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Christopher A.

Weidner: Chiron im Horoskop


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Chiron – seine Deutung und Bedeutung im Horoskop


Von Christopher A. Weidner
(Auszug aus dem Buch „Das Arbeitsbuch zum
Horoskop“, erschienen als Knaur
Taschenbuch)

Die Kentauren
Chiron ist in der Astrologie schon lange kein Unbekannter mehr: zahllose Publikationen
säumen seinen Weg in die Deutungspraxis der Astrologen. Aber wer ist Chiron? Aus
astronomischer Sicht handelt es sich um einen Kleinplaneten aus der Gruppe der Kentauren
– ungewöhnliche planetenartige Objekte, die in sehr unterschiedlichen und teils stark
elliptischen Bahnen zwischen Saturn und Pluto ihre Kreise ziehen. Sie wurden aufgrund ihrer
Doppeldeutigkeit – sie sind weder richtige Asteroiden noch richtige Kometen – nach den
mythologischen Zwitterwesen benannt: halb Pferd, halb Mensch. Möglicherweise handelt es
sich um eingefangene Kometen oder aber sie entstammen einer entlegenen Region jenseits
der Plutosphäre und wurden durch die Gravitationskräfte des Riesenplaneten Neptun in das
Innere des Sonnensystems gezerrt, wo sie bis heute geblieben sind. Zumeist kreuzen sie die
Bahnen der Hauptplaneten und schlagen so Brücken zwischen ihnen – was auch der
Schlüssel für ihre astrologische Bedeutung ist.

Chiron ist der erste Kentaur und wurde 1977 entdeckt. In den 1990ern kam es bis heute zu
weiteren Entdeckungen und bislang sind achtzehn Kentauren bekannt (Stand Mai 2000), von
denen nun sechs einen Namen tragen. Die Namensgebung erfolgte (bis auf Chiron selbst)
auf eine Initiative von Astrologen, welche die mythologische Reihe der Kentauren fortsetzen
wollen. Zugleich soll durch die Taufe des Kleinplaneten gewissermaßen auch seine
astrologische Bedeutung geboren werden, so wie sich auch die Bedeutung der klassischen
Planeten in den Eigenschaften der Gottheiten widerspiegelt, nach denen sie benannt sind.

Getauftes Gestein
Damit jedoch tut sich ein Problem auf: Die Namen der klassischen Planeten kamen nicht
durch Taufe zustande, sondern sie wurden den Himmelskörpern aufgrund ihrer sichtbaren
Eigenschaften verliehen – der rote Planet wurde zu Mars, weil er mit seiner Farbe an das
Blut des Schlachtfeldes erinnerte, der strahlende Morgenstern trug den Namen der Venus,
weil er mit seiner Schönheit der gleichnamigen Göttin huldigte etc. Stets ergab sich der
Name aus der Anschauung des Himmels, an der sich auch die astrologische Bedeutung

© 2002 Christopher A. Weidner


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orientiert: die mythologische Bedeutung eines Planeten war nicht ausschlaggebend für die
Deutung im Horoskop, sie fiel lediglich mit ihr zusammen. So erscheint es zunächst
merkwürdig, dass eine Handvoll Astrologen bestimmen, was ein Kleinplanet zu bedeuten
habe, indem sie ihn mythologisch etikettieren und aus dem Mythos eine allgemein
verbindliche Deutung destillieren wollen.

Die Taufe eines Planeten findet seine Vorläufer in den Namen der drei Transsaturnier
Uranus, Neptun und Pluto. Im Gegensatz zu den Kentauren aber verfügen wir heute über
ausreichend Erfahrung in der astrologischen Deutungspraxis, so dass wir ihre Bedeutung
besser einschätzen können und auch überprüfen können, inwieweit ihre Namen mit den
Phänomenen, die sie auslösen, übereinstimmen. Dabei hat sich gezeigt, dass weniger der
Name selbst der Schlüssel zur Deutung der neuen Planeten ist als vielmehr der historische
Moment, in den ihre Entdeckung eingebettet war.

