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HOLOCAUST-RELIGION

Shraga Elam1

In jüngster Zeit ist weltweit eine Zunahme der Judeophobie 2 und deren moderne Form,
die Auschwitz-Lüge, feststellbar. Die Gründe dafür sind selbstverständlich vielfältig und
lassen sich nicht auf eine einzige Erklärung reduzieren. Sicher ist, dass dabei Mängel in
der Verarbeitung der NS-Verbrechen im Zweiten Weltkrieg zentral sind, insbesondre hin-
sichtlich des Massenmords an der jüdischen Bevölkerung.
Mit dem Film 'Schindlers Liste' (1994) und mit den Festivitäten zum Jubiläum des
Kriegsendes (1995) wollte man eigentlich ein Gegenzeichen setzen, eine ultimative
Antwort auf die Auschwitz-Lüge geben. Dabei wurde allem Anschein nach in sehr vielen
Fällen gerade das Gegenteil erreicht.3
Was wird falsch gemacht?
Zahlreiche Beispiele weisen auf einen starken manipulativen Ansatz in den Medien hin,
auf ein manipuliertes Gedächnis, das, vereinfacht gesagt, eine Gegenmanipulation hervor-
ruft. Die herrschende Verarbeitungsweise kann als Religion bezeichnet werden, und der
Protest dagegen erscheint als eine Art Satanskult. Ein dritter sekulärer Weg fehlt, die we-
nigen schwachen Ansätze in dieser Richtung werden in der Regel, wenn sie von jüdischer
Seite kommen, genüsslich und/oder mit Schuldgefühlen konsumiert, ansonsten werden sie
mit dem Satanskult identifiziert.
Von den westlichen Medien praktisch unbeachtet protestieren gerade gegen solche
Missstände verschiedene jüdische Intellektuelle seit Jahren. Deren zentrale Forderung
lautet: Entmystifizierung und Enttabuisierung der Vergangenheitsverarbeitung. Leider, so
muss hinzugefügt werden, wird diese Forderung von ganz anderen Kreisen missbraucht -
Kreisen der 'Rechtsradikalen'. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, ist es nötig, dieser
Forderung sachlich nachzugehen.
Es geht hier also um eine moderne jüdisch-christliche Religion, die zwar keinen klaren
Gottesbegriff aufweist, aber ansonsten sehr viele Merkmale einer institutionalisierten
Religion hat. Das Dogma, die Rituale, die Heiligtümer und die Priester sind vorhanden 4.
1
Shraga Elam ist israelischer Pressedokumentalist und erforscht seit Jahren die Rolle der zionistischen
Führung im Zweiten Weltkrieg.
2
Im folgenden wird "Judeophobie” anstelle des an sich schon rassistischen Begriffs 'Antisemitismus'
verwendet. "Heute wird der Judenhass als Antisemitismus bezeichnet. Dieser verniedlichende Begriff
wurde 1879 in Berlin von Wilhelm Marr [einem völkischen Vordenker des Nationalsozialismus - SE] ge-
prägt. ... Da ... der falsche und irreführende völkisch-rassistische Ausdruck 'Antisemitismus' sich in der
Umgangssprache durchgesetzt hat, soll er im folgenden für dessen moderne Erscheinungsform zur
Anwendung gelangen."Ernst Braunschweig, Antisemitismus als klassisches Beispiel eines Vorurteils, in
Ernst Braunschweig (Hrsg.), Antisemitismus - Umgang mit einer Herausforderung, Festschrift zum 70.
Geburtstag von Sigi Feigel, Jordan Verlag, Zürich, 1991 S. 12. Diese Schlussfolgerung ist merkwürdig, die
Begründung verlangt doch viel eher, dass der Begriff sowie andere rassistische und sexistische
Ausdrücke abgeschafft werden sollten.
3
So sah Julius H. Schoeps, Professor für Neuere Deutsche Geschichte an der Universität Potsdam, eine
direkte Verbindung zwischen dem Anschlag auf die Synagoge in Lübeck und dem Spielberg-Film. Ähnlich
wie die Welle von Anschlägen, welche auf die Ausstrahlung der TV-Serie Holocaust in den 70er Jahren
hin folgte. (die tageszeitung vin 26.3.1994)
4
"Die Erinnerungen der Überlebenden sind mittlerweile zu Versatzstücken einer Liturgie für einen sich
entwickelnden Kult des Gedenkens gemacht worden, der seine eigenen Zeremonien, Feiertage, Schreine,
Monumente und Wallfahrtsorte hat. Der löbliche Zweck dieser Gedenkrituale besteht darin, sicherzustel-
len, dass weder die Juden noch die Nichtjuden das jüngste Kapitel der jüdischen Leidensgeschichte
vergessen oder in der Geschichte ablegen.
Allmählich hat freilich dieser Kult des Gedenkens, wenn auch vielleicht ungewollt, sektiererische Züge
restriktiv interpretiert. Seine Verdinglichung hat ihren bleibenden uns salbungsvollen Ausdruck in dem re-
ligiös überfrachteten Begriff »Holocaust« gefunden, einem Terminus der ursprünglich ein zu Ehren Gottes
2
Diese Religion kann man als Holocaust-Religion bezeichnen. Schon der Gebrauch der
Bezeichnung "Holocaust" deutet in eine sehr bestimmte Richtung, denn "Holocaust" heisst
soviel wie "Opfer durch Feuer". Der Judeozid 5 im Zweiten Weltkrieg und dessen
Verarbeitung werden demnach als Teil eines Gottesdienstes, eines Rituals verstanden, in
dem offenbar die SS-Schergen als Priester dienen.
Der jüdische Befreiungstheologe, Marc Ellis6, sieht die Geburtsstunde dieser Religion
(die er zwar nicht als Religion, sondern als jüdische Theologie bezeichnet) im Jahre 1961,
anlässlich des Schauprozesses gegen Adolf Eichmann in Jerusalem. Als 'Religionsstifter'
gilt für ihn Elie Wiesel, zusammen mit Persönlichkeiten wie Emil Fackenheim und Rabbi
Irving Greenberg, und als Nachwuchstalente, die die Grundanforderungen dieser Religion
mehr oder weniger erfüllen, können wir Claude Lanzmann, Marcel Ophüls und neuerdings
Steven Spielberg dazuzählen.
Interessant ist hier zu bemerken, dass der Eichmann-Prozess auch als Startpunkt für den
atheistischen Judeozid-Ansatz anzusehen ist. Hanna Arendt mit ihrer grossartigen
Demontage des Bösen7 leistete eine wichtige Vorarbeit, die leider viel zu wenig
Fortsetzung fand.
Ellis bezeichnet das zentrale Moment dieser Religion als die untrennbar messianischen
Zwillinge: das Leiden (die Judenvernichtung) und die Erlösung (der Staat Israel, haupt-
sächlich nach dem Sieg von 1967). Für Ellis hat die Verbindung zwischen der Holocaust-
Religion und dem Zionismus den Zweck, eine Legitimierung für den Staat Israel und des-
sen Greueltaten zu liefern. Er übersieht aber, dass diese Religion nicht nur jüdisch ist,
obwohl nur Juden die höchsten Ränge des Priestertums besetzen können, und dass die
Funktionen, die diese Religion erfüllen soll, vielfältiger und unterschiedlich sind. Sie variie-
ren je nach Land und Kultur.
Um diesen Funktionen näherzukommen, sollten wir die verschiedenen Tabus oder
Dogmen dieser Religion, die hier als Gebote formuliert werden, beschreiben und uns mit
ihnen im Sinne einer säkularen Kritik auseinandersetzen.

