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Psychotherapeut 2010 · 55:98–105 DOI 10.1007/s00278-010-0730-2 Online publiziert: 5. März 2010 © Springer-Verlag 2010

Redaktion

M. Cierpka, Heidelberg V. Kast, St. Gallen

Es war fürchterlich kalt und schneite. Das kleine Mädchen wagte nicht nach Hause zu gehen. Sie hatte keine Zündhölzer verkauft. Ihr Vater würde sie schlagen. Sie strich ein Zündholz nach dem anderen an. Nun stirbt je- mand, sagte die Kleine und rief:

„Großmutter nimm mich mit“. (Hans Christian Andersen, Das kleine Mäd- chen mit den Zündhölzern). Aus Angst vor elterlicher Gewalt bleibt das Kind aus Andersens Mär- chen in Eiseskälte allein und stirbt mit dem Ruf nach der Großmutter, einem guten beschützenden Objekt.

Körperliche sowie psychische Misshand- lung und Vernachlässigung führen im schlimmsten Fall zum Tod, hinterlassen aber immer tiefe Spuren in Körper und Seele und haben nicht selten schwerwie- gende Krankheiten zur Folge. Gewalt an Kindern, ausgeübt durch Eltern oder andere für das Kind wichtige Pflegepersonen, ist in unserer Gesellschaft erschreckend häufig. Dabei sind extreme Fälle von Misshandlung, über die in den Medien berichtet wird, nur der Gipfel ei- ner Problematik, die sich tagtäglich in un- serer Mitte ereignet. Die epidemiologische Studie zu frühen Traumatisierungen von Felitti et al. (1998) aus den USA, die sich auf Daten von 17.000 Personen stützt, lässt die weit reichenden Folgen von frühen belastenden Lebensereignissen zumin- dest erahnen. Anhand von anonymisier- ten Fragebögen wurden Art und Häufig- keit der Traumatisierung (z. B. Misshand- lung, Vernachlässigung, Missbrauch, be-

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Schwerpunkt: Gewalt – Originalie

Annette Streeck-Fischer Asklepios Fachklinikum Tiefenbrunn, Rosdorf

Angriffe auf Körper und Seele

Gewalt in der kindlichen Entwicklung

lastende Faktoren aufseiten der Eltern) erfragt. Die Arbeitsgruppe konnte deut- lich machen, dass sich mehr als vier der genannten belastenden Lebensereignisse ungünstig auf die soziale, emotionale und kognitive Entwicklung eines Kindes aus- wirken, gesundheitsschädliche Verhal- tensweisen zur Folge haben und dass es bei solchen mehrfach Traumatisierten im höheren Alter gehäuft zu Krankheiten, so- zialen Problemen und frühem Tod kommt (Felitti et al. 1998).

Definitionen

Kindesvernachlässigung meint andau- erndes oder wiederholtes Unterlassen fürsorglichen Handelns von Eltern oder anderer Sorgeberechtigter, das ein ho- hes Risiko von Beeinträchtigungen der physischen und/oder psychischen Ent- wicklung des Kindes nach sich zieht (s. Deutsches Jugendinstitut). Unter kör- perlicher Kindesmisshandlung können al- le Handlungen von Eltern und anderen Bezugspersonen verstanden werden, die durch Anwendung von körperlichem Zwang bzw. Gewalt ein hohes Risiko von physischen oder psychischen Beeinträch- tigungen des Kindes und seiner Entwick- lung bergen (Kindler 2006). Emotionale Misshandlung meint ein Verhalten, das Kindern zu verstehen gibt, dass sie wert- los, voller Fehler, ungeliebt, ungewollt und in Gefahr sind oder nur dazu nütze, die Bedürfnisse anderer Menschen zu erfül-

len (American Professional Society on Abuse of Children/APSAC 1995). Offiziellen Statistiken zufolge wer- den jedes Jahr zwischen 4 und 16 von 100 Kindern körperlich misshandelt, ver- nachlässigt oder emotional missbraucht. Es werden 5–10% der Mädchen und über 5% der Jungen sexuell durch Penetrati- on missbraucht, und mehr als dreimal so viele Kinder sind anderen Formen sexu- ellen Missbrauchs ausgesetzt (Gilbert et al. 2009). Annähernd 3 von 4 Erwachse- nen haben in ihrer Kindheit Gewalter- fahrungen gemacht (Jahrgänge 1932 bis 1975), davon waren 10% Opfer elterlicher Misshandlung, 40 von 100 wurden häu- figer körperlich gezüchtigt und 5% wur- den häufiger misshandelt (Wetzels 1997). Gegenüber diesen epidemiologischen Da- ten zu frühen Vernachlässigungen, Miss- handlungen oder Missbrauch von Kin- dern ist angesichts einer hohen Dunkel- ziffer allerdings Zurückhaltung geboten; die tatsächliche Häufigkeit liegt wahr- scheinlich weit höher. Obwohl Vernachlässigung von Kin- dern mindestens ebenso schwerwiegende Folgen hat wie Misshandlung und sexu- eller Missbrauch, wurde dieser Problema- tik bislang am wenigsten wissenschaft- liches und öffentliches Interesse entge- gengebracht.

Folgen von Misshandlungen

In welchem Ausmaß traumatische Er- fahrungen wie Misshandlung die weitere

Überarbeitete Fassung eines Vortrags anlässlich der Lindauer Psychotherapiewochen 2009.