Die astrologische Bedeutung


Eine Bedeutung der Kleinplaneten sollte sich meiner Auffassung nach in erster Linie nicht
am Namen aufhängen, sondern auf Beobachtung beruhen und der Frage nachgehen:
Welcher geschichtliche Augenblick spiegelt sich in seiner Entdeckung?

Eine weitere Möglichkeit, sich mit dem Wesen eines neu entdeckten Planeten
auseinanderzusetzen, besteht in der Analyse seines Entdeckungshoroskops. Dank der
akribischen Sorgfalt in der modernen Himmelsbeobachtung, verfügen wir über präzise
Angaben, die uns die Erstellung eines Horoskops ermöglichen. Der Gedanke ist einfach und
wurzelt zutiefst in astrologischer Anschauung: Die erste Sichtung eines Himmelskörpers
kann mit dem Geburtsmoment verglichen werden – der Planet tritt an das Licht der Welt und
damit in unser Bewusstsein. Eine besondere Bedeutung dürfte dem Aszendentenzeichen
eines solchen Entdeckungshoroskops zukommen, denn es verrät uns, was dieser Planet hier
will!
Natürlich darf auch der astronomische Standpunkt nicht zu kurz kommen, und so sind sich
bislang alle Kentauren-Forscher einig, dass der besonderen Bahnlage eines jeden
Kentauren eine wichtige Rolle in der Beschreibung seines Charakters zukommt. Jeder
Kentaur verbindet nämlich durch seine elliptische Bahn die Sphären der Planeten von Saturn
bis Pluto – sie schlagen eine Brücke zwischen der alten Grenze der klassischen Siebenheit,
die mit Saturn vor der Entdeckung des Uranus abgeschlossen war, und den neuen Planeten:
zwischen den sichtbaren und den unsichtbaren oder nur mit Teleskopen sichtbaren
Wandelsternen.

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Die mythologischen Kentauren mit dem Unterleib eines Pferdes und dem Oberkörper eines
Menschen vereinen in ihrer Gestalt die Welt des Tierischen und der Welt des Menschlichen.
Damit verkörpern sie den Zwiespalt zwischen jenen instinkthaften Teilen in uns, die wir mit
allen Menschen teilen, ob wir das wollen oder nicht, und den Teilen unserer Persönlichkeit,
die unsere Individualität ausmachen.

So ergibt sich für jeden Kentaur eine Konstellation, gebildet aus den Planeten, deren
Sphären er verbindet. (Eine Ausnahme bildet Chariklo: Sie verlässt die Sphäre des Uranus
nicht).

Zusammengefasst können folgende Kriterien uns Aufschluss über das Wesen eines
Kentaurs geben:

der geschichtliche Moment seiner Entdeckung

das Horoskop seiner Entdeckung

die Konstellation der Planeten, welche er durchseine Umlaufbahn verbindet

sein mythologischer Name.

Hier eine Übersicht über die wesentlichen Fakten der sechs bislang benannten Planeten:

Jahr der
Name Umlaufzeit
Aszendent Brücke zwischen …
Entdeckung
Chiron 50 Jahre 1977 26°05‘ Schütze Saturn Uranus

Pholus 92 Jahre 1992 05°40‘ Skorpion Saturn Pluto

Nessus 122 Jahre 1993 07°55‘ Steinbock Uranus Pluto

Hylonome 124 Jahre 1995 27°37‘ Skorpion Neptun Pluto

Asbolus 77 Jahre 1995 27°31‘ Steinbock Saturn Neptun

Chariklo 62 Jahre 1997 18°19‘ Jungfrau Uranus

Tabelle 1: Die sechs getauften Kentauren.

Die Sage von Chiron


Kehren wir zu Chiron zurück, der unter allen eine ganz besondere Stellung einnimmt –
schließlich bildete er den Auftakt der Kentauren, und einem alten astrologischen Grundsatz
zufolge spiegelt sich in ihm als Erstem seiner Art das grundsätzliche Wesen aller
Nachfolgenden.

