Sie sind auf Seite 1von 10

Pressezentrum Dokument: 0/235 PF

Sperrfrist: Donnerstag, 17. Juni 1999; 9.00 Uhr


Programmbereich: Bibelarbeit
Veranstaltung:      
Referentin/Referent: Prof. Dr. Luise Schottroff, Kassel, und Prof. Dr. Dorothee Sölle,
Hamburg
Ort: Cannstatter Wasen, Zelt 3

Bibelarbeit zu Jes 65,16b–25

Ein neuer Himmel, eine neue Erde


0040000050000000f0004f036000000b2040af00800000002040000000a000013000bf006000000044101000
ffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffff
1. Wir brauchen Visionen (DS)

“Denn siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde, der früheren wird man
00000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000
sich nicht mehr erinnern, sie steigen nicht ans Herz hinauf.” (V.17)
5ff2df1907955e291b8e8ef525853f6ba718b3c315be4f983bc3e2f3067fb19982db1615e3ed685cd8fc41531c4
Diese Worte aus der Sammlung von Texten, die Jesaja zugeschrieben werden, beschreiben
eine Vision. “So wird es sein” heißt es später (V.24) oder “und es soll geschehen”, was jetzt
000d000000c00000000c000000cd00000002000000e40400001e0000000500000064656b74006974650300
noch nicht sichtbar ist. Vision ist nicht eine realitätsferne Spinnerei, sondern etwas, das zum
00000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000
lebendigen Menschenwesen dazugehört. Wir sind nicht ohne Du auf der Welt, wir kommen
nicht vor ohne “wir” und “ihr”, und es ist eine merkwürdige Einbildung, daß wir ohne Vision,
ohne Utopie, ohne den Traum vom anderen Leben existieren könnten. Das drückt sich in
ffffffffffffffffffffffc1ffffffffffffffffffffffffffffff03fffffffffffffffffffffffffffffe0ffffffffffffffffffffffffffffffe0fffffffffffffffffffffffffffff
unserm Text so aus, daß der Sprecher mehrfach “siehe doch” (V.18, 19, 24) sagt, kuck doch
mal hin, mach doch die Augen auf!

Wer spricht denn hier? Es ist die Stimme Gottes. Sie spricht in großer Selbstverständlichkeit
von sich selber: ich erschaffe (V.17+18), ich juble (V.19), ich freue mich (V.19), ich antworte,
ich erhöre (V.24). “Adonaj hats gesprochen”, so sagen wir heute, “so spricht der Herr”, so
kennen wir es von Luther. Am Ende unseres Textes zeigt Gott auf den neuen Himmel und
die neue Erde: Religion und Vision gehören zusammen. Wir leben nicht nur in der
Berechnung von Anstrengung und Ertrag, Leistung und Lohn, der Traum vom guten Leben
gehört zu uns, er läßt sich nicht zerstören. Frag die Frauen und Männer um dich herum,
welche Vision vom guten Leben sie haben, und ich sage dir, wer ihr Gott ist.

Ich sage das in einer Welt, in der viele sich einbilden, ohne Vision besser leben zu können.
Nach der Wende und der ökonomischen Vereinheitlichung der Welt hat es ein langes und
lautes Gerede vom Ende aller Utopien gegeben. Utopien, so hieß es da, sind gefährliche
Illusionen, sie versprechen mehr als sie halten können, sie führen zu Diktaten und
Diktaturen, sich von ihnen freizumachen, gehört zu der von der Wissenschaft erklärten
Realität, es ist notwendig. Der Satz “das ist doch utopisch!” wurde zu einem normalen
Verdammungsurteil den einfachsten menschlichen Erwartungen gegenüber, wie der
Hoffnung auf “sauberes Wasser für unsere Region” oder “Arbeit für alle!”

Diese totalitäre Abschaffung der Utopie ging zugleich einher mit einer Anbetung des
Marktes, der als das alles regulierende Prinzip angepriesen wurde. Ich vermute aber, daß

Es gilt das gesprochene Wort.


Veröffentlichungen nur mit Genehmigung der Verfasserin/des Verfassers.
-2-
diese Vergötzung des großen Regulators indessen immer mehr an ihre Grenzen stößt.
Heute, zehn Jahre nach der Wende, entstehen neue Anfragen an die absolute Vorherrschaft
der Ökonomie über die Politik, an den regelfreien, alles deregulierenden Neoliberalismus und
auch, so empfinde ich es, an die religionsfreie Lebensweise. Hat nicht jede Religion größere
Wünsche an das Leben genährt? Ganz bestimmt will die alte Bibel mit ihrer Rede vom neuen
Himmel und der neuen Erde uns größere Wünsche beibringen als die, die der Markt
befriedigen kann!

Himmel und Erde sind von Gott geschaffen und somit vergänglich, sie können neu werden.
Gott fordert uns auf, auf das Neue hinzusehen und es zu bemerken. Soll denn der Himmel
auch neu werden, hab ich mich gewundert. Er ist in diesem Zusammenhang nicht als das
Haus Gottes gedacht, sondern als ein Teil des geschaffenen Kosmos. Vielleicht verstehen
wir heute die Sehnsucht nach einem anderen Himmel besser, wenn wir uns klarmachen, daß
in den neusten Formen der Aufrüstung ja gerade der Himmel, der Kosmos zum
Aufmarschgebiet der absoluten Weltherrschaft wird. Ein anderer Himmel, das wäre einer,
aus dem nicht Bomben aus unbemannten Trägern herunterregnen.