1 Im Folgenden als Oberbegriff verwendet.

Entwicklung prägen, hängt vom Entwick- lungsstand des Kindes, von den bisherigen Entwicklungsbedingungen, der Konstitu- tion, der genetischen Ausstattung, den Ressourcen, von der sozialen Umwelt des Kindes und vor allem von der Verfüg- barkeit einer Vertrauensperson ab. 2 Pro- spektive und retrospektive Studien zeigen, dass misshandelte Kinder und Jugendli- che massive Verhaltensprobleme haben, durch posttraumatische Stressstörungen, Depressionen, Suizidversuche, Drogen- missbrauch und Alkoholprobleme belas- tet sind und zu späterem kriminellen Ver- halten, zu Fettsucht, Prostitution und Pro- miskuität neigen (Gilbert et al. 2009). Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Jugendlicher inhaftiert wird, liegt bei Misshandelten doppelt so hoch wie bei Jugendlichen ins- gesamt (Gilbert et al. 2009). Weiter zieht Kindesmisshandlung ausgeprägte Defi- zite im Erwerb schulischer Fertigkeiten nach sich. Heranwachsende mit Miss- handlungserfahrungen haben niedrigere Schulabschlüsse als andere Gleichaltrige. Ein Viertel der Kinder und Jugendlichen braucht eine spezielle Beschulung; bei Nichtmisshandelten sind es lediglich 14%. Immerhin erreichen 42% der misshandel- ten Kinder das Abitur; bei einer Kontroll- gruppe sind es allerdings etwa 70%. Leis- tungsabfall und Schulverweigerung sind unmittelbar mit dem Zeitpunkt der Miss- handlung verbunden und wirken sich kumulativ aus. Insofern hat Misshand- lung nicht zuletzt auch erhebliche ökono- mische Folgen für die Gesellschaft (Gil- bert et al. 2009). Die World Health Organization (WHO) hat Gewalt als einen tödlichen „rite de passage“ für Jugendliche bezeich- net. Der Rite de passage meint die Über- gangszeit des jungen Menschen von der Kindheit in das Erwachsenenalter. Wer- den in dieser Zeit ausgeprägte Erfah- rungen mit Gewalt gemacht, ob als Op- fer oder Täter, kann dies langfristige psy- chobiologische Störungen bei Stressbelas- tungen nach sich ziehen; davon sind vor allem männliche Jugendliche betroffen. Je größer das Ausmaß von erlittener Ge- walt, desto massiver sind die konsekutiven psychosozialen Probleme wie Kriminali-

2 Vgl. die Großmutter im Andersen-Märchen, nach der das kleine Mädchen ruft.

im Andersen-Märchen, nach der das kleine Mädchen ruft. tät und süchtiges Verhalten. Eine frühe Bereitschaft zu
im Andersen-Märchen, nach der das kleine Mädchen ruft. tät und süchtiges Verhalten. Eine frühe Bereitschaft zu

tät und süchtiges Verhalten. Eine frühe Bereitschaft zu körperlicher Gewalt prä- destiniert in der weiteren Entwicklung zu einer Gewaltkarriere (Farrington u. Loe- ber 2000). 3

Trauma und Entwicklung

Kinder und Jugendliche, die Opfer elter- licher Gewalt geworden sind, haben in der Regel nicht nur einmalige Gewalterfah- rungen gemacht, sondern multiple Trau- matisierungen erlitten. Als Spuren dieser Angriffe finden wir eine Vielfalt von Stö- rungen: Beeinträchtigungen in den Ob- jektbeziehungen, wie sie am ehesten in der Diagnose einer Borderline-Persön-

3 Im Film Good Will Hunting wird ein solcher Jugendlicher dargestellt. Will Hunting wurde als Kind von seinen leiblichen Eltern und häu- fig wechselnden Pflegeeltern schwer misshan- delt – mit gravierenden Folgen. Will neigt selber zu Gewalttätigkeit und wurde bereits vielfach wegen schwerer Körperverletzung verurteilt. Das Besondere an ihm ist, dass er mathematisch hochbegabt ist.

lichkeitsstörung erfasst werden, Symp-

tome wie Erregungszustände, Flashbacks und Reinszenierungen, die der Diagno-

se der posttraumatischen Belastungsstö- rung (PTBS) zugeordnet werden kön-

nen, sowie zumeist vielfältige ausgeprägte Entwicklungsdefizite, die am ehesten in der Diagnose einer multiplen und kom- plexen Entwicklungsstörung („multi-

ple and complex develomental disorder“,

MCDD 4 ) aufgegriffen werden. Die Kom- plexität der vorliegenden Störungen die- ser Kinder und Jugendlichen wird bis- lang in keinem Klassifikationssystem der

International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems- (ICD-)10 and des Diagnostic and Statisti-

cal

Manual of Mental Disorders- (DSM-)

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ausreichend erfasst. Bestrebungen, die

Diagnose einer Entwicklungstraumastö- rung (van der Kolk 2009: „developmental trauma disorder“) in den DSM-V einzu- bringen, hatten bislang keinen Erfolg. Bei diesem Vorschlag, der sich auf Daten von

Nur im amerikanischen Schrifttum.

ca. 8000 Kindern bezieht, werden neben der chronischen Traumaexposition in der Entwicklung multiple Dysregulationen, funktionelle Beeinträchtigungen sowie anhaltend veränderte Attributionen und Erwartungen genannt. Es gibt mittlerweile eine überwälti- gende Datenlage, die verdeutlicht, dass frühe Traumatisierungen für gravierende Verhaltensprobleme und psychiatrische Erkrankungen bei Kindern und Jugend- lichen verantwortlich sind (Cierpka et al. 2007). Sie wirken sich insbesondere un- günstig auf die Hirnentwicklung aus, Stö- rungen, bei denen heute noch nicht sicher gesagt werden kann, ob und inwieweit sie zumindest partiell korrigierbar sind. Die therapeutische Arbeit mit diesen Kindern und Jugendlichen, um die es im Weiteren gehen soll, scheitert nicht selten daran, dass die ursprünglichen traumatischen Beziehungserfahrungen mit dem Thera- peuten reinszeniert werden und sich kein Ausweg finden lässt. Die Tendenz zur Wiederholung und Fortführung trauma- tischer Beziehungserfahrungen zeigt sich oft sehr früh, wird aber häufig in ihrer Be- deutung verkannt oder unterschätzt. Wie sich diese Problematik in der Beziehung herstellt, soll zunächst an einem Fallbei- spiel veranschaulicht werden.

