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...ich dachte mir nicht viel dabei...



Plancks ungerader Weg zur Strahlungsformel
arXiv:quant-ph/0010008v1 2 Oct 2000

Domenico Giulini und Norbert Straumann


Institut für Theoretische Physik
der Universität Zürich
Winterthurerstrasse 190
CH-8057 Zürich, Schweiz
Oktober 2000

Zusammenfassung die großen allgemeinen Gesetze, die für sämtliche


Naturvorgänge Bedeutung besitzen, unabhängig von
Max Plancks Ableitung seiner Strahlungsfor-
den Eigenschaften der an den Vorgängen beteiligten
mel, mitgeteilt am 14. Dezember 1900 und
Körper.“ 1 So ist es nicht verwunderlich, dass sich
von ihm selbst als Akt der Verzweiflung“
” Planck eben diesen 2. Hauptsatz auch zum Thema
charakterisiert, markiert die Geburtsstun-
seiner Dissertation wählte.
de der Quantentheorie. Gleichzeitig wurde
Neben der Thermodynamik beherrschte vor al-
Planck dadurch zur Aufgabe eines langjähri-
lem die Elektrodynamik die physikalische Öffentlich-
gen und systematisch angelegten Forschungs-
keit im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Der
programms gezwungen, in dem er mit Hil-
feldtheoretischen Formulierung Maxwells standen in
fe der gerade erst etablierten Maxwell’schen
Deutschland die Fernwirkungstheorien Webers und
Elektrodynamik versuchte, den 2. Hauptsatz
deren leichte Modifikation durch Helmholtz entgegen.
der Thermodynamik als streng deterministi-
Erst Heinrich Hertz, nur ein Jahr älter als Planck,
sches Gesetz zu begründen.
verhalf ersterer sowohl mit seinen Aufsehen erregen-
den Versuchen zum Nachweis elektromagnetischer
Einleitung Wellen als auch mit seinen theoretischen Untersu-
Die Studienzeit Max Plancks (1858-1947) fällt in die chungen endgültig zum Durchbruch (siehe [2]). Somit
besten Mannesjahre“ der klassischen theoretischen zerfiel der physikalische Materiebegriff in die Dua-
” lität von Materie und (elektromagnetischem) Feld.
Physik, die in Deutschland durch das stattliche Drei-
gestirn der Mittfünfziger Clausius, Helmholtz und Letzteres wurde damals noch als Anregungszustand
Kirchhoff eindrücklich vertreten war. Von diesen ha- des hypothetischen Mediums Äther aufgefasst, der
ben vor allem die Schriften Clausius’ den Studen- als schwerelos galt und der ponderablen (d.h. wägba-
ten Planck durch ihre Klarheit und Überzeugungs- ren) Materie gleichberechtigt an die Seite gestellt
” wurde. Einen hervorragenden Eindruck dieser Auf-
kraft der Sprache“ besonders angezogen. Mit seiner
bis heute unverändert gelehrten Formulierung des fassung vermittelt die gerade erstmalig herausgege-
2. Hauptsatzes der Thermodynamik von 1865 gab bene Hertz’sche Vorlesung über die Constitution der
Clausius ein Musterbeispiel des Planck’schen Ideals 1 Dieses und das vorangegangene Zitat Plancks sind seinem
einer physikalischen Gesetzmäßigkeit: Was mich in Aufsatz Zur Geschichte der Auffindung des physikalischen
” ”
der Physik von jeher vor allem interessierte, waren Wirkungsquantums“ entnommen; [1], Bd.3, p.255.

