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Das Urvertrauen -

Welche Bedeutung hat die Bindung zur Bezugsperson für den


Aufbau des Urvertrauens?

Vordiplomarbeit

Am Fachbereich Erziehungswissenschaften
der Johann Wolfgang Goethe – Universität
Frankfurt am Main

Vorgelegt bei:
Dr. Sieglinde Jornitz

von

Michael Elmenthaler
Friedrich – Wilhelm – von – Steuben –Straße 90, B39
60488 Frankfurt am Main
Tel. 069 / 78997851
E – mail: michael_elmenthaler@hotmail.com

Frankfurt am Main, November 2005


Fristlegung: 6.02.2006
Inhaltsverzeichnis

Einleitung……………………………………………………………………………….. 3

1. Definition und Bedeutung des Begriffs Urvertrauen……………………………… 4


1.1 Definition und Bedeutung des Begriffs Urmisstrauen…………………………… 5
1.2 Schaubild (1): Entstehung und Auswirkung von Urmisstrauen………………… 6
1.3 Definition des Begriffs Bindung…………………………………………………… 7
1.4 Definition des Begriffs Bezugsperson……………………………………………... 8
1.5 Definition des Begriffs Bindungsverhalten………………….................................. 9
1.6 Definition des Begriffs Bindungsqualität…………………………………………. 9

2. Schaubild (2): Psychosoziales Entwicklungsmodell nach Erik H. Erikson………. 10


2.1 Bedeutung des Modells für das Verhältnis Urvertrauen vs. Urmisstrauen…….. 10
2.2 Die Bedeutung der Bindung zur Mutter…………………………………………... 12
2.2.1 Angeborene Fähigkeiten der Mutter für die Entwicklung der Bindung mit
ihrem Kind………………………………………………………………………… 15
2.2.2 Das Stillen…………………………………………………………………………. 15
2.2.3 Körperkontakt…………………………………………………………………….. 16
2.2.4 Weinen……………………………………………………………………………... 17
2.2.5 Babysprache………………………………………………………………………. 18
2.2.6 Kindchenschema………………………………………………………………….. 19
2.2.7 Dialoge…………………………………………………………………………….. 19
2.3 Bindungen zu weiteren Personen………………………………………………….. 20
2.4 Das Fremdeln ………………………….…………………………………………… 21

3.1 Die humanethologische Perspektive und deren Bedeutung für die kindliche
Frühentwicklung…………………………………………………………………… 22

3.2 Bindungstheorie und Relevanz für die Entwicklung von Urvertrauen………… 24


3.3 Relevanz der Sozialisation für das Urvertrauen…………………………………. 25

4. Schlussfolgerung…………………………………………………………………….. 26

5. Literaturverzeichnis…………………………………………………………………. 28

Erklärung……………………..……………………………………………………….... 29

2
Einleitung

Der Mensch ist ein soziales Wesen und kann ohne zwischenmenschliche Kontakte nicht
überleben. In der Frühentwicklung eines Kindes sind deswegen basale Prozesse von
Bedeutung, damit es sich besser in die Gesellschaft integrieren kann. Als Prämisse für eine
gelungene Integration ist die soziale Kompetenz von großer Bedeutung. Das Individuum soll
sich in seiner sozialen Umwelt wohl fühlen. Kontakte zu anderen Menschen herzustellen, fällt
dem einen oder anderen schwer, wenn er schüchtern oder unsicher ist. Schon im frühen
Kleinkindalter kann man Ursachen für diese Unsicherheiten finden. Es ist gut für Kinder,
wenn sie so früh wie möglich an sozialen Interaktionen teilnehmen. Diese Interaktionen sind
aber nur dann hilfreich, wenn das Kind schon als Säugling eine Sicherheit verspürt hat. Eine
Sicherheit, die ihm das Gefühl gibt, nicht allein oder ängstlich zu sein, wenn es fremde
Gesichter sieht. Eine Basis muss hergestellt werden. Diese Basis, auch bekannt unter dem
Begriff Urvertrauen nach dem Psychoanalytiker Erik Erikson, wird für diese Arbeit von
Bedeutung sein. Das Urvertrauen muss wiederum erstmal vom Individuum aufgebaut werden,
aber wie? Grundsätzlich mangelt es einem von Geburt an Erfahrungen, die für die
Entwicklung der individuellen Persönlichkeit und dem Verständnis der Umwelt von
Bedeutung sind. Dafür braucht man Personen, die einen leiten und verstehen können. Man
geht Bindungen mit anderen Personen ein und manche von ihnen sind von besonderer
Vertrautheit, so die Eltern. Wie wichtig aber ist eine Bindung zu den vertrauenswürdigsten
Menschen, die Bezugspersonen, mit denen man eine Bindung eingeht für das Urvertrauen?
Schafft man ein Urvertrauen ohne sie? Welchen Einfluss haben sie? Vor allem gehe ich in
dieser Arbeit der Frage der Bedeutung der Bindung zu den Bezugspersonen für den Aufbau
von Urvertrauen nach. In der Psychoanalyse wird die Mutter in der Regel als primäre
Bezugsperson angesehen. Das ist auch fundamental für das Kind. Deshalb werde ich im
Verlauf dieser Arbeit vor allem auf die Mutter-Kind-Beziehung eingehen. Es wird zu klären,
welche Fähigkeiten die Mutter mit sich bringen muss, um eine Bindung zu ermöglichen und
wie überhaupt eine Bindung entsteht. Dies schließt natürlich nicht aus, dass andere
Bezugspersonen nicht auch die Fähigkeiten haben, eine Bindung mit dem Kind einzugehen.

3
Es werden Sichtweisen der Humanethologie und der Bindungstheorie miteinbezogen, da diese
sich ausführlich mit dem Verhalten und Erleben des Kleinkindes befassen, um einen Bezug
zum Urvertrauen zu finden. Mitunter spielt auch die Sozialisation eine wichtige Rolle, die
verantwortlich dafür ist, ob man sich in der Gesellschaft wohl fühlt oder nicht. Dies führt
mich zur Klärung der Fragestellung hin, die ich im Schlussteil wiedergeben werde.

1. Definition und Bedeutung des Begriffs Urvertrauen

Pionier des Begriffs Urvertrauen ist Erick H. Erikson (1950), der die These aufstellte, dass das
Urvertrauen ein prinzipielles Vertrauen zur Welt und zum Leben sei. Er nannte es auch eine
„Voraussetzung der geistigen Vitalität.“1 Es ist daher der Grundstein eines jeden
menschlichen Seins. Das Urvertrauen ist ein positives und sicheres Grundgefühl gegenüber
der Außenwelt bzw. Umwelt. Es ist grundlegend für die Bildung des Urvertrauens, dass das
Kind in seinem ersten Lebensjahr eine oder mehrere Bezugspersonen hat, die in unmittelbarer
Nähe sind und ihm somit zu jeder Zeit zur Verfügung stehen. Als Hauptbezugsperson wird in
fast allen Fällen die Mutter vom Säugling wahrgenommen, die vor allem mit viel Hingabe
und einfühlsamen bzw. bewussten Handeln immer für ihr Kind bereit ist, wenn es sie braucht.
So erfährt das Kleinkind z. B. in Situationen, in denen es Angst verspürt, das Vertrauen, bei
der Mutter Schutz zu finden und sie immer dann wieder finden zu können, wenn sich das
Kind mal zurückziehen will. Die Bestätigung des Rückhaltes bildet aus dem Verhältnis
zwischen Mutter und Kind eine stabile und sichere Bindung. Wie Erikson so sehen auch die
meisten Vertreter der Psychoanalyse die Mutter als die Hauptbezugsperson für das Kind in
dem ersten Lebensjahr an.

Das Kind und später auch der Erwachsene brauchen dieses Urvertrauen, um sich in der Welt
besser zurechtfinden zu können und unabhängiger zu werden. Sie sollen die Zuversicht und
das Vertrauen bekommen, sich nicht zurückzuziehen zu müssen, wenn Gefahren lauern, da sie
in ihrer Kindheit genügend Sicherheit bei ihrer Hauptbezugsperson erfahren haben. Das
Fehlen oder Existieren des Urvertrauens wird einem ein ganzes Leben mit den
entsprechenden Auswirkungen begleiten.2 So kann man beispielsweise in positiven und
festen, sicheren Partnerbeziehungen davon ausgehen, dass die Partner ein Gefühl des
Urvertrauens in ihrer frühen Kindheit erlebt haben. Sie gehen die neue Beziehung mit
Zuversicht und Vertrauen in die neue Beziehung ein. Das Urvertrauen entwickelt sich im

1
E. H. Erikson „Jugend und Krise“ 1998, S.97
2
vgl. H. Keller „Handbuch der Kleinkindforschung“ 1997, S. 33

4
Verlauf des Lebens weiter, vom entspannten Gefühl des Säuglings, der Liebe des Kindes zu
seinen Eltern, der Begeisterung des Jugendlichen für Idole und Ideale bis hin zum reifen
Verständnis von Glaube und Hoffnung des Erwachsenen.3

Erikson stellt das Urvertrauen in einen Zusammenhang mit der „… ontologische[n] Quelle
von Glaube und Hoffnung, …“4. Damit meint er, dass die individuelle komplette Auffassung
des Glaubens und der Hoffnung in den Wurzeln des Urvertrauens liegen. Es ist die Basis
eines jeden Individuums. Außerdem meint er, dass die innere individuelle Gefühlswelt und
die sie umgebende Umwelt gegenüber durch das Urvertrauen als eine positive Ganzheit
angesehen wird. Die Außenwelt wird zu einer vertrauten Welt und es existieren weniger
Ängste in den unangenehmen Situationen, die während des Lebens erlebt werden. Das
Unbekannte wird zum Bekannten gemacht und die Neugier, Neues zu erforschen oder
kennenzulernen wird schon im Kleinkindalter geweckt. Das Kind traut sich z.B. zu, neue
Gegenstände auszuprobieren, zu testen, zu berühren und gewinnt dadurch Vertrauen zur
Umwelt und zu sich selbst.

