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Antonia Pozzi

Parole / Worte
&
Musica / Musik

Recital di Lieder su testi di Antonia Pozzi

Conservatorio “G. Verdi”


Milano – via Conservatorio, 12
Sala Puccini
30 maggio 2009 – h. 18.00
Poesie di Antonia Pozzi
Largo / Weit Weg Soprano
Musica per soprano, baritono e pianoforte
composta da Johanna Doderer Risveglio notturno / Nächtliches Erwachen / Baritono

Traduzione di Gabriella Rovagnati in: Grido / Schrei Soprano

Antonia Pozzi Pause / Pausa Baritono


Parole/Worte
Gedichte. Italienisch/Deutsch Gioia / Freude Soprano
Hrsg. und übersetzt von G. R.
Göttingen: Wallstein 2008 Morte delle stelle / Tod der Sterne/ Baritono

Come albero d’ombra / Wie ein Schattenbaum Baritono


Soprano: Elisa Maffi
Baritono: Peter Schöne Inizio della morte / Beginn des Todes Soprano
Pianoforte: Enrico Calesso
La sorgente / Die Quelle Baritono

Tempo / Zeit Soprano & Baritono


Largo Weit weg

O lasciate che io sia O laßt mich


una cosa di nessuno ein Niemandsding sein
per queste vecchie strade in diesen alten Straßen
in cui la sera affonda – auf die der Abend sinkt –
O lasciate lasciate ch’io mi perda O laßt, laßt, daß ich mich verliere
ombra nell’ombra – Schatten im Schatten –
gli occhi die Augen
due coppe alzate zwei Becher gehoben
verso l’ultima luce – gegen das letzte Licht –
E non chiedetemi – non chiedetemi Und fragt mich nicht – fragt mich nicht,
quello che voglio was ich will
e quello che sono und was ich bin
se per me nella folla è il vuoto wenn für mich in der Menge die Leere ist
e nel vuoto l’arcana folla und in der Leere die geheime Menge
dei miei fantasmi – meiner Gespenster –
e non cercate – non cercate und sucht nicht – sucht nicht
quello ch’io cerco was ich suche
se l’estremo pallore del cielo wenn die äußerste Mattheit des Himmels
m’illumina la porta di una chiesa mir die Tür einer Kirche erleuchtet
e mi sospinge a entrare – und mich auffordert hineinzugehen –
Non domandatemi se prego Fragt mich nicht ob ich bete
e chi prego und zu wem ich bete
e perché prego – und worum ich bete –
Io entro soltanto Ich trete nur ein
per avere un po’ di tregua um ein wenig Ruhe zu haben
e una panca e il silenzio und eine Bank und die Stille
in cui parlino le cose sorelle – in der die verschwisterten Dinge reden –
Poi ch’io sono una cosa – Denn ich bin ein Ding –
una cosa di nessuno ein Niemandsding
che va per le vecchie vie del suo mondo – das durch die alten Straßen seiner Welt geht –
gli occhi die Augen
due coppe alzate zwei Becher gehoben
verso l’ultima luce – gegen das letzte Licht –

Milano, 18 ottobre 1930 Mailand, 18. Oktober 1930


Risveglio notturno
Nächtliches Erwachen
Riemersa da chissà che ombre,
a pena recuperi il senso Wiederaufgetaucht aus wer weiß welchen Schatten
del tuo peso gewinnst du schwer das Gefühl
del tuo calore deines Gewichts
e la notte non ha, deiner Wärme zurück,
per la tua fatica, und die Nacht hat
se non questo scroscio pazzo für deine Mühe
di pioggia nera nichts als dies verrückte Prasseln
e l’urlo del vento ai vetri. von schwarzem Regen
Dov’era Dio? und den Schrei des Windes gegen die Scheiben.
Wo war Gott?
Milano, ottobre 1931
Mailand, Oktober 1931
Grido Schrei

Non avere un Dio Keinen Gott zu haben


non avere una tomba kein Grab zu haben
non avere nulla di fermo nichts Festes zu haben
ma solo cose vive che sfuggono – sondern nur lebendige Dinge die verfliegen –
essere senza ieri ohne Gestern zu sein
essere senza domani ohne Morgen zu sein
ed accecarsi nel nulla – und sich zu blenden im Nichts –
– aiuto – – Hilfe –
per la miseria für die Not
che non ha fine – die kein Ende hat –

10 febbraio 1932 10. Februar 1932


Pausa Pause

Mi pareva che questa giornata Mir war als sollte dieser Tag
senza te ohne dich
dovesse essere inquieta, unruhig sein,
oscura. Invece è colma trüb. Dagegen ist er voll
di una strana dolcezza, che s’allarga von einer seltsamen Süße, die sich
attraverso le ore – durch die Stunden verbreitet –
forse com’è la terra vielleicht wie die Erde
dopo uno scroscio, nach einem Gewitter ist,
che resta sola nel silenzio a bersi die allein in der Stille bleibt
l’acqua caduta um das gefallene Wasser zu trinken,
e a poco a poco und nach und nach sich davon
nelle più fonde vene se ne sente bis in die tiefsten Adern
penetrata. durchtränkt fühlt.
La gioia che ieri fu angoscia, Die Freude die gestern Angst war,
tempesta – Sturm –
ora ritorna a brevi kehrt nun mit kurzen Schlägen
tonfi sul cuore, zum Herzen zurück
come un mare placato: wie ein still gewordenes Meer:
al mite sole riapparso brillano, in der wiederaufgetaucht fahlen Sonne glitzern,
candidi doni, weiße Gaben,
le conchiglie che l’onda die Muscheln welche die Welle
lasciò sul lido. am Strand zurückgelassen

7 dicembre 1934 7. Dezember 1934


Gioia Freude

Lo splendore del sole Der Glanz der Sonne


ti abbacinava ieri blendete dich gestern
dolendo schmerzhaft
come la piaga wie die Wunde
nelle pupille del cieco. in den Pupillen eines Blinden.
Ma oggi Aber heute
lo splendore del sole Ist der Glanz der Sonne
non è abbastanza lucente nicht leuchtend genug
per la lucentezza tua: für dein Leuchten:
nell’infinito mondo non c’è in der unendlichen Welt
che questo tuo splendore ist nur dieser Glanz von dir
vero. noch wahr.

6 marzo 1932 6. März 1932


Morte delle stelle Tod der Sterne

Montagne – angeli tristi Berge – traurige Engel


che nell’ora del crepuscolo die in der Dämmerstunde
mute piangete stumm ihr beweint
l’angelo delle stelle – scomparso den Engel der Sterne – der hinter
tra nuvole oscure – dunklen Wolken entschwand –
arcane fioriture Geheimnisvolle Blüten
stanotte werden heute nacht
nei bàratri nasceranno – in den Klüften aufgehen –
oh – sia O – sei doch
nei fiori dei monti in den Blumen der Berge
il sepolcro das Grab
degli astri spenti – der erloschenen Sterne –

13 settembre 1933 13. September 1933


Come albero d’ombra Wie ein Schattenbaum

Dalla cornice di monti e di nubi Aus dem Rahmen von Bergen und Wolken
esorbita il gesto serale. tritt die Abendgeste heraus.
E s’erige la notte Und es steigt die Nacht
ombra mia immensa: mein riesiger Schatten:
ai ginocchi il gridìo dei campanili, an den Knien das Läuten der Kirchtürme,
a ignoti mari hin zu unbekannten Meeren
protese le mie braccia nere. meine schwarzen Arme ausgestreckt.

26 settembre 1936 26. September 1936


Inizio della morte Beginn des Todes

Quando ti diedi Als ich dir


le mie immagini di bimba meine Bilder als Kind gab,
mi fosti grato: dicevi che era warst du mir dankbar: du sagtest das sei
come se volessi als wolle ich
ricominciare la vita mein Leben neu anfangen
per donartela intera. um es dir ganz zu schenken.
Ora nessuno più Nun zieht niemand mehr
trae dall’ombra aus dem Schatten
la piccola lieve die kleine, leichte
persona che fu Person die für eine
in una breve kurze Morgendämmerung –
alba – la Pupa bambina: das Kind, die Pupa, war:
ora nessuno si china nun beugt sich niemand
alla sponda über den Rand
della mia culla obliata – meiner vergessenen Wiege –
Anima – Seele –
e tu sei entrata und du hast den Weg zum Tode
sulla strada del morire. eingeschlagen.

28 agosto 1933 28. August 1933


La sorgente Die Quelle

Al tuo monte Auf deinen Berg


che il vento esilia den der Wind hinter Hecken
dietro siepi di gemme chiuse aus geschlossenen Knospen verbannt
risali in sogno: steigst du wieder im Traum:
vinci e strappi il tuo peso tra le pietre. unter den Steinen überwindest du deine Schwere
E nasci und reißt sie empor.
vena bianca nell’attimo d’azzurro, Und wirst
nudo canto proteso weiße Ader im Augenblick der Bläue,
oltre le nubi nackter Gesang
mute. über die stummen Wolken hinaus
Ma cada un raggio – ed è risveglio: gestreckt.
in terra Aber fällt ein Strahl – und ist Erwachen:
muore a singulti la tua vita effimera. auf der Erde stirbt
Acqua di stagno schluchzend dein vergängliches Leben.
ti spaventa – ora – la voce Wasser des Weihers
ridestata del vento, schreckt dich – nun – die
lento ti beve wiedererweckte Stimme des Windes,
il sole langsam trinkt dich
tra le canne sconvolte. die Sonne
unter dem aufgewühlten Schilf.
3 maggio 1935
3. Mai 1935
Tempo Zeit

I I

Mentre tu dormi Während du schläfst


le stagioni passano vergehen die Jahreszeiten
sulla montagna. auf den Bergen.
La neve in alto Der Schnee da oben
struggendosi dà vita gibt schmachtend sein Leben
al vento: dem Wind:
dietro la casa il prato parla, hinter dem Haus redet die Wiese,
la luce das Licht
beve orme di pioggia sui sentieri. trinkt Spuren von Regen auf den Pfaden.
Mentre tu dormi Während du schläfst
anni di sole passano vergehen Sonnenjahre
fra le cime dei làrici zwischen den Wipfeln der Lärchen
e le nubi. und den Wolken.

II II

Io posso cogliere i mughetti Ich kann die Maiglöckchen pflücken


mentre tu dormi während du schläfst
perché so dove crescono. denn ich weiß wo sie wachsen.
E la mia vera casa Und mein wirkliches Haus
con le sue porte e le sue pietre mit seinen Türen und seinen Steinen
sia lontana möge fern sein
né io più la ritrovi, auf daß ich es nicht mehr wiederfinde,
ma vada errando sondern irrend herumgehe
pei boschi durch die Wälder
eternamente – ewig –
mentre tu dormi während du schläfst
ed i mughetti crescono und die Maiglöckchen wachsen
senza tregua. ohne Rast.

28 maggio 1935 28. Mai 1935