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318 Gerd E.

Schäfer

Lebendiger Organismus (Maturana/Varela)


Ontogenese
Eine ontogenetische Sich tweis e gehl zunächst von einem Mcnschen als einem Lebewesen
aus. Lebewesen sind Organismen, die so strukturiert sind, ,,daß sie sich - buchstäblich -
Gerd E. Schäfer andauernd selbst erzeugen" (Maturana/Vare la 1987, S. 50). Sie sind das Produkt ihrer
aulopoietischcn Organisation, d. h. ,,es gibt keine Trennung zwischen Erzeuger und Er-
zeugnis . Das Sein und Jas Tun einer autopoietischen Einheit sind untrennbar, und dies
bildet ihre spezifische Art von Organisation" {ebd ., S. 56). Der für menschliche Wesen
bedeutsame Aspekt dieser Aussage besteht darin, dass man keine wichtigen Bestandteile
aus dieser Organisation herausnehmen kann, ohne dass das Leben verloren gehl. Leben
setzt einen - bislang nicht definierten - Grad an Komplexität von Organisation voraus.
Daraus isolierte (Unter-)Einheiten si nd u. U. nicht lebensfähig.
Nun kann sich kein lebendes Wesen aus sich heraus enlwickdn. Es ist daw auf die
Interaktion mit einer geeigneten Umwelt angewiesen. ,,Be i diesen Interaktionen ist es so,
daß die Struktur des Milieus in den autopoietischen Einheiten Strukturveränderungen
Entwicklung und Ontogenese werden in der fachlichen Literatur nicht klar voneinander nur auslöst, diese also weder determiniert noch instruiert (vorschreibt), was auch umge -
unterschieden. So heißt es z.B. im Handwörterbuch Psychologie (1983, S. 113): ,,Ontoge- kehrt für das Milieu gilt. Das Ergebnis wird - solange sich Einheit und Milieu nicht auf-
nese ist die individ11e//e Entwicklung von Persönlichkeitsmerkmalen" (Herv. GES; in der gelös t haben - eine Geschichte wechselseitiger Strukturveränderung sein, also Jas, was
4. Auflage von 1999 ist „Ontogenese" als Stichwort nicht mehr enthalten). Es gibt vielfäl- wir strnkturel/e Koppelung nennen" (ebd., S. 85). Für jegliches Lebewesen bedeutet dies,
tige Ansätze, Entwicklung zu beschreiben, informationstheorctischc, kognitive, sozio- dass Einflüsse von außen nur im Rahmen der Variationsmöglichkeiten der autopoieti-
kulturelle, ökologisch-systemische, ethologische usw. Oft stehen bestimmte Funktionen schen Strukturen und Prozesse wirksam werden. Was auflerhalb davon liegt, wird ent-
im Vordergrund: sprachliche, emotionale, soziale, sensorische etc. (überblicke z.B. bei weder nicht wahrgenommen, bleibt unwirksam, oder es wirkt sich zerstörerisch auf das
Oerler/Montada 2002; Berk 2005, Siegler el al. 2011; Keller 2011). Das grundlegende Mo- Zusammenspiel des Organismus aus.
dell scheint stets ein Anlage-Umwelt-Modell zu sein, das durch soziokulturelle, soziale Die Argumentationslinie von Maturana und Varela greift ei ne Prämisse Batesons auf.
oder konstruktivistische Einschränkungen modifiziert wird. Genauso linden sich viel- nämlich die von Descartes für die darauf folgenden Jahrhunderte wissenschaftlichen
fältige Vorstellungen von Ontogenese. Zumeist idoch wird - von Ernst Hacckel (1866) Denkens fixierte Trennun g von Geist und Natur bzw. von Geist und Körper aufzugehen
ausgehend - darunter die vornehmlich biologische Entwicklung des Menschen von der (Ba teson/Bat eson 1993, S. 30, 36). Diese Trennung erweist sich als ein crkcnntnislhrn -
Zeugung bis zum Tod gefasst. In der derzeitigen Entwicklungspsychologie scheint der retisches H indt"rnis, um über den Prozess der Unlogcnese nachzudenken. Wenn die
Begriff der Ontogenese kaum benutzt zu werden. In den vier genannten rntwicklungs - Un togenese des Memchen mit der Zeugung beginnt, dann beginnt sie mit einem Zu -
psychologischen Handbüchern kommt er jedenfalls nicht vor. Der folgende Beitrag stand, Jen wir biologisch nennen und der in einem nalurwissemchaftlichen Verständ-
kann die unübersichtlichen Begriffsverwendungen nicht klären. Jedoch soll wenigstens nis nichts m it Geist zu tun hat - es sei denn, man reduz iert geistige, und damit letztlich
eine Arbeitsfassung des Begriffs der Ontogenese für den jetzigen Zusammenhang exp li - auch soziale und kulturelle Prozesse auf das kausale Zusammenspiel von Materie. Diese
ziert werden. Lösung isl wohl für den Umgang mit Menschen wenig zufriedenstellend.