Das Urvertrauen wird auch als die Quelle von Freundschaft, Liebe und Religion angesehen. In
der Freundschaft braucht man Vertrauen zu seinen Freunden, nur so vertraut man ihnen
Privates an und ist ihnen gegenüber offener. Hat jemand kein ausreichendes Urvertrauen
erworben, fällt es ihm unheimlich schwer, anderen Personen zu vertrauen. Vertrauen in den
anderen zu haben, zu wissen, dass auf ihn Verlass ist, spielt in jeder Beziehung eine sehr
wichtige Rolle. Das Gefühl der Liebe in einer Beziehung baut grundsätzlich auf Vertrauen
auf, ansonsten entstehen emotionale Konflikte. Ebenso braucht man Vertrauen zu einer
Religion, um sich ihr zugehörig zu fühlen und sie zu akzeptieren. Misstrauische Personen, die
enorme Schwierigkeiten haben, anderen Menschen zu vertrauen, entwickelten in ihrer
Kindheit wohlmöglich ein Gefühl des Urmisstrauens, das ihnen haften geblieben ist. Ich
möchte im folgenden Punkt näher darauf eingehen.

1.1 Definition und Bedeutung des Begriffs Urmisstrauen

Das Urmisstrauen steht als Gegensatzpartner des Urvertrauens. Es entsteht dann, wenn der
Säugling keine einfühlsame Mutter hat, die ihm genügend Nähe und Wärme bieten kann.
Oftmals sind diese Mütter distanziert, da sie wahrscheinlich eine ähnliche Erfahrung mit ihren
Müttern gehabt haben. Das Kind erlebt, dass seine Bedürfnisse von ihr nicht befriedigt
3
P. Conzen „Erik H. Erikson“ 1996, S. 117 - 118
4
vgl. E. H. Erikson „Jugend und Krise“ 1998, S. 81

5
werden, so kommt auch die Geborgenheit zu kurz, wenn es Ängste bekommt. Es fühlt sich
verloren, misstrauisch und unsicher der Welt gegenüber. Das Gefühl des Urmisstrauens
entsteht zur gleichen Zeit wie das Urvertrauen, wird aber vom Erikson als Krise angesehen.
Eine Krise, die dafür verantwortlich ist, dass die Person im weiteren Verlauf ihres Lebens ein
negatives Gefühl für andere Personen, seine Umwelt und der Welt gegenüber bildet. Es fällt
dieser Person schwer, neue Bindungen und Beziehungen einzugehen. Oftmals reagiert das
Individuum zurückhaltend oder aggressiv. Als Kind erleidet man Depressionen und gerät
oftmals in einen Zustand der Trauer. Die Sehnsucht nach Vertrauen begleitet das Kind ein
Leben lang. Es fühlt sich in der Gesellschaft nicht integriert und wird von dem fehlenden
Urvertrauen in bestimmten Situationen eingeholt.

Im psychosozialen Entwicklungsmodell von Erikson befinden sich das Urvertrauen und das
Urmisstrauen in der ersten Phase, welche er als das orale Stadium bezeichnet. Genau definiert
Eriskosn es als ein Prozess „Urvertrauen vs. Urmisstrauen.“ Ein Kind, das die Krise des
Urmisstrauens überwältigt, indem es genügend Urvertrauen hat, ist fähig, das nächste Stadium
zu erreichen.

Eine klare Darstellung, wie das Urmisstrauen entsteht und welche Auswirkungen dieses
Gefühl mit sich trägt, bietet das Schaubild 1.2. Man sieht außerdem, dass das Gefühl der
Angst einen engen Bezug dazu hat und mitverantwortlich ist, dass das Verhalten u. a. zu
anderen Menschen negativ beeinflusst wird.

1.2 Schaubild (1): Entstehung und Auswirkung von Urmisstrauen 5

5
vgl. Der Brockhaus Psychologie 2001, S. 647

6
1.3 Definition des Begriffs Bindung

Bindung bezeichnet eine emotionale Beziehung zwischen Menschen, die zueinander Kontakt
und Nähe haben wollen mit dem Ziel, eine Beziehung zu festigen. Die Wurzel des
Bindungsparadigmas liegt im ersten Lebensjahr des Individuums, in dem der Säugling
anfängt, Bindungen zu Personen aufzubauen. Die engste Bezugsperson ist in der Regel die
Mutter, die auf die Signale des Kindes empathisch reagiert und feinfühlig mit ihm umgeht.
Dieser Vorgang bewirkt, dass eine sichere Bindung geschaffen wird, nämlich die Mutter-Kind
–Bindung. In dieser Zeit, wie auch in 1.1 schon geschrieben steht, bildet sich das Urvertrauen.
Sicher gebundene Kinder, die ein Jahr alt sind, haben die Eigenschaft, dass sie bei einer
Trennung von ihrer Mutter anfangen ihr nachzulaufen, zu klammern, zu weinen und ihr
nachrufen.6 Die Mutter braucht daraufhin nichts anderes zu tun, als sich ihnen mit
Körperkontakt zu widmen und sie durch das Zureden zu beruhigen.

Es gibt noch drei weitere Formen von Bindungen, die individuell unterschiedlich bei den
Kindern auftreten können. Man redet von der unsicheren- vermeidenden Bindung, wenn den
Bedürfnissen der einjährigen Kleinkinder von Seiten der Mutter keine oder nur unzureichende
Beachtung geschenkt wird, sei es durch Körperkontakt oder durch unmittelbarer Nähe. Diese
Kinder haben unter diesen Bedingungen gelernt, ihr Bindungsverhalten zu kontrollieren und
zu unterdrücken. Bei einer Trennungssituation von ihrer Mutter erlebt man sie autonom, als
ob sie davon emotional keine Kenntnis nehmen. Es ist von Psychophysiologen festgestellt
worden, dass sie unter einem enormen körperlichen Stress leiden.

Eine weitere Bindung ist die unsichere- ambivalente Bindung, bei der die Kinder auf die
Trennung von der Mutter sehr gestresst reagieren. Es kommt bei der Rückkehr von der Mutter
zu einer ambivalenten Reaktion. Auf der einen Seite sind sie aggressiv zu ihr und auf der
anderen Seite klammern sie sich fest.

6
vgl. Der Brockhaus für Eltern 2001, S.83

7
Die zuletzt genannte ist die desorganisierte oder desorientierte Bindung, bei der die Kinder
kein eindeutiges Verhaltensmuster zeigen. Bei der Trennungssituation findet man
unterschiedliche, ineinander übergehende Verhaltensweisen, in denen das Kind z.B. auf die
Mutter zugeht, sich dann aber wieder abwendet und woanders hinstarrt.

Eine sozial emotionale Bindung vom Kind zur Bezugsperson geschieht dann, wenn es sich
bewusst ist, von der Person Hilfe für alles, was ihm unbekannt ist, zu bekommen. Das Erleben
der Bindung im ersten Lebensjahr hat Konsequenzen auf das spätere Sozialverhalten. So
erkennt man z.B. im Kindergarten, dass die sicher gebundenen Kinder offener, sozialer sind
und mit Schwierigkeiten besser zurecht kommen, als diejenigen, die nicht sicher gebunden
sind. Sicher gebundene Kinder haben die Grundlage, um später sich normal von ihren Eltern
loslösen zu können, um unabhängiger werden.

Bemerkenswert ist, dass die Bindung im Laufe der Zeit sich doch, je nach Entwicklung,
verändern kann. Sicher gebundene Kinder sind von vornherein sozial und offen, aber sie
können durch zu große Belastungen, die sie im Laufe ihres Lebens erfahren, unsichere
Bindungen entwickeln. Umgekehrt geschieht dies auch mit den Menschen, die ein unsicheres
Bindungsmuster zeigen, die durch das Erleben von positiven Beziehungen eine sichere
Bindung aufbauen können.

1.4 Definition des Begriffs Bezugsperson

Die Bezugsperson ist die Person, nach der man seine Denk- und Verhaltensweise orientiert.
Es kommen verschiedene Menschen als Bezugsperson in Betracht, so z.B. Mutter, Vater,
Lehrer, Mitschüler, etc. Praktisch gesehen kann jedes Individuum für ein anderes als
Bezugsperson gelten. Im Gegensatz zur Person, zu der der Kontakt auf einer sachliche
neutrale Ebene gesehen wird, ist der Kontakt zur Bezugsperson offener und führt zu einer
emotionalen warmen Beziehungsebene. Die Tendenz, die Bezugsperson als Maßstab für
Verhaltensweisen, Werte und Einstellungen7 zu übernehmen, ist gegeben. Trotzdem sollte
man von ihr unabhängiger werden, um alleine zu bestimmen, wie gehandelt werden soll, um
seine eigenen Ziele zu realisieren. Als Baby ist es sehr wichtig, die geeignete Bezugsperson
frühzeitig zu finden, da diese Begegnung fundamental für die weitere soziale und persönliche
Entwicklung ist. Bezugsperson zu sein bedeutet, Verantwortung für den anderen zu tragen.