1
Materie [3] aus dem Jahre 1884. Mit dem Durchset- frühen Strahlungstheorie sei auf [4] verwiesen.
zen der Speziellen Relativitätstheorie von 1905 ist Zunächst wurden weitere Informationen über die
dann bekanntlich auch die Äthervorstellung einem Funktion u(T, ν) gewonnen. So folgt aus der Max-
abstrakten, nicht substantiellen Feldbegriff gewichen. well’schen Theorie, dass ein isotropes Strahlungs-
Durch dieses dualistische Materiekonzept entstand feld auf die undurchlässige Bewandung einen Druck
unweigerlich die Frage nach der Natur der Wech- ausübt, der gleich 1/3 der gesamten, d.h. über al-
selwirkung von Strahlung mit Materie, insbesonde- le Frequenzen integrierten Energiedichte U (T ) ist.
re nach den Mechanismen der Erzeugung und Ver- Durch eine einfache thermodynamische Betrachtung
nichtung von Strahlung. Modellmäßig gelang zuerst konnte Boltzmann 1884 damit das von Stefan empi-
Heinrich Hertz 1888 die vollständige Beschreibung risch ermittelte Stefan-Boltzmann’sche-Gesetz ablei-
der Emission elektromagnetischer Strahlung durch ten: Z ∞
strenges Lösen der Maxwell’schen Gleichungen für U (T ) := u(T, ν) dν = σT 4 , (1)
den Spezialfall eines harmonisch schwingenden elek- 0
trischen Dipols (seitdem ‘Hertz’scher Oszillator’ ge- wobei σ eine Konstante ist.
nannt). Was hingegen die allgemeinen, von idea- Einen wesentlichen Fortschritt brachte eine Ar-
lisierenden Modellvorstellungen unabhängigen Ge- beit von W. Wien aus dem Jahre 1893, in der er
setzmäßigkeiten anbelangt, zeigte sich einmal mehr durch recht raffinierte thermodynamische Überlegun-
die ungeheure Kraft thermodynamischer Überlegun- gen bewies, dass u(T, ν) von folgender Form sein
gen. Dabei bestand nach den Hertz’schen Entdeckun- muss (Wien’sches Verschiebungsgesetz):
gen kein Zweifel mehr, dass Wärmestrahlung dem
Licht wesensgleich und nur durch die Wellenlänge u(T, ν) = ν 3 f (ν/T ) . (2)
unterschieden ist und somit durch die Maxwell’sche
Theorie im Prinzip vollständig beschrieben werden Damit war das Strahlungsproblem“ auf die Be-

kann. Man durfte somit einfach von Strahlung“ re- stimmung der einen universellen Funktion f einer

den. Veränderlichen zurückgeführt.
Zu diesem Zeitpunkt gab es keinerlei Anhaltspunk-
te dafür, dass sich diese überschaubar anmutende
Frühe Strahlungstheorie
Aufgabe zu einem der tiefgründigsten und ausdau-
Thermodynamische Überlegungen auf der Basis des erndsten Probleme der gesamten Physikgeschichte
2. Hauptsatzes führten Kirchhoff schon 1859 zu der auswachsen würde. Noch zwanzig Jahre später, also
Einsicht, dass in einem gleichtemperierten Raum, im Jahre 1913, gab Einstein in seiner Rede anläßlich
dessen Wände für Strahlung undurchlässig sind, die der Übergabe des Rektorats der Berliner Univer-
sich einstellende Gleichgewichtsstrahlung von der sität an Max Planck die folgende Einschätzung: Es

Form des Raumes und der Natur der in ihm ent- wäre erhebend, wenn wir die Gehirnsubstanz auf ei-
haltenen Körper unabhängig ist. Diese Strahlung ist ne Waage legen könnten, die von den theoretischen
identisch derjenigen, welche ein vollkommen schwar- Physikern auf dem Altar dieser universellen Funkti-
zer Körper aussenden würde. Dabei führte Kirchhoff on f hingeopfert wurde; und es ist dieses grausamen
die Idealisierung des schwarzen Körpers ein, der da- Opfers kein Ende abzusehen! Noch mehr: auch die
durch definiert ist, dass sein Absorptionsvermögen klassische Mechanik fiel ihr zum Opfer, und es ist
den höchsten theoretisch erreichbaren Wert 1 besitzt. nicht abzusehen, ob Maxwells Gleichungen der Elek-
Es muss also eine universelle Funktion u(T, ν) ge- trodynamik die Krisis überdauern werden, welche die-
ben, die die spektrale Energiedichte der Strahlung im se Funktion f mit sich gebracht hat.“
Gleichgewicht bei der absoluten Temperatur T und Doch zurück zum Wien’schen Verschiebungsgesetz
im Frequenzintervall [ν, ν + dν] angibt. Die Aufgabe (2). Es beinhaltet das Stefan-Boltzmann’sche-Gesetz
war nun, diese Funktion zweier unabhängiger Varia- (1), wie man sofort durch Integration über ν ein-
blen zu bestimmen. Für eine konzise Darstellung der sieht. Durch Differentiation findet man, dass sich die

