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Sehr geehrte Damen und Herren,

in Deutschland werden jährlich 18 Mio. Tonnen Lebensmittel verschwendet. Das hat sowohl ökologische als
auch gesellschaftliche Folgen: Lebensmittelverschwendung feuert den menschengemachten Klimawandel
an und verschwendet unnötig kostbare Ressourcen, wie Wasser, Boden und Energie. Die Bundestagswahl
2021 steht im Lichte des Klima- und Umweltschutzes, politische Fahrpläne zur Bekämpfung der Lebensmit-
telverschwendung dürfen folglich in den Wahlprogrammen nicht fehlen! Dafür finden Sie im Folgenden die
zentralen Forderungen des Bündnis Lebensmittelrettung. Wir bitten Sie eindringlich, sich in Ihrer Partei für
diese einzusetzen.

Deutschland hat sich zum Ziel gesetzt, seine Lebensmittelverschwendung bis 2030 deutlich zu reduzieren.
Die Verabschiedung der „Nationalen Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung“ war ein
erster wichtiger Schritt in diese Richtung. Die darin formulierten Maßnahmen und politischen Instrumente
reichen jedoch bei weitem nicht aus, um das erklärte Ziel zu erreichen. Zu dieser Erkenntnis kam auch der
Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) des
Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) in seinem erst kürzlich veröffentlichten Gut-
achten.¹

Die Umsetzung der Nationalen Strategie hinkt vor allem in den folgenden Punkten hinterher:
• Zum jetzigen Zeitpunkt liegt noch immer keine solide Datenbasis zur Lebensmittelverschwendung ent-
lang der gesamten Lebensmittelwertschöpfungskette vor. Ohne Transparenz hinsichtlich der verschwen-
deten Lebensmittelmengen in jedem Sektor kann der Erfolg von Maßnahmen nicht gemessen werden.
• Der Ansatz des Dialogs und der freiwilligen Beteiligung von Akteuren der Ernährungswirtschaft kann zu
keinen schnellen Veränderungen bei der Reduzierung der Lebensmittelverschwendung führen. Viel eher
braucht es eine Pflichtbeteiligung aller Akteure und als Ergebnis der sektorspezifischen Dialogforen ver-
bindliche und messbare Ziele und klare Zeitvorgaben für den jeweiligen Sektor.
• Im Hinblick auf die gegebene Handlungsdringlichkeit zur Erreichung der Agenda 2030-Ziele (vor allem
SDG 12.3) geschieht die Umsetzung viel zu zögerlich.
• Einige lebensmittelrettende Initiativen, die auf ehrenamtlicher oder gemeinnütziger Basis tätig sind,
werden in den Dialogen komplett ausgeschlossen. Damit wird das volle Potential der Handlungsmög-
lichkeiten nicht ausgeschöpft.

Das Bündnis Lebensmittelrettung ist ein offener Zusammenschluss bestehend aus Initiativen, Organisationen,
Vereinen und Unternehmen mit dem gemeinsamen Ziel, Lebensmittelverschwendung entlang der gesamten
Wertschöpfungskette zu reduzieren. Das Bündnis ist die politische Stimme gegen Lebensmittelverschwen-
dung in Deutschland und setzt sich als solche für die konsequente Umsetzung des SDG 12.3, der Halbierung
der Lebensmittelverschwendung bis 2030, ein.

Unsere Forderungen basieren auf langjähriger Expertise in den Bereichen Lebensmittelrettung, Ernährungs-
bildung, Agrar- und Ernährungspolitik und in der Lebensmittelwirtschaft. Im Vorfeld zur Bundestagswahl
stehen wir den politischen Parteien gerne mit unserer Expertise zur Seite und freuen uns über Ihre Kontakt-
aufnahme.

Mit freundlichen Grüßen


Das Bündnis Lebensmittelrettung
Vertreten durch: Deutsche Umwelthilfe e.V., Foodsharing e.V., Too Good To Go, Restlos Glücklich e. V.,
SIRPLUS, Veggie Specials, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) und Querfeld.

¹ Siehe:
https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Ministerium/Beiraete/agrarpolitik/wbae-gutachten-nachhaltige-ernaehrung.html
Unsere zentralen Forderungen für die
Bundestagswahl 2021 sind:

1.
Verbindliche gesetzliche Rahmenbedingungen zur Reduktion
der Lebensmittelverschwendung schaffen
Wir fordern rechtliche Rahmenbedingungen, welche die tagtägliche Lebensmittelverschwendung effektiv
reduzieren sowie die Spende und Weiterverteilung von genießbaren Lebensmitteln vereinfachen. Denn ob-
wohl es in Deutschland seit fast drei Jahrzehnten die Tafeln gibt, landet in Supermärkten immer noch aus-
sortierte, aber durchaus genießbare Ware im Müll. Das liegt zum einen an rechtlichen Unsicherheiten bei der
Weitergabe von Lebensmitteln, wie z.B. Haftungsrisiken, aber auch an einem fehlenden politischen Rahmen,
der Lebensmittelverschwendung sanktioniert. Um dieser Art von Verschwendung entgegenzutreten, gibt es
in Frankreich, Italien und Tschechien Lösungsansätze, wie die gesetzliche Verpflichtung für Supermärkte,
aussortierte Lebensmittel zu spenden oder die gesetzliche Vereinfachung von Lebensmittelspenden. Für Le-
bensmittelspender*innen und Lebensmittelretter*innen fordern wir praktikable und einfach umzusetzende
Lösungen. Leitfäden zur Weitergabe von Lebensmitteln, wie bspw. der Leitfaden des BMEL², müssen das ge-
samte Spektrum der lebensmittelrettenden Akteure berücksichtigen. Dafür bedarf es einer grundlegenden
Überarbeitung. Wir fordern bundesweit geltende politische Rahmenbedingungen, die die Weitergabe von Le-
bensmitteln rechtlich absichern und Lebensmittelverschwendung mittels verpflichtender und ggf. gesetzli-
cher Regelungen auf allen Ebenen reduzieren. Eine praktikable Lösung, die für alle Lebensmittelretter*innen
bundesweit gelten muss, ist etwa das vereinfachte Lieferscheinverfahren zur Dokumentation von Lebensmit-
telspenden, um die kostenfreie Weitergabe von Lebensmitteln zu erleichtern.

