Sie sind auf Seite 1von 52

Das erste Gebot ist: T‰usche dich nicht selbst! Denn du bist die Person, die sich von dir am leichtesten t‰uschen l‰flt. Richard Feynman

Vom Sinn und Unsinn der Sinnest‰uschung. Wie uns Wahrnehmen und Denken in die Irre f¸hren

© Rainer Wolf, Biozentrum der Universit‰t Wurzburg

Was wir wahrnehmen, ist nicht immer wahr. Zahlreiche Sinnes- und Denkt‰uschun- gen f¸hren uns vor Augen, dafl wir Menschen keine unfehlbaren Geschˆpfe sind. Viele, gut bekannte T‰uschungsmechanismen spielen eine Rolle bei Behauptungen, die oft vorschnell als Ѹbersinnlichì oder Ñparanormalì bezeichnet werden. Mufl man deswegen gleich alle solchen Behauptungen in das Reich der Fabel verweisen? Wie ¸berlistet man die eigene T‰uschbarkeit, um zwischen bloflen Behauptungen und verl‰fllicher Erkenntnis zu unterscheiden? Gibt es nicht Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen wir uns heute nichts tr‰umen lassen? Ziel dieses Aufsatzes ist, die Zuverl‰ssigkeit von parawissenschaftlichen Aussagen mit angemessener Skepsis unvoreingenommen zu pr¸fen.

Vom Sinn und Unsinn der Sinnest‰uschung. Wie uns Wahrnehmen und Denken in die Irre f¸hren. Rainer Wolf, Biozentrum der Universit‰t W¸rzburg

I. Wie wahr sind unsere Wahrnehmungen?

1. Nothing-buttery - nein danke!

2. Selbstt‰uschung in ungeahntem Ausmafl

3. Wir sind blind, ohne es zu merken

4. Erfahrung und Erwartung beeinussen die Wahrnehmung

5. Echte Wahrnehmung oder Halluzination?

6. Unter Hypnose: suggestive Steuerung des Ich

7. Auf falsch gestellte Fragen gibt es keine Antwort

8. Die Wahrnehmung wird ohne unser Wissen Ñzensiertì

9. Wir f¸hlen uns frei - auch wenn wir es nicht sind

10.T‰uschungen als Erkenntnisquelle

II. Wissenschaft oder Pseudowissenschaft?

11. An der Schwelle eines ÑNew Ageì? Kennzeichen des magischen Denkens

12. Die W¸nschelrute: ÑUnd sie bewegt sich doch!ì

13. Wovon die Astrologie lebt: Das Verikationsph‰nomen

14. Gibt es paranormale Ph‰nomene?

15. Doppelblind auf Leitungssuche

16. Rutengeher verwerten unbewusste Information

17. Wie gef‰hrlich sind ÑErdstrahlenì?

18. ÑElektro-Smogì ist ein ÑElektro-Spukì: Was krank macht, ist allein die Angst

19. Erfolge der Homˆopathie - nichts als Placebo-Effekte?

20. Wer heilt, hat nicht unbedingt Recht

21. Irisdiagnose, Akupunktur, Elektroakupunktur nach Voll, Kinesiologie, Chiropraxis, Geistheilung

22. Psychokinese und Seancen

23. ÑAura-Photographieì: eine billige F‰lschung

24. Kirlian-Photographie

25. Todesn‰he- und Out-of-body-Erlebnisse: Blicke ins ÑJenseitsì oder Halluzination?

26. Levitation

27. ÑOrgon-Strahlenì und die Illusion der Ñtanzenden Punkteì

28. T‰uschung und Entt‰uschung in der Parapsychologie

29. Pseudowissenschaft oder nicht?

30. Sind Esoteriker Scharlatane?

31. Esoterik ist sch‰dlich, obwohl sie vielen Ñhilftì

32. ÑCredomanieì: Sucht zum Aberglauben und ihre phylogenetischen Wurzeln

33. Konservativismus und Fundamentalismus

34. ÑOckham's Rasierklingeì

35. Falsikation in ÑSchulì- und Pseudowissenschaft

36. Die Verantwortung der Wissenschaft

Einige Kandidaten f¸r Para- und Pseudowissenschaften Aphorismen Literatur i

I.

Wie wahr sind unsere Wahrnehmungen?

1. Nothing-buttery - nein danke!

Nichts alsÖ-Statements sind h‰ug falsch, und so ist die nothing-buttery (Ñnichts als Selbstt‰uschung und Aberglaubeì) mit Recht verpˆnt. Bei der Behauptung etwa, ein lebender Organismus sei nichts als die Gesamtheit der Molek¸le, aus denen er be- steht, wird schlichtweg vergessen, dafl das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Was hinzukommen mufl, damit wir einen Organismus verstehen kˆnnen, ist die Kenntnis aller Wechselwirkungen zwischen den Teilen. Denn diese sind es, die letztlich zu neuen, emergenten Systemeigenschaften gef¸hrt haben wie Leben, Wahrnehmung und Bewufltsein.