Kasuistik

Der 18-jährige Bastian 5 hatte in seiner Kindheit schwerste Misshandlungen und Vernachlässigungen erfahren. Während der Schwangerschaft war die Mutter an Krebs erkrankt. Nach der Geburt des Kin- des hatte sie sich vom Vater getrennt. Sie starb, als Bastian noch ein Säugling war. Zunächst wurde er von einer Tante und den Großeltern versorgt. Dann nahm ihn der Vater zu sich, der ihn schwer misshan- delte und vernachlässigte. Bastian wurde im Weiteren in wechselnden Pflegefami- lien untergebracht. Als Bastian zur Behandlung kommt, neigt er zu aggressiven Impulsdurchbrü- chen mit Sachzerstörungen und Selbstver- letzungen, seine Stimmung kann extrem schwanken, er hat multiple Ängste, neigt zum Lügen und trinkt zeitweilig erheb- liche Mengen an Alkohol. Unter Belastun-

5 Der Name wurde verändert.

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gen kann Bastian in heftige Erregungszu- stände geraten, gibt ungebremst Geld aus und hat sich bereits hoch verschuldet. In der 30. Behandlungsstunde, die erst- malig auf Video aufgenommen wird, be- zieht sich Bastian auf ein gemeinsames Gespräch vom Vortag mit Betreuern sei- ner Wohngruppe; hier hielt er sich vor der stationären Behandlung auf. In dem Ge- spräch waren für ihn unangenehme und beschämende Themen zur Sprache ge- kommen. Im Anschluss hatte er heftig mit der Faust gegen die Wand geschlagen und sich dabei verletzt. Bastian erklärt im Ge- spräch mit dem Therapeuten, dass er sich mit seinem Schlag gegen die Wand selbst misshandelt hat – also sich selbst auf ei- ne Weise behandelt hat, wie er das einst durch andere hat erleiden müssen. Die Videoaufnahme ist eine Ausnah- mesituation für beide, für Bastian und den Therapeuten. Dennoch zeigen sich in der Sequenz charakteristische Aspekte der Beziehungsgestaltung, wie sie in der Ar- beit mit solchen Jugendlichen immer wie-

des Gesprächs erheblich; er ist zittrig, un- ruhig und in gebremster Anspannung, wohl weil er sich in einem Hochstresszu- stand befindet. Das aber versucht er aus- zublenden und bemüht sich, gut zu arbei- ten. Er ist wie abgetrennt von seinem Kör- per und hat auch zu seinen Gefühlen kei- nen Zugang. Er verwendet kognitive Er- klärungen, vermutlich weil er davon aus- geht, damit gut anzukommen. Man kann annehmen, dass er sich hier mit dem Ag- gressor identifiziert, als den er den The- rapeuten erlebt. Seine Erklärung „Ich ha- be mich selbst misshandelt“ mag man ihm nicht abnehmen, denn nichts spricht da- für, dass Bastian seine Gefühle und inne- ren Befindlichkeiten bereits so gut zu dif- ferenzieren vermag. Indem er ganz schnell „‚richtig“ oder „Das kann man sich so denken“ sagt, scheint er den Therapeuten abzuwehren und sich einem offenen Dia- log verschließen zu wollen. Meinte er mit seinem Gewaltakt, als er mit der Faust auf die Wand einschlug, sich selbst oder den beschämenden Anderen? Auffallend

der vorkommen. Der Therapeut ist zuge- wandt und unterstützend, sodass Basti- an sich auf das Gespräch durchaus ein- lassen kann. Dem ersten Eindruck nach ist er ein bemühter Patient, der eine gute Therapie macht. Genau das sollte wach- sam machen. Denn bei Jugendlichen wie

ist, dass er plötzlich das Gesicht verzieht, als er die Erklärung anbietet, als erwarte er Spott oder befürchte, entlarvt und be- schämt zu werden. Ausgehend von dieser kurzen Sequenz mit Bastian soll auf folgende Aspekte ein- gegangen werden:

bei Bastian besteht die Gefahr, dass sie mit dem vordergründig bemühten Verhalten

F

Folgen von Traumatisierungen für die Bindungsentwicklung,

in Beziehungsmustern verhaftet bleiben, die Lernen aus Erfahrung (Bion 1962) er-

F

Verlust von Selbstkohärenz als Folge früher Traumatisierung,

schweren, wenn nicht gar verunmöglichen und dann von der Therapie tatsächlich wenig profitieren. Bei der Untersuchung

F

Mentalisierungsstörungen, trauma- tische Reinszenierungen oder „mi- mikry“ sowie

mit der Skala zur Messung selbstrefle- xiver Funktionen (Self-Reflective Func-

F

Störungen in der Selbst-, Affekt- und Impulsregulation.

tion Scale), die die Fähigkeit der Mentali- sierung bzw. Selbstreflexivität erfasst, zeigt sich bei Bastian, dass er sich nach acht-

Traumatisierung in der Bindungsentwicklung

monatiger Therapie zwar in seiner Um- welt besser zurechtfinden kann und we- niger Symptome hat, jedoch ausgeprägte Defizite der Selbstreflexion kaum über- winden konnte. Bastians Gesicht hat einen tief trau- rigen Ausdruck – es lässt an den Blick von Kindern mit einer anaklitischen De- pression denken, die Spitz (1965) bei früh verlassenen Kindern beschrieben hat. Es ist hypomimisch, ohne jeglichen Ge- fühlsausdruck. Bastian schwitzt während

Ein Kind, das Misshandlungen durch Per- sonen ausgesetzt ist, die für seine Entwick- lung wichtig sind, erfährt mit seinem noch rudimentären Ich traumatische Überwäl- tigungen im Aufbau einer Bindungsbe- ziehung, die es mit massiver Bedrohung, Schmerz und Panik konfrontieren. Trau- matische Belastungen und Bindungswün- sche konfligieren miteinander. Die Folge ist ein Bindungstrauma.

