
renz zwischen primären und sekundären Quellen u
heit, Gegenwart und Zukunft bestimmt. In der the
ierung wird vor allem das Gleichgewicht zwischen d
rücksichtigt. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt,
auch die Identität der christlichen Ritualität zur Gel
Die genauere Umschreibung des Inkulturations-K
gebnisse dieser Dissertation. Wir sprechen jetzt von
der existieren und sich eventuell gegenseitig beeinfl
lem kleine Gruppen, communities, die sich durch ei
und rituell-musikalischen Repertoires unterscheide
pen findet mit performance, mit konkreter Liturgiefe
on statt.

Marge - Die Begriffe ,Marge' und ,marginal' können sich sowohl auf di
Menschen in ihrem Verhältnis zum liturgischen Angebot der Kernpfarrei,
auch auf die Position von rituell-musikalischen und rituellen Repertoires
ziehen. In dieser Dissertation meinen wir vor allem letzteres. Gewisse Rep
toires (mit charakteristischen Eigenschaften) nennen wir marginal, weil si
der Liturgie der Kernpfarrei nicht oder kaum angeboten werden. Angebo
mit einem spezifischen Klang, auch in musikalischem Sinne, entstehen neb
und manchmal auch an Stelle der Liturgie der Kernpfarrei und richten sich
Identitäts- und Zielgruppenliturgie auf spezifische Zielgruppen. So ist
Identitätsliturgien etwa an die Liturgien der Studentenkirchen, Basisgem
schaften, Klöster oder Zentren für byzantinische Liturgie zu denken. Zie
gruppenliturgie richtet sich z.B. an Kinder, Jugendliche, Frauen, Invalid
Gefangene oder Ausländer. Dieser Liturgietyp findet teilweise innerhalb
Liturgie der Pfarrei statt und kennzeichnet sie als gastfreundliche Organis
on. Bei Zielgruppenliturgie ist durchgängig die Grundstruktur der römisc
Liturgie erkennbar, aber innerhalb dieser Grundstruktur gibt es viele Fre
ten; Sprachgebrauch und musikalisches Repertoire sind der Zielgruppe an
passt.
Identitäts- und Zielgruppenliturgie bilden die Repertoires, die wir marginal
nennen. Sie richten sich auf spezifische Teilnehmer, unterscheiden sich durch
den Ort (Klöster, Andachtsraum), durch eine besonderen rituellen Ordo (by
zantinische Feiern) oder durch ein eigenes rituell-musikalisches Repertoire
(Taizé-Feiern) oder sie zeigen andere Qualitäten, die die Teilnehmer im gängi
gen Angebot der Kernpfarrei vermissen. Durch Aneignung bestehender und
neuer Ritualitätsformen suchen die Teilnehmer einen neuen Rahmen, der von
ihnen als sinnvoll erfahren wird. Gerade rituell-musikalische Repertoires er
weisen sich als wichtige Träger des Inkulturationsprozesses. Dieser Prozess
kann sowohl in Richtung der experimentellen Liturgie wie in Richtung der la
teinischen Liturgie mit gregorianischen Gesängen führen.

