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Raimund Firsching
Zervikale Bandscheiben-
Boris Jöllenbeck
Rainer Hahne prothesen
Zusammenfassung tionen nicht höher ist als das Risiko der her-
kömmlichen Fusionierung nach Entfernung der
the removal of the disc and eventually of the
osteophytes and fusion of the adjacent verte-
Bandscheibenvorfälle und Osteochondrose der Bandscheibe. Über einen Zeitraum von zwei brae. Today artificial discs have become com-
Halswirbelsäule sind im Erwachsenenalter häu- Jahren ist der Erhalt der Beweglichkeit der Wir- mercially available which allow for preserva-
fig. Der Goldstandard der operativen Therapie belsäule nach Bandscheibenimplantation hoch. tion of vertebral motion. While these are
bestand bisher in der Entfernung der Band- Die Methode stellt daher eine Therapieoption being inserted with increasing frequency,
scheibe und gegebenenfalls der Osteophyten für die vergleichsweise jüngeren Altersgrup- there are no long term clinical studies as of
und anschließender Fusionierung der benach- pen mit Bandscheibenvorfällen dar. yet, which could show an advantage of
barten Wirbel. Inzwischen sind bewegungser- prostheses over conventional fusion. The
haltende Bandscheibenprothesen kommerziell Schlüsselwörter: Bandscheibenprolaps, chirur- long term preservation of motion has not
erhältlich, die mit zunehmender Häufigkeit gische Therapie, Endoprothetik, Implantation, been demonstrated yet. First clinical studies
eingesetzt werden. Zurzeit fehlen noch künstliche Bandscheibe indicate no increased risk associated with
Langzeitbeobachtungen, die den Nutzen der prostheses. Motion can be preserved for at
Bandscheibenprothesen gegenüber der her- least two years in most patients. Cervical disc
prostheses may be considered an option pre-
kömmlichen Fusionierung belegen. Ebenfalls
ist unbekannt, über welchen Zeitraum die
Summary ferably in younger age groups.
Bandscheibenprothesen die Beweglichkeit des Cervical Disc Prostheses
operierten Bewegungssegmentes erhalten Osteochondrosis or a herniated disc of the Key words: cervical disk herniation, surgical
können. Erste klinische Studien deuten darauf cervical spine are common findings in adults. therapy, endoprothetics, implantation, artifi-
hin, dass das Risiko der Bandscheibenimplanta- The gold standard of surgical management is cial disk

B
andscheibenvorfälle der wies sich auch in klinischen
Wirbelsäule sind im Er- Studien an größeren Fallzahlen
wachsenenalter häufig. als praktikabel (21). Die Ein-
1996 betrug die Zahl der sta- führung dieses Verfahrens in
tionär durchgeführten Opera- Deutschland wurde wesentlich
tionen intervertebraler Disko- durch Grote (13) gefördert. Bis
pathien etwa 49 000. Dies ent- heute gilt der ventrale Zugang
spricht einer Inzidenz von 60,8 und die Entfernung der Band-
Eingriffen pro 100 000 Einwoh- scheibe mit nachfolgender Fu-
nern. Hierin sind die Band- sionierung der anliegenden
scheibenvorfälle der Halswir- Wirbel als Goldstandard (2,
belsäule anteilig mit enthalten, 20), und ist das weltweit am
ihre genaue Zahl wurde bisher häufigsten verwendete Verfah-
jedoch nicht erfasst (17). Das ren an der Halswirbelsäule. Da-
Verhältnis zervikaler Band- bei wird in den meisten Fällen
scheibenvorfälle zu lumbalen für die entfernte Bandscheibe
Bandscheibenvorfällen beträgt ein Platzhalter aus unterschied-
in der eigenen Klinik 1 : 3. Die Abbildung 1: Schematische Darstellung der Implantation der lichen Materialien, zum Bei-
operative Behandlung zervika- Bandscheibenprothesen; aus: Firsching R, Jöllenbeck B, Hahne R: spiel Knochenzement oder
Bandscheibenprothesen für die Halswirbelsäule. Ärzteblatt Sachsen-An-
ler Bandscheibenvorfälle be- halt 2005; 16 (2): 48–51; mit freundlicher Genehmigung Ärzteblatt Metall, eingefügt (10, 15, 23).
gann 1922 mit einer ersten Ope- Sachsen-Anhalt. Untersuchungen nach zervikaler
ration durch Elsberg (9), einem Fusionierung ergaben Hinweise
Schüler Mikulicz, der erfolgreich trans- dazwischen liegenden Bandscheibe mit auf eine vermehrte Belastung und De-
dural einen Vorfall C6/7 entfernte. In einem am Beckenkamm entnommenen generation der den fusionierten Wirbeln
den nächsten Jahren folgten Einzelbe- Knochendübel. Zeitgleich publizierten benachbarten Bewegungssegmente (14).
schreibungen (1, 7, 19). Smith und Robinson Erfahrungen mit Bei anlagebedingten Blockwirbeln fin-
Nach dem Zweiten Weltkrieg berich- dem ventralen Zugang zur Halswirbel- det man oft klinisch relevante Band-
tete Cloward 1958 über einen ventralen säule, der gezielten vollständigen Ent-
Zugang zur Halswirbelsäule, eine ven- fernung der betroffenen Zwischenwir- Klinik für Neurochirurgie (Geschäftsführender Leiter:
tral angelegte Bohrung in zwei Wirbel- belscheibe und der Fusionierung der Prof. Dr. med. Raimund Firsching), der Otto-von-Guericke-
körpern und den Wiederverschluss der anliegenden Wirbel. Diese Methode er- Universität, Magdeburg