Unser Text handelt aber vor allem von einer neuen Erde und er spricht aus einer anderen
Verbundenheit mit der Erde heraus als der, die wir im Rahmen der wissenschaftlichen
Machbarkeit denken können. Es ist eine Verbundenheit, die die Menschen nicht in Gewinner
und Verlierer aufteilt, sondern sie alle beteiligt am neuen Himmel und der neuen Erde.

2. Jerusalem (LS)

Die prophetische Stimme aus fernen Tagen setzt mit der großen kosmischen Hoffnung ein:
Die ganze Schöpfung, Himmel und Erde, soll neu werden. Dann malt diese Stimme ein Bild
davon, wie denn der neue Himmel und die neue Erde aussehen wird. Das Bild ist
bescheiden und konkret. Eine Stadt, bewohnt von lebensfrohen Menschen, die in Frieden
und Gerechtigkeit füreinander sorgen, ersteht vor unseren Augen:

18 Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich will
Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude,
19 und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm
nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.
20 Nie mehr kommt von dort ein Säugling an Lebenstagen und doch schon im Greisenalter,
der nicht seine Lebenstage erfüllt. Als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und der
Hundertjährige geht mit raschem Schritt.

Die Geräusche des Lebens in der Stadt sind Gesang und Lachen. Ich male das Bild mit
einem anderen prophetischen Text aus: Man “hört wieder Jubelruf und Freudenruf, den Ruf
des Bräutigams und den Ruf der Braut, sie rufen und singen: Huldigt dem Ewigen der
Scharen, denn der Ewige ist gütig, denn seine Liebe währt ewig” (Jer 33,11). Der Krieg ist zu
Ende “kein Laut des Weinens ist in der Stadt zu hören” (Jes 65,19). Die Menschen freuen
sich darauf, daß Bräutigam und Braut bald ein Kind zur Welt bringen werden. Kein Säugling
wird mehr von Soldaten erschlagen, kein Kind muß mehr hungern, bis sein Gesicht wie das
eines Greises aussieht. Auch die Alten haben ihren Platz in der idealen Stadt, sie leiden
nicht mehr an schmerzenden Gelenken. Sie sterben erst, wenn sie “alt und lebenssatt” sind.
Diese Utopie bleibt bescheiden. Da wird nicht geträumt, daß Menschen ewig leben und das
Sterben abgeschafft wird. Nur der vorzeitige Tod hat ein Ende, der menschengemachte Tod,
der Tod der Kinder und das Sterben Erwachsener, die noch nicht lebenssatt sind. Die
Menschen in der Stadt müssen nicht mehr fürchten, vertrieben oder deportiert zu werden.

21 Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre
Früchte essen.
Es gilt das gesprochene Wort.
Veröffentlichungen nur mit Genehmigung der Verfasserin/des Verfassers.
-3-
22 Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer
esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer
Hände Werk werden meine Auserwählten genießen.
23 Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn
sie sind das Geschlecht der Gesegneten Adonajs, und ihre Nachkommen sind bei ihnen.

Sie bauen sich nicht Paläste, wie sie die Herrscher der Alten Welt in die Städte stellten. Sie
bauen sich Häuser mit Platz für die Großfamilie und die Ziegen und Hühner. Sie pflanzen
Feigenbäume und Weinberge an, sie freuen sich an Weizen und Gerste für ihr Brot. Es ist
dieselbe bescheidene Utopie wie im Michabuch: “Dann schmieden sie Pflugscharen aus
ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen ... Dann sitzen die Menschen unter
ihren Weinstöcken und Feigenbäumen, und niemand schreckt sie auf” (Micha 4,4).

Diese menschenfreundliche und bescheidene Utopie ist in einer leidenden und zerstörten
Stadt entstanden, in Jerusalem, der leidenden Mutter Zion, wie ihre Bevölkerung sie oft
genannt hat. Die Urerfahrung der Zerstörung Jerusalems war 587 v. Chr. geschehen. Der
König des mächtigen Reiches Babylon im Zweistromland hatte in Jerusalem sein Heer
einmarschieren lassen, der Tempel des Gottes Israels wurde niedergebrannt. Die
Bevölkerung wurde teilweise versklavt und nach Babylon verschleppt. Der Rest hungerte
und litt an den Krankheiten des Hungers. Diese Urerfahrung der gewaltsamen Zerstörung
der Stadt Jerusalem und des Tempels und das Leiden der Bevölkerung hat über
Jahrhunderte und Jahrtausende die Geschichte des jüdischen Volkes begleitet. Wir wissen
nicht genau, wann der Text Jes 65 entstanden ist. Zu oft ist Krieg über Jerusalem
gekommen. Immer wieder fürchteten die Menschen, es könne geschehen, was 587 v. Chr.
geschehen war. Ein halbes Jahrtausend später treffen wir bei dem Juden Jesus von
Nazareth wieder auf diese Angst um Jerusalem. Inzwischen gab es einen neuen Tempel in
Jerusalem, den zweiten Tempel. Einer der Jünger sprach Jesus an; “Meister, sieh, was für
Steine und was für Bauten”. Jesus antwortete: “Siehst du diese großen Bauten? Kein Stein
wird auf dem anderen bleiben, alles wird niedergerissen” (Mk 13,1f). Jesus lebt mit der
jüdischen Geschichte, mit der Angst, 587 könne sich wiederholen. Wieder könne das Heer
eines Weltherrschers den Tempel verbrennen und die Stadt entvölkern. Jesus hat die
nächste Zerstörung Jerusalems, im Jahr 70 durch die römische Armee, nicht mehr erlebt.
Aber er hatte sie vorausschauend gefürchtet. Am Schicksal Jerusalems entschied sich
immer wieder im Verlauf der Geschichte Israels das Geschick des Volkes: ein kleines Volk in
einem Land, das als Verbindungsweg zwischen Ägypten und dem Zweistromland für die
geopolitisch denkenden Herrscher der Alten Welt wichtig war. Deshalb wiederholte sich
mehrfach die Urerfahrung: Zerstörung Jerusalems, Deportation eines Teiles der
Bevölkerung, Versklavung der Menschen, die nun für die neuen Herren arbeiten mußten.