An unserer Titelfrage scheiden sich die Geister. Denn Bef¸rworter und Gegner soge- nannter Ñalternativer Theorienì stehen einander meist verst‰ndnislos, ja feindlich gegen¸ber. ÑDas Fragezeichen mufl weg!ì, sagen die Gegner, und Hardliner f¸gen hinzu, Parawissenschaft sei nichts als Betrug und Scharlatanerie. Die Bef¸rworter halten dagegen: Die Titelfrage sei eindeutig mit Ñneinì zu beantworten. Sie bezeu- gen, dafl sich vieles in der Praxis bew‰hrt habe, und das sei letztlich entscheidend. Wer ist kompetent, diese Frage zu entscheiden?

Ich weifl, dafl die Naturwissenschaft ¸ber vieles, was uns Menschen wichtig ist, kein Urteil abgeben kann. Sie sagt weder etwas ¸ber den Wert von Kunstwerken, noch urteilt sie ¸ber religiˆse Vorstellungen, sofern diese nicht ¸berpr¸fbar sind oder mit verl‰fllicher wissenschaftlicher Erkenntnis kollidieren. Alle Aussagen aber, die man prinzipiell durch Experimente pr¸fen und ggf. widerlegen kann, sind wissenschaftli- che Aussagen. Sie zu beurteilen, liegt ausschliefllich in der Kompetenz der Wissen- schaften. Auf den Ñgesunden Menschenverstandì sollten wir uns da besser nicht verlassen, denn er kann uns gewaltig in die Irre f¸hren.

2. Selbstt‰uschung in ungeahntem Ausmafl

Dafl wir Sinnest‰uschungen unterliegen, weifl jeder. Man h‰lt sie aber meist f¸r Ausnahmeerscheinungen, die hie und da auftreten; in der Regel kˆnne man sich doch wohl auf seine Sinne verlassen. Und so f¸hlen sich viele als gesunde Skeptiker, wenn sie sagen: ÑSehen heiflt glauben. Ich glaube nur, was ich selbst gesehen und erlebt habe. Die eigene Erfahrung ist das Sicherste, was ich in meinem Leben wis- sen kann, und davon bringt mich niemand ab.ì Hier ist Vorsicht geboten, denn die- ser Standpunkt wird sich als tr¸gerisch herausstellen. Er kann uns daran hindern, wahre Sachverhalte zu erkennen. Wer sich n‰mlich auf seine Wahrnehmung verl‰flt und sie nicht hinterfragt, der liefert sich Ñesoterischenì Theorien jeglicher Art kritik- los aus. Esoterisch verstehe ich hier im weiten Sinn als die Vorstellung, dafl es in der Welt, in der wir leben, zumindest gelegentlich Ñparanormal zugeheì, dafl da

Dinge gesch‰hen, die man ohne einen grunds‰tzlichen Paradigmenwechsel schul- wissenschaftlich nicht erkl‰ren kˆnne.

Ich will hier gleich einem Miflverst‰ndnis vorbeugen. Es liegt mir fern, das kostbare Reich der menschlichen Fantasie in irgendeiner Weise einzuschr‰nken. Aber es geht mir darum, zwischen Fantasie und Wirklichkeit zu unterscheiden. Das ist nicht leicht, denn die ÑTheorienì der Parawissenschaften sind verf¸hrerisch bildhaft: Die guten alten Radiorˆhren waren heifl, deshalb war ihr Klang w‰rmer. Unter Millionen Menschen nden zwei zueinander, also waren sie f¸reinander bestimmt. Und wenn sie gleichzeitig denselben Gedanken ‰uflern, obwohl sie sich weder sehen noch hˆ- ren kˆnnen, dann kann das nur Gedanken¸bertragung sein. Der Mond verh‰lt sich zyklisch, die Menstruation auch: Also wirkt der Mond auf den Menschen, jedenfalls auf Frauen - wo er doch etwas so grofles wie die Ozeane beeinuflt. Und wie ein- g‰ngig ist doch der Slogan der ÑAlternativ-Medizinì, dafl wir der ganzheitlichen Na- tur mehr vertrauen sollten als der bruchst¸ckhaften Wissenschaft! Die g‰ngige Wis- senschaftskritik, die immer wieder laut wird, will ich in f¸nf Thesen fassen.