Als Ausgangspunkt dazu dient eine Definition von Maturana und Varela {1987, S. 84): Hält man jedoch an der Körper-Geist-Trennung fest, dann ergibt sich das Problem,
,,Ontogenese ist die Geschichte des strukturellen Wandels einer Einheit ohne Verlust ih- wann denn zum Körper der Geist hinzutritt, oder aui welche Weise er denn von Anfang an
rer Organisation." Auf den Menschen übertragen bedeutet dies den strukturellen Wan- gegenwärtig ist. Diese sind l'ragen, die offensichtlich unbeantwortbar sind. Je mehr man
del eines Individuums von der Zeugung bis zum Tod, ohn e Verlust seiner Organisa- sich mit intrauterinen und Entwicklungsprozessen in den ersten Lebensjahren beschä1-
tion als lebendes Wesen. Diese scheinbar sehr der ßiologie nahe Definition soll in einer tigt - einer Zeit, in der das, was man bei erwachsenen Menschen al s Geist wahrnehmen
Weise ausgedeutet werden, die - über die Biologie hinaus - den Menschen als Kiirper- kann, schwer nachvollziehbar ist -, desto mehr wird deutlich. dass das Modell der Tren -
Geisl-Einheit erfasst. nung von Geist und Körper ungeeignet ist, l'ragen der frühesten Entwicklung zu beant -
worten. Man kann dieser l'rage jedoch dadurch aus dem Weg gehen, dass man nur über

C'. Wulf. .1 . Zi rfas (Hrsg.). llmulhuch l'iic/1.1~0,;1.Khl' A111hrupulug/('.


DO1 10.10071978-3-531-18970-3_28 , "-' Springer Fachmedien Wiesbaden 2014
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einzelne hmktion en spricht, z.B. über körperliche, sensorische , kognitive oder sozio - Im Rahmen seiner Kontextbedingungen und den Möglichkeiten seiner Organisation
emotionalc Entwicklung und die Frage nicht stellt, wie diese denn zusammenwirken - ein ist ein lebendiger Organismus also in der Lage, seinen eigenen, inneren Zusammenhang
in der forschung übliches Verfahren. Will man jedoch über funktionale Entwicklungen immer wieder neu zu erzeugen, also sich selbst hervorzubringen, am Leben zu bleiben
hinausgehen, dann wird man über ein monistisches, aber nicht materialislisch -reduk- und sich gemäß den gegebenen Kontexten zu verändern.
tionistisches Modell nachdenken müssen. Bateson hat ein solches Modell vorgestellt. Die Struktur, Dynamik und Organisation von Zusammenhängen macht die lebendige
Einheit - hier das Feld - sensibel für Einflüsse aus den Kontexten, mit denen es strukturell
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verknüpft ist. Als integrierter und aufeinander abgestimmter Zusammenhang wirkt es
Einheit von Geist und Körper (Bateson) wie ein Wahrnehmungsorgan, d. h. es reagiert auf (bedeutungsvolle) Unterscheidungen .