Hören wir dazu seine Geschichte:

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Chiron zeichnete sich vor allen anderen Kentauren durch sein freundliches und
sanftes Wesen und seine überragenden Fähigkeiten in Astronomie, Musik, Medizin
und Kampf aus. Seiner Meisterschaft in diesen Künsten war weithin berühmt, so dass
zahlreiche Helden, darunter Achilles und Herakles, bei ihm zur Schule gingen.
Herakles war es auch, durch den er sein größtes Leid erfahren sollte: Bei einer Jagd
schoss der Held seinem Lehrer mit einem giftigen Pfeil versehentlich ins Knie. Das
Gift, das er verwendet hatte, war jenes aus dem Haupt des Schlangenungeheuers
Hydra – so stark, dass es keine Heilung geben konnte. Chiron, von göttlicher
Abstammung, konnte jedoch nicht sterben und so fanden seine Schmerzen kein
Ende trotz seiner eigenen unübertroffenen Heilkunst. Er fand erst Ruhe im Tod, als
Zeus einwilligte, dass er seine Unsterblichkeit für Prometheus opfere, der so
seinerseits von seinen ewigen Qualen erlöst wurde. Aus Dank setzten die Götter ihm
ein Zeichen und stellten ihn als Konstellation des Schützen an den Himmel.

Welche Charaktereigenschaften können wir dieser Geschichte entnehmen?


Chiron ist anders: Kentauren gelten als wild, unbeherrscht und heimtückisch – er aber ist
gebildet und besitzt die Gaben der Zivilisation. Chiron steht für das Auftauchen der
Menschlichkeit aus der animalischen Welt. Auch der Mensch ist anders: Chiron steht für
dieses erste Herausgehobensein aus einer Welt, in der jedes Tier stets das erste seiner
Art ist und sich seinen Trieben zu ergeben hat. Mit Chiron erfahren wir, welche
Eigenschaften wir mitbekommen haben, um unseren Beitrag zur Zivilisationuz leisten.

Chiron ist ein Heiler: Sein Name leitet sich möglicherweise von gr. cheir „Hand“ ab, die
heilende Hand also. An der Schwelle zwischen wildem Leben und Zivilisation ist er mit
seinen Begabungen eine Art Schamane, den keltischen Druiden vergleichbar. Chiron
steht für die intuitiven Heilkräfte in uns, das angeborene Wissen dafür, was uns gut tut
und was nicht. So wie Chiron über dieses Wissen selbstverständlich verfügt, zeigt er uns,
wie wir diese Kräfte spontan wiederin uns erwecken können.

Chiron ist Lehrer: Er begleitet die Helden mit seinem Wissen in die Reife. Chiron zeigt
uns dadurch, aus welchen Erfahrungen wir lernen können, wo uns das Leben zum
Lehrmeister werden kann. Die ursprüngliche Lektion ist das Erwachsenwerden: mit
Chiron wird uns klar, welche unserer Eigenschaften wir durch unser Leben veredeln
sollen. Wir werden selbst zum Lehrer, wenn es uns gelingt, diese Erfahrungen anderen
weiterzugeben.

Chiron wird eine nicht heilende Wunde zugefügt und damit ein nicht enden wollendes
Leiden. Er steht damit für all die Erfahrungen im Leben, die uns leiden lassen und die

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nicht aufhören zu schmerzen. Es sind tiefe Wunden: Misserfolge und Fehlschläge, die
uns gedemütigt haben und die wir immer noch in unserem Herzen tragen und für die es
keine Sühne gibt. Chiron zeigt uns den Weg zur Überwindung des Leidens – nicht indem
wir nach Rache rufen, sondern indem wir verstehen und in dem wir vom Leiden
loslassen.

Chirons Horoskop

Abbildung 1: Das Horoskop der Entdeckung Chirons.

Führen wir uns das Horoskop in seinen Grundzügen vor Augen, wobei ich mich auf den
Aszendenten und seinen Herrscher beschränken möchte:

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Der Kleinplanet Chiron wurde mit einem Schütze-Aszendenten „geboren“ – und besser
hätte er es gar nicht treffen können: Ist doch das Sternbild Schütze der Sage nach
niemand anderes als der Kentaur Chiron selbst. Mit diesem Aszendenten bringt Chiron
die Gabe mit, den Horizont zu erweitern und an sich selbst zu wachsen.
Interessanterweise befindet sich der Aszendent auf einem Kritischen Grad nach Roscher
mit dem Inhalt Jupiter/Neptun1: Diese beiden Planeten stehen in Kombination für die
Suche nach einer objektiven Weltanschauung, nach Wahrheit. Dabei sind steht Jupiter
für die diesseitige Sphäre des Lebens und Neptun für die jenseitige, die verbunden
werden wollen. Chiron verdeutlicht so erneut, dass er transpersonalen Erfahrungen eine
persönliche, mitteilbare Ebene vermitteln möchte.

