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Drecksblatt

Verkommen Verdächtigt Verwandelt


Wie sich Kölner Obdachlose um Wie die Kölner Mülldetektive Wie ein Kölner aus Schrott ein
Hygiene bemühen Seite Drei Umweltsünder jagen Seite Vier Königreich schafft Seite Acht

Sauber recherchiert.
In dieser Zeitung finden Sie jeden Dreck — nur keinen journalistischen
Abfall. Wir zeigen Menschen, die mit Müll arbeiten und leben. Wir
zeigen Tatortreiniger, Taubenkot und Tonnentaucher. Wühlen Sie mit uns

Foto: Vollmer
im Müll, aber machen Sie sich dabei nicht die Hände schmutzig.

Nudelsalat nach Mülltonnen-Art


Gesellschaftskritik Aus Protest essen Containerer Lebensmittel, die andere wegwerfen
Von Christoph Pagel Müll“, sagt Holger. „Wäre doch eine sein und gegen die Wegwerfmen- lassen. Denn die nächtliche Suche teilt. Einen Teil davon steuern die
Schande, sie nicht mitzunehmen.“ talität unserer kapitalistischen Ge- kann mit einer Anzeige enden. Die Supermärkte bei. „Das ist paradox“,

N ur noch eine Neonleuchte fla-


ckert in dieser Nacht im Hin-
terhof des Deutzer Rewe-Markts.
Er trägt einen grauen Kapuzen- sellschaft protestieren“, begründet
pulli unter einem olivgrünen Parka, er seine nächtlichen Touren. „Ich
der von Aufnähern finde es pervers,
Rechtslage ist eindeutig: Eigentum
bleibt Eigentum, auch im Müllcon-
tainer. Wenn sich die Containerer
sagt Falk Beyer von der Magdeburger
Initiative. „Leicht beschädigte Ver-
packungen, nahendes Ablaufdatum
Sie wirft ein gelbliches Licht auf die mit Anarcho-Zei- Rund 20 Prozent wenn ich sehe, zudem Zugang zum Gelände des oder die Umstellung der Produktpa-
grauen Müllcontainer. Der 27-jähri- chen übersäht ist. was alles im Müll Marktes beschaffen, begehen sie lette sind Gründe, warum unverdor-
ge Mann, der für die Dauer des Ge- Von seinem Ge- der Lebensmittel landet. Es heißt nicht nur Diebstahl, sondern auch bene Nahrung vernichtet wird.“
sprächs Holger heißen will, blickt sicht ist unter der landen im Müll. ja nicht umsonst Hausfriedensbruch. Zum Verhäng- Holger macht das Problem anhand
über die Schulter. Dann leuchtet er Kapuze und den Mindesthaltbar- nis wurde das 2004 einer Kölnerin, seines Nudelsalates deutlich. Der
mit der Taschenlampe in den Con- gekräuselten Barthaaren nur noch keitsdatum“, sagt Holger und schaut die zu 60 Sozialstunden verurteilt Becher ist mit Folie verschlossen,
tainer. „Sieht gut aus heute“, sagt wenig zu erkennen. so fassungslos, als ob er sich gerade wurde, weil sie aus der Mülltonne nur der Plastikdeckel ist eingerissen.
er, streift sich weiße Einweghand- Auf seinen nächtlichen Streifzü- wieder selbst vom Sinn des Contai- eines Rewe-Marktes abgelaufenen „Der Warenwert für den Salat ist da-
schuhe über und zieht ein Netz mit gen sammelt er seit ungefähr einem nerns überzeugt hätte. Joghurt und alte Brote genommen mit nicht mehr vorhanden, aber der
Mandarinen und ein Schälchen mit Jahr Lebensmittel, die weggeschmis- Wie Holger containern rund 3000 hatte. Heute sind die Abfallcontainer Nutzwert für mich bleibt derselbe.“
Erdbeeren aus dem Container. sen wurden. „Containern“ wird das Menschen in Deutschland, schätzt häufig mit Schlössern verriegelt oder Er ist überzeugt, dass er das Richtige
Das Obst hält Holgers Blick stand. genannt. Mittlerweile hat er eine die „Initiative gegen die Vernichtung stehen in abgesperrten Bereichen. tut. Selbst der anfängliche Ekel sei
Es scheint bis auf einige Druckstel- wöchentliche Standardroute. von Lebensmitteln“ aus Magdeburg. Nach Angaben eines Rewe-Spre- verflogen. Klar, im Sommer rieche
len noch genießbar zu sein. Außer- Holger hat eine abgeschlossene In Berlin und Hamburg haben sich chers habe man deshalb nur noch es manchmal etwas streng. Aber da-
dem findet er einen Becher mit Nu- Ausbildung als Schweißer, arbeitet Containerer zusammengetan und selten mit Containerern zu tun. ran gewöhne man sich: „Spätestens
delsalat und eine Packung Käse, bei in diesem Beruf aber nur noch ge- durchsuchen die Stadt gemeinsam. Rund 20 Prozent aller Lebensmit- wenn ich nach Hause komme und
der das Haltbarkeitsdatum abgelau- legentlich und bezieht mittlerweile In Köln sind sie Einzelkämpfer. tel in Deutschland landen im Müll, mir aus meiner Beute ein Abend-
fen ist. „Das ist fast eine komplette Hartz IV. Containern habe er damit Die Mülltonnentaucher sollten schätzt der Hilfsverein „Die Tafel“, essen zubereiten kann, habe ich das
Mahlzeit. Die liegt einfach so im nicht nötig. „Ich will unabhängig sich dabei besser nicht erwischen der Lebensmittel an Bedürftige ver- vergessen.“

Ein Ausbildungsprojekt der Kölner Journalistenschule unterstützt von der RheinEnergie AG


Seite Zwei Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft

Eine Frau räumt auf


Spermüll Entrümpeln und verkaufen
Von Malte Laub Büscher-Brunkow, allerdings sind
die Möbel meist schon lange aus der

D ieser Gestank geht ihr nicht


mehr aus der Nase. In der
Wohnung, die Angelika Büscher-
Mode. Und so bleibt den Entrümp-
lern nichts anderes übrig, als sie zur
Müllkippe zu bringen.
Brunkow entrümpelte, hatte kurz Ihr Geld verdienen die Entrümp-
zuvor noch eine Leiche gelegen. ler also über den Lohn, nicht über
Und zwar schon länger. „Wir den Verkauf. „Schmuckstücke findet
mussten erst mal zwei Tage lüf- man nicht mehr. Bevor wir kommen,
ten, bevor wir da arbeiten konn- ist da schon die ganze Verwandt-
ten“, sagt sie, „das brauche ich schaft durch die Bude gepilgert. In
nicht nochmal“. Köln macht ja jeder Jeck Trödel“,
Büscher-Brunkow entrümpelt sagt Büscher-Brunkow. Die Ange-
und entmüllt seit 25 Jahren. Ge- hörigen durchblättern jedes Buch
meinsam mit ihrem Mann räumt und legen sich Zeitungen von anno
sie Wohnungen, Garagen und dazumal zur Seite. Zurück bleiben
Kotkratzer Achim Kurowski arbeitet an der Westseite des Doms. Foto: Sundermann Keller aus. Sie entsorgt den Inhalt Zimmer mit geplünderten Möbeln.
oder verkauft ihn, wenn ein schö- Die sind oft voller Ungeziefer und

Die gefiederte Plage nes Möbelstück dabei ist.


Der Großteil ihrer Kunden sind
die Angehörigen von Verstorbe-
nen, die deren Haushalt auflösen.
Denkmalschutz Ein Dachdecker kämpft gegen Taubenkot Viele bitten dann Angelika Bü-
scher-Brunkow um Hilfe. Doch
Von Tom Sundermann Kölns schlimmstes Taubennest. Um Jahren zwar um immerhin 60 Tiere sie persönlich kommt nicht vor-
die 200 Tauben tummeln sich zwi- gesunken. Ganz los wird der Dom bei und räumt die Möbel aus der