Wissenschaftsmythen:

1. Nichts wissen wir sicher

2. Wirklichkeit ist all das, wovon man mˆchte, es sei wirklich

3. Nichts ist unmˆglich, also ist alles mˆglich

4. Was wir heute zu wissen glauben, wird sich in Zukunft wahrscheinlich als falsch erweisen

5. Alle Theorien sind gleichwertig, sie spiegeln lediglich Meinungen wider

Die Aussage ÑNichts wissen wir sicherì hat einen wahren Kern: Negativaussagen kann man n‰mlich wissenschaftlich nicht beweisen. Man kann nicht einmal bewei- sen, dafl es den Pumuckl nicht gibt! Diese Beweisnot wird von vielen Esoterikern ausgenutzt, denen eine Behauptung schon dadurch als belegt gilt, dafl sie nicht wi- derlegbar ist. Hierin steckt nat¸rlich eine Strategie der Selbst-Immunisierung gegen Andersgl‰ubige. Umgekehrt mufl man sich klarmachen: Auch unwiderlegbare Hypo- thesen (Ñes gibt UFOsì) lieflen sich leicht beweisen (veri zieren), indem man echte Beweise daf¸r vorlegte. Wissenschaftler kˆnnen sehr genau sagen, welche Art von Beweis sie ¸berzeugen w¸rde!

Strenggenommen l‰flt sich nicht einmal schl¸ssig beweisen, dafl bew‰hrte Naturge- setze morgen noch gelten werden, dafl also morgen etwa die Sonne wieder aufge- hen wird. Andererseits wurde z.B. das Gesetz von der Erhaltung der Energie mit ei- ner Genauigkeit von 1:1 Billiarde best‰tigt. Man mache sich die Genauigkeit der Vorhersage klar: Wenn eine Sekret‰rin 100 Wˆrter pro Minute tippt, entspr‰che das einem falschen Wort in 30 Millionen Jahren.

ÑWirklichkeit ist all das, wovon man mˆchte, es sei wirklichì? Das wird wohl am bes- ten widerlegt von der Tatsache, dafl die Welt selten so ist, wie man sie haben mˆch- te. Wir m¸ssen damit rechnen, dafl es wirklich eine Welt auflerhalb unserer Kˆpfe gibt, ohne dies denitiv beweisen zu kˆnnen, und dafl diese Welt nicht einfach unse- rem Willen folgt.

ÑNichts sei unmˆglich, also sei letztlich alles mˆglichì? Nein - die Physik lehrt uns, das Mˆgliche vom Unmˆglichen zu unterscheiden. Und sie lehrt uns, dafl der Mensch die Natur niemals wirklich kontrollieren, d.h. gegen Naturgesetze verstoflen kann.

In Punkt 4 wird gefragt, wie weit man sich auf wissenschaftliche Aussagen ¸ber- haupt verlassen kˆnne. In Laienkreisen hˆrt man oft, dafl sie unzuverl‰ssig seien, denn die Wahrheit in der Wissenschaft von heute sei ja doch nur der Irrtum von morgen. Das ist falsch! Wissenschaftliche Erkenntnis ist nicht unfehlbar, aber wis- senschaftlich begr¸ndete Aussagen sind die sichersten, die wir ¸berhaupt kennen. Eine heute gut bew‰hrte wissenschaftliche ÑWahrheitì wird, selbst bei einer wissen- schaftlichen Revolution, schlimmstenfalls zum Spezialfall von morgen: n‰mlich dann, wenn die wissenschaftliche Theorie nicht genau genug war und daher pr‰zi- siert werden mufl.

ÑAlle Theorien sind gleichwertig, sie spiegeln lediglich Meinungen widerì. Der mo- derne Kulturrelativismus, der sich hier ausdr¸ckt, ist eine pseudodemokratische Ein- stellung. Er ¸bersieht, dafl die Theorien eine empirische Grundlage haben: Sie sind im Experiment veri ziert worden.

Dabei stˆflt man auf eine erstaunliche Tatsache: Alle Erkenntnis, die sich wissen- schaftlich bew‰hrt hat, f¸gte sich bisher zu einem widerspruchsfreien Ganzen zu- sammen. In dieser inneren Widerspruchsfreiheit unserer Welt sah Einstein die wun- derbarste und tiefste Erkenntnis der Wissenschaft.

die wun- derbarste und tiefste Erkenntnis der Wissenschaft. F¸r Martin Gardner ( 1 3 ) ist

F¸r Martin Gardner (13) ist es kein Wunder, dafl die Welt keine Antinonien enth‰lt, d.h. in sich logisch widerspruchsfrei ist, denn - so Gardner - sie gr¸ndet zutiefst in Mathematik: ÑDas Universum ist nicht nur mathematisch strukturiert, es besteht vielmehr vˆllig aus Mathematik. Materie besteht aus Feldern und den zugehˆrigen Partikeln, und die sind aus nichts anderem gemacht als aus Gleichungenì. Und diese Gleichungen sind das Geheimnis Ñof the Old Oneì, wie Einstein zu sagen pegte.

