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„Angekommen in der vaterlosen Gesellschaft“. Kritische Anmerkungen zur „Rolle der Männer“ in sozialen Professionen. Ingo Schenk & Bernhard Haupert

Die vaterlose Gesellschaft und ihre Kinder „Auf dem Weg in die vaterlose Gesellschaft“ titelte einst der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich sein Buch, mit der zentralen These, dass „die Hierarchie der Vaterrolle zerfällt, die prägenden Vorbilder verblassen“ (Mitscherlich 1963). Mitscherlich zeigt in diesem Buch auf, wohin eine Gesellschaft steuert, die Abschied nimmt von symbolischen Vorbildern und Idealen. Er analysiert das Phänomen, dass sich die Jüngeren nicht mehr an den Älteren reiben. Die Vorbildrolle, an der man sich abarbeiten konnte und musste, zerfällt, lautete seine Diagnose. Daraus folgt eine zunehmende "Entväterlichung" des Sozialisations- und Erziehungsgeschehens. Die Autorität des Vaters entleert sich immer mehr, die innerfamiliale Machtposition verringert sich, wodurch sich die Vater-Kind-Beziehung und ganz besonders die Vater- Sohn-Beziehung entscheidend verändert. Dieser Mangel an strukturbildender Vaterfunktion ist für die moralische Entwicklung des Kindes ungünstig. „Die Schlaffis der nachfolgenden Generation, die sich mit der »Nutzlosigkeit erwachsen zu werden«, herumplagen, fürchtet noch jede ältere Generation. Mitscherlich formulierte einige Jahre vor der Studentenbewegung ein Kritikschema, das die sogenannte Achtundsechzigergeneration auf alle Nachgeborenen übertrug: Die Vermutung, dass ihnen der Schwung fehlt, politische Veränderungen anzustrengen - also das Werk der Älteren fortzusetzen. Mit dem Blick auf die Folgegenerationen haben sich die Achtundsechziger so das Primat auf das Politik zu sichern versucht. Dabei verhalten sie sich kaum anders als alle Generationen zuvor" (vgl. Nutt 1998). In der aktuellen Debatte um das Thema Männer- und Jungenarbeit wird beschrieben, dass das prognostizierte Zerfallen und Verblassen dieser Vorbilder eingetreten ist. „Männlichkeitsentwürfe“ (vgl. Bosse, King 2000), die „Entgrenzung der Männlichkeit“ (vgl. Böhnisch 2003) „Jungen - die neuen Verlierer? Auf den Spuren eines öffentlichen Stimmungswechsels“ (vgl. Rose, Schmauch (Hg.) 2005) weisen auf die zunehmende Unklarheit und die anomische Situation hin, was männliche Identität einerseits ausmacht und was anderseits gesellschaftlich von den Männern gefordert wird. Gerade in einem professionellen Kontext, wie etwa in dem der pädagogischen Professionen, sollte nicht nur Klarheit über die „Rolle“ des Mannes vorhanden sein, sondern aus einer analytischen Perspektive heraus, über die gesellschaftlichen