Jupiter als Herrscher des Aszendenten steht in [7] und zeigt uns, wo diese Erfahrungen
gefunden werden, nämlich in der unmittelbaren Begegnung mit der Umwelt, in der
Konfrontation mit den anderen. Jupiter hat ein Trigon zur Sonne in [11]2 und diese eine
Konjunktion mit Uranus – die große Chance der Begegnung besteht im Ausleben
(Sonne) des eigenen Andersseins (Uranus, [11]), indem wir ans Licht bringen, was das
besondere an uns ist, auch wenn wir Gefahr laufen, aufzufallen und dadurch Ablehnung
und Demütigung zu provozieren. Gerade in diesen Besonderheiten aber liegt auch unser
Potential zur Unsterblichkeit, wenn man so möchte, indem wir unsere Ängste überwinden
und unser Leben einer höheren Aufgabe widmen als nur der schlichten Befriedigung der
Bedürfnisse: Jupiter ist nicht nur Herrscher von [1], sondern auch Herrscher von [12] –
und damit unser individueller Zugang zur Wahrheit.

Wenn ein Planet über zwei Häuser herrscht, kann er seinen Auftrag nur dann erfüllen,
wenn er beiden Themen gerecht wird3: Jupiter hat hier die denkbar weiteste Kluft zu
schließen, die zwischen dem Persönlichkeit begründenden ersten und dem
Persönlichkeit auflösenden zwölften Haus. Dies ist jedoch nur ein weiteres treffendes Bild
für Chiron und Kentauren überhaupt, welche das nach reinem Überleben drängende
Potential der animalische Welt (Unterleib eines Pferdes) und die spirituelle Welt, wie sie
dem menschlichen Geist offen steht (menschlicher Oberkörper), in sich vereinen.

1
Michael Roscher, Kritische Grade im Radix, Roscher Verlag. S. 87.
2
Sie befindet sich im letzten Sechstel von [10] und zählt daher nach [11].
3
Vgl. Christopher A. Weidner, Das Arbeitsbuch zum Horoskop, München 2001, S. 56.

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Der historische Moment der Entdeckung


Was würden wie erwarten von einer Zeit, in der ein Planet wie Chiron entdeckt wird? Diese
Zeit müsste geprägt sein von Verletzungen und dem Wunsch, diese zu heilen. Sie müsste
uns begreiflich machen, dass unser Leben auf Kräften gründet, die aggressiv und brutal
nach rücksichtslosem Überleben rufen und nur durch die Veredelung des menschlichen
Geistes in konstruktive Bahnen gelenkt werden können. Sie müsste uns zeigen, dass es in
der besonderen Verantwortung des Menschen liegt, das Leiden auf der Welt zu verringern
und dass er dafür auch Einbuße in Kauf zu nehmen, sich demütigen und verletzen zu lassen.
Aber machen Sie sich Ihr eigenes Bild:
Tatsächlich erlebte die Welt 1977 eine Eskalation des Terrorismus, insbesondere in
Deutschland. Den Politikern wurde klar, dass sie der Unzufriedenheit der Menschen, die sich
in diesen grausamen Gewalttaten ein extremes Ventil geschaffen hatte, nicht mehr
unbeachtet lassen konnten: der Demokratie wurde ein heftiger Schlag versetzt. In England
erstarkte eine andere Form des Protests gegen den Zwang zur Einordnung: die Punk-
Bewegung, die sich mit schrillen Klamotten und bewusst abstoßendem Äußeren (punk heißt
„Müll“) von der Masse der „Spießer“ abgrenzen, ihr Anderssein bekunden wollte: sie zeigten,
dass etwas mit der vielgepriesenen Wohlstandsgesellschaft nicht stimmen konnte.