7
vgl. H. Schaub; K.G. Zenke, „Wörterbuch Pädagogik“ 2002, S.94

8
1.5 Definition des Begriffs Bindungsverhalten

Bindungsverhalten entsteht durch Fürsorge und Schutz. Seine Funktion ist, dem Kind ein
Gefühl der Sicherheit zu geben, wenn es mit emotionalen Belastungen zu tun bekommt. Es ist
auf die Unterstützung seiner Bindungsperson angewiesen. Die Bindung, die zustande kommt,
ist ein hypothetisches Konstrukt, dessen innere Organisation das Bindungsverhaltenssystem
ist. Dieses System ist Grundlage für das Bindungsverhalten. Das Bindungsverhalten
beinhaltet eine Vielzahl von Verhaltensweisen oder Signalen, die auch austauschbar sind.
Solche sind z.B. Weinen, Rufen, Nachfolgen oder Klammern, die das Kleinkind benutzt, um
mit seiner Bindungsperson in Kontakt zu treten. Sie werden aber nur dann geäußert, wenn das
Bindungsverhaltenssystem aktiviert wird, wenn z.B. beim Kind das Gefühl der Angst eintritt.

1.6 Definition des Begriffs Bindungsqualität

Bindungsqualitäten bilden sich in anhand emotionaler Lebenserfahrungen, die ein Kind


gemacht hat. Diese Erfahrungen werden in „Arbeitsmodelle“ (internal working models;
Bowlby, 1973) gespeichert und haben individuelle Konsequenzen für die Persönlichkeit und
ihr Verhalten zur Folge. In engen Beziehungen zeigen diese Konsequenzen, welche Art der
Bindung die Partner mit sich tragen. Es kann sich dabei um eine sichere, unsichere –
vermeidende, unsichere – ambivalente oder desorientierte Bindung handeln. Das Kind
erledigt mit Hilfe der Arbeitsmodelle die für ihn bestimmten Entwicklungsaufgaben mit mehr
oder weniger Erfolg. Sicher gebundene Kinder kommen mit schweren Situationen besser
zurecht als unsicher gebundene.

9
2. Schaubild(2): Psychosoziales Entwicklungsmodell nach Erik H. Erikson 8

2.1 Bedeutung des Modells für das Verhältnis Urvertrauen vs.


Urmisstrauen

Das psychoanalytische Entwicklungsmodell von Erikson hat den Zweck, die verschiedenen
Bewältigungsstufen oder Phasen aufzuzeigen, die ein Mensch während seines Lebens
durchmachen muss, um seine Persönlichkeit auszubilden und um seine Identität zu finden. Es
ist eines der bekanntesten Entwicklungsmodelle in der modernen Psychologie.
Ausgangspunkt war Freuds Theorie der Konfrontationen des Menschen mit seinen
Konflikten, die schon in der frühen Kindheit begonnen haben. Freud behauptet z.B., dass sich
bei Kindern, die ihre Konflikte nicht lösen konnten, Neurosen bilden. „Konflikt“ sollte aber
nicht nur als etwas Negatives verstanden werden, sondern er kann dazu beitragen, bei einer
Konfliktbewältigung mehr Selbstbewusstsein zu bekommen. Im Schaubild (2) sind die
einzelnen Phasen des Entwicklungsmodells für den Menschen chronologisch aufgelistet. Er
muss sich je nach Phase mit einer Konfliktbewältigung auseinandersetzen. Es gibt zwei
8
vgl. Der Brockhaus Psychologie 2001, S. 136

10
Alternativen, wie dieser Konflikt endet. Das hängt nicht nur vom Individuum ab, sondern
wird auch von seiner Umwelt beeinflusst. Ziel ist es, zur nächsten Phase zu gelangen, in der
das Individuum seinen Konflikt bewältigt. Laut Erikson kann man nur zur nächsten Phase
übergehen, wenn man die Krise miterlebt hat und aus ihr herausgekommen ist. Somit erlebt
man immer eine Krise, bevor man ins nächste Stadium oder die nächste Phase kommen will. 9
Beispiel dafür ist die erste und grundlegende Phase, die als orale- sensorische Phase
bezeichnet wird und die im Alter von 0–2 Jahren geschieht. In der oralen Phase ist der Mund
des Babys das zentrale Organ für eine erste allgemeine Annäherung an das Leben. Das Baby
fängt an, durch das Saugen unterschiedliche Reize aufzunehmen. Vor allem durch das Stillen
der Mutter erlebt es eine Verbindung zur Außenwelt, die es ihm ermöglicht, menschlichen
Kontakt zu bekommen, siehe Punkt 2.2.2.

Das erste Stadium bzw. die erste Phase ist der erste Schritt, den der Mensch zur
Persönlichkeitsbildung und Identitätsfindung macht. Der Säugling erlebt seine erste
Lebenskrise laut Erikson im ersten Lebensjahr. Diese ist für seine weitere Entwicklung
entscheidend dafür, ob diese mehr Richtung Vertrauen oder Misstrauen gehen wird.
Entscheidend ist die Frage, ob das Kind Vertrauen zur Mutter bekommt und somit auch
Vertrauen zur Welt, indem eine Mutter-Kind-Bindung zustande kommt. Es kann nämlich
auch in die andere Richtung gehen, wenn das Kind keine fürsorgliche Mutter hat und seine
Bedürfnisse nicht geachtet werden, kann es somit unzufrieden und misstrauisch gegenüber der
Welt werden. In dieser Phase kommt es zum Wechselspiel beider Gegenpole, wie es im
Entwicklungsmodell als Urvertrauen vs. Urmisstrauen kenntlich gemacht ist. Der Konflikt ist
laut Erikson geradezu schicksalhaft für jedes menschliche Dasein. In ihm wird bestimmt, ob
ein Mensch eine „eher optimistisch- hoffnungsvolle oder eher pessimistisch- resignative
Lebenseinstellung“10 bekommen wird. Die Krise, die der Säugling bei seiner Bezugsperson in
Form von Enttäuschungen und Entfremdungserlebnisse erlebt führt zum Urmisstrauen. Daher
ist es notwendig, dass das Urvertrauen als Gegenkraft im ersten Lebensjahr des Kleinkindes
aufgebaut wird. Verantwortlich für den Aufbau von Urvertrauen ist die zuverlässige
Mutterbeziehung. Sie stellt die erste Umwelt des Menschen dar und ihre sichere Beziehung
führt zu weiteren sicheren Wohlbefinden in der Welt. Nicht desto trotz ist zuviel Urvertrauen
auch nicht vom Vorteil, da man in jeder Person Vertrauen sieht. Man sollte schon ein wenig
Misstrauen gegenüber andere Menschen haben, um sie besser einzuschätzen.

9
vgl. E. H. Erikson „Jugend und Krise“ 1998, S. 94
10
P. Conzen „Erik H. Eikson und die Psychoanalyse“ 1990, S. 196

11
2.2 Die Bedeutung der Bindung zur Mutter

Sowohl für Erikson als auch die meisten Vertreter der Psychoanalyse ist die Mutter die
Hauptbezugsperson des Neugeborenen. In allen Kulturen der Welt existiert eine individuelle
Bindung zwischen Mutter und Kind. Sie entsteht gleich nach der Geburt und beruht auf
Gegenseitigkeit. Der Prozess der Bindung ist zwar simultan, er wird aber bei der Mutter
schneller als beim Säugling aufgefasst. Vor allem der dritte Monat nach der Geburt ist für die
Bindung von Bedeutung, da sie in dieser Zeit stark verarbeitet wird. In der Regel kommt es
im siebten Monat zur Etablierung der Bindung. Der Geruch der Mutter, als einer von vielen
Teilaspekten, wird dabei schon nach wenigen Tagen wahrgenommen und differenziert als
Präferenz vom Neugeborenen erlebt, somit wird die Mutter als seine Bezugsperson
erkenntlich gemacht. Es besteht die Möglichkeit, dass der Säugling, falls die biologische
Mutter aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr für ihn da ist, eine neue Bindung zu einer
„Ersatzmutter“ herstellen kann.11 Er tauscht sozusagen seine Bezugsperson. Vorraussetzung
dafür ist, das die „neue“ Mutter viel Zeit für den Säugling zur Verfügung hat und sich ihm
liebevoll zuwendet. Vor allem muss sich das Kind geborgen bei ihr fühlen, indem es ihre
vertraute Nähe oftmals spürt.