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4. Gregorianischer Choral

Die traditionellen liturgischen Gesänge der lateinischen Liturgie sind in den


vergangenen vierzig Jahren immer mehr an den Rande des gängigen liturgi
schen Angebots geraten. Gleichzeitig ist der Gregorianische Choral weiterhin
beliebt, wird von verschiedenen Scholen gehegt und gepflegt und ist bei Kon
zerten und Festspielen zu hören. Bei den Scholen gibt es die gregorianischen
Chöre, die innerhalb des Kontextes der Pfarrei und deren Liturgie singen; an
dere singen in einem weiteren religiösen und auch profanen Kontext. Wir ha
ben zwei Scholen, die die beiden Typen vertreten, untersucht, nämlich den
Gregoriaans Koor Ulvenhout (Typ 1) und die Schola Cantorum Amsterdam
(Typ 2). Daneben wurden zwei auf diesem Gebiet führenden Zeitschriften:
Gregoriushlad und Tijdschrifi voor Gregoriaans diachron gelesen (1960-2002).
Bei beiden Scholatypen werden für die Aufführungspraxis die Erkenntnisse
der gregorianischen Sémiologie angewendet, auch wenn noch oft bei den
Scholen, die im Rahmen der Kirche und Liturgie singen, am vertrauten Hör
bild der sogenannten Solesmes-Methode festgehalten wird. Die Sémiologie
entwickelte sich vor allem in den 1960er und 1970er Jahren, als gleichzeitig
der Gregorianische Choral seine identitätbestimmende Monopolstellung in
der katholischen Liturgiepraxis verlor. Infolgedessen war er sozusagen ,frei'
geworden, und man konnte mit frischen Ideen experimentieren.
Innerhalb der Scholen des ersten Typs kann unterschieden werden zwischen
den Männerchören oder gemischten Chören, die (weiterhin) gregorianisch als
Teil eines breiteren Repertoires singen, das vor allem aus mehrstimmigen Mes
sen und eventuell auch aus volkssprachlichen (niederländischen) Gesängen be
steht, und den spezialisierten Scholen, die teilweise als Reaktion auf die Litur
gieerneuerungen des Vaticanum II gegründet wurden, so auch der Gregoriaans
Koor Ulvenhout. Anhand einer Analyse einiger Feiern in Ulvenhout sind die
Stellung des Gregorianischen Chorals in der heutigen Liturgie, die Bedeutung
des Kontextwechsels von der tridentinischen lateinischen zur post-vatika
nischen niederländischen Liturgie für den Gregorianischen Choral und die
Frage nach seiner Funktion in der heutigen Liturgie untersucht worden. Mit ei
niger Vorsicht können wir feststellen, dass sowohl in den offiziellen kirchli
chen Dokumenten und in den führenden Gremien wie der Gregoriusvereniging
als auch in der Praxis der gregorianischen Chöre nur geringes Interesse für die
sich ändernde liturgische Lage besteht. Das Repertoire, so wie es in der Praxis
gesungen wird, ist in den letzten vierzig Jahren den Forderungen, die die er
neuerte Liturgie an die liturgische Musik stellt (Funktionalität, Möglichkeit
zur Gemeindeteilnahme), nur ungenügend angepasst worden. Auch ist kaum
nach Möglichkeiten zur Einpassung des Gregorianischen Chorals in andere
Formen als die Eucharistiefeier gesucht worden.
Die Entstehung von Scholen, die nicht direkt in Verbindung mit Kirche und
Liturgie stehen (der zweite Typ), ist durch die innerkirchliche Diskussion über
den Gregorianischen Choral mitverursacht. In der Instruktion Musicam Sacram

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(1967) wird über den ,Erhalt des Schatzes der gew


Die päpstlichen Dokumente bezeichnen den Grego
Kulturgut, das als solches erhalten werden muss. T
bindung zwischen dem Gregorianischen Choral und
in den Dokumenten antreffen, öffnen sie damit so
te, Rundfunkprogramme und Aufnahmen.
Die Untersuchung der Scholen des zweiten Typs
Bild, was das Maß an Ritualität der Aufführungen b
des Spektrums steht der liturgische Rahmen (nam
in der Pfarrei), auf der anderen das Konzert. Dazw
reich, den ich als den liturgisch-konzertanten Ko
rianische Choral erklingt hier zwar in einem ritue
turgie hervorgeht oder auf sie zurückverweist ist,
können die Aufführung als ein Konzert einordnen
ger der Schola Cantorum Amsterdam in ihren Vesp
Mönche verweisen. Sie stellen sich in die Traditio
men sich während des Vespergesangs wie Mönche u
tuelle Spiel der Klosterliturgie. Das Studium der a
schriften und die Suche nach historisch richtigen
bei eine wichtige Rolle. Man sucht eine authentisch
den Weg der Sémiologie, Melodien werden restitu
gen unbekannte, nicht herausgegebene Gesänge. D
gehört, nicht mehr zu einer lebendigen Tradition,
im Rahmen von Historisierung und Liturgisierun
fluss der Oude Muziek Beweging auf den Gregoria
Ansicht nach nicht zu unterschätzen. Und gleichz
ob der Gregorianische Choral auch in der Liturgie
Durch Konzerte, Rundfunksendungen und LP/
wartungen an ein bestimmtes Niveau der Aufführu
der Liturgie der Pfarrei die Wiederholung einer frühe
Aufgrund der ethnographischen Untersuchung u
suchung haben sich zwei Bündel von Eigenschaf
identitätsbestimmende Charakteristika eines rituel
und der damit verbundenen Ritualität zu verstehen sind. Ein erstes Bündel be
fasst sich mit der Rolle von Tradition und Vergangenheit. Einerseits sind sie
für das musikalische Repertoire und für den rituellen Rahmen, in dem dieses
Repertoire zum Gehör gebracht wird, bestimmend, andererseits ist gleichzei
tig auch die Rede von Freiheit gegenüber der Vergangenheit und von invention
of tradition. Was scheinbar alt ist, erweist sich bei näherer Betrachtung als das
Produkt eigener Anschauungen und kann sehr unterschiedlichen historischen
Perioden entnommen sein. Die Verbindung mit der Vergangenheit bestimmt
aber in erheblichem Maß die Attraktivität und Popularität des Gregoria
nischen Chorals: Er verbindet mit einer anderen Kultur, mit dem Mittelalter
und mit der Welt von Klöstern und Mönchen und bietet so eine Kontrasterfah
rung mit unserer Kultur.

