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Die
Entmachtung
der
anthroposophischen
Bewegung

Ein Beitrag zu
elementaren Kenntnissen
geschichtlicher Zusammenhänge der
1923 neubegründeten
Anthroposophischen
Gesellschaft
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Widmung
Dieser Schrift ist den treuen Streitern Michaels gewidmet, für die der anthroposophische Kul-
turimpuls einen wesentlichen Beitrag für eine gesunde Weiterentwickelung der Menschheit
leistet.
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Zur Einführung

Sehr verehrte Leser in aller Welt,


liebe Anthroposophiefreunde!

Angestoßen durch Vorstandsmitglied des Vereins AAG Virginia


Sease, das meint, die „Stiftung für theosophische Art und Kunst“
wäre von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen, kommen
jetzt die Fäden zusammen, die uns verstehen lassen, wie der an-
throposophische Kulturimpuls unterlaufen wurde.

In den letzten beiden Jahren wurde in zwei Schriften ein Ereignis aufge-
griffen, von dem Marie Steiner bereits im Jahre 1947 unter dem Titel

„Ein durch Rudolf Steiner


Gegebener Zukunftsimpuls
und was zunächst daraus geworden ist“

berichtet hat. Das erste Buch stammt von dem Vorstandsmitglied des
Vereins Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft (AAG) Virginia Sease
und trägt den Titel:

Rudolf Steiners Versuch


einer Stiftung für Theosophische Art und Kunst –
15. Dezember 1911

Eine Betrachtung nach 100 Jahren.

Das zweite Buch wurde vom Leiter der Forschungsstelle Kulturimpuls Ro-
bin Schmidt herausgegeben und enthält Beiträge von Jan Pohl, Robin
Schmidt und Uwe Werner sowie ein protokolliertes Rundgespräch. Laut
der Aussage im Klappentext werden in dem Buch „die Hauptergebnisse
eines Forschungskreises der Forschungsstelle Kulturimpuls zusammenge-
faßt sowie einschlägige Dokumente, Materialen und Quellen publiziert. Sie
möchten den historischen Zusammenhang sowie die Richtkraft dieses
Versuchs für heutige spirituelle Unternehmungen erschließen“.

Beide Bücher erschienen im Verlag am Goetheanum.

Ein merkwürdiger „Zufall“ führte es mit sich, daß mir zunächst das Buch
von Virginia Sease zugesandt wurde, obwohl ich das von Robin Schmidt
bestellt hatte, was ich aber erst bemerkte, als die Zellophanhülle der Ver-
packung bereits geöffnet war. Ich begann darin zu blättern und wollte
meinen Augen nicht trauen, als ich im ersten Satz des Vorwortes las:

Es kommt nicht oft vor – außer vielleicht im Bereich naturwissenschaftlicher For-


schungen –, daß man einen Versuch in esoterisch-menschlichen Zusammenhän-
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gen, der aber von Anfang an zu Scheitern verurteilt war, als so wichtig
schätzt, daß hundert Jahre später das Ziel und die Umstände des Versuchs unter-
sucht und veröffentlicht werden.

Unglaublich! Vorstandsmitglied Sease behauptet im ersten Satz ihrer


Schrift, daß Rudolf Steiner – in enger Verbindung mit Christian Rosen-
kreutz, dessen Portrait auf dem Umschlag abgebildet ist – einen Versuch
unternommen haben soll, der von Anfang an zum Scheitern verurteil ge-
wesen sei. … Ich habe daraufhin das Buch zugeklappt und war nun dop-
pelt gespannt auf das zweite Buch, das bereits auf dem Weg war und
wurde angenehm überrascht. In diesem Buch stimmt die „Einleitung“ er-
wartungsvoll und sachkundig. Wieder begann ich mit der Einleitung, dies-
mal des Herausgebers Robin Schmidt:

Mit der „Gesellschaft für theosophische Art und Kunst“ versuchte Rudolf Steiner
erstmals, eine Gesellschaftsbildung nach spirituellen Prinzipien anzulegen. Dieser
Versuch von 1911 steht [#008] im Zentrum einer entscheidenden Wende in der Ge-
schichte der Anthroposophie: ihrer Trennung von der Theosophischen Gesellschaft,
die im folgenden Jahr zur Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft führte.
Zugleich steht der Versuch in einem umfassenden geistesgeschichtlichen Umbruch,
dessen Signatur die Grenzüberschreitung ist. 1911 ist nicht nur das Jahr, in dem
Nils Bohr über sein neues Atommodell publizierte und Marie Curie den Nobelpreis
erhielt, es ist auch das Jahr, in dem der Begriff „Expressionismus“ geprägt wurde
und in der Literatur etwa durch Jakob van Hoddis Gedicht „Weltenende“ eine Refe-
renz erhielt. 1911 entwarf Walter Gropius das Fagus-Werk, und auch in der Malerei
wurden Grenzen überschritten: der Bremer Künstlerstreit spaltet die deutschen
Künstler und ihr Publikum nachhaltig in Anhänger und Gegner abstrakten Kunst-
schaffens; Wassily Kandinsky und Franz Marc gründeten den „Blauen Reiter“, eröff-
neten im Dezember 1911 ihre erste Ausstellung und legten den berühmt geworde-
nen Katalog vor.

In der Theosophischen Gesellschaft erwartete man die Wiederverkörperung des


Maitreya Buddha in Jiddu Krishnamurti und brachte ihn 1911 zur Ausbildung nach
London; Rudolf Steiner dagegen publizierte erstmals über das Wiedererscheinen des
Christus in der ätherischen Welt. Und mit der „Gesellschaft für theosophische Art
und Kunst“ sollte auch das anthroposophische Kunstschaffen einen Mittelpunkt er-
halten und damit zugleich ein soziales Kunstwerk geschaffen werden, das erstmals
ein neues Paradigma esoterischer Arbeit praktizieren sollte. Anläßlich der zehnten
Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft wen-
det Rudolf Steiner sich am 15. Dezember an die versammelten Mitglieder. Er schil-
dert, daß eine „Arbeitsweise“ [#009-#010] „gestiftet“ werden soll, „um in einem
gewissen Sinne dasjenige, was unsere geistige Strömung ist, von mir selber abzulö-
sen und ihr einen eigenen, in sich selbst begründeten Bestand (Substanz) zu
geben“. Der Kreis sieht „das Prinzip des Föderalismus und der Selbständigkeit alles
geistigen Strebens als die unbedingte Notwendigkeit für die geistige Zukunft“ (GA
264, S. 429).

Die geistige Strömung, die Anthroposophie, wollte Rudolf Steiner mit der „Gesell-
schaft für theosophische Art und Kunst“ von seiner Person ablösen und einer Grup-
pe mit einer spezifischen Arbeitsweise anvertrauen. Insbesondere sollten von den
Mitarbeitern Kunstwerke geschaffen werden, die geeignet wären, ein selbständiges
geistiges Leben zu fördern, und Steiner schrieb ihnen Titel zu, „indem ich von ihnen
voraussetzte, daß sie im Sinne dieser Titel selbständig wirken würden“ (GA 264, S.
435). Der Versuch war schon nach wenigen Wochen gescheitert: die Art und Weise,
wie eine Mitwirkende die Sache verstand, machte das Ganze unmöglich. Schon bei
der Ansprache machte Steiner deutlich, daß das „was geschehen soll, nicht auf
Worten, sondern auf Menschen, und nicht einmal auf Menschen, sondern auf
demjenigen, was diese Menschen tun werden“ (GA 264, S. 433) beruht. Er betont,
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daß es „nichts anderes sein will als ein Keim“ (GA 264, S. 431).

Die vorliegende Publikation beruht auf einer Auseinandersetzung mit Rudolf Stei-
ners Ansprache vom 15. Dezember 1911, in der er das Anliegen dieser „Gesell-
schaft für theosophische Art und Kunst“ vor Mitgliedern der Deutschen Sektion der
Theosophischen Gesellschaft darstellt.

Bis hier her ist es in meinen Augen eine sehr interessante, informative,
schöne Standortbestimmung, die der Autor leider nicht bis ganz zum
Schluß durchgehalten hat. Denn die Aussage in den letzten paar Sätzen
bedarf der Korrektur. Robin Schmidt fährt nämlich fort:

Sie ist, neben einigen wenigen anderen Zeugnissen - die einzige historische Quelle
für diesen Versuch. Die Kenntnis dieser Ansprache - sie ist im Anhang wiedergeben
- wird im Folgenden vorausgesetzt, ebenso wie eine Kenntnis anthroposophischer
Grundlagen [S. 11] und elementarer geschichtlicher Zusammenhänge der an-
throposophischen Bewegung. Auch die anderen Materialien werden hier - soweit
bekannt - wiedergegeben.

Es ist selbstverständlich nichts dagegen einzuwenden, die Kenntnis der


anthroposophischen Grundlagen und der elementaren geschichtlichen Zu-
sammenhänge vorauszusetzen, wenn man einer solchen Frage nachzuge-
hen sich vorgenommen hat, wie in dieser Schrift beschrieben, doch man-
gelt es offenbar auch in dem „anthroposophischen Studienkreis“ an eben
dieser elementaren Kenntnis der geschichtlichen Zusammenhänge in der
anthroposophischen Bewegung. Dieses an der Geschichte der in der Weih-
nachtstagung 1923 neubegründeten Anthroposophischen Gesellschaft
nachzuweisen, ist Sinn und Zweck der folgenden Ausführungen.
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Teil I – Die Schöpfung

1. Der Plan vom 29. Juni 1924

Der handelsregistrierte Bauverein kriegt einen neuen Namen: All-


gemeine Anthroposophische Gesellschaft und soll fortan als Trä-
gerverein für die Arbeit dienen: Administration der AG, Adminis-
tration des Goetheanumbaus, Klinik und Verlag.

Ausgangspunkt der Betrachtung ist die Weihnachtstagung 1923/24 (WT)


zur Neubegründung der Anthroposophischen Gesellschaft (AG) von 1912
in Verbindung mit der außerordentlichen Generalversammlung des Ver-
eins des Goetheanum der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft
(Bauverein) am 29. Juni 1924.

Mit dieser Neubegründung beabsichtigte Rudolf Steiner die Voraussetzun-


gen zu schaffen für die aufzubauende „modernste Gesellschaft die es ge-
ben kann“. Was er damit im Auge hatte, erläutert er in der Debatte zu Ar-
tikel 3 der Statuten folgendermaßen:

Früher hat man gesagt: Die Anthroposophische Gesellschaft ist eine Vereinigung
von Menschen, die anerkennen Brüderlichkeit der Menschen ohne Unterschied der
Nationen – und so weiter und die anderen Punkte. – Das ist die Zustimmung zu
Prinzipien, das riecht schon sehr stark nach einem dogmatischen Bekenntnis.
Solches dogmatisches Bekenntnis soll aber aus der modernsten Gesellschaft, die
es geben kann – denn die modernste Gesellschaft soll eben die Anthroposophische
Gesellschaft sein, die hier begründet wird –, ausgeschlossen sein. Das, was hier in
Anführungszeichen steht {in §3}, ist die Anschauung der Goetheanum-Leitung,
und im § 3 wird daran erinnert, daß man zustimmend sich verhält zu dieser
Anschauung der Goetheanum-Leitung. Wir haben es nicht mit einem Prinzip zu
tun, sondern Menschen haben wir vor uns, die haben diese Überzeugung, diese
Anschauung. Mit diesen Menschen wollen wir uns vereinigen zu der
Anthroposophischen Gesellschaft. Der wichtigste Satz ist der, daß die Ergebnisse,
und zwar die gesamten Ergebnisse der Geisteswissenschaft, jedem
Menschengemüt ohne Unterschied einleuchten können, daß dagegen zur
Beurteilung der Forschungsergebnisse die Schulung notwendig ist, wie sie dann in
der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft innerhalb der drei Klassen
gepflegt werden soll. (GA 260, S.124 f.)

Um eine solche moderne Gesellschaft aufzubauen, gilt es gewisse Bedin-


gungen zu erfüllen. Darüber Spricht Rudolf Steiner dann nach der Tagung
immer wieder mahnend. So z.B. am 18. Januar 1924:

Im zweiten Mitteilungsblatt - Sie wissen ja, daß dieses Mitteilungsblatt den Titel
trägt „Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht“ - finden Sie zunächst
eine Ansprache, die ich an die Mitglieder gerichtet habe, und ich möchte einen
ganz besonderen Wert darauf legen, daß die ersten, Sätze dieser Ansprache an
die Mitglieder ganz besonders ernst genommen werden. Ich darf gerade diese ers-
ten Sätze vielleicht anführen:

„Die Weihnachtstagung zur Begründung der allgemeinen Anthroposophischen Ge-


sellschaft kann ihren Inhalt nicht allein in dem haben, was die während ihrer Dau-
er am Goetheanum versammelten Mitglieder erlebt haben. Nur wenn man überall,
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wo man Anthroposophie liebt, in der Zukunft empfinden wird: es ist durch die
Ausführung dessen, was durch diese Tagung angeregt worden ist, neues anthro-
posophisches Leben gekommen, wird dieser Inhalt wirklich da sein. Wenn dies
nicht sein würde, hätte diese Tagung ihre Aufgabe nicht erfüllt.“

Es ist ja zweifellos, meine lieben Freunde, daß die Anthroposophische Gesellschaft


neues Leben braucht. Und dasjenige, was zu Weihnachten hier geschehen ist,
muß eigentlich so aufgefaßt werden, daß es zunächst lange nicht fertig ist, lange
nicht abgeschlossen ist, daß eigentlich das Wenigste von dem, was zu Weihnach-
ten hier geschehen ist, als ein Abgeschlossenes gelten kann, sondern daß fort-
während in diese Weihnachtstagung Inhalt hineinfließen muß durch dasjenige,
was weiter in der Anthroposophischen Gesellschaft geschieht. Es ist ja bisher im
Grunde jede solche Tagung eigentlich so aufgefaßt worden, daß man sie
in die Grenzen eingeschlossen hat, zwischen denen sie angefangen und
aufgehört hat. Und man hat sich höchstens erinnert an ein Erlebnis, das
da gewesen ist.

Diese Weihnachtstagung hatte aber einen Charakter, der von vornherein zeigte,
daß sie so nicht aufgefaßt werden kann. Sie kann nicht aufgefaßt werden als eine
vorübergehende Tagung. Da würde der Inhalt einer ganz besonderen Eigenschaft
unterliegen. Sehen Sie, meine lieben Freunde, wenn Sie zurückdenken an diese
Weihnachtstagung, so werden Sie sich sagen müssen: Es ist da etwas gewesen,
was aus der geistigen Welt heraus selber kam. Es ist der Versuch gemacht
worden, mit alldem, was Vereinswesen ist, zu brechen und das Geistige
durchscheinen zu lassen durch jede einzelne Handlung, die geschah. Aber
das Geistige hat einmal – ich habe das öfter erwähnt – seine eigenen Gesetze.
Das Geistige hat andere Gesetze, als diejenigen sind, welche in der physischen
Welt herrschen. Nehmen wir dasjenige, was durch den geistigen Hintergrund in
der Weihnachtstagung da war: Setzen wir es einmal als solches an und denken
wir uns dann: die einzelnen Verrichtungen, die einzelnen Taten der Anthroposo-
phischen Gesellschaft schließen sich an diese Weihnachtstagung an.