Neben Erdbeben, Flut- und Dürrekatastrophen sowie Vulkanausbrüchen, offenbarte sich ein
neuer Zug, welcher die Menschheit vor allen anderen Spezies auszeichnen sollte: die
Ausbeutung der Natur mit ihren Folgen. Die Ölkrise vermittelte den Menschen, dass man
sich am Energievorrat der Erde nicht unbegrenzt gütlich tun konnte, in Harrisburg rutschte
man um Haaresbreite zum ersten Mal an einem Super-GAU vorbei, der 1986 schließlich in
Tschernobyl zur schockierenden Wirklichkeit wurde. Im italienischen Seveso verseuchte
Dioxin einen ganzen Landstrich, die Bevölkerung des Bikini-Atolls wird zwangsevakuiert, weil
die Verseuchung durch radioaktives Cäsium nach den Atombombentests unterschätzt
wurde, und die USA verboten als erstes Land FCKW, nachdem man herausfand, dass es die
lebensnotwendige Ozonschicht zerstört. Immer unklarer wurde auch, wie man die
radioaktiven Brennstäbe der Atomkraftwerke „entsorgen“ können – und so formierten sich
langsam Atomkraftgegner in Bürgerinitiativen, 1980 dann mit den Grünen auch als erste
Umweltschutzpartei in Deutschland. Als nach 1979 mit dem „Nato-Doppel-Beschluss“ die
Stationierung der Pershing 2 und Cruise Missile ihren Lauf nehmen soll, schließt sich die
Friedensbewegung an und immer mehr Menschen gehen für das Ende des Kalten Krieges
auf die Straße.

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Während das erste Retortenbaby geklont wird und die ersten gentechnisch geklonten Mäuse
gezüchtet werden, verbreitet sich eine neue unheimliche Krankheit in der Welt: AIDS, welche
großes Leid und Hilflosigkeit in der Welt auslöst. Und während die Menschen Sonden in die
entferntesten Winkel unserer Sonnensystems schicken, beginnt eine neue Epoche der
Kommunikation auf der Erde: auf Initiative des amerikanischen Verteidigungsministeriums,
werden Computersysteme ohne zentrale Steuereinheit zu einem Netz autonomer Einheiten
verbunden, welches im Falle eines atomaren Erstschlags funktionsfähig bleiben kann, weil
der Ausfall einer Komponente nicht das gesamte Netz zerstören kann. Diesem Netzwerk
schlossen sich nach und nach zivile Einrichtungen, Universitäten, Behörden und
Unternehmen an bis schließlich mit der Verbreitung des PC sogar Privatpersonen Zugang
fanden. Als Kind des Kalten Krieges war das Internet geboren, welches heute Millionen
Menschen in der ganzen Welt über alle Grenzen hinweg zu einer großen Gemeinschaft
verbindet.

Die Brücke zwischen Saturn und Uranus


Chiron verbindet die Sphäre des Saturn mit der des Uranus: Damit ist er der Prototyp des
Grenzgängers schlechthin, denn er schlägt eine Brücke von der klassischen Siebenheit der
persönlichen Planeten Sonne bis Saturn zum Bereich der transsaturnischen Planeten, der
mit Uranus seinen Auftakt findet. Saturn und Uranus könnten ihrem Wesen nach ungleicher
nicht sein, und doch teilen sie sich die Domizile in Steinbock und Wassermann, wobei sich
Saturn eher im Steinbock zu Hause fühlt und Uranus eher im Wassermann. In diesem
Planetenpaar verkörpert sich ein alter Zwist: Saturn steht für die Notwendigkeit, Strukturen
zu bewahren, um Stabilität und Gerechtigkeit zu garantieren; Uranus hingegen ist die
Stimme des Bedürfnisses, Strukturen aufzubrechen, um Veränderungen zu ermöglichen und
das Alte durch neue Ideen zu befruchten. Beide sind im Grunde voneinander abhängig:
Uranus kann ohne Saturn nicht, denn welche Strukturen sollte er sonst in Frage stellen
können? Und Saturn braucht Uranus, denn wer bescherte ihm denn sonst die Aufgabe, sich
um die Sicherung neuer Strukturen zu kümmern? Im Idealfall spielen sich beide in die Hand
– doch unmittelbar begegnen sollten sich die beiden lieber nicht: ihre Ansichten darüber, wie
die Dinge zu laufen haben, sind zu unterschiedlich. Wenn sie ohne puffernde Kraft
aneinander geraten, kommt es schnell zu „Dammbruch“-Situationen: Strukturen, die als
stabil und sicher galten, bekommen Risse, geben dem Druck plötzlich nach und brechen. In
Sekundenschnelle kommt es zu katastrophalen Zerstörungen und wie nach einem Erdbeben
stehen wir nur noch vor den Trümmern unserer Wirklichkeit, die wir anschließend mühselig
wieder aufbauen müssen.