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Arbeits- und Publikationsberichte zur Hymnologie 211

Ein zweites Bündel von Qualitäten können wir mit dem Konzept Partizipa
tion' verbinden. Sänger und Hörer finden sich im gregorianischen Choral und
in den damit verbundenen rituellen Formen. Wir können die Schola als tribe
(Maffesoli) oder sound group (Blacking) beschreiben. Die sehr verschiedenen
Kontexte, in denen der Gregorianische Choral zum Gehör gebracht wird, stel
len die Frage nach der Art der Partizipation. Die Hörer-Kirchgänger betei
ligen sich in der Regel nicht aktiv am Gesang, dennoch ist die Rede von partici
patio actuosa im Sinne von Engagement und Aneignung. In den drei Kontex
ten, in denen sich der gregorianische Choral darbietet (Fiturgie, liturgisch
konzertanten Kontext und Konzert) verweist der Gregorianische Choral auf
die Vergangenheit und die Tradition, in der Fiturgie jedoch wird ein Großteil
der Kirchgänger den Gregorianischen Choral der Tradition zurechnen, in der
sie selbst stehen; bei einem Konzert gibt es diese Identifikation weniger. Die
Abnahme der Identifikation können wir als einen Prozess von Musealisierung
und Ästhetisierung beschreiben, als wachsende Erfahrung von Andersartigkeit
und Abstand.
Obschon der Gregorianische Choral auf frühere Zeiten verweist, auch wenn
er im Kontext der heutigen Fiturgie gesungen wird, zeigt sich doch ebenfalls,
dass man oft die alten Praktiken nicht unverändert übernimmt. Die Vergan
genheit wird mit Rücksicht auf die Gegenwart benutzt. In liturgisch-konzer
tanten Kontexten wird unter Berufung auf die Vergangenheit etwas Neues dar
gestellt. Die Vespern der Schola Cantorum Amsterdam setzen sich aus verschie
denen Quellen zusammen und sind u.a. an die musikalischen Wünsche der
Sänger angepasst; im Grunde genommen liegt hier eine neue Ritualform vor.
Bei Konzerten ist die Rede von reinvention : der Gregorianische Choral wird
in einen neuen Kontext eingebracht, infolgedessen entstehen neue Interferen
zen, und so ändert sich auch der Gregorianische Choral. Diese Änderung be
trifft nicht Form und Gestalt, sondern die Sinngebung oder Aneignung. Es er
gibt sich, dass der traditionelle Gregorianische Choral als ein hermeneutisch
offener Raum funktioniert, der durch Singende und Hörende auf individuelle
Art mit Bedeutungen gefüllt werden kann.