Bedingungen, die die Pluralisierung und Formalisierung der männlichen Entwürfe hervorbringen, fachliches Wissen vorhanden sein. Denn diese Deutungen haben unmittelbare Auswirkung auf die Zielgruppe, im vorliegenden Fall auf die männlichen Jugendlichen. So zeigt sich die „neue Männlichkeit“ zunehmend mehr in der Verunsicherung der eigenen gesellschaftlichen Position, im Rückzug und in der Passivität. Damit einher geht ein allgemeiner gesellschaftlicher Verlust der Fähigkeit der Deutung männlichkeitsbezogener gesellschaftlicher Phänomene (Berufsrollen, Status, Männlichkeitsattribute, Verhältnis der Geschlechter). So werden z.B. körperliche Auseinandersetzungen überwiegend defizitorientiert, oder aus einer feministischen Perspektive gedeutet und gewertet, die männliche Perspektive ist gesellschaftlich tabuiert. Zudem weicht die „advokatorischen Funktion“ der pädagogischen Professionen (Brumlik) vor der „scheinbaren“ Komplexität der Phänomene zurück. Aus dieser „Defensive“ heraus wird (exemplarisch am Thema Gewalt zu zeigen) auf diese neuen „Männlichkeits-„ Phänomene mit allerlei sozialpädagogischen Methoden und Ansätzen (AGT usw.) reagiert, die aber allesamt nicht in der Lage sind, die aktuelle Situation der Jugendlichen analytisch und geschlechtsspezifisch (Gender) in den Blick zu nehmen, um deren Sinn zu verstehen und zu deuten (vgl. Findeisen/ Kersten 1999). Das heißt, in der Arbeit mit Jungs wird die Methode und, zugespitzt formuliert, die hedonistische Selbstverwirklichung 1 der Professionellen in den Vordergrund gestellt und nicht mehr die Idee einer „professionell-advokatorischen Ethik“, die sich am Prinzip des Universalismus orientiert. Bei den männlichen Professionellen geht dann auch ihre eigene Klarheit in Bezug auf ihre „Rolle“ als Mann und entscheidend, die Erlebbarkeit von Männern für die nachwachsenden Generationen verloren. Es kommt zu einer Unlesbarkeit und Informalisierung des Mannseins in der „vaterlosen Gesellschaft“. Jeder macht das oder bietet das an, was er im femininen Zeitgeistdiskurs für angebracht hält oder was gerade finanziell gefördert wird. Sowohl die professionelle Begründung, wie auch die Frage des guten Wissen und Gewissens im Rahmen einer professionellen Ethik, bleiben auf der Strecke; die Begründung wird zur Selbstrechtfertigung im Rahmen der Selbstverwirklichung. Wie bereits Sennett im Jahre 1977 feststellte, wird die Frage „Was fühle ich?“ und „Wie fühle ich mich?“ zur Obsession (Sennett 1977, S. 374). Hierbei bekäme die Offenbarung des eigenen Gefühlslebens den Wert, das eigene Selbst zu demonstrieren, es komme zu einer „Projektion des Selbst auf die Welt“ (ebd.). Verdrängt werde, sich auf „Erfahrungen in der Welt einzulassen, die sich der Kontrolle des Selbst entziehen“

1 Vgl. hierzu: Jürgen Elsässer: Make Love and Ware. Wie Grüne und 68er die Republik verändern. Bonn

2002.

(ebd.). Dies zeigt sich etwa darin, dass Jungs Männer fast ausschließlich in Institutionen

der Repression oder in spezialisierten Räumen im Rahmen eines

„Methodenfeuerwerkes“ vorfinden, wo das scheinbar unsicher Terrain beherrscht wird

und an „unserer Beziehung gearbeitet“ wird.

Wie oben beschrieben, werden aber immer weniger konkrete Situationen mit Jungs

eingegangen, in denen die Deutung von Welt und der Entwurf von Männlichkeit, nicht

an vorbereiteten Inhalten, sondern vom „Mann“ und dessen Entwurf oder besser, seiner

typischen Konfliktregulation ausgehen. Methoden und Ansätze kann ich gut oder

schlecht finden. In der Annahme oder Ablehnung der Haltung und Einstellung

(signifikant) Anderer, kann ich insbesondere in der Pubertät, mich selbst und mein

Weltbild entwickeln und ein männliches Vorbild außerhalb der Inszenierung der

Medien finden.

Auf der zweiten Ebene stellt sich dann konsequenterweise die Frage, wo und wer sich

für die „Frage der Jungs“ einsetzt. In der Emanzipationsbewegung der Frau, war und ist

dies, ein von den Frauen selbst initiierter gesellschaftspolitischer Veränderungsprozess

und ein Engagement für die das Geschlecht betreffende Sache. Ist das oben

beschriebene Bild stimmig, so sind gerade die Männer nur bedingt in der Lage, Position

für ihr eigenes Geschlecht zu beziehen, Veränderungen in Gang zu setzen und die

Frauen in einem emanzipierten Dialog, in diese Bewegung einzubeziehen.

