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Handbuch zur Geschichte der Kunst in Ostmitteleuropa Band 1

400–1000
Vom spätantiken
Erbe zu den Anfängen
der Romanik
Herausgegeben von Christian Lübke und Matthias Hardt

Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)


Inhalt

     9 Danksagung der Reihenherausgeber


  10 Eine Geschichte der Kunst in Ostmitteleuropa. Vorbemerkungen zur Reihe
JIŘÍ FA JT, WILFRIED FR ANZEN

  16 Ostmitteleuropa. Von der Formierung einer Geschichtsregion im Mittelalter bis zur
Formulierung eines Forschungskonzeptes
CHRISTIAN LÜBKE

  38 Kunstgeschichtsschreibung in Ostmitteleuropa – Ostmitteleuropa in der


Kunstgeschichtsschreibung. Nationale und transnationale Perspektiven
JIŘÍ FA JT, WILFRIED FRANZEN, ADAM S. L ABUDA

  52 Vom spätantiken Erbe zu den Anfängen der Romanik


  53 Vorwort
  54 Einführung. Historische Voraussetzungen und Rahmenbedingungen
CHRISTIAN LÜBKE

  80 Zeitleiste
  88 Karten der Orte und Fundplätze

  98 Die Transformation der römischen Welt


100 Nachwirkungen der Antike. Das Erbe Roms in der Völkerwanderungszeit
ORSOLYA HEINRICH-TAMÁSK A

116 Von Konstantin bis Justinian. Spätantike und frühes Christentum zwischen Adria und Donau
FR ANZ GL ASER, WILFRIED FRANZEN

128 Gentile Identitäten und ihre künstlerischen Ausdrucksformen


130 Das Erbe der Reiternomaden. Kunst und Kunsthandwerk im europäischen Hunnenreich
DIETER QUAST

138 Die Steppe und Byzanz. Kunsthandwerk und Bilderwelten im Awarenkhaganat


FALKO DAIM

154 Neuformierungen im frühen Mittelalter. Slaven und Balten


SEBASTIAN BRATHER

164 Die Kunst der Steppe in Ostmitteleuropa. Die ungarische Landnahmezeit


L ÁSZLÓ RÉVÉSZ

INHALT  5
174 Die Kunst der frühen Missionszeit
176 Salzburg und Hamburg. Christianisierung am südöstlichen und nördlichen Rand
des Frankenreiches
MAT THIAS HARDT

188 Karolingische Renovatio. Architektur und Bauausstattung im Alpen-Adria-Raum


MIL JENKO JURKOVIĆ

202 Die Suche nach kultureller Identität. Architektur und Kunsthandwerk im


Großmährischen Reich
LUMÍR POL ÁČEK

214 Herrschaftszentren. Die Anfänge der Residenzenbildung


ZOFIA KURNATOWSK A †

222 Der Übergang zu landeskirchlichen Strukturen. Christianisierung und Kirchenbau


in Böhmen und Polen
PETR SOMMER

232 Schmuck der Westslaven. Repräsentationsformen der neuen Eliten im 10. Jahrhundert


HANNA KÓČK A-KRENZ

242 Katalog
244 TAFELN 1–33
277 Spätrömisches Erbe
284 Frühchristliche Zeugnisse in den römischen Provinzen
293 Spätrömische Föderatenkultur
304 Kunst und Kultur im Hunnenreich
307 Nachhunnenzeitliche Eliten
312 Die Tierornamentik der Völkerwanderungszeit
324 TAFELN 34–65
356 Vom Zusammenbruch Westroms zur justinianischen Reconquista
372 Die frühe und mittlere Awarenzeit
383 Die Spätawarenzeit
388 Kontaktzone Ostseeraum: Balten, Slaven, Wikinger
391 TAFELN 66–106
432 Zwischen insularem Tierstil und italisch-mediterraner Tradition
437 Die karolingische Renovatio in Istrien
446 Das byzantinische Dalmatien und die Ecclesia Salonitana
451 Die fränkische Mission
468 Die mährischen Zentren

6  inhalt
482 TAFELN 107–128
504 Sakralbauten in Kroatien und an der südlichen Adria
508 Gentilreligiöse Vorstellungswelten
510 Residenzenbildung und Christianisierung
524 Die Feinschmiedekunst der ungarischen Landnahmezeit
534 Westslavischer Schmuck
542 Wikingerzeitliche Kultur und ihre Rezeption
552 Baltischer Schmuck