Frühe Traumatisierungen in der Ent- wicklung aktivieren das Bindungssys- tem. Gerät das Kind in „distress“ auf- grund von Panik bei Schmerz oder Ge- fahr, sucht es normalerweise die kör- perliche Nähe der frühen Pflegeperson. In diesem Zustand stehen Bedürfnisse nach Sicherheit und neuropsychobiolo- gischer Regulation im Vordergrund. Un- tersuchungen mit bildgebenden Verfah- ren (Bartels u. Zeki 2000) lassen vermu- ten, dass frühe Bindungssuche – wie übri- gens auch die romantische Liebe – mit ei- ner Unterdrückung der Hirnregionen ver- bunden sind, die mit sozialer Beurteilung und Mentalisierung – das heißt der Fähig- keit, sich Vorstellungen über sich und an- dere bilden zu können – einhergehen. Ein intensiver emotionaler Zustand hemmt die Fähigkeit zu mentalisieren und ver- hindert, das Bindungsobjekt als Person in ihrer eigenen Realität wahrzunehmen (Fonagy 2008). Ein frühes, sicheres Bin- dungsangebot dagegen fördert die Ausbil- dung der Fähigkeit zum Mentalisieren. Si- cherheit und Verlässlichkeit bilden dann gleichsam den Rahmen oder den Behäl- ter (Green 1975) innerhalb dessen Menta- lisierung stattfinden kann. Kommt es zu Traumatisierungen in- nerhalb der Bindungsbeziehung, wird ei- nerseits die Bindung gesucht, andererseits jedoch ist die Fähigkeit, sich vor Trauma- tisierungen zu schützen, verstellt. Das als Sicherheit gesuchte Bindungsobjekt ist das traumatisierende Objekt. Das hat beson- ders schwerwiegende Folgen für Kinder bzw. Jugendliche. Sie sind in einem Bin- dungstrauma aktivierenden Bindungssys- tem, das mit Suchtneigungen verbunden ist, gefangen (Insel 2003; Schore 2002). 6 Es handelt sich dabei um einen biologischen Teufelskreis. Die bindungverursachende Hemmung der Mentalisierung ist mit ei- ner traumaverursachenden Hyperakti- vierung des Bindungssystems kombiniert (Fonagy 2008). Dieser Sog, der vom Bin- dungstrauma ausgeht, erklärt, warum es mitunter zu malignen Entwicklungen un- ter der Therapie misshandelter Kinder und Jugendlicher kommt. „Diese Angst zwingt automatisch, sich dem Willen des Angreifers unterzuord-

Dies könnte erklären, warum so viele Süchtige eine Traumakarriere haben.

nen, jede seiner Wunschregungen zu er- raten und zu befolgen, sich ganz selbst- vergessen mit dem Angreifer zu identi- fizieren. Durch die Identifizierung mit dem Angreifer – besser Introjektion, ver- schwindet dieser als äußere Realität und wird intrapsychisch, aber unterliegt einem traumhaften Zustand, wie die trauma- tische Trance einer ist. Jedenfalls hört der Angriff als die starre äußere Realität zu existieren auf, und in der traumatischen Trance gelingt es dem Kind, die frühere Zärtlichkeitssituation aufrechtzuerhal- ten.“ So beschreibt schon Ferenzci (Feren- czi 1933, S. 399), was geschieht, wenn ein Kind Schmerzerfahrungen durch einen Elternteil ausgesetzt ist. Durch Introjek- tion der Täter-Opfer-Erfahrung kommt es zu einer Fixierung an den Moment des traumatischen Geschehens. Das ganze traumatische Geschehen wird verinner- licht. Das Kind bleibt in einer Gut-böse- Konfusion an den Täter als dem bedeut- samen Objekt gebunden, dem es sich per Mimikry, per Anpassung und Anglei- chung unterwirft. Eine derartige trauma- tisch bedingte Objektbeziehung ginge bei Bastian damit einher, dass er vom Thera- peuten potenziell Peinigung oder aber die Befriedigung von Zärtlichkeitswünschen erwartet. Er ist fixiert an das Trauma, ob verbunden mit einer Traumaphobie oder einer Traumaphilie, einer Neigung, das Trauma im Denken, Fühlen und Handeln zu wiederholen (Blum 1996). Er identifi- ziert sich mit dem Therapeuten/Aggres- sor/Täter und ist bemüht, es recht zu ma- chen, ein guter Junge zu sein und die ihm früh versagte Anerkennung zu finden bzw. den Therapeuten/Täter zumindest zu beschwichtigen. Zugleich verbleibt er in einem hochgradigen Stresszustand, in einer Habachtstellung abgetrennt von sei- nen Gefühls- und Körperempfindungen – letztlich misshandelt. Wurde ein Kind in seiner frühen Ent- wicklung misshandelt, vernachlässigt oder missbraucht, dann war es überwältigender Angst und unerträglichem Schmerz aus- gesetzt, einem Zustand von tiefer Hilflo- sigkeit und Einsamkeit ohne Resonanz und Mitgefühl. Diesen Zustand konnte es durch nichts, auch nicht durch Schreien verändern, es gab keine Mittel, ihn zu be- enden oder auch nur zu mildern. Die kör- perlichen und psychischen Schmerzerfah-

Zusammenfassung · Abstract

Psychotherapeut 2010 · 55:98–105 DOI 10.1007/s00278-010-0730-2 © Springer-Verlag 2010

Annette Streeck-Fischer

Angriffe auf Körper und Seele. Gewalt in der kindlichen Entwicklung

Zusammenfassung Erfahrungen von Misshandlung und Ver- nachlässigung in der frühen Entwicklung ge- hen zumeist mit vielfältigen ungünstigen Fol- geerscheinungen einher, die sich von Stö- rungen bei Traumatisierungen zu einem spä- teren Zeitpunkt abheben und die Diagnose einer Entwicklungstraumastörung begrün- den. Sie führen zu einer Traumatisierung in der Bindung mit charakteristischen Bezie- hungsgestaltungen, in denen das„Bindungs- trauma“ wiederholt wird. Für die therapeu- tische Arbeit ist es bedeutsam, diese Reinsze- nierungen zu erkennen, da es ansonsten zu Verstrickungen auf dem Niveau des Äquiva- lenzmodus oder infolge von Pseudomentali- sierung kommt, die therapeutisches Arbeiten verhindern. In diesen Fällen ist der Raum der Kommunikation, die Fähigkeit zu Symbolisie- rung in Sprache und Spiel kollabiert.

Schlüsselwörter Misshandlung · Frühe Entwicklung · Traumati- sierung · Bindung · Symbolisierung

Attacks against body and soul. Violence in child development

Abstract Experiences of abuse and neglect in early childhood generate mostly manifold adverse consequences differing from disturbances due to traumatizations in later developmen- tal phases. They justify the diagnosis of devel- opmental trauma disturbance. They lead to traumatization in the attachment with char- acteristic relationship configurations repeat- ing the“attachment trauma”. For therapeu- tic work it is important to recognize these re- enactments, otherwise it may come to en- tanglements at the level of the equivalence mode or because of pseudomentalization, thus preventing therapeutic work. In these cases the space for communication, the abili- ty of symbolization in language and play col- lapses.