„Jungs„ als „Bildungsverlierer“

Betrachtet man die Bildungsstatistiken der „Nachpisazeit“, so ist die Bildungs-

Verlaufskurve, die sich bei den männlichen Jugendlichen in Deutschland abzeichnet,

deutlich anders, als die der Mädchen und deutlich anders, als noch vor zwanzig Jahren.

So haben 67, 9 % aller türkischen Jugendlichen (darunter ein signifikant hoher Anteil an

Jungs) keinen beruflichen Bildungsabschluss (vgl. DJI 2006). Aus den ehemaligen

Anwerberstaaten sind dies 49, 5 %, alle Migranten zusammengenommen 40 %. Auf

deutsche Jugendliche trifft dies immerhin noch mit 13 % zu. Allein gestellt sind diese

Befunde für das Thema der männlichen Jugendlichen noch wenig aussagekräftig.

Vergleicht man diese jedoch mit Untersuchungen des Kriminologen Christian Pfeiffer

(Vortrag in Saarbrücken und Rastatt) mit 25000 Schülern, wird deutlich, dass immer

mehr männliche Jugendliche an den Bildungs-Entwicklungen immer weniger

partizipieren. Waren 1990 die Schulabbrecherquoten bei den Jungs 56% und bei den

Mädchen 44 %, waren dies 2004 bereits 64 % der Jungs und 36 % Mädchen. Im

Gegensatz zu 1990, wo noch 50 % Mädchen und 50 % der männlichen Jugendlichen ein

Gymnasium besuchten, sind dies heute 58 % der weiblichen und 42 % der männlichen

Jugendlichen.

Männliche Jugendliche verbringen signifikant mehr Zeit vor Bildschirmen, was mit dem

Absinken schulischer Leistungen korrespondiert und sind (wieder) häufiger Gegenstand

polizeilicher Ermittlungen. Mädchen verbringen täglich ca. 90 Minuten vor

Bildschirmen, Jungs hingegen ca. 240 Minuten, wohlgemerkt Schüler der 4. Klasse.

Da diese Befunde zunächst nicht überraschen, stellt sich die Frage, wie die

pädagogischen Professionen darauf reagieren und diese Situation analysieren.

Es zeigt sich, dass es innerhalb der Sozialen Arbeit immer schwieriger wird, Männer zu

finden, die sich explizit für das Thema Jungenarbeit interessieren und,

schwerwiegender, die in dieser Thematik mit (männlich dominierten) Randgruppen

arbeiten. Die hierauf bezogenen Arbeitsstellen, häufig mit unregelmäßigen

Arbeitszeiten können immer seltener mit männlichen Sozialarbeitern besetzt werden.

Dies trifft insbesondere für Gemeinwesenarbeit und offene Jugendarbeit zu.

Vordergründig haben die Bewerber gegenüber Frauen meist die schlechteren

Abschlüsse, wollen zu bestimmten Tageszeiten nicht arbeiten, oder sind schlicht und

ergreifend für die Zielgruppe zu „weich“. Einher geht eine zunehmende Feminisierung

Sozialer Berufe. So studieren zunehmend weniger Männer Sozialarbeit, was sicherlich

Ergebnis der sich verschlechternden materiellen Bedingungen ist.

Was hat sich verändert?

Seit den siebziger Jahren wird an und von unterschiedlichen Positionen aus, der

Anspruch nach der Emanzipation der Frau erhoben. Das betrifft und betraf zunächst den

Arbeitsprozess und die Lohnarbeitsverhältnisse - aber auch die binnenfamiliale

Organisation, die sexuellen Orientierungen und geschlechtsspezifische Rollen.

Dementsprechend wurde auch die Frage nach der Abgleichung und Veränderung der

männlichen Rollenbilder und Männlichkeitsvorstellungen und- entwürfe thematisiert.

Nun dürfte es aus biologischer Sicht unstrittig sein, dass es allein der weibliche Teil der

Bevölkerung ist, welcher in der Lage ist, die nachwachsende Generation zu gebären.

Diese „biologische“ Tatsache kollidiert jedoch mit bestimmten politischen Forderungen,

wenn und insofern, als das politische und soziale System sich nicht ändert, um den

erhobenen Forderungen Rechung zu tragen (z.B. Kindergarten).