Bedeutungsvoll meint - wie Batcson es ausdrückt - einen „Unterschie d, der einen Un-
Was Grcgory Batcson mit Geist meint, scheint mir am besten durch eine Geschichte er- terschied macht" (Batcson u. a. 1981, S. 582). Es gibt Unterschiede, die für einen Zusam -
klärbar, die er in einem Brief an den Ökologen John To dd entworfen hat (vgl. hierzu menhang nicht relevant sind: Wenn nur ausreichend und entsprechend verte il t Nieder -
Batcson/Bateson 1993, S. 28 1) . Sie beginn t mit der Frage, woher denn das Feld wisse, schläge fallen , ist es nicht bedeutsam, ob diese tags oder nachts fallen oder ob sie durch
dass der Bauer tot sei. künstliche Berieselung ersetzt werden. Nicht bedeutungsvolle Zusammenhänge verän-
Offensichtlich gibt es einen Zusammenhang an Informa tionen zwischen dem Land - dern am Gesamtzusammenhang des lebendigen Organismus nichts, werden von seiner
wirt und seinem Feld, der dieses Feld auf eine bes timmte Weise strukturiert, eine Struk- Fähigkeit, sich in einer bestimmten Schwankungsbre ite anzupassen (eine Eigenschaft,
turierung, die sich ändert, wenn er tot ist oder sich auf andere \,\leise nicht mehr in die die komplexe lebendige Zusammenhänge von physikalischen Wenn-Dann -Verbindun -
Kreisläufe seines Feldes einmischt. Die Untersuchung diese r Frage führt also zuallererst gen unterscheidet), gleichsam „aufgesogen" oder unwirksam gemacht. Ein kleiner Stein,
rn dem Gedanken, dass die Bestandteile eines Feldes auf eine regelhafte Weise zusam- bes timmte Zustände eines Weges können bedeutungslos sein , wenn es um das Erreichen
menspielen, in die der Landwirt mit einbezogen ist. Diese Regelhaftigkeit wird sich än- eines bestimmten Ziele s geht und werden vom Wanderer „übergangen", genau so wie er
dern, wenn der Bauer daran nicht mehr beteiligt is t. an seinem Vorhaben unter unterschiedlichen klimatischen Einflüssen festhalten kann.
Obwohl der Bauer an diesem Zusammenspiel - das, wenn alles gut funktioniert, zu Veränderungen von kohärenten Mustern gibt es nur im Zusammenhang der struktu-
einer guten Ernte führt - offensichtlich bedeutungsvoll beteiligt ist, kann er sich daraus rellen und organisatorischen Möglichkeiten eines lebendigen Organismus. Werden des -
herauslösen. Er bildet einen eigenständigen systcmischen Zusammenhang, der zwar mit sen Möglichkeiten flexibler Strukturveränderungen übcrschrillcn, so wird ein Muster
dem Feld interagiert (strukturell gekoppelt ist), der ihm aber erlaubt, auch ohne das entweder in Teilen oder ganz geschädigt.
Feld zu existieren. Das Feld bildet eine ebensolche abgrenzbare Einheit. Es hört als bio- Vor diesem Hintergrund kann nun nachvollzogen werden, was Bateson Geist nennt:
logischer Organi smus nicht auf zu existieren, verliert jedoch sukzessive sei ne Eigen -
schaft, ein Feld zu sein, indem es sich in einen biologischen OrganismL1s verwandelt, der 1. ,.Jii11 Geist ist ein Aggregat von z11sm11me11wirkendc11 '/'eilen oder Ko111ponente11 .
auch ohne Verbindung w einem Landwirt weiterlebt. 2. Die VVechsdwirk1111g zwisd1e11 Teilen des Geistes wird durch Unlersrhiede a11sxelöst, un<l ein
Landwirt und hld verwirklichen - jeder auf seine Weise - wesentliche Eigemchaf- Unterschied ist cm nichtsuhslanliellcs Phänomen, das nicht in Raum oder Ze il lokalisiert isl;
tcn lebendiger Organismen : Sie bilden abgrenzbare hmktionseinheiten (die ab einer 1 1
gewissen Komplexität und den Voraussetzungen entsprechender Organisation) als le - 3. Der geistige l'ruzeß brw1rl1t kol/11terale Energie.
bendige Organismrn betrachtet werden können (Malurana/Varcla 1987). Diese Funk- 4. Der geistige Prozeß ver/11111;t zirk11/ilre (oder docl, ko111plexere) Ueter111i11atio11.1kelle11.
tionsei n heit erzeugt dynamische Prozesse, die - mit Hilfe externer Energiezufuhr - sich 5. !1111;eistigen l'rozef/ 1111,ssen die /\uswirk1111ge11 1•011 Unterscl,iede11 uls U111wandl11nge11 (d. /1.
selbst aufrechterhalten. Dieser dynamische Zusammenhang geht, wenn die Verhältnisse codierte Versionen) von vnnwsgegw,genen Ereig11isse11 fll~{g~faßl werden. Die Regeln dieser
sich ändern, nicht verloren, sondern ändert gegebenenfalls Gestal t, Struktur und Pro- Transformation müssen vergleichsweise beständig sein (d . h. beständiger als der Inhalt), aber
zesse, ohne seine grundlegende Organisation als lebender Organismus zu verlieren. sie unlcrliegen selhsl <ler Transformalion.