Wenn diese Weihnachtstagung nur so genommen wird, wie man so gern frühere
Tagungen nahm, dann verduftet sie allmählich, dann verliert sie ihren Inhalt, und
es wäre besser gewesen, man hätte sich nicht versammelt. Denn das Geistige hat
einmal die Eigenschaft, daß es, wenn es nicht festgehalten wird, verschwindet,
nicht verschwindet selbstverständlich im Kosmos, aber verschwindet für den Ort,
wo es eben nicht weiter gepflegt wird. Es sucht sich eben dann andere Orte im
Kosmos. Und für so etwas, wie unsere Weihnachtstagung, ist man ja nicht ange-
wiesen auf dasjenige, was innerhalb des Erdenbereiches geschieht. Sie dürfen sich
also nicht vorstellen, es müßte dasjenige, was zur Weihnachtstagung [veranlagt
wurde, wenn es] durch die Nicht-Ausführung der Impulse verduftet, irgendwo an-
ders auf der Erde erscheinen. Das ist nicht nötig. Es kann in ganz anderen Welten
seinen weiteren Zufluchtsort suchen. - Alles also hängt davon ab, daß man die
Möglichkeit findet, sich um diese Weihnachtstagung stark zu bekümmern, wirklich
ihren Inhalt aufzunehmen. (GA 260a, S. 091 ff.)

Die Neubegründung der AG während der Weihnachtstagung 1923 war ein


wesendlicher Baustein des Gesamtprojekts, das mit dieser Tagung ihren
Anfang genommen hatte.

Noch während dieser Tagung weist Rudolf Steiner auf einen zweiten ele-
mentaren Baustein des Projektes hin, den er in einer inneren Verbindung
mit dem Johannesbauverein sieht, zu dem er in „den nächsten Tagen“
„eine Relation“ herzustellen beabsichtige. Es sollte dann allerdings noch
ein halbes Jahr vergehen, bis er in eben der Versammlung des Bauvereins
im Juni auf diesen zweiten zentralen Baustein in Verbindung mit der
Weihnachtstagung konkret zu sprechen kommt:
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… es wird sich darum handeln, daß wir dasjenige verhandeln, was für die Gestaltung
des Vereins des Goetheanum notwendig geworden ist durch die Weihnachtstagung
des letzten Jahres hier am Goetheanum in Dornach. Diese Weihnachtstagung, meine
lieben Freunde, sollte ja durchaus einen neuen Zug in die ganze anthroposophische
Bewegung bringen. Es sollte vor allen Dingen bei diesem neuen Zug in der Zu-
kunft vermieden werden, daß die Dinge bei uns auseinanderstreben, und es
sollte bewirkt werden, daß sie in der Zukunft einheitlich wirklich auch aus
der anthroposophischen Bewegung geleitet werden.

Sie wissen, es wurde damals bei dieser Weihnachtstagung ein Vorstand am Goethea-
num hier eingesetzt, der nun in voller Verantwortung, als initiativer Vorstand mit
voller Verantwortung sich gegenüber dem fühlt, was in der Anthroposophi-
schen Gesellschaft geschieht. Und die Durchführung dieser Intention ist nur
möglich, wenn die Anthroposophische Gesellschaft in der Zukunft auch ge-
genüber der vollen Öffentlichkeit als dasjenige dasteht, was real die Dinge
macht, was real sich auch voll verantwortlich fühlt für alles dasjenige, was
entsteht. Das kann nur erreicht werden, wenn wir in der gegenseitigen Be-
ziehung der einzelnen Betätigungen nun auch eine einheitliche Konstituie-
rung herbeiführen. Und da ist denn für den Verein des Goetheanum Dornach,
zwischen dem bisherigen Vorsitzenden Dr. Grosheintz und mir abgesprochen worden,
daß erstens, weil namentlich seit der so schmerzlichen Goetheanum-Katastrophe die
Ordnung der Angelegenheiten doch mir zugefallen ist, es in der Zukunft deshalb auch
mir möglich sein muß, mit voller Verantwortung für dasjenige, was hier geschieht,
einzutreten. (GA 260a, S. 502 f.)

Rudolf Steiner kommt dann auf den Wiederaufbau des Goetheanums und
die damit verbundenen Herausforderungen zu sprechen und weist darauf
hin, daß er noch immer daran denke, daß bereits

zu Weihnachten {also bereits in einem halben Jahr!} in dem neuen Bau Versamm-
lungen abgehalten werden könnten, wenn eben die Bewilligung so schnell kommt,
daß wir die günstige Bauzeit dazu verwenden können.

Voraussetzung dafür sei es allerdings,

daß dasjenige, was zwischen Dr. Grosheintz und mir verabredet worden ist, wirklich
auch zur Ausführung kommt, daß ich selber mit dem Vorsitze des Vereins des Goe-
theanum beauftragt werde. Ich kann das natürlich nur unter der Bedingung
tun, daß Dr. Grosheintz, der ja bisher den Verein des Goetheanum in einer so
schönen, aufopferungsvollen Weise geführt hat, dann zweiter Vorsitzender
ist, und daß wir zusammenarbeiten können.

Und dann zieht er die sich daraus ergebenden gewaltigen Konsequenzen,


die in ihrer Bedeutung für die anthroposophische Bewegung weitgehend
mißverstanden bzw. falsch ausgelegt worden sind.

Rudolf Steiner fährt fort:

Dann aber wird es nötig sein, daß aus dem ganzen Geist der Anthroposophischen Ge-
sellschaft heraus, wie sie jetzt besteht, diese Anthroposophische Gesellschaft als der
eigentlich eingetragene, handelsregisterlich eingetragene Verein fungiert, also nach
außen hin diejenige Institution ist, welche alles hier in Dornach zu vertreten hat.

Es wird also notwendig sein, daß da bestehen werden die Allgemeine Anthroposophi-
sche Gesellschaft als handelsregisterlich eingetragener Verein. Innerhalb dieser An-
throposophischen Gesellschaft werden vier Unterabteilungen zu begründen sein.
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Um diese Aussage recht begreifen und deuten zu können, bedarf es eini-
ger Grundkenntnisse der Geschichte der anthroposophischen Bewegung,
über die der Herausgeber des Bandes 260a der Rudolf Steiner Gesamtaus-
gabe offensichtlich nur mangelhaft verfügte und dadurch Anlaß zu großer
Verwirrung gegeben hat.

Wenn in den vorstehenden beiden Absätzen der Ansprache Rudolf Steiners


zunächst von der „anthroposophischen“ Gesellschaft die Rede ist und es
dann heißt „daß da bestehen werden die „Allgemeine Anthroposophische
Gesellschaft als handelsregisterlich eingetragener Verein“, dann macht das
nur Sinn, wenn im ersten Absatz „anthroposophische“ als Attribut zu ver-
stehen ist und im folgenden Absatz diesem Verein der Name „Allgemeine
Anthroposophische Gesellschaft“ zugeordnet wird, was in dem von Ita
Wegman niedergeschriebenen, von Rudolf Steiner ergänzten und mit 3.
August 1924 datierten Statutenentwurf bestätigt wird.

Nach dieser kurzen Begriffsklärung wieder zurück zur Darstellung Rudolf


Steiners:

Diese vier Unterabteilungen sind von mir in der Weise projektiert, daß ich dabei
durchaus keine programmatischen Dinge, sondern nur die rein realen Dinge berück-
sichtige. Wir haben seit dem Jahre 1919 viel mit Programmatischem gearbeitet. Aber
von dem Augenblicke an, da ich den Vorsitz der Anthroposophischen Gesellschaft zu
Weihnachten übernommen habe, kann ich selber mit dem Programmatischen verant-
wortlich nicht arbeiten, aus dem einfachen Grunde, weil mir alles Programmati-
sche, alles Theoretisierende, alles, was mit Paragraphen arbeitet, nicht aus
einem persönlichen Grunde, sondern aus dem ganzen Grundwesen unserer
anthroposophischen Bewegung wirklich ganz zuwider ist. Es kann nur aus
dem Realen gearbeitet werden.

„Reale, vom Anfang an in lebendiger organischer Tätigkeit wirkende Institutionen,


haben wir“, „in vier, ich möchte sagen, vier Strömungen, die da vorliegen:

1. der Anthroposophischen Gesellschaft selber, die ja sogar, als die programma-


tischen Dinge begannen, vielfach angefochten worden ist. Die wird also als An-
throposophische Gesellschaft im engeren Sinne – ich werde jetzt historisch vor-
gehen, indem ich die Dinge aufzähle –, die wird als Anthroposophische Gesell-
schaft im engeren Sinne als die erste Unterabteilung fortbestehen. Sie ist ja völlig
unabhängig von alle dem, was seit 1919 an Programmatischem aufgetreten ist.“

Die weiteren Ströme manifestierten sich – in der zeitlichen Reihenfolge


ihres Entstehens – in:

2. dem Philosophisch-Anthroposophischen Verlag, begründet von Marie von Si-


vers
3. dem Verein des Goetheanums der freien Hochschule für Geisteswissen-
schaft (nachfolgend mit Bauverein bezeichnet),
4. dem Klinisch-Therapeutische Institut, begründet von Ita Wegman.
(GA 260a, S. 504 ff.)

Der Projektentwurf Rudolf Steiners für den noch zu begründenden Verein


„Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft vom 29. Juni 1924 ist in Abb.
1 graphisch dargestellt. Die strichpunktierte senkrechte Linie markiert
den Zeitpunkt des Todes Rudolf Steiners.
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AAG Konzept (29.6.1924)

Klinik (I. Wegman) Ita-Wegman-Klinik

Verlag (M-Steiner) Philosophisch-Anthroposophischer Verlag

TG AG (1912) AG (1923)

Johannesbauverein (1913) Verein des Goetheanum

Dez.1925
Feb 1925
Abb. 1: Die vier „realen Ströme“ und ihre sie repräsentierenden Institutionen

Obwohl Rudolf Steiner hier eindeutig als erste Unterabteilung die zeitlich
als erstes begründete Anthroposophische Gesellschaft benennt, so wird
dieser deutliche Hinweis bald nach seinem Tode zu einer Streitfrage ge-
macht. Und ähnlich geschieht dies dann auch mit der Persönlichkeit des
langjährigen Vorsitzenden des Bauvereins, Emil Grosheintz, über den er
bei seiner Präsentation der Gründungsabsicht des „Dachvereins“ AAG –
wie schon erwähnt – lobende Worte spricht:

So sehen Sie, daß es in der nächsten Zeit gar nicht anders geht, als daß dasjenige,
was zwischen Dr. Grosheintz und mir verabredet worden ist, wirklich auch zur Aus-
führung kommt, daß ich selber mit dem Vorsitze des Vereins des Goetheanum beauf-
tragt werde. Ich kann das natürlich nur unter der Bedingung tun, daß Dr.
Grosheintz, der ja bisher den Verein des Goetheanum in einer so schönen, aufopfe-
rungsvollen Weise geführt hat, dann zweiter Vorsitzender ist, und daß wir zu-
sammenarbeiten können.

Zur Vorbereitung der Begründung der Zusammenführung dieser „vier rea-


len Ströme“ werden – wie oben bereits erwähnt – im Anschluß an diese
einführende Ansprache Rudolf Steiners die Statuten des Bauvereins für
die Integration in den noch zu begründenden Verein AAG vorbereitet, in
dem dessen Eintragung ins Handelsregister zugunsten des Dachvereins
AAG aufgehoben wird.

Aus bisher ungeklärten Gründen kommt es dann allerdings nicht zu der


vermutlich für den 3. August ins Auge gefaßten Vereinsgründung. Er-
staunlicher Weise sind von Rudolf Steiner keine Äußerungen mit Hinblick
auf das Scheitern dieser Vereinsgründung übermittelt geworden.

Im Frühjahr 1925 kommt es – nach dem Rudolf Steiner im September


1924 einen physischen Zusammenbruch erlitten hatte – trotz allem zu ei-
ner interessanten und hoffnungsvollen Ersatzlösung. Der Bauverein bleibt
nun weiterhin im Handelsregister eingetragen, geändert wird jedoch sein
Name in Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft und er wird selbst
durch vier Unterabteilungen erweitert. Statt wie zuvor von Rudolf Steiner
projektiert, wird nun die „Administration der Anthroposophischen
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Gesellschaft“ an die Stelle der geplanten Anthroposophischen Gesell-
schaft gerückt und der Vorstand der AG übernimmt auch die Leitung die-
ses durch die 4 Unterabteilungen erweiterten Bauvereins. Die Aufgaben
des bisherigen Bauvereins soll die Unterabteilung „Administration des
Goetheanumbaues“ übernehmen, die von 7 Administratoren unter der
Leitung des bisherigen Vorsitzenden des Bauvereins Emil Grosheintz ge-
führt wird. Diese Administratoren – allesamt Schweizer – werden von Ru-
dolf Steiner interessanter Weise im Namen der Freien Hochschule für
Geisteswissenschaft – und nicht im Namen des Vereins AAG, also des ur-
sprünglichen Bauvereins – wenige Tage vor seinem – Tod in ihre Ämter
berufen. Die weiteren beiden Unterabteilungen sind, wie bereits am 29.
Juni von ihm erläutert, der Philosophisch-Anthroposophische Verlag und
das Klinisch-Therapeutische Institut.

Der wesentliche Unterschied zwischen der ursprünglich geplanten Lö-


sung vom 29. Juni 1924 und der Ersatzlösung vom 8. Februar 1925 be-
steht darin, daß die Anthroposophische Gesellschaft nicht Unterabteilung
der AAG wird, sondern weiterhin als eigenständiger (Ideal-)Verein
neben dem Verein AAG fortbesteht.