Zudem ist im deutschen Kulturkreis, letztlich verstärkt durch den Nationalsozialismus

die „Mutterrolle“ anders konnotiert als etwa im angelsächsischen oder im francophonen

Kulturkreis. Dementsprechend

Jahrhundert

wurden

dort

bereits

seit

dem

19.

institutionalisierte Vorkehrungen (Schulen, KITAS) getroffen, um Frauen zumindest beruflich zu emanzipieren. Dies zeigt sich etwa in der steigenden Geburtenrate in Frankreich. Forderungen nach Emanzipation, sind Forderungen gewesen, die in der BRD (nicht in der früheren DDR) mehr oder weniger gesellschaftsweit im Einklang mit den aktuellen politischen Paradigmen standen bzw. stehen. Weiblichkeitsprinzipien standen – etwa in der pädagogischen Diskussion – im Vordergrund, dabei wurden die prägenden Männlichkeitsprinzipien schlicht vergessen. In den vergangenen Jahrzehnten wurde also in Hinsicht auf die sog. Emanzipation der Frau viel geleistet und ja soviel geleistet, dass mittlerweile nicht mehr die Mädchen, sondern die Jungs in den Gymnasien auf der Verliererstrasse stehen. Missverständnisse erhöhten die Diskrepanzen etwa dergestalt, dass schon allein die Einführung von Frauenquoten die emanzipatorischen Probleme lösen würden. Diese Forderungen nach der Emanzipation haben sich jedoch in ihren Realisierungen im Wesentlichen im privaten, nicht-öffentlichen Raum abgespielt. Sie haben nur sehr wenig konkreten Niederschlag im öffentlichen und politischen Raum gefunden. Im öffentlichen und privaten Raum verblieben diese Forderungen im Bereich des symbolischen (s. Debatte um Krippenkinderplätze). Die diesbezügliche Problematik wird nun dadurch verschärft, dass parallel zu den oben skizzierten Entwicklungen in den vergangen drei Jahrzehnten, sich die sozialen, ökonomischen und familialen Verhältnisse gravierend gewandelt haben, ja nachgerade ihre kulturelle und systematisch-ideologische Basis (soziale Marktwirtschaft, Deutsche Mutter am Herd etc.) verloren haben, die sich seit der Zeit des Biedermeier insbesondere im bürgerlichen Raum (die bürgerliche Familie galt und gilt auch als Vorbild für die proletarische Familie 2 ) etabliert hatte. So fußt etwa das deutsche (halbtags) Schulsystem nach wie vor auf der (mittlerweile unbegründeten) Ideologie, dass sich die „gute Mutter“ um die Erziehung und Bildung der Kinder zu kümmern habe, und sie insbesondere das schulische Lernen familiär zu stützen habe (In der Regel sind es Mütter, die für die Nachmittagsbetreuung von Schülern eingesetzt werden.). Auch Politikerforderungen nach dem „sog. Einsatz“ von arbeitslosen, „unbeschäftigten“ Müttern, bzw. Hartz IV-Empfängerinnen im Erziehungs- und Pflegebereich, stützen diese These. In den aktuellen Äußerungen von Bischof Mixa (Augsburg) etwa, der Frauen „als Gebärmaschinen“ bezeichnete, wird diese Ideologie deutlich. Bischof Mixa hatte die

2 Maschke, S. und Stecher, L. stellen in ihrem Beitrag „Mädchenleben – Jungenleben: Empirische Einblicke in die Lebensentwürfe von Kindern und Jugendlichen“ abschließend die Frage: „Läuft jugendliche Männlichkeit Gefahr, sich als Gegenmodell zu bürgerlichen (Familien- und Bildungs-) Traditionen zu etablieren?“ (in: Rose, L., Schmauch, U. [Hg.], 2005, S, 164).

