Sie sind auf Seite 1von 10

„Produktion von Zukunft“

Über Hans-Jörg Rheinbergers Wissenschaftsphilosophie

Über den Autor

Jörg Friedrich studierte Philosophie an der FernUniversität in Hagen. Er beschäftigt sich mit Wissenschafts- und Technikphi- losophischen Fragestellungen sowie mit Herausforderungen der Praktischen Philosophie.

Jörg Friedrich, MA phil. INDAL GmbH & Co. KG Achtermannstraße 19 48143 Münster Internet: http://kulturblogs.de/artefakten e-Mail: jf@indal.de Telefon: 0251 – 41 446 - 140

Inhalt

DER BEGRIFF EXPERIMENTALSYSTEM

4

DIFFERENTIELLE REPRODUKTION

5

REPRÄSENTATION

5

KONJUNKTUREN

6

DIE SICHTBARKEIT DER SPUR

7

EXPERIMENT UND EXPERIMENTALSYSTEM

7

DAS NEUE ALS ERGEBNIS DER ZUKUNFT

8

DIE INNERE STRUKTUR DES EXPERIMENTALSYSTEMS

9

„Experiment – Differenz – Schrift“ heißt das schöne Buch * von Hans-Jörg Rheinberger, dessen drei Hauptteile ich hier bespre- chen werde. Der Titel verweist schon auf eine gewisse Nähe des Autors zu Jaques Derrida, und in der Tat ist der Biologe und heutige Direktor des Max-Planck-Institutes für Wissen- schaftsgeschichte gleichzeitig der Übersetzer einiger Derrida- Werke, unter anderem der berühmten „Grammatologie“.

Der schmale Band enthält drei Vorträge, die Rheinberger vor rund zwei Jahrzehnten gehalten hat und in denen es um die „Experimentalstruktur der empirischen Wissenschaften“ geht, darum, das Experiment innerhalb der Wissenschaft unter einem neuen Gesichtspunkt zu betrachten, es nicht mehr nur als „In- stanz der Verifikation, der Bewährung, der Verwerfung oder der Modifikation von Theorien“ anzusehen sondern als „Geflecht von sich selbst instruierenden epistemischen Praktiken“, mit anderen Worten als die wissenschaftliche Aktivität, die auf ei- gene Weise neues Wissen produziert. Rheinberger verweist an dieser Stelle auf die Arbeiten u.a. von Latour und Hacking, die in den 1980ern begonnen haben, das Experiment zum Gegens- tand wissenschaftsphilosophischer Untersuchungen zu ma- chen.

Der Begriff Experimentalsystem

Aber Rheinberger geht noch einen Schritt weiter, er sieht nicht nur eine relative Autonomie des Experiments gegenüber der Theorie, er betrachtet das Experimentalsystem als „kleinste funktionelle Einheit, als die Arbeitseinheit des Wissenschaft- lers“. Dabei handelt es sich nicht einmal um etwas, das als „ex- perimentelles Denken“ bezeichnet werden könnte, denn dabei wäre „Denken“ noch das genus proximum, sondern um „eine durch instrumentelle Randbedingungen ausgerichtete Bewe- gung, in der das Räsonnieren gewissermaßen ins Spiel der ma- teriellen Entitäten gerissen wird“.

Ein Experiment ist dabei niemals ein Einzelereignis, ein Ver- suchsaufbau, in dem eine bestimmte Konstellation hergestellt und ein bestimmtes Ereignis produziert wird. Ein Experiment „produziert Wissen, das wir noch nicht haben“. Das Experiment als Instanz zur Bestätigung oder Widerlegung von Theorien spielt in dieser Sicht eine ganz untergeordnete Rolle, und selbst wenn es darauf angelegt ist, ist es immer weit mehr als das. Denn eine Experimentalsituation ist niemals klar, wenn sie klar

* Das Buch ist zwar nicht bei Amazon und auch nicht bei buch.de erhältlich, aber man kann es direkt bei der Basilisken-Presse für gerade einmal 11,-- € incl. Versand bestellen.

wäre, dann wäre das Experiment streng genommen gar nicht nötig.

Differentielle Reproduktion

Man sollte deshalb eigentlich weniger von dem Experiment als vom Experimentieren sprechen, es ist ein „Tasten“, ein „Tap- pen“. Ein Experimentalsystem in diesem Sinne zeichnet sich durch ein Zusammenspiel von Reproduktion und Differenz aus. Durch die Reproduktion entsteht die „zeitliche Kohärenz“ des Experimentalsystems, „seine Entwicklung hängt davon ab, ob es gelingt, Differenzen zu erzeugen“.

Ein Experimentalsystem existiert im Spannungsfeld von Stabili- sierung und Destabilisierung. Wenn es nur noch reproduziert, hört es auf, ein Forschungssystem zu sein – es kann allerdings als stabiles Element in ein neues, umfassenderes Forschungs- system eingebaut werden. Aber nur, so lange es neue Fenster öffnet, solange es sich selbst verschiebt, kann es neues Wissen produzieren, kann es „eine Maschine zur Herstellung von Zu- kunft“ sein. Um produktiv zu bleiben, muss es also so organi- siert sein, dass „es jener Art von subversiver, verschiebender Bewegung gehorcht, die Derrida „différance“ genannt hat.“

Repräsentation

Die Dynamik des Experimentalsystems ist ein „Schreibspiel“, sie erzeugt „Spuren“. Indem Rheinberger das Primat der Theo- rie über das Experiment auflöst, löst er auch das Primat der Aussagen von Theorien über die Ergebnisse von Experimenten auf. Nicht die theoretischen Begriffe repräsentieren etwas, son- dern die Spuren, seien es Farbflecken auf Papier, Linien, die von den Zeigern der Instrumente gezogen werden, oder Dia- gramme, die nach standardisierten Verfahren aus Messergeb- nissen abgeleitet werden. Diese Ergebnisse nennt Rheinberger die „epistemischen Dinge“, die „Objekte der experimentellen Interpretation.

Sie verkörpern bestimmte Seiten des Wissenschaftsobjektes in fassbarer, im Labor handhabbarer Form. Es ist die Anordnung dieser graphematischen Spuren oder Grapheme und die Möglich- keit ihres Herumschiebens im Repräsentationsraum, die das ex- perimentelle Schreibspiel zusammensetzen.

Rheinberger erwähnt an dieser Stelle nicht den wesentlichen Umstand, dass diese epistemischen Dinge immer in einer Grö- ße und Form vorliegen, dass sie unserer unmittelbaren Erfah- rung zugänglich geworden sind. Es sind Spuren, die wir ohne Hilfsmittel sehen können, in ihnen wird das nicht beobachtbare Objekt (die „theoretische Entität“) beobachtbar.

Konjunkturen

Im Schreibspiel der differentiellen Reproduktion des Experimen- talsystems entsteht etwas, das Rheinberger „Konjunkturen“ nennt, das „Auftreten einer außergewöhnlichen Konstellation“, eben das „unvorwegnehmbare Ereignis“. Eine Konjunktur „kann dem ganzen Experimentalsystem eine neue Richtung weisen, und vor allem kann sie Nahtstellen zwischen verschiedenen Experimentalsystemen ausbilden.“ Rheinberger erläutert dieses Konzept an einer Fallstudie aus seinem Fachgebiet, der Naht- stelle zwischen Biochemie und Molekularbiologie. Etwas, was zuvor im Experimentalsystem als Störung, als Verunreinigung gesehen wird, wird in einer Konjunktur plötzlich wesentlich, wird zum zentralen Gegenstand, und so schafft eine Konjunktur neues Wissen, ja, es wird ein neues epistemisches Ding ge- schaffen, mit neuen Forschungsprogrammen und neuen Expe- rimentalsystemen.

So wird ein Experimentalsystem unversehens durch eine Kon- junktur zu einem „gewaltigen Forschungsattraktor, eine Art Hochgeschwindigkeitsmaschine zur Produktion von Zukunft“. Das System verspricht eine rasche Klärung fast aller offenen Frage, produziert dabei jedoch neue, bisher völlig unbekannte Fragen.

Interessant ist, dass in dieser Sicht auf den wissenschaftlichen Prozess die Theorie scheinbar überhaupt keine Rolle spielt. Im Experimentalsystem werden epistemische Dinge produziert und stabilisiert, indem Spuren als Repräsentationen reproduziert werden. Gleichzeitig ist das Experimentalsystem so organisiert, dass eine stetige Verschiebung des Repräsentationsraumes stattfindet, sodass im Wechselspiel von Kohärenz und Differenz neues Wissen produziert wird. Ist dieses Wissen stabilisiert, kann es als sicheres Bauteil in neue Experimentalsysteme ein- gebaut werden. Der Bedarf an neuen Experimentalsystemen entsteht, sobald außergewöhnliche Konstellationen wahrge- nommen werden, Konjunkuren.

Die Abwesenheit der Theorie in diesem Bild kann natürlich aus dem radikalen Perspektivwechsel beim Blick auf die empiri- schen Wissenschaften gedeutet werden, der in den 1980er Jahren eingeleitet wurde. Zumindest wäre zu untersuchen, wie weit Theorien beim „Lesen von Spuren“ und beim Erkennen von Konjunkturen unverzichtbar sind. Erfrischend ist aber, zu sehen, dass auch die moderne empirische Wissenschaft als Geschichte des praktischen Handelns und nicht nur des genia- len Denkens erzählt werden kann.