Der Text Jes 65 ist deshalb nicht genau datierbar, weil der Krieg zu oft nach Jerusalem kam.

In Jes 63.64, also in unmittelbarer textlicher Nähe von Jes 65 heißt es: “erst vor kurzem
haben unsere Feinde dein heiliges Volk vertrieben” (63,18); “unser heiliger, herrlicher
Tempel ... ist ein Raub der Flammen geworden, alles was uns lieb war, liegt nun in Trüm-
mern” (64,10).

Die Zerstörung Jerusalems ist geschichtliche Urerfahrung. Und die Sehnsucht nach dem
bewohnbaren Jerusalem ist zur Menschheitsutopie geworden: die Menschenstadt, die Stadt
der Städte, Heimat, von der jüdische Menschen träumten und träumen. Christliche Hoffnung
hat auch oft diese Gestalt gewonnen: Jerusalem, du hochgebaute Stadt, ich wollt‘ ich wär in
dir. Heute träumen wir von einem Jerusalem, in dem palästinensische und jüdische
Menschen in Frieden miteinander wohnen und sich gegenseitig mit den Reichtümern ihrer
Kultur und Religion beschenken. Wieder ist Jerusalem der Ort eines Menschheitstraumes
vom Frieden.
Es gilt das gesprochene Wort.
Veröffentlichungen nur mit Genehmigung der Verfasserin/des Verfassers.
-4-
Als Christinnen und Christen können wir den Traum von Jerusalem als Stadt der Städte nicht
ungebrochen träumen. Daß die Heere Roms im Jahr 70 n. Chr. und dann noch einmal
135 n. Chr. Jerusalem zerstörten, haben Christen und Christinnen als Strafe Gottes über
Israel interpretiert: Gott habe Israel gestraft, weil “die Juden” Jesus nicht anerkannt haben,
weil “die Juden” ihn gekreuzigt haben. Das war eine Deutung des Hasses und der Eifersucht
eines Christentums, das sich von seiner jüdischen Mutter losgesagt hatte. Ich kann heute
diese Deutung als Lüge erkennen. Jesus ist nicht von “den Juden”, vom jüdischen Volk,
sondern von römischem Militär ermordet worden. Ich kann heute die unsolidarische Lüge als
Lüge erkennen, daß die Zerstörungen Jerusalems nicht Strafe Gottes waren, sondern
Ausdruck der Machtpolitik Roms. Und ich muß diese Lüge auch Lüge nennen, weil sie noch
immer zu tief in unserem christlichen Bewußtsein verankert ist, als daß eine Generation
genügte, diese Lüge zu vertreiben. Aber wenn ich diese Lüge beim Namen genannt habe,
möchte ich den Traum von Jerusalem als Stadt der Städte mitträumen. Wir träumen den
Traum, daß die Menschen in ihren Städten in Frieden und Gerechtigkeit wohnen. Stadt der
Menschen, Wohnort, wie Gott ihn sich gedacht hat. Für Christinnen und Christen wie für
Jüdinnen und Juden hat diese Stadt den Namen: Jerusalem.

Im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes im Neuen Testament, haben
unbekannte christliche Propheten und Prophetinnen den Traum aus Jes 65
weitergesponnen. Babylon wird zerstört werden, haben sie geträumt. Das Babylon ihrer
Tage gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. war Rom. In Offenbarung 21 heißt es:

1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die
erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.
2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel
herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.
3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte
Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und
er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;
4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein,
noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

Die alten Worte werden wiederholt. Man liest in der christlichen Exegese zu Jes 65 oft, hier
in der Offenbarung sei nun das Denken radikaler. Ehe das neue Jerusalem, der neue
Himmel und die neue Erde geschaffen werden können, müsse eine radikale Katastrophe die
ganze Welt vernichten. Diese Katastrophentheorie wird keinem der biblischen Texte, auch
nicht der Offenbarung, gerecht. Die Menschen, die hier sprechen, leiden an ihrer Gegenwart,
an der Gewaltherrschaft Roms, der viele Menschen, nicht nur Jesus von Nazareth, zum
Opfer fielen. Sie träumen, daß die Gewaltherrschaft ein Ende hat, sie träumen, daß Gott die
Täter richten wird, aber sie erträumen sich nicht den Untergang der Welt. Sie wollen, daß der
menschengemachte Tod, daß Gewalt und Unrecht unter den Menschen ein Ende haben
werden. Diesen Traum habe ich auch.