D as weiße Zeug sitzt überall. Auf


dem Gerüst, in den kleinen
Rillen am Kirchenfenster, auf den
schen den gotisch verwinkelten Bö- seine Tauben aber nicht.
gen und Nischen, schätzt Dombau-
meisterin Barbara Schock-Werner.
Warum es die Tiere genau hier-
her zieht, ist schnell ausgemacht:
Wohnung. „Das geht körperlich
schon lange nicht mehr“, erklärt
die 50-Jährige. Also muss ihr
Köpfen von bärtigen Heiligen aus Wo Kurowski fertig ist, hängt er „Morgens füttern Rentner die Tau- Mann schleppen.
Stein. „Alles Taubenscheiße“, sagt manchmal ein ben vorm Kirch- Begonnen hat alles in den
Achim Kurowski, „alleine hier auf Netz auf. An un- Die Tiere sind so gang und wun- Siebzigerjahren. Büscher-Brun-
dem Gerüst haben wir schon 30 Ei- auffälligen Stellen krank, dass sie ständig dern sich, wenn kows Vater besaß damals ein
mer voll abgekratzt.“ Der 45-jährige bringt er lange sie ihnen danach kleines Transportunternehmen in
Dachdecker arbeitet seit mehr als 20 dünne Nadeln
Durchfall haben. auf den Kopf der Kölner Südstadt und entrüm-
Jahren am Kölner Dom. Eine seiner an, wie es sie auf machen“, sagt pelte nebenbei Wohnungen. „Ich
Aufgaben: Er entfernt Taubenkot. Bahnhöfen und an Brücken gibt, um der Vorsitzende des Veterinäramts, habe das quasi von der Pike auf Unternehmerin Angelika Büscher-
„Mit dem Spachtel bekomme ich die Tiere fernzuhalten. Dirk-Hancord Lohoff. „Es gibt sie- gelernt“, sagt Büscher-Brunkow. Brunkow Foto: Sundermann
natürlich nur das Gröbste ab“, sagt Doch am effektivsten bekämpft ben biblische Plagen. Die Tauben 1984 gründete sie dann mit ih-
er. Beim Schaben wirbelt feiner wei- man die Tauben, indem man ihnen sind die achte.“ rem Mann eine eigene Entrüm- Schmutz. „Da hatte ich schon alles“,
ßer Staub auf – ohne Schutz kann vermeintlich hilft, und zwar mit Ein Vogelparadies ist der Dom pelungsfirma. sagt Büscher-Brunkow und fängt an
der gefährlich sein: Tauben schei- hölzernen Brutkästen. Zehn davon dennoch nicht: „Der Anteil der kran- Die Konkurrenz ist groß: Al- zu lachen, „von ganz normalen In-
den Bakterien und Pilze aus, die hängen in der Fassade. Wenn Kur- ken Tiere ist erschreckend hoch“, leine in Köln sind bei der In- sekten bis hin zu Bergen von Tau-
zu schweren Darm- und Lungen- owski daran vorbeikommt und frisch sagt Schock-Werner. Auf etwa 80 dustrie- und Handelskammer benscheiße auf dem Dachboden“.
entzündungen führen können. Und gelegte Eier entdeckt, tauscht er sie Prozent schätzt ihn Kurowski. „Der 38 Entrümpler gelistet. Und alle Besonders unangenehm sei es,
nicht nur für Menschen ist der Kot durch Plastikattrappen aus. „Das frische Kot hat eine Konsistenz wie sind auf der Jagd nach Möbeln, wenn das kleine Unternehmen be-
gefährlich: Die salz- und säurehal- bringt uns einen Zeitvorteil, weil Gelee, die Tauben haben permanent aus denen sich Geld machen auftragt würde, randvolle Messie-
tige Hinterlassenschaft ist ätzend. Tauben ihre Eier fast drei Wochen Durchfall. Bah!“ Es schüttelt ihn. lässt. Aber selbst wenn Schrän- wohnungen auszumisten. „Wie das
Achim Kurowski zeigt auf ein Kup- lang ausbrüten“, erklärt er. „Würden Kurowski arbeitet weiter gegen die ke und Kommoden poliert und stinkt!“, sagt Büscher-Brunkow.
ferrohr über dem Hauptportal – der wir sie einfach rausnehmen, lägen in Tiere und ihre Hinterlassenschaf- kratzerfrei sind – „80 bis 90 Pro- „Viele solcher Wohnungen kann
Kot hat ein Loch hineingefressen. ein paar Tagen wieder neue drin.“ ten. „Als ich jung war, habe ich sogar zent der Möbel kann man nicht man zur eigenen Sicherheit nur
Irgendwo am Dom gibt es immer Durch Kurowskis Arbeit ist die selbst Tauben gezüchtet“, erzählt er, verkaufen“. Alte Leute pflegen noch in Schutzanzügen und mit
was zu kratzen. Er ist vermutlich Population in den vergangenen zwei „ich hasse sie nicht.“ ihre Habseligkeiten zwar gut, so Atemmasken betreten.“

Der Wert der Wertstofftonne


Recycling Strom, Kies, Pullover — wie aus Kölner Abfällen neue Produkte entstehen
Von Sebastian Kollmann die AVG Strom. An den Wänden ben Verbrennungsanlagen die Hitze
der Anlage verlaufen Rohre, die mit durch Schornsteine einfach wegge- Jede Menge Müll
M üll ist wertvoll. Was wir täg- Wasser gefüllt sind. Das verwandelt blasen“, sagt Dumuscheit. „Heute 540 000
Kölner Zahlen in Tonnen pro Jahr
lich in die Tonne werfen, da- sich bei der Müllverbrennung in 400 hilft Müll, fossile Brennstoffe wie
mit können andere noch viel anfan- Grad heißen Dampf, der mit gro- Öl und Gas einzusparen.“
gen. „In Abfällen befindet sich eine ßem Druck auf eine Turbine gelenkt Beim Verbrennen des Mülls blei-
Menge Energie“, sagt Tilo Dumu- wird. Die wiederum treibt einen Ge- ben 170 000 Tonnen Asche übrig.
130 000
scheit, Pressesprecher der Kölner nerator an, der den Strom erzeugt: Und auch die ist zu gebrauchen:
Quelle: AVG, AWB, BAV, KVK

61 300
Abfallentsorgungs- und Verwer- etwa 320 000 Megawattstunden je- Im Straßenbau ersetzt sie Sand und 51 000
tungsgesellschaft (AVG). des Jahr. Kies als Baustoff. 19 800
17 100
In Köln fallen jedes Jahr rund Hinzu kommen 200 000 Tonnen Bioabfälle und Grünschnitte sind
826 000 Tonnen Müll an. Damit Dampf, von denen ein Großteil zu ebenfalls noch zu verwenden. Aus
Haus-, Gewerbe- Baustellen- Papier Biomüll Leichtver- Glas
könnte man etwa 79 000 Müllfahr- den benachbarten Ford-Werken ihnen entsteht Kompost, den die
Quelle

und Sperrmüll abfälle packungen


zeuge vollladen. Das meiste davon strömt. Der Autobauer heizt mit Landwirtschaft als Dünger nutzt.
wird weiterverwertet. dem Dampf Lackierbäder, in denen Auch Leichtverpackungen werden
Haus-, Gewerbe- und Sperrmüll die Karosserien ihre Farbe erhal- zu neuen Produkten: Aus Polyethy- gewebe. Diese Fasern finden unter lich wertlosen Abfällen Dinge her-
landen in der Kölner Verbrennungs- ten. Zusammen reicht die Energie- lenterephthalat (PET) beispielswei- anderem in Pullovern Verwendung. vor, die wir morgen kaufen. Oder,
anlage. Bei Temperaturen von bis menge von Strom und Dampf aus, se, das in Getränke- und Waschmit- Aus anderen Kunststoffen werden wie es AVG-Sprecher Dumuscheit
zu 1200 Grad Celsius verbrennt der um jährlich 120000 Zwei-Personen- telflaschen enthalten ist, entsteht bei Joghurtbecher und Tragetaschen ausdrückt: „Müll ist zum Produkt
Müll. Mit dieser Hitze produziert Haushalte zu versorgen. „Früher ha- der Weiterverwertung Polyester- produziert. So gehen aus vermeint- geworden.“

Drecksblatt
Jahrgang Zweitausendacht Seite Drei

Leben mit dem Dreck der Straße


Obdachlosigkeit Wenn Hygiene zur täglichen Herausforderung wird
Von Jürgen Klöckner Im Gulliver gibt es eine Regel: Kimont. Pilze, Parasiten oder Grip- rade beim Drogenkonsum ist die habe er seine Schuhe tagelang nicht
„Wenn jemand so riecht, dass es den peviren übertragen sich dann sehr Hygiene lebenswichtig. Durch ver- ausgezogen, sich tagelang nicht ge-

P eter sitzt auf einem Barhocker,


trinkt eine Cola. Außer seinem
zerfurchten Gesicht und den trüben
Tischnachbarn belästigt, stellen wir
ihn vor die Wahl: Entweder gehst
du duschen oder du fliegst raus“, so
schnell. Auch Hauterkrankungen
kommen häufig vor. Bei der Krätze
beispielsweise neigt man dazu, an
unreinigte Spritzen kann es zu In-
fektionen mit Hepatitis oder HIV
kommen.
waschen. Hygiene war ihm egal.
Weil er vor Schmerzen bald nicht
mehr stehen konnte, kam er ins
Augen erzählt nichts von seinem Brückner. den juckenden Stellen zu kratzen. Mit Infektionen hat Peter eigene Krankenhaus. Bakterien hatten sich
Leben auf der Straße. Seine schwar- Ohne Obdachlosenstationen ist es Durch dreckige Fingernägel kann es Erfahrungen. Er zeigt auf seinen in seinen Fuß gefressen, der mittler-
ze Jeanskleidung ist gewaschen, sein schwer, sich sauber zu halten. „Jeder, dann zu einer Infektion kommen. rechten Fuß. „Fast“, sagt er, setzt weile schwarz war. Wäre er später ge-
graugelber Bart gestutzt. „Ich will der länger als drei Wochen auf der Noch stärker zeigt sich das Pro- sich aufrecht und hebt die Stimme, kommen, hätte der Arzt amputieren
nicht, dass die Leute mir ansehen, Straße lebt, ist nicht mehr gesund“, blem bei obdachlosen Junkies.
kies. „Die „fast wäre er weggefault“. Er habe müssen. Das war vor zehn Jahren.
wo ich lebe“, sagt der 55-Jährige. sagt der Leiter des Mobilen Medi- haben andere Dinge im Kopf als eine kleine Wunde gehabt, nichts „Seither hat sich mein Leben auf der
In Köln leben etwa 2000 Men- zinischen Dienstes, Hans-Georg Hygiene“, sagt Brückner. Doch ge- Schmerzhaftes. Damals, sagt er, Straße um 180 Grad gedreht.“
schen ohne Wohnung. Das bedeutet:
keine eigene Toilette, keine Dusche,
keine Waschmaschine. Hygiene wird
zur täglichen Herausforderung. So-
ziale Einrichtungen versuchen, dem
Problem entgegenzuwirken.
Ein Anlaufpunkt für Wohnungs-
lose ist das Obdachlosenzentrum
Gulliver am Hauptbahnhof. Etwa
150 kommen am Tag hierher, dar-
unter auch Peter. „Ich versuche, mich
täglich zu duschen, zu rasieren und
meine Kleidung zu waschen“, sagt er
mit seiner rauen, tiefen Stimme.
50 Cent muss er bei Gulliver zah-
len, um zu duschen. Dafür bekommt
er ein Handtuch und Duschzeug
dazu. Ein Waschgang mit Trocknen
kostet ihn genauso viel. Bisher habe
sich noch niemand über den Preis
beschwert, so Stella Brückner von
der Obdachlosenstation. „Die Kun-
den schätzen die Sauberkeit unserer
sanitären Anlagen“, sagt die Sozial-
arbeiterin. Zweimal am Tag wird bei
Gulliver komplett durchgeputzt.
Bevor es das sanitäre Angebot der
sozialen Hilfseinrichtungen gab, hat
Peter häufig öffentliche Toiletten
oder die von Fastfood-Filialen be-
nutzt. Da hat er sich - so gut es eben
ging - im Waschbecken gewaschen. Draußen W
Wer länger als drei Wochen auf der Straße lebt, ist nicht mehr gesund, sagt Hans-Georg Kimont. Foto: James Fischer