2
Frequenz maximaler Energiedichte proportional zu T anschließend – mit der Theorie der Emission und
verschiebt (woraus der Name Verschiebungsgesetz re- Absorption elektromagnetischer Wellen durch ein-
sultiert), was ebenfalls ein damals empirisch bekann- fache Oszillatoren beschäftigten. Dabei entwickelte
tes Gesetz war. In Anlehnung an die exponentiel- Planck übrigens ein Jahr vor Larmor (1896) die heu-
le Maxwell’sche Geschwindigkeitsverteilung machte te nach letzterem benannten Formeln für die Ab-
Wien sogar folgenden konkreten Vorschlag (in der strahlungsleistung und Strahlungsdämpfung. Knapp
Schreibweise Plancks; a und b sind Konstanten) zusammengefasst war Plancks Grundgedanke folgen-
der: Nach Kirchhoff stellt sich im thermodynami-
8πν 3 aν schen Gleichgewicht ein von der Beschaffenheit der
u(T, ν) = 3
b exp(− ) . (3)
c T Materie unabhängiges Energiespektrum ein. Also ist
Dieses Wien’sche Strahlungsgesetz war bis etwa Mit- es zulässig, zu dessen theoretischer Berechnung die
te des Jahres 1900 mit den experimentellen Daten Materie so zu idealisieren, dass sie der genauen Be-
vereinbar. rechnung von Prozessen der Emission und Absorpti-
on zugänglich wird. Dabei ist es ganz unerheblich, ob
solche idealisierten Oszillatoren in der Natur über-
Plancks Forschungsprogramm haupt realisiert werden; es kommt lediglich darauf
Nach dem, was wir bereits über Plancks wissenschaft- an, dass sie mit den Naturgesetzen in Einklang ste-
liche Orientierung gehört haben, ist es kaum verwun- hen.
derlich, dass das Problem der Bestimmung der uni- In seiner letzten von fünf Arbeiten Über irrever-
versellen Funktion f genau nach seinem Geschmack sible Strahlungsvorgänge aus dem Jahre 1899 leitet
war. Er ging dieses Problem jedoch nicht direkt Planck folgende, für sein weiteres Vorgehen funda-
an, sondern bettete es ein in ein sorgfältig geplan- mentale Beziehung zwischen u(T, ν) und dem zeitli-
tes und systematisch vorangetriebenes Forschungs- chen Mittelwert E(T, ν) der Energie eines im Strah-
programm, dessen Ziel eine strenge Ableitung des lungsfeld eingebetteten geladenen harmonischen Os-
2. Hauptsatzes der Thermodynamik mit Hilfe der zillators der Eigenfrequenz ν ab:
Maxwell’schen Gesetze der Elektrodynamik war. Da- 8πν 2
bei ist es wesentlich, daran zu erinnern, dass Planck u(T, ν) = E(T, ν) . (4)
c3
zu dieser Zeit den 2. Hauptsatz als streng determini-
stisches Gesetz verstand und nicht in seiner wahr- Die Nützlichkeit dieser Gleichung liegt in der bemer-
scheinlichkeitstheoretischen Bedeutung, wie wir es kenswerten Tatsache begründet, dass sie die Para-
heute tun. Überhaupt hielt Planck damals noch we- meter Ladung, Masse und Dämpfungskonstante des
nig von Wahrscheinlickeitsgesetzen in der Physik, Oszillators nicht enthält. Für das Folgende ist es
weil die von diesen stets erlaubten Ausnahmen kei- wichtig zu betonen, dass sie eine unzweideutige Fol-
nen Platz in den ausnahmslos gültigen Gesetzmäßig- ge der klassischen (d.h. Maxwell’schen) Elektrody-
keiten hatten, mit denen er die Physik ausgestattet namik ist. Hätte sich Planck damals mit der statisti-
wissen wollte. Dabei war es Planck klar, dass als Fol- schen Mechanik angefreundet, so hätte er aus deren
ge des Poincaré’schen Wiederkehrsatzes ein solcher Äquipartitionstheorem als unausweichliche Folge der
Beweis innerhalb der Mechanik nicht zu führen war. klassischen Mechanik die Formel E = (R/N )T für
So hatte etwa 1896 sein damaliger Assistent E. Zer- die mittlere Energie des linearen harmonischen Os-
melo2 einen noch heute sehr lesbaren und eleganten zillators erhalten. Dabei ist R die universelle, auf ein
Beweis dieses Satzes veröffentlicht. Mol bezogene Gaskonstante und N die Avogadro-
Innerhalb dieses Forschungsprogramms entstan- Zahl (Anzahl der Moleküle in einem Mol). Damit
den in kurzer Zeit Vorarbeiten, die sich – an Hertz wäre er durch (4) ein Jahr früher als Rayleigh zur
2 E. Zermelo hat 1908 als erster eine Axiomatisierung der
Rayleigh-Jeans’schen Strahlungsformel gekommen
Mengenlehre vorgeschlagen, wodurch er ein bis heute sehr be- 8πν 2 R
kannter Mathematiker wurde. u(T, ν) = T. (5)
c3 N