5. Taizé

Taizé bedeutet nicht nur die ökumenische Brüdergemeinschaft im französi


schen Dörfchen Taizé, das Jahr für Jahr viele junge Menschen anzieht, son
dern auch ein Fiturgie- und Pastoralangebot in Pfarreien und Gemeinden nach
dem Muster von Taizé. An einigen Orten in den Niederlanden finden Feiern
statt, die durch Taizé selbst propagiert und unterstützt werden. Daneben gibt
es viele Initiativen, oft im Rahmen des Jugendpastorats, zu Feiern ,im Geist
von Taizé'. In dieser Untersuchung sind neben einem ausführlichen Fiteratur
studium zwei Taizégruppen intensiv betrachtet worden: het jongerengebed in

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Utrecht, das zu einer der durch Taizé selbst anerk


und die Taizégruppe der Antoniusparochie in Oost
im Rahmen des Jugendpastorats entstanden ist.
In Utrecht kommen jeden Monat Jugendliche für
vesper zusammen. Die Liturgie ist der Struktur de
ähnlich. Charakteristisch sind die Gesänge von Ta
die lange Stille als Herzstück der Feier, das Gebet u
natlichen Feier in Oosterhout wird die Liturgie f
lichen lassen sich zwar durch Taizé inspirieren, f
Form in eigener Weise. Oft beschränkt sich die Fe
fang, eine Lesung, die Stille und abschließend noch
Bei der ethnographischen Untersuchung haben wi
zusammenhängender Qualitäten festgestellt: Körpe
das spezifische Verhältnis zwischen Gemeinde und
der Form, Schlichtheit und die Erfahrung von Sc
sind sowohl in den Feiern in Taizé selbst wie auch in den Feiern im niederlän
dischen Kontext erkennbar. Die Elemente aus Taizé bekommen in diesem an
deren Kontext neue Bedeutungen. Anders gesagt: das Ritual ist in Taizé nicht
das gleiche wie in Utrecht oder Oosterhout trotz der Tatsache, dass wir diesel
ben Elemente vorfinden.
Der neue Kontext wird vor allem durch den Stellenwert der Taizéfeiern ge
genüber dem gängigen Liturgieangebot bestimmt. Aus der Sicht der Kernpfar
rei und der Sonntagsliturgie sind die Taizéfeiern marginal: sie finden am Ran
de der Pfarrei statt, zu einem abweichenden Zeitpunkt und vor allem auch mit
Teilnehmern, die wir in der Sonntagsliturgie kaum sehen. Für die meist jungen
und jungerwachsenen Teilnehmenden sind die Taizéfeiern vor allem deshalb
attraktiv, weil sie darin Qualitäten vorfinden, die sie im gängigen Angebot der
Pfarreifeiern vermissen. Diese Qualitäten stimmen größtenteils mit denen übe
rein, die wir im so genannten Devotionalritual vorfinden. Der Begriff ,Devo
tionalritual' ist ein Clusterbegriff, der sich auf eine Vielfalt von Ritualen be
zieht. Wir können an traditionelle Formen denken wie Pilger- und Wallfahr
ten, Heiligenverehrung, Prozessionen, aber auch an neu aufkommende Rituale
wie stille Umzüge bei Katastrophen oder sinnloser Gewalt, Gedenkkreuze am
Straßenrand bei einem Verkehrsunfall und die zahlreichen Privatrituale bei
Geburt, Hochzeit und Tod. Es gibt eine gewisse Spannung zwischen Devotio
nalritual und der offiziellen Liturgie der Kirche. In gewissem Sinne ist die Rede
von einer ,Gegenkultur'. Das Devotionalritual - und wir können das auf die
Taizéfeiern anwenden - ist dann im Gegensatz zur offiziellen Liturgie, expres
siv und zeremoniell (statt didaktisch und zerebral/rational) und bietet mehr
Raum für Emotion und Empathie. Die persönliche, individuelle Dimension ist
ein wichtiges Element, auch wenn Devotionalrituale oft gemeinsam gefeiert
werden. Sowohl durch den expressiven und zeremoniellen Charakter als auch
durch die Betonung des Individuums bildet das Devotionalritual einen herme
neutisch offenen Raum; es verwendet Grundformen der Ritualität und kreiert
dadurch Raum für persönliche Sinngebungen. Das Devotionalritual drückt

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sich schließlich klar aus (statt nuanciert oder abstrakt) und wird meistens
durch die materielle Kultur vermittelt.