Der Tod riecht rostig


Tatortreiniger Sven Cremer kommt, wenn die Polizei weg ist — er putzt, wo andere gestorben sind
Tatortreiniger
Von Jonas Jansen reißt er die Tapete ab oder desinfi- immer froh über professionelle zuständig für die Hinterlassenschaft Nacht eine Wohnung von Blut be-
ziert das gesamte Haus. Beim Auf- Hilfe.“ der Toten, die keine Verwandten freien. „Wir können die Angehöri-

D as erste Mal war das schlimms- räumen ist der 33-Jährige vorsichtig,
te. Sven Cremer kam in die denn Blut oder Exkremente können
Wohnung und sah das Blut: auf dem Krankheiten übertragen. „Der Hepa-
Und mehr Geld gibt es auch. Der
Stundenlohn beim Gebäudereinigen
liegt bei 25 Euro, bei der Tatortreini-
mehr haben.
Diskretion und Flexibilität sind
unerlässlich: Keine Werbung auf
gen schlecht warten lassen.“
Was Cremer mit der Zeit erst
lernen musste, ist das Gespräch mit
Sofa, im Treppenhaus, im Bad. Eine titis-Erreger bleibt auch im getrock- gung kann Cremer 80 bis 120 Euro dem Auto oder der Berufskleidung, den Angehörigen. „Man fährt nicht
junge Frau hat- neten Blut noch pro Arbeitsstunde verdienen. Dieses 24 Stunden am Tag erreichbar sein. einfach weg, wenn die Arbeit ge-
te sich die Puls- Viele Angehörige sieben Tage“, sagt Geschäft würde er gerne ausbauen. Oft muss der Tatortreiniger über tan ist. Viele fangen von selbst an
schlagadern auf- entfernen Blut und Cremer. Deshalb Seit Anfang des Jahres hat er zu erzählen, was passiert ist, andere
geschnitten. Ihr schützt er sich mit neun Aufträge bekommen. Sven suchen nur nach Zerstreuung und
Vater öffnete ihm
Exkremente selbst. einem Ganzkör- Cremer reinigt Tatorte etwa in ei- wollen über Alltägliches reden.“
die Tür. „Er blieb per-Schutzanzug, nem Umkreis von 150 Kilometern. Eine Wohnung, die Cremer sau-
ganz ruhig. Aber mir standen die Handschuhen und Mundschutz. „Es lohnt sich nicht, sich auf Köln ber gemacht hat, gehörte einer
Nackenhaare hoch“, erinnert sich „Man sollte sich nicht einen Eimer zu beschränken“, sagt er. Manchmal 80-Jährigen, die sich umgebracht
Cremer. Desinfektionsmittel kaufen und sa- suchten Auftraggeber auch extra hatte, um nicht ins Altenheim zu
Sven Cremer reinigt Tatorte in gen: Hurra, jetzt bin ich Tatortrei- Firmen aus anderen Städten, wegen müssen. „Diese Geschichte ging mir
Köln und Umgebung. Wenn die niger.“ Trotzdem würden noch viele der Diskretion. „Die Angehörigen wirklich nah“, sagt er. Auf andere Ge-
Kriminalpolizei weg und die Woh- Angehörige oder Hausmeister Blut wollen mich nicht unbedingt auf der danken bringen ihn dann seine Hun-
nung freigegeben ist, dann kommt und Exkremente selber entfernen. Straße wiedertreffen.“ de: „Die schnappe ich mir abends
er – zum Saubermachen, Desinfizie- Sven Cremer betreibt seit fünf Neue Aufträge zu werben, sei und gehe zwei Stunden spazieren. So
ren und Entrümpeln. Meistens sind Jahren eine Gebäudereinigungsfir- schwierig. „Wir können ja keine An- bekomme ich den Kopf frei.“
es Selbstmorde oder Unfälle, deren ma mit sechs Mitarbeitern, die Tat- zeige in der Zeitung schalten“, sagt Doch eins, das bleibt: der Ge-
Spuren Sven Cremer entfernt. ortreinigung ist ein Nebengeschäft. er. Deshalb heiße es Klinkenputzen ruch. Den habe er nach Stunden
Mindestens viereinhalb Stunden Damit angefangen hat er vor zwei bei Bestattern und Werben auf der noch in der Nase. „Wenn ich nur
dauert die Säuberung, es können Jahren. „Da zu putzen, wo ande- eigenen Internetseite. Auch beim daran denke, kommt er zurück.
aber auch acht werden. Je nachdem, re gestorben sind, fasziniert mich. Ordnungsamt fragt Cremer an, ob Desinfektor
fektor Sven Cremer
fektor Für mich riecht der Tod irgend-
wie stark die Wohnung verdreckt ist, Außerdem sind die Angehörigen es Tatorte zu reinigen gibt. Das ist Foto: Klöckner wie rostig.“

Drecksblatt
Seite Vier Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft

Die Jäger des wilden Mülls


Fahndung Zwei Mülldetektive suchen in Köln nach illegalen Deponien
Von Leonard Goebel Ford Fiesta durch die Straßen der adressierter Briefumschlag, den die fünfzehn, zwanzig Mal“, sagt er.
Stadt. Sie halten Ausschau nach beiden aus dem Müll fischen. „Ach komm“, sagt Ralf. „Vielleicht

E s ist ein Zufallstreffer. Massen- Müll, der illegal entsorgt wurde. Oft Diesmal hilft das Handy. Ralf hat
weise blaue und gelbe Säcke, bekommen sie auch Hinweise von herausgefunden, dass der Hausbesit-
Holz, Kartons, ein Straßenschild, Bürgern und der Straßenreinigung. zer für die neu eingezogenen Mieter
zehn“. Sie beginnen nachzurech-
nen: Kabel Eins, Vox, WDR, ZDF,
Pro Sieben, RTL. Teilweise waren
ein Teppich. Obendrauf ein Paar Es ist an diesem Tag bereits der zusätzliche Mülltonnen beantragt die Fernsehleute mehrfach da. Und
Handschuhe und ein brauner Le- dritte Fall für Ralf und Dieter. Die hatte, aber wohl zu spät. Die drei nicht zu vergessen der südkorea-
derkoffer. Daneben drei übervolle ersten beiden wa- Tonnen vor dem nische Sender, der in einer Serie
schwarze Tonnen. Es stinkt. Der ren schnell gelöst. Ralf fotografiert den Haus wurden zu- ungewöhnliche Berufe im Ausland
Boden ist klebrig. Aus einer Plastik- „Das hier ist schon Tatort, Dieter kauft dem falsch befüllt vorgestellt hat. Mülldetektive kennt
tüte ist Apfelsaft ausgelaufen. eine größere Sa- und deshalb von man nicht in Südkorea. Ralf und
Ralf betrachtet den Haufen, der che“, sagt Dieter,
sich erstmal ein Twix. der Müllabfuhr Dieter einigen sich auf zehn bis
vor einem Mehrfamilienhaus zwei während er die nicht mitgenom- fünfzehn Drehtage.
Parkplätze und einen Teil der Kalk- Klingelschilder des frisch renovier- men. „Klar, dass die Mieter ihren Ihre Runde führt an diesem Tag
Mülheimer-Straße bedeckt. „Das ten Mietshauses betrachtet. Er sucht Müll nicht in der Wohnung stehen durch die Straßen und Gässchen
sind so viereinhalb Kubik, oder?“, nach einem Hinweis auf den Haus- lassen“, schließt Ralf. Würde er ja von Deutz, Kalk, Mülheim und
fragt er seinen Kollegen. Dieter meister. Ralf telefoniert inzwischen auch nicht machen. Vingst. Eine typische Strecke. „In
nickt und schiebt mit dem Fuß Un- im Auto, um den Hausbesitzer zu Wie der stinkende Haufen ent- Lindenthal oder Sülz sind wir fast
rat zusammen, damit die Radfahrer ermitteln. fernt wird, ist aber immer noch un- nie“, sagt Dieter. „Kommt eben auch
vorbeifahren können. „Illegale Nut- Im Jahr 2008 haben die beiden klar. Ralf greift erneut zum Handy. auf die Gegend an.“
zung öffentlichen Straßenraums“, 185 Fälle von wildem Müll festge- Dieter geht zum Kiosk und kauft Als sich die beiden auf einem
murmelt er. stellt. Genug Haus-, Sperr- und Bio- eine Cola und ein Twix. Als er wie- Waldparkplatz umsehen, einer Stan-
Ralf und Dieter sind die Kölner müll, um knapp 6000 Badewannen derkommt, macht Ralf schon die dardstelle für illegalen Müll, erzählt
Mülldetektive. Seit zwei Jahren fah- zu füllen. 102 Mal konnten Ralf und Beweisfotos vom Tatort. Die Ent- Dieter von ihrem größten Fall: „Wir
ren sie im Auftrag der Abfallwirt- Dieter den Verursacher ermitteln. sorgung hat er so gut wie geklärt. haben einen Hinweis bekommen,
schaftsbetriebe mit ihrem silbernen Manchmal genügt dazu schon ein Der Vermieter muss nur noch den dass man bei Google Earth eine wil-
Auftrag für die AWB erteilen. Mit de Mülldeponie sehen würde. Erst
rund 250 Euro Abholgebühr ist die haben wir das gar nicht geglaubt.“
Sache für ihn erledigt. Aber tatsächlich: Auf dem Com-
Ralf und Dieter sind zufrieden. puterbild erkannten sie deutlich die
„Wir wollen ja nicht bestrafen, das vielen leuchtend blauen Säcke. „Als
bringt uns nichts. Wir klären die wir hinfuhren, war da ein riesiger
Leute lieber auf.“ Ralf verstaut die Graben voll Hausmüll. Sechzig bis
Kamera. Ihr Auftrag ist erfüllt. achtzig Meter lang und zwanzig,
Den Rest macht die Straßenrei- dreißig Meter tief“, sagt Dieter. Über
nigung, bei der Ralf und Dieter bis Monate war dort illegal Hausmüll
vor zwei Jahren noch als Müllwa- entsorgt worden. Der Abtransport
genfahrer gearbeitet haben. Doch dauerte zwei Tage.
dann kam eine interne Ausschrei- Auf der Rückfahrt schreibt Dieter
bung - jetzt sind sie Detektive. Das das Protokoll. Ralf fährt. Nach zwei
bringt zwar nicht mehr Geld, aber Jahren Ford Fiesta hat man sich auf
mehr Eigenverantwortung, meint einander eingestellt. „Am Anfang
Ralf. Und mehr Aufmerksamkeit. gab es häufig Meinungsverschie-
Er und sein Partner waren schon denheiten“, sagt Ralf. „Inzwischen
mehrfach im Fernsehen. „Ich zähl ergänzen wir uns gut. Das ist wie ne
Auf der Jagd Dieter und Ralf schießen Beweisfotos von einem illegalen schon gar nicht mehr“, sagt Ralf. Ehe.“ Dieter nickt. Dann beißt er in
Müllberg auf der Straße. Foto: AWB Dieter schon. „Das waren bestimmt sein Twix.