Durch Tierexperimente lassen sich häufig Parallelen zu menschlichen Verhaltensweisen


zeigen. In den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts experimentierte der Psychologe Harry
Harlow mit Affenbabys. Die jungen Affenkinder wurden kurz nach der Geburt von ihrer
Mutter getrennt und in einen Käfig gebracht, in dem eine Decke für sie bereit lag. Die jungen
Affen bauten eine intensive Bindung mit der Decke auf, wie zu einer „Ersatzmutter“ oder zu
einer anderen Bindungsperson. Dies erbrachte die Erkenntnis, dass die Nahrungsquelle nicht
der einzige Bestandteil einer Bindung ist. Verdeutlicht wurde dies mit einem weiteren
Experiment, in dem man zwei künstliche „Mütter“ aufstellte. Die eine war ein aus Draht
bestehender Zylinder mit einem hölzernen Kopf und einer Nuckelflasche. Die andere
„Mutter“ war auch aus demselben Material, nur das sie mit Schaumstoff umhüllt und einer
Plüschdecke bezogen war. Das Resultat war, dass die Äffchen mehr Kontakt zu der Mutter
hatten, die von der Plüschdecke bedeckt war, als zur anderen Mutter. So wie menschliche
Kleinkinder sich an ihre Mutter fest klammern, wenn sie Angst spüren, taten die Affenkinder
es bei der Plüschmutter. Sie galt auch als sichere Basis, wenn es darum ging, die Umgebung

11
vgl. H. Keller „Handbuch der Kleinkindforschung“ 1997, S. 30

12
näher kennenzulernen. 12 Die sichere Basis ist wie ein Hort der Sicherheit und der Zuflucht,
die sogenannte „secure base.“ Die secure base ist m. E. dem Urvertrauen von Erikson
gleichgestellt, aber bei weitem nicht so komplex.

Geht man von der persönlichen Bindung vom Kind zur Hauptbezugsperson aus, so gibt sie
ihm physischen und psychischen Schutz. Kinder sehen ihre Mutter als Zufluchtsstelle an. In
einem anderen Tierexperiment wurde beobachtet, wie Kinder auf eine künstliche „Mutter“
reagierten, die schmerzhafte Strafreize auf sie ausübte. Sie war die „böse“ Mutter und
trotzdem gingen die Kinder immer wieder zu ihr zurück. Paradoxerweise wuchs der Drang zu
ihr zurückzukehren noch mehr. Anscheinend hielten sie ihre „Mutter“ für die Reize nicht
verantwortlich, da sie den festen Glauben hatten, dass sie ihnen Sicherheit und Geborgenheit
gab und unmöglich etwas Schlechtes wollte. Dieses Phänomen lässt sich auch bei
Menschenkindern beobachten, die von ihrer Mutter misshandelt wurden. Sie bauen trotz des
schlechten Verhaltens der Mutter, eine starke Bindung zu ihr auf. Je größer die Gefahr ist, sei
es in Form von Schmerz oder Angst, desto mehr suchen die Kinder Schutz bei ihrer
Hauptbezugsperson. Im allgemeinen verstärken Schmerz und Angst das Bindungsverhalten
(Ainsworth 1979). Das Bindungsverhalten wird intensiver zum „Bindungsobjekt“, wie in dem
Fall zur Mutter. Im Verlauf der Geschichte von Mutter-Kind sind schlechte Mütter die
Ausnahme gewesen. Deshalb haben sich keine negativen Eindrücke von ihr bei den
Kleinkindern entwickelt. Im Gedächtnis des Kindes ist die Mutter immer eine liebevolle und
vertrauenswürdige Bezugsperson. In der Stammesgeschichte von Mutter und Kind haben sich
„Vorprogrammierungen“13 durchgesetzt, die für eine individuelle Bindung verantwortlich
sind. Es ist sozusagen zu einem unwiderruflichen Gesetz in der Natur geworden, dass es zu
einer Mutter-Kind-Bindung kommt. Pioniere dieser vertretenen Perspektive, nämlich die der
Mutter-Kind-Beziehung bzw. Bindung, waren Bowlby (1958, 1969) und Ainsworth (1969)
mit ihrer „attachment“ Theorie, siehe 3.2. Schon nach der Geburt ist es besonders wichtig,
dass Mutter und Kind zusammen sind, um die Bindung aufzubauen bzw. zu fördern, indem
sie sich gegenseitig erstmal gut kennenlernen. Um zu beweisen, dass eine Bindung existiert,
ist es nur nötig, dass die Mutter sich von ihrem Kind eine Zeit lang trennt, auch wenn das
Kind nicht einverstanden ist. Normalerweise fängt das Kind sofort an zu schreien und zu
weinen. Das Phänomen vom schreienden Baby, das allein ist und seine Mutter sucht, ist ein
bekanntes Bild. Es schreit aus Protest und versucht, seine Sicherheit bei seiner Bezugsperson
zu finden. Das Kind beruhigt sich erst dann wieder, wenn die Mutter bei ihm ist. Wenn die
12
vgl. D. G. Myers „Myers Psychologie“ 2005, S.160
13
H. Keller „Handbuch der Kleinkindforschung“ 1997, S. 31

13
Mutter sich zur Bezugsperson ausgebildet hat, dann ist sie die Hauptperson für die
Bedürfnisse des Kindes, vor allem wenn es um Angstzustände geht.

Vergleicht man die unterschiedlichen Kulturen miteinander, so finden sich einige


Unterschiede im Umgang von den Müttern mit ihren Kindern. In traditionellen Kulturen,
Naturvölker, wie z.B. bei Indianerstämmen, bevorzugt man einen körpernahen Kontakt zu den
Kleinkindern und sie sind auch ständig unter Beobachtung. Das ist in den Industrieländern
nicht so üblich, wahrscheinlich auch aus Zeitmangel. Dort findet man oftmals
„Mutterersatzobjekte“ in Form von Kuscheltieren, an denen die Kinder sehr hängen. Die
Kuscheltiere werden mitgenommen, wenn die Kinder allein sind oder auch Angst verspüren.
Die Objekte helfen die Zeit, in der die Mutter nicht anwesend ist, zu überbrücken. Die Kinder
bauen eine Bindung zu diesen Objekten auf. Laut Passman und Weisberg (1975) fühlten sich
Kinder neugieriger und mutiger in einem fremden Umfeld, wenn sie ihr „Sicherheitsobjekt“
bei sich hatten. Traditionelle Erziehungsweisen, Mutter-Kind-Nähe, haben erwiesen, dass die
Kinder keine Mutterersatzobjekte benötigen, da ihr Bindungsstärke bzw. Sicherheit sich
genug entwickelt hat. Dass ein Kind ein Sicherheitsobjekt braucht, ist ein Zeichen dafür, dass
es zu wenig Zuwendung von seiner Hauptbezugsperson bekommt. Dies wiederum bedeutet,
dass das Kleinkind ein anpassungsfähiges Wesen ist, anstatt nur unbeteiligt zu sein. Eine
stabile und verlässliche Bindung für den Säugling und das Kleinkind ist Voraussetzung dafür,
damit er (es) neugierig wird und sich der Spiel - und Lerntrieb in ihm entwickeln. Ist dies
nicht der Fall, überwiegt die Angst, neue Erfahrungen zu machen und sowohl die Neugierde
als auch das Interesse verschwinden. Insgesamt wird in der Bindung zur Mutter deutlich, wie
wichtig die Nähe und Verfügbarkeit der Bezugsperson(en) während der ersten Lebensspanne
für die Wurzeln des Urvertrauens ist. Durch den Kontakt und die Vertrautheit zur
verlässlichen Bezugsperson in der frühen Kindheit bekommt das Kind ein Vertrauen zur Welt
und zum Leben. Man sucht Schutz bei ihr, wenn Gefahren sich nähern und wenn Ängste
entstehen.

14
2.2.1 Angeborene Fähigkeiten der Mutter für die Entwicklung der Bindung
mit ihrem Kind

Wie schon im Punkt 2.2 erwähnt, wird behauptet, dass der Ursprung der Bindungsfähigkeit
Mutter – Kind oder der einer anderen Bezugsperson(en) in der phylogenetischen Anpassung
bzw. in deren stammesgeschichtlichen Entwicklung liegt. Es sind natürliche Fähigkeiten der
Mutter, die aus der Phylogenese stammen und für die frühe Entwicklung des Kindes von
Bedeutung sind. Untersucht werden müssen die „angeborenen Interaktionsmechanismen“14
zwischen Mutter und Kind, damit geschaut wird, wie eine Bindung zustande kommt und sich
bewährt. Im folgenden werden Interaktionsmuster vorgestellt, die mit den natürlichen
Fähigkeiten der Mutter oder der Bezugsperson zu tun haben und daraufhin mit den
Fähigkeiten des Kleinkindes in Einklang gebracht werden. All diese Interaktionen stehen m.
E. im Zusammenhang mit dem Aufbau des Urvertrauens.