Abb. 1a: Kopf des Statutenentwurfs für den Verein Allgemeine Anthroposophi-
sche Gesellschaft, niedergeschrieben von Ita Wegman und ergänzt von Rudolf
Steiner

Es ergibt sich somit folgendes Bild:


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AAG modifiziert (8. ebruar 1925)

Ita-Wegman-Klinik
Verlag (M-Steiner)

Johannesbauverein / Verein des Goetheanum Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft


(1913) (1922) (8. Februar 1925)

Anthroposophische Gesellschaft Anthroposophische Gesellschaft


TG (1912) (Weihnachtstagung 1923)

Feb 1925

Dez.1925

Abb. 2. Modifizierte Lösung vom 8. Februar 1925

Diese Lösung meldet Rudolf Steiner, nun auch Vorsitzender des erweiter-
ten Bauvereins, zur Eintragung ins Handelsregister an. Die Eintragung
selbst erfolgt am 3. März und wird am 7. März 1925 im Schweizer Han-
delsamtsblatt veröffentlicht. Damit ist noch zu Lebzeiten Rudolf Steiners
dieser erweiterte Bauverein rechtswirksam realisiert worden!

Zwischenbilanz

Ziel des Kapitels ist es, den Nachweis zu


erbringen, daß der Organismus anthro-
posophische Gesellschaft in den Etappen
– Weihnachtstagung 1923
– a.o. Generalversammlung des Bau-
vereins 29. Juni/3. August 1924
– a.o. Generalversammlung des Bau-
vereins 8. Februar 1925
unter der Leitung Rudolf Steiners ge-
formt wurde mit dem Ergebnis einer
zweigliedrigen Strukturierung in
– Träger-Verein Allgemeine Anthroposo-
phische Gesellschaft (Leib)
– Anthroposophische Gesellschaft mit
eingebetteter aber unabhängiger Frei-
er Hochschule für Geisteswissenschaft
(Seele und Geist).
Abb. 3-III: 8. Februar 1925

Diese Lösung wurde möglich, weil Notar Altermatt, der viele Jahre für Ru-
dolf Steiner tätig war, in seinem Protokoll der a.o. Generalversammlung
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des Bauvereins am 8. Februar 1925 die unsinnige Bestimmung in § 1 der
beschlossenen neuen Statuten über die „Rechtsnachfolge“ eines zu dem
Zeitpunkt nicht existierenden Vereins AAG korrigierte in eine simple „Na-
mensänderung“, um die es sich tatsächlich gehandelt hat. Da es in der
von der Versammlung einstimmig beschlossenen Formulierung allerdings
„Rechtsnachfolge“ heißt, hat Altermatt also nicht ganz Tatsachengemäß
protokolliert.

Rudolf Steiner, der an der Versammlung krankheitshalber nicht Teilge-


nommen hatte, und den Anmeldungstext für die Eintragung ins Handels-
register von Altermatt mit dieser Modifikation vorgelegt bekam, konnte
diesen somit bedenkenlos unterschreiben.

Notar Altermatt verstarb noch im gleichen Jahr.


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Lovis Corinth – Ecce Homo 1925


Öffentliche Kunstsammlung Basel
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2. Der Tod Rudolf Steiners und seine Folgen

Durch einen treuen Diener, den Notar Altermatt, gelingt es Rudolf


Steiner einen schweren Angriff abzuwehren, und die geplante Na-
mensänderung von Bauverein in AAG kann im Handelregister ein-
getragen werden. Als Schlußstein beruft Rudolf Steiner die Bauad-
ministratoren im Namen der Hochschule.
Kaum ist er gestorben, da tritt all das in Erscheinung, was ihm sei-
ne Kräfte ausgesaugt hat. Die Mitglieder der AG wurden auf magi-
scher Weise plötzlich Mitglieder des Bauvereins unter dem neuen
Namen AAG. Die von Rudolf Steiner berufene Leitung der Bauad-
ministration wurde ausgeschaltet. Die Mitglieder des Vorstandes
stritten und bekämpften sich wie übelste Feinde. "Im Sinne Rudolf
Steiners" wird immer schwieriger zu erkennen. Die Weihnachtsge-
sellschaft versank in einen Dornröschenschlaf.

Auch wurde schlagartig sichtbar, daß eine willensstarke, an einem Strang


ziehende, allein der Anthroposophie dienen wollende anthroposophische
Gesellschaft – insbesondere in der Spitze der Leitungsebene, dem Vor-
stand von AG und AAG – nicht gegeben war.

Wie das konkret sichtbar wurde, ist glücklicherweise von Lilli Kolisko in
der Biographie von ihrem Gatten Eugen – wenn auch erst Jahrzehnte spä-
ter – publiziert worden. Da dieses über 500 Seiten starke Werk leider seit
vielen Jahren vergriffen ist, erscheint es mir sachdienlich, daraus eine
längere Passage über das Geschehen in den ersten Tagen nach dem Tod
Rudolf Steiners zu zitieren.

Der Urnenstreit
Ich komme zunächst auf ein besonders heikles Thema zu sprechen, zu
dem es glücklicherweise einen sehr objektiven Bericht aus der Feder von
Lilli Kolisko gibt. In der Biographie über Ihren Ehemann Dr. Eugen Kolisko
ist dazu folgendes zu lesen (Kolisko, S. 103):
Es wird nun fortgesetzt der Bericht über Ereignisse, die knapp vor Dr. Steiners Hin-
scheiden sich zutrugen.
Es fand in Stuttgart noch eine zweite Klassenstunde in Anwesenheit von Frau Dr.
Steiner statt. Sie teilte mir erst mit, daß sie an derselben „incognito" teilnehmen
wolle, tat dieses aber dann doch öffentlich vor allen Mitgliedern.
Am 28. März wurden Dr. Stein, Dr. v. Heydebrand und Dr. Kolisko von Frau M. Stei-
ner zu einer Unterredung eingeladen. Es sei doch eine Kalamität, wenn einem so
verdienten Mitglied wie Herrn Dr. Unger immer wieder Schwierigkeiten gemacht
werden. Dr. Unger sei doch unversorgt, er hätte seine Fabrik verkaufen müssen
und man müsse doch etwas für ihn finden innerhalb der Anthroposophischen Ge-
sellschaft, das ihn finanziell trägt. Sie bezog sich auf einen Brief, den ihr Dr. Steiner
in dieser Angelegenheit geschrieben hatte, und las ihn vor. Die Nachricht vom Ver-
kauf der Fabrik beruhte jedoch auf einem Irrtum. Die drei Persönlichkeiten erklär-
ten, daß sie nicht das Geringste gegen Dr. Unger hätten. Frau M. Steiner meinte,
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daß man schon früher gegen Dr. Unger „gehetzt" hätte und bittet, man möchte die
richtige Meinung über ihn verbreiten.
Am Sonntag, abends, fand der sogenannte „Piper-Abend" statt und darnach eine
zweite Besprechung mit Frau Kolisko. Es war dies der 29. März. Nach der Abendver-
anstaltung wurde Frau Dr. Steiner von Dr. Schickler angerufen im Auftrag von Dr.
Noll, der seinerseits von Frau Dr. Wegman beauftragt war: Herrn Dr. Steiner ginge
es wieder schlechter. Auf die Frage von Frau Dr. Steiner, ob sie sofort kommen sol -
le, sagte Dr. Schickler, der auch über die Eventualität sich schon vorher informiert
hatte:
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es sei ebenso wie am 1. Januar. Es sei kein Grund um etwas Schlimmes zu befürch-
ten. Er wolle nur das mitteilen.
Frau Dr. Steiner bleibt. Zwischen 4 und 5 Uhr morgens wird nochmals telefoniert,
sie solle kommen. Sie telefoniert Herrn Leinhas um ein „Kommenden Tag" Auto,
kann aber erst um 8 Uhr abfahren und kommt zu spät.
Die Ereignisse nach dem Tode Dr. Steiners lassen sich schwer verfolgen und doch
spielten sich die folgenschwersten Ereignisse unmittelbar darnach ab. Soweit sie
mir bekannt sind, werden sie schweren Herzens nun auch geschildert. Es sind in-
zwischen 35 Jahre verstrichen. Ich habe genügend Abstand davon gewonnen, doch
stehen sie immer noch gleich lebendig und erschütternd vor mir.

Am 3. April 1925 fand die Leichenfeierlichkeit in Basel statt. Es war bereits eine
Unstimmigkeit eingetreten, da Frau Dr. Steiner das Atelier zum Sortieren des
Nachlasses benutzen wollte, Frau Dr. Wegman aber dasselbe unberührt für die Mit-
gliedschaft erhalten möchte. Auf der Nachhausefahrt von der Kremation kam es zu
einem offenen Streit über der Urne mit Dr. Steiners Asche, vor dem Personal der
Villa Hansi. Herr Steffen bekam einen Herzkrampf. Frau Dr. Steiner wollte mit der
Urne direkt ins Haus Hansi fahren, während die übrigen Vorstandsmitglieder dach-
ten, sie würde ins Atelier gebracht werden. …

Wie konnte es geschehen, daß leitende Mitglieder der Hochschule beim


Transport der Urne mit der sterblichen Überresten des verehrten Lehrers,
des Leiters der Anthroposophischen Gesellschaft und der Michaelschule
emotional dermaßen entgleisen, in dem sie sich persönlich in die Haare
kriegen? Könnte es sein, daß Marie Steiner aus dem Streit, in den sie ver-
wickelt war, persönliche Konsequenzen ziehen wollte?

Marie Steiners Rücktrittsversuch

In Stuttgart fand die Pädagogische Tagung statt. Am 5. April vormittags übergibt


Frl. Mitscher einen Brief von Frau Dr. Steiner an Frl. Dr. Röschel und einen Dr. Ko -
lisko, während des Vortrages von Herrn Rutz. Im Briefe Dr. Röschel teilt Frau Dr.
Steiner mit, daß sie aus dem Vorstand zurücktreten will, Röschel möge an ihre Stel-
le treten.
Der Brief, den Frau Dr. Steiner an Dr. Kolisko geschrieben hatte, wurde in der
letzten Zeit öfters von Herrn Steffen erwähnt. Heute soll er als ein geschichtliches
Dokument der anthroposophischen Gesellschaft zur Kenntnis gebracht werden. Die-
ser Brief lautet (Kolisko, S. 104):
4. März 1925 13)
Sehr geehrter Herr Dr. Kolisko,
17/40

In Stuttgart fand die Pädagogische Tagung statt. Am 5. April vormittags übergibt


Frl. Mitscher einen Brief von Frau Dr. Steiner an Frl. Dr. Röschel und einen Dr. Ko-
lisko, während des Vortrages von Herrn Rutz. Im Briefe Dr. Röschel teilt Frau Dr.
Steiner mit, daß sie aus dem Vorstand zurücktreten will, Röschel möge an ihre
Stelle treten.

Der Brief, den Frau Dr. Steiner an Dr. Kolisko geschrieben hatte, wurde in der letz-
ten Zeit öfters von Herrn Steffen erwähnt. Heute soll er als ein geschichtliches Do-
kument der anthroposophischen Gesellschaft zur Kenntnis gebracht werden. Dieser
Brief lautet:

4. März 1925

Sehr geehrter Herr Dr. Kolisko,

Aus der großen Sorge heraus für das Werk Rudolf Steiners schreibe ich Ihnen die-
ses. Ich habe klar erkannt, daß unser Vorstand, so wie er jetzt ist, verwaist
ist in seiner Kindheitsstufe, ein Nichts ist. Vor allem ist mir um Albert Steffen
bang, der unser Aller Rettung wäre, wenn ihm zur Seite stünde ein Mann, der die
Lasten des ersten Vorsitzenden auf sich nähme, der ein Redner wäre, weltmän-
nisch gewandt, tatkräftig, erfahren, durch die Erziehungsschule Dr. Steiners durch-
gegangen wäre, Korrektheit und Takt besäße. Dieser Mann sind einzig Sie. Es gibt
nämlich nie zwei Männer in einem kritischen Augenblick für den verantwortungs-
vollsten Posten. Und für die feinste geistige Durchströmung gibt es jetzt nur Stef-
fen. Ihn muß man schützen vor der brutalen Außenwelt. Ich habe gehört, daß Ihr
Hiersein schon einmal erörtert worden ist und daß das Forschungsinstitut Dornach
angegliedert werden sollte). So könnte ja auch Ihre Frau bald ihre Arbeit hier ha-
ben; außerdem ist sie die einzige, die Zeugnis dafür abgelegt hat, daß sie die eso-
terischen Klassen führen kann, käme also vor Allem dafür in Betracht.

Ich schreibe Ihnen dieses zunächst privat. Ich wäre unendlich dankbar, wenn Sie
nach der Tagung hierher kämen, um dieses mit Steffen zu besprechen. Mir ist nach
sorglichstem Denken diese Nacht aufgegangen, daß hier der einzige Ausweg liegt.
Ich war heute morgen nicht in der Lage aufzustehen und konnte deshalb nicht zur
Vorstandssitzung gehen. Ich schrieb aber Herrn Steffen im obigen Sinne und bat
ihn den Andern diese meine Überzeugung mitzuteilen. An meine Stelle schlug ich
vor Frl. Dr. Röschel zu wählen: sie wird es gewiß gern annehmen, und es ist gut,
daß sie dann in beiden Gesellschaften arbeitet. – Für mich gibt es keine Möglichkeit
im Vorstand zu bleiben; es wäre nicht gut. Ich kann am besten dienen, wenn ich
jetzt zur Seite trete. Und ich habe ja die Sektion der redenden Künste. – Vielleicht
staunen sie. Nun, Stein hat einen Wahrtraum 15) gehabt. So ist es wohl schicksals-
begründet. Und wenn Sie und Röschel zusagen, wird vielleicht das Werk gerettet,
und Steffen auch. Dies ist alles in vollster Verantwortung erwogen.

Ihre ergebene M. Steiner

Es muß natürlich ein Unterschied sein, ob man diesen Brief liest unmittelbar nach
dem Hinscheiden Dr. Steiners, in seinem Herzen tragend die Ereignisse des Jahres
1923, 1924, bis hin zum 30. März 1925, oder 35 Jahre später. Vielleicht kann heu-
te niemand wirklich ermessen, was es damals bedeutete für Dr. Kolisko, der mit
seiner ganzen Seele an der Weihnachtstagung und den von Dr. Steiner getroffenen
Einrichtungen hing, nun zu lesen, daß Frau Dr. Steiner den Vorstand negierte, als
ein „Nichts" bezeichnete und umgestalten wollte. (Kolisko, S. 106 ff.)

Diese Aussage des Vorstandsmitglieds Marie Steiner ist allerdings doppel-


deutig. Sie trifft einerseits zu, in dem sie den Esoterischen-Vorstand als
ein „Nichts“ charakterisiert, andererseits ist es vor allem sie selbst, die
18/40
ihn erniedrigt. Jedoch muß dazu auch vermerkt werden, daß sie nicht al-
lein dasteht – wenn auch aus ganz anderen Gründen, wie sie selbst. Doch
das ist ein Problem, das hier nicht zu behandeln ist.