DIE GEBOTE:

'Du sollst nie vergessen (se'chor! = remember!), was Dir Amalek angetan hat!'

Es geht hier um einen der wichtigsten jüdischen religiösen und identitätsbildenden


Grundsätze, dessen Wurzeln im Alten Testament zu finden sind, und der durch die vielen
Jahre der Verfolgung noch mehr an Gewicht gewonnen hat. Amalek dient als allgemeiner
Code-Name für alle Feinde der jüdischen Menschen, und hier geht es speziell um die
Nazis und deren NachfolgerInnen. Die gleiche Geschichte soll bis in alle Ewigkeit wieder-
gekaut werden. Je ausführlicher, desto besser. Die Wiederholung bezweckt einerseits die
Erzeugung und Aufrechterhaltung von Schuldgefühlen, die hauptsächlich als

vollzogenes Opfer bezeichnet, bei dem das Opfergut vollständig vom Feuer verzehrt wird. Die allmähliche
Gestalt annehmende Holocaust-Mythologie, die zu einer idée-force geworden ist, hat es aus den
eindringlichen und transparenten Erinnerungen von Überlebenden einen kollektiven, normativen
Erinnerungstopos zusammengestückelt, der ein kritisches und kontextbezogenes nachdenken über die
jüdische Tagödie nicht eben fördert. Eine seiner zentralen Prämissen lautet, die Judenverfolgung, wie sie
von den Nationalsozialisten und ihren Kollaborateuren betrieben wurde, sei absolut ohne Vorbild in der
Geschichte, ein Vorgang sui generis, der ausserhalb des historischen Vorstellungsvermögen liege."
angenommen. Mehr und mehr hat er mitgeholfen, die jüdische Katastrophe aus ihrem säkularen ge-
schichtlichen Bedingungszusammenhang herauszulösen und sie zu einem Bestandteil der vorsehungsge-
steuerten Geschichte des jüdischen Volkes zu machen, dessen man gedenkt, den man beweint, den man
(Arno J. Mayer, Der Krieg als Kreuzzug ; Das Deutsche Reich, Hitlers Wehrmacht und die "Endlösung",
Rowohlt, Reinbeck Bei Hamburg, 1989 S. 43-44).
5
Nach Arno Mayer ist diesem Begriff aus den erwähnten Gründen der Vorzug zu geben.
6
Marc Ellis, Beyond Innocence and Redemption; Confronting The Holocaust And Israeli Power; Creating a
Moral Future for the Jewish People, Harper &Row, San Francisco, 1990
7
Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem - Ein Bericht von der Banalität des Bösen, R. Piper & Co Verlag
München, 1965
3
Exportprodukt betrachten werden können, d.h. für ein nichtjüdisches Publikum gedacht
sind. Andererseits sollten die jüdischen Menschen im Ausland durch dieses Ritual
(Katechismus) angesprochen werden und darin eine Ersatzreligion finden. Diese sollte sie
an Israel binden und ihnen zugleich eine Identität verleihen, die aus Leiden zweiter Hand
first hand Hass und Misstrauen gegen alles, was nichtjüdisch ist, erzeugt. Aus Gründen,
auf die ich später näher eingehen werde, war diese Religion für den Konsum in Israel nur
sehr begrenzt geeignet. Dies, obwohl sehr wichtige Gedenkstätten, wie das Yad-Vashem-
Museum - von israelischen SatirikerInnen "Holocaust-Disneyland" genannt -, in Israel ste-
hen. Nur in den letzten Jahren, mit dem Niedergang des sozialistischen Zionismus, gab es
einen Aufschwung für die Religion. Shoa-Tours nach Polen wurden auch hier eingeführt.
Aber der Erfolg ist nicht so gross wie die Kritik.
Kaum ist die erste Generation des Leidens am Aussterben, meldet sich bereits die zwei-
te, ja sogar dritte Generation zu Wort. Die israelische Journalistin Eleonora Lev schreibt:
"Unter den zahlreichen Geschmacklosigkeiten, welche die Sprache und die israelische
Begriffswelt im Allgemeinen verdummen, muss der weinerliche 'Adelstitel' "Zweite
Generation Shoa" Meisterschaft gewinnen (...) Wir werden mit Nabelschauen noch und
noch, historischen totalen Abrechnungen mit den geretteten Eltern und Klischees von
Shoa-Albträumen de luxe bombardiert.(...) Der einzige Vorteil dieses Geredes ist - was
eigentlich sehr traurig stimmt - paradoxerweise der, dass wir endlich einen Zustand er-
reicht haben, welcher uns nicht mehr in Achtungsstellung erstarren lässt, wenn irgendeine
Nervensäge die Shoa wieder erwähnt." (Israelische Wochenzeitung Shishi, 1.4.1994)

"Giess Deinen Zorn über die Völker (Goiim), die Dich nicht anerkennen [Amalek] und
über jene Reiche, die Deinen Namen nicht anrufen!"