3
Nun ist aber trotz der scheinbar gut begründe- wobei f für eine jeweils andere, noch unbekannte
ten Herleitung diese Formel völlig unakzeptabel: Funktion steht.
Zunächst impliziert eine lineare Abhängigkeit von
In der letzten seiner Arbeiten Über irreversible
T , dass etwa die Strahlungsdichte bei Raumtempe-
Strahlungsvorgänge ([1], Bd.1) leitet Planck dann das
ratur (T ≈ 290K) noch einem Sechstel der Weissglut
Wien’sche Strahlungsgesetz in der eben beschriebe-
schmelzenden Stahls (T ≈ 1700K) entsprechen muss,
nen Weise ab, wobei er allerdings die dazu nötige
was offensichtlich absurd ist. Weiter impliziert die
Funktion S(T, ν) definitorisch einführt und bemerkt,
quadratische Abhängigkeit von ν eine physikalisch
dass er keinen anderen mit dem 2. Hauptsatz ver-
sinnlose Divergenz ( Ultraviolett-Katastrophe“) des
” träglichen Ausdruck hat finden können. Er glaubt
Integrals (1) und damit der Energiedichte U (T ).
hieraus schließen zu müssen, dass die gegebene De-
Damit wird von (5), d.h von der klassischen Phy- ”
finition der Strahlungsentropie und damit auch das
sik, die Existenz eines Gleichgewichts negiert. Es ist
Wien’sche Energieverteilungsgesetz eine notwendige
oft darüber gerätselt worden, warum Planck diesen
Folge der Anwendung des Principes der Vermehrung
schlagenden Hinweis darauf, dass mindestens eine der
der Entropie auf die elektromagnetische Strahlungs-
beiden klassischen Theorien – Mechanik und Elektro-
theorie ist und dass daher die Grenzen der Gültig-
dynamik – nicht uneingeschränkt richtig sein kann,
keit dieses Gesetzes, falls solche überhaupt existiren,
nicht oder zumindest erst sehr spät aufnahm; und
mit denen des zweiten Hauptsatzes der Wärmetheo-
dies, obwohl ab 1905 Einstein keine Gelegenheit aus-
rie zusammenfallen.“ So fest glaubt er zu dieser Zeit
ließ, diesen Umstand immer wieder zu betonen.
(November 1899) in Besitz einer absoluten Wahr-
Neben diesem rein elektrodynamischen Teil
heit zu sein, dass er diese Arbeit mit der Einführung
beschäftigte Planck sich vor allem mit der Frage nach
eines natürlichen Einheitensystems“ beendet, was
möglichen Ausdrücken für die Entropie der Strah- ”
dadurch definiert ist, dass in ihm die Konstanten
lung, die er ebenfalls auf die Frage nach der Entro-
a, b des Wien’schen Strahlungsgesetzes, die Licht-
pie des einzelnen Oszillators zurückführte. Obwohl
geschwindigkeit c und die Newton’sche Gravitati-
das eigentliche Ziel war, mit Hilfe der Maxwell’schen
onskonstante G jeweils den Wert eins haben. Die-
Gleichungen ein strenges Anwachsen der Entropie
se heute mit Hilfe der Planck’schen Konstanten h
in der Zeit zu demonstrieren3 , ergab sich daraus
und der Boltzmann’schen Konstanten k definierten
auch Plancks Strategie zur Lösung des Strahlungs-
Planck’schen Einheiten stammen also aus einer Zeit,
problems: Man bestimme die Entropie S(E, ν) des
in der das Planck’sche Strahlungsgesetz noch gar
einzelnen Oszillators (Eigenfrequenz ν) im Strah-
nicht existierte.
lungsfeld als Funktion seiner Energie E. Aus der ther-
modynamischen Relation dS/dE = 1/T erhält man Bereits am 19. Sept. 1899 auf der Naturforscher-
dann durch Auflösen nach E die Funktion E(T, ν) versammlung in München und wiederholt in der Sit-
und damit aus (4) u(T, ν). Dabei reduziert (2) das zung der DPG vom 3. Nov. desselben Jahres, hatten
Problem wiederum auf das Auffinden einer Funktion O. Lummer und E. Pringsheim über systematische
einer Variablen, denn mit (4) ist (2) äquivalent zu Abweichungen vom Wien’schen Strahlungsgesetz im
E(T, ν) = νf (ν/T ) und damit auch zu langwelligen Spektralbereich (4−8.5 µ) berichtet. Da-
durch etwas verunsichert versuchte Planck im März
S(E, ν) = f (E/ν) , (6) 1900 erneut seine Begründung der Wien’schen Strah-
3 Ganz lungsformel durch eine Ableitung der Entropiefunkti-
wesentlich für das teilweise Gelingen war Plancks
Hypothese der natürlichen Strahlung“, die der Annahme ei- on S(T, ν) aus allgemeinen Prinzipien zu stärken, was