Die Wodkaflasche im Aschehaufen


Grillen In Kölner Parks braten Tausende ihr Steak, aber nur wenige räumen auf
Von Bastian Brinkmann oniert das, die behandeln ihre Treff- Feuer ist ebenso untersagt wie das nigen 16 Parks und Wiesen. Am Besenrein Viele Menschen ma
punkte pfleglich“, sagt Richter. In Grillen im Botanischen und Forst- stärksten verschmutzt sind regel- Schmuddelstadt bekannt. Dami

W enn das Wetter gut ist, kom-


men Tausende in die Kölner
Parks. „Wir erleben in Köln eine
den Kölner Parks sieht es aber sams-
tagnachts schlimm aus: Besonders
betroffen ist der Volksgarten, wie die
botanischen Garten, im Stadt-
garten, im Rheingarten und im
Rheinpark. Wer legal grillt, aber sei-
mäßig das Gebiet um den Aache-
ner Weiher, der Olof-Palme-Park
in Chorweiler und der Volksgarten.
sind 609 Straßenreiniger damit
ten. Außer ihnen kämpfen Ordn
deckte Ermittler gegen den Unr
Mediterranisierung“, sagt Claus Chronik unten zeigt. nen Müll liegen lässt und dabei von Im Durchschnitt gibt es pro Jahr
Richter vom Grünflächenamt. Grillen unterliegt strengen der Grillstreife des Ordnungsamts zwanzig solcher Einsätze, gesam-
Immer mehr Kölner wollen drau- Spielregeln mit Bußgeld bis zu erwischt wird, muss zahlen. Eine melt werden etwa 400 Kubikmeter
ßen zusammen essen und trinken. 500 Euro. Mindestens einhundert Strafe, die offenbar nicht abschreckt Müll. Das kostet rund 200 000 Euro,
Italienische Verhältnisse – nur gibt Meter muss der Grill von Häusern – das beweist die Müllmenge. finanziert durch die Müllgebühren.
es auf dem Kölner Rasen Bier und und Bäumen entfernt sein. Ein- Die Arbeit der Müllabfuhr be- Der Auftrag kommt vom Grünflä-
Würstchen statt Wein und Bru- weggrills sind verboten, weil die ginnt Sonntagmorgen um sechs. chenamt, das zusätzlich Ein-Euro-
schetta. „Bei den Südländern funkti- den Rasen verbrennen. Offenes Die Abfallwirtschaftsbetriebe rei- Jobber die Parks reinigen lässt.

Ein Wochenende im Volksgarten


Volksgart
W enn im Sommer samstags die
Sonne scheint, geht Frank
Hausmann um 14 Uhr durch seine
chen, Kohlen und Marihuana. Doch
Hausmann bleibt nicht gefrustet in
seiner Wohnung: „Ich gehe einfach
E inige Stunden später sieht der
Volksgarten aus wie ein Schlacht-
feld: Kippenstummel, Steakverpa-
Wohnung und schließt die Fenster. auch grillen“, sagt er. ckungen und Kronkorken liegen im
Der Student wohnt in der Volks- Die Studenten grillen, genießen Gras. In einem Aschehaufen steckt
gartenstraße und somit in der Ein- das Wetter und schalten ab vom eine Wodkaflasche. Kubikmeter von
flugschneise des Rauchs, der von Unistress. Dabei dauert es nicht lan- Müll, die irgendjemand wegräumen
den Besuchern des Volksgartens ge, bis sich rund um ihre Decken und muss. Doch darum scheren sich die
aufsteigt. Es riecht nach Würst- Grillplätze Müllhaufen auftürmen. Griller einen Dreck.

Drecksblatt
Jahrgang Zweitausendacht Seite Fünf

Die Straßenkosmetiker
Kehrmännchen Sie machen Drecksarbeit — und doch haben sie es gut
Von Jan Willmroth sich gerade lauthals, weil dem einen kann mich nicht beklagen“, sagt der Wert auf Weiterbildung legt das
heute ein Fahrer fehlt. „Ein norma- 59-Jährige. Sein Job sei deutlich bes- Unternehmen aber nach wie vor.

L eichte Tropfen fallen vom Him-


mel. In die dunkelgraue Stille
der Morgendämmerung mischt sich
ler Bürojob ist das hier nicht“, sagt ser als der in der Schreinerei, in der
Niederstein. „Hier feilscht jeder um er vorher war. Danach zwei Jahre ar-
seine Fahrer.“ Schnell ist klar, was er beitslos, das hielt er nicht aus. Neu-
Wer kehrt, kann eine Ausbildung
zum Berufskraftfahrer machen und
nach und nach weitere Prüfungen
nur das Geräusch einer S-Bahn und meint: „Ich schmeiß‘ dich gleich aus maier ist zufrieden am Besen – allein, ablegen. Alle zwei Jahre schicken die
zweier LKW, die Supermärkte mit dem Fenster, aber denk nicht, dass er wünscht sich mehr Respekt aus AWB zwei Betriebshof-Mitarbeiter
frischem Gemüse beliefern. Der ich‘s vorher öffne!“, ruft einer. der Bevölkerung. „Manchmal wird in ein Bildungszentrum nach Duis-
Regen klebt Zeitungen, Werbeblätt- „Kehrmännchen“ – so nennen die man wie Dreck behandelt“, sagt er. burg, wo sie zu Städtereinigungs-
chen und Fastfood-Verpackungen AWB die Straßenkehrer liebevoll. Vor allem an Karneval. meistern ausgebildet werden. So wie
auf dem Bürgersteig fest – Spuren Kurz vor sechs leuchtet ihr Auf- Straßen fegen und Müll aufsam- Ütken und Niederstein.
des Vortags, die Augenringe der enthaltsraum so grell im Orange meln hat nach wie vor ein Image- Hinzu kommt, dass die Zahl der
Straßen. Um fünf Uhr in der Früh der Overalls, dass Problem. Davon Mitarbeiter kaum schwankt. „Wer
schläft die Stadt noch, das Indus- die Neonröhren Angelernte Straßen- ist auch Özer einmal hier gelandet ist, hat einen
triegebiet in Braunsfeld ist so men- überflüssig wä- kehrer verdienen mehr Ütken überzeugt, sicheren Job“, sagt Gruppenleiter
schenleer wie die Bahnen. ren. Etwa hundert zuständig für Ma- Niederstein. Betriebsbedingte Kün-
Im Betriebshof der Abfallwirt- Kollegen, die sich
als manche Handwerker
Handwerker. schinen und Ge- digungen hat das Unternehmen bis
schaftsbetriebe (AWB) aber füllen munter unter- räte. „Früher hat 2018 ausgeschlossen. Und schon
sich um diese Zeit die Parkplätze halten, warten auf ihre Einteilung. man seinen Kindern gesagt: Wenn ein angelernter Straßenkehrer ver-
und Umkleidekabinen: Wer Kölns Schnell spulen die drei Gruppen- du nicht zur Schule gehst, wirst du dient mehr als manch ausgebilde-
Straßen reinigt, ist Frühaufsteher. leiter Namen herunter, die orange- Müllmann. Diese Geringschätzung ter Handwerker: an die 2000 Euro
Städtereinigungsmeister Gottfried nen Straßenkosmetiker schwärmen gilt immer noch“, sagt er. Wobei brutto, dazu noch Urlaubs- und
Niederstein ist seit zwanzig vor vier aus, der am Morgen festgeregnete Straßenkehrer nicht unbedingt sol- Weihnachtsgeld; sämtliche Klei-
auf den Beinen. Frisch rasiert, die Müll und die frischen Hundespuren che bleiben: Ütken hat 1991 mit dung und Ausrüstung stellt die Fir-
kurzen schwarzen Haare gegelt, das müssen runter von den Straßen und dem Besen angefangen und sich ma. Als Stadtwerke-Tochter sind die
graue AWB-Hemd sauber gebügelt. Bürgersteigen. dann im Betrieb weitergebildet. 18 AWB auf Umwegen noch städtisch.
Niederstein ist Einsatzgruppenleiter Das ist auch die tägliche Aufga- Jahre später ist er stellvertretender Für alle Angestellten gilt nach wie
für den Großraum Nippes. Jeden be von Udo Neumaier. Er ist eines Betriebshofleiter. „Etwa 80 Prozent vor der Tarifvertrag des öffentlichen
Morgen teilt er rund 40 Kehrer und der 609 Kölner Kehrmännchen und der Kollegen auf Leitungsebene ha- Diensts. Und nicht zuletzt hat das
Fahrer auf sechs Stadtteile auf. Eine fegt seit 24 Jahren. Früher im Dienst ben sich hochgearbeitet“, schätzt er. frühe Aufstehen auch Vorteile: Um
nervenaufreibende Sache: Die bei- der Stadt, seit 2001 im Namen der Heute sei das nicht mehr so leicht, 14 Uhr ist Feierabend – und die
den anderen Gruppenleiter streiten damals neu gegründeten AWB. „Ich die Anforderungen seien gestiegen. Straßen sind sauber.