Lilli Kolisko fährt fort:

Dr. Kolisko fuhr sofort nach Dornach, da dort eine Medizinerbesprechung stattfand.
Dr. Röschel gab ihm einen verschlossenen Brief an Frau Dr. Steiner mit, ohne ihm
etwas von dessen Inhalt zu sagen. Dr. Kolisko kam erst im Klinisch-therapeuti-
schen Institut an, sagte aber, daß er noch vor der Mediziner-Besprechung zu Frau
Dr. Steiner gehen müsse, da er von ihr einen Brief erhalten habe. Auf Befragen von
Dr. Wegman, nachdem er auch annehmen durfte, daß sie von der Lage bereits un-
terrichtet war, machte er sie mit dem Inhalt des Briefes bekannt. Schließlich er-
klärte er, er werde zunächst zu Herrn Steffen gehen. Darauf folgend Unterredung
mit Herrn Steffen im Hause Stückgold. Herr Steffen war erschüttert über das Vor-
gehen von Frau Dr. Steiner. Er erklärte, daß es für die Gesellschaft eine verhäng-
nisvolle Sache bedeuten würde, wenn man den Vorstand erweitere. Dr. Wachsmuth
kommt zufällig dazu. Schließlich fragt Dr. K., ob er nicht mit Herrn Steffen zusam-
men zu Frau Dr. Steiner gehen könne.

Vorher wird Frau Dr. Wegman telefonisch ins Haus Stückgold gerufen, weil Dr. Ko-
lisko erklärt, daß er einen solchen Schritt nur unternimmt, wenn alle die Vorstands-
mitglieder, mit denen er nun bereits gesprochen hatte, davon wissen.

Unterredung zwischen Frau Dr. Steiner, Herrn Steffen, Dr. Kolisko: Die Unterre-
dung dauerte 3 bis 4 Stunden. Frau Dr. Steiner war sehr ärgerlich und sprach in
den heftigsten Ausdrücken über Frau Dr. Wegman. Sie erwähnte, daß Frau Dr. W.
malayisches Blut in ihren Adern habe. Seit dieser Handlungsweise (Urnenstreit)
habe sie kein Vertrauen mehr, daß sie die I. Kl. leiten solle. Sie will unbedingt zu-
rücktreten. Sie zeigt eine Reihe von Dokumenten, auch unter anderem einen Brief
Dr. Steiners, wo ihr gesagt wird, daß Frau Dr. Wegman zwar sehr gut sei, aber daß
er in künstlerischen Dingen doch nur ihrem Urteil vertraue. Dr. Steiner habe ge-
lechzt nach Kunst und gelitten unter den Formlosigkeiten Dr. W., und im Urteil
könne er doch nur mit ihr zusammenstimmen. Dann sprach sie über Klatsch in der
Küche von Frau Dr. W. Daraus könne man ja schließen, was sie für ein Tempera-
ment habe. Sie werde erdrückt zwischen den zwei stößigen Holländerinnen (Dr.
Vreede und Dr. Wegman). (S. 105 f.)

Hier wird nun ein weiteres schwerwiegendes Problem zutage gefördert


und zwar hinsichtlich des „esoterischen Charakters des Vorstands der AG.
In der Einführung zum Band GA 260 über die Weihnachtstagung 1923
charakterisiert Marie Steiner den Vorstand in einer besonderen Weise. Sie
schreibt:

Die tiefste Esoterik könnte darin bestehen, bisher divergierende frühere geistige
Strömungen in einigen ihrer Repräsentanten jetzt zum harmonischen Ausgleich zu
bringen. Das wäre eine esoterische Aufgabe gewesen, die im Zusammenwirken mit
Dr. Steiner durch seine überragende Einsicht, Kraft und Liebefähigkeit hätte gelöst
werden können. (GA 260, S. 19)

Die Erkenntnis des Notwendigen war gegeben, jedoch fehlte Marie Steiner
vermutlich die Kraft, danach auch zu handeln. So dürfte es zu der morali-
schen Entgleisung in diesen gewiß vor allem für Marie Steiner äußerst
schwierigen Stunden gekommen sein.

Lilli Kolisko fährt fort:


19/40
Dr. Kolisko Bittet sie, vor allen Dingen nicht zurückzutreten, weil das im gegenwär-
tigen Augenblick in der Gesellschaft die größten Schwierigkeiten hervorrufen wür-
de. Auch die Beauftragung von ihm selbst sei etwas, das unmöglich sei. Er werde
nichts sagen. „Ohne den Vorstand zu fragen, haben Sie diesen Brief an mich ge-
richtet. Aber es braucht ja daraus nichts zu erfolgen, denn ich würde darüber
nichts sagen, wenn Sie selbst nichts sagen" ... Dann kam die Frage, ob sie mit Frau
Dr. W. nicht wieder zusammenarbeiten könne. Ob für den Fall, daß Frau Dr. Weg-
man zu ihr käme und mit ihr eine Aussprache hätte, ob sie darauf einginge? Frau
Dr. Steiner erklärt sich dazu bereit. Herr Steffen und Dr. Kolisko gehen weg. Dr.
Kolisko begleitet Herrn Steffen nach Hause und geht zu Dr. Wegman. Dort war
noch Dr. Wachsmuth. Am nächsten Tage hatte Frau Dr. W. einen Entschuldigungs-
brief an Frau Dr. Steiner geschrieben und Herr Steffen überbrachte ihr denselben.
Die Sache schien erledigt.

Auch Dr. Röschel hatte abgelehnt. (s. 106)

Zur Lesung der Klassenstunden

Der Konflikt zwischen Marie Steiner und Ita Wegmann

Ebenfalls am 4. April erhielt Frau Kolisko den Besuch eines älteren auswärtigen Mit-
gliedes – Frau Gelmuiden –, die bittet, ob sie die Kl.-Stunden von Frau Kolisko le-
sen dürfe, welches Ansuchen abgelehnt wird. Sie fragt: wer die Esoterik weiterfüh-
ren würde. Dr. Steiner habe keinen Nachfolger ernannt. Frau Dr. Steiner habe
schon ganz bestimmte Pläne, über die sie auch mit Frau Kolisko sprechen werde.
Frau Gelmuiden könne jetzt nichts Genaueres sagen. „Nun, Sie werden es ja selbst
hören. …"

Nun fuhr ich auch nach Dornach und wurde sofort von Frau Dr. Steiner in der Villa
Hansi empfangen. Sie sagte mir als Erstes: „Sie haben wohl gehört, daß Sie beauf-
tragt werden sollen, hier in Dornach die Klassenstunden zu halten." Ich war dar-
über sehr bestürzt und sagte, das könne ich doch nicht tun. In Dornach sollte das
doch wohl von einem Vorstandsmitglied geschehen. Ob sie es nicht selbst tun wol-
le. Frau Dr. Steiner lehnte es ab. Den Vorstandsmitgliedern würde das Wort in der
Kehle stecken bleiben. Sie hätten so oft hier Dr. Steiner diese Worte sprechen hö-
ren. Nun, erwiderte ich, dasselbe gelte ja auch für mich. Darauf entgegnete Frau
Dr. Steiner, daß sie doch zwei Kl.-St. von mir selbst mitgemacht hätte, die seien
gut gewesen. Es käme nur ich in Betracht dafür und ich würde wohl noch darüber
hören. (s. 106)

Dann kommt ein weiteres heikles Thema zur Sprache:

Zweite Unterredung mit Frau Dr. Steiner: Sie fand ebenfalls in der Villa Hansi statt.
Frau Dr. Steiner teilte mir ihre Unterredung mit Frau Dr. Wegman mit und frug,
wieso es möglich gewesen sei, daß ich die Klassenstunden mitgeschrieben habe.
Sie selbst hätte Dr. Steiner gefragt, ob sie die Stunden nachschreiben las-
sen dürfe. Daraufhin sei er so böse geworden, wie sie ihn noch nie gese-
hen habe und habe erzürnt gesagt: Diese Stunden existieren nicht! Die
sind überhaupt nicht da! Sie habe sie aber trotzdem hinter dem Vorhang
nachschreiben lassen. … (S. 106)

Wie sieht das die Rudolf Steiner Nachlaßverwaltung? Schauen wir nach in
GA 270 I: Esoterische Unterweisungen für die erste Klasse der Freien
Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum 1924“:

Über das Nachschreiben der Dornacher Vorträge hat Helene Finckh folgendes geäu-
20/40
ßert: «Ich habe Herrn Dr. Steiner selbst gefragt, ob ich nachstenographieren dürfe!
Ich hätte mir das doch sonst nicht erlaubt. Ich mußte damals noch ziemlich lange
warten an der Türe hinter dem Vorhang, weil noch so viele Menschen gekommen
waren, mit denen Herr Doktor sprach. Ich frug ihn, und er sagte nach kurzem Be-
sinnen: Ja. Der Tisch stand ja direkt vor Herrn Doktor, seitlich vor dem Pult; und
einmal in England, als eine wiederholte Klassenstunde gegeben wurde, sagte Dr.
Wachsmuth, daß man fragen solle, ob die mitgeschrieben werden soll. Er hat dann
gefragt, und Herr Doktor hat ihm abschlägig geantwortet. Da wäre ja eine Gele-
genheit gewesen, auf das Mitschreiben überhaupt zu sprechen zu kommen, wenn
das in Dornach in Betracht gekommen wäre.» (Niederschrift von Helene Finckh im
Archiv der Rudolf Steiner-Nachlaß Verwaltung, GA 270-I, S. 15)

Und wie sieht es Rudolf Steiner selbst? Er bestätigt weder die Aussage
Marie Steiners gegenüber Lilli Kolisko, noch die von Hella Wiesberger wie-
dergegebene Aussage der Stenographin Helene Finckh, sondern spricht
mahnend (u.a. in der 7. Wiederholungsstunde am 20. September 1924):

Dasjenige, was an mantrischen Sprüchen hier auf die Tafel geschrieben wird, kann
nur von denjenigen besessen werden im strengsten Sinne des Wortes, welche
hier das Recht haben, in der Schule zu sitzen. Und ist ein Mitglied der Schule einmal
verhindert, an den Stunden teilzunehmen, wo mantrische Sprüche gegeben werden,
so kann ein anderes Mitglied, das diese Sprüche hier in der Schule bekommen hat,
diese Sprüche allerdings mitteilen; aber es muß für jeden einzelnen Fall, das heißt
für jede einzelne Persönlichkeit, an die die Sprüche abgegeben werden sollen, erst
um die Erlaubnis dazu gefragt werden, entweder bei Frau Dr. Wegman oder bei mir
selbst. Wenn einmal für eine Persönlichkeit die Erlaubnis gegeben worden ist, so
bleibt die dann fortbestehen. Aber für jede einzelne Persönlichkeit muß wiederum
im besonderen bei Frau Dr. Wegman oder mir gefragt werden. Das ist nicht eine
Verwaltungsmaßregel, das ist etwas, was im strengsten Sinne durch die Regeln des
Okkulten gefordert wird. Denn die Tatsache muß dastehen, daß jeder Akt der Schu-
le verbunden bleibt mit der Leitung der Schule; und das beginnt damit, daß man
um Erlaubnis frägt, wenn so etwas geschehen soll, was zu den Taten der Schule ge-
hört. Nicht derjenige kann fragen, der die Mantren empfängt, sondern allein derje-
nige, der sie gibt, unter den Modalitäten, die ich eben bezeichnet habe. Schreibt
sich jemand etwas auf hier während der Stunde, was nicht die mantrischen Sprüche
sind, sondern was gesagt wird, so hat er die Verpflichtung, das nur acht Tage
zu haben und dann es zu verbrennen.

Alle diese Dinge sind nicht willkürliche Maßregeln, sondern hängen mit der okkulten
Tatsache zusammen, daß die Dinge der Esoterik nur wirksam sind, wenn sie von der
Gesinnung umfaßt werden, die die rechtmäßig in der Schule sitzenden Mitglieder
haben. Sie verlieren ihre Wirksamkeit, die Mantrams, wenn sie in unrechte Hände
kommen. Und das ist eine so fest in die Weltenordnung eingetragene Regel, daß
einmal das Folgende vorgekommen ist und eine ganze Reihe von Mantrams unwirk-
sam geworden sind, die innerhalb dieser anthroposophischen Bewegung flossen.
Von mir konnte übergeben werden an eine Reihe von Leuten dasjenige, was mantri-
sche Sprüche sind. Ich übergab es auch einer gewissen Persönlichkeit. Die hatte
einen Freund. Der Freund war etwas hellsehend. Und es kam dazu, daß, als die bei-
den Freunde in einem Zimmer schliefen, der hellsehende Freund, während der an-
dere nur denkend das Mantram wiederholte, es abschaute und dann Unfug damit
trieb, indem er es als Mantram von sich aus an Leute gab. Man mußte erst nachge-
hen der Tatsache, die sich herausstellte, warum die betreffenden Mantrams unwirk-
sam wurden bei all denjenigen, die sie hatten.

Also Sie dürfen sich nicht, meine lieben Schwestern und Brüder, bei diesen Dingen
leichten Gedanken hingeben, denn die Regeln des Esoterischen sind strenge; und
niemand sollte eigentlich, wenn er einen dahingehenden Fehler gemacht hat, das
entschuldigen mit dem, daß er nichts dafür kann. Wenn jemand in seinem Kopfe
das Mantram in Gedanken ablaufen läßt und ein anderer hellsehend das schaut,
21/40
dann kann derjenige, dem das Mantram abgelaufen ist, ganz gewiß nichts dafür.
Aber die Tatsachen vollziehen sich doch mit eiserner Notwendigkeit. (GA 270c, S.
145 f.)

„Sie verlieren ihre Wirksamkeit, die Mantren, wenn sie in unrechte Hände
kommen“! Und das sei – so Rudolf Steiner – eine so fest in die Welten-
ordnung eingetragene Regel, daß die Mantren auch dann unwirksam
werden, wenn z.B. eine außenstehende hellsehende Person die Meditation
eines Klassenmitglieds „mithört“ und dann weiterträgt. Daraus folgt als
logische Konsequenz, daß das Mitschreiben und Weitergeben der Inhalte
der Klassenstunden den Mantren ihre Wirksamkeit raubt. Da inzwischen
diese von Frau Finckh mitgeschriebenen Klassenstunden sogar in Buch-
form uneingeschränkt käuflich erworben werden können, tritt ein, was
Marie Steiner gegenüber Lilli Kolisko unmittelbar nach dem Tode Rudolf
Steiners als dessen Auffassung äußerte: „Diese Stunden existieren
nicht! Die sind überhaupt nicht da!“ Was aber bedeutet es dann,
wenn Lilli Kolisko hinzufügt „Sie habe sie aber trotzdem hinter dem Vor-
hang nachschreiben lassen“?