ner vollständigen Inkohärenz der einzelnen Strahlungsanteile ihm auch mit Hilfe einer plausibel scheinenden Hypo-
entsprach. Planck sah lange nicht, dass wegen der Bewegungs- these gelang, die sich erst später als falsch herausstel-
umkehrinvarianz der Maxwellgleichungen – auf die er durch
Boltzmann deutlich hingewiesen wurde –, diese Annahme ab-
len sollte. Noch hoffte er, dass sich die von Lummer
solut essentiell ist, analog der Annahme der molekularen Un- und Pringsheim gefundenen Divergenzen von erheb-
” ”
ordnung“ beim Boltzmann’schen Beweis des H-Theorems. licher Natur“ (Planck) nicht bestätigen würden.

4
Das Planck’sche Strahlungsgesetz Intermezzo: Einsteins Bestimmung der
Avogadro-Zahl
Weitere Messungen an der physikalisch-technischen Zu Beginn seiner berühmten Arbeit über Lichtquan-
Reichsanstalt durch Kurlbaum und Rubens, und ten aus dem Jahre 1905 ([5], Vol.2, Doc.14) macht
ebenso durch Paschen in Hannover, bestätigten die Einstein eine wichtige Bemerkung, die man etwa so
von Lummer-Pringsheim gefundenen systematischen zusammenfassen kann: Fordert man, dass (5), was
Abweichungen, worüber Kurlbaum in der Sitzung der eine notwendige Folge der klassischen Physik ist, als
Deutschen Physikalischen Gesellschaft vom 19. Okto- Grenzgesetz in der als phänomenologisch gültig an-
ber 1900 vortrug. Planck, dem diese Ergebnisse schon gesehenen Planck’schen Formel enthalten ist, so er-
vorher mitgeteilt wurden, musste damit jede Hoff- gibt sich eine von jeder theoretischen Begründung der
nung auf eine Ableitung des Wien’schen Strahlungs- Planck’schen Formel unabhängige Methode zur Be-
gesetzes aufgeben. Auch sein Hauptziel, die strenge stimmung der Avogadro-Zahl N . Diese Grenzbezie-
Begründung des 2. Hauptsatzes, schien nun in weite hung gilt nämlich nur, falls
Ferne gerückt. a
N= R. (8)
Trotzdem nicht müde, schlug er in der gleichen b
Sitzung eine Verbesserung“ der Wien’schen For- Da R gut bekannt ist, liefert jede Bestimmung von