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scheibenvorfälle in den benachbarten entwickeln, die eine Operation recht- gaben in den einer Fusionierung be-
Segmenten. In Langzeitverlaufsstudien fertigen, wäre bei circa 20 von 100 Pa- nachbarten Zwischenwirbelräumen bei
über einen Zeitraum von zehn Jahren tienten innerhalb von zehn Jahren mit Anteflexion und Retroflexion des
wurde nach zervikaler Bandscheiben- einer zweiten Bandscheibenoperation Kopfes Druckbelastungen, die um 73
operation mit Fusionierung in 2,9 Pro- der Halswirbelsäule zu rechnen. Prozent höher lagen als in Vergleichs-
zent der Fälle über klinisch auffällige Über einen Zeitraum von 8,6 Jahren messungen ohne Fusionierung (6, 8).
Spondylosen und Osteochondrosen pro wurden in den einer Fusionierung an- Diese Beobachtungen lassen es grund-
Jahr berichtet, von denen zwei Drittel liegenden Bewegungssegmenten in 92 sätzlich wünschenswert erscheinen, bei
operativ behandelt wurden (11). Wenn- Prozent der Fälle radiologische Zei- einer Bandscheibenoperation an der
gleich nur ein bestimmter Teil der Pati- chen einer zunehmenden Degenerati- Wirbelsäule den Verlust der Beweg-
enten mit radiologischen Zeichen der on und einer Hypermobilität gefunden lichkeit des operierten Segmentes zu
Wirbelsäulendegeneration Symptome (11). Untersuchungen an Leichen er- vermeiden. 

a b

d e
Abbildung 2: a) Polizist, 53 Jahre alt mit starken Nackenschmerzen und ziehenden Schmerzen im linken Arm, Röntgennativaufnahme in
Anteflexion seitlich: Bei deutlicher Osteochondrose besteht nur noch eine geringe Beweglichkeit zwischen dem 5. und 6. Halswirbel im Ver-
gleich zur b) Retroflexion; c) Das Kernspintomogramm zeigt sowohl einen Bandscheibenvorfall als auch eine begleitende Osteochondrose
zwischen dem 5. und 6. Halswirbel. d) Die Beweglichkeit in Anteflexion und e) Retroflexion ist nach Einsetzen der Prothese deutlich
erkennbar; aus: Firsching R, Jöllenbeck B, Hahne R: Bandscheibenprothesen für die Halswirbelsäule. Ärzteblatt Sachsen-Anhalt 2005; 16 (2): 48–51; mit
freundlicher Genehmigung Ärzteblatt Sachsen-Anhalt.