Lilli Kolisko war, wie sie selbst berichtet, sehr eng mit dieser Hochschule
verbunden, durfte sogar die Inhalte in Stuttgart an die Lehrerschaft der
Waldorfschule weitergeben. Wie konnte es sein, daß diese klar denkende
Naturwissenschaftlerin die scharfen Mahnungen ihres Lehrers nicht wört-
lich auffaßt? Oder tat sie es doch? …

Der Kampf gegen Rudolf Steiner innerhalb des Vereins AAG

Und dann bringt sie noch ein weiteres schwerwiegendes Problem zur
Sprache, wenn Sie schreibt

Damals hofften wir noch, daß sich die Verhältnisse wieder in Ordnung bringen las-
sen würden. Wir schwiegen und atmeten erleichtert auf, als am 3. Mai im Mittei-
lungsblatt Nr. 18, 2. Jahrgang 1925, der Vorstand in Dornach ein Schreiben an die
Mitglieder richtete {in dem es einleitend heißt}: „Die Leitung der Anthroposophi-
schen Gesellschaft wird in dem gleichen Sinne weitergeführt, wie Rudolf Steiner es
in der Weihnachtstagung angegeben hat."

So weit so gut, doch wenn man die Leitung der AG „in dem gleichen Sinn“
weiterführen möchte, „wie es Rudolf Steiner angegeben hat“, dann setzt
das voraus, daß man auch durch und durch versteht, was das bedeutet
und zwar nicht nur mit dem Verstand, sondern vor allem mit dem Herzen.

Doch wenn es dann weiter heißt:

„Da die Fertigregelung der mit dieser Tagung verbundenen Neugruppierung der In-
stitutionen noch kurze Zeit vor seinem Tode möglich gewesen ist“

und dabei auf das Nachrichtenblatt vom 22. März 1925 mit der „Mitteilung
des Vorstands“ hinweisend, dann signalisiert Lilli Kolisko damit leider, daß
auch sie die Bedeutung dieser listig formulierten, aber durch und durch ir-
22/40
reführende „Mitteilung des Vorstands“ bis zur Veröffentlichung ihrer
Schrift 35 nach Jahren nicht wirklich verstanden haben kann.

In Wahrheit beginnt mit der Veröffentlichung dieser Vorstandsmitteilung


zum einen der Kampf gegen die von Rudolf Steiner sanktionierten Rege-
lung vom 8. Februar 1925 (s. Abb. 4-III weiter unten) in der Form, wie er
sie zur Eintragung ins Handelsregister unterzeichnet hat und durch ihre
Eintragung und Veröffentlichung im Handelsamtsblatt rechtsverbindlich
wurde. Zum anderen hält mit dieser Mitteilung die unkontrollierte Un-
wahrhaftigkeit Einzug in den Verein AAG – die bis heute wie ein Fluch
über dem Verein AAG schwebt – in dem wenige Tage vor dem Tod Rudolf
Steiners im Nachrichtenblatt der AG durch die „Mitteilung des Vorstands“
und unterzeichnet mit „Der Vorstand der Allgemeinen Anthroposophi-
schen Gesellschaft“ der Eindruck erweckt wird, als habe nicht der Bauver-
ein, sondern die Anthroposophische Gesellschaft am 8. Februar 1925 ge-
tagt, den Bauverein eingegliedert und sich als dessen Rechtsnachfolger
als Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft ins Handelsregister eintra-
gen lassen.

Die Leser dieser Vorstandsmitteilung vom 22. März 1924 konnten damals
nicht wissen, daß darin keinesfalls der Wille und die Auffassung Rudolf
Steiners Ausdruck fand, sondern dessen darin zitierten Ausführungen vom
29. Juni 1924 in gezielter Weise manipuliert worden waren.

Die Manipulation besteht in erster Linie darin, jeden Hinweis auf die Tatsache,
daß es sich bei der Versammlung um eine solche des Vereins des Goetheanum
gehandelt hat, durchgehend entfernt zu haben. Insbesondere fällt auf, daß der
Name Emil Grosheintz ausnahmslos eliminiert wurde. Weiterhin wird die in der
Ansprache Rudolf Steiners benannte dritte Unterabteilung des Verein des Goe-
theanum ersetzt durch den „zu errichtenden Bau selber“, was natürlich ein
peinlicher Unsinn ist, denn der Bau ist nun einmal keine Person – weder eine
natürliche, noch eine juristische – und kann somit nicht Unterabteilung eines
Vereins sein. Auch wird auf die zahlreichen Streichungen im zitierten Text Ru-
dolf Steiners nicht – wie in seriösen Publikationen üblich – in korrekter Weise
hingewiesen.

Da der Originaltext der Ansprache Rudolf Steiners vom 29. Juni 1924, aus der
zitiert wird, zu diesem Zeitpunkt den Mitgliedern nicht allgemein zugänglich war
– sie wurde ja erst Jahrzehnte später veröffentlicht –, war die Manipulation nur
von einigen wenigen Mitgliedern außerhalb des Kreises der Teilnehmer an der
Generalversammlung vom 8. Februar 1925 zu erkennbar, doch bemerkt wurde
sie offensichtlich von niemandem.

Als dann im Jahre 1966 in dem Band GA 260a der Gesamtausgabe die beiden
Texte (die Ansprache vom 29. Juni 1924 und die Mitteilung des Vorstands vom
22. März 1925) allgemein zugänglich wurden, da gab es in dieser ansonsten so
verdienstvollen Sammlung von Texten zur Gesellschaftsgeschichte keinerlei
Hinweise auf diese Diskrepanzen. Möglicherweise waren sie dem Herausgeber
gar nicht aufgefallen. Es war der inzwischen verstorbene Architekt Wilfried Boos
aus Basel, der mich auf diese Merkwürdigkeiten hinwies, die mir allerdings erst
23/40
durch eine synoptische Gegenüberstellung beider Texte in vollem Umfang be-
wußt wurden.

Im Anhang meiner im Jahre 2000 erschienenen kleinen Schrift „Die Formfrage


der Anthroposophischen Gesellschaft und die Innere Opposition gegen Rudolf
Steiner“ (siehe die Literaturhinweise am Schluß) ist diese Textanalyse enthal-
ten.

Das besonders Infame an dieser Vorstandsmitteilung ist der Zeitpunkt der Ver-
öffentlichung 8 Tage vor Rudolf Steiners Tod in Verbindung mit dem Wortlaut
der Unterzeichnung „Der Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesell-
schaft“, zu deren Vorsitzendem Rudolf Steiner am 8. Februar gewählt worden
war. Er wurde dadurch für den Inhalt verantwortlich gemacht, ohne sich dage-
gen noch wehren zu können.

Im nächsten Schritt wurde Ende November 1925 zur ersten Generalversamm-


lung des Vereins AAG und die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft
zu einer Vorversammlung am 29. Dezember eingeladen. Damit wurde doku-
mentiert, daß die Anthroposophische Gesellschaft zu diesem Zeitpunkt noch
real existierte.

In der Versammlung selbst war dann allerdings bei den Teilnehmern auf magi-
sche Weise der Unterschied zwischen der Vorversammlung für die Mitglieder
der AG und der Generalversammlung für die nach dem Tod Rudolf Steiners 14
stimmberechtigten Ordentlichen Mitglieder des Bauvereins – jetzt mit Namen
Verein Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft (Verein AAG) – im Bewußt-
sein der Anwesenden ausgelöscht.

Alle Teilnehmer an der Versammlung – also sowohl die Außerordentlichen


Mitglieder des Bauvereins, als auch die Mitglieder der AG – wurden damit
rechtswidrig zu stimmberechtigten Mitgliedern des Vereins AAG!

Die Magie dieser Attacke kommt dadurch zum Ausdruck, daß offensichtlich nie-
mand bis in die 1960er Jahre hinein diesen Coup monierte. Die gesamte Mit-
gliederschaft des Vereins AAG hat die Attacke gegen diesen „letzten Versuch“
Rudolf Steiners – mit Ausnahme der Akteure, versteht sich – offensichtlich ver-
schlafen!

Damit ergibt sich folgendes Bild (Abb. 3-IV):


24/40

AAG Istzustand
(seit dem 29. Dezember 1925)

Klinik (I. Wegman) Wegman-Klinikunternehmen

Verlag (M-Steiner) RSt-Nachlassverwaltung

Bauverein (1913) Verein AAG

TG AG (1912) AG (1923) verduftete AG


(ab 29.12.1925)

Feb 1925

Tod RSt Dez.1925

Abb. 3-4: Der AAG-Istzustand (seit dem 29. Dezember 1925

Entgegen den klar und eindeutig ausgedrückten – und bis zu seinem Tode
auch unwidersprochen gebliebenen – Regelungen Rudolf Steiners, wurde
dadurch unmittelbar nach seinem Tod dieses Gründungskonzept für die
Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft in folgender Weise auf den
Kopf gestellt:

1. Am 29. Dezember 1925 wurden die Mitglieder der AG, ohne Erläute-
rung seitens der Versammlungsleitung, in den Verein AAG hineinge-
nommen und damit den für die Zwecke des Bauvereins formulierten
Statuten unterworfen. Die AG tritt ab diesem Zeitpunkt als eigenstän-
diger autonomer Verein nicht mehr ihn Erscheinung;
2. wird die von Rudolf Steiner in die Administration des Goetheanumbau-
es Berufenen 7 Schweizer Persönlichkeiten an der Übernahme ihrer
Ämter durch den AAG-Vorstand gehindert;
3. wird die Stimmrechtsbegrenzung auf die Ordentlichen Mitglieder des
bisherigen Bauvereins widerrechtlich aufgehoben und damit erhalten
die Beitragenden Mitglieder des Bauvereins – neben den Mitgliedern
der AG – ebenfalls volles Stimmrecht.

Das wohl Schwerwiegendste daran ist der Tatbestand, daß bis heute fast
niemand in der gesamten Mitgliederschaft in AG und Bauverein – obwohl
inzwischen auf die Manipulation von verschiedener Seite deutlich auf-
merksam gemacht worden ist – das Geschehene zu begreifen scheint und
inzwischen sogar nicht wichtig findet und daher protestierte auch nie-
mand gegen die eminenten Statutenverletzungen in beiden Vereinen. So
kommt es an diesem denkwürdigen 29. Dezember 1925 sowohl, zur Zer-
störung der „modernsten Gesellschaft die es geben kann“, als auch – und
das hat gewiß gleichen Stellenwert – zur Behinderung der sachgemäßen
25/40
Errichtung und Verwaltung des zweiten Goetheanums nach den Vorstel-
lungen und Entwürfen Rudolf Steiners aufgrund der Verhinderung der
Übernahme ihrer Ämter durch die berufenen Administratoren des Goe-
theanumbaues. Wer die Geschichte des zweiten Goetheanums kennt, wird
diese Beurteilung bestätigt finden.

Ab den 1960er Jahren kann zwar ein allmählich erwachendes Bewußtwer-


den für diese Problematik unter den Anthroposophiefreunden beobachtet
werden. Doch das ganze Ausmaß der Attacke vom 29. Dezember 1925
wird meines Wissens nach 88 Jahren hier und jetzt zum ersten Mal in gro-
ben Zügen öffentlich dargestellt.
26/40

3. Die weltgeschichtliche Bedeutung des Projekts

Anthroposophie ist ein Weckruf des Weltengeistes. Wie lösen wir


uns aus den Dornröschenschlaf und heben das uns überlassene
Erbe Rudolf Steiners: Die modernste Gesellschaft, die es geben
kann?

Im Vortrag zur Einweihung des Zweiges Heidenheim der deutschen Lan-


desgesellschaft am 30. November 1911 sprach Rudolf Steiner eine sehr
ernste Warnung aus:

Alles hat im Leben eine Wirkung. Gibt sich der Mensch einem Irrtum oder
einer Lüge hin, selbst wenn er sich dessen nicht in seinem gewöhnlichen
Bewußtsein bewußt ist, so ist es doch im Unterbewußtsein vorhanden, wo
es nicht nur für den einzelnen Menschen, sondern für die ganze Weltentwi-
ckelung als zerstörende Kraft wirkt. Ebenso wenn der Mensch sich mit den
Kräften der Wahrheit verbindet, wirkt das als lebenschaffende Kraft weiter
für die ganze Welt- und Menschheitsentwickelung.
Es gibt in unseren sieben Kulturepochen drei Punkte, die entscheidend für die Fort-
entwickelung der Menschheit sind, das sind:
Der erste Ruf, der an diese Menschheit erscholl mit Donnerstimme herab vom Ber-
ge Sinai, als die Gebote Jehovas!
Der zweite Ruf in der Wüste durch den Täufer Johannes, als der Täufer zu denen
sprach, die ihn hören wollten: «Ändert den Sinn, denn das Reich der Himmel ist
nahe herbeigekommen»!
Der dritte Ruf, meine lieben Freunde, ist der, welcher aus den geistigen
Welten als Neuoffenbarung durch die Geisteswissenschaft oder Theoso-
phie verkündet wird!

Diese geisteswissenschaftliche „Neuoffenbarung“ haben wir durch Rudolf


Steiner erleben dürfen. Doch wie sind wir mit der für uns Nachgeborene
damit verbundenen Verpflichtung umgegangen? Die Bilanz sieht, wie ich
es aufgezeigt habe, bedrückend aus, doch sollte das für uns kein Anlaß
zur Resignation sein. Wir müssen uns nur endlich dazu bereit finden, den
Fakten ins Gesicht zu schauen, und schnellstens wieder an die Situation
anknüpfen, die Rudolf Steiner uns noch vorbereiten konnte und die sich
folgendermaßen zusammenfassen läßt:
In der Weihnachtstagung 1923 beginnt Rudolf Steiner mit Bau der „mod-
ernsten Gesellschaft, die es geben kann“ mit folgenden Schritten:

1. Neubegründung der Anthroposophischen Gesellschaft.


2. Einrichtung der „Freien Hochschule für Geisteswissenschaft als mo-
derne Mysterienstätte, geleitet von ihm selbst und unabhängig von
dieser Gesellschaft.
3. In der a.o. Generalversammlung des Vereins des Goetheanum, der
freien Hochschule für Geisteswissenschaft (Bauverein) am 29. Juni
1924 wird versucht, die neubegründete Anthroposophische Gesell-
schaft gemeinsam mit dem Bauverein, dem Philosophisch-Anthroposo-
27/40
phischen Verlag und dem Klinisch-Therapeutischen Institut als „reale
Ströme“ in einem zu begründenden Verein mit Namen Allgemeine An-
throposophische Gesellschaft zusammenzuführen. Da dieses Projekt
sich in der geplanten Weise offensichtlich nicht als durchführbar er-
weist, wird
4. In einer weiteren a.o. Generalversammlung des Bauvereins am 8.
Februar 1925 dieser unter dem Namen Allgemeine Anthroposophische
Gesellschaft (Verein AAG) durch vier Unterabteilungen erweitert, von
denen eine unter dem Namen Administration des Goetheanumbaues –
geleitet von dem bisherigen Vorsitzenden Emil Grosheintz – seine bis-
herigen Aufgaben weiterführen soll.