mel vor, die er gemäß seiner alten Strategie über a, b durch Strahlungsmessungen auch einen Wert für
S(E, ν) zu bestimmen suchte. In seiner vorherigen N . Einstein erhielt so den Wert N = 6, 17 · 1023 ,
Begründung der Wien’schen Formel hatte der 2. Dif- der genau dem zuvor von Planck selbst erhaltenen
ferentialquotient von S nach E eine zentrale Rolle entspricht, allerdings mit einer von seiner umstrit-
gespielt, der im Wien’schen Fall gerade proportional tenen Theorie wesentlich abhängigen Begründung.
zu 1/E ist. Da die experimentellen Abweichungen nur Zu dieser Zeit war dies der mit Abstand genaueste
für große Werte von T /ν auftraten, d.h. bei festem Wert der Avogadro-Zahl (vgl. Kapitel 5 in [6]). Da-
ν für große E, modifizierte er diese Proportionalität bei sei gleich ergänzt, dass Planck aus der Kenntnis
zu 1/E(E + β) mit β = konst. Einmalige Integration der Faradaykonstante (elektrische Ladung eines Mols
liefert dann sofort das Planck’sche Strahlungsgesetz einwertiger Ionen), die aus Elektrolysedaten gut be-
kannt war, durch Division mit N den Wert der elek-
trischen Elementarladung e erheblich besser als je zu-
8πν 2 bν vor bestimmte. Wieder ist es als besondere Ironie zu
u(T, ν) = , (7)
c3 exp( aν
T )−1 verzeichnen, dass dies ausgerechnet durch den dama-
ligen Anti-Atomisten Planck möglich wurde.

welches Planck zur experimentellen Prüfung empfahl. Der Akt der Verzweiflung“
Es zeigte sich sehr schnell eine glänzende Überein- ”
stimmung der neuen Formel mit den experimentel- Wie sollte nun Planck nach all seinen Mühen, das Wi-
len Daten. Für kleine T /ν geht (7) tatsächlich in (2) en’sche Gesetz theoretisch zu zementieren, eine Ab-
über, während sich im dem Bereich großer T /ν, in leitung des neuen Gesetzes (7) herzaubern? Wieder
dem sich die experimentellen Abweichungen zeigten, blieb er seiner alten Strategie treu, (4) zu benutzen
das klassische“ Gesetz (5) ergibt. Somit ist es als und E(T, ν) über S(E, ν) zu bestimmen. Um letzte-

besondere Ironie dieser Geschichte zu verzeichnen, res zu erreichen war ihm jedes Mittel recht, denn ei-

dass die Quantentheorie aus Beobachtungen klassi- ne theoretische Deutung musste um jeden Preis ge-
scher Abweichungen von einem nur a posteriori mit funden werden, und wäre er noch so hoch“ [7]. So ver-
Hilfe der Quantentheorie zu verstehenden Grenzge- fiel er schließlich der bis dahin von ihm bekämpften
setz entstanden ist. statistischen Auffassung der Entropie durch L. Boltz-

5
mann, wonach die Entropie S eines Makrozustan- Zunächst sieht man, dass ε nicht Null sein kann.
des proportional zum Logarithmus der Anzahl W Das Wien’sche Verschiebungsgesetz in der Form (6)
seiner mikroskopischen Realisierungen ist. Für Gase impliziert weiter, dass ε proportional ν sein muss;
ergibt sich Übereinstimmung mit der thermodyna- Planck nennt diese Proportionalitätskonstante h. Da-
mischen Definition, wenn als Proportionalitätsfaktor mit wird ε = hν und die Oszillatorenergie E ein ganz-
k := R/N gewählt wird, also zahliges Vielfaches davon. Aus (11) folgt in nun be-
kannter Weise das Planck’sche Strahlungsgesetz (7)
R mit b = h und a = h/k.
S= ln W . (9)
N
In seiner Arbeit vom 14. Dezember 1900 ([1], Interpretationen
Bd.1,p.698), in der Planck zum ersten Male eine
theoretische Begründung seiner Gleichung versuch- Über die Bedeutung der (von Planck eingeführten)
te, wandte er diese Formel auf eine Anzahl n glei- Boltzmann’schen Konstanten“ k haben wir schon

cher Oszillatoren der Frequenz ν und Gesamtenergie gesprochen; sie ergibt sich aus k = R/N und hat
En an, wobei W die Anzahl der Verteilungen der fe- mit dem Atomismus zu tun, der N < ∞ bedingt.
sten Gesamtenergie auf die n Oszillatoren ist. Damit Die Bedeutung der Planck’schen Konstanten h blieb
diese Zahl endlich ist, darf En nicht beliebig teilbar vorerst dunkel. Wie war die Quantisierungsbedin-
sein. Planck nahm deshalb an, dass die Oszillatoren gung, bei der sich Planck nicht viel dachte“, letzt-