Einmal spucken fünfzig Euro


Sauberkeit Wer sich in der Stadt wie ein Schmutzfink
tzfink verhält, muss hohe Str
Strafen zahlen
Von Jennifer Lange konnten wir den Quittungsblock in Klein 5424 Knöllchen
der Hand behalten, heute erwischen verteilt und damit Das kostet der Spaß
R auchend sitzt eine Gruppe Ju- wir pro Schicht nur noch acht bis rund 413 000 Euro in Euro
gendlicher auf einer Mauer am zehn Leute.“ eingenommen. Das Kippe wegwerfen 25
Bahnhof. Ihre Zigarettenkippen Die Schicht von Dennis Steidl decke die Kosten für Kaugummi ausspucken 25
werfen sie achtlos auf den Gehweg. und Stephan Köppe beginnt um die Kontrolleure in Fast-Food-Verpackung liegenlassen 35
Überrascht gucken sie sich an, als 7.30 Uhr. Zu zweit laufen sie acht Höhe von 5,9 Milli- Wildpinkeln 35
plötzlich zwei Männer in grau- Stunden bei jedem Wetter durch die onen Euro zu sieben Spucken 25 bis 50
er Kleidung vor ihnen Hohe Straße, die Schildergasse und Prozent. Zeitung liegenlassen 35 bis 80
stehen. Einer zückt die Breite Straße. Bis zu acht Mal „Die meisten Bür- Hundekot nicht entsorgen 35 bis 250
seinen Quittungs- machen sie die Runde. Dabei ach- ger zeigen sich nach Quelle: Ordnungsamt
Block: „Das macht ten sie besonders auf die Hände der kurzer Zeit einsich-
dann 25 Euro.“ Passanten und die Ladeneingänge, tig“, sagt Köppe. „Wir
Dennis Steidl so Köppe. „Viele Frauen schmeißen hören aber auch immer wieder dass sich jemand lieber prügeln will,
und Stephan Köppe ge- ihre Zigarette einfach hin, wenn sie herzzerreißende Ausreden. Viele als 25 Euro zu bezahlen, sind die
achen viel Dreck: Köln ist als hören zu den 120 Kontrolleuren des im Laden ein tolles Kleidungsstück haben sich angeblich gerade an ih- beiden mit Handschellen und ei-
it sie nicht im Müll untergeht, Ordnungsamts der Stadt Köln. Um entdecken.“ rer Zigarette verbrannt.“ Wenn die nem Pfefferspray bewaffnet.
beschäftigt, Köln sauberzuhal- die Innenstadt sauber zu halten, hat Um überhaupt eingreifen zu kön- Passanten nicht sofort das Verwarn- Als Steidl und Köppe an einer
nungsamt, Grillstreife und ver- die Stadt in den vergangenen Jahren nen, müssen beide Männer die Tat geld bezahlen wollen, nehmen die Gruppe junger Männer vorbeilau-
rat in der Öffentlichkeit. immer mehr Kontrolleure einge- bezeugen können. Beim ersten Mal Kontrolleure die Personalien auf. Zu fen, ahmen diese Spuck-Geräusche
Foto: Klöckner stellt. Auch die Bußgelder wurden sprechen die Ordnungsbeamten ein behaupten man habe den Ausweis nach. „Diese Halbstarken wollen nur,
erhöht. Seit November 2006 kosten Verwarngeld von höchstens 35 Euro vergessen, hilft nicht. Dann rufen dass wir uns zu ihnen umdrehen und
Spucken, Verpackungen wegschmei- aus. Wenn sie dieselbe Person erneut die Kontrolleure die Polizei. „Wir sie uns dann auslachen können“, sagt
ßen oder Zeitungen liegen lassen erwischen, erstatten sie Anzeige. dürfen die Personen zwar auch an Steidl. „Wenn einer von ihnen nach
zwischen 25 und 80 Euro. Dann müssen die Betroffenen hohe die Wand drücken und nach ihrem diesem provozierenden Verhalten
Die Stadt sei seitdem allerdings Bußgelder zahlen (siehe Kasten). Ausweis durchsuchen, das wird aber wirklich spuckt, lassen wir ihn seine
wesentlich sauberer geworden, sagt Im Jahr 2008 hat das Ordnungs- meistens nicht von den Passanten Spucke mit einem Taschentuch auf-
Köppe. „Vor anderthalb Jahren amt laut Pressesprecher Thomas akzeptiert“, so Steidl. Für den Fall, wischen.“

I m Volksgarten kommt die Müllab-


fuhr Sonntagmorgen um kurz nach
sechs. „Viele Menschen haben heut-
Die werden wieder mitgenommen.“
Im Volksgarten träfen sich Studen-
ten und Altachtundsechziger. „Da
W ie jeden Morgen geht Grob
auch am Sonntag pünktlich
um acht Uhr durch den Volksgarten
zutage überhaupt keine Beziehung zu grillt die grüne Szene aus der Süd- und führt seinen Labradormischling
Sauberkeitsregeln mehr“, sagt Tho- stadt.“. Die Sammler kommen extra Ronja Gassi. Wenn er durch den
mas Rotsch, Leiter der AWB-Sam- früh am Morgen, damit Jogger und Park gehe, sei bereits alles wieder
melgruppe. Am schlimmsten seien Spaziergänger nicht durch Müllberge sauber – ausgenommen die Notdurft
zerbrochene Flaschen und Gläser. klettern müssen. Das freut auch den der Griller in den Büschen. „Das ist
„Uns sind Pfandflaschen am liebsten. Rentner Gregor Grob. eine Schweinerei“, sagt Grob.

Drecksblatt
Seite Sechs Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft

Wer muss, der muss Quatschen auf dem Klo


Römerzeit Ein Netz von Kanälen hielt Köln sauber
Toiletten
letten Ab in die Litfaßsäule
Von Patrick Kalbhenn sind Toiletten in Litfaßsäulen in- Von Christina Kyriasoglou näle ein und entfernten Laub und
tegriert. Diese reinigen sich nach Exkremente. Die Kosten wurden auf