554 Anhang
556 Glossar
563 Personenregister
568 Orts- und Objektregister
585 Literaturverzeichnis
647 Bildnachweis
650 Autoren
651 Impressum

INHALT  7
59  Bügelfibelpaar aus Sirmium

Mittlere Donauregion, Ende 5./Anfang


6. Jahrhundert
Silber, feuervergoldet, Niello, Granat­
einlagen
a: L. 15,1 cm, Gew. 67,63 g; b: L. 15,1 cm,
Gew. 76,54 g
Fibel a mit Fehlstellen; die Nadeln sind
nicht erhalten.
Provenienz: Sremska Mitrovica (röm.
Sirmium; Provinz Vojvodina, Republik
Serbien). Aus einem gestörten Frauengrab,
1959 in der Puškinova Straße im Bereich
der römischen Stadtanlage entdeckt
Weitere Grabbeigaben: ein wirtelförmiger
Bernstein, eine doppelkonische kanne-
lierte Goldblechperle
Sremska Mitrovica, Muzej Srema, Inv.
Nr. SV/257, 258

Beide Silberfibeln wurden in derselben


Gussform erstellt und anschließend kerb-
schnittverziert, vergoldet sowie mit Pun-
zierung, Niello und plangeschliffenen
und cabochonartigen Almandinen ge-
schmückt. Die Bügelfibeln besitzen einen
rhombischen Fuß und eine halbkreisför-
mige Kopfplatte, die jeweils mit Tierpro-
tomen geschmückt sind: Fünf zoomor- Kat. 59
phe Knöpfe zieren die Kopfplatten, zwei
symmetrisch angelegte stilisierte Raub- lagen angesetzt: bei der Fußplatte in runde Literatur
vogelköpfe sowie eine Tierschnauze die und am Mittelsteg am Bügel in rechteckige KOVAČEVIĆ 1960, 33, Abb. 66. – ERCE-
Fußenden. Kopf- und Fußplatten sind mit Fassungen. GOVIĆ-PAVLOVIĆ 1982. – AUSST.-KAT.
Das Fibelpaar kann in das Ende des 5. BELGRAD 1994, 73f., 345, Kat. 313 (Vladislav
Spiralranken versehen, die Fußplatten wei-
Popović). – RGA 28, 502f., Art. »Sirmium«
sen zusätzlich volutenartige Linien auf, die bzw. den Anfang des 6.  Jahrhunderts da-
(Mihailo Milinković).
an das Winkeldekor der Fibeln aus Belgrad- tiert werden und vorerst mit den Ostgo-
MM
Čukarica (AUSST.-KAT. BELGRAD 1994, ten (oder Gepiden) in Verbindung gebracht
Kat. 311) erinnern. Die Randpartien und werden. Es gehörte zu einer reichen, viel-
60  Armbrustfibel aus Griezes
der Mittelsteg am Bügel sind mit einem ge- leicht nicht gänzlich erhaltenen Grabaus-
Dzirnavas
punzten und niellierten Dreiecksmuster stattung einer sozial höhergestellten Frau.
versehen  – eine ähnliche, wenn auch we- Eine werkstattähnliche, silbervergoldete
Baltikum, Ende 5./Anfang 6. Jahrhundert
niger präzise Ausführung findet sich auf Gürtelschnalle fand sich in dem Frauen- Bronze, mit Versilberungsspuren (?)
vergleichbaren Exemplaren aus der Reggio grab Nr. 149 im nahe gelegenen Mačvanska L. 9,3 cm, B. 5,5 cm
Emilia (BIERBRAUER 1975, Taf. 32, 1–2). An Mitrovica am rechten Save-Ufer (ERCEGO- Provenienz: Griezes Dzirnavas (Bezirk Sal-
diese Stellen wurden die Almandinein­ VIĆ-PAVLOVIĆ 1982, 21, Taf. IVf.). dus, Lettland). Streufund, 1936 zusammen
mit anderen Objekten zufällig entdeckt
Riga, Latvijas Nacionālais vēstures muzejs,
Inv.-Nr. A 10097:1
Die Fibel ist mit einem holzschnittarti-
gen, geometrischen Muster verziert. Der
Fuß, der in einer Tierkopfprotome mit
ausdrucksvollen Augen und Augenbrauen
endet, ist mit parallel eingeschnittenen ho-
rizontalen Einkerbungen versehen, wäh-
rend die Oberfläche des Bügels mit einem
Spiraldekor gestaltet wurde (vgl. Kat. 57–59).
Zur Zeit der Völkerwanderung fanden auf
den Gebieten südöstlich der Ostsee zoo-
morphe Armbrustfibeln und sogenannte
Kragenfibeln, die die Armbrustfibeln nach-
ahmten, als Grabbeigaben bewaffneter
Männer weite Verbreitung. Bei den aus Sil-
ber hergestellten, geschwärzten und bis-
Kat. 60 weilen vergoldeten Fibeln handelt es sich