Dieses Gebot ist ein direktes Zitat aus einer der wichtigsten jüdischen Schriften, der
Pessach-Haggada, einem Buch voller Hass- und Rachegefühle gegen die Feinde der
Israeliten, die zwar auf dem Hintergrund der verfolgungsreichen jüdischen Geschichte
emotionell verständlich erscheinen mögen. Ob diese Schrift aber als Grundlage für ein
politisches Programm und ein gesundes Dasein taugt, lässt sich bezweifeln.
Dementsprechend äusserte der israelische Philosoph und Auschwitzüberlebende,
Yehuda Elkana,.den Wunsch, mit dem 'ewigen Gedächtnis', das hauptsächlich der
Hasserzeugung dient, aufzuhören "..[I] rather wish to assert normatively that any philoso-
phy of life nurtured solely or mostly by the Holocaust leads to disastrous consequences.
(...) History and collective memory are inseparable part of any culture, but the past is not
and must not be allowed to become the dominant element determinig the future of society
and the destiny of the people. (...) "Remember!" "Z'chor!" can easily be understood as a
call for continuing and blind hatred." (Yehuda Elkana, The Need to Forget, Ha'aretz,
2.3.1988)
Mit diesem Gedächtnis werden Hass auf der einen und Schuldgefühle auf der anderen
Seite geschürt. Die Zahl der Geier, die sich von diesen Leichen ernähren, scheint nicht
kleiner zu werden; es gibt immer wieder Nachschub.
Es ist sehr schwierig, zu formulieren, wie der gesunde private Umgang mit diesen
Traumen und der Geschichte des Leidens aussehen soll. Ein einheitliches Rezept dafür
gibt es sicherlich nicht. Aber eine öffentliche, ewig zwanghafte Beschäftigung mit der
Vergangenheit, die nicht zuletzt durch die Geilheit der Medien am menschlichen Leid be-
stimmt wird, ist falsch. "Damit es nie wieder zu einem solchen Genozid kommt, muss diese
Geschichte immer wieder aufgerollt werden," lautet eine Ausrede. Als ob die Erzählung als
solche eine Wiederholung der Geschichte verhindern könnte. Wie wenn die politischen,
bürokratischen und kulturellen Mechanismen, die zu Auschwitz führten, von der Erde ver-
schwunden wären. Als ob diese reine Wiederholung mehr Verständnis für die obenge-
nannten Mechanismen schaffte.
Als Taten werden nur Empörung/Entrüstung/Betroffenheit/Schuldgefühle (bitte
ankreuzen) erwartet. Praktisch obligatorisch kommt heutzutage ein ohnmächtiger, allge-
4
meiner und nichtssagender Hinweis auf die Situation in Ex-Jugoslawien hinzu. Erwartet
wird auf jeden Fall eine Unterstützug des Staates Israel als angeblicher, vermeintlicher
Zufluchtsort für potentiell verfolgte Jüdinnen und Juden.

'Du sollst Dir kein Gleichnis machen' oder 'Du sollst keine anderen Götter haben.'

Man darf den Judeozid mit keinem anderen Völkermord vergleichen. Mit diesem Gebot
kommt der Wunsch zum Ausdruck, den Judeozid eigentlich aus der sachlichen ge-
schichtswissenschaftlichen Betrachtung zu halten und in einer mythischen Sphäre zu pla-
zieren.
Eine Ausnahme dieses Gebots gilt jedoch für den Vergleich des Judeozids bzw. der
Nazis mit den modernen Feinden der Jüdinnen und Juden, also mit denjenigen, die unter
das vorherige Gebot fallen. Diese Feinde sind, ohne Rücksicht auf die geschichtlichen
Gegebenheiten, unter der vorher erwähnten Bezeichnung Amalek zu verstehen. Deshalb
fiel der Vergleich zwischen Saddam Hussein und Adolf Hitler während des Zweiten
Golfkriegs auch so leicht.

Die Juden sind die ewigen Opfer, die Deutschen die ewigen Täter.

Dieses Gebot stellt, sowohl für die meisten Jüdinen und Juden - ausser für jene, welche
in Israel aufgewachsen sind -, als auch für die meisten Deutschen, ein sehr wichtiges
identitätsbildendes Element dar. Das Reduzieren des Judeozids auf eine rein deutsch-
jüdische Beziehung ist bei einer historischen Betrachtung der Geschichte der Judeophobie
bestimmt nicht haltbar. Zwar ist die industrielle Massenvernichtung eine deutsche
Erfindung, aber sie blieb nicht konkurrenzlos, und Judeophobie ist bekanntlicherweise
keine ausschliesslich deutsche Spezialität. Das Gebot hat in verschiedenen Ländern und
Situationen unterschiedliche Funktionen. Meiner Ansicht nach dient es aber hauptsächlich
dazu, von den politischen Aspekten des Judeozids abzulenken. Für die Alliierten, allen
voran die USA, ergibt sich daraus die Möglichkeit, ihre schwerwiegende Rolle beim
Judeozid zu verschweigen und zu verdrängen 8 . Die Israelis versuchen, darin einen mora-
lischen Blankoscheck für die von ihnen begangenen Taten an den PalästinenserInnen zu
sehen. Bei den Deutschen spielt hier nicht nur ein leidenschaftlich religiöser Masochismus
eine wichtige Rolle. Es handelt sich vielmehr um einen Schutz- und
Ablenkungsmechanimus einer Gruppe von Menschen und Institutionen (wie Teilen der
Grossindustrie und der SS, mit Leuten wie Gehlen und Kurt Becher), die für den Judeozid
nicht unwesentlich, aber für die Nachkriegsordnung wichtig waren und es immer noch sind.
In der Schweiz nehmen die Schuldgefühle gegenüber den jüdischen Menschen noch im-
mer zu, je mehr über die grausame Flüchtlingspolitik vor und während dem Zweiten
Weltkrieg bekannt wird. Die damit verbundenen Rituale dienen dazu, weitgehend von der
nicht weniger schwerwiegenden Problematik der Kollaboration mit den Nazis, auch nach
Kriegsende, abzulenken.
Durch die Übergewichtung der religiösen und ideologischen Dimensionen des
Phänomens Nationalsozialismus im Allgemeinen und des Judeozids im Speziellen wird die
relevante politische Analyse verhindert.