2.2.2 Das Stillen

Eine sehr grundlegende Interaktionsform der Mutter-Kind-Beziehung ist das Stillen, welches
von der Mutter ausgeht, die ihre Brust für ihren Säugling zur Verfügung stellt. In dieser
basalen Interaktion gilt der Mund des Säuglings als das zentrale Organ, mit dem er den ersten
sozialen Kontakt in seinem Leben macht. Beide handelnde Individuen sind sich der Situation
des Stillens bewusst und wissen, wann es wieder so weit ist. Der Neugeborene macht sich
bemerkbar, in dem er mit dem Kopf seitlich pendelnde Bewegungen macht. Diese Aktion ist
ein angeborenes Bewegungsparadigma und ermöglicht dem Säugling, die Brust seiner Mutter
ausfindig zu machen. Das Kind geht bei diesem Vorgang automatisch zur Mutterbrust und die
Mutter weiß aus Erfahrung, wie sie zu handeln hat. Sie bemerkt dies sofort, indem sie ihm
zuvor – oder entgegenkommt, um den Neugeborenen zu stillen. Es kommt zum sozialen
Austausch zwischen den beiden. Die Mutter trägt die Verantwortung für ihr Kind, welches
von ihrer Seite her gemischte Gefühle hervorbringen kann. Sie kann überglücklich sein, aber
es können auch negative Gefühle, wie z.B. Zweifel, ob sie der Verantwortung gegenüber dem
Säugling gewachsen ist, vorkommen. Die Koordination des Saugens und Aufnehmens der
Flüssigkeit von der mütterlichen Brust wird vom Kind am Anfang erst einmal erlernt. Zuerst,
und das passiert in den ersten Monaten, fängt der Säugling erst dann an zu saugen, wenn die
Brustwarze ihm in den Mund geschoben wird. Erikson nennt dies den „passiv –

14
H. Keller „Handbuch der Kleinkindforschung“ 1997, S.35

15
inkorporierenden Modus.“15 Aus der psychosozialen Perspektive auch unter dem Namen der
Objektbeziehung bekannt, in der die Mutter ihre Mittel des „Gebens“ mit dem „Nehmen“ des
Säuglings zu einer Einheit bringt. Die Art und Weise, wie sie das Kleinkind stillt, ob liebevoll
bis hin zu verängstigt oder abweisend, hängt ganz von der Einstellung der Mutter dem Kind
gegenüber ab. Es hat bestimmt auch eine Vorgeschichte gegeben, weshalb die Mutter z.B.
keinen zärtlichen Umgang zeigt, da ihre Mutter wahrscheinlich auch damals nicht liebevoll
mit ihr umgegangen ist oder weil die Schwangerschaft sie zu sehr bedrückt hat. Der Säugling
kann den Geruch der Milch seiner Mutter schnell wahrnehmen. In knapp einer Woche nach
der Geburt ist er sogar in der Lage, ihn von anderen stillenden Müttern zu differenzieren. Das
Stillen hat nicht nur die Funktion des Ernährens, sondern dient auch zur Beruhigung des
Säuglings, indem er einfach nur seinen Mund heranhält, ohne die Notwendigkeit zu haben,
gleich zu saugen und Milch aufzunehmen. Das Saugen des Neugeborenen hilft somit je nach
seinem Bedarf u. a. auch, Angstzustände zu überwinden.

Das Kind hält seinen Mund auch an andere Objekte, an denen es aus Neugier saugt und
probiert, wie sie wohl schmecken und sich anfühlen. Es entdeckt rauhe, weiche oder harte
Gegenstände, die Geschmack haben oder nicht. Auch nimmt das Kind die Temperatur wahr,
ob kalt, lauwarm oder warm. Im Laufe der Zeit nimmt das Kleinkind einfach alles in den
Mund, es ist eine Zeit des Entedeckens. Das Stillen ist m. E. eine weitere Form, das
Urvertrauen auszubilden, da die Bindung und somit das Vertrauen zur Hauptbezugsperson
hergestellt wird.

2.2.3 Körperkontakt

Der Körperkontakt zum Säugling gilt als ein universelles Interaktionsparadigma. Schon ein
Zulächeln zum Baby (Schleidt, Schiefenhöfel, Stanjek & Krell, 1980) wird als anfängliche
Zuwendung angesehen. Eine intensivere Form, die nächste Stufe der Zuwendung, ist die des
Berührens. Oft wandert das Kind von einem Arm zum nächsten der Familienmitglieder. Die
Mutter drückt und umarmt den Säugling körpernah zu sich, welche eine angeborene
Disposition von ihr ist.

Dieses Bedürfnis des Körperkontaktes geht nicht nur von der Mutter aus, sondern auch vom
Neugeborenen. Es ist ein phylogenetisches Phänomen, das in der Natur, wie z. B. auch in der
Tierwelt vorkommt. Ein weinendes Kind wird, um es zu beruhigen, von der Mutter in die

15
E. H. Erikson zit. nach P. Conzen „Erik H. Erikson: Leben und Werk“ 1996, S. 119

16
Arme genommen. Der Körperkontakt gewährt ihm Schutz. Hautkontakt wird von Säuglingen
traditioneller Mütter, die fürsorglicher sind, mehr erlebt als von vielen Müttern in den
Industrieländern, in denen die Mütter nicht so viel Zeit für ihre Kinder haben. Die Nähe zur
Mutter zu spüren gibt dem Baby die Gelegenheit, die Wärme von ihr zu erfassen. Je mehr
Nähe vorhanden ist, desto besser lernt der Säugling den Körper von seiner Mutter kennen. Die
Hautberührung ist eine Erfahrung, die sicher positiv dazu beiträgt, dass das Urvertrauen
entfaltet wird, da das Baby den Leib der Mutter zu spüren bekommt und Wärme erfährt.
Unsicher gebundene Kinder haben laut Tracy und Ainsworth (1981) eine körperkontaktarme
Beziehung mit ihrer Mutter gehabt im Gegensatz zu den Müttern, die ihr Kind öfters an sich
genommen haben und somit auch die Bindung stärker und stabiler geworden ist.

Das Gefühl, nicht abgewiesen zu werden, sondern mit Zärtlichkeit aufgenommen zu werden,
ist m. E. auch ein Verstärker für das Urvertrauen. Es gibt dem Kind Zuversicht zu seiner
Mutter.

2.2.4 Das Weinen

Das Weinen von Babys gilt als ein weit verbreitetes Signal, das vor allem bei einer Trennung
auftritt. Säuglinge schaffen es durch das Weinen, die komplette Aufmerksamkeit zu
gewinnen, selbst Fremde fühlen sich emotional davon betroffen. Die Bezugspersonen
reagieren darauf natürlich mit noch mehr Sorge und wenden sich dem Kind sofort zu, um es
zu trösten. Es gibt unterschiedliche Reaktionsmuster, die angewendet werden, um den
Säugling vom Weinen abzubringen, wie „Auf-den-Arm-Nehmen, An-sich-Drücken-Stillen,
Schaukeln, beruhigendes Sprechen -.“16 Manche Mütter in unserer Gesellschaft neigen zu
Verunsicherungen, wenn sie ihr Kind weinen sehen. Es wird oft missverstanden, wenn sie
meinen, dass man den Säugling nicht so oft in den Arm nehmen soll, damit er nicht verwöhnt
wird. Diese Ansichtsweise ist falsch, da das Baby aus dem Grund weint, weil es sich in einer
Notsituation befindet. Wenn die Mutter das Kind ignoriert, so wird das Weinen nicht
zurückgehen. Es ist nicht wie bei der positiven Verstärkung, die besagt, dass wenn ein
Verhalten belohnt wird, es zugleich verstärkt und weitergeführt wird. Es wurde von Bell und
Ainsworth (1972) erwiesen, dass Babys im Alter von 1 bis 3 Monaten, die sofort, wenn sie
weinten, getröstet wurden, am Ende des ersten Lebensalters weniger weinten als die, auf die
nicht so viel Nachsicht verwendet wurde. Kinder, die auf ihr Weinen sofort eine Antwort

16
H. Keller „Handbuch der Kleinkindforschung“ 1997, S.38

17
bekommen haben, entwickeln mit der Zeit auch andere Kommunikationsformen, die für sie
vorteilhaft sind, um ihre Bedürfnisse mitzuteilen. Ältere Kinder können Kausaleffekte am
Verhalten ihrer Eltern bewusst oder unbewusst durchschauen. Sie weinen nicht nur, weil sie
Schmerz oder Angst verspüren, sondern auch, um ihre Meinung durchzusetzen. In dem Fall
würde ihr Verhalten des Trotzes nur verstärkt werden, wenn man darauf eingehen würde.

Das Weinen des Säuglings ist m. E. eine Überprüfung, ob die Bezugsperson zuverlässig ist
oder nicht. Wenn auf das Weinen eine beschützende Antwort der fürsorglichen Mutter
kommt, dann ist dies positiv für die Festigung der sicheren Bindung. Das Kleinkind wird von
seiner Mutter verstanden und es bekommt ein behagliches Gefühl, nicht verlassen zu werden.
Die Sicherheit, dass die schlimmen Momente vergehen und alles wieder gut wird, bewirkt m.
E., dass das Urvertrauen zu wachsen beginnt.

2.2.5 Babysprache

Die Babysprache ist ein weiterer Interaktionsmechanismus, dessen Sinn es ist, dass sich das
Baby mit dieser Sprache identifiziert. Man spricht das Baby in einer höheren Stimmlage an
und spricht manche Wörter übertrieben lang aus. Silben werden verlängert und es werden
einfache Sätze benutzt. Alles wird in einer verniedlichten Sprache gesprochen, die
Babysprache. Das Baby erfährt diese Sprache sicherlich als ein Signal, das für es bestimmt ist.
Obwohl es in der Wahrnehmung noch nicht so kompetent ist, bemerkt es dieses Signal. Für
das Baby wird es leicht erkennbar, da die Babysprache sich von der normalen gesprochenen
Sprache stark unterscheidet. Die Babysprache ist ein Indiz dafür, dass der Säugling
fürsorglich betreut wird und dass er, indem er diese Sprache als für ihn bestimmte
identifiziert, sich auch an seinen Eltern stärker nähert. Dies kann man auch als einen weiteren
Schritt in die soziale und gesellschaftliche Integration sehen. Das Kleinkind erlebt m. E. eine
ihm kommunikative offene Welt, in die er integriert wird. Das verstärkt auch das Urvertrauen.