Die Tierornamentik der Völkerwanderungszeit  313


Taf. 48  Beschläge eines »Pseudoschnallengürtels« aus Sremska Mitrovica (Kat. 111) 
Sirmium (?), Ende 6./Anfang 7. Jahrhunderts • Gold, Glas- und Granateinlagen, Email • Sremska Mitrovica,
Muzej Srema • Rekonstruktion der ursprünglichen Anordnung (nach Orsolya Heinrich-Tamáska)

338  KATALOG 76–139


86 Jelica-Gradina, »Crkvina« eingerechnet  – erstreckte sich lika  C in der nördlichen Unterstadt besaß
­Höhensiedlung auf etwa 495 × 450 m. Das befestigte Areal ein Baptisterium mit einer im Grundriss
war etwas kleiner im Umfang; noch ist un- kreuzförmigen Piscina. Mit großer Wahr-
6. Jahrhundert gewiss, ob Teile des Westhanges mit den scheinlichkeit stammt aus einer von ihnen
495 × 450 m Basiliken  D und A einen äußeren Umfas- (der Basilika  D?) ein auf dem Gelände ent-
Jelica-Gradina bei Čačak (Bezirk Moravica, sungsgürtel besaßen, wie er von früheren decktes Silberreliquiar in Sarkophagform
Republik Serbien) Forschern angenommen wurde (KANITZ mit einer lateinischen Inschrift, in welcher
Ausgrabungen seit 1984
1892, 144). Jedenfalls bestand die Stadt aus die Apostel Petrus, Paulus und Johannes er-
Im westserbischen Jelica-Gebirge, auf separat befestigten Stadtvierteln wie der wähnt werden.
dem Gipfel Gradina, dessen Name von Oberstadt, der nördlichen und der südli- In der Stadt standen mehrere größere,
der Bezeichnung »Grad« (Stadt) abgeleitet chen Unterstadt. Innerhalb der Mauern be- massive Bauten, die aus mit Mörtel ver-
ist, befinden sich die Überreste einer im fanden sich die Basiliken E (Gipfellage) und bundenem Stein errichtet worden waren,
6.  Jahrhundert, wohl in einer der großen C (nördliche Unterstadt), vielleicht auch die meist mit verglasten Fenstern und manch-
Bauaktionen von Kaiser Justinian neu er- Basiliken D und A. Bei der Basilika B auf der mal mit Säulen, Figuralkapitellen (römi-
richteten, befestigten Stadt, welcher keine Anhöhe »Crkvina« handelt es sich hingegen sche Spolien) sowie Abwasserleitungen
lange Nutzungsdauer vergönnt war: Bereits um eine Coemeterialkirche mit umgeben- ausgestattet. Aus den Siedlungsschichten
Ende des 6./Anfang des 7.  Jahrhunderts dem Gräberfeld, was allerdings Grablagen stammen zahlreiche Kleinfunde, vor allem
wurde sie zerstört, wobei zu bemerken ist, auch um die anderen erwähnten Kirchen Keramik, aber auch Glas, Metall, Knochen,
dass sich an dieser dominanten Stelle Vor- (A und C) nicht ausschließt. Alle Kirchen Horn etc. Der Herstellungsart nach han-
schichten vom Spätneolithikum bis zur weisen einen länglichen Grundriss auf, delt es sich fast ausschließlich um typisch
Eisenzeit wie auch frühmittelalterliche mit halbkreisförmigen Apsiden innen und frühbyzantinisch-romanische Erzeugnisse
Nachfolgeschichten gebildet haben. außen. Bei zwei Basiliken (C und D) ließen (Fibeln, Schnallen, Kleidernadeln, Haus-
Das Stadtgebiet  – die Begräbnis- sich Spuren einer Freskenbemalung (u. a. zubehör, Messinstrumente, Werkzeuge
zone auf der westlich gelegenen Anhöhe Marmorimitation) nachweisen. Die Basi- usw.); sporadisch treten jedoch auch sol-