Du sollst nicht am Existenzsrecht Israels zweifeln.

Mit diesem Gebot kommen die von Ellis formulierten zentralsten religiösen und messiani-
schen Motive 'Leiden und Erlösung' zur Anwendung. Das Leiden wird also in der
Vernichtung verkörpert (jüngstes Gericht), und die Menschen werden offenbar wegen der
Erlösung (Israel) geopfert. Alle wichtigen Propheten/Priester der Holocaust-Religion, wie
Wiesel, Lanzman, Ophüls und Spielberg, sehen in Israel die logische Folge des Judeozids
8
Siehe David Wayman, Das unerwünschte Volk. Amerika und die Vernichtung der europäischen Juden',
Ismaning: Verlag M. Huber 1986
5
und die Lösung für die jüdischen Menschen, jedoch nicht direkt für sich selbst. Dieser
letzte Punkt ist nicht als persönliche Polemik gemeint, sondern bedeutet, dass die Mehrheit
der jüdischen Menschen die israelische Lösung für sich privat praktisch nicht bevorzugt. Es
handelt sich allenfalls um eine Phantasie des Rettungslandes, die mit einer direkten
Realität nicht unbedingt übereinstimmt. Auf jeden Fall kann Israel trotzdem für sich in
Anspruch nehmen, die einzige Antwort für die jüdischen Menschen nach Auschwitz zu
sein.
Wie falsch es ist, den Staat Israel als Erlösung und als Erbe Auschwitzs anzusehen, zeigt
schon eine nicht allzu radikale Beschreibung des Verhaltens und der Haltung des Jischuw 9
und seiner Führung angesichts des Judeozids während und nach dem Zweiten Weltkrieg.
Eine solche Darstellung leistet der israelische Journalist und Historiker Tom Segev in
seinem Buch 'Die Siebte Million. Die Israelis und der Holocaust 10. Segev, der sich
hauptsächlich auf israelische Quellen, viele hebräische Zeitungen aus jener Zeit und auf
Dokumente der Jewish Agency u.a., stützt, beschreibt ein Bild der Gleichgültigkeit und
Aggression gegenüber den Opfern der Vernichtung. Segev will darin keine geplante und
gezielte Politik sehen. Die Haltung wird durch die Auslegung des zentralen Begriffes des
Zionismus, die Negation der Diaspora, erklärt. Diese Negation bedeutete primär eine kul-
turelle Vernichtung des Judentums und produzierte Ausdrücke, wie zum Beispiel
'Menschenstaub' - eine Bezeichnung für einen Teil europäischer Jüdinnen und Juden,
welche als ungeeignet für das zionistische Projekt empfunden wurden. Die geeigneten
Subjekte wurden als "gutes Menschenmaterial" eingestuft. Diese Sprachregelung war auch
dem leidenschaftlichen Zionismus-Anhänger Eichmann nicht fremd, der der Meinung war,
dass die jüdischen Menschen in Europa nichts zu suchen hätten. Dabei ist wohl zu bemer-
ken, dass die zionistische Bewegung von Anfang an sehr stark durch die Verinnerlichung
der antijüdischen Vorurteile und Feindbilder geprägt war11. Nur in den letzten Jahren, mit
dem Niedergang des sozialistischen Zionismus, ist eine Änderung zu beobachten. Es ist
nicht nur die romantisierende, aus den USA importierte, Aufwertung der ethnischen
Wurzeln (ein bisschen Jidischkeit wird vor allem auf komerziellen Ebenen betrieben), aber
viele Israelis lernen doch nach dem Ende des zionistischen Traums das jüdische Dasein
ausserhalb ihres Landes anders anzuschauen.
Aber es geht nicht nur, wie Segev meint, um die ideologische Haltung und Stimmung,
sondern um eine politische Linie und um Prioritäten. Diese kommen in einer Rede David
Ben-Gurions vor der zionistischen Exekutive zum Ausdruck, einer Rede, die als stark
komprimierte Fassung eines Programms dienen kann: "Wenn die Juden vor der Wahl
zwischen den Flüchtlingen, der Rettung von Juden aus Konzentrationslagern und der
Unterstützung der nationalen Heimstätte in Palästina stehen, dann wird das Mitleid die
Oberhand behalten, und die ganze Energie der Leute wird in die Rettung von Juden aus
verschiedenen Ländern kanalisiert werden. Der Zionismus wird nicht nur in der öffentlichen
Meinung in der Welt und in Grossbritannien von der Tagesordnung gestrichen werden,
sondern auch von der jüdischen öffentlichen Meinung anderswo. Wenn wir eine Trennung
des Flüchtlings- vom Palästina-Problem zulassen, riskieren wir die Existenz des
Zionismus12."
Dies war eben nicht nur Theorie, dies war die Linie der Hauptströmung des Zionismus
und prägte ihre "Rettungspolitik". Die Rettungsversuche dieser Strömung sehen mit sehr