Die Anthroposophische Gesellschaft wird von dieser Umgestaltung des


Bauvereins nur indirekt berührt, in dem eine der Unterabteilungen dieses
Vereins AAG als Administration der Anthroposophischen Gesellschaft ein-
gerichtet werden soll und der AG-Vorstand in Personalunion nun auch
Vorstand des Vereins AAG geworden ist.

In Abb. 4-III ist der Organismus Allgemeine Anthroposophische Gesell-


schaft als „modernsten Gesellschaft, die es geben kann“ schematisch dar-
gestellt.

Abb. 4-III: 8- Februar 1925

Dieser Organismus mit seiner Zwillingsstruktur – (Ideal-) Gesell-


schaft und handelsregisterlich eingetragener Verein – existierte
bis zum Tode Rudolf Steiners unangefochten!
28/40

Doch mit seinem Tod ist, wie die Geschichte uns zeigt, nach dem Goe-
theanumbau auch das Schicksal dieser Schöpfungstat Rudolf Steiners be-
siegelt. Allerdings im Gegensatz zum Bau, der durch äußere Gegnerschaft
in Brand gesetzt wurde, waren es die Mitglieder Gesellschaft selbst, die
diesen Gesellschaftsorganismus nach dem Tode seines Schöpfers noch im
gleichen Jahr seinem Schicksal gedankenlos überließen, da ihnen nicht
auffiel, daß sie klamm und heimlich von der Anthroposophischen Gesell-
schaft in den Verein AAG überführt worden waren. Bis heute haben die
Vereinsmitglieder offensichtlich nicht begriffen, daß damit noch
im Todesjahr Rudolf Steiners, am 29. Dezember 1925 die AG der
Weihnachtstagung mit der Hochschule zum „Verduften“ gebracht
wurde (siehe Abb. 4-IV).

Abb. 4-IV: 29. Dezember 1925

Ungeklärt ist bis heute auch, warum die Entwicklung diese Kehrtwende
vorgenommen hat. Es läßt sich zwar deutlich erkennen wer die Hauptver-
antwortung für diese Zerstörungstat trägt, doch unerforscht sind die Tat-
motive der Handelnden. Diese zu erforschen, sollte eine vordringliche
Aufgabe sein.
Allerdings sollte an erster Stelle alles Handelns die sofortige Auf-
hebung sämtlicher durch den Vorstand des Vereins AAG gemäß §
5, Abs. 2 der AAG-Vereinsstatuten seit dem Tod Rudolf Steiners
29/40
vorgenommenen Ausschlüsse und die Rehabilitierung der Betrof-
fenen stehen, denn ohne diese Maßnahme kann die Gemeinschaft
der Schüler Rudolf Steiners nicht gesunden.
Dieses durchzuführen, sollte zugleich die letzte Handlung des amtieren-
den Vorstands des Vereins AAG sein, die dann von großer moralischer Be-
deutung wäre und den Neuanfang wesendlich erleichtern dürfte. Die wei-
tere Gestaltung dieses Neuanfangs wäre dann Aufgabe der Landesgesell-
schaften, denn in den 88 Jahren seit dem Tode Rudolf Steiners hat kein
einziges Vorstandsteam sich fähig gezeigt, diesen Verein AAG im Sinne
ihres Lehrer zu führen.
30/40

4. Resumé

Der Betonklotz zweites Goetheanum lagert wie ein Grab- und zu-
gleich Mahnmal über einer jahrhundertlangen Lähmung der tätig-
sein-wollenden Mitglieder. Gemeinsam, in der Verantwortung,
können wir einen neuen Weg antreten, darauf vertrauend, daß
uns Rudolf Steiner seine Unterstützung nicht versagen wird!

Mit dessen Tod verduftete auch die Anthroposophische Gesellschaft. Übrig


blieb ein Gemischter König mit Namen Verein Allgemeine Anthroposophi-
sche Gesellschaft (Verein AAG), der in der ersten Generalversammlung
nach seiner Entstehung am 29. Dezember 1925 aufgrund von bis heute
im Dunkel schwebenden Manipulationen zu diesem wurde. Das war vor
88 Jahren. Nach jahrzehntelangen Untersuchungen einiger weniger An-
throposophiefreunde und dem Betreten mancher Irrwege, hat es den An-
schein, daß es gelungen ist, weitgehend Transparenz in die Geschichte
der in der Weihnachtstagung 1923 unter Leitung Rudolf Steiners neube-
gründeten Anthroposophischen Gesellschaft hineinzubringen, die es er-
möglicht, den Gemischten König endlich aufzulösen und – anknüpfend an
die von Rudolf Steiner vorbereitete Form, wie er sie zur Eintragung ins
Handelsregister 1925 angemeldet hat, und wie sie rechtsverbindlich am
3. März 1925 eingetragen worden ist – einem Neuanfang den Weg zu be-
reiten.

Dies kann allerdings, das lehrt die Erfahrung, nur in Gemeinschaft von
Menschen geschehen, die bereit sind, gemeinsam diesen vermutlich recht
engen und sehr steinigen Pfad zu beschreiten.

Daß so etwas möglich ist, hat uns Bruno Martin vorgeführt, als er in den
1990er Jahren im „hof“ in Frankfurt-Niederursel unter Hinzuziehung der
Redaktion der deutschen „Mitteilungen“ Treffen der „offenen Arbeitsgrup-
pe zur Konstitutionsfrage“ organisierte, in denen die an den Konstituti-
onsfragen der Weihnachtstagungsgesellschaft interessierten Anthroposo-
phiefreunde unbehindert zu Wort kommen konnten. Diese wenigen Jahre
sind ein Lichtblick in der 88jährigen Geschichte nach dem Tode Rudolf
Steiners gewesen. Die Initiative Bruno Martins wurde ihm nicht gelohnt.
Er hat dem Verein AAG längst den Rücken gekehrt.

Begleitet wurden diese Arbeitstreffen von einer speziellen „Korrespon-


denz zur Konstitutionsfrage“, die ebenfalls von Bruno Martin initiiert und
betreut wurde, in der wiederum jeder zu Wort kommen konnte, der zu
dieser Konstitutionsthematik glaubte, etwas beitragen zu können. Es er-
schienen insgesamt 4 Ausgaben, jeweils über 100 Seiten stark im DIN
A4-Format und kleiner Schriftgröße – viel interessanten Lesestoff zur
Konstitutionsfrage bietend.
31/40

Diese Initiative Bruno Martins könnte gut als Modell dienen für ein solches
sich dieses Mal allerdings weltweit zu bildendendes Bündel „offener Ar-
beitsgruppen“ zur Vorbereitung einer letzten Generalversammlung des
real existierenden Vereins AAG zugunsten einer gesunden anthroposophi-
schen Bewegung.

Allerdings ist diese Aufgabe der Zukunftsgestaltung der anthroposophi-


schen Bewegung nach den 88 verloren Jahren weit komplexer und an-
spruchsvoller, als die Aufarbeitung der anthroposophisch orientierten Ver-
gangenheit.
32/40

5. Anhang

Lilli Kolisko
Die innere Opposition gegen Dr. Steiner
(Entnommen der Schrift Lilli Koliskos „Eugen Kolisko – ein Lebensbild, S. 460 ff.)
:

Dr. Steiner hatte oft darüber geklagt, daß man gegen ihn eine innere Opposition treibe. Man findet
das in den Sitzungen des 30er Kreises; man findet es in zahlreichen Vorträgen erwähnt — es wurde
dies öfters in diesem Buche dargestellt — vor der Weihnachtstagung und nach der Weihnachtstagung.
Wann sind denn in dem Dornacher Vorstand die Schwierigkeiten aufgetreten? Sind sie tatsächlich
zum ersten Male aufgetreten bei dem sogenannten Urnenstreit, unmittelbar nach der Kremationsfeier?
Es wird öfter auf diesen Zeitpunkt hingewiesen.
In Dr. Vreedes Schrift: „Zur Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft seit der Weihnachts-
tagung 1923" lesen wir auf Seite 4:
„Wahr ist leider vielmehr, daß in diesem Vorstand von dem ersten Augenblick an Gegensätze be-
standen, die dann zu der unheilvollen Entwickelung führten, die die Dinge eben genommen haben.
Durch diese später immer mehr hervortretenden Gegensätze war die kurze Zeit von Dr. Steiners Wir-
ken im Vorstand, trotz der herrlichen Vorträge usw., im Grunde eine schmerzliche und traurige."
Es haben diese Gegensätzlichkeiten im Vorstande bereits vor Dr. Steiners Hinscheiden bestanden.
Hat es sich vielleicht auch hier um eine innere Opposition gegen
Seite 461
Dr. Steiners Absichten gehandelt? Ich erinnere mich, daß ein in Dornach tätiges, prominentes Mitglied
erzählte, daß einige Zeit nach der Weihnachtstagung Dr. Steiner auf ihn zutrat und sagte: „Herr Dok-
tor, wissen Sie, daß man in meiner allernächsten Umgebung Opposition gegen mich macht?" Wer war
es denn, der in Dr. Steiners allernächsten Umgebung Opposition gegen ihn machte. ...? Und ich erin-
nere daran, daß Dr. Stein bei einer Generalversammlung von Frau Fels angeklagt wurde, daß er ge -
sagt habe: Dr. Steiner gäbe nichts auf Frau Dr. Steiners Ansichten.
Dr. Stein schrieb darüber in sein Tagebuch am 12. Februar 1926: „Was Frau Fels sagte, war nicht
wahr. Ich hatte gesagt: Das bewundere ich an Frau Dr. Steiner, daß sie der einzige Mensch war, der
Dr. Steiner gegenüber sein Urteil aufrecht erhielt. Das sah man in den Konferenzen. Da redete er —
sie redete zugleich, brachte ihr Urteil vor. Er redete weiter, ohne zu beachten, daß sie weiter sprach.
Er gab nichts, auf das was sie vorbrachte. Er redete weiter."
Frau Fels referierte: „Dr. Stein sagt, Dr. Steiner gab nichts auf das, was Frau Dr. Steiner sagte."
Die Tatsache war eben die, daß Frau Dr. Steiner öfter eine andere Meinung hatte als Dr. Steiner
und auf ihrer Meinung bestand. Sollte das die in Dr. Steiners „allernächsten Umgebung vorhandene
Opposition" gewesen sein? Ich trage das als eine Frage in mir. Vielleicht kann jemand darauf Antwort
geben.
Frau Fels hatte auf der Generalversammlung 1926 nur den letzten Teil der Rede von Walter Johan-
nes Stein zitiert. Hätte sie ganz zitiert, wäre ein anderer Sinn herausgekommen und hätte sie gar nur
den Anfang zitiert, dann hätte sie sagen können: Dr. Stein hat gesagt „er bewundere Frau Dr. Steiner
wirklich..." Das kommt davon, wenn man, wie es so oft von den Mitgliedern, die die „richtige Methode"
hatten, den „anderen" vorgeworfen wurde: „Man sagt nicht alles, man verheimlicht, man unterschlägt
und daher ist es nicht wahr, was gesagt wird." (Herr Steffen hat dieses Argument oft angewendet.)
Diese Anklagen sind gleich einem Bumerang, der auf den Ankläger zurückfliegt.
Es kommt viel darauf an, den ganzen Satz zu hören. Das wollte Herr Steffen auch nicht immer. Ich
erinnere mich einer Situation in einer Generalversammlung, bei der Herr Steffen an Dr. Kolisko die
Frage richtete: „Herr Dr. Kolisko, haben Sie das gesagt?" Dr. Kolisko antwortete: „Ja, aber..." Herr
Steffen unterbricht: „Ich habe Sie nur gefragt: Haben Sie das gesagt oder nicht?" Wieder beginnt Dr.
Kolisko: „Ja, aber..." Wieder unterbricht ihn Herr Steffen: „Das ‚aber' interessiert mich nicht. Haben Sie
das gesagt? Ja oder nein?" ... Das war die Methode, wie die Generalversammlungen geführt wurden.
Man schnitt den Rednern das Wort ab, ließ sie nicht zu Ende sprechen den Nachsatz, der die Recht-
fertigung ihrer Handlungsweise geliefert hätte. ...
Im September 1921 sagte Dr. Steiner, daß er es als innere Opposition erleben mußte, die gegen
seine Absichten in starkem Maße vorhanden ist, „daß ich in der schärfsten Weise im vorigen Herbst
(16. 10. 1920) in Dornach darauf hinweisen mußte, welche Notwendigkeit die Begründung eines Welt-
33/40
schulvereines wäre". ... und im Jahre 1926 wurde von Herrn Steffen dieselbe Opposition ausgeübt,
gegenüber der Begründung eines Weltschulvereines. Er hat die von Holland ausgehenden Bemühun-
gen wiederum zum Scheitern gebracht, und zwar nicht aus sachlichen Gründen, sondern weil er sich
in seiner Würde verletzt fühlte. Der Schlag wurde in Wahrheit
Seite 462
gegen die Absichten Dr. Steiners geführt. Formfehler, Taktfehler hätte man rügen können, aber
warum mußte der Weltschulverein als solcher zum Opfer fallen?
Wenn Herr Steffen spricht: „daß er den Menschen keinen Schild umhänge" ..., was ist es anders
als „innere Opposition" gegen eine von Dr. Steiner getroffene Einrichtung: die Goetheanum-Redner?
Überdies hat er doch den Menschen einen Schild umgehängt, sogar einer ganzen Gruppe: die rich-
tige Methode...
Das „Kesseltreiben" gegen Frau Dr. Wegman, was ist es anderes gewesen denn „innere Opposition
gegen die Auszeichnung einer von Dr. Steiner geschätzten, ihrem inneren Werte nach anerkannten
Persönlichkeit.

Was verstand Rudolf Steiner unter einem „Goetheanum-Redner"?