Kat. 86  Gesamtanlage (ohne die westliche Anhöhe »Crkvina«)

366  Katalog 76 – 139


che auf, die mit Germanen (Gepiden?) in
Verbindung gebracht werden könnten, vor
allem Keramikfragmente, gestempelt oder
strichverziert. In den Kirchen und ihrer
Umgebung, besonders bei der Basilika  B,
sind über 150 Begräbnisse festgestellt wor-
den  – davon die meisten in gewöhnlichen
Grubengräbern mit Ost-West-Ausrichtung,
manche mit Steinumrandung, seltener in
ummauerten Gräbern  – sowie vier Grab-
kammern, von denen drei gewölbt sind.
In zwei Fällen wurden bei anthropologi-
scher Untersuchung sichere Spuren von
künstlicher Verformung an Kinderschä-
deln festgestellt (Basilika A, Nekropole der
Basilika B). Bei einem gestörten Grab in der
Basilika  A wurde eine Vogelscheibenfibel
germanischer Machart gefunden, in einem
weiteren in derselben Kirche eine Schild-
dornschnalle in Gürtellage. Ein solcher
Fundzusammenhang ist bis jetzt in Südost-
europa einmalig und wirft Fragen nach der
Bevölkerungszusammensetzung in dieser Kat. 87
befestigten zentralörtlichen Höhenanlage

auf. Amphorenfragmente deuten auf ein 87  Pfauenfibel aus Bled


verzweigtes Handelsnetz und überregio-
nale Verbindungen, während verschiedene Südostalpenraum, 2. Hälfte 6. Jahrhundert
Werkzeuge die Anwesenheit von Handwer- Bronze
kern bezeugen; Schlackenfunde verweisen L. 5,4 cm
auf die Verarbeitung von Metall. Aus dem Die eiserne Spiralkon­struktion und ein
Teil der eisernen Nadel sind erhalten.
nahe gelegenen Brekziensteinbruch bezog
Provenienz: Bled (dt. Veldes; Region
man das Baumaterial – so u. a. für die Säu-
­Gorenjska/Oberkrain, Slowenien). Aus
len der Basilika C. dem Grab 252 der Nekropole Pristava
In der Umgebung der Gradina haben Weitere Grabbeigaben: zwei silberne
Prospektionen und Grabungen bisher keine Körbchenohrringe, eine Perlenkette,
vergleichbare befestigte Anlage aus dersel- ein eiserner Armring
Kat. 86.1  Kirche A ben Zeit erbracht, weshalb der Schluss ge- Ljubljana, Narodni muzej Slovenije,
zogen werden kann, dass es sich hier um Inv.-Nr. S 515
ein regionales Zentrum im Norden Illyri- Die halbplastische, aus Bronze gegossene
cums handelte, umgeben von befestigten Fibel mit dreieckigem Fuß stellt einen Pfau
Dörfern. Ende des 6./Anfang des 7. Jahrhun- dar. Dessen Auge wird durch ein punziertes
derts ging die Stadt in einer großen Feu- Kreisauge angedeutet; ein weiteres Kreis-
ersbrunst unter, wahrscheinlich im Zuge auge schmückt den Schwanz. Hals, Feder-
der Awaren- und Slavenangriffe. Sie wurde krone und Schwanz wurden überdies mit
aber später wieder besiedelt. Um den Gipfel Linien verziert. Als christliches und vor-
herum wurde ein neuer, mit Mörtel ver- christliches Symbol des ewigen Lebens und
bundener, einfacher gebauter Steinwall er- der Wiedergeburt war der Pfau in der Spät-
richtet, vielleicht mit Holzpalisaden. Die antike ein sehr beliebtes Motiv. Halbplasti-
Keramik, die zu der Nachfolgeschicht ge- sche Vogelfibeln, insbesondere Pfauen- und
Kat. 86.2  Kirche C hört (7.–9.  Jahrhundert), weist vor allem Taubenfibeln mit dreieckigem Fuß, sind
Eigenschaften slavischer Produktionswei- im Südostalpenraum weit verbreitet und
sen auf, es sind aber u. a. auch Einflüsse wurden höchstwahrscheinlich in lokalen
aus dem Karpatenbecken festzustellen. Als Werkstätten hergestellt. Sie sind ein cha-
bildhafte »Negation der Antike« lässt sich rakteristischer Bestandteil der spätantiken
die von den Einwohnern der Nachfolge- einheimischen Frauentracht und wurden
phase vorgenommene Umformung von mit meistens als Einzelstück am Hals oder im
Reliefs dekorierten steinernen Chorschran- Brustbereich getragen.
kenplattenteile aus der Basilika C zu Hand-
mühlen bzw. Schleifsteinen interpretieren. Literatur
KNIFIC 2004, 97. – BITENC/KNIFIC 2012,
Literatur 433, 435.
MILINKOVIĆ 2010. – MILINKOVIĆ 2014. TM
Kat. 86.3  Kirche D MM