9
Jischuw ist die hebräische Bezeichnung für die jüdische zionistische Gemeinde in Palästina vor der
Staatsgründung Israels.
10
Tom Segev The Seventh Million - Israel Confronts the Holocaust, Hill & Wang 1993. Das Buch erschien
1991 auf hebräisch und löste eine heftige Diskussion in Israel aus. Es sollte gleichzeitig auf Englisch und
Deutsch erscheinen. Erst in 1993 erschien die englische Übersetzung und kürzlich folgte die französische
Ausgabe. Die deutsche Version benötigte offenbar eine ausführlichere Bearbeitung und erschien dement-
sprechend erst in Frühling 1995
11
Z.B. Theodor Herzls Aufsatz, Mauschel, der im offiziellen zionistischen Organ Die Welt am 15. Oktober
1897 erschien. Mauschel, ein Archetyp des Ostjuden, hätte auch in die Nazizeitung 'Der Stürmer' gepasst.
12
Dezember 1938 - in John Bunzl, Der lange Arm der Erinnerung, Böhlau Verlag 1987 S. 65-66
6
wenigen Ausnahmen wie Alibiübungen aus. Die VerteidigerInnen dieser Politik wollen uns
bis heute weismachen, dass man ohnehin nicht viel hätte ausrichten können, und dass
diese Prioritätensetzung richtig gewesen wäre. Dagegen gibt es die verschiedensten
Aussagen von RettungsaktivistInnen, welche das verbrecherische und absichtliche
Unterlassen von sehr vielen Möglichkeiten vorwerfen.
In seinem wichtigen Buch wirft der kürzlich verstorbene Laienhistoriker (aus der rechten
israelischen Ecke) und langjäriger Aktivist in Sachen Immigration der sowjetischen Juden,
S.B. Beit-Zvi13 , der Jischuwführung nicht nur das Unterlassen von seriösen
Rettungsversuchen, sondern sogar das Sabotieren solcher vor. "Das viele Material, das
durch meine Hände ging ... brachte mich zur Schlussfolgerung, dass die zionistische
Bewegung und die jüdische Gemeinschaft in Palästina gegenüber ihren europäischen
Schwestern und Brüdern schwer gesündigt hatten. Dies durch das Unterlassen von Taten,
die zur Rettung notwendig gewesen wären, sowie durch Aktionen, die die
Rettungsmöglichkeiten schwer behinderten. (...) Der Zionismus führte einen Krieg gegen
jeden jüdischen Menschen, der aus Europa flüchten wollte, um Asyl ausserhalb von Erez-
Israel zu finden (...) Trotz ihres bösen Verhaltens gegenüber den europäischen Juden,
zögerte die zionistische Bewegung, deren Katastrophe als unterstützendes Element für die
eigenen Zwecke auszunützen, und plante öffentlich und offen, von der Situation nach dem
Krieg zu profitieren... klare Beispiele dafür werden Sie in Ihren eigenen Reden finden" (Aus
einem Brief an den damaligen Premierminister David Ben-Gurion, 13.5.1962, Beit-Zvi, S.
8).
Die Vorwürfe von Beit-Zvi erhalten durch eine neue Recherche von Yechiam Weitz 14 von
einer unerwarteten Seite Unterstützung. Im Auftrag des wichtigen Forschungsinstituts der
'Mapai' (der Arbeiterpartei) sollte Weitz die Rolle der Partei gegenüber dem Judeozid ver-
teidigen. Was herauskam, ist meines Erachtens eine Materialsammlung, die deutlich zeigt,
dass bei weitem nicht alles getan wurde, um die jüdischen Menschen in Europa zu retten.
Das Ziel war die Verwirklichung des zionistischen Projekts und alles andere wurde instru-
mentalisiert, um dieses Ziel zu verwirklichen. Die Evian-Flüchtlings-Konferenz von 1938
wurde sabotiert, weil Erez-Israel nicht als Refugium für die jüdischen Flüchtlinge stand.
Hingegen wurden keine richtigen menschlichen und materiellen Ressourcen für die
Rettungsaktionen freigemacht.
Der Sinn und Zweck der zionistischen Unternehmung war nie die Rettung der jüdischen
Menschen, sondern primär die Errichtung und Aufrechterhaltung eines jüdischen Staates.
Schon diese gezeigte Gleichgültigkeit und Bosheit gegenüber dem Schicksal der jüdischen
Menschen in Europa während des Zweiten Weltkriegs setzt mehr als ein Fragezeichen
bezüglich des Existenzrechts des Staates Israel als Zufluchtsort für die verfolgten Jüdinnen
und Juden. Auch die jüngsten Beispiele, wie die Massenauswanderung aus der Ex-
Sowjetunion, zeigen, dass nicht das Interesse an der Rettung von Menschen in Not im
Vordergrund steht. Ganz allgemein stellt sich also die Frage, inwiefern der Nationalismus
die Antwort für verfolgte Menschen darstellen kann.

Du sollst nicht über die Zusammenarbeit zwischen der Jischuw- und der SS-Führung re-
den!

Der Vorwurf der Unterlassung von allen möglichen und unmöglichen Rettungsversuchen
des europäischen Judentums bleibt blass im Vergleich zum immer wieder auftauchenden
Vorwurf der Kollaboration zwischen der Jischuwführung und der SS. Die Folge der