3. Alt und Neu – der Dualismus und seine Überwindung (DS)

Wie sieht der Traum, die Vision, die Utopie hier in unserm Text aus? Und was können wir
daraus für unsere Visionen lernen?

Die Bibel stellt eine merkwürdige Mischung von Realismus und Transzendenz her, die mich
immer wieder staunen macht. Beide gehören in ihr zusammen. In unserer Situation wird von
vielen gerade diese Zusammengehörigkeit zerrissen, der Realismus und der realistische
Blick auf die verhungernden Kinder in der Elendswelt und auf all die Kinder, die in unserm
Land in Armut aufwachsen, bleibt bestehen, aber die Hoffnung oder die Vision hat damit gar
nichts zu tun, sie wird zunehmend allein auf das Individuum bezogen. Träume von und
Es gilt das gesprochene Wort.
Veröffentlichungen nur mit Genehmigung der Verfasserin/des Verfassers.
-5-
Sehnsucht nach Erlösung werden mit Hilfe der Medien zur Privatsache gemacht. Die alte
Erkenntnis der Aufklärung, daß Religionsfreiheit ein Recht des Individuums ist, wird dahin
ausgeweitet, daß auch die kollektiven, die menschheitlichen Hoffnungen auf den neuen
Himmel und die neue Erde zu einer Privatangelegenheit werden. Wenn Religion eine Art
Privatbesitz ist, ein “private property”, dann ist es nicht möglich unsern Jesajatext zu ver-
stehen. Warum sollten wir das Salz der Erde werden? Für viele ist das Salz der Erde heute
zu einer Art Zucker geworden und zugleich dumm, ohne Schärfe, ohne Klarheit. Jesaja
spricht nicht das Individuum an, sondern das Volk. Er redet nicht von meinem Familienleben,
sondern von meiner Stadt. Alt und Neu werden beschrieben in einfachen Bildern, die vom
Alltag der Arbeit und dem Alltag des Sterbens in einer Welt der Kriege und des Elends
ausgehen.

Was ist der “neue” Himmel und die “neue” Erde, die Gott jetzt – sieh doch hin! – schafft? Das
Alte ist bestimmt durch die Erfahrungen von Krieg und Vertreibung, wir können das Weinen
der Beraubten, Vergewaltigten und Sterbenden in unserm Text hören. Das Neue ist frei und
vom Glück erfüllt. Das Verhältnis von beiden wird im Bild der Stadt Jerusalem gesehen.
Jerusalem bedeutet, man hört kein Schreien und Weinen mehr, sondern Singen und Jubeln.
Es ist kein Zufall, daß die Stadt und das gemeinsame Leben hier im Mittelpunkt stehen. Die
Stadt ist nicht das Werk eines Architekten, sondern etwas, das zusammengewachsen ist,
zusammen bedroht und zerstört wurde und das nun wieder aufgebaut wird, zusammen. Sie
ist das Werk vieler Generationen.

Altes und neues Jerusalem ist bei uns oft in den Kategorien von Diesseits und Jenseits, von
Lebenszeit und postmortaler Existenz – oder Unsterblichkeit der Seele – verstanden worden.
Dieser Dualismus hat viel zur Selbstzerstörung der christlichen Religion beigetragen und
eine der heutigen theologischen Aufgaben, gerade der jüngeren Generation, besteht darin,
den Dualismus zu überwinden und endlich jüdischer zu werden im Verständnis der
Schöpfung. Die Stimme Gottes in unserm Text spricht ja davon, daß Gott das Neue schafft,
jetzt. Wir müssen uns von dem falschen Verständnis von Schöpfung lösen, das die Gottheit
ausschließlich zu Beginn am Werk sieht, zu Anfang der Entstehung des Kosmos und des
Lebens auf der Erde. “Sieh doch, wie ich einen neuen Himmel und eine neue Erde
erschaffe!” (V.17) Die Schöpfung ist nicht abgeschlossen, sie geht weiter, creatio continua,
am himmlischen Jerusalem wird auch heute – und sogar bei uns! – weitergebaut.

Unser dualistisch geprägtes Denken hat Diesseits und Jenseits getrennt, hat Schöpfung und
Erlösung auf verschiedene göttliche Personen verteilt statt sie zusammenzudenken und hat
die Bilder von der Erlösung oft erst nach dem Untergang der Welt wahrhaben wollen,
während im jüdischen Denken, das wir hier bei Jesaja finden, es die Gewaltherrschaft der
Kriegsherren ist, die zu Ende geht, genauso wie in der Offenbarung, dem letzten Buch des
Neuen Testaments, es die Gewaltherrschaft Roms ist, die zugrundegehend das “neue
Jerusalem” ermöglicht: friedlich, in sinnvoller Arbeit und langem erfüllten Leben hier auf
dieser einen Erde. Nicht der Weltuntergang, sondern das Ende der ungerechten Ausplün-
derung ist das Ziel, die Hoffnung für das Volk wird benannt, sie heißt: Arbeit für alle und die
Früchte der Arbeit für alle.