Vom Zusammenbruch Westroms zur justinianischen R


­ econquista  367
Der Griffansatz des zweischneidigen eine P-förmige Aufhängeröse angebracht,
Schwertes ist trapezförmig und besitzt die aus Silberplatten ausgeschnitten und
einen flachen Querschnitt. In der Mitte be- mit einem breiten Band aus Silber an der
findet sich ein Bronzering mit einem ge- Scheide befestigt wurde. Das Ortband be-
streckten, omegaförmigen Nietnagel aus steht aus einer leicht schmaler werden-
Bronze. Den Griff schmückte einstmals den Silberplatte. Ähnliche zweischneidige
eine Silberplattenverkleidung, von der Schwerter mit Silberverkleidung, P-förmi-
sich nur noch ein Bruchstück am unteren ger Aufhängeröse und ohne Parierstange
Teil erhalten hat. Am oberen Ende sowie sind aus den Gräbern G 8 in Deszk und O 2
in der Mitte der Schwertscheide ist jeweils in Kiszombor (beide Komitat Csongrád) be-
kannt (Szeged, Móra Ferenc Múzeum). Die-
ser Schwerttyp ist ab der zweiten Hälfte des
6. Jahrhunderts in weiten Teilen Eurasiens
verbreitet. Das Exemplar aus Szegvár-Sá-
poldal wurde jedoch möglicherweise be-
reits im Karpatenbecken angefertigt.

110 Pferdegeschirr

Karpatenbecken, 1. Drittel 7. Jahrhundert


Bronze, Gold, gepresst
a: rosettenförmige Beschläge, Kat. 110
Dm. 1,7/1,8 cm, D. 0,7 cm; b: Riemenzun-
gen, L. 3,3 cm, B. 1,5/2 cm; c: rechteckige
Riemenzungen des Hintergeschirrs, 111  Beschläge eines »Pseudo-
L. 3,5 cm, B. 2 cm, D. 0,25 cm schnallengürtels« aus Sremska
Szentes, Koszta József Múzeum, Mitrovica (Taf. 48)
Inv.-Nr. 55.60.51–53, 55.60.80–88
Sirmium (?), Ende 6./Anfang 7. Jahr­
Die Riemenzungen sind aus gepressten hunderts
Bronze- und Goldplatten gefertigt. Die Gold, Glas- und Granateinlagen, Email
Oberflächen der abgerundeten Ausführun- a: Schnalle, L. 8,1 cm, Gew. 153,1 g; b: Rie-
gen sind entsprechend ihrer Grundform menzunge, L. 14,4 cm, Gew. 282,8 g; c–g:
mit einem gekerbten Leistenmuster in U- fünf »Pseudoschnallen«, L. je 5,4 cm, Gew.
Form dekoriert. Das obere Ende schließt je 89,3 g; h: Aufhängerbeschlag, L. 5,7 cm,
Gew. 85,8 g; i: doppelter Gürtelbeschlag,
mit einer Rippenimitation ab. Eine solche
L. 4,7 cm, Gew. 85,9 g; j: runder Beschlag,
schmückt auch den oberen Rand der recht-
Dm. 3,2 cm, Gew. 42,75 g
eckigen Riemenzungen. In der von zwei ge- Provenienz: Streufund aus Divoš oder
kerbten Leisten flankierten Mitte ist hier Manđelos (?) bei Sremska Mitrovica
ein ausrufezeichenähnliches Motiv ein- ­(Provinz Vojvodina, Republik Serbien)
getieft, über das drei Halbkreise mit dem Sremska Mitrovica, Muzej Srema
Punzeisen eingeschlagen wurden. Die
Montage der Beschläge erfolgte mit Hilfe Die Fundumstände des Gürtels sind un-
von Nietnägeln aus Bronze, die in das Füll- geklärt, nach den entsprechenden Paral-
material eingebettet wurden, welches zur lelen im awarischen Kontext  – Bócsa (Ko-
Versteifung der Beschläge dient. mitat Bács-Kiskun, Ungarn), Kunbábony
Im Grab fanden sich insgesamt 49 (Kat. 112) – müsste es sich aber um Funde aus
identische rosettenförmige Beschläge, von einem Grab handeln. Von den Bestandtei-
denen drei zum Stirnschmuck des Man- len des Gürtels sind fünf »Pseudoschnallen«
nes gehörten, ein Teil zum Gürtelzierrat, (zwei mit fehlender Mittelplatte), ein Auf-
das Gros jedoch zum Zaumzeug des mitbe- hängerbeschlag (ein sogenannter T-förmi-
statteten Pferdes. Sie imitieren in Gold und ger Beschlag), eine Hauptriemenzunge, eine
Bronze Blumenmotive, deren Ursprünge in Gürtelschnalle, ein runder Beschlag und ein
Zentralasien liegen. Ihre Herstellung er- schildförmiger Beschlag mit U-förmigem
folgte in lokalen awarisch-byzantinischen Anhänger erhalten. Die einheitliche tech-
Goldschmiedewerkstätten des Karpaten- nische und ornamentale Ausführung weist
beckens in den ersten Jahrzehnten des darauf hin, dass sie ein zusammengehöriges
7. Jahrhunderts. Set bildeten. Die einzelnen Objekte wurden
aus mehreren Einzelteilen zusammengefügt
Literatur und zeugen von hohen feinschmiedetechni-
CSALLÁNY 1939. – BÓNA 1979. – BÓNA schen Fertigkeiten. Sämtliche Stücke weisen
1980. – GARAM 1992, 139–140. – LŐRINCZY eine Perldrahtimitation als Einrahmung
1993, 116. – LŐRINCZY 1994, 328. – SOMO- auf; in der Mitte der Beschlagplatten ist je-
GYI 1997, 84–86. – BÓNA/LŐRINCZY 2002. weils eine Fassung positioniert, die der Form
Kat. 109  Detail (P-förmige Aufhängerösen) GL des Objektes folgt. In diese sind runde, kon-