Welche Wandlungen von Prozessen und Strukturen stallfinden, lüingt von den Kon - 6. Die Heschreib1111ge11 und Klassijizien111ge11 dieser '/ h111 sj(,rmutionspruzesse entlriillen eine
texten ab, in welche d iese lebendige Organisation weiter eingebettet bleibt, im Fall des IJierardlie vo11 logisclze11 J),pen, Jie Jen Pli,"itwmenen i11111rnnent sind.
Feldes z.B. von Klima, Rodenbeschaffenheit, benachbarten Riotopen usw. Was ein Feld Ich werJc so argumcn l1eren, <laB Jic Phänomene, dit' wir Venke11, Lvolution, Ökologie, Le-
,,bedeutet", wird also maBgcblich von den Kontexten mitbestimmt, mit welchen es in - ben, Lernen und so wc 1lcr nennen, nur in Syslcmen auftreten , <l1e diesen Kriterien genügen"
teragiert. (llaleson 1982, S. 113f., lkrv. i. Urig.).
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Batcsons Geschichte endet nun folgendermaßen: ,,Nehmen wir einmal an, daß das Le- Edelmans globale Hirntheorie -
ben sich durch ein dynamisches Muster auszeichnet, eine Art Tanz, ziemlich formal, Verbindungen als Grundlage der Hirntätigkeit
etwa ein Menuett. Und daß der Zweck, die Funktionsweise usw. dieses Menuetts dahin
geht, andere Tanzmuster auszumache11 und zu klassifizieren. Die Wiese mit ihrer inter- Das mens.:hliche Gehirn besteht aus drei großen anatomischen Bereichen, der Hirn -
agierenden Artenvielfalt tanzt einen endlosen Tanz und wird dabei von Informationen rin de mit ihrem „Unterbau", dem sogenannten Thalamus. Daran schließen das Mittel -
(d. h. Nachrichten von Veränderung und Kontrast) ,über' die Umwelt angestoßen; das hirn und der evolutionsgeschichtlich älteste Teil, der Hirnstamm an. Diese Bereiche
heißt, das dynamische Muster ist eine Art nicht-lokalisiertes Sinnesorgan. Ha 1" (Bate - bestehen aus etwa 50 Arten von Nervenzellen, die, vor allem im Cortex, modular ver -
son/Bateson 1993, S. 281 f., Herv. i. Orig.). bunden sind. Module sind gleichartige Funktionszusammenschlüsse, die, je nach Lage
Geist ist ein übergreifender, gestalteter und gestaltender Prozess, ein Muster, das im Gehirn, unterschiedliche Aufgaben wahrnehmen (Gazzaniga 1989, S. 99 ff.). Die
verbimkt, ein Tanz, der sensibel ist gegenüber Veränderungen. Geist wäre dann ein As - für die mentalen Phänomene wichtigste Eigenheit des Gehirns besteht in seiner hoch -
pekt der natürlichen Welt in all ihren Gestaltungsformen . Bei Bateson hat der Begriff gradigen Vernetz theit. Dabei gibt es lineare und parallel arbeitende Zusammenhänge.
des Geistes also nicht den defizitären Unterton, der entsteht, wenn Geist der Natur ge - Insgesamt bildet das Gehirn ein hochgradig „distributives System'', in dem die Infor-
genüber gestellt wird. ,,Beim Schreiben [von Geist und Natur, GES] wurde der Geist für mationen einerse its in vielen Einzelfunktionen getrennt verarbeitet werden (vgl. Sin -
mich zu einer Reflexion großer Teile und vieler Teile der natürlichen Welt außerhalb des gcr 2002, S. 31 f.) . Andererseits stehen diese in einem gleichzeitigen Austausch unter-
Denkers. Alles in allem waren es nicht die rohesten, die einfachsten, die animalischs - einander. Dieses hochkomplcxe neuronale System wird darüber hinaus durch ebenso
ten und primitivsten Aspekte der menschlichen Gattung, die sich in den natürlichen komplexe biochemische Prozesse reguliert (Vinc enl 1998). Im Gegensatz zu den neuro-
Phänomenen spiegelten. Vielmehr waren es die komplexeren , die ästhetischen, die fei - nalen Funktionen, die bioelcktrisch durch die Vernetzung der Neuronen über Synapsen,
nen und die eleganten Aspekte von Menschen, in denen sich die Natur spiegelte. Nicht also über ein höchst differenziertes „Leitungssystem" miteinander kommunizieren , sind
meine Gier, meine Zweckgerichtetheit, meine ,an imalischen' sogenannten ,Instinkte' die biochemischen Prozesse nicht an solche Bahnen gebunden, sondern eher an Orte.