18
2.2.6 Kindchenschema

Die Physiognomie der Menschenbabys und auch der Tierbabys hinterlässt den Eindruck eines
schutzlosen und wehrlosen Wesens. Dies ist nicht ohne Grund so, wenn man sich den großen
Kopf, die relativ großen Augen, die hohe Stirn, die kurzen Arme und Beine anguckt. Hinzu
kommen bestimmte Verhaltenseigentümlichkeiten, wie Tollpatschigkeit und Hilflosigkeit.
Der Beschützerinstinkt entwickelt sich bei den Eltern sofort, wenn sie das Baby zu Gesicht
bekommen. Familien und Gruppenmitglieder in allen Kulturen neigen wohlwollend dazu,
dem Säugling Zuwendung zu schenken. Das Kindchenschema vermindert auch Aggressionen,
da die Personen emotional davon berührt sind. Das Umfeld des Kleinkindes ist somit von
Hilfsbereitschaft und Zuwendung bestimmt. Das Kleinkind fängt an, sich sicher von der
Mutter, in Form des Krabbelns, fortzubewegen. Es ist die Sicherheit, die m. E. das
Urvertrauen fördert und zwar nicht im Hinblick darauf, dass Vertrauen zu anderen Personen
gewonnen wird, sondern, dass sie dadurch einen Schub für die Erkundung der Umwelt
bekommen.

2.2.7 Dialoge

Alle zuvor erwähnten Interaktionsformen sind in ihrer bestimmten Art und Weise Dialoge
zwischen Mutter und Kind. Das Zusammenwirken von Mutter und Säugling bewirkt, dass die
Mutter empathisch und die aktivere Person sein muss, um die Signale und die Bedürfnisse
ihres Kindes zu empfangen, zu verstehen und ihnen entgegenzukommen. Sie reagiert sensibel
auf die Verhaltensäußerungen ihres Kindes mit Antworten, die sowohl zeitlich als auch
formal angepasst sein müssen. In der ersten Lebenszeit des Kindes kommt es zu einer Art
Pseudodialog. Beim Stillen schweigt die Mutter, wenn der Säugling anfängt zu saugen. In der
Pause lächelt sie ihm zu und redet ihn an. Nach jeder Äußerung macht sie eine Pause, die so
lange eingehalten wird, wie für eine Antwort benötigt wird. Sie gewöhnt ihn an einen
bestimmten Rhythmus, in der ein Dialog normalerweise stattfindet. Sowohl die Mutter als
auch andere Bezugspersonen richten sich dabei, ohne sich dessen bewusst zu sein, nach den
psychologischen Möglichkeiten des Kindes. Während des Spiels ist die Mutter im Verhalten
dem Kleinkind ein wenig voraus und zieht es dadurch in die nächste Lernstufe mit. Wenn das
Kind den Zusammenhang des Spieles nicht erkennt, so verliert es Interesse und schaltet ab. In
dieser Situation sollte die Bezugsperson darauf achten, dass sie das Kleinkind nicht
überstimuliert oder verwirrt. Es muss im Rahmen des Verständnisses vom Kind liegen,
ansonsten wird es keinen Lerneffekt geben. Es ist fundamental wichtig, dass sich die Mutter

19
und das Kind in allen Dialogformen in die Augen sehen, denn von dort gehen die meisten
sozialen Signale aus. Dies erlebt man schon beim Neugeborenen, dessen Gesicht sich dem
Gesicht der Mutter zuwendet, wenn es die Stimme von ihr hört, obwohl es noch nicht exakt
sehen kann. Es ist ein Kommunikationsversuch, der von der Mutter mit typischen
Verhaltensweisen der Zuwendung erwidert wird, indem sie ihm z.B. zulächelt. Die
Interaktionen von Gesicht zu Gesicht sind Hauptbestandteil zwischen der sozialen
Kommunikation zwischen Bezugsperson und Säugling. Beim Dialog mit den Babys ist es
offensichtlich, dass wenn die Eltern zu ihrem Kind sprechen, von diesem kein Laut kommt.
Hören die Eltern auf zu reden, so fängt das Baby an, Laute von sich zu geben.

2.3 Bindungen zu weiteren Personen

Kinder entwickeln auch zu anderen Personen der Familie oder Gruppen individuelle
Bindungen in abgestufter Intensität im Vergleich zur Hauptbezugsperson. Neue Bindungen
einzugehen, bedeutet für das Individuum, sozial kompetenter zu werden und seine sozialen
Kreise zu erweitern. Typisch sind weitere Bindungen zum Vater, den Geschwistern sowie den
Großeltern. Dies ist entlastend für die Hauptbezugsperson, in der Regel die Mutter, da sich
auch andere Personen an der Weiterbildung des Kindes beteiligen. Die Vater – Kind Bindung
kommt überwiegend mehr in der menschlichen Welt vor als in der Tierwelt. Väter sind, selbst
wenn sie einen aggressiven Hintergrund haben, so z.B. bei kriegerischen Völkern, trotzdem
meist zärtlich und liebevoll zu ihren Kindern. Auch sie haben eine fürsorgliche
Verhaltensweise beim Betreuen und der Zuwendung zu ihren Kindern, ähnlich wie die
Mütter. Der Unterschied besteht in der Interaktion. Sie verfügen oft über ein größeres
Repertoire an Bewegungsspielen, mit denen sie die Kinder noch mehr stimulieren. Überhaupt
geben ihnen die Väter im allgemeinen mehr Bewegungsfreiraum, um Mut zu entwickeln und
Neues auszuprobieren. Mütter sind hingegen oft besorgter und ängstlicher.

Beziehungen zu den Geschwistern und der Peer – Group kommen vom Kind erst dann
zustande, wenn es laufen kann. Das Kind lässt sich oftmals von älteren Kindern oder
Geschwistern leiten, da es viel von ihnen lernt und Anweisungen bekommt. Die Peer – Group,
Gleichaltrigen – Gruppe, ist sehr wichtig für das einzelne Kind, da es durch sie besondere und
prinzipielle Lernerfahrungen (Atili, 1986) macht, welche im Kontakt zur Erwachsenwelt
oftmals nicht eintreten, da die Macht – und Kompetenzunterschiede zu den Eltern oder
anderen Erwachsenen zu asymmetrisch sind. Unter Gleichaltrigen ist der Unterschied an
Erfahrungsreichtum nicht so groß, so dass Abhängigkeiten kaum entstehen. Die meisten

20
haben das gleiche Entwicklungsniveau und eine ähnliche Denkweise. Viele Probleme werden
in der Peer – Group gemeinsam gelöst und sowohl das soziale wie auch das technische
Geschick werden gefördert. Je geschickter man wird, desto stärker steigt das Ansehen und die
Rangordnung bzw. das Mitbestimmungsrecht in der Peer – Group.

Im allgemeinen ist es sehr förderlich für Kinder, mit anderen Personen Beziehungen
einzugehen, da sie dadurch unterschiedliche Charaktere kennenlernen und zugleich sozial
kompetenter, aber auch erfahrener werden. Der Umgang mit fremden Menschen wird somit
erheblich erleichtert. Sie werden zudem auf mehrere inhaltliche Gebiete aufmerksam gemacht
und stimuliert, darunter auch im intellektuellen bzw. sachlichen Bereich. Das kann im Spiel
mit anderen Gleichaltrigen passieren oder durch das Wahrnehmen von Ereignissen und
Situationen, die sich für sie in der Gesellschaft passiv oder aktiv ergeben. Außerdem lernt
man, sich mit der eigenen Geschlechterrolle zu identifizieren und erfährt neue
Verhaltensregeln, die für die Gesellschaft gelten. Die Bewährungsprobe für das Kind kommt
dann, wenn man anfängt, ohne die Mutter autonom zu handeln. Vertrauen zu sich selbst und
in seine eigenen Fähigkeiten zu haben, ist m. E. ein weiteres Indiz dafür, dass das Kind
Urvertrauen hat.

2.4 Das Fremdeln

Das Fremdeln ist ein Gefühl der Furcht vor den Menschen, die ein Kind noch nicht kennt. Es
tritt allgemein bei Kindern im achten Lebensmonat erstmals auf. Wenn das Kind von einer
unbekannten Person getragen wird, fängt es meistens an zu weinen und streckt seine Ärmchen
zur vertrauten Bezugsperson aus, die in diesem Moment möglicherweise nicht greifbar ist.
Das Fremdeln wird auch als Schutzmechanismus in Situationen gesehen, in denen das Kind
sich unbehaglich und / oder bedroht fühlt. Es möchte von der unbekannten Person zurück zu
seiner vertrauten Bezugsperson, die ihm Schutz und Sicherheit gewähren soll. Die Art und
Stärke des Fremdelns ist nach Anlage und Temperament sehr unterschiedlich. Man
unterscheidet drei Stufen des Fremdelns:

1. das lange, ernst erscheinende und ausforschende Betrachten des Fremden.