378  Katalog 76 – 139


vexe blaue Glaseinlagen und sekundär ver- die zeitliche Einordnung ist das Grabin- aufgelöteten Blechösen für die Montierung
wendete plane Granatstücke eingelegt. Das ventar von Mala Pereščepina (Oblast Pol- der Beschläge spricht auch die qualitätvolle
rahmende Ornamentfeld besteht aus einem tava, Ukraine) wichtig, das ebenfalls einen Ornamentik mit stilisierten Palmetten
geometrisch-floralen Muster mit eingetief- goldenen Gürtel mit »Pseudoschnallen« und Punkt-Komma-Motiven für eine Her-
ten Zellen. Ursprünglich dürften diese Ein- enthält und wegen einer Reihe byzantini- kunft aus einer byzantinischen Werkstatt
tiefungen mit blauer Glasmasse als Email scher Münzen in die Mitte des 7. Jahrhun- (vgl. Kat. 120). Die in der ungarischen Tief-
gefüllt gewesen sein, wie einige Überreste derts datiert wird (WERNER 1984). Wichtig ebene vorgefundenen Gürtel vom Typ »Ku-
andeuten. Herstellungstechnisch handelte für die chronologische Einstufung ist auch nágota-Mersin Conceşti« lassen sich in die
es sich bei dem Gürtel um ein Unikat, das in der Zahnschnittdekor auf dem Goldblech- erste Hälfte des 7.  Jahrhunderts datieren
einer spätantik-byzantinischen Werkstatt- beschlag des Köchers (vgl. Kat. 90, 103, 105). (BÁLINT 1993, 240–242, Karte 5), doch fan-
tradition (vielleicht in Sirmium selbst) ge- Einen mediterranen Einfluss sieht den ähnliche Gürtelgarnituren im ganzen
fertigt worden ist. Die formal-funktionalen man lediglich beim Rankenwerk auf der 7.  Jahrhundert eine weite Verbreitung im
Spezifika verbinden die erhaltenen Teile aber zweiten Messerscheide, dem massiven Mittelmeerraum.
mit dem Kreis der awarenzeitlichen »Pseu- Goldkrug mit Ösenhenkel sowie vor allem
doschnallengürtel« (siehe S. 146f., Kat. 111). beim hohen Technikeinsatz zur Herstel- 114  Beschläge eines Ringknauf-
lung der beiden Gürtelgarnituren. Dass sie schwertes
Literatur im Byzantinischen Reich gefertigt worden
POPOVIĆ 1997. – HEINRICH-TAMÁSKA sind, z. B. als Geschenk, ist allerdings sehr Byzanz/Karpatenbecken, 1. Hälfte 7. Jahr-
2006a, 30–42. – HEINRICH-TAMÁSKA/VOSS unwahrscheinlich. hundert
(im Druck). Goldblech
MM, OHT Literatur a: Ringbeschlag, L. 9,4 cm; b: »Parier-
AUSST.-KAT. FRANKFURT/NÜRNBERG 1985, stange«, B. 9,5 cm; c–d: Aufhängeösen,
112  Gürtelset aus Kunbábony 50–53, Kat. IX–XI (Béla Kürti/Wilfried Meng- H. 5,7/5,9 cm; e–f: zwei Scheidenbe-
(Taf. 46, 47) hin). – TÓTH/HORVÁTH 1992. – RGA 17, schläge, B. 6,4 cm; g–i: drei Scheidenbe-
490–495, Art. »Kunbábony« (Falko Daim). – schläge, B. 3,3–3,5 cm
HEINRICH-TAMÁSKA/VOSS (im Druck). Alle Beschläge sind heute auf einer Rekon­
Karpatenbecken, Mitte 7. Jahrhundert (?)
struktion montiert.
Gold, Almandin-, Glas- und Millefioriein- FD