13
S.B. Beit-Zvi, Postugandischer Zionismus in der Shoa-Krise - Eine Studie über die Ursache der Fehler der
zionistischen Bewegung 1938-1945, Bronfman Publishers, Tel-Aviv 1977 (heb.). Das Buch basiert auf
einer sehr umfangreichen und mutigen Auseinandersetzung mit der hebräischen Presse, zahlreichen
Dokumenten und Gesprächen.
14
Yechiam Weitz, Aware but helpless - Mapai and the Holocaust - 1943-1945, Yad Izhak Ben-Zvi,
Jerusalem, 1994 (heb.)
7
Tabuisierung des Themas und der starken Politisierung der historischen Forschung trugen
massiv dazu bei, dass es bis heute keine Klärung dieser Geschichte gibt.
Dieses Thema, 'Kasztner-Affäre' genannt, beschäftigt die israeliscbe Öffentlichkeit bis
heute. Die Diskussion ist ausserhalb Israels viel zuwenig bekannt, und es lohnt sich des-
halb, ein bisschen ausführlicher zu erläutern, worum es bei dieser Auseinandersetzung
geht:
Die Nazis marschierten am 19. März 1944 in Ungarn ein. Bis zum 20. Juni 1944 wurden
427'000 jüdische Menschen nach Auschwitz deportiert. Dort wurden die meisten vernich-
tet. Am 8. Juli 1944 teilte der ungarische Polizeioffizier Ferenczy, der für die jüdischen
Angelegenheiten verantwortlich war mit, dass während 56 Tagen 147 Züge nach
Auschwitz fuhren. In diesen Zügen waren 434'351 Menschen.
Diese "effiziente" Deportation wäre ohne Zusammenarbeit zwischen Adolf Eichmann und
dem jüdischen Rettungskomitee unter der Leitung von Dr. Israel Kasztner, zweifellos nicht
möglich gewesen, meinen die KritikerInnen. Obgleich Kasztner und seine Leute - im
Unterschied zu den Judenräten anderswo, sagen wir in Polen - sehr gut über Auschwitz,
den ganzen Ablauf und die Arbeitsmethoden von Eichmann informiert waren, machten sie
trotzdem mit. Deswegen wurde Kasztner in den 50er Jahren von einem israelischen
Gericht der Kollaboration mit der SS für schuldig befunden. Der Richter Benyamin Ha'levi
sagte: "Kasztner hat seine Seele dem Satan verkauft." Der Oberste Gerichtshof hat
Kasztner zwar freigesprochen, aber noch vor diesem Freispruch wurde Kasztner von ei-
nem israelischen Ex-Geheimdienstler umgebracht. Viele Israelis, darunter der bekannte
Journalist Uri Avnery, glaubten, dass der Geheimdienst im Auftrag des damaligen
Regierungschefs, David Ben-Gurion, Kasztner zum Schweigen gebracht habe. Denn
Kasztner war kein Privatmann, er operierte in Ungarn im Auftrag von Ben-Gurion. Da
Kasztner die Todesstrafe drohte, bestand die Gefahr, dass er seine volle Version erzählen
würde, und deshalb musste er zum Schweigen gebracht werden, schrieb Avnery nach der
Ermordung Kasztners.
Die Zusammenarbeit zwischen Kasztner und der SS wird auch von Kasztner-
VerteidigerInnen nicht dementiert. Die Diskussion konzentriert sich auf die Motivation
Kasztners, und ob etwas anderes möglich wäre. Die VerteidigerInnen, welche hauptsäch-
lich aus Kreisen der zu jener Zeit machthabenden Arbeiterpartei stammen, schildern
Kasztner als Helden, der in einer schwierigen Lage das Maximum zur Rettung der jüdi-
schen Menschen unternahm. Die GegnerInnen Kasztners bilden eine sehr interessante
Koalition: Auf der einen Seite stehen die Rechten bis Rechtsradikalen, dann die antizio-
nistischen Ultraorthodoxen, und zum Schluss die wenigen antizionistischen Linken. Diese
GegnerInnen sehen die verheerenden Resultate der Zusammenarbeit und die
Kombination mit der vorher erwähnten gleichgültigen bis hasserfüllten Haltung gegenüber
dem europäischen Judentum lassen verschiedene schlimme Varianten vermuten.
Eines ist sicher, etwas ist ganz faul an dieser Geschichte, über die es - trotz vieler Bücher
zum Thema und heftiger und sehr emotionsgeladener Diskussionen - bis heute keine
sachliche und konsequente Recherche gibt.
Der prominente israelische Historiker und Kasztner-Verteidiger, Yehuda Bauer, sieht im
ungarischen Judeozid hauptsächlich einen Versuch Himmlers, die westlichen Alliierten zu
Verhandlungen mit ihm über die Beendigung des Krieges zu zwingen. Die Juden sollten
als Geiseln funktionieren. So wurden zwei Delegierte, Joel Brand und Bandy Grozs, nach
Istanbul und Rudolf Kasztner in die Schweiz geschickt, um mit Vertretern des
Weltjudentums zu verhandeln und dabei eine Million Juden gegen 10'000 Lkws und ande-
re Waren einzutauschen (Eichmann: "Ware für Blut - Blut für Ware"15).
"Himmler may well have thought that the Jewish part of the mission was a good way of
opening negotiations with the West because the West was controlled by the Jews and was
likely to exert itself to save a million Jewish lives"16.
15
Alex Weissberg: Die Geschichte von Joel Brand. Kiepenheuer und Witsch, Köln Berlin, 1956. S. 112
16
Yehuda Bauer, American Jewry and the Holocaust ; The American Jewish Joint Distribution Committe
1939-1945, Wayne State University Press , Detroit 1981 . p. 393).
8
Um die Erpressung glaubwürdig zu machen, schickte Himmler einerseits jeden Tag
10'000-12'0000 Jüdinnen und Juden nach Auschwitz und liess andererseits mehrere
Tausend frei. Bauer meint, dass Kasztner und seine Leute mit Eichmann (dem eigentlichen
'bad cop' in dieser Geschichte) und SS-Standartenführer Kurt Becher (dem 'good cop', der
zum persönlichen 'Raubexperten' Himmlers in Sachen jüdische Vermögen in Ungarn
avancierte17), nicht kollaborierten, sondern verhandelten. Denn sie waren überzeugt, dass
es so möglich wäre, das Leben vieler Menschen zu retten.
Diese Erklärung bleibt jedoch dürftig, denn allen Beteiligten dieser Geschichte (der SS-
Führung und der zionistischen Führung) war - aus ähnlichen, in der Vergangenheit ge-
machten Erfahrungen - klar, dass weder die Alliierten unter der Führung der USA, noch die
Jischuwführung, in dieser Phase des Krieges ein Ohr für solche Deals hatten.
Eine andere unangenehme Erklärung dieser rätselhaften Geschichte lautet, dass
Kasztner und seine Auftraggeberin, die Direktion der Jewish Agency, materiellen Profit aus
der Affäre schlagen wollten. Die neuen Hinweise aus dem Himmler-Archiv (innerhalb des
Stasi-Archivs in Berlin) deuten daraufhin, dass der Rettungszug von Kasztner nicht ande-
res als eine SS-Deck-Aktion für den Schmuggel von Raubgütern in die sichere Schweiz
war. Wussten Kasztner und seine Leute davon? Oder konnten sie nichts davon wissen?
Diese Version wird auch durch die Tatsache bekräftigt, dass die Jewish Agency nach dem
Kriegesende sämtliche Gelder, die sie während des Kriegs für den 'Prominentenzug'
zahlten, von Kurt Becher (den sogenannten 'Becher-Schatz') zurückbezahlt erhielt. Was
musste dafür geleistet werden? Waren dies alle Transaktionen?
Ein Teil der Gegenleistung scheint der enorme Einsatz Kasztners 1947 in Nürnberg zur
Befreiung von Kurt Becher und zwei anderen hochrangigen SS-Offizieren (Hermann
Krumey, einem Schreibtischtäter, der für die Vernichtung von 3 Millionen jüdischen
Menschen mitverantwortlich war und SS-General Hans Jüttner, dem Kommandanten
sämtlicher KZs). Über seine Tätigkeit in Nürnberg schickte Kasztner einen Bericht
ausgerechnet an den damaligen "Finanzminister" Eliezer Kaplan18. Andere Hinweise, die
auf Verbindungen zwischen der SS-Fluchtlinie, der sogenannten "Rattenlinie", und der
Ha'Bricha (zionistische Fluchtwege) im Nachkrieg hindeuten 19 , müssten ebenfalls in die-
sen Zusammenhang untersucht werden.
Im Artikel, der 1954 zum Kasztnerprozess führte, schrieb Malkiel Grünwald, der eigentli-
che, wegen Ehrverletzung, Angeklagte: «... ich sehe ihn [Kasztner] als indirekten Mörder
meiner lieben Brüder (...) Warum haben Sie ihn [Kurt Becher] vor dem Henker gerettet?
(...) Ich gebe Ihnen eine Antwort und Erklärung: Er wollte sich selber retten, um zu verhin-
dern, dass Becher beim internationalen Gericht [Nürnbergerprozesse] über ihre gemein-
samen 'Deals' und Raubtätigkeiten aussagen würde (...) Wo sind die Millionen Gelder der
ungarischen Juden geblieben, über die [Millionen] keine Rechenschaft abgegeben
wurde?»20
Der Erklärungsversuch von Professor Bauer wirft aber eine sehr interessante Frage auf:
War die industrialisierte Massenvernichtung der jüdischen Menschen nicht von Anfang an