Das Verhältnis von alt und neu ist nicht, daß Gott die Schöpfung widerruft und alles
zugrundegehen läßt. Es ist das Ende der Gewaltherrschaft, die des Geldes und die der
Waffen, und die hochgebaute Stadt Jerusalem symbolisiert nicht das Ende der Welt, sondern
das Leben in und mit der Schöpfung.

4. Arbeit, Entfremdung, Menschenrechte (DS)

Wir alle – Männer, Frauen und Kinder – sind im Ebenbild Gottes geschaffen, wir sind dazu
da, wie Gott zu lieben und zu arbeiten. Wir können, so sagt die jüdische Tradition, Gott
Es gilt das gesprochene Wort.
Veröffentlichungen nur mit Genehmigung der Verfasserin/des Verfassers.
-6-
nachahmen.

Die gute Arbeit wird in unserm Text beschrieben als “Häuser bauen und darin wohnen”,
Weinberge pflanzen und ihre Frucht ernten” (V.21). Arbeit, Leistung, Produktion sind
verbunden mit Ertrag, Essen und Trinken, Lebenkönnen. Aus der neuen Zeit, die Gott für alle
jetzt schafft, zurückblickend auf die alte der barbarischen Sklaverei, sagt der Text: “Sie
mühen sich nicht ab ins Leere (V.23) und gebären nicht für jähen Tod”. Das war das
Schicksal der Armen in der alten Welt: umsonst arbeiten und umsonst Kinder bekommen.
Jesaja kritisiert so die entfremdete, sinnlose Arbeit, deren Produktion nicht genossen wird.
Wir leben in einer anderen Situation, uns wird gegenwärtig die Arbeit vorenthalten im
Interesse des Profits der Wenigen. Bei uns steigen die Aktien sprunghaft, wenn wiedermal
bei einer Elefantenhochzeit der großen Konzerne zwei- oder fünftausend Arbeiterinnen
entlassen werden. Unsere Herren oder Könige heißen Transnationale Konzerne und werden
angeblich durch den Markt und sein Grundgesetz von Angebot und Nachfrage geregelt. In
Wirklichkeit haben die heutigen Könige des Neoliberalismus ebenso rechtlos und
gewissenlos geherrscht wie die der pax babylonica zur Zeit von Jesaja oder der pax romana
zur Zeit der Apokalypse des Johannes. Der Markt kennt kein Menschenrecht und weder
soziale noch ökologische Verantwortung: Bereitstellung öffentlicher Güter, verbindliche
Regeln des Wettbewerbs kommen in dieser “soften Diktatur” nicht durch. Das “Recht auf
Arbeit” ist als grundlegendes Menschenrecht nicht einmal nach der Wende in unserer
Verfassung zugelassen worden, wie die Bürgerrechtler der früheren DDR gehofft hatten.

Dabei gibt es durchaus genug hervorragend durchdachte Vorschläge zu einer anderen


Verteilung der knappen Ware Erwerbsarbeit, die mit einer ökologischen Umrüstung
zusammen gehen könnte. Ich will nur zwei nennen: Unser Nachbarland Dänemark hat die
niedrigste Arbeitslosigkeit in Europa, weil dort 1993 Ökosteuern auf Elektrizität, Verkehr und
Abfall eingeführt wurden, was zur Folge hatte, daß energiesparende Kleintechnologien mit
vielen kleinen und mittleren Betrieben entstanden. Ein anderer Vorschlag bezieht sich auf die
gerechtere Verteilung der knappen Ware Erwerbsarbeit. Wenn die wöchentliche Arbeitszeit
um 20 Prozent gekürzt würde, also von 36 Stunden auf 28,8 Stunden, so ließen sich rasch
2,5 Millionen Arbeitsplätze sichern bzw., neu schaffen. Es gibt, auch in unserm Land,
Zeichen der Umkehr, des anderen Denkens und des anderen Lebensstils.

Ich glaube immer mehr, daß diese Zeichen, auf die sich das “Sieh doch hin, wie ich einen
neuen Himmel und eine neue Erde erschaffe” bezieht, eine andere Sprache brauchen, die
über die wissenschaftliche Erkenntnis hinausgeht, eine andere Gewichtung von Religion und
Spiritualität in unserm Alltagsleben, eine andere Frömmigkeit, die das “Sieh doch hin” Gottes
heute und hier hört.

Sieh doch hin, sagt der,


der alles geschaffen hat.
sieh doch, wie Neues grünt und wächst
hör sie doch, die guten Geschichten,
die auch bei uns erzählt werden
das Land mit den meisten Verweigerern von Kriegsdienst
und den neuen Versuchen, nicht eine mörderische, sondern
eine soziale Verteidigung aufzubauen

Aber auch wenn du nichts mehr siehst und hörst


außer dem Terror, der sich schick einwickelt
dann hör sie doch, die wiedergekommenen Vögel.
hör sie doch singen
und entdecke das kleine Mädchen im Bus,
das seinem Brüderchen die Furcht ausredet
Es gilt das gesprochene Wort.
Veröffentlichungen nur mit Genehmigung der Verfasserin/des Verfassers.
-7-
hör doch auf Gottes stilles Geschrei
mitten unter uns

5. “Sie bauen Häuser und wohnen darin ...” (LS)

Ein Satz der Verheißung in Jes 65 lautet: Sie bauen Häuser und wohnen darin ...
(Jes 65,21).