Budapest, Magyar Nemzeti Múzeum,
lagen
Inv.-Nr. 69/1858.1, 1858.4, 1858.5
a: Schnalle, L. 7,3 cm, B. 4,8 cm; b: schild- Das Reitergrab von Kunágota
förmiger Beschlag, L. 3,7 cm; c: ovaler (Kat. 113–114)
Beschlag, L. 3,9 cm; d–e: zwei »Pseudo-
schnallen«, L. 6,1/6,0 cm; f­–g: Aufhänger-
Provenienz: Kunágota (Komitat Békés,
beschlagpaar, L. 4,7/4,5 cm; h: Beschlag
Ungarn). Aus einem Einzelgrab eines Man-
(»Lochschützer«), L. 3,1 cm; i: kleine Rie-
nes, 1857 entdeckt.
menzunge, L. 2,7 cm; j: Schlaufe, L. 2,9 cm;
Grabbeigaben: Gürtel- und Schwertbe-
k: Hauptriemenzunge, L. 10,1 cm
schläge, silbernes Trinkgeschirr, silberne
Provenienz: Kunbábony (Komitat Fejér,
Zaumzeugbeschläge, goldene Anhänger-
Ungarn). 1971 in einer Sandgrube am Orts-
fassungen, acht goldene Fingerringe, ein
rand entdeckt.
Solidus Justinians I.
Weitere Grabbeigaben: u. a. ein zweites
Gürtelset, Kleiderschmuck, zwei Schwerter,
zwei Messer, ein massiver Krug, ein golde- 113 Gürtelgarnitur (Taf. 49)
ner Becher, ein Trinkhorn, ein goldverzier-
ter Pfeilköcher Byzantinische Werkstatt, 1. Hälfte 7. Jahr-
Kecskemét, Katona József Múzeum, hundert
Inv.-Nr. 71.2.135–145. Goldblech
a: eine große Riemenzunge,
Die Ausstattung des bei Kunbábony ent- Gew. 11,49 g; b: eine Riemenschlaufe,
deckten Grabes gehört zu den bedeutends- Gew. 12,49 g; c–f: vier kleine Riemen-
ten Fundkomplexen des europäischen zungen, Gew. 4,19/4,42/4,31/4,33 g;
Frühmittelalters. Für das hier vorgestellte, g–j: vier schildförmige Beschläge,
aus zahlreichen gegossenen und getriebe- Gew. 2,87/2,54/2,54/3,08 g; k–m:
nen Teilen zusammengesetzte Gürtelset drei doppelschildförmige Beschläge,
Gew. 4,36/3,41/3,79 g
sind die umlaufenden Kugelreihen charak-
Budapest, Magyar Nemzeti Múzeum,
teristisch. Zum Gürtelschmuck gehört auch
Inv.-Nr. 69/1858.3, 1858.13
ein Paar sogenannter Pseudoschnallen, bei
denen es sich um schnallenförmige Gür- Der Prunkgürtel mit goldenem Press-
telbeschläge handelt, die von funktionsfä- blechzierrat wurde (sekundär?) mit einer
higen Schnallen abzuleiten sind, aber eine einfachen, gegossenen Bronzeschnalle be-
rein dekorative Funktion besaßen. Ensem- festigt. Die vielteilige Gürtelgarnitur, be-
bles dieser Art kennen wir aus Osteuropa, stehend aus einer großen Riemenzunge,
während sie in Byzanz fehlen und auch einer Riemenschlaufe mit Ringanhänger,
im Awarenreich ansonsten nur vereinzelt schildförmigen und doppelschildförmigen
anzutreffen sind (siehe S. 145–147). Im Kar- Beschlägen sowie den kleinen Riemen-
patenbecken bilden die Männergräber mit zungen der vier Nebenriemen, entstammt
goldenen »Pseudoschnallen« eine eigene dem Kreis der byzantinischen materiellen
Gruppe (»Gruppe Bócsa-Kunbábony«). Für Kultur. Neben der Ausführung und den Kat. 114