Eine weitere rechtliche Stellschraube zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung ist die konsequente
nationale Umsetzung der EU-Richtlinie gegen unfaire Handelspraktiken (UTP) im Sinne einer Reduzierung
vermeidbarer Lebensmittelverluste. Handelsstandards und Qualitätsanforderungen, die bestimmte Ansprü-
che an das Aussehen oder bestimmte Merkmale von Gemüse und Obst stellen, führen dazu, dass genießbare
und einwandfreie Lebensmittel gar nicht erst in den Handel gelangen. Auch kurzfristige Stornierungen und
Retouren führen zu vermeidbaren Lebensmittelverlusten.

2.
Anpassungen des Mindesthaltbarkeitsdatums vornehmen
Lebensmittel sind in der Regel auch nach Überschreitung des Mindesthaltbarkeitsdatums (MHD) genießbar,
werden jedoch häufig aufgrund der Überschreitung des Datums weggeworfen. Daher ist eine Überarbeitung
der Datumskennzeichnung notwendig, um unnötige Lebensmittelverluste zu vermeiden.
Auf EU-Ebene sollte sich Deutschland dafür bei der für 2022 geplanten Revision der EU Lebensmittel-Infor-
mationsverordnung für die Abschaffung des MHD für Produkte mit sehr langer Haltbarkeit wie z.B. Reis oder
Nudeln einsetzen. Ein möglichst umfangreicher Katalog lang haltbarer Produkte sollte entsprechend erarbei-
tet werden. Eine möglichst umfangreiche Untersuchung der Produktqualität lang haltbarer Produkte sollte
entsprechend voran gestellt werden.

Für Produkte, die weiterhin MHD-pflichtig sind, sollten die aktuellen EU-Datumskennzeichnungsregeln über-
arbeitet werden, um Missverständnisse auf Seiten der Verbraucher*innen bezüglich der Bedeutung von MHD

² Siehe:
https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Ministerium/Beiraete/agrarpolitik/wbae-gutachten-nachhaltige-ernaehrung.html
und Verbrauchsdatum zu vermeiden. Die beiden Arten der Datumskennzeichnung müssen durch eine obli-
gatorische Visualisierung oder verbesserte Terminologie deutlich zu unterscheiden sein. Es muss klar sein,
dass das Verbrauchsdatum die Lebensmittelsicherheit beschreibt, das MHD hingegen keine Haltbarkeits-
kennzeichnung ist, sondern lediglich eine Qualitätsgarantie hinsichtlich der Produkteigenschaften. Es sollte
außerdem dringend untersucht werden, welche Verbrauchergruppen einen (besonderen) Informationsbedarf
zum MHD haben.

Zudem muss die Willkürlichkeit bei der Bestimmung des MHD aufgehoben werden. Da die Festlegung des
MHD im Ermessen der Hersteller*innen liegt, erfolgt diese für die Verbraucher*innen intransparent. Die Ver-
gabe muss daher ausschließlich nach wissenschaftlichen Kriterien erfolgen. Hersteller müssen dazu ver-
pflichtet werden, Produkte einer Charge mit identischen MHD-Angaben zu kennzeichnen, statt z.B. Export-
Ware mit einer längeren Qualitätsgarantie zu versehen. Die Revision der Datumskennzeichnung sollte von
einer öffentlichen Informationskampagne begleitet werden.

3.


Ernährungsbildung & die Wertschätzung von Lebensmitteln
verbindlich stärken
Wir fordern die Verankerung von Ernährungsbildung mit besonderer Berücksichtigung des Themas Lebens-
mittelverschwendung sowie des Zusammenhangs von Klima und Ernährung im Lehrplan aller Bundesländer.
Lehrkräften, Bildungsbeauftragten und Erzieher*innen sollten vermehrt Weiterbildungen angeboten werden.
Gezielte Ernährungsbildung ist ein wichtiger Hebel zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung. Essge-
wohnheiten und der Umgang mit Lebensmitteln prägen sich bereits im frühen Alter maßgeblich ein. Folglich
muss Ernährungsbildung bereits in der Kita beginnen. Das Bewusstsein der nächsten Generation bezüglich
des Umgangs mit Ressourcen muss geschärft werden, um diese zum nachhaltigen Handeln zu befähigen.

Deshalb sehen wir es als elementare Aufgabe der Politik, die Wertschätzung von Nahrung zu fördern, sowie
die Wissensvermittlung des Zusammenhangs von Klima und Ernährung durch die Finanzierung entsprechen-
der Initiativen und Projekte sicherzustellen.

Das Bündnis Lebensmittelrettung


Vertreten durch: