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Unveröffentlichter Artikel vom Juli 2005, welcher damals von der Weltwoche bestellt,

abgesegnet und dann (auf Druck) doch zensuriert wurde.

Israel raubt Shoa-Vermögen


Shraga Elam

1997 entflammte in Israel – zwei Jahre nach der Schweiz – ebenfalls eine Affäre um
nachrichtenlose Shoa-Vermögenswerte. Währenddem aber Schweizer Banken schon 1998 auf
eine unverhältnismässige Globallösung eingingen, harrt das Problem in Israel noch immer der
Beilegung.

Eigentlich steht die israelische Gesellschaft im Ruf, viel dynamischer zu sein, als die
schweizerische. Die schleppende Abwicklung dieser Shoa-Angelegenheit erweckte in Israel
zwar Empörung, sie wurde jedoch von den internationalen Medien nur am Rande registriert.
«Es ist höchste Zeit, dass die Banken endlich zur Rückgabe des Geraubten gezwungen
werden», schrieb ein gut informierter israelischer Leser. «Die Schweizer Banken zahlten
aufgrund des Drucks der USA Erpressungsgelder von USD 1,25 Mia, dies, obwohl die
jüdischen Guthaben nicht höher als 100 Mio. waren. Die meisten Juden deponierten ihr Geld
und kauften Besitztümer entweder in den Ländern, in welchen ihr Wohnsitz lag, oder in
Palästina, aber nicht in der Schweiz.»

Tatsächlich werden in Israel Vermögen in Höhe von mehreren Milliarden Franken vermutet,
mehrheitlich in Form von Immobilien, die sich hauptsächlich in Staatsbesitz befinden. Denn
seit Anfang des letzten Jahrhunderts begannen Juden – meist durch zionistische Ideologie
inspiriert – in Palästina Ländereien und Bauobjekte zu kaufen und Gelder zu investieren, bzw.
zu deponieren. Viele dieser Investoren und Inhaber von Bankkonten wurde von den Nazis
umgebracht und, wie auch in der Schweiz, stiessen ihre Erben, soweit es solche gab und sie
auch über die vorhandenen Vermögenswerte informiert waren, immer wieder auf Ablehnung
und Schwierigkeiten. Diejenigen, deren Eigentumsrechte an den Konten anerkannt wurden,
erhielten diese nicht vollumfänglich in realen Werten ausbezahlt.

Da drängt sich unweigerlich ein Vergleich zwischen den Restitutionsaktionen in Israel und
der Schweiz auf. Es entsteht der Eindruck, dass hier mit zweierlei Ellen gemessen wird und
jüdische Organisationen, die ab 1995/96 energisch Druck auf die Schweiz auszuüben wussten,
in Israel in derselben Angelegenheit nur sehr zaghaft, wenn überhaupt, ans Werk gehen.

Nimmt man das Verhalten der Schweizer Banken gegenüber den jüdischen Organisationen unter
die Lupe, so fallen die starken Schwankungen zwischen Unter- und Überschätzung der Macht von
Juden auf, was das Vorhandensein typisch antijüdischer Vorurteile aufzeigt.

Insofern sind die Banken «Opfer» ihrer eigenen Judeophobie geworden.

Jahrelang blieb das Problem der jüdischen nachrichtenlosen Vermögen in der Schweiz
ungelöst. 1995 kam plötzlich Bewegung in die Landschaft, als der israelische Journalist
Itamar Levin durch eine klassische Presseente jüdische Organisationen zu einer massiven
internationalen Kampagne verleitete. Er stellte in der israelischen Wirtschaftszeitung
«Globes» – trotz gegenteiliger Hinweise seitens des Autors – die Behauptung auf, ein
brisantes offizielles Schweizer Dokument im Zionistischen Zentralarchiv entdeckt zu haben.
Aus diesem Papier gehe hervor, dass die Schweizer Behörden im Jahre 1946 die jüdischen
nachrichtenlosen Vermögen hierzulande auf SFr. 300 Mio. beziffert hätten. Diese Summe
ergab, laut Levin, 1995 einen Betrag von SFr. 7,7 Mia. Seine ‹Enthüllung› hatte allerdings
einige «kleine» Schönheitsfehler: Das Dokument war nicht offiziell und es handelte sich nicht
um nachrichtenlose Vermögen – ansonsten war alles richtig.

Levins astronomische Zahl erregte das Interesse der Spitzen der Jewish Agency und des
World Jewish Congress und war für internationale Schlagzeilen besser geeignet als die
bisherige, wesentlich realistischere Einschätzung des ehemaligen Kassiers der Jewish
Agency, des grundsoliden Akiva Lewinsky, der die Summe auf etwa SFr. 50 Mio. schätzte.
Levins Fantasiezahl war weit reizvoller, und die beiden jüdischen Organisationen lancierten
in der Folge eine Kampagne gegen die Schweizer Banken. Nach gewissen
Anlaufschwierigkeiten brach 1996 für die Schweiz die Hölle los. Dies, obwohl der
internationale Feldzug weiterhin mit falschen Informationen gespickt war. So wurde
suggeriert, beim gesamten Nazigold, das in der Schweiz lagerte, handle es sich um Totengold
aus Konzentrationslagern. Dabei bestand es lediglich aus einigen Kilos. Der Rest wurde
mehrheitlich von europäischen Zentralbanken geraubt und hat mit jüdischen Besitztümern
nichts zu tun.

Nachdem sie die jüdischen Forderungen jahrelang missachtet hatten, kippten die Schweizer
Banken schliesslich. Nicht etwa, weil sie diese Ansprüche in ihrem Umfang als gerechtfertigt
anerkannt hätten, sondern weil sie die Macht des World Jewish Congress (WJC) auf einmal
völlig überschätzten. Sobald ein WJC-Funktionär in den USA nieste, zogen sich in der
Schweiz sofort alle warm an. Noch bevor man den genauen Umfang der bei den Schweizer
Banken liegenden nachrichtenlosen Vermögen kannte, einigten sich die Finanzinstitute mit
den jüdischen Organisationen auf eine unverhältnismässige Summe, mit der sämtliche
Forderungen global abgedeckt wurden. Von dieser 1,25 Mia. Dollar betragenden
Globallösungssumme wurde bis heute nicht einmal die Hälfte verteilt, und auch diese wurde
nur dank der großzügigen Ausschüttungskriterien erreicht.

Trotzdem machten die Schweizer Banken nicht unbedingt einen schlechten Deal. Zwar haben
sie für jüdische nachrichtenlose Vermögen viel zu viel bezahlt, dafür wurden sie in Ruhe
gelassen, was Nazi-Raubvermögen anbelangt. Als Beispiel dafür kann der Fall Interhandel
dienen. Es geht hier um Auslandsvermögen des deutschen Mordkonzerns IG Farben, welche
laut mehrerer überzeugender Hinweisen immer noch bei der UBS liegen. Der Wert dieser
Gelder alleine wird auf ca. CHF 4 Mia. geschätzt. Diese heikle Affäre wurde ausdrücklich im
Globalablösungsvertrag ausgeschlossen, nicht zuletzt, weil eine noch höhere Summe von
diesen Nazi-Geldern bei der US-Regierung liegt.

In Israel derweil stiess im Sommer 1996 der rechtsstehende Geographieprofessor Yossi Katz
auf ein Dokument aus dem Jahr 1947, welches auf die Existenz von Shoa-Bankkonten bei der
Vorläuferin der heutigen Bank Leumi hinweist. Im Mai 1997 veröffentlichte Katz in der
Tageszeitung Ha'aretz die ersten Resultate seiner Nachforschungen. Ende Juli gab die
Regierung zu, im Besitz von unbeanspruchten Ländereien und sonstigen Vermögenswerten zu
sein. Die Schätzungen dieser Shoa-Besitztümer gehen in die Milliardenhöhe, denn einige der
betroffenen Immobilien befinden sich in sehr lukrativen Lagen. «Dies ist Landraub, welcher
hauptsächlich durch den israelischen Staat betrieben wird,» sagt der religiöse Professor Katz,
«und das Schlimmste daran ist, dass ausgerechnet der Staat Israel, der sämtlichen
europäischen Nationen diese Sünde vorwirft, diese Sünde selbst begeht.»

Die Aussage der Regierung, sowie Presseartikel lösten aber in der jüdischen Welt nicht
dieselbe öffentliche Reaktion aus, welcher die Schweizer Banken ausgesetzt waren. Dies,
obschon allen klar war, dass Katz' Studien zuverlässig und der Umfang der betroffenen
Vermögen wesentlich grösser war, als der von den Schweizer Banken zu verantwortende. Auf
die Frage, warum nicht längst über diese Besitztümer berichtet wurde, antwortete der
staatliche Nachlassverwalter, man habe dies unterlassen, um sich vor Gaunern zu schützen.
Der israelische Restitutionsaktivist Avraham Roet betrachtet solche Argumente als Ausrede.
Denn, so behauptet er, die Anzahl falscher, vorgeblicher Eigentümer sei gering.

Erst im Februar 2000 wurde endlich eine parlamentarische Untersuchungskommission (PUK)


unter der Leitung der Abgeordneten der Arbeiterpartei, Colette Avital, eingesetzt. Die PUK
stand unter enormem Druck seitens der Banken, wie dies die veröffentlichten Protokolle
sowie zahlreiche israelische Medienberichte belegen. Nach peinlich langer Verzögerung
wurde im Januar 2005 der PUK-Bericht – allerdings nur über die Bankkonten – veröffentlicht.
Die Untersuchung der Shoa-Immobilien wurde Anfang Juni auf ein unbestimmtes Datum
verschoben.

Der Grund für diese Verschiebung ist nicht nur die sehr hohe Summe, die der Staat schuldet.
Wie der Vorsitzende des Parlaments, Reuven Rivlin, selbst zugab, könnte eine solche
Restitutionsaktion zu einem Präzedenzfall für palästinensische Ansprüche werden. Eine
Befürchtung, die Rivlin übrigens mit anderen Abgeordneten teilt. Denn der Wert der
Immobilien geflohener bzw. vertriebener Palästinenser, die sich seit 1948 im Besitz des
israelischen Staates befinden, ist noch grösser, als jener der Shoa-Opfer. Diese Sorge wird
von verschiedenen Seiten als unbegründet betrachtet. So argumentiert Prof. Katz, der die
Affäre ins Rollen gebracht hatte, das eine habe mit dem anderem nichts zu tun, und die
Probleme mit den Palästinensern seien im Rahmen eines Friedensvertrags zu lösen.

Im Vorwort zum PUK-Bericht schrieb die Kommissions-Chefin Avital, dass, als in den 90-er
Jahren die ersten Meldungen und Forschungen über Shoa-Vermögen in Israel veröffentlicht
wurden, weder die Regierung noch andere zuständige Körperschaften etwas zur Aufklärung
der Frage unternommen hätten. Avital sieht den Hauptunterschied zwischen der Schweiz und
Israel darin, dass die Shoa-Gelder in der Schweiz nur bei den Banken gelegen seien,
währenddem in Israel der Staat selbst darin verwickelt und dafür verantwortlich sei. Ein
Grossteil der Vermögen wurde während des Zweiten Weltkriegs an den britischen
Feindesvermögensverwalter überwiesen. Denn die Briten, die damals das Land beherrschten,
betrachteten auch das Eigentum von Juden im von den Nazis besetzen Europa als
Feindesbesitz. Ab 1951 wurden diese Vermögen freigegeben, und bis 1968 gelangten sie
mehrheitlich in israelischen Staatsbesitz. Ein Teil davon blieb jedoch bei Immobilien-
Körperschaften und Finanzinstitutionen. Avital schreibt: «Deshalb teilen sich in die
Verantwortung für diese Gelder die Banken und der staatliche Nachlassverwalter, dessen
Zuständigkeit – also die Verantwortung des Staates – schwerer wiegt. Der Hauptbefund [der
Kommission] läuft darauf hinaus, dass die Gelder in seinen Händen nicht in realen Werten
ausgewiesen wurden und er nichts unternahm, um sie [richtig] zu bewerten. Entsprechend
erodierten zahlreiche Konten gänzlich und wurden storniert.»