17
Siehe Kurt Emmenegger, Reichsführers gehorsamster Becher, Sie&Er 1962/63, und Kurt Emmenegger,
Der Fall Deutsch; Tatsachen zu einem Justizskandal, 1789 Editions - Zürich, 1970
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Eine erst jetzt veröffentlichte Lizenziatsarbeit (1986) einer Schülerin Yehuda Bauers, Shoshana Eshoni-
Beri, beweist eindeutig, dass Kasztner für seine Tätigkeit in Nürnberg den Auftrag der Jewish Agency
Führung hatte. (Siehe Shoshana Eshoni-Beri, Die Kasztner-Affäre - zur Frage der Zeugenaussage zu-
gunsten von Nazi-Verbrechen - einen Versuch einer alternativen Erklärung, In Yalkut Moreshet Nr. 59,
April 1995 (heb.)
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"Unter den fünfzigtausend jüdischen Menschen, die Ungarn mit der Hilfe der "Bricha" verliessen, waren
einige paar Zehnte Nazi-Verberchern " ( Carmit Gai, Back To Yad-Hanna (heb.), Am Oved Publishers Tel
Aviv, 1992, S. 42- 43). "Im Falle von Schloss Labers sind die beiden so gegensätzlichen Untergrundlinien
{die Nazi-Fluchtlinien wie deren der jüdischen Emigranten nach Palästina} offenbar eine sonderbare
Allianz eingegangen". Rena Giefer Thomas Giefer, Die Rattenlinie; Fluchtwege der Nazis, Anton Hain
Frankfurt am Main, 1991 S. 85.
20
Segev S. 241
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ein Erpressungsversuch von Himmler, um die Alliierten mit ihm zu Verhandlungen zu
zwingen?
Von allen mir bekannten HistorikerInnen merkte einzig und allein Arno J. Meyer, dass der
Entscheid, die Massenvernichtung der jüdischen Menschen konkret zu planen, auf einen
Moment fällt, in dem Himmler und anderen hochrangigen Offizieren wie Canaris, sowie
Vertretern der Grossindustrie klar war, dass der Krieg mit militärischen Mitteln nicht mehr
zu gewinnen war. Hitler war nicht vom Russlandfeldzug ('Unternehmen Barbarossa')
wegzubringen. Deshalb probierten sie alle (nicht gemeinsam), mit den Alliierten zu
verhandeln.
Spätestens am 31. Juli 1941 wusste z.B. Himmler, "dass von 18 an der Ostfront einge-
setzten Panzerdivisionen gut 40 % als endgültig vernichtet betrachtet werden können. Die
Menschenverluste seien horrend."21 Damit war ganz klar, dass sich die Anfang 1941 ge-
stellte Prognose der Militärexperten, die 'Operation Barbarossa' sei zum Scheitern verur-
teilt, bewahrheitete. Trotzdem macht Himmler mit den Judeozidplänen weiter, und gleich-
zeitig intensivierte er seine Bemühungen um Verhandlungen für einen Sonderfrieden mit
den Alliierten22.
Dieser Widerspruch macht absolut keinen Sinn. Arno Meyer versucht, dieses Paradox mit
einem pathologischen Hass gegen die jüdischen Menschen zu erklären. Dieser Hass sollte
der Grund für einen Kreuzzug gegen die Juden sein, der bis zum bitteren Ende geführt
werden sollte. Aber diese Erklärung hält keinen Stich gegen die verschiedenen Beweise,
welche die Bereitschaft der SS-Führung, über das Schicksal der jüdischen Menschen zu
verhandeln, zeigen23.
Die US-amerikanische und die britische Regierung machte nicht mit, und zwar nicht, weil
sie an der Seriosität dieser Angebote zweifelten, sondern im Gegenteil, gerade weil sie
diese Angebote als seriös betrachteten, wollten sie nicht mitmachen 24. Der Forscher David
Wyman versucht, die US-Amerikanische Politik dadurch zu erklären, dass sie mit den
drohenden Massen von jüdischen Flüchtlingen nichts zu tun haben wollten. Er selber bringt
indessen Beweise, dass diese Argumentation nichts anderes, als eine Ausrede ist. Die
primitive Erklärung wäre, dass wiederum die Judeophobie bestimmend war, und dass der
Hass gegen die jüdischen Menschen diese Politik diktierte. Nur, - und dies, ohne die
Judeophobie zu verharmlosen - Staatspolitik wird in der Regel mehr durch Interessen und
viel weniger durch stammtischmässige Emotionen bestimmt. Allein die Tatsache, dass der
grösste Widerstand gegen irgendwelche Rettungsversuche aus dem State Department
kam, verlangt eine Erklärung, die die allgemeinen Ziele der US-Aussenpolitik berücksich-
tigt.
Es scheint keine gewagte Behauptung mehr zu sein, dass das State Department die
Zerstörung des britischen Imperiums und die Öffnung der Weltmärkte für die eigene