Energie nur in ganzzahligen Vielfachen einer Grund- lich zu interpretieren? Als fundamentale Eigenschaft
einheit ε aufnehmen und abgeben können. Das war mechanisch gedachter Oszillatoren, also im Wider-
” spruch zur klassischen Mechanik, oder als funda-
eine rein formale Annahme, und ich dachte mir nicht
viel dabei, sondern eben nur das, dass ich unter al- mentale Eigenschaft der zur Verteilung anstehenden
len Umständen, koste es was es wolle, ein positives Strahlungsenergie, dann wäre sie im Widerspruch zur
Resultat herbeiführen musste.“ [7]. Man beachte, daß Maxwellschen Theorie. In beiden Fällen wäre der
Planck an dieser Stelle nicht explizit annahm, dass Planck’schen Schlüsselgleichung (4) das Fundament
die Energien der Oszillatoren selbst nur ganzzahli- entzogen, wie Einstein in den Jahren ab 1905 wieder-
ge Vielfache von ε sein können; das hat später erst holt betonte.
Einstein getan. Vielmehr erklärt Planck gleich nach Planck entschied sich für keine dieser Möglichkei-
Einführung des Energiequantums ε über den Quoti- ten, sondern suchte die Quantisierung als Folge einer
enten p := En /ε: Wenn der so berechnete Quotient noch unverstandenen Modifikation der Wechselwir-
” kung zwischen Strahlung und Materie aufzufassen.
keine ganze Zahl ist, so nehme man für p eine in der
Nähe gelegene ganze Zahl“. Setzt man nun W gleich Einen ersten Hinweis darauf, daß Planck nicht die
der Anzahl der Möglichkeiten, p ununterscheidbare Quantisierung der Oszillatorenenergie selbst meint
Energiequanten auf n (unterscheidbare) Oszillatoren haben wir bereits oben angegeben. Aber schon gar
zu verteilen, so erhält man nicht wollte sich Planck auf eine Aufgabe der gera-
de erst etablierten Maxwellgleichungen einlassen, was
(n + p − 1)! er nach Aufstellung der in seinen Augen viel zu radi-
W = . (10) kalen Lichtquantenhypothese von 1905 duch A. Ein-
(n − 1)! · p!
stein, die genau diese Konsequenz heraufbeschwor,
Eingesetzt in (9) ergibt dies4 für die Entropie S = auch mehrfach betonte. So z.B. nach Einsteins viel
S/n des einzelnen Oszillators als Funktion seiner beachtetem Vortrag Über die Entwicklung unserer

Energie E = En /n (d.h. p/n = E/ε): Anschauungen über das Wesen und die Konstituti-
on der Strahlung“ anläßlich der Tagung der Gesell-
S = k[(1 + E/ε) ln(1 + E/ε) − (E/ε) ln(E/ε)] . (11) schaft Deutscher Naturforscher und Ärzte 1909 in
4 Man nimmt dazu n und p als große Zahlen an und verwen- Salzburg ([5], Vol.2, Doc.60). Nachdem Einstein ein-
det jeweils die Stirling’sche Approximation ln z! ≈ z ln(z) − z. drucksvoll die Unzulänglichkeiten der Planck’schen