Er ist eine Verheißung des Friedens. Als der 2. Weltkrieg begann, war ich fünf Jahre alt. Ich
erinnere mich an den strahlend sonnigen Septembertag. Meine Eltern hatten mir gesagt, daß
Krieg sei. Schon lange vorher hatten sie ihren Kindern erklärt, was Krieg ist. Sie hatten Bilder
vom 1. Weltkrieg. Sie hatten ihre eigenen Kriegserfahrungen von damals. Am 1. September
1939 schien die Sonne weiter und der Himmel war spätsommerlich tiefblau, und doch war
nichts mehr, wie es gewesen war. Ich hatte Angst um meinen Vater, daß er Soldat werden
müßte. Ich hatte Angst vor Bomben. Ich hatte Angst vor dem Verlust meiner Geborgenheit.
“Sie bauen Häuser und wohnen darin”, sagt Jes 65: das ist die Geborgenheit, die Zuver-
lässigkeit des Lebens mit geliebten Menschen, die Wärme des Hauses, in dem ich schon
laufen gelernt hatte. Ich wußte, wie das Holz der Haustür in der Sonne riecht. Der Krieg hat
mein Leben geprägt. Ich verlor meinen älteren Bruder. Als die Nationalsozialisten am Ende
waren, kam das große Gefühl der Befreiung. Es dauerte nicht lang, da kam die Angst zurück,
die Angst vor dem 3. Weltkrieg zwischen Ost und West, nun aber mit Atomwaffen. Und
heute: Der Kosovokrieg ist ein Spiel mit dem Feuer. Nicht alle Völker wollen sich der
geballten Macht von USA und Nato beugen. Die humanitäre Rechtfertigung des Krieges hat
zweifellos Anteile von Wahrheit, aber das Mißtrauen bleibt, daß hier auch den westlichen
Bevölkerungen das neue Kriegsbewußtsein für die Eingreifkriege “out of area” der Nato
beigebracht werden soll. Unser westlicher Wohlstand muß nach der Logik des Kapitalismus
verteidigt werden gegen die vielen armen Völker, aus deren Mitte immer mal wieder ein
Diktator droht. Der Traum vom Ende der Kriege schien in meinem Leben manchmal in
Reichweite zu gelangen: Kein Ost-West-Krieg mehr, also vielleicht doch Frieden auf der
Erde. Die große Protestbewegung gegen die Bombardierung Iraks 1991 hat gezeigt, daß in
Deutschland eine Kultur des Friedens entstanden war. Jetzt bei den Jugoslawienkriegen,
beim Kosovokrieg, blieb der Protest viel zu stumm, obwohl ich deutlich spüre, daß viele Men-
schen mißtrauisch sind und den Krieg nicht nur für eine humanitäre Rettungsaktion halten.

“Sie bauen Häuser und wohnen darin.” Wir hören die Vision Jesajas von der Stadt der
Menschen ohne Krieg. Niemand vertreibt mehr die Bewohner, niemand versklavt sie zu
Billigarbeit für andere reichere Völker. Die Vision ist uralt und sie ist immer noch die
Menschheitsvision, die Menschen dazu ermutigt, für den Frieden zu arbeiten. Jeweils am
eigenen Ort, langsam und unspektakulär. Wir finden die Verbündeten für diese Arbeit
schnell. Es gibt sie schon. Sie freuen sich, wenn wir dazu kommen. Die gemeinsame Arbeit
für den Frieden ist hochwirksam und voller Verheißung: Unsere Träume werden wahr in dem
Augenblick, in dem wir beginnen, für sie zu arbeiten. Für die Christenheit in Deutschland ist
heute friedenspolitisch die Stunde der Wahrheit gekommen. Es geschieht vor unseren
Augen eine militärpolitische Neukonstruktion der Nato, die für das nächste Jahrtausend eine
gigantische Aufrüstung mit immer raffinierteren Technologien bringen wird. Es wird Kriege
des Westens gegen sogenannte Schurkenstaaten oder auch andere Länder geben, die dem
Ziel dienen, den westlichen Wohlstand gegen die Habenichtse zu verteidigen. Noch ist es
Zeit, öffentlich gegen die neue Nato Strategie zu protestieren. Wir wollen eine Erde mit
Völkern, die in Gerechtigkeit miteinander leben. Nicht eine geteilte Welt, in der die reichen
Länder die armen unterjochen. Das Alphabet des christlichen Glaubens heute beginnt mit
der konkreten Arbeit für Gerechtigkeit und Frieden und der Vision von der neuen Schöpfung
Gottes: In ihren Häusern leben die Menschen geborgen ihr Leben lang, niemand vertreibt
sie. Ihre Kinder riechen den Duft der Heimat, das Haus ihrer Geborgenheit.

Es gilt das gesprochene Wort.