6. Jugendchöre

In vielen Pfarreien sind Jugendchöre die einzige Stelle, wo Jugendliche in


kirchlichem Rahmen sichtbar anwesend sind. Trotz der Tatsache, dass es sich
hier in den Niederlanden um zirka 25'000 Jugendliche handelt, gibt es nur we
nig zielgerichtete Unterstützung. Das Vorhandensein eines Jugendchors in der
Kernpfarreiliturgie scheint wohl eher geduldet als begrüßt zu werden. In der
Untersuchung sind neben einer Erkundung relevanter Literatur zwei Jugend
chöre beobachtet worden: Connection aus Den Haag und GoTiKo aus Goirle,
ein junger' und ein ,alter'Jugendchor. Bei GoTiKo sind die Chormitglieder
unter 25 Jahren, bei Connection sind die Sänger fast alle älter als 25. Beide
Chöre begleiten monatlich eine Feier in der Pfarrkirche. Die Aktivitäten, die
sonst noch unternommen werden, spielen sich bei Go TiKo vor allem innerhalb
von Chor und Pfarrei ab; Connection ist mehr nach außen gerichtet, hat viele
Kontakte in der Stadt Den Haag und nimmt jährlich am Nationaal Jongeren
korenfestival in Rijsbergen teil.
In Bezug auf Arbeitsweise und Struktur der Feiern gibt es bedeutende Un
terschiede zwischen Connection und GoTiKo. Die Jugendlichen, die die Feiern
von Connection vorbereiten, gehen vom Evangelium des betreffenden Sonn
tags aus und wählen dazu Texte und Gesänge; die Feiern haben einen einiger
maßen katechetischen Ton. Bei GoTiKo stehen eher die Fragen der Jugend
lichen selbst im Mittelpunkt, daraus ergibt sich ein Thema, wozu dann ein
Evangeliumstext gesucht wird. Bei Connection gibt es regelmäßig Auseinan
dersetzungen zwischen Chor und Vorsteher, und in der Feier gehen beide of
fensichtlich ihren eigenen Weg. GoTiKo spielt in der Feier eine dominante
Rolle. Inhalt und Gestaltung werden völlig durch die Chormitglieder be
stimmt. Die Sänger sind gleichzeitig die wichtigsten Akteure und die ersten
Adressaten. Die Liturgie wird aus der Lebenswelt der Jugendlichen gestaltet
und ist auch an erster Stelle auf die Jugendlichen bezogen.
Aufgrund der ethnographischen Untersuchung lassen sich drei rituell-musi
kalische Qualitäten feststellen: Die Liturgie der Jugendchöre und das dazuge
hörige rituell-musikalische Repertoire beruhen auf den Erfahrungen der Ju
gendlichen; sie sind Ausdruck und Stärkung ihrer Identität, und sie wollen vor
allem Möglichkeiten zur Partizipation bieten. Diese Qualitäten erkennen wir
in der sogenannten , induktiven Liturgie', einem Begriff, der namentlich durch
Gerard Lukken geprägt ist. Induktive Liturgie fängt unten an, in der konkre
ten Situation und bei den kleinen Geschichten von Menschen. Sie bleibt aber
darin nicht stecken, denn vom Einmaligen und Einzigartigen ausgehend wird
laut Lukken wieder aufgenommen, was bereits früher getan wurde. Er spricht
von einer steigenden Linie, von ,Trans-a-szendenz': die Liturgie bewegt sich

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vom Besonderen zum Allgemeinen, vom hier ins Jen


ist diese aufsteigende Linie oft nicht erkennbar. Hie
radikaler zu verstehen, Transzendenz und Immanen
der über. Die Jugendlichen bleiben bei den kleinen
weil sie den Schritt ins Jenseits nicht machen wolle
hier Antworten auf ihre Existenzfragen entdecken.
nicht im Allgemeinen, sondern im Besonderen; nicht
jetzt.