und so fort erkannte ich auf der anderen Seite dieses Spiegels, dort drüben, in der ,Na- Einige dieser biochemischen Prozesse können sich aber auch unspezifisch über weite
tur'. Vielmehr entdeckte ich dort d ie Wurzeln der menschlichen Symmetrie, Schönhöt Bereiche des Gehirns ausbreiten.
und Häfllichkeit, Ästhetik, die wirkliche Lebendigkeit und das kleine biBchen Weisheit Diese Komplexität bildet - zum Ei nen - die Grundlage dafür, dass das, was wir In-
des menschlichen Wesens. Seine Weisheit, seine körperliche Grazie und selbst seine Ge - formation nennen, sich nicht in einzelnen Elementen des neuronalen Systems gespei -
wohnheit, schöne Gegenstände herzustellen, sind ganz genauso ,animalisch' wie seine chert findet, sondern ein Ergebnis netzwerkhafter Verknüpfungen und Zuständ e is t. Die
Grausamkeit" (Bateson 1982, S. 11 f.). wese11t/iche Aktivitiit des Gehirn.< bei der l::'r:::eug1111g vu11 Kii1111w und Wissen besieht duri11,
Wenn l;eist ein Phänomen allen Lebendigen ist, was ist dann menschlicher Geist? Er Verbi11du11ge11 hcrzusle'ilen u11d zu 11wd11/iere11. Die unzähligen Ereignisse, die das Gehirn
ist in diesen umfassenderen geistigen Zusammenhang eingebettet und vermag mit sei - ,,registriert", erzeugen unzählige, für die jeweiligen Ereignisse spez ifi sche Verbindungen.
nem Bewusstsein nur Ausschnitte aus diesem Gesamtzusammenhang zu erfa ssen. Das Ereignisse unterscheiden sich von globalen Zuständen des Gehirns dur.:h ihre Kohä-
Risiko Jer ökologischen Krise ist dadurch entstanden, dass dk wissenschaftlich-tech- renz . Sie bilden integrierte Muster. Zum Zweiten ermöglicht die Speicherung von Infor-
nologische Entwicklung auf der Illusion aufbaut, diesen Ausschnitt aus dem Gesam tzu - mation in komplexen Ereignismustern, dass Jas Gehirn auch auf umcharlc und unvoll-
sammenhang für das Ganze zu halten und die Logik des wissenschaftlich-technischen ständige Informationen reagieren kann. Edclmans globale Hirntheorie möchte nun die
Bewusstseins als die Logik unterstellt, die die Welt zusammenhält. Bateson nennt seine !'rage beantworten, wie dieses komplex vernetzte System (aus l•:rfahrungen) lernt. Sein
über die Tech no-Logik hinausgehende Auffassung eine „Ökologie des Geistes" (198 1). Antwort lautet: Es lernt nach dem Modell der Evolution.
Damit ist ein Ausgangspunkt für ein Evolutionsmodell der Ontogenese gewonnen.
Es sei am Beispiel von Edelmans Modell der neuronalen Gruppenselektion weiter erläu -
tert (Edelman 2004). Vor dem eben skizzierten Hintergrund eines ökologischen Gcist - Die Selektion von Repertoires
modells sollte im Auge behalten werden, dass dieses biologische Modell hier nicht als
ein reduktionistisches Modell vers tanden wird. Vielmehr wird es begriffen als ein Aus - „Eine zentrale Idee Darwins ist das so genannte Pop11/ationsdenken: Durch Auslese un ter den
sch nitt aus Jen Kreisläufen des Geis tes, in welchen eine Verbindung von soziokulturel- voneinander verschiedenen Individuen einer Population, die miteinander um das überleben
len und biologischen Prozessen nachvollziehbar wird. kon kur rieren, bilden s1cl1 bestimmten Funktionen dienliche Strukturen und ganze Organis -
men heraus" (Edelman 2004, S. 43) .