Keywords Abuse · Early development · Traumatization · Attachment · Symbolization

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rungen treffen das Kind in seiner Ganz- heit und schlagen sich nicht nur psy- chisch, sondern auch biologisch, senso- motorisch und affektiv-kognitiv nieder. Diese totale Abhängigkeit scheint durch- aus mit Erfahrungen von Gefolterten ver- gleichbar zu sein, die – wie Amati (Ama- ti S 1990) beschrieben hat – ihr Überleben dadurch zu sichern versuchen, dass sie auf einen nichtintegrierten Zustand regredie- ren, der mit einem Verlust der Einheit von Psyche und Soma sowie dem Verlust des Realitätssinns einhergeht. Der Gefolterte kehrt zu einem Zustand zurück – Ama- ti spricht von Doppeldeutigkeit (den am- biguiden Kern) –, indem er sich in völ- liger Abhängigkeit, Symbiose und Hörig- keit an den Folterer bindet (Amati 1977). Winnicott (1978) nannte diesen Zustand „primäre Agonie“. Auch das Stockholm- Phänomen (Julich 2005) scheint damit verwandt zu sein: Die traumatisierte Per- son – unfähig zu fliehen und isoliert von Mitmenschen – nimmt den bedrohlichen Täter als Versorger und Beschützer wahr, besser gesagt: muss ihn zwangsläufig so wahrnehmen. Bei einem Bindungstrauma ist aller- dings – anders als im Erwachsenenalter – die gesamte Persönlichkeit davon erfasst. Der Therapeut sucht hier auch keine trau- matischen Erinnerungen, sondern wird in traumatische Beziehungskonstellationen hineingezogen (Davies 1997), die durch angstauslösende Situationen immer wie- der aktiviert werden.

renz des Selbst 7 zerbricht. Es kommt zu einer Verdoppelung der Persönlichkeit, zur Aufspaltung in verschiedene Selbst- zustände im affektiven Erleben, in den kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten und der somatosensorischen Integrati- on. Dieser Verlust des Einheiterlebens als Folge früher traumatischer Übergriffe geht über die Aufspaltung in Teilobjektbe- ziehungen wie bei Borderline-Störungen weit hinaus. Frühe Traumata verhindern die nor- male Entwicklung der Fähigkeit zu sym- bolisieren oder zerstören sie. Die symbo- lische Funktion beinhaltet die Fähigkeit, biologisch organisierte Verhaltens- und Gefühlszustände in mentale Vorstellun- gen zu transformieren und damit kom- munizierbar zu machen. Die Symbol- bildung ist von der Differenzierung von Selbst und Objekten abhängig. Erst eine „Grenzschicht zur Realität“ – so Winni- cott (1978) – versetzt das Kind in die La- ge, zwischen der symbolisierten Sache und dem Symbol sicher zu unterschei- den. Indem frühe Traumata die Gren- ze zwischen Ich und Nicht-Ich auflösen, kann auch zwischen Symbol und symbo- lisiertem Objekt nicht differenziert wer- den. Bei frühen Traumatisierungen wird das Symbol mit dem symbolisierten Ob- jekt gleichgesetzt, z. B. „ist das Tuch ein Gespenst“, das heißt, es repräsentiert nicht – wie im Spiel – das Gespenst. Indem wir Vorstellungen von etwas entwickeln, ge- lingt es, mit sich, seinem Körper und der äußeren Welt zu kommunizieren, Emoti- onen und Repräsentationen von Vergan- genheit und Zukunft zusammenzubrin- gen und zu denken (Bonomi 2004). Ent- wickelt sich die Persönlichkeit unter trau- matischen Belastungen, wird die verbin- dende Funktion der Symbolisierung zer- stört. Es gibt dann abgespaltene Teile ne- beneinander her, die nicht kommunizie- rend miteinander verbunden werden kön- nen (Boulanger 2002). So ist Bastian im Gespräch schweißnass, zittrig und vol- ler Angst, kann dies aber nicht mitteilen. Gefühl und Verstand, Körper und Seele (Ferenczi 1933; Mc Dougall 1998; Ogden

2005) werden unter frühen traumatischen Belastungen wie auseinandergerissen. Af- fekte, die nicht repräsentiert wurden, tau- chen wie isoliert auf, scheinbar jenseits ir- gendwelcher Zusammenhänge, manch- mal in befremdenden, unverständlichen körperlichen Gebärden. Gefühlssensa- tionen verbleiben unerkannt im körper- lichen Ausdrucksverhalten, während der Verstand – abgetrennt von Emotionen – eine Notreifung im Sinne einer vorder- gründigen Anpassung, einem Mimikry, macht (Ferenczi 1933). So sind auch Ver- suche, frühe Traumatisierungen symbo- lisch zu fassen, in Wirklichkeit nachträg- liche Überarbeitungen und der Gefahr der Psychologisierung ausgesetzt (Bono-

mi

2003; Bonomi 2004). Wenn man das

misshandelte Kind fragt: „Und wie ist es Dir in dieser Situation ergangen?“, kann es sein, dass dann die Antwort kommt:

„Ich weiß nicht“, das Kind dabei aber ei-

ne

Körperbewegung macht, als versuche

es sich vor Prügeln zu ducken. Das kön- nen Botschaften vergangener, oft auch

noch aktueller Erfahrungen sein, die als Erinnerungsfragmente in körperlichen Reaktionen auftauchen und im prozedu- ralen Gedächtnis aufgehoben sind. Sol-

che

Prägungen im prozeduralen Gedächt-

nis

(„primings“) und Konditionierungen

werden durch angstauslösende Stimuli ge- setzt (Luethi et al. 2009). „Ich weiß nicht“ als Antwort des Kin- des auf die Frage nach seinem Erleben

ist

möglicherweise die beste Lösung, um

Verlust von Selbstkohärenz

Kontrolle über die Situation zu behalten und den anderen zu beschwichtigen. Da-

bei

können „eigenartige Loyalitäten“ ei-

Konfrontiert mit solcher existenziellen Not und Konfusion regrediert das Kind in einen Trancezustand: Weil Angriff oder Flucht nicht möglich sind, ist Dissoziation die einzige Rettung (Ferenczi 1933). Dabei geht die Einheit des Selbst verloren. Inte- grationsfähigkeiten, über die der Säugling von Geburt an verfügt, wie z. B die sen- somotorische Integration oder die Ver- bindung von Körper und Psyche, brechen unter derartigen traumatischen Belastun- gen zusammen (Dornes 1993). Die Kohä-