7. Evaluierung und Perspektiven

Jedes der drei untersuchten Repertoires - Gregorianischer Choral, Taizé und


Jugendchöre - hat seine eigenen Qualitäten; es gibt aber einige Qualitäten, die
sie alle drei gemeinsam haben, und die wir zusammenfassend andeuten können
als: Musikalität, Partizipation und Identität. Musik ist ein wichtiger bindender
Faktor. Die Sänger haben das betreffende Repertoire gewählt, es ist ihre Mu
sik, ihnen vertraut und eigen. Die Musik bestimmt nicht nur großenteils die
Identität des Rituals, sondern sie gehört auch zur Identität des Sängers. Die
Auswahl eines spezifischen musikalischen Repertoires bedeutet gleichzeitig -
implizit oder explizit - Kritik an der gängigen liturgischen Musik. Anders ge
sagt: das gewählte Repertoire besitzt Qualitäten, die man im rituell-musika
lischen Kernpfarreirepertoire vermisst. In der Marge wählt man nicht die Mu
sik, die gängig, vorgeschrieben oder auferlegt ist, sondern die Musik, bei der
man sich heimisch fühlt, die nicht entfremdend wirkt und die als angenehm
und vertiefend erfahren wird.
Es ist charakteristisch für die drei untersuchten Randrepertoires, dass die
Musik die Hauptrolle spielt. Sie sind an erster Stelle Musik, Klang und sound.
Das Interesse für die eigene Sprache der Musik passt zu einer kulturellen Dy
namik, die Erlebnis und Emotion sucht. Wir leben in einer Erlebniskultur, in
der Produkte, Dienste und Orte nicht nur oder nicht an erster Stelle nach
funktionalem Interesse beurteilt werden, sondern nach Symbolwert, Identität
und Erlebniswert. Teilnehmer an liturgischen Feiern (und an anderen Ritual
formen) suchen immer mehr nach Musikgenres, die als hermeneutisch offener
Raum funktionieren können; Genres, die trotz aller vorgefassten Absichten
von Komponisten, Liturgiegestaltern und Kirchenmusikern Möglichkeiten für
eigenes, individuelles oder in der Gemeinschaft verwurzeltes Erlebnis und für
Sinngebung bieten. Diese Entwicklung drängt vom Rande her mehr und mehr
in die Kernpfarreiliturgie vor.
Hiermit kommen wir zur zweiten gemeinsamen Qualität der untersuchten
Bereiche: die drei rituell-musikalischen Repertoires bieten auf mehr oder weni
ger vergleichbare Weise Möglichkeiten zur Partizipation. Wichtig ist die Of
fenheit, die hermeneutisch offenen Räume, die im Ritual gegeben werden
(Gregorianischer Choral, Taizé), oder die Möglichkeit, die gemeinsame Suche

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Arbeits- und Publikationsberichte zur Hymnologie 215