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Der Darwin'sche Selcktionismus - so die 'lbese Edclmans - bildet also die logische In dem Malle, in dem diese Karten in alltägliche Handlungsvorgänge einbezogen
Grundstruktur von Entwicklungen sowohl im Bereich der biologischen Evolu tion des sind, stehen sie in Verbindung zu emotionalen Verwertungs- und kognitiven Steue-
Gehirns wie auch in der Entwicklung des individuellen, biografischen Instrumenta - rungssystemen . Sie müssen durch die Zentren des Gehirns reguliert werden, die mit
riums zur Erzeugung von Weltbildern. Letzteres geschieht unter Einbezug des jeweili- Gleichgewicht, Tages - und Nachtrhythmen, dem Erhalt vitaler l'unktionen und insbe-
gen Stands der soziokulturellen Evolution. Die 1heorie des Selektionismus geht also von sondere mit der Gedächtnisfunktion in Verbindung stehen. Diese Verbindung von sen -
zwei zentralen Prozessen aus: der Entwicklung eines Repertoires an komplexen funktio- sorisch-motorischen Karten zu den weiteren Systemen bezeichnet Edelman als globule
nalen Ve rbindungen, sowie der Auswahl und Veränderung der jeweils geeigneten unter Kurtierungen.
gegebenen Bedingungen. Wie funktioniert nun dieser Prozess aus Variation und ein- Den Grundmecha nismus, der die erfahrungsabhängigen Veränderungen der neu -
schränken den Bedingungen im Bereich der Entwicklung des Gehirns? ronalen Netzwerke voranbringt, nennt Edclman „reentry" (Edclman 2004, S. <;o). Dar-
Zur biologischen Ausstattung der menschlichen Gehirnentwicklung gehört, dass Ba- unter versteht er eine komplexe Form von Rückkoppelung. Nicht nur einzelne Funktio-
bys bereits mit einem hohen Grad an unspezifischen Vernctztmgen geboren werden . nen werden durch Rückkoppelung verändert und gegebenenfalls verstärkt. Vielmehr
Die erste Aufgabe eines lernenden Gehirns besteht darin, aus diesen Verbindungen die- werden ganze, in Karten und globalen Kartierungen niedergelegte Erfahrungszusam -
jenigen auszuwählen , d ie sich zur Bewältigung der Aufgaben eignen, die sich d em Neu- menhänge umstrukturiert. Im wiederholten Durchlaufen werden sie immer wieder in
geborenen stellen . Diese Lernaufgabe nennt Edclman die Entwicklung eines primiiren ihren vergleichbaren Anteilen fest igend überschrieben, durch situative Varianten difle-
Repertoires. Es bildet eine individuelle, neuroanatomische Struktur, die ein Stück weit renziert und unterschiedlichen Voraussetzungen angepasst.
die vorgefundenen Lebensbedingungen widerspiegelt, so wie die Anatomie des Fisches Mit dem Modell der neuronalen Gruppenselektion liegt ein Modell vor, das in
seine Lebensbedingungen im Wasser abbildet. zweierlei Hinsicht Bedeutung für die Ontogenese des Menschen hat: Zum einen taugt
Darauf baut ein sekundiires Repertoire auf. Durch die erfahrungsabhängige Bildung es als ein Modell der Ontogenese, welches nachvollziehbar macht, wie sich Einflüsse des
von neuronalen Netzwerkverbindungen werden bestimmte Netzwerke für wiederkeh- Milieus in den Körper einschreiben, sich verkörpern und damit zu einer Art zweiter Na-
rende Aufgaben optimiert. Die nemobiologische Grundlage besteht in der Schaffung tur werden . Zum anderen liefert es eine Logik für diese Ontogenese im Sinne einer In-
neuer syn apti sche r Verbindungen und in der Verstärkung von vorhandenen, die aus - tegration lebendiger Prozesse.
reichend geeignet sind. Während das primäre Repertoire, je älter ein Individuum ist, Um Missverständnisse einzuschränken, muss eine häufige Grundannahme in der In-
umso weniger veränderbar ist, bleibt das sekundäre Repertoire ein Leben lang flexibel. terpretation des Darwinismus korrigiert werden. Bei der Selektion geht es nicht um
Die Bildun g neuer synaptischer Verbindungen und die Verstärkung oder Schwächun g das „überleben des jeweils Bes ten" oder um einen permanenten „Kampf des Über-
vorhandener Netzwerke hängt davon ab, wie sehr sich das Individuum neuen Lernpro- lebens". Vielmehr können die Auswahlbed ingungen oftmals von vielen vorhande -
zessen stellt. nen Varianten erfü llt werden, die so lange in die Weiterentwicklung einbezogen wer-
Im Bereich der sensorischen und motorischen Erfahrungen bilden sich durch den den, bis eine Grenze erreicht wird, die nicht überschritten werden kann, ohne dass die
wiederholten Gebrauch Karlcn, die bestimm te Handlungszusammenhänge wiederge- Funktionsfähigkeit der jeweiligen Variante zusammenbricht. Es geht also weniger um
ben. Beispielsweise sind die Tätigkeiten der Hand in solchen sensori,ch-motorischen eine Schlachl des Überlebens, als um ein Spiel der Lebensmöglichkeiten innerhalb defi -
Kartierungrn niedergelegt. Sie speichern gewissermaßen die Routinen und sind an den nierter Grenzen (vgl. Maturana/Varela 1987, S. 129).