Rolle (Fairbairn 1952) spielen, die Fair- bairn mit dem Bedürfnis solcher Kinder

ne

erklärt hat, innere Objekte zu haben, auch wenn es sich um schädigende Objekte handelt. Würden auch diese verloren ge- hen, bliebe nur eine leere innere Welt. 8 Körperliche Ausdruckssequenzen wie

ein

verzerrtes Gesicht, das Bastian für ei-

nen kleinen Moment zeigt, oder eine un- motiviert erscheinende Abwehrbewe- gung können „reenactments“ von Trau-

 

8

Dies ist in der Therapie von früh sowie kom- plex traumatisierten Kindern und Jugendlichen ein besonders wichtiger Aspekt, der sich mit der Frage verknüpft, welcher Teil der elterlichen Objekte Bestand haben kann, weil er nicht böse, betrügerisch, missbrauchend usw. ist.

 

7

Stern (1985) hat sie auf das körperliche Ganze als Handlungszentrum bezogen; Jaspers (1913) definiert sie umfassender als Einheit der Identi- tät und des Ich.

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mata sein. Es sind unartikulierte und un- integrierte mentale Zustände. Der Körper wird gleichsam zum Kanal unverarbei- teter mentaler Zustände. Deutlich treten unintegrierte Zustände bei Kindern mit desorganisierten Bindungen (Cicchetti u. Carlson 1989) zutage, bei denen es sich zu 80% um Kinder mit frühen traumatischen Belastungserfahrungen handelt. In be- drohlichen Situationen können sie weder ihre emotionalen Zustände regulieren, noch sind sie in der Lage, sich auf ande- re zu verlassen, die ihnen helfen könnten. Die Pflegeperson ist beides gleichzeitig, Quelle von Wohlbefinden und von Be- drohung. Das führt zu widersprüchlichen Reaktionen, zu Flucht („flight“) vor der und zur Annäherung an die Pflegeper- son, mit einem Erleben von Furcht ohne Lösung und einem Kollaps von Verhal- tensstrategien. Im Alter von 5 bis 7 Jah- ren werden solche desorganisierten Mus- ter durch die Fähigkeit des Kindes erwei- tert, die Beziehung zu kontrollieren – im Sinne von Notreifung. Dabei wird Kon- trolle vor allem mithilfe angepassten oder aggressiven Verhaltens ausgeübt. Bastian hat den Weg gewählt, Kontrolle dadurch zu erreichen, dass er sich vordergründig an die Erwartungen des anderen anpasst.

Mentalisierungsstörungen mit der Folge von Mimikry und Reinszenierung

Je reichhaltiger und flexibler die Bilder sind, die eine Person sich von sich und anderen macht, desto eher kann sie über die eigenen sowie die Gedanken und Ge- fühle anderer nachdenken. Damit diese Fähigkeit des „Mentalisierens“ erworben werden kann, müssen dem Kind in frü- hen Pflegesituationen seine Affekte ge- spiegelt, markiert und gekippt worden sein. Der Erwerb der Mentalisierungefä- higkeit wird mit der Fast-wie-ich-aber- nicht-genau-wie-ich-Hypothese (soziale Biofeedbacktheorie von Gergely u. Wat- son 1996) erklärt. Indem etwas fast ge- nauso zurückgespiegelt wird, ermöglicht es zwischen Ich und Nicht-Ich zu diffe- renzieren. So wird beispielsweise Beängs- tigendes, Unerträgliches von der Pflege- person aufgenommen, gespiegelt und in veränderter und damit erträglicher Form zurückgegeben. Auch im spielerischen

Als-ob, das in der Entwicklung später be- deutsam wird, spiegeln die Eltern die Af- fekte zurück: Angesichts des Tuches, das im Spiel ein Gespenst repräsentiert – sagt die Mutter etwa: „Oh, bist Du ein liebes oder ein böses Gespenst? Wenn Du böse bist, möchte ich Dich lieber im Schrank einsperren“. Durch solche Spiegelungen und Metabolisierungen von Affekten ent- wickeln sich beim Kind Repräsentationen des Selbst und der Objekte, die es in die Lage versetzen, sich in Sprache oder Spiel symbolisch mitzuteilen. Misshandelte und vernachlässigte Kin- der zeigen in der Regel Mentalisierungs- störungen; vor allem Störungen im Mo- dus psychischer Äquivalenz und im Als- ob-Modus (Fonagy et al. 2004):

F

Wenn die innere Realität im Mo- dus psychischer Äquivalenz wahrge- nommen wird, werden innere Ver- fassungen mit der aktuellen Situati- on verbunden, und die innere Reali- tät des Kindes oder Jugendlichen ent- spricht ganz der äußeren (z. B. ist der Therapeut in einem solchen Fall das misshandelnde Objekt). Die bereits erwähnte symbolische Gleichsetzung kann als eine Folge der Entwicklungs- arretierung psychischer Realität ver- standen werden.

F

b) Wenn sich eine Tendenz entwi- ckelt, in den Als-ob-Modus zu verfal- len, werden Teile des Erlebens (z. B. die Affekte) oder der Realität abge- spalten, und ein dissoziationsähn- licher Prozess kommt zum Tragen.

Äquivalenzmodus

Im Äquivalenzmodus sind die Grenzen zwischen Innen und Außen, zwischen in- nerer und äußerer Realität aufgelöst. In- nere Realität ist der äußeren Realität äqui- valent – gleich. Traumatische Vergangen- heit bricht fortlaufend in die Gegenwart ein, so als würde sie im Moment gesche- hen. Auch Vergangenheit und Gegenwart sind nicht unterschieden. 9

9 Ein gutes Beispiel dafür findet sich in dem Film Good Will Hunting: In der Erstbegegnung bringt Will Hunting den Therapeuten innerhalb von 5 Minuten dazu, dass dieser ihn würgt und Morddrohungen ausstößt. Dies gelingt ihm, indem er diffamierende Äußerungen über die (gerade verstorbene) Ehefrau des Therapeuten macht.