In der Schilderung der Generalversammlung vom Jahre 1932 zitierte ich den Satz von Herrn Stef -
fen:
„ ... Dann möchte ich sagen, daß ich selbstverständlich niemand einen Schild umhänge, daß er
vom Goetheanum berechtigt ist oder nicht ..."
und bemerkte, daß ich später darauf noch zurückkommen würde. Wir werden zurückgeführt in das
Jahr 1924 und einem Gespräch, daß in London am 29. August zwischen Herrn Dr. Steiner und Frau
Elisabeth Dank geführt wurde. Es handelte sich um deren Ernennung zu einem Goetheanum-Redner,
und so frug sie Dr. Steiner, was das bedeute. Ich zitiere:
Dr. Steiner: „Es wird Ihnen ein Dokument zugehen. Es ist eine okkulte Handlung damit verknüpft.
Ich werde die Kollegen im Vorstand fragen.
Sprechen kann, wer will, in der Anthroposophischen Gesellschaft, auf eigene Verantwortung, oder
auf die Verantwortung der Landesgesellschaft, oder der Gruppe, die ihn einlädt. Das bleibt unbenom-
men. Darüber hinaus aber ist seit der Weihnachtstagung die Institution der ‚Goetheanum-Redner' ge-
schaffen. Diese Redner sind nur verantwortlich der Leitung des Goetheanums, die ihrerseits voll und
ganz für die von ihr ernannten Redner einsteht. Die Leitung des Goetheanums, also de facto ‚ich', ste-
he ein für jedes Wort, das sie sprechen, und stehe hinter der Art, in der sie Anthroposophie repräsen -
tieren und weiter vermitteln. Wenn also z. B. durch etwas, was Sie öffentlich sagen, Sie mit dem Ge-
setz in Konflikt kommen, werde ich für Sie vor Gericht erscheinen.
Ein Goetheanum-Redner braucht nicht zu warten, daß er von einer Gruppe oder Landesgesell-
schaft aufgefordert wird. Er sagt einfach: ich will über dies oder jenes sprechen. Er hat das Recht, auf
Plakaten oder Programmen die Überschrift zu haben ‚allgemeine Anthroposophische Gesellschaft'
und nicht der Landesgesellschaft, in der der Vortrag gehalten wird.
Der Goetheanum-Redner hat aber nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Er kann nicht irgend-
wo gewissermaßen zur Erholung als Privatperson sein. Wenn er auch aus privaten Gründen irgendwo
ist, so muß er sich dem Zweig der Landesgesellschaft zur Verfügung stellen und sagen: Ich bin da und
bin bereit, einen Vortrag über dies und jenes Thema zu halten.
Es kann auch der Fall vorkommen, hoffentlich nicht zu oft, daß die Gruppe oder die Landesgesell -
schaft nicht wollen, daß sie wirklich nicht wollen. Ja nun, da kann
Seite 463
man aber nur sagen, die Landesgesellschaft lehnt den vom Goetheanum ernannten Redner eben
ab. Da muß sie schon wissen, was sie damit tut." Frau Dank: „Wie viele Goetheanum-Redner gibt
es?"
Dr. Steiner: „Ich kann nicht genau sagen, ich glaube 12 oder 13. Ja, nicht wahr, es sind wenige.
Aber nicht, weil ich will, daß es so wenige sind, sondern weil einfach die Menschen nicht da sind, die
man dazu machen kann. Das ist schon sehr traurig."
34/40
Auf der Liste, die Dr. Steiner seinerzeit dem Vorstand präsentierte, standen als erste Namen: Dr.
Stein und Dr. Kolisko, so sagte Dr. Vreede. Dr. Steiner hatte hinzugefügt: „das ist ja selbstverständ -
lich." Für Herrn Steffen war das natürlich gar nicht selbstverständlich. Seine Einstellung kann nur als
die der „inneren Opposition" gegenüber den von Dr. Steiner während und nach der Weihnachtstagung
getroffenen Einrichtungen bezeichnet werden.
Und so könnte man weiter aufzählen eine lange Liste von Ereignissen in der Geschichte der An-
throposophischen Gesellschaft seit der Weihnachtstagung und vielleicht könnte man den ganzen
Symptomenkomplex zusammenfassen in ein einziges Hauptsymptom:

„Die innere Opposition gegen die Weihnachtstagung".

Die Worte wurden oft in den Mund genommen: man handle im „Sinne der Weihnachtstagung" ...
„im Sinne von Dr. Steiner" ... aber sie hatten keine innere Bedeutung. Es waren leere Worte, denen
die Handlungen widersprachen. Die Weihnachtsagung war abhängig davon, daß die Mitgliedschaft
den von Dr. Steiner ernannten Gesamtvorstand anerkannte. Das war eine Bedingung, daß die Mitglie -
der Dr. Steiner als den 1. Vorsitzenden, Herrn Steffen als 2. Vorsitzenden, Frau Dr. Wegman als
Schriftführer, Frau Marie Steiner und Dr. Vreede als Beisitzer und Dr. Wachsmuth als Sekre-
tär-Schatzmeister anerkannten.
Die Mitgliedschaft hatte den Vorstand akzeptiert als einen „esoterischen" Vorstand. Die Geschichte
hat gezeigt, daß der Vorstand sich selbst nicht akzeptiert hat. Zwei Mitglieder des Vorstandes hielten
treu an den Einrichtungen fest und waren immer bereit mit allen zusammenzuarbeiten. Frau Marie
Steiner war dazu unmittelbar nach Dr. Steiners Tod nicht mehr bereit. Herr Steffen war auch nicht
dazu bereit. Im Jahre 1934 sagte Dr. Vreede wieder, trotzdem sie so unwürdig behandelt wurde, sie
sei bereit mit Herrn Steffen zusammenzuarbeiten. Man lese darüber nach in dem Abschnitt, der dieses
Jahr behandelt. Herr Steffen konnte das nicht so ohne weiteres tun. Er müsse darüber lange nachden-
ken. Nachdem er darüber lange genug nachgedacht hatte, kam es zum Ausschluß von Dr. Vreede
aus dem Vorstand.
Seit 1935 konnte man sich nicht mehr auf die Weihnachtstagung berufen. Ich kann nicht glauben,
daß Herr Steffen der Meinung ist, daß die Ereignisse im Jahre 1935 „im Sinne Rudolf Steiners" oder
„im Sinne der Weihnachtstagung waren".
Ich erinnere hier an den Pakt der drei Vorstandsmitglieder gegen Frau Dr. Wegman und Dr. Vree-
de im November 1933 und an die Schenkung von Frau Marie Steiner im Jahre 1937, an die eine be -
stimmte Bedingung geknüpft war: „innerhalb der Führung der A.A.G. die Richtlinien von Rudolf Steiner
in der Auffassung einzuhalten, wie sie von Frau Dr. Steiner und den Herren Albert Steffen und Dr.
Günther Wachsmuth ausgesprochen werden."
Seite 464
Nach 1935 gab es nur mehr drei Vorstandsmitglieder, nach 1948 gab es einen „Nachlaßverein im
Sinne von Frau Marie Steiner und eine anthroposophische Gesellschaft" im Sinne von Herrn Steffen
und Herrn Dr. Wachsmuth". Alle Einrichtungen, die von 1948 an getroffen wurden, sind so anzusehen.
Mitglieder wurden aufgenommen, wenn sie Vertrauen hatten zu Herrn Steffen. Funktionäre konnten
nur Persönlichkeiten sein, die Vertrauen hatten zu Herrn Steffen.
Man muß doch den Realitäten ins Auge schauen. Wenn z. B. im Jahre 1956 eine „Medizinische
Sektion neu ins Leben gerufen wurde, konnte das nur eine medizinische Sektion sein „im Sinne von
Herrn Steffen". Das gleiche gilt für die übrigen Sektionen. Es ist doch nicht denkbar, daß es heute am
Goetheanum einen Sektionsleiter oder sonstigen Funktionär gäbe, der nicht, ausgestattet mit der
„richtigen Methode" im „Sinne von Herrn Steffen" arbeiten würde.

***
Das Berufen auf Dr. Steiner hatte keinen Wert mehr nach der Weihnachtstagung. Frau Marie Stei-
ner anerkannte nicht den von Dr. Steiner eingesetzten „esoterischen Vorstand" nach dessen Tode. Er
hatte nur so lange seine Berechtigung als Dr. Steiner lebte. Wenn man diesen Gedankengang weiter
verfolgt, muß man fragen: „Was hatte denn noch Wert nach dem 30. März 1925?"
War vielleicht die ganze Weihnachtstagung etwas, das nur so lange galt als Dr. Steiner lebte?
Wenn man auf die Ereignisse hinsieht, kommt man auch zu solchen Erwägungen.
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Frau Dr. Wegman z. B. berief sich auf bestimmte Dokumente, die ihr von Dr. Steiner gegeben wur-
den. Sie hielt diese Dokumente für wertvoll. Nun diese Dokumente waren „Papiere", aus denen man
nicht erkennen konnte, was behauptet wurde... (Siehe „Denkschrift S. 107/8). Berief sich ein General-
sekretär oder Vorstandsmitglied darauf, von Dr. Steiner in sein Amt eingesetzt worden zu sein, dann
hatte das auch gar keine Bedeutung mehr. „Was immer Dr. Steiner einmal gesagt und getan hat, kön-
ne aber verlorengehen ..."
Herr Steffen und Frau Marie Steiner anerkannten die von Dr. Steiner gemachten „Einsetzungen"
oder Berufungen zu einem bestimmten Amt" nicht an. Es gab nur eine geistige Sukzession und die
nahm Herr Steffen für sich in Anspruch. Merkwürdig, wenn man auf diese Weise seine geistige Suk-
zession behaupten will, daß „alles was Dr. Steiner einmal mit Recht gesagt und getan hat, verloren
gehen könne, wenn man selber eine bestimmte Stufe doch nicht erreicht. Hatte Herr Steffen diese
Stufe erreicht? ...
***
In seinen Ansprachen an die Mitglieder gebrauchte Dr. Steiner öfter die Redewendung: „Meine lie-
be Freundin und Mitarbeiterin Frau Dr. Ita Wegman ..." Das gefiel verschiedenen Menschen nicht. Di-
rekt wollte man dies nicht aussprechen, so geschah es auf eine andere, versteckte Weise. Dr. Boos
ging zurück ins 12. Jahrhundert. Da gab es Thomas von Aquino, über den Dr. Steiner wunderbare
Vorträge gehalten hatte. Dieser besaß einen Freund, Schüler, Reisegefährten, den er „lieb" hatte. Nun
konnte man sagen: „Daß Thomas zu Reginald ‚lieb' war, das charakterisiert doch nur Thomas selbst,
nicht Reginald. ..." Dr. Boos sagt, er habe sich recht gründlich mit
Seite 465
dem Problem befaßt, wie das Geistverhältnis von Thomas und seinem Schüler, Reisegefährten, Pfle-
ger und Beichtvater angesehen werden muß. Und er sei zu der wohlbegründeten Überzeugung ge-
kommen, daß das eine schwere Geisttragödie, wohl die tiefste Tragödie im Leben des Thomas gewe -
sen sei, eines der folgenschwersten geistesgeschichtlichen Dramen, das sich da abgespielt hat...
Thomas hat die „Summa" nicht zu Ende geschrieben. Flugs kam sein Schüler und Gefährte Regi-
nald und machte die Summa fertig „mit schlechterem Material und in schwächerem Stil". Thomas Er -
satz kann man bestenfalls das „Supplementum" nennen. Man überließ es den genügend vorbereiteten
Zuhörern, sich die Ergänzung zu diesen Ausführungen zu machen. Diese Ergänzungen konnten gar
nicht anders lauten: Ach ja, genau so war es eigentlich auch mit Dr. Steiner. Er hatte Frau Dr. Weg -
man „lieb", aber das spricht ja nicht für das Wesen von Frau Dr. Wegman, sondern nur für die Güte
Dr. Steiners. Und Dr. Steiner hatte die Leitsätze geschrieben. Als er starb, kam Frau Dr. Wegman, die
auch seine „Pflegerin" war, und wollte diese Leitsätze fortsetzen — genau so wie im 12. Jahrhundert
es geschah als der Bruder Reginald die Summa des Thomas so schlecht vollendete. ... In dieser ver-
steckten Form erfolgten 1926 die Angriffe von Dr. Boos mit seinen Vorträgen innerhalb der Sektion
von Frau Marie Steiner, die ein lebhaftes Interesse hatte für die Zeit, in der Thomas von Aquino lebte,
die sich darnach erkundigt hatte bei Dr. Stein. Das waren Angriffe, gegen die sich Frau Dr. Wegman
natürlich nicht wehren konnte. Ihr Name wurde nicht genannt, obwohl er auf jeder Lippe schwebte, ...

* * *
Die Mitglieder mögen sich erinnern an die Worte, die Rudolf Steiner über Frau Dr. Wegman sprach
während seines Aufenthaltes in London am 28. August 1924. Man kann sie auch nachlesen in den ge-
druckten Vorträgen für Ärzte:
„Das ist es ja gerade, meine sehr verehrten Anwesenden, was Anthroposophie nicht korrigieren will
an der gewöhnlichen Medizin, sondern einfach weil sie sieht, daß die gewöhnliche Medizin überall das
aus sich heraus eigentlich verlangt, es hinzufügen will zur gewöhnlichen Medizin. Davon wird man
sich überzeugen, wenn demnächst das Buch erscheinen wird, das sozusagen eigentlich die erste Be-
arbeitung dieses Gebietes ist, das jetzt gerade im Druck ist, und das darstellen wird die ersten Ele -
mente, die Dinge werden ja natürlich langsam erst erarbeitet werden können und es wird lange Zeit
brauchen, bis die ersten Elemente, die jetzt vorhanden sind, zu einem so schönen, vollkommenen
System werden gestaltet werden können, wie es die heutige Medizin nach allen Seiten darstellt, aber
der Weg muß eben gegangen werden. Und das erste, was als Produkt nach dieser Richtung er-
scheint, ist das Buch, das im Zusammenarbeiten von mir und meiner lieben Freundin und Mitarbeiterin
auf medizinischem und auf sonstigem geistesforscherischem Gebiete, auf dem Gesamtgebiete der
Geistesforschung, Dr. Ita Wegman, die das klinisch-therapeutische Institut am Goetheanum leitet, ent-
standen ist. ..."
Dann könnte man den letzten Vortrag, den Dr. Steiner für die Mitglieder am 28. September 1924
hielt, lesen:
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„Es war mir unmöglich gestern und vorgestern zu Ihnen zu sprechen. Aber die Michaelsweihestim-
mung für heute, die dann ja in unsere Herzen, in unsere Seelen auf morgen ausstrahlen muß, wollte
ich doch nicht vorübergehen lassen, ohne wenigstens
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kurz zu Ihnen gesprochen zu haben. Daß ich es kann, ist nur möglich durch die hingebungsvolle Pfle -
ge der ärztlichen Freundin Dr. Ita Wegman und so hoffe ich ..."
Als letztes möchte ich denjenigen, die Rudolf Steiners Klassenstunden in Dornach mitmachen durf-
ten, in Erinnerung rufen die Formel: „Frau Dr. Ita Wegman, die mit mir zusammen die Klasse leitet."
Dazu könnte man vielleicht auch noch nachdenken über den Punkt 7 der Statuten der Allgemeinen
Anthroposophischen Gesellschaft:
Punkt 7
Die Einrichtung der freien Hochschule für Geisteswissenschaft obliegt zunächst Rudolf Steiner, der
seine Mitarbeiter und seinen eventuellen Nachfolger zu ernennen hat.
Frau Dr. Wegman wurde von ihm selbst bezeichnet als Mitarbeiterin auf dem gesamten Gebiete
der Geistesforschung.
Das hat Dr. Steiner von keinem anderen Vorstandsmitglied gesagt. Wenn man darüber nachge-
dacht hätte und Frau Dr. Wegmans Sonderstellung als Dr. Steiners Mitarbeiterin auf dem Gesamtge-
biete der Geistesforschung richtig eingeschätzt hätte, würde sich vieles anders entwickelt haben in der
allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft.