Rändern offen für Veränderungen durch neue Erfahrungen. So verändern sich die Kar-
tierungen Jer Hand durch das Erlernen eines Instruments. Bei einem Pian isten bei-
spielsweise sind diese Areale deutlich vcrgröGerl gegenüber Menschen, die kein Kla - Das Evolutionsmodell in der Entwicklung der menschlichen Erfahrung
vier spielen (vgl. z. fl. Sp ilzer 2002, S. 110 ff.). Diese Karticrungen ents tehen dadurch,
das, die vorhandenen Erfahru ngsmu ster durch die neuen, vergleichbaren immer wie- Nach diesem Modell bedeutet Ontogenese des Menschen also die biographische, er-
der überschrieben und dadurch gefest igt und variiert werden. Es bildet sich - gegen - fahrungsabhängige Evolution eines menschlichen Körper-Geist -Organismus auf der
über einem Ungeübten - ein differenziertes Repertoire an Handlungsmustern . Je größer Grundlage der Flexibilität seiner neuronalen Organisation und im Rahmen seiner
und je ditfcrerm erter dieses Repertoire ist, desto mehr Möglichkeiten ste hen einem In - strukturellen Koppelung mit dem umgehenden Milieu. Letzteres wirkt dabei als ein
dividuum für die Bewältigung zukünftiger Aufgaben als Grundlage weiterer Verbesse - Set von Einschränkungen der Variationsmöglichkeiten des Körper-Geist-Organismus
rungen zur Auswahl. Je mehr Möglichkeiten bereits vorhanden sind, desto eher können (Bateson 1981, S. 515).
sich daraus weitere 1.ernpr07.esse ergeben.
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Daraus ergibt sich die Aufgabe, dies en Evolutionsprozess - und nicht nur einzelne Ein psychologisches Modell für diesen evolutionären Wandel hat Katherine Nelson vor-
funktionale Entwicklungen für Menschen ab der Geburt bzw. ab der Zeugung - rn be - gelegt (1996, 2007). Ihr Modell des „Devclopmental Change" umfasst psychische, so-
schreiben. Er wird im weitesten Sinn als Bildungsprozess fassbar, der alle Handlungs - ziale und kulturelle Aspekte, die am konkreten und geistigen Handeln eines Menschen
und Verarbeitungsmöglichkeiten des menschlichen Körper-Geistes einbezieht. In ei- beteiligt sind (vgl. Schäfer 2010) . Für Bateson ist ein solches Modell des evolutionären
nem spezifischeren Sinn kann er (ab der Geburt wenigstens) als ein Erfahrungsprozess Wandels die Grundlage seiner Hypothese, das s das Lehen in Geschichten gelebt wird
nachvollzogen werden . Die wichtigsten Proz esse, die sich dabei abspielen, sind die fol- und sich durch die Interaktion von Geschichten verändert, nicht durch kausale Einwir -
genden (vgl. hierzu Schäfer 2010). kungen. Damit soll ein Ausblick angedeutet sein, der die hier geführte Diskussionslinie
noch vertiefen könnte. Den Modellen mehr oder weniger funktionaler Einzelentwick-
, Zu einem bestimmten Zeitpunkt seiner Entwicklung hat ein Individuum bestimmte lungen, wie sie die Entwicklungspsychologie liefert, soll ein Modell der Ontogenese als
Möglichkeiten des Handelns und Denkens. Nur in den allerersten Anfangen indivi- einer Theorie des strukturellen Wandels zur Seite gestellt werden, der kulturelle, soziale,
dueller Entwicklung sind diese biologisch vorgegeben. kommunikative und subjektive Dimensionen der Körper -Geist-Erfahrung umgreift.
, Im Rahmen einer gegebenen sachlichen und sozialen Umwelt verwirklicht es etwas
von diesen Mögl ichkeiten . Dabei variieren diese Möglichkeiten entlang gegebenen -----------------------··---······
Kontextzusammenhängen (Evolutionseinheit ist ein flexibles Ind ividuum in einer Literatur
vielfältigen Population, in einem flexiblen Umfeld).
Diese Variationen bilden die Grundlage für neue Handlungen innerhalb neuer, viel- Battson, Gregory (1981): Ökologie des Geistes. hankfurt/M.
leicht ebenfalls etwas veränderter Kontexte. Bateson, Gregory (1982): Geist und Natur. Frankfurt/M.