Die Sichtbarkeit der Spur

Das Schöne beim Lesen von Vortragssammlungen ist, dass man im zweiten Text zumeist - wenigstens am Rande, das Thema des ersten noch einmal dargestellt bekommt, aus einer anderen Perspektive vielleicht und mit einer gewissen Ver- schiebung, die auch die Veränderung des Standpunktes des Autors oder die Vielschichtigkeit des Gegenstandes selbst sichtbar macht.

So ist es auch beim zweiten Teil des Buches "Experiment - Dif- ferenz - Schrift", dessen ersten Teil ich vor einigen Tagen vor- gestellt habe. Rheinberger erläutert in "Historialität - Spur - De- konstruktion" noch einmal sein Konzept des "Experimentalsys- tems" - und das gibt mir hier auch die Gelegenheit zu einigen Klärungen, die mir nach dem Lesen der Kommentare zu mei- nem ersten Text notwendig zu sein scheinen.

Experiment und Experimentalsystem

Ein Experientalsystem ist kein einzelner Versuchsaufbau und auch keine Anleitung zu einem Einzelexperiment. Schon in sei- nem ersten Vortrag weist Rheinberger - in Anlehnung an Lud- wig Fleck - ausdrücklich darauf hin, dass der Experimentator es in seiner Praxis "mit allem, nur nicht mit einzelnen Experimen- ten zu tun hat". Es handelt sich um eine komplex Experimental- anordnung, "die so eingerichtet ist, dass sie Wissen produziert, das wir noch nicht haben." In einer Fußnote zum zweiten Vor- trag erläutert er:

Praktisch besteht ein Experimentalsystem aus einem ganzen Bündel von 'Aktanten': technisches Personal, Diplomanden, Dok- toranden und Postdoktoranden, die kontinuierlich in ein For- schungssystem ein- und nach einigen Jahren wieder austreten, ständige Wissenschaftler, eine Vielzahl von Mess- und Manipula- tionsgeräten, spezielle Ausrüstungen, Rechenanlagen, ein System zur Bereitstellung von Verbrauchsmaterial usw., und nicht zuletzt eine entsprechende Laborarchitektur.

Die Struktur eines Experimentalsystems muss dabei einerseits stabil sein, damit dass darin integrierte Wissen nicht "zerfließt" - andererseits muss sie locker gefügt sein, damit neues Wissen produziert werden kann. "Das Hervorbringen des Unbekannten [wird] zum reproduktiven Prinzip der ganzen Maschinerie". So- lange ein Experimentalsystem das kann, solange es Differen- zen produziert, die es erlauben, forschungsrelevante Fragen zu stellen,solange ist ein System "jung". Wichtig für die Forschung sind also gerade nicht so sehr die Einzelexperimente, die Theo- rien bestätigen oder widerlegen, sondern die Experimentalsys-

teme, die durch ihre innere Dynamik ständig Antworten auf Fragen produzieren, die zuvor noch gar nicht bekannt waren.

Das Neue als Ergebnis der Zukunft

Das Neue ist nichts weiter als eine Irritation an der Stelle, an der es seinen Ausgang genommen haben wird - man kann es nur im Modus der vergangenen Zukunft ansprechen. Das leitet zum Hauptthema des Vortrages über. Im Nachhinein erscheint uns der wissenschaftliche Forschungsprozess immer als folge- richtig. Sowohl das Modell der Wissenschaft als kumulativem Prozess als auch das revolutionäre Modell Kuhns werden prob- lematisch, wenn man die Mikrostruktur des Prozesses, der sich in der Dynamik des Experimentalsystems zeigt, untersucht. Von diesem weiß man eben immer nur, dass es neues Wissen pro- duziert, dass es Antworten produziert auf noch nicht gestellte Fragen.

Diese Antworten müssen zunächst erkannt werden, bevor die richtige Frage dazu gefunden wird - dann stellt sich, im Nachhi- nein, die Antwort als "das Neue" heraus. Aus der Perspektive der Zukunft auf die Vergangenheit kann dieses Neue als das Neue erkannt werden, aber wenn es entsteht, ist es noch nicht das Neue. Der Forschungsprozess ist eben eine Spur, die aus vielen ein- zelnen Spuren entsteht. Jede neue Spur verwischt wieder einen Teil der zuvor gezogenen Linien. Erst im Rückblick erkennen wir die klare Linie, die vom ersten Sichtbarwerden des Neuen folgerichtig zu dem führt, was wir heute wissen.

Das Rezente ist, wenn man so will, das Ergebnis von etwas, das es nicht gegeben hat. Und das Vergangene ist die Spur von etwas, das es nicht gegeben haben wird.