D er Eingang in hellem Sand- jeder Benutzung automatisch und


stein, die Trennwände in oran- müssen nur regelmäßig gewartet
gefarbenem Glas, die Armaturen aus werden. Die Bezirksvertretungen
D rei Treppen führen in die Tiefe.
Neuneinhalb Meter unter der
Erdoberfläche ist es kalt und feucht.
die Bürger umgelegt. „Bei den Rö-
mern waren die Städte zentral orga-
nisiert. Das machte es möglich, die
weißer Keramik. Wären da nicht das entscheiden, wo eine öffentliche Der Boden ist uneben, an einigen Pflege der Tunnel zu koordinieren“,
Notausgangsschild und die Vielzahl Toilette errichtet werden soll. Die Stellen tropft es von der Decke. Hier sagt Hellenkemper. Solche Struktu-
an Toilettenschüsseln, man könnte Betreiberfirma JCDecaux stellt unter der kleinen Budengasse liegt ren existierten danach lange nicht
soeben auch die Suite des benach- die Anlage auf, kümmert sich um das älteste Kanalstück Kölns. Es ist mehr. In Köln gab es erst wieder ab
barten Dom Hotels betreten haben. Reinigung und Wartung. Dafür 1900 Jahre alt. 1880 ein zentrales Abwassersystem.
Das Vorzeige-WC an der Südseite darf das Unternehmen Werbeta- Der Tunnel, 150 Meter lang und Im Mittelalter verfielen die Kanäle,
des Doms ist stark feln im Stadt- bis zu 2,50 Meter hoch, ist die letz- das Abwasser wurde einfach auf die
frequentiert und Am Hauptbahnhof hat gebiet auf- te Abwasserleitung des römischen Straße gekippt. „Deswegen gab es so
dennoch rein. Die stellen. Diese Kölns, die heute noch erhalten ist. viele Seuchen“, sagt Hellenkemper.
McClean ein Monopol.
Kölner Außen- wiederum kön- Zur Römerzeit führte sie unter der Bei den Römern war nicht zu
werbung GmbH nen von an- Stadtmauer hindurch nach Osten in befürchten, dass das Abwasser das
verlangt im Auftrag der Stadt für die deren Unternehmen angemietet den Rhein. Die Leitung gehörte zu Trinkwasser verdrecken könnte.
Benutzung 50 Cent. werden. „Die Kommune möchte dem unterirdischen Abwassernetz, Beides kam nicht miteinander in
Öffentliche Toiletten müssen nicht neue Toiletten, wir möchten gute das die Römer im ersten Jahrhun- Berührung. „Das Grundwasser in
eklig sein. Im Hauptbahnhof be- Werbeflächen vermieten“, sagt dert gebaut haben. Die neun gro- Köln lag zu der Zeit zwischen zwölf
treibt die Schweizer Firma McClean ein Decaux-Sprecher. Vorteil für ßen Stammkanäle waren insgesamt und fünfzehn Metern tief, die Kanä-
die WC-Anlage. Auch Duschen die Stadt: Für den Bau entstehen vier Kilometer lang. Zum Vergleich: le maximal drei bis vier Meter.“
und Windeln wechseln ist hier 24 keine Kosten. Die Nutzer zahlen Heute verlaufen unter der Stadt Unteridrisch Ein Besucher im Rö- Auch das Schmutzwasser aus den
Stunden am Tag möglich. Mit sie- 50 Cent. 2385 Kilometer Leitungen. merkanal. Foto: Kalbhenn öffentlichen Toiletten der Römer
ben Euro für die Körperpflege und Auch in Kölner Einkaufszent- „Besonders bei der Hygiene wa- floss in die Kanäle. Nur sehr vorneh-
einem Euro für den Toilettengang ren findet man saubere Toiletten. ren die Römer fortschrittlich“, sagt Die Römer bauten Gullys für das me Leute hatten ihr eigenes stilles
sind jedoch Höchstpreise zu zahlen. In den Köln Arcaden ist ein klei- Hansgerd Hellenkemper, Direktor Regenwasser. Viele Wege und Plät- Örtchen. Für die einfachen Bürger
McClean hat am Hauptbahnhof ner Obolus keine Pflicht, wird aber des Römisch Germanischen Muse- ze waren schon damals gepflastert waren die Latrinen ein Ort der Ge-
das Monopol, Geschäfte und Res- dankend angenommen. Ähnlich ums. Die Kanäle machten die Stadt und dort, wo heute die Hohe Stra- selligkeit und der Entspannung. „Die
taurants haben keine frei zugängli- das Bild im DuMont-Carré: Ge- sauberer und viele Krankheiten ße verläuft, war der Weg komplett Leute haben in aller Ruhe neben-
chen Toiletten. Wer muss, muss zu pflegte Toiletten, aktive Reini- konnten sich gar nicht erst verbrei- überdacht. „Das Wasser hätte sich einander gesessen und gequatscht.“
McClean. gungskräfte, keine Gebühren. ten. Die Lebenserwartung war so sonst angestaut und die Straßen ge- Wo diese Latrinen für die 15 000
Ein anderes Geschäftsmodell ist Pinkeln im Freien kann dage- hoch wie erst Anfang des 20. Jahr- flutet“, sagt Hellenkemper. Einwohner gestanden haben, weiß
vorwiegend in der Innenstadt zu fin- gen teuer werden: Wer erwischt hunderts wieder: Sie lag bei etwa 40 Damit die Leitungen nicht ver- Hellenkemper nicht: „Danach suche
den: Auf Plätzen oder Bürgersteigen wird, muss 20 Euro zahlen. Jahren. stopften, stiegen Arbeiter in die Ka- ich seit 35 Jahren.“

Rote Punkte gegen den Dreck


Schandflecken Wie das Unortkataster auszog, die Welt zu retten
Von Julia Hübner über die „Mutter aller Unorte“ online Wer im Unortkataster stöbert, be- in die Arbeit der Verwaltung einflie-
im Kölner Unortkataster. Unter an- kommt ein schlechtes Bild von der ßen können.“

W as ein abstoßender Bahnhof


alles braucht, wird jedem Köl-
ner am Bahnhof Ehrenfeld klar – so
derem stört ihn „Uringestank, jede
Menge Müll und die unglückliche
Kombination aus Vandalismus und
Stadt. Die Straßen der Südstadt sind Dass die Beteiligung der Bürger
„ein Gesamtkunstwerk der Kaugum- so stark abgenommen hat, liegt nach
mientsorger“, die Hohe Straße ist Meinung des Projektleiters „haupt-
beginnt „Aldizwerg“ seinen Eintrag. der Weigerung, dessen Folgen je- „ein Tunnel aus Betonklötzen“. Der sächlich daran, dass die Stadtspitze
Der empörte Kölner beklagt sich mals zu beheben“. In kürzester Zeit Vorgebirgspark dient als „öffentliche die Zusage, eingetragene Probleme
stimmten zehn User Aldizwergs Be- Hundetoilette“ und der Bahnhof zu klären, nicht eingehalten hat“.
schwerde zu. Longerich ist in einem „grausamen Fragt man bei der Stadt nach dem
Das war im Oktober 2008, einen baulichen Zustand“ – das sind nur Kölner Unortkatster, hört man Din-
Monat nach der Gründung des In- vier von über 360 Beschwerden. ge wie „Das was? Nie gehört“ oder
ternetportals www.unortkataster.de. Die Gründer des Katasters hatten „Das sagt mir jetzt leider nichts“.
Dort können Kölner auf einer Stadt- große Ziele: Das Unortkataster soll- Jürgen Müllenberg, Pressesprecher
karte Unorte, also Schandflecken im te ein neues Be- der Stadt Köln,
Stadtbild, durch rote Punkte kenn- wusstsein für das Das Unortkataster kann mit dem
zeichen. Sie können erklären, warum Erscheinungsbild zeigt Köln von seiner Begriff etwas
es sich um einen Unort handelt, und Kölns schaffen. anfangen: „Das
Bilder oder Videos hinzufügen. An- „Es sind ganz vie-
schlechtesten Seite. Problem bei dem
dere User können das kommentieren le kleine Dinge, Unortkataster ist
und miteinander diskutieren. die jeder einzelne vielleicht verbes- die Holschuld“, erklärt er. Die Stadt
sern kann“, erklärt Projektleiter Jan hat keine zuständige Stelle, die nach
Hopmann. Beschwerden im Internet sucht und
Nach einem Jahr muss er jedoch Kritikpunkte an zuständige Stellen
die traurige Bilanz ziehen, dass nicht weiterleitet. „Es fehlt der Zwischen-
nur das Kölner Stadtbild, sondern schritt“, meint Müllenberg. „Jemand
mittlerweile auch das Unortkataster müsste die Unorte sortieren und an
vernachlässigt wird. Im ersten Halb- die richtigen Stellen weiterleiten.“
jahr 2009 wurden erst 21 Unorte ein- Dem will Hopmann jetzt entge-
getragen oder kommentiert. Als das genkommen. Zukünftig soll jeder
Kataster im September 2008 eröff- neue Eintrag als E-Mail an die je-
net wurde, waren es allein im ersten weils zuständige städtische Stelle
Monat 180 Einträge. Oberbürger- weitergeleitet werden. Denn die
meister Fritz Schramma versprach Unorte sollen einmal zu sogenann-
damals: „Im Gegenzug werden wir ten Schönorten werden, die dann als
Unorte Dreckiger Bahnhof Longerich, Kaugummiplatte am Friesenplatz, kaputter Bahnhof Ehrenfeld, uns dann darüber unterhalten, wie grüne Punkte auf der Karte des Ka-
zubetonierte Hohe Straße, zugemüllter Breslauer Platz, Hundehaufen im Mediapark (von links oben). die Ergebnisse des Unortkatasters tasters erscheinen.

Drecksblatt
Jahrgang Zweitausendacht Seite Sieben

Die Luftverbesserer Piraten der Stadt


Müllverbrennung 700 000 Tonnen werden jährlich vernich- Pfandsammler Aus Müll wird Fleisch
Von Ozan Demircan Tüten, ihre Bierflaschen legen sie
daneben.

W er Joachim mit seinem


Cordsakko und
schwarzen Halbschuhen über die
den
„Die wissen, dass wir kommen“,
sagt Charlie, mit Zigarette zwi-
schen den Lippen. Er trägt dreckige
Ringe laufen sieht, würde nicht Sportschuhe, eine ausgewaschene
denken, dass er ein Pfandpirat Jeans und eine löchrige Sportjacke,
ist – wäre da nicht der Einkaufs- die auf der linken Seite ausgebeult
wagen mit den leeren Flaschen, ist. In der rechten Hand hält er eine
den der 53-Jährige vor sich her Einkaufstüte von Lidl. Nein, eine
schiebt. Er schaut ständig nach Wohnung habe er momentan nicht,
links und rechts, wie jemand, der sagt Charlie.
durch die Supermarktreihen geht Mit schnellen Schritten geht er
und sein Müsli sucht. auf die Griller zu, während sie ihre
An der Disco „Klapsmühle“ Rucksäcke schultern. „Noch zwei
geht er auf die Warteschlange Minuten, und ein anderer hätte die
zu. Jugendliche drehen sich zu Flaschen mitgenommen.“ Nicht alle
ihm um, einige geben Joachim tun Charlie den Gefallen, ihre Fla-
ihre leeren Bierflaschen. „Danke schen liegen zu lassen und schmei-
Jungs, gebt mir auch noch die von ßen sie weg. „Ich hätte auch kein
der Fensterbank hinter euch.“ In Problem, im Müll zu suchen.“
Kraftwerk Die AVG erzeugt aus Müll Strom für eine Viertelmillion Kölner. Foto: AVG Mülleimern sucht Joachim nie An einem guten Samstagabend
nach Flaschen. „Das machen nur nimmt er hier locker 150 Flaschen
Von Christoph Behrens Umgebungsluft in Köln“, sagt Jakob. und sauber sieht er von außen aus, die Penner.“ So einer will er nicht mit. „Wenn meine Tüte voll ist,
„Eine Luftverbesserungsanlage also“, als würde man hier Medikamente sein, denn Joachim hat eine Woh- geh‘ ich sofort zu Rewe und hol‘