Von jugendlichen Borderline-Patienten ist bekannt, dass sie Misshandlungserfah- rungen der Vergangenheit unmittelbar im Hier und Jetzt reinszenieren – mit wech- selnden Rollen als Opfer und Täter. Sie verstricken ihr Gegenüber leicht in ma- ligne Überwältigungs- oder Vergewalti- gungsszenarien, etwa indem sie Ärzte da- zu bringen, von ihnen zu fordern, sich zur Leibesvisitation nackt auszuziehen, um versteckte Schneidewerkzeuge zu finden, oder dazu, sie körperlich zu überwältigen, etwa, um sie in eine geschlossene Einrich- tung zu verlegen. Traumatische Ereignisse werden durchlebt, werden aber nicht als Teil der eigenen Person erfahren. Sie werden nicht mentalisiert, sondern konkretisiert. Freud hat an traumatischen Neurosen beschrie- ben, dass bei Wiederholungsinszenie- rungen eine Fixierung an den Moment des traumatischen Unfalls vorliege: als ob die Betroffenen „mit der traumatischen Situation nicht fertig geworden wären, als ob diese noch als unbezwungene Aufgabe vor ihnen stände“ (Freud 1969, S. 284). Er sah in der Wiederholung das Bemühen, die Situation unter Kontrolle zu bekom- men. Andere gehen davon aus, dass der Wiederholungszwang biologisch veran- kert ist, z. B. dass der mit der Retraumati- sierung verbundene Schmerz analgetische Reaktionen hervorruft, die eine Erleichte- rung verschaffen (Orlandini 2004). Verzerrte Wahrnehmungen von Kin- dern oder Jugendlichen, die sich bedroht oder misshandelt fühlen, ohne real be- droht oder misshandelt zu werden, brin- gen die Gefahr mit sich, dass immer glei- che bedrohte/bedrohliche oder schmerz- hafte Situationen, wie sie sie ursprünglich erfahren haben, hergestellt werden und dass sie die Realität immer wieder gleich beängstigend wahrnehmen, ganz so, wie es ihren ursprünglichen Erfahrungen entspricht. Wenn Bastian heftig mit der Faust gegen die Wand schlägt, kann das dahin gehend verstanden werden, dass aufgrund von Beschämungen in der Hel- ferkonferenz mit den Betreuern frühere Misshandlungen schmerzhaft aktualisiert wurden, die er – sich an der Wand verlet- zend – durch täter- und opferhaftes Ver- halten konkretisiert hat. Wird die trauma- tische Szene in dieser Weise reaktiviert, dann wird nicht mentalisiert – es gibt kei-

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ne Vorstellung von dem Geschehen, son- dern es wird blind wiederholt bzw. kon- kret gehandelt.

Als-ob-Modus oder Mimikry

Wenn der Als-ob-Modus persistiert, wer- den Teile des Erlebens oder der Realität abgespalten. Bei Abspaltung von Emotio- nalität stehen kognitive Bewältigungen im Vordergrund, die Pseudomentalisierung zur Folge haben. Dabei wird das Verhal- ten mithilfe von gelerntem Wissen nach- träglich erklärt, ohne den Kern der ur- sprünglichen Erfahrung zu treffen. Statt im Reden innerlich mit sich in Verbin- dung sein zu können, sprechen betrof- fene Kinder und Jugendliche vordergrün- dig angepasst über ihre Erfahrungen, als Ausdruck einer Notreifung mit gleich- zeitiger Seelenblindheit. Sie reden über sich, ohne sich mitzuteilen. Beim Gegen- über stellen sich leicht Gefühle von Lan- geweile, Gleichgültigkeit oder Misstrauen ein, selbst dann, wenn inhaltlich brisante Themen zur Sprache kommen. Die Kin- der und Jugendlichen haben es gelernt, ihr Leben an die sie umgebende, für sie bedrohliche Realität oberflächlich anzu- passen, ein Verhalten, das ihnen hilft, ei- nen totalen Zusammenbruch ihrer Bezie- hungen und bedrohliche Gefühle zu ver- meiden. Menschen sind für sie vor allem potenzielle Schmerzquellen. Ihr Deck- verhalten ist ein kognitives Coping und macht es ihnen möglich, Kontakt zu er- tragen. Oftmals erfährt man von den da- hinter liegenden traumatischen Implanta- tionen allenfalls beiläufig – vielleicht kann sich das Kind in stressvollen Situationen nicht steuern oder zeigt eine Tendenz, Tiere zu quälen, etwa dann, wenn das un- berechenbar Triebhafte eines Tieres Zu- stände aktiviert, die ansonsten im Verbor- genen gehalten werden. Manchmal spre- chen Kinder und Jugendliche in Identifi- kation mit dem Aggressor nur nach, was der andere zuvor gesagt hat. Unter Bedro- hung kann das zu einem Papageiendialog (Balzer 1990) werden, in dem wörtlich wiederholt wird, was zuvor gesagt wurde. 10

10 Eine extreme Variante kommt in dem Film„Clockwork Orange“ von Stanley Kub- rick vor. Dort ahmt der Jugendliche unter mas- siver Bedrohung das Reden des vermeintlich Stärkeren papageienhaft nach.

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Schwerpunkt: Gewalt – Originalie

Pseudodialoge sind in der Therapie sol- cher Kinder und Jugendlichen nicht sel- ten. Auch Bastian zeigt entsprechende Be- reitschaften. Seine Antworten wie „rich- tig“ oder „So kann man sich das denken“ deuten dies an – ebenso wie die zusam- menfassenden Wiederholungen des The- rapeuten, die keinen neuen Erkenntnis- wert haben.