Das gilt natürlich nicht nur für die Geschichte der Wissenschaft, das gilt so für jede Geschichte. Nur fällt es uns wohl leichter, diese paradoxe Situation für alle nicht-wissenschaftlichen Tä- tigkeiten zu akzeptieren. Die logische Klarheit des Ergebnisses erweckt wohl die Erwartung, dass auch bei seiner Entstehung ein logischer, klarer, stringenter, folgerichtiger Prozess am Werke gewesen sein muss. Aber der Prozess der Entwicklung wissenschaftlicher Systeme hat viel mehr mit der natürlichen Evolution gemein, als man manchmal denkt: Auch hier ist es die differentielle Veränderung des Systems, bei Erhaltung einer gewissen reproduktiven Stabilität, die in der Konfrontation mit der Umwelt zu Vielfalt und funktioneller Angepasstheit führt.

Die innere Struktur des Experimentalsystems

Im dritten Aufsatz des Buches "Experiment - Differenz - Schrift" geht Hans-Jörg Rheinberger den technologischen Bedingungen des epistemischen Dings nach. Einfacher gesagt: Er betrachtet die funktionale Struktur des Experimentalsystems, das er zuvor im ersten Text als "kleinste funktionelle Einheit, als die Arbeits- einheit des Wissenschaftlers" ausgemacht und dessen Rolle im Wissenschaftsprozess er im zweiten Text betrachtet hatte.

Funktional unterscheidet Rheinberger im Experimentalsystem das Wissenschaftsobjekt von den technologischen Objekten. Das Wissenschaftsobjekt, das ist das "epistemische Ding" der eigentliche Gegenstand der Forschung: "Was an einem solchen Objekt interessiert, ist gerade das, was noch nicht festgelegt ist." Demgegenüber bilden die technologischen Objekte eine Art Fassung, die das epistemische Ding halten, aber auch um- schließen und durchdringen. Die technologischen Objekte sind nichts anderes als "hinreichend stabilisierte Wissenschaftsob- jekte".

Man kann sich das an einfachen Beispielen veranschaulichen:

Laser-Licht beispielsweise entsteht auf der Basis von stimulier- ter Emission von Licht. 1928 war diese stimulierte Emission das "epistemische Ding" das von Rudolf Ladenburg innerhalb eines Experimentalsystems untersucht wurde. Der Effekt konnte - wie jeder weiß - inzwischen sehr weit stabilisiert werden, Laserlicht gibt es heute zuverlässig "auf Knopfdruck". Der Effekt ist von einem "epistemischen Ding" zu einem "technologischen Objekt" geworden.

Die Grenze zwischen epistemischem Ding und technologischen Objekten ist im Experimentalsystem jedoch fließend. Letztlich handelt es sich ja um eine Gesamt-Anordnung, die ein be- stimmtes Verhalten zeigt. Verändert sich dieses Verhalten durch die Variation der technologischen Teile auch überra- schende Weise, dann kann das an den noch nicht geklärten Eigenschaften des epistemischen Dings genauso liegen wie an bisher unbekannten Eigenschaften der technologischen Teile, die erst in diesem neuen Zusammenhang auftauchen.

Rheinberger ist das bewusst. Er fragt selbst, ob die Trennung von epistemischem Ding und technologischem Objekt für die Beschreibung von Experimentalsystemen überhaupt sinnvoll ist. Seine Antwort lautet, dass "wir sonst nicht in der Lage sind, das Spiel der Entstehung von Neuem auf dem epistemologi- schen Feld zu bezeichnen."

Damit hat er wohl Recht. Experimentelle Ergebnisse können wir nur beschreiben, indem wir unsere Beobachtungen so darstel- len, dass aus der beherrschten Veränderung der Rahmenbe- dingungen, die durch die technologischen Objekte gesichert werden, Eigenschaften des eigentlichen Untersuchungsgegens- tandes sichtbar werden.

Erst wenn es nicht gelingt, diesen Untersuchungsgegenstand immer klarer zu beschreiben und letztlich so zu stabilisieren, dass er selbst zu einem technologischen Ding werden kann, wird der Experimentator seine technologischen Objekte selbst wieder zum Gegenstand machen, er wird untersuchen, ob die- se selbst noch unklares, nicht stabilisiertes Verhalten zeigen.

Von welcher Art ist das "Wissen", das in solchen Experimental- systemen gefunden wird. "Wissen" heißt "verstehen" im Falle des Experimentalsystems mit der notwendigen Folge, sich "auf etwas zu verstehen" nämlich auf die Benutzung eines technolo- gischen Objektes. Epistemische Dinge sind immer so weit ver- standen, wie sie im Experimentalsystem stabilisiert und somit selbst zu technologischen Objekten werden können.

© 2011, Jörg Friedrich, Münster(Westf.)