2. das Herabziehen der Mundwinkel und Stirnrunzeln bei allgemeiner Unruhe

3. das erste Weinen und sich Steigern in das panische Schreien mit Fluchtimpulsen17

17
http://www.rund-ums-baby.de/entwicklung/emotionales_bewusstsein_2.htm, 1.02.2006

21
Kinder verfügen über Schemata für vertraute Gesichter, wie die zu ihren Bezugspersonen.
Wenn sie ein neues Gesicht nicht in diese Schemata einordnen können, geraten sie aus der
Fassung. Dies lässt sich mit der Objektbeziehung von Piaget gleichstellen, in der das Kind
eine bekannte Person in seinem Umfeld bestimmt, bei der schon Beziehungen zu
gemeinsamen Schemata gebildet wurden. Durch Nachahmung und kommunikative
Interaktion ist zwischen beiden Charakteren diese Beziehung entstanden, welche sich durch
eine besondere „Austauschweise“ auszeichnet. Dabei unterscheidet das Kind nun zwischen
anderen Personen und dem Affektivitätsobjekt bzw. der Bezugsperson. Dies muss demnach
nicht zwingend die Mutter sein. Entzieht man dem Kind nun die Person, mit der es eine
Objektbeziehung eingegangen ist, treten durch die fehlenden stimulierenden Interaktionen
Entwicklungsverzögerungen auf, die bis zum Stillstand der Entwicklung führen können.18
Wenn das Kind wieder die Nähe zu seiner Bezugsperson findet, überschüttet es den
vermissten Menschen mit Lächeln und Umarmungen. Solch ein Reaktionsmuster geschieht
bei einer sicheren Mutter – Kind - Bindung, oder Vater – Kind – Bindung, die ihrem Kind
einen starken Überlebensimpuls gibt, der dafür sorgt, dass das Kind bei seiner Bezugsperson
bleibt.

3.1 Die humanethologische Perspektive und deren Bedeutung für die


kindliche Frühentwicklung

Die Humanethologie ist ein Teilgebiet der Verhaltensforschung. Diese versucht,


Gesetzmäßigkeiten beim menschlichen Verhalten zu finden. Dieses geschieht, indem sie sich
auf die Phylogenese des Menschen stützt. Sie besagt, dass das menschliche Verhalten von der
Biologie her bestimmt ist. Analysiert wird vor allem das Sozialverhalten des Menschen, das
Verhalten der Eltern, Familiensysteme, Partnerschaftsbeziehungen, Akzeptanz und
Diskriminierung.19

Ethologen, die sich nicht nur mit Menschen, sondern auch mit Tieren befassen, bauen ihre
Untersuchungsmethoden im Rahmen der Phylogenese auf. Um ein genaues Bild der zu
analysierenden Untersuchungen zu haben, werden vergleichende Methoden angewendet. Es
gilt, Verhaltensweisen zu beobachten und deren Differenziertheit und Gemeinsamkeit zu
erkennen. Dazu vergleicht man unterschiedliche Volksstämme und deren einzelnen
Mitglieder. Es werden speziell Völker ausgesucht, die sich in ihrem ökologischen,
18
vgl. J. Piaget „Die Psychologie des Kindes“ 2004, S. 33 - 34
19
vgl. Der Brockhaus Psychologie 2001, S. 250

22
ökonomischen und soziokulturellen Stand differenzieren, um sie miteinander zu vergleichen.
Außerdem werden Personen, die einen sensorischen Mangel haben, wie z.B. Blinde, mit
„normalen“ Menschen verglichen. Es werden auch Tierexperimente als weitere
Untersuchungsmethode benutzt, um einen Vergleich zum menschlichen Verhalten zu machen.
Auch dort findet man Ähnlichkeiten und Unterschiede. Besonderes Augenmaß gilt dem
Kulturenvergleich, bei dem man relevante Ergebnisse sehen kann. So kann im Vergleich von
verschiedenen Kulturen, die ökonomisch wie auch soziokulturell auf verschiedenen Stufen
stehen, festgestellt werden wie kulturabhängig wir sind oder nicht sind.20 Es ist klar, dass es
da große Unterschiede gibt, wenn wir z.B. die Industrieländer mit den noch verbleibenden
Indianerstämmen vergleichen. Dabei ist es spannend zu sehen, welche Verhaltensweisen
gleich oder unterschiedlich sind. Welche Methoden benutzt z.B. eine Mutter, wenn es um die
Erziehung ihres Kindes geht, sei es in einem Industrieland oder in einer eher
traditionsgebundenen Ethnie.

Der Aspekt der humanethologischen Perspektive im Säuglingsalter ist sehr wichtig, um einen
Einblick in das frühkindliche Verhalten zu erlangen. Ethologen wie auch Vertreter anderer
Disziplinen wie die Tiefenpsychologen, messen den Erfahrungen in der frühen Kindheit große
Bedeutung zu. Es werden die unterschiedlichsten Verhaltensweisen analysiert und mit denen
von Tierbabys verglichen. Aufschlussreich ist es, angeborene Fertigkeiten sowohl vom
Säugling als auch von seinen Bezugspersonen zu erkennen, die von großem Einfluss in der
Frühentwicklung des Kindes zeugen. Der natürliche Umgang seitens der Bezugsperson mit
den Bedürfnissen des Kindes sollte harmonisch verlaufen, damit eine normale Entwicklung
ohne psychologische Störungen entsteht.

Der Säugling wird von manchen Fachleuten, wie Ärzten, Krankenschwestern, etc. als
unvollkommene Konstruktion angesehen. Er ist sozusagen ein Wesen, welches man von
außen stützen soll, weil er zu vielem noch nicht fähig ist. Humanethologisch bringt er schon
einige angeborene Fähigkeiten mit, die er im Verlauf der Evolution mitbekommen hat, um
erfolgreich zu überleben. Die Nähe und Verfügbarkeit der Bezugsperson, in der Regel die
Mutter, ist von großer Bedeutung für das Baby. Diese Nähe und Verfügbarkeit wird vor allem
in traditionellen Kulturen stark praktiziert. In allen Kulturen findet man das Muster der
Einheit vom Säugling und seiner Hauptbezugsperson wieder. Beide bringen sie die
angeborenen Kompetenzen mit sich mit. Das Kind ist von Natur aus ein soziales Wesen und
von Anfang an mit seiner Mutter verbunden. Es passt sich im Laufe seines Lebens den

20
vgl. H. Keller „Handbuch der Kleinkindforschung“ 1997, S. 27- 28

23
unterschiedlichen Anforderungen oder Aufgaben des Lebens an. Nach der
humanethologischen Sichtweise haben sich diese Anpassungsvorgänge während der
Stammesgeschichte der Menschheit entwickelt. Das Verhalten zwischen Mutter und Kind ist
dadurch angepasst und aufeinander abgestimmt worden.

3.2 Bindungstheorie und Relevanz für die Entwicklung von Urvertrauen

Der Mensch trachtet von Natur aus danach, starke Bindungen zu speziellen Individuen bzw.
Bezugspersonen aufzubauen. Das beginnt bereits im Säuglingsalter und geht oftmals bis ins
hohe Erwachsenenalter. Pionier der Bindungstheorie war der britische Psychoanalytiker John
Bowlby. Seine Theorie entstand aus dem ethologischen Denken der 50er Jahren und
vereinigte „traditionell entwicklungspsychologisches und klinisch – psychoanalytisches
Wissen mit evolutionsbiologischem Denken“.21 Es gibt in der Bindungstheorie vier
Betrachtungsweisen. Die erste Betrachtungsweise ist die evolutionsbiologische, die behauptet,
dass eine angeborene Notwendigkeit zur Bindung schon in der Stammesgeschichte des
Menschen vorliegt. Die zweite Perspektive ist die psychologische Sichtweise, in der die
individuelle Verinnerlichung unterschiedlicher Bindungserlebnisse und ihre Auswirkungen
auf die Gefühle des Individuums untersucht werden. Die dritte Betrachtungsweise ist die
klinische, deren Interesse den Zusammenhängen zwischen Bindungserfahrungen mit den
korrigierenden Beziehungen von anderen Personen gilt. Die letzte Betrachtungsweise ist die
historische und kulturelle Perspektive, in der untersucht wird, ob Epochen - und
Kulturunterschiede für die Bindung von Bedeutung sind. Im allgemeinen ist die
Bindungstheorie eine umfassende Konzeption der emotionalen Entwicklung des Menschen,
die biologische, soziale, kognitive und emotionale Elemente miteinander verbindet. Sie geht
von den biologisch vorgegebenen Verhaltensweisen aus und versucht, anhand dieser
Elemente das Verhalten von Menschen zu erklären. Die empirische Bindungstheorie hat sich
vor allem mit Beobachtungen und Untersuchungen im Säuglings – und Kleinkindalter
beschäftigt. John Bowlby wies darauf hin, dass konkrete Erfahrungen ab dem Säuglingsalter
für die Entwicklung eines Menschen von Bedeutung sind und auch dem Aufbau von
internalen Arbeitsmodellen dienen. Diese verhelfen einer Person dazu, Wirklichkeit zu
konstruieren und zu interpretieren. In der Kindheit besteht eine besondere Bindung zu den
Eltern, da sie die ersten Kontaktpersonen sind. Sie geben ihrem Kind ein Gefühl der
21
H. Keller „Handbuch der Kleinkindforschung“ 1997, S. 51