21
Kurt Emmenegger, Q.N. wusste Bescheid , Schweizer Spiegel verlag, Zürich 1965.
22
Z.B., siehe Ingeborg Fleischhauer, 'Die Chance des Sonderfriedens; Deutsch-sowjetische
Geheimgespräche 1941-1945', Siedler Verlag, Berlin 1986
23 23
Siehe z.B., Yehuda Bauer, Jews for Sale? - Nazi-Jewish Negotiations, 1933-1945, Yale University
Press, New Haven, 1994.
24 24
Tatsächlich betrachteten die amerikanische und die britische Regierung, wie sich in der Folge zeigte,
jede Gelegenheit, eine grössere Anzahl von Juden dem Zugriff der Nazis zu entziehen, nicht etwa als
Glücksfall, sondern als drohende Belastung. Finanz Minister Henry Morgenthau jr. ging mit dem Times-
Artikel sogleich zu Roosevelt." (David S. Wyman, Das unerwünschte Volk . Amerika und die Vernichtung
der europäischen Juden, Max Huber Ismaning bei München, 1986 S. 120)
Dem Gedächtnisprotokoll Hopkins' zufolge erklärte Eden hierauf, dass das ganze Problem der Juden in
Europa sehr schwierig ist und wir mit Angeboten, einem Land wie Bulgarien alle Juden abzunehmen, sehr
vorsichtig sein müssen. Wenn wir das dennoch tun, werden die Juden der ganzen Welt von uns verlan-
gen, ähnliche Angebote in Bezug auf Polen und Deutschland abzugeben. Hitler könnte uns dann vielleicht
beim Wort nehmen, und es gibt einfach auf der ganzen Welt nicht genug Schiffe und Transportmittel, um
damit fertig zu werden.
Nichts in den Hopkins-Notizen deutet darauf hin, dass gegen diese kaltblütige Äusserung irgendein noch
so milder Widerspruch erhoben wurde." (S 144)
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Wirtschaft als eines der wichtigsten - wenn nicht als wichtigstes - Ziel des Krieges betrach-
tete25 . Eine frühzeitige Beendigung des Krieges käme sehr ungelegen, ergo sollen seriöse
Verhandlungen mit den Deutschen nicht allzuschnell Resultate erzielen. Bei diesen
Überlegungen waren sicherlich auch einige Millionen jüdischer Menschen nicht so wichtig.
Dies hätten auch David Ben-Gurion, Stephen Wise (der Präsident der wichtigsten US-
amerikanischen jüdischen Organisation) und andere Prominente der damaligen
Hauptströmung des Zionismus einsehen können. Sie schwiegen und begnügten sich mit
Alibiübungen, als ihre Schwestern und Brüder starben.
Ob der Zionismus die Antwort auf die Judeophobie ist, muss aufgrund obiger Darstellung
stark bezweifelt werden. Es scheint eher, dass der Zionismus - wie andere sogenannte
nationale Befreiungsbewegungen auch - zwar im Namen eines diffusen Subjekts Namens
Volk reden, aber eigentlich nur die Befreiung einer auserwählten Gruppe auf Kosten des
Rests des "Volkes" anstreben. Die Rettung der Jüdinnen und Juden war und ist nur inso-
fern relevant für den Zionismus, als dass sie für die "nationalen" Ziele dienlich war und ist.
Der Kampf gegen die Xenophobie im Allgemeinen und die Judeophobie im Besonderen
verlangen weder eine Verherrlichung noch einer Verteufelung des Opfers. Denn die
Judeophilie ist nichts anderes, als eine plumpe "rassistische" Umkehrung der
Judeophobie. Die Verkrampfung in der Judeozid-Diskussion und die Aufrechterhaltung und
Pflege einer Opferkultur sind nicht das erfolgversprechende Rezept.

Shraga Elam

Januar 1996 (erste Version Mai 1994)

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Besassen die Briten Ende 1940 immerhin noch Vermögenswerte in Höhe von etwa 3 Milliarden Dollar
in USA, so war der grösste Teil davon ein Jahr später verkauft bzw. gegen einen zusätzlichen, nach der
Verabschiedung von Lend-Lease zur Erfüllung vorheriger Verpflichtungen bewilligten Kredit der
Reconstruction Finace Corporation aber 425 Millionen Dollar verpfändet. Insgesamt vermehrten die
Amerikaner auf privater und auf Regierungsseite im Lauf des Krieges ihre weltweiten langfristigen
Auslandinvestitionen um 3,7 Milliarden Dollar." (Konrad W. Watrin, Machtwechsel im Nahen Osten ;
Grossbritanien Niedergang und der Aufstieg der vereinigten Staaten 1941-1947, Campus Verlag
Frankfurt, 1989, S. 39 - 40).
Der britische Guardian fragt sich denn auch, was mit den '50 Jahre Normandie' gefeiert werde. "Willmott,
a lecturer at Sandhurst goes on to recall that "the American dimension to the Normandy landing represen-
ted the first invasion of Europe from the outside world for 590 years" (...) ... the American involvement
"marked the end of the period of European supremacy in the world that had existed for four centuries", (...)
So there is an inevitable national sadness when we remember D-Day.." (Richard Gott, Whose D-Day is it
anyway?, Guardian, 18.4.1994).
Die britische Rechte merkte allzu spät, dass die Politik Churchills zum Niedergang des britischen
Imperiums entscheidend beitrug (John Charmley, Churchill: The end of glory - a political biography,
Hodder & Stoughton, London 1993). Ob die frühzeitige Beendung des Krieges den britischen Imperium
gerettet hätte, lässt sich diskutieren. Es gibt hingegen keinen Zweifel, dass bedeutend weniger, inklusive
jüdischer, Menschen gestorben wären.