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Chiron könnte nun ein solcher „Puffer“ zwischen diesen beiden Kräften sein. Seine Aufgabe
ist es, das Erworbene und für gut Befundene (Saturn) zu bewahren und zugleich offen zu
halten für Chancen, es kreativ einzusetzen (Uranus). Er zeigt uns, wo wir die Fähigkeit
besitzen, ein Stück der Ordnung, die bislang unsere Welt zusammengehalten hat,
aufzugeben, um uns für Einflüsse zu öffnen, die über unsere Persönlichkeit hinausgehen.
Denn gerade dort, wo wir etwas von uns geben, um es einem größeren Zusammenhang zur
Verfügung stellen, können wir über unser hinaus wachsen. Nach wie vor erfordert dies Mut
und nicht zuletzt die Bereitschaft, anzuecken und u.U. für den Willen zur Veränderung
Verletzungen einzustecken. Chiron zeigt uns aber, dass zugefügtes Leid für unsere
Bereitschaft, das Ungewöhnliche für ein höheres Ziel zu wagen, früher oder später belohnt
wird: unsere Taten werden am Himmel verewigt und werden weiter existieren, auch wenn wir
nicht mehr sind.

Das Domizil des Chiron


In welchem Tierkreiszeichen hat Chiron sein Domizil? Wo fühlt er sich seinem Wesen nach
am wohlsten? Während eine Astrologen das Tierkreiszeichen Waage für Chiron
beanspruchen (wohl um wenigstens die Doppelherrschaft der Venus über Stier und Waage
zu beenden), sprechen die Hinweise auf eine Zuordnung Chirons zum Schützen eine klare
Sprache:

Chiron wird nach seinem Tode zum Sternbild Schützen

sein Entdeckungshoroskop hat einen Schütze-Aszendenten

Chiron erfüllt als Lehrer und Heiler eindeutige Schütze-Qualitäten.

Ich denke, dass dies allein schon rechtfertigt, ihn neben Jupiter zum Mitregenten über dieses
Tierkreiszeichen zu machen.
Zusätzlich dürfte er eine Affinität zum Übergang zwischen Steinbock und Wassermann
haben (0° Wassermann), denn hier treffen sich die beiden Herrschaftsbereiche von Saturn
und Uranus, zwischen denen er eine Brücke schlägt.

Die Deutung Chirons


Wie gehe ich nun mit Chiron im Horoskop um? Auf welche Frage antwortet Chiron?
Chiron antwortet auf diese Kette von Fragen:
Wie überbrücke ich die Kluft zwischen meiner Persönlichkeit und dem größeren Ganzen, in
welches ich einbettet bin?

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Wo erweitert die Darstellung meines Andersseins nicht nur meinen, sondern auch den
Horizont der Gesellschaft?

Wie gehe ich mit dem Leiden um, welches mir durch mein Anderssein von der
Gesellschaft zugefügt wurde?
Wie lerne ich mein Leiden zu überwinden, indem ich Verantwortung für höhere Ziele
übernehme?

Natürlich kann dies wie alles, was wir über diesen Kleinplaneten aus astrologischer Sicht
wissen, nur provisorischer Natur seinund muss sich durch Studien in der Zukunft bestätigen.

© 2002 Christopher A. Weidner