Familienpolitik von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) als "kinderfeindlich und ideologisch verblendet" bezeichnet. Die Vorschläge zum Ausbau von Kindertagesstätten degradierten die Frau zur Gebärmaschine. Insbesondere wurden die traditionellen Familienstrukturen erneut gründlich durcheinander gewirbelt, wodurch das traditionelle Familienbild obsolet geworden ist:

Scheidung, Berufstätigkeit der Frauen, allein erziehende Männer und Frauen etc. Die familiale Situation, insbesondere von proletarischen Familien, scheint sich Ende des 20 Jahrhunderts der des 18. und 19. Jahrhunderts anzugleichen. Zudem – und diese Tatsache ist zentral - haben sich die ökonomischen Reproduktions- und Produktionsverhältnisse nicht nur gewandelt, sondern sie sind in einem quasi revolutionären Prozess neoliberal umgestaltet worden. So droht nunmehr „das Erwachsenenalter für eine wachsende Anzahl von Männern in Unordnung zu geraten. War bisher die Männerrolle gesellschaftlich in das System der Arbeit eingeschrieben und die weibliche Berufsrolle sukzessive in diesen Kontext kooptiert, droht sie heute für viele Männer aus dem tradierten Rahmen zu fallen und der Interaktionsdynamik des Geschlechterverhältnisses genauso ausgeliefert zu sein, wie der eigenen inneren Hilflosigkeit, die Bedürftigkeit, Abwehr und Abspaltung gleichermaßen hervorbringt“ (Böhnisch, 2003, S. 244). Aus Sicht der Männer, bzw. der Jugendlichen stellt sich die Problematik nun so dar, dass sie auf der einen Seite von ihren Männlichkeitsidealen Abstand zu nehmen haben, auf der anderen Seite die gesellschaftlichen Verhältnisse des „digitalen Kapitalismus“ diese alten Männlichkeitsideale aber nachgerade erfordern. Das könnte polemisch so ausgedrückt werden, dass der Mann zu Hause der liebe „Softie“ und „stillende“ Vater sein muss, der Rücksicht auf seine „Lieben“ nimmt, im Produktionsprozess aber der ehrgeizig Topmanager zu „sein hat“, der die Leute auf die Strasse setzt. Daraus folgt, dass das kulturelle Bild des klassischen Familienvaters und damit auch das des klassischen Mannes, nämlich er wird in und außerhalb der Familie über die „handwerklichen“ Fähigkeiten seines „sichtbaren Berufes“ bewertet, entwertet wird. Diese Bild zeichnet einen gesellschaftlichen Widerspruch, der – also auf der Ebene des familialen Binnenverhältnisses, welches ein emotionales Gemeinschaftsverhältnis ist - grundsätzlich nicht lösbar, ja im Prinzip noch nicht einmal thematisierbar ist, soll die Familie als solche nicht zerstört werden. Die hier angesprochenen Fragen sind aber nun für die nachwachsenden männlichen und (!) weiblichen Jugendlichen deswegen nicht mehr thematisierbar, da sich

a) die Lebensrealitäten der Mädchen und Jungen angenährt haben, ohne dass die

Jungs ihrer (weiterhin geforderten und erforderlichen) Männerrolle (mangels konkreter Vorbilder) gerecht werden können, da ihnen (den Jungs)

b) mittlerweile simpel die Vorbilder ausgegangen sind bzw. verblassen und

c) Gesellschaft von ihnen einen biographischen Spagat (zwischen erwünschter

und möglicher Rolle: Anomie) verlangt, dem sie sich strukturell verweigern müssen, da er auf Dauer nicht durch haltbar ist. Letzterer wird zwar im beruflichen Bereich auch von den Frauen verlangt, diese können sich aber „leichter“ auf ihre traditionellen Rollenvorbilder beziehen, da ihnen diese nicht genommen und entwertet werden können, da zumindest die biologische Tatsache der Mutterschaft nicht in Frage zu stellen ist! Deswegen kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass Jungs „die Stiefkinder der Moderne“ sind. Diese These vertraten Cherryl Bernard und Edith Schlaffer bereits im Jahr 2000 (vgl. Bernard/Schlaffer, 2000, S. 10). Ihr Argument, dass der Prozess der Emanzipation und die Veränderungen erst dann richtig greifen können, wenn der Mann daran beteiligt werde, wurde nicht eingelöst. Noch würden die Männer zu sehr auf den Arbeitsprozess vorbereitet, und wären „schwer belastet und behindert für das Privatleben und das Leben in der Familie“ (ebd.). Ein weiterer Befund war, dass „die neuen Erziehungsideen, die aufbauenden Programme fast ausschließlich die Mädchen betrafen“ (ebd.). Dass dies keine Einzelbefunde sind, zeigt sich in der einschlägigen Literatur.