6
Strahlungstheorie analysiert und dabei seine Licht- der heute aus der Quantenmechanik wohlbekannten
quantenhypothese empfiehlt, bemerkt Planck in der Nullpunktsenergie. Erneut bewegt sich Planck damit,
darauffolgenden Diskussion: Jedenfalls meine ich, ohne es zu wissen und diametral gegen seine Inten-

man müsste zunächst versuchen, die ganze Schwie- tion, von der klassischen Theorie weg. Spätestens zu
rigkeit der Quantentheorie zu verlegen in das Gebiet diesem Zeitpunkt hatte die Entwicklung Planck hin-
der Wechselwirkung zwischen der Materie und der ter sich gelassen. Wie kein anderer förderte Einstein
strahlenden Energie; die Vorgänge im reinen Vaku- in dieser Zeit durch hartnäckiges Hinterfragen der
um könnte man dann vorläufig noch mit den Max- Grundlagen der Planck’schen Strahlungstheorie den
well’schen Gleichungen erklären“ ([5], Vol2., Doc.61). endgültigen Bruch mit der klassischen Physik; doch
In seiner Ablehnung der Einstein’schen Lichtquan- das ist eine andere – nicht minder spannende – Ge-
tenhypothese wurde Planck übigens von fast allen schichte. Kurz zusammengefasst“, schreibt Planck

zeitgenössischen Physikern unterstützt. Noch 1913 in dem schon mehrfach zitierten Brief des Jahres 1931
schrieben Planck, Nernst, Rubens und Warburg in rückschauend, kann ich die ganze Tat als einen Akt

ihrem Empfehlungsschreiben für Einsteins Aufnah- der Verzweiflung bezeichnen“ [7].
me in die Preußische Akademie der Wissenschaften:
Dass er in seinen Spekulationen gelegentlich auch
” Literatur
einmal über das Ziel hinausgeschossen haben mag,
wie z.B. in seiner Hypothese der Lichtquanten, wird
man ihm nicht allzuschwer anrechnen dürfen“ ([5], [1] M. Planck, Physikalische Abhandlungen und
Vorträge, Bd. 1-3 (Vieweg & Sohn, Braun-
Vol.5, Doc.445).
schweig, 1958)
So ist auch Plancks Verständnis der Abzählung
(10) nicht das einer irgendwie neuen, nicht klassi- [2] A. Fölsing, Heinrich Hertz. Eine Biographie
schen Statistik ununterscheidbarer Objekte (Licht- (Hoffmann und Campe, 1997)
quanten), so wie sie heute unter dem Namen Bose-
Einstein-Statistik für Photonen aufgefasst wird, son- [3] H. Hertz, Die Constitution der Materie. Hrsg.
dern rein klassisch. Genauso wie wenn man nach der von A. Fölsing (Springer Verlag, Berlin, 1999)
Anzahl der Möglichkeiten fragt, p Liter Wasser mit
[4] H.A. Lorentz, Theorie der Strahlung (Akad. Ver-
einer Schöpfkelle die einen Liter fasst (und immer
lagsanstalt, Leipzig 1927)
ganz gefüllt werden muss) auf n Gefäße zu verteilen;
auch dann wäre natürlich (10) die richtige Antwort. [5] A. Einstein, Collected Works (Princeton Uni-
Dem Zwang hier die Schöpfkelle zur Verteilung zu be- versity Press, 1989)
nutzen entspricht bei Planck die noch unverstandene
Wechselwirkung zwischen Strahlung und Materie, die [6] A. Pais, Raffiniert ist der Herrgott...“ Al-

ebenfalls die Oszillatoren zwingt mit dem Kontinuum bert Einstein. Eine wissenschaftliche Biographie
der Strahlungsenergie immer nur ganze Portionen ε (Vieweg & Sohn, Braunschweig, 1986)
auszutauschen.
[7] M. Planck, Brief an Robert Williams Wood
Tatsächlich verfolgte Planck in den Jahren 1911-
von 1931. Wiedergegeben in Frühgeschichte der
14 eine Abänderung seiner ursprünglichen Theorie, ”
Quantentheorie“, p. 31, von A. Hermann (Phy-
in der eine Quantisierung des Energieaustauschs nur
noch für den Emissionsvorgang, nicht jedoch für den sik Verlag, Mosbach 1969)
Vorgang der Absorption angenommen werden mus-
ste ([1], Bd.2). Als Konsequenz ergab sich eine leich-
te Modifikation des Strahlungsgesetzes (7) um den
additiven Term hν/2, der einer nicht verschwinden-
den Energie des Oszillators beim absoluten Tempera-
turnullpunkt entspricht. Dies ist das erste Auftreten