* * *
Während des Aufenthaltes Dr. Steiners in London im August 1924 fand auch ein Gespräch statt mit
einem von ihm ernannten Goetheanum-Redner. Unter anderem sagte Dr. Steiner:
„Sehen Sie, ich brauche nur zu sagen, daß ich jemanden „lieb" habe, dann läßt man ihn nicht auf -
kommen, dann genügt das schon, daß der Betreffende in der kürzesten Zeit zugrunde gerichtet wird."
Wenn man so verfuhr so lange Dr. Steiner noch lebte, kann es uns wundern, daß man nach seinem
Tode mit vielen Menschen, die Dr. Steiner ausgezeichnet hatte, die er „lieb" hatte, oder besonders
schätzte, die er geeignet fand für bestimmte Funktionen innerhalb der Gesellschaft, ähnlich verfuhr?
Und gehen wir in die allerjüngste Zeit, dann können wir in den „Mitteilungen aus der anthroposophi-
schen Bewegung" Nr. 24 vom Monat September 1960 lesen: Dr. W. Zbinden führt aus ...
„An der offiziellen Jubiläumsausstellung, die im nächsten Jahre vom Goetheanum als Wanderaus-
stellung in verschiedene Städte Europas geplant ist, sind indes die Werke Rudolf Steiners (Gesamt-
ausgabe) ausgeschlossen, da der Dornacher Vorstand es ablehnte, sie in die vom „Zentrum" ausge-
hende Ausstellung aufzunehmen."

* * *

Es tut mir leid, wenn durch meine Darstellungen Illusionen zerstört wurden, aber nur dann, wenn
man den wahren Gegebenheiten ins Auge schaut, ohne Rücksicht auf die Person, oder Personen,
kann man hoffen den Weg zu einem Wiederaufbau der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft
zu finden. Wenn man sich ehrlich gemeinsam bemüht, den Intentionen Dr. Steiners zu folgen. Es kön-
nen nicht die Richtlinien Dr. Steiners befolgt werden, so wie sie Herr Steffen oder Dr. Wachsmuth oder
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Herr X oder Y interpretiert. Die Angaben Dr. Steiners brauchen nicht interpretiert werden. Man muß
sie nur so nehmen, wie sie gegeben sind.
Bescheiden und demütig sollte man zurückkehren zu der Zeit, da Rudolf Steiner die Gesellschaft
neu begründete: Weihnachten 1923. Nicht zu der Zeit, wo, ich möchte sagen, in frevelhafter Weise im
Jahre 1934 der Antrag gestellt wurde, die Gesellschaft neu zu konstituieren und zwei von Dr. Steiner
ernannte Vorstandsmitglieder auszuschließen, sondern zu dem Zeitpunkt, wo der Grundstein in die
Herzen der damals anwesenden Mitglieder versenkt wurde. Zu versuchen, den Kontakt mit Rudolf
Steiner wieder zu finden, den die Gesellschaft unbedingt haben muß, wenn sie dem Ende des Jahr -
hunderts würdig entgegenleben will. Viel Zeit ist nicht mehr gegeben.
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Über die Persönlichkeiten, die so viel Unheil in der Anthroposophischen Gesellschaft angerichtet
haben, wird die „Geschichte" das Urteil sprechen. Die „Gesellschaft" hat eine schwere Schuld auf sich
geladen gegenüber zwei Vorstandsmitgliedern, gegenüber treuen Schülern Dr. Steiners, Dr. W. J.
Stein, Dr. Kolisko und so manchen anderen, die bereits durch die Pforte des Todes geschritten sind.
Das muß erkannt werden. Dadurch, daß ein falsches, verzerrtes Bild von den Persönlichkeiten, die Dr.
Steiner „liebte" und denen er vertraute, vor die Mitglieder hingestellt wurde, ist wirklich eine „Ge-
schichtsfälschung" vorgenommen worden, wie sie Frau Dr. Wegman in ihrem Brief vom 9. Januar
1935 andeutete.
Sollte es mir gelungen sein, durch dieses Buch die Zerrbilder aufzulösen, die von ihnen noch immer
in der Gesellschaft herumschwirren, werde ich meine Aufgabe als gelöst ansehen.
Dieses Buch ist in erster Linie die Lebensgeschichte eines Menschen, der sich voll und ganz in den
Dienst der anthroposophischen Bewegung hineingestellt hat. Sein großes Wissen und Können, sein
warmer Herzensenthusiasmus, sein Streben, ein treuer Schüler Rudolf Steiners zu sein, sie flössen
hinein in die aus dem Geiste heraus begründete Gesellschaft. Diese allgemeine Anthroposophische
Gesellschaft hätte die ganze Menschheit umfassen können. Alle Menschen, gleichgültig welcher Nati-
on, welchen Standes, welcher Religion, welcher Rasse angehörig, hätten in ihr Platz finden sollen. Die
anthroposophische Bewegung ist eine Menschheitsbewegung, begründet von einem der größten
Menschheitslehrer. Das konnte naturgemäß nicht ohne Reibungen vor sich gehen. An ihrer Spitze
mußten Menschen stehen, die verschiedene Strömungen innerhalb der Gegenwart repräsentierten.
Sie mußten gewissermaßen als Beispiel dastehen, daß es möglich ist, sich in einem gemeinsamen
geistigen Ziel, das sie alle erkannt hatten, zu vereinigen. Persönliche Verschiedenheiten mußten aus-
geglichen werden. Die Mitgliedschaft mußte zu diesem repräsentativen Vorstand aufblicken können,
der ein Zeuge dafür hätte sein sollen, daß diese schwierige Aufgabe gelöst werden kann erst an der
Spitze und dann hinunter bis zum letzten Mitglied. Dr. Steiner erwartete das. Die geistige Welt erwar -
tete das.
Was eintrat, war nicht nur tragisch für die einzelnen Menschen, sondern tragisch für die ganze Be-
wegung und daher tragisch für die Menschheit. Dr. Steiner, der 1. Vorsitzende, konnte die einander
widerstrebenden Strömungen im Vorstand zusammenhalten. Im Augenblicke seines Todes zeigte sich
bereits ein klaffender Riß, der sich schnell weitete. Der 2. Vorsitzende konnte den Vorstand nicht mehr
zusammenhalten. Die „Jugendsektion" wurde in die Hände des Vorsitzenden zurückgegeben und
freudig empfangen. Herr Steffen konnte nicht zusammenarbeiten mit Frau Dr. Wegman, daher wurde
sie ausgeschlossen. Eine Tür, und zwar eine bedeutende Tür, die hineinführte
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ins Goetheanum, wurde zugeschlagen, ein Strom von Menschen abgespalten und in andere Wege
geleitet. Teils floß er zu Frau M. Steiner hin, teils zu Herrn Steffen. Der Rest blieb dem ursprünglichen
Stromverlauf treu.
Herr Steffen konnte nicht mit Frl. Dr. Vreede zusammenarbeiten und wiederum wurde eine Tür
zum Goetheanum zugeworfen. Der Sektionsleiterin wurden die Goetheanumräume verweigert, weil
dies ein „Mißbrauch der Räume" gewesen wäre. Der ursprüngliche Strom wurde gespalten und in an-
dere Richtungen gelenkt.
Herr Steffen konnte schließlich auch nicht mehr mit Frau M. Steiner zusammenarbeiten. Die Sekti -
on wurde gespalten, der Strom zu Herrn Steffen hingelenkt.
Es ist für jedes Mitglied im Laufe der Jahre sichtbar geworden, daß Herr Steffen nur mit sich selbst
arbeiten kann und einem Kreis von Menschen, der zu ihm persönlich Vertrauen hat. Mit diesen will er
gerne arbeiten, Tagungen einrichten, seine Sektion ausbilden und vieles andere. Er sprach dies im
Jahre 1949 auf der Generalversammlung aus. „Diejenigen, die nicht Vertrauen haben, die wollen wir
ganz gewiß nicht zwingen ... sie mögen für sich arbeiten." Der Rest der Gesellschaft wurde ausge-
schlossen, der nicht Vertrauen zu Herrn Steffen haben konnte. Man hat den Eindruck, daß Herr Stef-
fen alle Funktionen auf seine Person konzentriert hatte: er war Vorsitzender, er war eigentlich auch
der ganze Vorstand. Es waren nur mehr zwei übrig geblieben: Herr Steffen und Dr. Wachsmuth. Der
Vorsitzende und der Schatzmeister. Herr Steffen sprach zwar von „dem Vorstand", meinte dabei aber
doch nur sich selbst. Das Zentrum war zusammengeschmolzen, hatte sich abgekapselt und ließ die
anthroposophische Bewegung vor den geschlossenen Türen draußen stehen. Die „Gesellschaft" hatte
sich im Laufe der Jahre immer mehr eingeengt, trotzdem die „Bewegung" gewachsen ist. Die Weltwei-
te ist der „Gesellschaft" verloren gegangen. Für Menschen wie Dr. Kolisko, dessen phänomenologi-
sche, die ganze Welt umspannende Arbeitsmethode das Gegebene war, war selbstverständlich in ei-
ner von Herrn Steffen geleiteten „Gesellschaft" kein Platz.
„Persönlichkeiten wie Dr. med. Eugen Kolisko können von der anthroposophischen Bewegung nicht
hoch genug eingeschätzt werden. Er hat im Haag über biologische und chemische Probleme gespro-
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chen und auch über ,freies Geistesleben durch Anthroposophie' gesprochen. Der naturwissenschaftli -
che Phänomenalismus hat in Kolisko einen Verfechter, der diese Seite des anthroposophischen Den-
kens überall aus der unbefangenen Sach-Erkenntnis objektiv entwickelt. Man hat bei Kolisko nirgends
das Gefühl, daß er von vorneherein Anthroposophie in seine Welt-Erkenntnis hineinträgt, sondern
überall das, daß er in einem sachgemäßen aber intimen Denken aus den konkreten Problemen die
anthroposophische Weltanschauung gewinnt.
Dabei ist er innig als Persönlichkeit mit seinen Problemen verwachsen, so daß für mein Gefühl man
ihm gegenübersteht als einer durch und durch wissenschaftlich überzeugend wirkenden Persönlich-
keit.
Wenn ich von ihm so sprechen höre wie diesmal über .freies Geistesleben', dann habe ich die
Empfindung: der redet bis ins Herz hinein wahr; und in dieser Wahrheit lebt er sich restlos aus."
Dr. Rudolf Steiner, 1. Jahrgang des Goetheanums Nr. 39
So möge denn dieses Lebensbild Eugen Koliskos mit den Worten Rudolf Steiners abgeschlossen
werden. Es sind die schönsten Worte, die man zur Charakteristik seiner selbstlosen Persönlichkeit fin-
den kann.
Geschrieben in England während der Jahre 1958—1960.
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6. Literaturhinweise

Basiswerke aus der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA):

GA 259: Das Schicksalsjahr 1923 in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft


– Vom Goetheanumbrand zur Weihnachtstagung. Dieser Band ist unentbehrlich für das
Verständnis der Weihnachtstagung 1923 und deren Konsequenzen.

GA 260: Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen


Gesellschaft 1923/24. Der Titel dieses Bandes ist irreführend, denn er beschreibt die
Neubegründung der Anthroposophischen Gesellschaft. Von seinem Plan der Gründung
des Vereins Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft spricht Rudolf Steiner erst ein
halbes Jahr später und zwar auf einer außerordentlichen Generalversammlung des Ver-
eins des Goetheanum (Bauverein) am 29 Juni 1924. Und er entsteht in einer weiteren
a.o. Generalversammlung des Bauvereins am 8. Februar 1925 durch Umbenennung des
Bauvereins in Verein Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft und Erweiterung durch
Unterabteilungen.

260a: Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien
Hochschule für Geisteswissenschaft – Der Wiederaufbau des Goetheanum. Der Titel die-
ses Bandes wäre sinnvoll, wenn diese AAG so, wie sie Rudolf Steiner auf der aoGV am
29. Juni 1924 als Projekt beschreibt und wie sie dann auf einer weiteren aoGV am 8. Fe-
bruar 1925 durch Umbenennung des Bauvereins tatsächlich entstanden ist, jedoch bald
nach dem Tod Rudolf Steiners in ihrer ersten Generalversammlung am 29. Dezember
1925 durch einen „Gemischten König“ gleichen Namens ersetzt wird. Die falschen Na-
mensgebungen in beiden Bänden haben maßgebend dazu beigetragen, daß bis heute die
Geschichte der anthroposophischen Bewegung falsch dargestellt wird.

Lilli Kolisko: Eugen Kolisko – Ein Lebensbild. Zugleich ein Stück Geschichte der Anthropo-
sophischen Gesellschaft. Ohne dieses 1961 erschienene, über 500 Seiten starke, leider
seit langem vergriffene Buch wäre diese Studie wohl nicht zufriedenstellend gelungen.

Rudolf Saacke: Die Formfrage der Anthroposophischen Gesellschaft und die Innere Oppo-
sition gegen Rudolf Steiner. www.libri.de

Nachrichtenblatt:

- Uwe Werner Die Versammlungen der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft


zum Jahresende 1925 - Eine Dokumentation, Nachrichtenblatt Nr. 1 / 2, 4. Januar
1998

- Manfred Leist: Zum 8. Februar 1925, Nachrichtenblatt, 66. Jahrgang, Nr. 7, 12. Febr.
1998
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Inhaltsverzeichnis
Widmung...........................................................................................................................2
Zur Einführung.........................................................................................................3
1. Der Plan vom 29. Juni 1924..........................................................................................6
Zwischenbilanz.......................................................................................................12
2. Der Tod Rudolf Steiners und seine Folgen .................................................................15
Der Urnenstreit.......................................................................................................15
Marie Steiners Rücktrittsversuch...........................................................................16
...............................................................................................................................17
Zur Lesung der Klassenstunden ............................................................................19
Der Kampf gegen Rudolf Steiner innerhalb des Vereins AAG ............................21
3. Die weltgeschichtliche Bedeutung des Projekts

Anthroposophie ist ein Weckruf des Weltengeistes. Wie lösen wir uns aus den Dornrös-
chenschlaf und heben das uns überlassene Erbe Rudolf Steiners: Die modernste Gesell-
schaft, die es geben kann? ..............................................................................................26
4. Resumé........................................................................................................................30
5. Anhang.........................................................................................................................32
6. Literaturhinweise.........................................................................................................39