I n der Geestemünder Straße im flüstert ein grauhaariger Herr sei-


Kölner Norden stehen herunter- ner Frau zu und grinst. „Ein Viertel
gekommene Wohnblocks, Schorn- der 700 000 Tonnen jährlich dürfen
herstellen und nicht Dreck verbren-
nen. Ein Aufzug bringt die Besucher
25 Meter höher.
nung und bekommt Hartz IV. Er
sieht sich als Unternehmer: Das
Party-Volk wird seine Flaschen
mir das Geld.“ Charlie greift in
seine linke Innentasche und trinkt
einenSchluck Bier. Was er sich von
steine ragen in die Luft. Wer von der von außerhalb Kölns aufgenommen „Das ist ja gigantisch“, murmelt los, er bekommt das Pfand. „Wie dem Geld kauft? „Was zu trinken,
U-Bahn-Station Niehl nach links werden“, sagt Jakob weiter. Vor kur- eine Frau und fotografiert aus der sagt man in der Wirtschaft? Eine manchmal auch Kekse.“ Als Bettler
läuft, dem steigt ein süßlicher Müll- zem hätten die Italiener um Hilfe kleinen Kabine, in der die Grup- Win-Win-Situation.“ Etwa 30 sieht er sich und die anderen Pfand-
geruch in die Nase. Schwerbeladene gerufen, weil eine ihrer Deponien ins pe steht, in einen 50 Meter tiefen Flaschen liegen in seinem Wa- piraten allerdings nicht. „Wir halten
Lastwagen fahren Meer zu rutschen Schacht. Darin lagert ein Meer aus gen. Wie viele es am Abend sein wenigstens den Park sauber.“
vorbei. Über ei- Mafia ist ein gutes drohte. „Darauf- Müll. Wie ein Wasserfall stürzt müssen? „Unter 50 gehe ich nicht Derweil beendet Joachim gegen
nem grünen Zaun Stichwort, 20 Millionen hin zwang uns die ein stetiger Abfallstrom aus einer nach Hause.“ Mitternacht seine Pfandsuche. In
ragt ihr Ziel em- Bundesregierung, Seitenluke herein. Ein Kranfahrer Während Joachim weiter zieht, seinem Wagen liegen mehr als 60
por: Deutschlands
Euro sind weg. 200 0000 Tonnen packt den Abfall mit einem Stahl- lauert Charlie am Rand der gro- Flaschen. Warum ihm Hartz IV an-
modernste Müll- Müll aus Neapel greifer und lädt ihn in einen der vier ßen Wiese im Volksgarten. Nicht scheinend nicht reicht? „Ich will mir
verbrennungsanlage, grau und groß. aufzunehmen, krass gesagt: um die Ofenschächte. weit entfernt räumen die letzten auch mal was gönnen. Morgen gehe
Müllmänner sitzen rauchend vor italienische Mafia zu unterstützen.“ Die Besucher fahren tiefer, zum Grillgruppen ihren Müll in blaue ich ins Steakhaus.“
dem Besuchereingang. Es ist sehr Mafia ist ein gutes Stichwort, Reaktor. Eine Luke zeigt eine
heiß heute. wenn man bedenkt, dass für den Bau brennende Landschaft, in der eine
Drinnen empfängt eine angeneh- der Müllverbrennungsanlage etwa 1200 Grad heiße Flamme den Müll
me Kühle die Besucher der Führung. 20 Millionen Euro an Schmiergel- in seine Moleküle zerlegt. So muss
Alle 13 sind Rentner, bis auf einen, dern geflossen sind. Der damalige es im Inneren eines Vulkans ausse-
der ist Chemiker. Elke Jakob, die für Geschäftsführer der AVG wurde hen. Die Abgaswerte überwacht das
die Öffentlichkeitsarbeit der Ab- 2004 zu drei Jahren und neun Mo- Umweltamt mit einer unabhängigen
fallentsorgungs- und Verwertungs- naten Haft verurteilt, der Chef des Messstation. Den Grenzwert für
gesellschaft Köln (AVG) zuständig Anlagenbauers Steinmüller blieb Kohlenmonoxid etwa schöpft die
ist, begrüßt die Gruppe. Mehr als auf Bewährung auf freiem Fuß und Anlage gerade zu 3,4 Prozent aus.
45 000 Besuchern habe sie seit 1998 musste 44 500 Euro Strafe zahlen. Auf der Rückfahrt, in der U-Bahn
die Anlage gezeigt, sogar eine Dele- Der Verbleib der Schmiergelder ist ist ein Herr dennoch nicht so recht
gation aus Australien war schon hier. indes ungeklärt. überzeugt: „Die kann mir ja viel er-
„Die Luft, die unseren Schorn- Die Gruppe geht nun zum Ver- zählen. Ob ich das glaube, ist die an-
stein verlässt, ist sauberer als die brennungsofen. Merkwürdig steril dere Sache.“ Zubrot Eine Bierflasche bringt acht Cent. Foto: Vollmer

Wenn Fernseher im Fett schwimmen


Impressum
Kölner Journalistenschule
für Politik und Wirtschaft e.V.
Jahrgang 2008
Gebäudereinigung Die Kölner Heinzelmännchen putzen wieder Im MediaPark 6
50670 Köln

Von Svenja Kemper Bilderstöckchen. „Bei der Reinigung mit dem Ball hinfallen, hinterlassen wurden angelernt oder im Betrieb Redaktion
haben wir uns alle Kaffeepads vor sie Schweißflecken“, sagt Matticka. ausgebildet. Christoph Behrens

P
Marcel Berndt
lötzlich gab es einen Knall. Al- die Nase gebunden.“ Denn Kaffee Damit kein anderer Spieler darauf „Die Akzeptanz von Reinigungs- Bastian Brinkmann
tes Bratfett spritzte auf Laptops, neutralisiert Fettgestank. ausrutscht, stehen am Spielfeldrand kräften hat in den vergangenen Jahren Ozan Demircan
Fernseher und CD-Player. Im Le- Solche Sonderreinigungen sind zwei Heinzelmännchen bereit. stark zugenommen“, sagt Betriebs- Leonard Goebel
verkusener Saturn stank es wie in eine der Haupteinnahmequellen Die Firma ist ein Familienbetrieb, inhaber Alexander Brux. Vorurteile Julia Hübner
Jonas Jansen
einer ranzigen Frittenbude. Die Ver- des Unternehmens. Die Heinzel- 2007 aus den Reinigungsbetrieben gibt es aber immer noch. „Wenn in Patrick Kalbhenn
sorgungsrohre des darüberliegen- männchen reinigen Büroräume und von Hermann Brux und seinem einem Büro wichtige Unterlagen ver- Svenja Kemper
den McDonalds waren geplatzt, als Kaufhäuser, putzen Schaufenster Sohn Alexander entstanden. Im schwinden, heißt es oft: Die Putzfrau Jürgen Klöckner
Arbeiter das Fett aus den Leitungen und säubern Teppichböden. Zu ih- vergangenen Jahr haben die Kölner war es.“ Daher ist sein Unterneh- Sebastian Kollmann
Patrick Kremers
abpumpen wollten. Niemand hatte ren Kunden zählt neben dem Kölner Heinzelmännchen nach eigenen men besonders bei der Reinigung Christina Kyriasoglou
bemerkt, dass sie unter zu hohem Novotel und der Schuhkette Huma- Angaben einen Umsatz im ein- von Schreibtischen vorsichtig. „Wir Jennifer Lange
Druck standen. nic auch die Basketballmannschaft stelligen Millionenbereich erzielt vereinbaren vorher mit unserem Auf- Malte Laub
„So etwas ekliges hatte ich noch der Köln 99ers. und beschäftigen zur Zeit rund 300 traggeber, dass alle privaten Sachen Christoph Pagel
Tom Sundermann
nie gesehen“, sagt Susanne Mattik- Bei den Basketballern reinigen Mitarbeiter. Die meisten von ihnen vom Schreibtisch abgeräumt werden Peter Vollmer
ka, Betriebsleiterin der Reinigungs- die Heinzelmännchen während des sind Frauen, etwa 90 Prozent hat- müssen.“ Ist das nicht der Fall, wird Jan Willmroth
firma Kölner Heinzelmännchen aus Spiels das Feld. „Wenn die Jungs ten vorher einen anderen Beruf. Sie der Tisch nicht gereinigt.