Veröffentlichungen nur mit Genehmigung der Verfasserin/des Verfassers.
-8-
6. Sterben und erfülltes Leben

(LS) In der Wiederholung der Jesajavision in Offenbarung 21,4 heißt es: Gott “wird alle
Tränen von ihren Augen abwischen. Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage
...” Auch dies sind Worte aus Jesaja und sie meinen, was auch Jes 65 sagt: der
menschengemachte Tod hat ein Ende, das Weinen über die Opfer des Krieges und des
Hungers. Aber meine Klage über den Tod meiner Liebsten? Ich höre die Verse mit
Sehnsucht. Der Tod greift schrecklich in unser Leben ein. Trauer begleitet meine Tage,
manchmal überfällt mich tiefes Entsetzen über das Sterben meiner liebsten Menschen. Für
mich selbst kann ich mir vorstellen, den Tod als Freund anzunehmen. Für mich selbst ist die
Vorstellung, wie die Bäume, wie die Pflanzen zu vergehen, erträglich. Unerträglich ist der
Tod der geliebten Menschen. Sie starben zu früh. Sie waren nicht alt und lebenssatt. Mein
Leben ist erfüllt von Protest gegen das Sterben, gegen den unzeitigen Tod. “Wie die Tage
des Baumes sind die Tage meines Volkes” – so kann ich mich in das Leben und Sterben
schicken. Aber meine Gegenwart ist erfüllt von Klage. Es bleibt die Hoffnung, daß Gott alle
Tränen abwischen wird, die Sehnsucht: Wann endlich werde ich zu Hause sein, im Hause
der Geborgenheit in Gott, gemeinsam mit den Toten meines Lebens?

(DS) Was Jesaja von Gott zu hören bekam, wie anders wir leben können, das zeigt sich an
einem anderen Inhalt, dem anderen Verhältnis zum Tod. Der Tod wird nicht geleugnet oder
verdrängt oder als der letzte Feind betrachtet, sondern am Ende eines erfüllten Lebens
können Menschen, Hundertjährige loslassen und gehen, das Sterben annehmen, ohne
Bitterkeit oder Verzweiflung. Kommen und Gehen ist im Rhythmus der Schöpfung
vorgegeben. Tag und Nacht, Ebbe und Flut, Frühling und Herbst, Jugend und Alter sind
Strukturen des Lebens, die wir “hüten und bewahren” sollen. Die Schöpfung lieben, heißt
heute und hier bei uns, ihre im brutalen Vergewaltigungskrieg gegen die Erde zerstörten
Lebensformen wieder aufzubauen und zu achten lernen. Nicht alles ist uns jederzeit
verfügbar, aber alles hat seinen Rhythmus. Die Grundbotschaft des globalisierten Marktes,
daß alles jederzeit käuflich ist, die Erdbeeren im Dezember, der Sommerurlaub im Winter,
die Prostituierten in den Elendsländern, die neuen Organe im Alter, diese absolute
Verfügung ist tödlich für die Erde - und für die 80 Prozent der Menschen, die in unserm
System keinen Platz, keine Verwendung, kein Recht haben.

Hat der Markt das Recht, den Rhythmus der Schöpfung zu annullieren? Gott hat auch die
Zeit geschaffen, die sich in den Rhythmen des Lebens spiegelt.

7. Freude und Gotteslob

(LS) “Ja, vergessen sind die früheren Nöte, sie sind meinen Augen entschwunden ...” so
setzt Jesaja 65 mit V.16 b ein. V.17 wiederholt den Gedanken: “Man wird nicht mehr an das
Frühere denken, es kommt niemals mehr bis ans Herz hinauf”. Sollen wir das Sterben
unserer geliebten Menschen vergessen, sollen wir das Leid der Kriege und der Armut
vergessen, Platz machen im Herzen für die fröhlichen Gedanken? Ich glaube, das wäre ein
Mißverständnis des Textes – zumal eines Textes aus einer religiösen Kultur, in der
Erinnerung an Geschichte und Menschen Teil des Glaubens ist. Ich verstehe diese Sätze
anders: Sie reden vom Stillewerden, vom Ende der Klage, vom Versinken in der Begegnung
mit Gott. Es ist alles gesagt, ich muß nicht mehr klagen und weinen: Warum das Leiden,
warum der unzeitige Tod, wann, Gott, machst Du ein Ende mit der Gewalt unter Menschen?
“So wird es sein: Noch bevor sie rufen, antworte ich, sie reden noch, schon erhöre ich sie”
(Jes 65,24). Gott will meine Schmerzen nicht ungeschehen machen, aber er setzt dem
Schmerz ein Ende in der Geborgenheit. Ich kann mich fallen lassen; Gott weiß wie meine
Mutter schon vor meinem Geschrei, was mir fehlt. Die Bibel schenkt uns wunderbare Wörter
und Bilder für die Geborgenheit in Gott. Im Johannesevangelium sagt Jesus: Ihr müßt euch
die Freude in der Begegnung mit Gott so vorstellen wie die Freude der Mutter, die ein Kind
Es gilt das gesprochene Wort.
Veröffentlichungen nur mit Genehmigung der Verfasserin/des Verfassers.
-9-
geboren hat. Die Schmerzen der Geburt sind vorüber. Da liegt ein neuer Mensch in Deinen
Armen, kleine zarte Finger, winzige Fingernägel, ein Wunder, das Wunder des Lebens. So
ist die Begegnung mit Gott, die Freude der Geborgenheit und der Begeisterung über das
Leben, über die wunderbare Schöpfung. In Jes 65 sagt Gott: die Freude steigt in euch auf,
wenn ihr zuschaut, wie ich die neue Schöpfung erschaffe: “Ihr sollt euch ohne Ende freuen
und jubeln, über das, was ich erschaffe” (65,18). Wir freuen uns und Gott freut sich auch;
“Ich will über Jerusalem jubeln und mich freuen über mein Volk” (65,19). In der Offenbarung
des Johannes wird die neue Schöpfung noch etwas anders ausgemalt als in Jes 65. Da
heißt es, das neue Jerusalem kommt vom Himmel herab auf die Erde. Dieses himmlische
und zugleich irdische Jerusalem ist der Wohnort Gottes. Da werden wir Gott finden. Die
Offenbarung sagt: da braucht ihr keine Lampe mehr und nicht Sonne und Mond, um euch zu
leuchten. Gott selbst ist das Licht eures Lebens: “In deinem Licht sehen wir das Licht.” Wir
schauen die wunderbare Schöpfung um uns herum, die Freude und die Lust am Leben läßt
uns zittern und unsere Augen weiten sich, um die neue Schöpfung auf dieser Erde zu sehen.
Gott ist schon am Werk, sie zu erschaffen. Ich sehe dem leuchtenden Löwenzahn ins Herz
und sehe die Hände Gottes. Die Erde ist erfüllt von den Schöpfungswundern Gottes.