Lösen lässt sich die anomische Situation im professionellen Kontext nur im Dialog, indem die Geschlechter gleichberechtigt beteiligt sind und die impliziten Entwertungen, offenkundig gemacht werden, um so von einer Betroffenheitssemantik zu einer analytischen Perspektive zu gelangen. Und gerade diese analytische Perspektive sollte in eine Professionstheorie eingebettet sein und nicht eklektisch alles „möglich machen“, zumal dann das „Methodensammelsurium“ nichts anderes ist, wie ein Ergebnis ohne substantielle und analytische Grundlage. Deshalb geht es auf der Ebene der Praxis mit Jungs weniger darum, mit Methoden auf die Symptome der Zeit zu reagieren, als vielmehr darum, sich in und mit seinen männlichen Konfliktlösungen zu präsentieren (vgl. Mollenhauer 2003) und so für die nachkommende Generation – sowohl für die Jungs als auch für die Mädchen – als Mann „lesbar“ zu werden. Erst in der Identifikation oder in der Nicht-Identifikation, kann der Junge oder das Mädchen sein/ ihr Weltbild und damit auch ihre geschlechtsspezifische Rolle repräsentieren und ausprägen. Offen bleibt die Frage, ob Männer aus einer gattungsgeschichtlichen

Perspektive heraus, überhaupt in der Lage oder Willens sind, sich um ihren „Nachwuchs“ mit dergleichen „Hingabe“ zu kümmern und sich für diese (in Haus und Hof) einzusetzen, wie Frauen dies (gattungsgeschichtlich) gelernt und demonstriert haben. „Das Selbstverständliche wird in gewisser Weise unverständlich gemacht, das geschieht aber nur, um es dann verständlicher zu machen. Damit aus Bekannten etwas Erkanntes werden kann, muß es aus seiner Unauffälligkeit herauskommen; es muß mit der Gewohnheit gebrochen werden, das betreffende Ding bedürfe keiner Erläuterung“ (Mitscherlich 1963, S. 375 f.).

Literatur:

Bernard, S./ Schlaffer, E.: Einsame Cowboys. Jungen in der Pubertät. München 2000. Böhnisch, L.: Die Entgrenzung der Männlichkeit. Verstörungen und Formierungen des Mannseins im gesellschaftlichen Übergang. Opladen 2003.

Bosse, H./ King, V. (Hg.): Männlichkeitsentwürfe. Wandlungen und Widerstände im Geschlechterverhältnis. Frankfurt/New York 2000. Brumlik, M.: Advokatorische Ethik. Zur Legitimation pädagogischer Eingriffe. Münster 2004. Deutsches Jugendinstitut (DJI): Migration, Integration, interethnisches Zusammenleben. Parlamentarischer Abend 2006 des Deutschen Jugendinstituts. München 2006. Findeisen, V./ Kersten, J.: Der Kick und die Ehre. Vom Sinn jugendlicher Gewalt. München,

1999.

Rose, L./ Schmauch, U. (Hg.): Jungen - die neuen Verlierer? Auf den Spuren eines öffentlichen Stimmungswechsels. Königstein/Taunus 2005. Sennett, R.: Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität. Frankfurt am Main 1983. Mitscherlich, A.: Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft. Ideen zur Sozialpsychologie. München 1963. Mollenhauer, K.: Vergessene Zusammenhänge. Über Kultur und Erziehung. Weinheim und München 2003. Nutt, H.: Generation Golf. Im Dresdner Hygiene-Museum zeigt die Schau "Alt & Jung. Das Abenteuer der Generationen" Lebensentwürfe jenseits des Generationenschemas. in:

TAZ v. 10.01.1998.