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ORT, RHYTHMUS, STIMMUNG

Heidegger beginnt Die Sprache im Gedicht, indem er die Methode seiner Trakl-
Auslegung als „Erörterung“ bezeichnet. Die Bezeichnung dient der Selbstkenn-
zeichnung einer Interpretation, die nicht „historisch, biographisch, psychoanaly-
tisch, soziologisch an der nackten Expression“ „interessiert“ sein, sondern „den
Ort“ von Georg Trakls „Gedicht“ „bedenk(en)“ will (US S. 37). Die Rede vom
„Ort“ begleitet so die idiosynkratische Bestimmung „des“ Gedichts als Ensemble
der „einzelnen Dichtungen“ eines Dichters von Anfang an: nicht als Akzidens, son-
dern als die wesentliche Bestimmung, die den Sinn der terminologischen Setzung
allererst zugänglich machen soll. Allerdings hängt die Setzung nicht von der Expli-
kation der „Ortschaft des Ortes“ als einer gegebenen Prämisse ab, sondern Ort-
schaft des Ortes und Einheit „des“ Gedichts sind von Beginn der „Erörterung“ an
so ineinander impliziert, dass allein die Artikulation von Heideggers Text, der Voll-
zug der Erörterung, ihre Explikation vollziehen kann:

Jetzt gilt es, denjenigen Ort zu erörtern, der das dichtende Sagen Georg Trakls zu
seinem Gedicht versammelt, den Ort seines Gedichtes (US S. 37).

Das eigenartige Verhältnis von Position und Aufschub, Implikation und Explikati-
on in der Exposition der Beziehung von „Ortschaft“ und Gedicht ist aber seiner-
seits dieser Exposition nicht äusserlich. Es bestimmt vielmehr, wie der folgende
Abschnitt zeigt, Heideggers Verständnis des „Versammelnden“, in dem zunächst
das tertium comparationis zwischen dem „Gedicht“ als Versammlung der „einzelnen
Dichtungen“ und der „Ortschaft des Ortes“ besteht:

Ursprünglich bedeutet der Name ‚Ort‘ die Spitze des Speers. In ihr läuft alles zusam-
men. Der Ort versammelt zu sich ins Höchste und Äusserste. Das Versammelnde
durchdringt und durchwest alles. Der Ort, das Versammelnde, holt zu sich ein, ver-
wahrt das Eingeholte, aber nicht wie eine abschliessende Kapsel, sondern so, dass er
das Versammelte durchscheint und durchleuchtet und dadurch erst in sein Wesen
entlässt (ibid.).

Wie man sieht, kommt es Heidegger in seiner etymologisch gestützten Bestim-


mung des „Ortes“ auf das Verhältnis der Ortschaft zur Punktualität an. Dieses Ver-
hältnis bestimmt sich seinerseits durch den immanenten Widerstreit zweier Ten-
denzen, in deren in sich gegenläufiger Einheit die „Ortschaft“ des Ortes selbst be-
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steht: der Tendenz zur Punktualisierung und der Tendenz zur Depunktualisierung
des „Ortes“. Die erste prägt sich in der Identifikation des „Ortes“ mit der Spitze des
Speers aus, in der das Versammelte „zusammenläuft“; die zweite im Durch – Durch-
dringen, Durchwesen, Durchscheinen, Durchleuchten – des Versammelnden in
jedem Moment des Versammelten. Das Zusammenspiel beider Tendenzen prägt
die Einheit des „Ortes“ in jedem seiner Momente als die seiner Extension und
seiner Intension aus: seiner Extension als an sich unbegrenzte Konfiguration von
Momenten, seiner Intension als in sich begrenzte Konfiguration dieser bestimmten
Momente. Die Einheit des „Ortes“ konstituiert sich, nicht erst an der „Spitze des
Speeres“, sondern von jedem der versammelten Momente her, in der paradoxen
Doppelbewegung von Projektierung und Transzendierung der Punktualität: Projek-
tierung eines Punktes als äussere Gestalt der Einheit des „Ortes“, den die Bewegung
der Projektion im gleichen Zug transzendiert. Dem „Zusammenlaufen“ des „Or-
tes“ in der Punktualität der „Spitze“ korrespondiert aber in umgekehrter Richtung
das Auseinanderlaufen in das Unbegrenzte einer Weite, deren Momente nur durch
die Wiederholung der Projektionsbewegung konstituiert und in die Einheit des Ortes
„versammelt“ werden können. Indem die Projektionsbewegung in jedem Moment
das ganze Intervall von Extension und Intension des „Ortes“ durchläuft, ist sie das
„Versammelnde“, das zwar, indem sie seine Singularität konstituiert, das „Einge-
holte [...] verwahrt“, aber, indem sie seine Punktualität transzendiert, „nicht wie
eine abschliessende Kapsel“, sondern so, dass sie „das Versammelte durchscheint
und durchleuchtet“. Was in diesem Durch-, in der Transparenz einer Transzendenz,
das Versammelte „in sein Wesen entlässt“, ist weniger der „Ort“ schlechthin denn
die doppeldeutige Projektions- als Artikulationsbewegung des Ortes.
Mit dieser Charakteristik des „Ortes“ aus seinem Verhältnis zur Punktualität
wird aber der monadologische Charakter der Relation, die sie „erörtern“ soll – der
Beziehung zwischen dem „einen Gedicht“ und den „einzelnen Dichtungen“ eines
Dichters –, von einer neuen Seite zugänglich. Denn aus den Darlegungen zur Leib-
niz-Vorlesung von 1928 sollte deutlich geworden sein, dass die Passage in einer
neuen, von den entsprechenden historischen Bezügen ‚gereinigten‘ Terminologie
die zentrale Problematik der Vorlesung aktualisiert: die Frage nach dem „Augen-
punkt“. Heideggers Konzeption des „Ortes“ in Die Sprache im Gedicht teilt mit
seiner Diskussion des Leibnizschen point de vue nicht nur die Frage nach der Punk-
tualität des Punktes, sondern die zwei Parameter, durch die sich in der Vorlesung
die Diskussion bestimmt: das Postulat intrinsischer Setzung des Punktes als des
Ortes immanenter Selbstbegrenzung der Monade einerseits, das Postulat des Punk-
tes als des Ortes der Übereinkunft von Intension und Extension, Einheit und Viel-
heit der Monade andererseits. Entspricht diesem doppelten Postulat der Wider-
streit von Punktualisierung und Transzendierung des Punktes im Aufriss des „Or-
tes“, so zeichnet dessen virtuelle geometrische Figur das Feld einer Bewegung, die
in jedem Moment das Intervall zwischen Extension und Intension im „Schwingen“
zwischen einer „Weite“ und einer „Spitze“ durchläuft. Bleibt diese Figur – die
gleichsam dynamisierte eines Kegels oder einer Pyramide – in der zitierten Formu-
lierung Heideggers virtuell, so verhält sich das an zwei zentralen Stellen der zugrun-