Die frühe und mittlere Awarenzeit  379


Impressum

Herausgeber der Reihe: Jiří Fajt, Wilfried Franzen Projektleitung im Verlag: Rudolf Winterstein

Bandherausgeber: Christian Lübke, Matthias Hardt Bildbearbeitung: Birgit Gric, Deutscher Kunstverlag
Satz: Kasper Zwaaneveld, Deutscher Kunstverlag
Redaktion: Wilfried Franzen
Druck und Bindung: Grafisches Centrum Cuno, Calbe
Lektorat im Verlag: Barbara Polaczek unter Mitwirkung
von Andrea Schaller Schrift: Greta Display Pro, Corpid
Papier: Primaset 130 g/m²
Übersetzungen: Anna Ohlidal (Tschechisch–Deutsch), ­ gedruckt im Ultra HD Print®
Orsolya Heinrich-Tamáska, Róbert Müller, Dávid Huszti,
Adrienn Blay (Ungarisch–Deutsch), Heidemarie Petersen, Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Mirjam Jahr (Polnisch–Deutsch), Maris Liška (Kroatisch– Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publi-
Deutsch), Liljia Künstling (Litauisch–Deutsch) kation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte
bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de
Glossar: Dirk Suckow, Wilfried Franzen abrufbar. 

Register: Maritta Iseler unter Mitwirkung von © 2017 Deutscher Kunstverlag und Leibniz-Institut für
Barbara Polaczek ­Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO), Leipzig

Zeitleiste: Christian Lübke, Wilfried Franzen Deutscher Kunstverlag GmbH Berlin München
Paul-Lincke-Ufer 34
Karten: Frank Brandl (Zeichnung), Matthias Hardt, D-10999 Berlin
­Wilfried Franzen (Inhalt)
www.deutscherkunstverlag.de
Graphische Arbeiten: Krisztián Koloszvári ISBN 978-3-422-06958-9

Graphische Gestaltung der Reihe: Pavel Lev, Das dieser Publikation zugrunde liegende Vorhaben wurde
Studio Najbrt, Prag mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und
Forschung unter den Förderkennzeichen 01UG0710 sowie
01UG1410 gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser
Gefördert durch die Ernst von Siemens Kunststiftung Veröffentlichung liegt bei den Autoren.

IMPRESSUM  651
HANDBUCH ZUR GESCHICHTE DER KUNST IN OSTMITTELEUROPA
HERAUSGEGEBEN VON JIŘÍ FAJT UND WILFRIED FRANZEN

Bd. 1 400 –1000. Vom spätantiken Erbe zu den Anfängen der Romanik
ISBN 978-3-422-06958-9

Bd. 2 1000 –1300. Von der Romanik zur Hochgotik



ISBN 978-3-422-06959-6

Bd. 3 1300 –1470. Von der Hoch- zur Spätgotik



ISBN 978-3-422-06960-2

Bd. 4 1470 –1570. Von der Spätgotik zur Renaissance



ISBN 978-3-422-06961-9

Bd. 5 1570 –1670. Von der Renaissance zum Barock



ISBN 978-3-422-06962-6

Bd. 6 1670 –1770. Vom Barock zum Klassizismus



ISBN 978-3-422-06963-3

Bd. 7 1770 –1870. Vom Klassizismus zum Historismus



ISBN 978-3-422-06964-0

Bd. 8 1870 –1945. Vom Historismus zur Moderne



ISBN 978-3-422-06965-7

Bd. 9 1945–2020. Vom Sozialistischen Realismus zur Kunst der Gegenwart



ISBN 978-3-422-06966-4

652  ANHANG