nach Sinn und Bedeutung auszusprechen und erklingen zu lassen (Jugendchö


re). Es hat sich gezeigt, dass ,Partizipation' ein vielschichtiger, komplexer Be
griff ist, der mehr bedeutet als allein das aktive Mittun mit dem Ritual; wichtig
sind auch Engagement und Verbundenheit.
Drittens sind die rituell-musikalischen Repertoires, die in dieser Dissertati
on untersucht wurden, für die Teilnehmenden eine Quelle und ein Fundort der
Identität. Das Singen in einer gregorianischen Schola oder in einem Jugend
chor und die Beteiligung an einer Taizéfeier sind mehr als ein angenehmer
Zeitvertreib. Das Interesse an einem bestimmten rituell-musikalischen Reper
toire bringt Menschen zusammen und führt zu Formen von Identitäts- und
Zielgruppenliturgie, die die religiösen oder weltanschaulichen Intuitionen von
Menschen bestätigen oder stärken.
Mit ihren eigenen Qualitäten spielen die untersuchten rituell-musikalischen
Bewegungen am Rande der Pfarrei eine wichtige Rolle in der Weitergabe der
Tradition und im Rekontextualisierungsprozess. Aus einer ambivalenten Ein
stellung gegenüber der Tradition und den kirchlichen Obrigkeiten nehmen die
Randbewegungen jene Elemente in ein neues Sinnganzes auf, die von den Teil
nehmern als wertvoll und bedeutungsvoll erfahren werden. Es handelt sich um
die (Wieder-) Entdeckung, Hervorhebung, Neubewertung und Weitergabe
von Traditionselementen, die in der Kernpfarrei in den Hintergrund geraten
sind. Gerade diese Qualitäten können die Liturgie erneut zugänglich und rele
vant für Menschen in der heutigen spät- oder postmodernen Kultur machen.
So liefern die untersuchten Bewegungen am Rande der Pfarrei einen wichtigen
Beitrag zur Liturgie-Inkulturation und zeigen mögliche Wege zur Entwicklung
der Kernpfarreiliturgie.
An die angedeuteten Entwicklungen können auch Fragen gestellt werden:
Mit der Suche nach eigener Sinngebung wie sie in dem heutigen kulturellen
Kontext gestaltet wird, ist ja auch ein Risiko verbunden. Rituelle Repertoires
drohen durch das individuelle Erlebnis und das Verlangen nach Verständlich
keit diktiert zu werden. Gibt es in dieser Suche nach Sinn und Bedeutung noch
Raum für Transzendenz, für einen Bruch mit dem Eigenen? Das Fehlen von
vorgegebenen Bedeutungen bietet aber auch Chancen. Wir können das anhand
des Gregorianischen Chorals erklären. Die drei genannten Aufführungskon
texte bestehen nebeneinander und fließen gleichzeitig ineinander über, beein
flussen sich gegenseitig; die Grenzen sind durchlässig geworden. Das beein
flusst die Hörererwartungen, die Formgebung und auch die möglichen Sinn
gebungen. War der Gregorianische Choral früher exklusiv mit Kirche und Li
turgie verbunden, so hören wir ihn heute in verschiedenen Bereichen, auch au
ßerhalb der Kirchenmauern. Damit ist er für ein breiteres Publikum zugäng
lich geworden: als Musik zum Singen und zum Hören, aber auch als Zugang
zur Transzendenz. Anders gesagt: auch die Gebiete von Konzert und litur
gisch-konzertanten Aufführungen sind ,sakramentabel'. Statt von einem schar
fen Unterschied zwischen den drei erwähnten Kontexten oder zwischen sakral
und profan können wir jetzt von einem allgemein sakralen Milieu sprechen.
Gerade in einer Kultur, die durch Pluralität und Fragmentierung gekennzeich

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2i6 Martin J.M. Hoondert

net wird, ist eine solche Vielschichtigkeit wertvoll


für Partizipation.

Aus der Untersuchung können fünf Perspektiven f


gewonnen werden:
Erstens stellt sich die Frage nach der Füllung des
Wie ist das Verhältnis zwischen den flexiblen, geleg
die im Umkreis von bestimmten rituell-musikalisc
und der durchweg territorial gebundenen liturgis
Kernpfarrei?
Zweitens stellt sich die Frage nach dem transzendenten Charakter der indi
viduellen und kollektiven Sinngebungen. Geht es bei den gregorianischen
Scholen, bei den Taizégruppen und den Jugendchören (noch) um Gott?
Drittens stellt sich die Frage nach den Qualitäten. Wie wir gesehen haben,
zeichnen sich die untersuchten rituell-musikalischen Bewegungen durch Quali
täten aus, die ihnen teilweise eigen sind und teilweise sich gegenseitig über
schneiden. Immer handelt es sich um Qualitäten, die die Teilnehmer der be
treffenden Bewegung im gängigen liturgischen Angebot der Kernpfarrei ver
missen. Infolgedessen wird die Kernpfarreiliturgie zu ritual criticism und even
tuell zu neuen Formgebungen herausgefordert.
Viertens stellt sich die Frage nach Kontinuität und Diskontinuität, nach
dem Verhältnis zwischen Tradition und Erneuerung. Es ist immer wichtig fest
zustellen, wie neu entdeckte Qualitäten mit (Elementen aus) der Tradition zu
sammenhängen. Handelt es sich tatsächlich um Erneuerungen oder um eine
Verlagerung von Akzenten? Es verlangt Kreativität von leitenden Personen
und Theologen, um jene Schätze aus der Tradition ans Licht zu bringen, die
für Menschen in dem heutigen postmodernen Kontext von Bedeutung sind.
Fünftes stellt sich die Frage nach dem größeren Zusammenhang der Litur
giefeier. Liturgie ist kein Ziel in sich, sondern hat einen diakonischen, nach au
ßen gerichteten Einsatz, der eine relevante Präsenz der Kirche in der Öffent
lichkeit anstrebt. Bieten die marginalen rituell-liturgischen Ausdrucksformen
dazu eine ausreichende Herausforderung?

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