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Seit 35 Jahren sind verschiedene Verlaufsbeobachtung mit günstigen Fusionierung. Eine aussagekräftigere
Modelle künstlicher Bandscheibenim- Ergebnissen vor. Das Modell ist nicht randomisierte prospektive Studie mit
plantate für die Wirbelsäule entworfen selbsthaltend, wurde mehrfach verän- hinreichenden Fallzahlen über mehre-
worden, die zunächst die Serienreife dert und hat bisher keine breite An- re Jahrzehnte zu dieser Frage er-
erlangten (18). Sowohl für die Halswir- wendung gefunden (25). Über die am scheint nicht praktikabel. Unklar ist
belsäule als auch für die Lendenwirbel- weitesten verbreitete „Bryan“-Pro- derzeit des Weiteren, wie hoch der An-
säule stehen seit einigen Jahren kom- these liegt ein Bericht aus einer Multi- teil des Beweglichkeitsverlusts der
merziell unterschiedliche Modelle zur centerstudie vor (12), mit einer Ver- Prothese nach mehr als zweijährigem
Verfügung, die nun mit zunehmender laufsbeobachtung über maximal zwei Verlauf ist.
Häufigkeit implantiert werden. Das Jahre von 103 Patienten mit jeweils ei- Zurzeit wird über einen Erhalt der
erste zervikale Bandscheibenimplantat ner Prothese und 43 Patienten mit je- Beweglichkeit in den ersten zwei Jah-
aus rostfreiem Stahl wurde 1991 einge- weils zwei Prothesen. ren nach Implantation einer Prothese
setzt (5), von diesem wiederholt ver- Einige an dieser Studie teilnehmen- von 90 Prozent berichtet (12, 16).
besserten „Frenchay“-Modell wurden den Zentren hatten hier noch geringe Einzelne Beobachtungen über den
weltweit circa 300 Stück implantiert. Fallzahlen beigesteuert. Die Ergebnis- Verlust der Beweglichkeit liegen vor
Mit der weiteren Entwicklung der Ma- se ließen keine Risiken erkennen, die (22). Andererseits kann ein Nachteil
terialien steht seit 2001 ein Modell aus höher lagen als bei der bisherigen der Prothesen an der Halswirbelsäule
zwei flachen Titanhalbschalen, die sich Standardoperation mit Entfernung gegenüber der Fusionierung bisher
um einem Polyurethankern bewegen, der Bandscheibe und anschließender ebenfalls nicht beobachtet werden. Da
zur Verfügung (Abbildung 1) (3). Diese Fusionierung. In einer ersten prospek- die Beweglichkeit der Halswirbelsäule
„Bryan-Prothese“ ist bisher weltweit tiven „Single-Center“-Studie berich- im jüngeren Lebensalter größer ist als
mehr als 5 500 mal implantiert worden. teten Jöllenbeck et al. 2004 über 50 im höheren, und im Senium im Regel-
Von diesen wurde in elf Fällen eine Verläufe mit einer Beobachtungszeit fall nur noch eine minimale Bewegung
nachfolgende Explantation aus unter- von bis zu zwei Jahren. Auch in dieser erhalten ist, stellt die zervikale Band-
schiedlichen Gründen, die in keinem Studie wurde keine Gefährdung der scheibenprothese eine Therapieoption
Fall dem Implantat selbst zugerechnet Patienten festgestellt; eine Luxation dar für jüngere Patienten. Alle Patien-
wurden, bekannt (2). Anhand von Un- oder Entzündung oder Fehlfunktion ten, die eine Bandscheibenprothese
tersuchungen an sechs dieser explan- des Implantates wurde in den Ver- erhalten, sollten sorgfältig nachunter-
tierten Prothesen und vorhergehender laufsbeobachtungen nach der Entlas- sucht werden, bis verlässliche Lang-
Tierversuche kann von einer mechani- sung nicht bemerkt. Zum Zeitpunkt zeitergebnisse vorliegen.
schen Mindesthaltbarkeit des Implan- der Entlassung war die Beweglichkeit
tats in Bezug auf den Abrieb von mehr aller Prothesen mit einer mittleren Manuskript eingereicht: 20. 12. 2004, revidierte Version
angenommen: 4. 2. 2005
als 40 Jahren ausgegangen werden. Bewegung von 7,8° (2° bis 11°) erhal-
Der Bewegungsabrieb selbst wird ten (Abbildung 2), nach sechs Mona- Die Autoren erklären, das kein Interessenkonflikt im Sin-
prothesenintern aufgefangen und führt ten lag die mittlere Beweglichkeit bei ne der Richtlinien des International Committee of Medi-
nicht zu Fremdkörperreaktionen (2). 7,3° (zwischen 2° bis 14°). cal Journal Editors besteht.
Die Titanoberfläche verbindet sich, wie
von anderen Implantaten bekannt, gut ❚ Zitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2005; 102: A 2178–2180 [Heft 31–32]
mit Knochen. In dem die Oberflächen- Ausblick
form der Prothese passgenau in anlie-
genden Deckplatten eingeschliffen Ein Langzeitnutzen der Bandschei- Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literatur-
wird, sitzt die unter leichter Vorspan- benprothese gegenüber der Fusionie- verzeichnis, das beim Verfasser erhältlich oder im Internet
unter www.aerzteblatt.de/lit3105 abrufbar ist.
nung eingesetzte Prothese – die in un- rung ist zurzeit nicht erwiesen. Der
terschiedlichen Größen verfügbar ist – Verlust der Beweglichkeit in einem Anschrift für die Verfasser:
so fest, dass keine Fixierung mittels Bewegungssegment der Halswirbel- Prof. Dr. med. Raimund Firsching
Schrauben, Zement oder dergleichen säule durch die herkömmliche Fusio- Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Leipziger Straße 44
mehr erforderlich ist. Luxationen der nierung stellt eine klinisch-praktisch
39120 Magdeburg
Prothesen durch Unfälle sind bisher kaum bemerkbare Einschränkung dar. E-Mail: raimund.firsching@medizin.uni-magdeburg.de
nicht bekannt geworden. Es ist ebenfalls nicht erwiesen, son-
dern nur Spekulation, ob die Fusionie-
rung eines Bewegungssegmentes auf
Klinische Studien lange Zeit zu einer erhöhten Degene-
ration der mehr belasteten Nachbar-
Da die Bandscheibenprothesen erst segmente führt. Möglicherweise nei-
seit kurzem zur Verfügung stehen, sind gen Patienten mit Degeneration eines
klinische Verlaufsbeobachtungen rar. Bewegungssegmentes anlagebedingt
Über das seit 1991 erhältliche „Fren- zur nachfolgenden Degeneration ei-
chay“-Implantat liegt eine zweijährige nes weiteren Segmentes, auch ohne

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Literaturverzeichnis zu Heft 31–32/2005

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Zervikale Bandscheiben-
Boris Jöllenbeck
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