Störungen in der Selbst-, Affekt- und Impulsregulierung

Als weitere Folge früher existenzieller Be- drohung in der Entwicklung kommt es zu chronischen psychobiologischen Dys- regulationen, die mit Störungen in der Selbst-, Affekt- und Impulsregulierung einhergehen. Den Kindern und Jugend- lichen fehlt die Fähigkeit, Spannungszu- stände, Affekte und Impulse zu regulieren. Sie sind unruhig, hyperaktiv, überdreht und suchen nach Sofortlösungen sowie Ersatzbefriedigungen, um sich zu entlas- ten oder sich unangenehmer Gefühle zu entledigen, oder sie reagieren starr, wie eingefroren, sind gefühlskalt und kaum erreichbar. Sie vermeiden Blickkontakt und neigen zu heimlichen destruktiven Attacken gegen sich und andere. Bastian kann sich in strukturierten Si- tuationen ausreichend gut regulieren. Er ist dann gleichsam von der Regulierung der anderen strukturanbietenden Person, an die er sich anpasst, mit abgestützt. So- bald er aber allein ist oder in Stress gerät, z. B in Situationen, in denen er sich be- droht oder misshandelt fühlt, ist er über- fordert. Das Gespräch mit den Betreu- ern der früheren Wohngemeinschaft, die ihn bloßstellten, hatte eine solche Bedeu- tung. Bastian geriet in einen diffusen Aus- nahmezustand von Erregung und Erstar- rung. In einem solchen Zustand sind bei- de Komponenten des autonomen Nerven- systems aktiviert, die sympathikotone – Energie erzeugende – und die parasympa- thikotone – Energie bewahrende – Kom- ponente. Das bedeutet zugleich einen Zu- stand der Übererregung und der massiven Bremsung, der mit einer Erstarrungsre- aktion einhergeht. Es ist ein Zustand, den Schore (2002, S. 231) mit dem Bild ver- glichen hat, als Autofahrer „gleichzei- tig auf das Gas und die Bremse zu tre- ten“. Fremd- und selbstdestruktives, im-

pulsives, riskantes und süchtiges Verhal- ten – Bastian verletzte sich selbst – hat dann eine Ventilfunktion für solche un- erträglichen Zustände. Es handelt sich da- bei um eine Art Selbsthilfemaßnahme, die ermöglicht, den inneren katastrophischen Zustand zu überwinden. Ergebnisse aus der Tierforschung las- sen vermuten, dass die mütterliche Über- nahme von Regulationen in der frühen Pflege, wie etwa die Wärmezufuhr oder die Verdauungsregulation durch Lecken, eine zentrale Rolle spielen (Hofer 1996). Der Übergang von einer „vorgebundenen Phase“ – vor der Entwicklung einer Bin- dung – hin zu einer gebundenen Phase wird als Übergang von versteckten physi- ologischen Regulationen, die durch müt- terliches Pflegeverhalten mitreguliert wer- den, verstanden. Dieser Übergang geht mit spezifischen neuronalen Verschal- tungen im Zentralnervensystem einher. Misslingen solche Regulationen, wie di- es bei frühen Traumatisierungen der Fall ist, gerät das Kind bereits unter geringfü- gigen Belastungen in Stresszustände. We- ge mit reflexhaften Antwortmustern wie Flucht, Dissoziation, Erstarrung oder An- griff sind gleichsam wie Autobahnen im Gehirn vorgeprägt. Solche reflexhaften Bahnungen liegen dem Bindungstrauma zugrunde und erschweren oder verhin- dern gar jedes Lernen aus Erfahrung.

Fazit für die Praxis

Der Therapeut gerät als bedeutsames Objekt in die psychotoxische Übertra- gung der traumatisierten Bindung hin- ein und aktiviert damit einen Zustand, in dem Arbeiten – anders gesagt Men- talisieren oder Dezentrieren nicht mehr möglich ist – was maligne Entwicklun- gen aktiviert. Besonders in der Adoles- zenz begegnen wir dem Problem, dass Jugendliche darin gefangen bleiben und Schritte der Entwicklung der altersspe- zifischen Ablösung vermeiden; dies ist am Ende mit der Gefahr verbunden, eine traumatische Identität zu entwi- ckeln. Der Raum der Kommunikation, die Fähigkeit zur Symbolisierung in Spra- che und Spiel ist bei traumatischen Bin- dungserfahrungen kollabiert. Es gibt kei- nen Raum der Betrachtung. Eine diffe- renzierte Betrachtung von innerer und

äußerer Realität ist nicht möglich, die Grenze zwischen beidem verschwimmt, ob im Als-ob- oder im Äquivalenzmodus. Im Äquivalenzmodus wird das Gefühl der Bösartigkeit oder der ersehnten Liebe di- rekt in reale Erfahrungen von Bösartig- keit oder sexueller Überwältigung um- gewandelt. Traumatische Erfahrungen werden wiederhergestellt und führen zu Selbstzerstörung. Gelingt es dem Be- handler nicht, diese malignen Inszenie- rungen zu erkennen und sich davon zu distanzieren, wird er in seinen therapeu- tischen Bemühungen scheitern.

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med. Annette Streeck-Fischer Asklepios Fachklinikum Tiefenbrunn 3712 Rosdorf annette.streeck@t-online.de

Interessenkonflikt. Der korrespondierende Autor gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

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Fachnachrichten

Deutsche Depressionsliga gegründet

Die erste bundesweite Selbsthilfeorgani- sation und Interessenvertretung für Depres- sive wurde gegründet: Die Deutsche Depres- sionsLiga. Das Besondere: Der gemeinnützige Verein besteht ausschließlich aus Betroffenen und deren Angehörigen und arbeitet voll- kommen unabhängig von Politik, Medizin und Pharmaindustrie.

Die Deutsche DepressionsLiga will die Erfah- rungen ihrer Mitglieder mit der Krankheitsbe- wältigung, die Kompetenz der Betroffenen, für alle zugänglich machen. Sie will anderen Depressiven helfen, den Weg aus der Iso- lation zu finden und die Behandlung ihrer Erkrankung zu optimieren. Sie will gegensei- tige Unterstützung und Austausch anbieten und den Dialog fördern, um das Tabu der psy- chischen Erkrankung endlich zu brechen. Ein Teil der Gründungsmitglieder hat mit dem auch in Fachkreisen sehr beachteten Buch„Schattendasein - Das unverstandene Leiden Depression“ bereits den ersten Grund- stein gelegt - für ein aktives Eingreifen in die zum Teil desolate Situation Depressiver. Das Motto: Betroffene für Betroffene.

Ziele der Liga:

- Vertretung der Interessen Depressiver gegenüber Politik, Gesundheitswesen und Öffentlichkeit -Angebote der Hilfe und Selbsthilfe für die Betroffenen -Verbesserung der medizinischen und psy- chologischen Versorgung

- Aufklärung der Öffentlichkeit

- Impulse für die Forschung

Quelle: Deutsche DepressionsLiga, www.depressionsliga.de

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