24
Sicherheit, Schutz, Geborgenheit, Liebe, Wärme und Vertrauen, kurz gesagt ein Gefühl des
Urvertrauens. Die Bindung ist daher ein starkes emotionales Band zwischen Personen. Mit
der Zeit wechseln die Bezugspersonen, so sind es in der Kindheit die Eltern und später der
Partner bzw. die Partnerin. Trotz der körperlichen Abwesenheit wird ein Kind die Beziehung
zu seiner Bindungsperson normalerweise immer aufrechterhalten, wenn die Bindung zur
Bezugsperson sicher und harmonisch verläuft und das Urvertrauen ausgeprägt ist. Das
Bindungsverhaltenssystem ist die Grundlage für das Bindungsverhalten und wird durch
Furcht bzw. Angst aktiviert oder anhand der Schutzspende durch die Bezugsperson
deaktiviert. Die Bindung mit der Bezugsperson hat die Beziehungsfunktion Schutz und
Sicherheit zu gewährleisten. Die Herstellung und Fähigkeit einer solchen Bindung verläuft
über die von John Bowlby und Mary Ainsworth erdachten Entwicklungsstufen. Bis zum 2.
Lebensmonat geschieht die Vorbindungsphase. Im 2. - 3. Lebensmonat entwickelt sich die
Orientierung auf eine bestimmte Person und ab dem 7. Lebensmonat kommt es zur
Etablierung einer personenspezifischen Bindung. Die letzte Phase der "zielkorrigierten
Partnerschaft" wird im Alter von drei Jahren erreicht, in der man die Fähigkeit erwirbt,
mögliche Diskrepanzen zwischen eigenen Intentionen und denen anderer erkennen zu können.
Die Bindungsforschung beschäftigt sich vor allem mit den individuellen Unterschieden in der
Bindungsorganisation. Es gibt einen erheblichen Unterschied zwischen einer sicheren
Bindung, bei der das Kind seine Gefühle regulieren kann, da es weiß, dass es beim Vermitteln
von seinen Gefühlen bei bedrohlichen und ängstlichen Situationen Schutz und Sicherheit
bekommen wird. Die Bindungstheorie vermutet, dass das Zurückweisen von
Bindungsbedürfnissen des Kindes einen Zusammenhang mit der ambivalenten
Bindungshaltung hat.22 Kommt man auf das Urvertrauen zurück, so hat es sehr wohl etwas mit
der Bindungstheorie zu tun, da dieses Gefühl in der ersten Bindungszeit zu den Eltern
entsteht. Spricht man von der sicheren Bindung, so kann man m. E. davon ausgehen, dass das
Urvertrauen damit zu tun gehabt hat. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass das Urmisstrauen
für die unsicheren Bindungen zuständig ist.

3.3 Relevanz der Sozialisation für das Urvertrauen

Ein sehr wichtiger Punkt der Sozialisation ist die Kultur, die in erheblichem Maße dafür
verantwortlich ist, wie der Umgang mit dem Kind geschieht. Jede Kultur hat ihr eigenes
System, in das der Säugling hineinwächst. Die unterschiedlichsten Methoden, wie die Mutter
mit ihrem Kind umgeht, sind kulturabhängig und dienen in der jeweiligen Gesellschaft einem
22
vgl. http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Fachbeitrag/a_Kindheitsforschung/s_280.html, 1.2.2006

25
bestimmten Zweck. Die Mutter ist selbst Teil einer gesellschaftlichen Ordnung und
übermittelt die Werte und Regeln ihrem Kind. Das Kind nimmt die Bedingungen auf und
agiert als ein Rezipient. Rituale in traditionellen Kulturen ermöglichen dem Kind, sich mit der
Bezugsperson identifizieren zu können. Die emotionale Bindung an die Bezugspersonen ist
die Vorrausetzung zur Übernahme kulturspezifischer Verhaltensweisen. Die Prägung
dauerhafter Verhaltensformen führen zur Lösung der Kernkonflikte von Urvertrauen und
Urmisstrauen in Bezug auf das Leben.23 Das Vertrauen des Kindes hängt nicht von der
Quantität an Nahrung oder der Präsenz der Bezugsperson, sondern viel mehr von der Qualität
der Bindung ab. Die Qualität fängt bei der pflegerischen Mutter an, die durch Fürsorge und
Eingehen auf die individuellen Bedürfnisse des Kleinkindes als verlässlich im Rahmen des
Lebensstils in der betreffenden Kultur gilt. Die Grundlage der Identität formt sich mit dem
Gefühl, dass man „in Ordnung“ ist. Das Vertrauen der Umwelt gegenüber wird gerechtfertigt,
indem man so wird, wie diese es von einem erwartet. Mütter in industrialisierten
Gesellschaften haben aus ethologischer Sicht Schwierigkeiten, genügend Zeit für das Kind
aufzubringen und erziehen oft das Kind allein, d.h. ohne familiäre Unterstützung. Darunter
leidet die quantitative und qualitative Bindung zum Kleinkind. Die Integration in der
Gesellschaft wird durch das Urvertrauen erleichtert, da diese Person mit einer sicheren und
vertrauten Einstellung anderen Menschen gegenübertritt. Sie ist als Kind in eine bestimmte
Ethnie oder soziale Gruppe hineingewachsen und hat deren Sitten und Wertvorstellungen
übernommen. Die positive Erfahrung, dass sie Schutz und Sicherheit bekommen hat, macht
sie zu einem sicheren und sozialen Menschen. Urvertrauen in eine Gesellschaft zu haben ist
wichtig, um sich an ihren Normen und Werten anzupassen und sich als Teil dieser
Gesellschaft mit ihr identifizieren zu können.

4. Schlussfolgerung

Auf Basis der in dieser Arbeit genannten Gedanken und Fakten komme ich zu der
Schlussfolgerung, dass die Bindung zur Bezugsperson für den Aufbau von Urvertrauen von
grundlegender Bedeutung ist. Bindung, Bezugsperson und Urvertrauen ergeben ein
komplettes Puzzle, in der jeder Teil zu einander passt und ein gemeinsames Bild ergeben. Wie
schon Erikson feststellte, fängt das Urvertrauen im frühkindlichen Alter an. In dem frühen
Alter gehen alle Säuglinge eine Bindung ein. In der Regel geschieht das mit der Mutter, die
rund um die Uhr für sie zuständig ist. Sie ist die primäre Bezugsperson für das Kleinkind und
23
vgl. E. H. Erikson „Kindheit und Gesellschaft“ 1999, S.243

26
beide gehen, wenn auf die Bezugsperson Verlass ist, eine sichere Bindung ein. Dies wiederum
bedeutet für das Urvertrauen, dass es anfängt sich zu entwickeln, indem die Mutter dem
Säugling genügend Sicherheit und Vertrauen gibt. Das Kleinkind fängt durch seine
Bezugsperson an, nicht nur Vertrauen zur Umwelt zu bekommen, sondern auch Vertrauen zu
sich selbst zu finden. Es bekommt von der Mutter eine sichere Umwelt dargeboten, in der es
zu jeder Zeit Schutz finden kann. Das Kleinkind traut sich daher zu, neue Erfahrungen in
seiner Umwelt zu machen. Die zwischenmenschliche Bindung zur Bezugsperson ist
fundamental, um Urvertrauen aufzubauen. So kann auch behauptet werden, dass unsichere
Bindungen zu einem Urmisstrauen führen. Meiner Meinung nach spielt die Liebe, die der
Säugling von seiner fürsorglichen Mutter erhält, eine enorme Rolle und es ist diese Liebe die
folglich zum Urvertrauen führt. Dazu fällt mir die Parallele zum Gebot der Nächstenliebe ein,
die auch Grundlage für jede menschliche Beziehung ist.

27
5. Literaturverzeichnis

Der Brockhaus für Eltern, Mannheim 2001


Der Brockhaus Psychologie, Mannheim 2001
Schaub, Horst; Zenke, Karl G.: Wörterbuch Pädagogik, 5.Aufl., München 2002

Conzen, Peter: Erik H. Erikson und die Psychoanalyse, Heidelberg 1990


Conzen, Peter: Erik H. Erikson - Leben und Werk, Stuttgart 1996
Erikson, Erik H.: Jugend und Krise, 4.Aufl., Stuttgart 1998
Erikson, Erik H.: Kindheit und Gesellschaft, 13.Aufl., Stuttgart 1999
Keller, Heidi: Handbuch der Kleinkindforschung, 2.Aufl., Bern 1997
Myers, David G.: Myers Psychologie, Heidelberg 2005
Piaget, Jean: Die Psychologie des Kindes, 9.Aufl., München 2004

http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Fachbeitrag/a_Kindheitsforschung/s_280.html,
1.2.2006
http://www.rund-ums-baby.de/entwicklung/emotionales_bewusstsein_2.htm, 1.02.2006

28
Erklärung

„Hiermit erkläre ich, dass ich die Vordiplomarbeit mit dem Titel „Das Urvertrauen -
Welche Bedeutung hat die Bindung zur Bezugsperson für den Aufbau des Urvertrauens?“
selbstständig und ohne fremde Hilfe verfasst, andere als die angegebenen Quellen und
Hilfsmittel nicht benutzt sowie all die benutzten Quellen wörtlich oder sinngemäß
entnommenen Stellen als solche kenntlich gemacht habe.“

Frankfurt am Main, den 3.02.2006 _______________________________


Michael Elmenthaler

29