Im Zentrum der kritischen Medienberichterstattung in Israel steht aber nicht die Regierung,
sondern die zweitgrösste Bank des Landes, Leumi, welche immer noch vom Staat als deren
gewichtigste Aktionärin beherrscht wird. Allen Banken wird laut der israelischen
Tageszeitung Ma’ariv (18.01.2005) von den Mitgliedern der PUK vorgeworfen, die
Nachforschungen erschwert und verzögert, sowie auf die Kommission Druck ausgeübt zu
haben. Ein Kommissionsteilnehmer berichtete Ma'ariv, die Banken hätten zahlreiche
relevante Dokumente vernichtet. Aber dieser schwere Vorwurf löste weder in Israel und
schon gar nicht im Ausland einen Aufruhr aus, wie etwa der Fall des Wachmanns Christoph
Meili, der im Jahr 1997 eine Aktenvernichtung bei der damaligen SBG entdeckte. Im PUK-
Bericht steht, dass z.B. Bank Leumi 1997-1998, also schon nach der Meili-Affäre, Akten, die
zur Ermittlung der Shoa-Konten relevant sein könnten, vernichtete.

Leumi war die Bank, bei der die meisten Shoa-Gelder ruhten, deren Umfang und aktueller
Wert auch nach dem Bericht noch nicht ganz geklärt sind. Die untersuchenden Revisoren
wiesen auf die Notwendigkeit zusätzlicher Ermittlungen in verschiedenen Bereichen hin. So
z.B. war in Leumis englischer Filiale keine vollständige Nachforschung betrieben worden. In
Anbetracht der politischen Konstellation ist es aber kaum realistisch, dass eine solche Arbeit
je zu Ende gebracht wird. Es gibt auch so schon genug Streitpunkte. Die Bank argumentiert
nach wie vor, dass sie keine Kenntnis von in ihrem Besitz vorhandenen Shoa-Vermögen habe.
Dies, obwohl der renommierte Auditor Yehuda Barlev in seinem Bericht festhielt, dass
mindestens 180 Konten Nazi-Opfern gehörten. Auch wenn es nicht sein Auftrag war,
identifizierte Barlev – nach einer Stichprobe in einer anerkannten Datenbank von Nazi-Opfern
– eine bedeutende Anzahl solcher als Kontoinhaber. Leumi leugnet diesen Befund, und der
Sprecher des Geldinstituts, Gideon Schurr, meint: «Die Zuordnung [dieser Konten] zu Shoa-
Opfern ist eine reine Spekulation, die auf der Tatsache beruht, dass diese Konten in den 30er-
Jahren eröffnet wurden.»

Die Bedeutung dieser Frage geht aber weit über die des tatsächlichen und nicht so hohen
Werts dieser 180 Guthaben hinaus. Denn Revisor Barlev erhebt den Vorwurf, eine
unautorisierte Person habe die Bemerkung im PUK-Bericht über die zuverlässige
Identifizierung von Nazi-Opfern als Kontobesitzer durch eine verharmlosende Behauptung
ersetzt. Barlev entdeckte diese Verdrehung erst, als der Rapport schon beinahe im Druck war
(Eine Kopie des Originals und der Fälschung ist im Besitz des Autors).

Für den Kommentator der Tageszeitung Ha'aretz, Amiram Barkat, geht es den Banken – und
vor allem Leumi – um ein Prinzip: «Sie wollen nicht, dass in ihrem öffentlichen und
historischen Leumundszeugnis geschrieben steht, dass sie über mehrere Jahre im Besitz von
Shoa-Konten waren.»
Der Rechtsanwalt Yair Olmert, ein Neffe des stv. Ministerpräsidenten, der sehr lange für
Leumi gearbeitet hatte, ist der Meinung, bei dieser Bank herrsche eine von Machtbesessenheit
geprägte Unternehmenskultur. «Sie können jetzt einfach ihre falschen Behauptungen nicht
zurücknehmen, nachdem sie hartnäckig geleugnet haben, im Besitz von Shoa-Vermögen zu
sein.» Yona Fogel, geschäftsführender Vizepräsident der Bank Leumi in Tel Aviv, erklärte
beispielsweise noch im letzten Dezember der jüdischen Zeitschrift tachles: «Im Gegensatz zu
den Schweizer Banken war erbenloses Geld nie in unserem Besitz». Leumi beteuert, diese
Vermögen während des Krieges vollumfänglich an die Briten übergeben und das, was sie
zurückbekommen hatten, dem israelischen Nachlassverwalter überwiesen zu haben.
Revisor Barlev widerlegte in seiner Aussage vor der PUK, wie auch in seinem Bericht, diese
pauschale Behauptung der Bank, ohne dabei zu vergessen, dass der Löwenanteil der
Vermögen tatsächlich beim Staat liege. Ein zusätzliches Problem sieht Barlev darin, dass
Gelder nicht in realen Werten überwiesen bzw. ausbezahlt worden seien. Fogel und andere
Sprecher der Bank werden trotzdem nicht müde zu erklären, dass sie Shoa-Opfer nie berauben
würden. Schliesslich gebe es unter ihnen selbst Nachkommen von Überlebenden wie z.B.
Fogel persönlich. Diese Argumentation vermag indes nicht zu überzeugen; ein Banksprecher
gab im Gespräch mit dem Autor zu, dass in Israel Überlebende oft sehr schlecht behandelt
worden seien.

Nach der Veröffentlichung des Berichts im Januar brach ein heftiger Streit aus. Es geht um
die Einschätzung des heutigen Werts der Vermögen und um die Bestimmung eines
Verfahrens zur Ermittlung von etwaigen Erben und zur Verteilung der Beträge. Die
Kommission empfiehlt, wenn Nachfolger gefunden würden, der ursprüngliche Wert mit dem
Faktor 12 zu multiplizieren sei. Falls keine Erben ausfindig gemacht werden, soll mit Faktor
3,3 gerechnet und das Geld an notdürftige Überlebende gehen und für Shoa-Gedenken
verwendet werden. Die Schweizer Banken setzten übrigens den Faktor 10 zur Errechnung des
aktuellen Werts solcher Vermögen ein.

Sollte kein einziger Erbe gefunden werden, muss Leumi etwa CHF 10 Mio. und der Staat für
in seinem Besitz befindliche ehemalige Leumi-Konten 19 Mio. zahlen. Bei der maximalen
Variante (alle Erben würden gefunden) beträgt die Summe für Leumi 88 Mio. und für den
Staat 102 Mio. Die Bank erklärte, dass sie den minimalen Betrag von 10 Mio. zur Verfügung
stelle und beruft sich dabei auf eine seltsame Feststellung der PUK: «…Es ist mit sehr grosser
Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass nur ein unvollständiger Prozentsatz der Erben
gefunden wird. Deshalb sind diese Angaben rein theoretisch und bilden keinen Gegenstand
für eine Klage gegen die Regierung oder die Banken. Sie werden nur zur Information
veröffentlicht.»

Mit der Gründung einer Verteilstelle, die auch über die Höhe der Summe entscheiden wird,
tut sich Israel schwer. Erst in seiner Herbstssitzung soll das Parlament ein entsprechendes
Gesetz verabschieden. Die Regierung will die Auszahlungen selbst vornehmen, PUK-Chefin
Avital und der Parlamentarier Yosef Lapid sind aber dagegen, dass «die Katze den Rahm
hütet », wie man auf Hebräisch sagt. In der Hitze des Gefechts beschuldigte Lapid, selbst ein
Shoa-Überlebender, das Finanzministerium, es sauge das Blut der Shoa-Opfer aus.