(DS) Mit Gott zusammenzukommen ist das Ziel des menschlichen Lebens. Von der
Grundkraft des Lebens nicht getrennt zu sein, nicht ein isoliertes, hilfloses Bündel von
Enttäuschung und Schmerz bleiben zu müssen, sondern unsere Anteilhabe an Gottes Leben
zu spüren, das ist es, was wir erfahren können.

Ein flämischer Mystiker aus dem 14. Jahrhundert hat gesagt: “Wir kommen von Gott und
sind in der Verbannung. Und weil die Macht unserer Liebe zu Gott strebt, sind wir uns dieser
Verbannung bewußt.” Wir leben auf Gott hin, auch in der Verbannung. Der einfachste
ursprüngliche Ausdruck dieses Auf-Gott-hin-lebens wird in der Bibel immer genannt “Freude”
und gespürt als “Jubel”. Sie durchzieht auch unsern Text. “Freut euch und seid fröhlich über
das, was ich schaffe.” (V.18) heißt es da, aber die Begründung für diesen Aufruf, von dem
man nicht sagen kann, ob es sich um einen Befehl oder eine Einladung handelt, kommt erst
danach: “Und ich juble über Jerusalem und freue mich an meinem Volk.” (V.19)

Gott ist Freude, Gott ist Jubel, Gott ist Glück. Bei-Gott-sein heißt zunächst einfach, mit Gott
übereinstimmen zu können. Wie Gott am 6. Schöpfungstag als er alles, was er gemacht
hatte ansah, zu sagen “und siehe, es war sehr gut.” (1. Moses 1,31) Wie können wir das
wagen, angesichts der Realität? Wir können es, wenn wir aus dem guten Anfang, den wir
Schöpfung nennen, auch den guten Fortgang, das “Siehe, ich mache alles neu” erfahren und
an der neuen Erde Anteil haben. Niemand in der jüdischen und der christlichen Tradition hat
so klar, so rückhaltlos, so ohne Wenn und Aber über die Freude gesprochen wie die Frauen
und Männer, die von der Mystik berührt und verwandelt waren.

Das Glück in Gott ist das Echo dessen, was in unserm Text in Vers 19 steht über den Jubel
Gottes, ja, die Unterscheidung von Gottes Jubel, Gottes Glück und dem, was wir empfinden,
schmilzt in der Sonne des Glücks dahin. “Kein Laut des Weinens ist mehr zu hören und kein
Laut des Schreiens” (V.19 b) Es ist die Erfahrung des Einsseins: Gott bei den Menschen, die
Menschen in Gott.

Gott ist nicht der unberührbare, für sich selbst seiende Übervater, er freut sich mit und in uns
und sie weint mit und in uns, es gibt keine Freude, die die Tränen nicht kennte. Können wir
denn mit Gott übereinstimmen? ich glaube für diese Grunderfahrung gibt es keine Begrün-
dungen. Gottes zu bedürfen, so hat die Tradition gelehrt, ist des Menschen höchste
Vollkommenheit, und in Gott zu schwimmen hat kein Warum oder Wozu. “Es ist, was es ist”,
wie Erich Fried über die Liebe sagte. Der tiefste Grund der Freude ist ein Abgrund, kein
Grund.

Es gilt das gesprochene Wort.


Veröffentlichungen nur mit Genehmigung der Verfasserin/des Verfassers.
- 10 -
Und so können wir uns fragen: Wenn Gott jubelt, warum nicht auch wir? Wenn Gott eine
neue Erde schafft, warum beteiligen wir uns nicht und schaffen wenigstens einen neuen
Kindergarten, einen anderen Nahverkehr und eine andere Art mit Konflikten umzugehen als
unsere Bomberpiloten? Gott wartet doch auf uns. Sein Jubel sucht unseren. Im Jubel sind
Wort und Antwort nicht voneinander getrennt.

Es gilt das gesprochene Wort.


Veröffentlichungen nur mit Genehmigung der Verfasserin/des Verfassers.