Drecksblatt
Seite Acht Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft

Ein Königreich aus Schrott


Odonien Mitten in Köln hat Odo Rumpf einen Freistaat für Kunst und Kultur geschaffen
Von Patrick Kremers Odonien ist ein Freistaat für Kunst leute aus der großen Stadt gemacht,
und Kultur, 3000 Quadratmeter die sein Königreich bald für sich

D ie Fensterscheiben des Lei- groß, mitten in Köln-Ehrenfeld, ge-


chenwagens sind geborsten genüber dem Bordell Pascha. Unter
unter dem Druck der schweren Be- der Woche passiert vor allem Kunst,
entdeckten. Odonien ist heute über
Köln hinaus als Veranstaltungsort
bekannt. Genau das wollte Rumpf
tonplatten, die auf ihm liegen. Um an Wochenenden locken Partys und eigentlich vermeiden: „Odonien
ihn herum ein Haufen Schrott: alte Konzerte feierwütige Kölner auf das sollte nie bekannt werden.“
Reifen, verrostete Eisenstangen, ka- alte Bahngelände. Für ein bisschen Aber Odonien verbraucht Strom,
putte Zugräder – als wären sie zu- Geld erwerben sie an einem aus- Wasser und beschäftigt eine Se-
fällig vom Him- rangierten „Fisch- kretärin. Kurz: Es kostet Geld. Das
mel gefallen. Eine Überall stehen rostige und Wurstbrate- schwemmen die feierwütigen Groß-
tolle Kulisse für Skulpturen, die sich in rei“-Wagen ein städter an den Wochenenden in die
ein Musikvideo. Visum und dürfen Staatskasse. Ohne sie und ihr Geld
Ein paar Film- Wohlgefallen auflösen. die Staatsgrenze wäre Odonien heute nicht das, was
studenten wuseln passieren. Regeln es ist – auch wenn es ursprünglich
um den Wagen herum, etwas abseits gibt es kaum, nur Mobiltelefone und etwas anderes werden sollte. „Odo-
steht Odo Rumpf. „Diese Drehar- schlechte Laune sind per Gesetz nien ist eben organisch und entwi-
beiten gehen mir ziemlich auf den verboten. ckelt sich,“ sagt Rumpf.
Wecker“, sagt er und nickt zu den Gekonnt tänzelt Rumpf um die Noch gibt es auf dem alten Bahn-
Studenten. „Die hinterlassen immer Pfützen, die sich im Laufe des Tages gelände genug Platz für weitere
eine furchtbare Unordnung in Odo- auf Odonien gebildet haben. Vorbei Skulpturen. „Odonien steht offen
nien.“ an einem quietschgelben Lastenkran für junge Künstler“, sagt Rumpf.
Der Blick des Künstlers schweift und blauen Giftmüll-Tonnen, die Der Nachwuchs soll sich auspro-
über das große Gelände, das auch mitten auf dem Gelände gestapelt bieren und die Werke einem Publi-
ohne Dreharbeiten alles andere als stehen. Der König trägt ein weißes kum präsentieren können. Wie die
ordentlich wäre. Überall stehen ros- Polo-Shirt und graue, schulterlange Filmstudenten, die noch immer um
tige Skulpturen und alte Baustellen- Haare. Odo Rumpf ist 48 Jahre alt, den kaputten Leichenwagen wuseln.
fahrzeuge, die sich langsam in Wohl- er hat eine hohe Stirn und aufmerk- Freigeist Was tagsüber aussieht wie ein Schrottplatz, ist das Auch wenn sie Unordnung in seine
gefallen auflösen. Erst beim zweiten same Augen. Vor einem verrosteten Lebenswerk von Odo Rumpf. Foto: Vollmer Ordnung bringen, unterstützt er sie.
Hinsehen wird deutlich, dass man Helikopter-Cockpit bleibt er ste- Geld will er nicht haben, er bedient
mitten in einem Kunstwerk steht. hen. Um das Wrack herum wächst Zeit einmal die Rotorblätter waren, Eldorado für junge Künstler werden, sich stattdessen an ihrem Kaffee.
Aus Dingen, die andere Menschen ein Busch, der es in wenigen Jahren blüht jetzt ein Fliederstrauch. eine kreative Enklave, mitten in der Der steht, geschützt vor Regen, auf
wegwerfen, hat Odo Rumpf ein Kö- ganz verschluckt haben wird. Die Als Odo Rumpf vor drei Jahren lauten Großstadt. Es kam ein we- einer Bierbank direkt unter einem
nigreich geschaffen: Odonien. Und Scheiben sind eingeschlagen, die mit seinem Projekt begann, stellte nig anders. Der Künstler hatte seine großen blauen Autobahnschild, das
Odo ist sein König. Sitze ausgebaut. Dort, wo vor langer er es sich so vor: Odonien sollte ein Rechnung ohne die hippen Party- jetzt Dach ist.

Schöner Schaden Gold im Staubarchiv


Graffiti Der mühsame Kampf gegen illegales Sprayen Sammlerei
lerei Staub aus aller Welt
Von Marcel Berndt alle Poren der Mauer. Fünf Tage Doch auch die Graffitiszene Von Peter Vollmer der Archivar in Köln begonnen – der
braucht die Reinigungsgruppe allein schläft nicht: „Die Haftfähigkeit Dom ist Probe Nummer Eins.

I n fetten gelben Buchstaben prangt


„NiTBo“ an der Natursteinwand.
NiTBo ist ein „Tag“, eine Unter-
für diese Wand. Das letzte Mal wa- der Spray-Lacke wird immer bes-
ren sie vor drei Jahren hier. Seit 1998
hat die KASA auf 2500 Objekten
ser“, sagt Babak Soltani, Inhaber des
Dedicated Store, ein Fachgeschäft
E ine Glasscherbe glitzert zwi- Ein Tütchen mit besonders wenig
schen zusammengedrücktem Staub schickte ihm eine Bekannte.
Staub. In einer anderen Probe, aus Da die Probe vom Platz des Himm-
schrift von Sprayern. Je mehr Tags, eine Fläche von etwa 31 Fußball- für Sprayer an der Beethovenstraße. dem Dom von Speyer, hat Staub- lischen Friedens stammt, musste die
desto bekannter wird der Sprayer feldern gesäubert. Die Stadt Köln Fast alle seiner Kunden seien archivar Wolfgang Stöcker sogar Sammlerin aufpassen – jeder Schritt
in der Szene. Heute verliert NiTBo kostet das eine halbe Million Euro männlich und zwischen 12 und 40 Hasenköttel gefunden: „Völlig wird überwacht. Solch ein Einsatz
eine Sprayersignatur: Jahren. Der Reiz am il- verrückt, aber für das Archiv
Frank Klostermann, legalen Sprühen? „Das das ist die An- Staub kann freut Stöcker.
Reinigungskraft der ist der Adrenalin-Kick. wesenheit ba- Er archiviert
gefährlich sein.
Kölner Anti Spray Ak- Jugendliche wollen ge- naler Dinge in auch die erfolg-
tion (KASA), säubert gen das Establishment hoch bedeu- losen Versuche:
die Überführung der rebellieren“, sagt Solta- tenden Bauwerken.“ Willkom- Aus dem Kanzleramt erreichte ihn
Germaniastraße über ni. Die Kritik an ille- men im Deutschen Staubarchiv. eine schriftliche Absage. „Dabei
der Stadtautobahn. galen Sprayern kann er Wolfgang Stöcker ist Histori- habe ich sogar versucht, die Kanzle-
Dort teilt sich NiTBo nicht nachvollziehen: ker und Künstler. Während eines rin zu schmieren.“, sagt er und zeigt
die Wand mit anderen „Und die vielen Plakate Frankreichurlaubs besuchte er eine Kopie des historischen Indus-
Graffiti. mit den Riesentitten? die Kathedrale von Bayeux und triehandbuches „Schmiermittel“,
Die KASA existiert Darüber regt sich der sah, dass sie voller Spinnweben welches er seiner Anfrage beigelegt
seit 1998 und ist ein Normalbürger nicht und Staub war. Das ließ ihn nicht hatte.
Zusammenschluss der auf.“ los: „Ich wollte etwas völlig Ba- Staub kann auch gefährlich sein,
Stadt Köln mit 33 In- Blickfang Kunst oder Schmiererei? Graffiti wie dieses Der Normalbürger nales, Offensichtliches sammeln da sich Pilze und Mikroben darin
stitutionen, darunter entzweien die Kölner. Foto: Sundermann stört sich aber auch – das aber von berühmten Orten ablagern. Als Stöcker seine Lieb-
die Deutsche Bahn nicht immer an Graffiti. stammt.“ So entstand das Staub- lingsprobe hochhält, ist von der
und die Polizei. Ihr Ziel: illegale jährlich. Am stärksten von Graffiti Esther Schneider wartet an der S- archiv. drohenden Gefahr jedoch nichts
Graffiti zu bekämpfen. Eine fünf- betroffen ist die Kölner Innenstadt. Bahn-Station Köln-Buchforst auf In der Venloer Straße 476 er- zu sehen: Reste von Blattgold fun-
köpfige KASA-Reinigungstruppe, „Wenn wir irgendwo gereinigt ihren Zug. Die drei Brücken an dem warten den Besucher in einem keln zwischen Staub aus dem Salz-
die der städtischen Gebäudewirt- haben, ist das für die Sprayer wie Bahnhof sind großzügig mit Graf- roten Wohnwürfel keine Regal- burger Dom.
schaft angehört, entfernt Graffiti ein weißes Blatt. In der nächsten fiti besprüht. „Es wäre hässlicher reihen mit Döschen, Gläsern oder Bald will Stöcker die Proben
von öffentlichen Gebäuden oder Nacht kommen sie wieder“, sagt hier, wenn nichts drauf wäre“, sagt Mikrofilmen, sondern Aktenord- auch wissenschaftlich auswerten.
Brücken und Tunneln – so auch an Heribert Büth vom Ordnungsamt. Schneider. Ihr Favorit: Das über- ner, in denen er alles sammelt: Und in ferner Zukunft könnte er
der Germaniastraße. Die KASA trägt auf manche Wände große Bild der Comic-Figur Spon- Herkunft der Stäube, Korrespon- selbst Teil seiner eigenen Samm-
Frank Klostermann steckt in ei- eine spezielle Schicht auf, die einen gebob Schwammkopf. Auch Senay denz, sogar Eintrittskarten zu den lung werden: „Das ist die Realität
nem weißen Ganzkörperschutzan- Lotuseffekt bewirkt: Die Sprühfarbe Öztürk wartet hier. Ihm gefallen die Herkunftsorten. Und das Wich- des Verfalls“, sagt er und zitiert die
zug und benutzt einen Sandstrahler. perlt an den Wänden ab wie Regen- Graffiti: „Das ist Kunst – das kann tigste: Die kleinen Plastikbeutel Bibel:„Du bist Staub und kehrst
Die feinen Sandkörnchen reinigen wasser an einer Lotusblüte. nicht jeder.“ mit Staub. Mit dem Sammeln hat wieder zum Staub zurück!“

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