Da Überlebende damit rechnen, dass die erbenlosen Gelder an sie gehen werden, protestierten
sie Anfang Mai gegen die Hinhaltetaktik Leumis. Vor dem Hauptsitz der Bank platzierten sie
leere Stühle mit Namen von in den zurückliegenden Monaten verstorbener Shoa-
Überlebender auf – dazu Plakate mit der Aufschrift: «Bank Leumi wartet darauf, dass wir alle
sterben» (s. beigelegte Fotos). In einem Brief vom Juni an Leumi drohten Vertreter der
Überlebenden-Dachorganisation mit einer internationalen Kampagne gegen die Bank:
«Angesichts Ihres beleidigenden und verletzenden Verhaltens werden wir die ganze Welt
informieren, wie Shoa-Opfer und Überlebende von einer israelischen Bank und deren
Führung behandelt werden.»

Wieviel von dieser Drohung wahr gemacht und wie die Weltpresse diesen Skandal
aufnehmen wird, bleibt noch offen. Eines ist sicher, während der vergangenen Jahre waren
jüdische Restitutionsorganisationen in dieser Sache auffallend inaktiv. So z.B. ist Israel
Singer, der so eifrig gegen die Schweiz agiert hat, und als eher passives Mitglied der
israelischen PUK fungierte, sehr sparsam mit öffentlichen Äusserungen und Aktivitäten in
dieser Affäre. Man will Israel offensichtlich nicht in Verlegenheit bringen und die immer
noch laufenden Restitutionskampagnen in Europa nicht sabotieren. Es kommt hier die
Voreingenommenheit ins Spiel, wenn es darum geht, Kritik an Missständen in Israel im
Allgemeinen und speziell an der sehr problematischen israelischen Haltung gegenüber den
Shoa-Opfern auszuüben.

Auch die beiden Verwaltungsräte der Leumi (Schweiz) und ehemaligen Präsidenten der
jüdischen Dachorganisation Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund, Rolf Bloch und
Michael Kohn, bleiben eher stumm und wirken desinteressiert. Sie ruhen sich gutgläubig und
bequem auf der Stellungnahme der Bank Leumi aus. Kohn meinte gegenüber dem Autor, es
liege nicht an ihm, eine Erklärung abzugeben, denn damit werde impliziert, dass Leumi
(Schweiz) in die Affäre verwickelt sei, was nicht zutreffe. Die Schweizer Tochtergesellschaft
wurde in der Tat erst 1953 gegründet und dementsprechend können bei ihr keine Shoa-Konten
vermutet werden. Ob diese richtige historische Feststellung ein moralischer Freispruch für die
hiesigen Leumi-Verwaltungsräte ist?
Rolf Bloch, der wegen seiner Rolle in der schweizerischen Affäre um die nachrichtenlosen
Vermögen und mit seinem Grundsatz «Gerechtigkeit für die Opfer und Fairness für die
Schweiz» bekannt wurde, fordert nicht vehement das Gleiche in Israel. Im Januar 2005
schickte der Restitutionsaktivist Avraham Roet Briefe an die beiden prominenten Leumi-
Verwaltungsräte. Er bezeichnete darin den PUK-Bericht als eher oberflächlich, aber
nichtsdestotrotz unvorteilhaft für die israelischen Banken. «Man hätte erwarten können, dass
die lokalen israelischen Banken – inklusive Ihre Grossbank – ein Beispiel für die nicht-
jüdische Welt liefern würden, oder mindestens von den Erfahrungen anderer gelernt und sich
anders benommen hätten. Leider ist dies nicht der Fall.» Roet bat um dringende Hilfe, denn
«nicht nur der gute Ruf unseres Landes steht auf dem Spiel, sondern auch derjenige Ihrer
Institution, Bank Leumi.»
Von der erhofften Unterstützung hat Roet bis jetzt nichts gespürt.