Inhalte, Handlungs- und Denkweisen, die auf solche Weise verwirklicht werden, ent -
Baleson, Gregory/Bateson, Catherin e (1993): Wo Engel zögern - Unterwegs zu einer Epistemo -
wickeln sich weiter. Anderes bleibt von weiteren Entwicklungen ausgeschlossen. logie des Heiligen. Frankfurl/M.
, Es ist also nicht so, dass eine oder mehrere Bedingungen zusammen eine bestimmte
Berk, Laura E. (2005): Entwicklungspsychologie. 3. Aufl. München.
neue Form hervorbringen. Vielmehr wird ein handelnder Gesamtzusammenhang
im komplexen Zusammenspiel mit ermöglichenden oder begrenzenden subjektiven, EJdman . Ccrald /'vl . (2004): Das Licht des Cci sles - Wie Bcwu»lsein cnl stehl. Düssddorf/1.ü
rich.
sozialen und sachlichen Bedingungen in einem offenen Auswahlprozess abgestimmt.
Daraus ergeben sich neue Entwicklungsschritte (vgl. Batesons Modell der Einschrän - Eigen . /'vlanfrcd/Winklcr. Rulhild (19H3) : Das Spiel - Naturgesetze steuern den 1/.ufall. 5. Aufl.
kung, Bateson 1981, S. 515). München.
• Es sind daher offene Variationen gegebener Möglichkeiten unter vorhandenen Be - (;ananiga, Michael S. (19H9) : Das erkennende c;ch1rn. l'adcrhorn.
dingungen, die zusammenwirken und den nächsten Entwicklungsschritt gestalten . Hacckcl , Ernst (1866 ): Generelle Morphologie der Organismen. Berlin .
So gesehen ist es das Zusammenspiel von einem Variationen erzeugenden Driften
Asanger, Roland /Wennigcr, Gerd (Hrsg.) (1983): Handwörterbuch der Psychologie. 4. Aufl . ·
(Maturana/Varcla 1987, S. 103 ff.) unJ von Einschränkungen, wdcbe, Jic Entwick-
Wdnheim, Basel.
lung voran bringt. Das Neue, das entsteht, entsteht im Rahmen der Variationsbreite
der Ausgangsbedingungen und der Einschränkungen des feldes, in dem dieses Drif- Keller, Ileidi (Hrsg.) (2011): Handbuch der Kkinkindi"orschung. 4 . Aufl. Bern.
ten stattlindcl. Maturana, Umbcrto R./Varda, Francisco J. (1987): Da Baum der Erkenntni s. Bern/München/
Eigen und Winkler (1983) haben gezeigt, dass dieses Zusammenwirken von Varia- Wien .
tionen und Eingrenrnngen als deterministisches Spiel verstanden werden kann . Es Nelson, Katherine ( 1996) : Language in Cognitivc Dcvclopmcnt. Cambridge .
scheint, als seien komplexe Lebensprozesse vor allem als Spiel im Rahmen von Spiel - Nelson, Katherine (2007): Young Minds in Social Worlds. Cambridge, Mass./London.
räumen organisiert.
Clerlcr, Rolf/Munlada , l.co (2002): l'ntwicklungspsycholog1e. 5. Aufl . Wcinheim/Basel/llerlin.
Die entscheidenden Prozesse dieser Entwicklung bestehen darin, erzeugte, szenisch
organisierte Erfahrungen (Episoden) festzuhalten, zu variieren, einzuschränken und Sch,ifrr, Gerd E. (2010): Wissen erzeugen - kognitionswissenschaftlichc Grundlagen ei ner
umzugestalten, sowie sie in Handlungsprozesse u nter gegebenen Bedingungen wie - Kultur des Lernens 111 der frühen KinJhc1l aus cn.iehungswi'>cnschat"lltchcr Perspektive . In:
Kasüschkc, Dagmar (llrsg.): Didaktik in der Pädagogik der frühen Kindh eit. Köln/Kronach,
derholend einzubringen (re-entry) .
s. 306-335.
~ntogenese 327

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Singcr. Wolf (2002): llcr Beobachter im Gehirn. Frankfur t/M.
Spitzer, Manfred (2002) : Lernen - Gclmnforschun g und die Schule des Lebens . Heidelberg/
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Vincc nt , Jcan -Didier (199 0): Biologie des Begehrens - Wie Gefühle entstehen. Reinbek.