Dafl menschliches Denken dagegen voller Widerspr¸che sein kann, ist damit keines- wegs ausgeschlossen. Dies

Dafl menschliches Denken dagegen voller Widerspr¸che sein kann, ist damit keines- wegs ausgeschlossen. Dies veranschaulicht der ¸ber 300 Jahre alte Stich von Robert Fludd, den ich nach Hofst‰dter 1985 um die Additionsaufgabe erg‰nzt habe. Auch wenn unsere Denkprozesse streng naturgesetzlich ablaufen, kann das Resultat Ñ5ì falsch sein. Von zwei Tatbest‰nden aber, die einander logisch (nicht: anschaulich!) ausschlieflen, ist nur einer wahr. Dies ist kein k¸nstliches Denk-Netz, das wir ¸ber die Welt st¸lpen, sondern etwas, das die Realit‰t unserem Denken von auflen aufdr‰ngt.

Trotz aller Wissenschaft aber ist unser Ge- hirn vˆllig ¸berfordert, wenn es die eigentli- che, abstrakte Struktur der Welt anschaulich begreifen will. Bereiche der Wirklichkeit, die wir nie mit den Augen anschauen konnten, kˆnnen wir uns auch nicht anschaulich vorstellen: Atome sind zu klein, Licht ist zu schnell, das Universum zu grofl, die Evolution zu langsam, und Leben ist ein zu komplexes Kausalnetzwerk (9) .

Zur¸ck zu unseren Wahrnehmungen, die ja die Grundlage sind f¸r unser Verst‰nd- nis der Welt. Zum Sehen gen¸gt es nicht, die Auflenwelt auf die Netzhaut, und von dort auf eine Art Bildschirm im Gehirn zu projizieren. Wahrnehmen ist kein passives Aufzeichnen von Sinnesreizen, sondern eine aktive mentale Rekonstruktion der rea- len Welt, die uns umgibt. Unser Gehirn zerlegt dabei das, was auf der Netzhaut er- scheint, in hˆchst abstrakte Informationen, die letztlich eine Art symbolische Repr‰- sentation der Auflenwelt darstellen, ein selbstgefertigtes Modell der Welt. Was wir wahrnehmen, h‰ngt ganz wesentlich von unbewuflten, kognitiven Entscheidungen und Schluflfolgerungen ab.

Mit seinem bekannten Hˆhlengleichnis zeigte schon Platon eine tiefe Einsicht in das, was wir Wahrnehmung nennen. Eine moderne Metapher f¸r den menschlichen Geist ist der totale Flugsimulator: Der Flugsch¸ler benden sich in einer Kabine, die - rechnergesteuert - alle Bewegungen eines wirklichen Flugzeugs nachahmt. Ein Videobildschirm liefert einen mˆglichst lebensechten Blick aus dem Cockpit. Kabinenbewegung und visuelle Simulation der Auflenwelt werden in Abh‰ngigkeit von den Handlungen des Piloten st‰ndig aktualisiert. Auf ganz ‰hnliche Weise kon- struieren menschliche Gehirne aus gespeicherten Informationen und dem st‰ndigen Input, den die Sinnesorgane liefern, ein internes Echtzeit-Modell der ‰ufleren Wirklichkeit. Die ph‰nomenale Welt, unser Erlebnisraum, ist eine Art virtuelle Realit‰t, die allerdings eine viel hˆhere Auˆsung besitzt als Flugsimulatoren. Der Reichtum an Details l‰flt uns diesen Simulationsraum auf sehr direkte und erlebnism‰flig unhintergehbare Weise als die Welt wahrnehmen, in der wir leben. Die vom Gehirn erzeugten multimodalen Bilder, zu einem einheitlichen Modell der Wirklichkeit ver- schmolzen, sind zuverl‰ssiger und detailreicher als alle virtuellen Realit‰ten, die wir heute kennen. Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zwischen Gehirn und Flug-

simulator ist. dafl Gehirne in einer Art Metarepr‰sentation den Piloten gleich mitsi- mulieren (28) . Unser mentales Selbstmodell ist ein ÑWerkzeugì, mit dem es gelingt, wichtige Eigenschaften von uns selbst durch interne Simulation zu ¸berwachen. Das Gehirn unterscheidet sich also von einem Flugsimulator auch dadurch, dafl es nicht von einem Piloten benutzt wird, der vor¸bergehend in es Ñeingestiegenì ist. Vielmehr aktiviert das Gehirn den Piloten immer dann, wenn es ihn ais repr‰sentati- onales Werkzeug benˆtigt, um die Aktivit‰ten des Gesamtsystems mental abzubil- den und zu ¸berwachen. Im Tiefschlaf braucht das System kein funktional aktives Selbstmodell mehr, und so wird es einfach abgeschaltet.

Auf fest aufgestellten Gel‰ndepl‰nen ndet man oft einen kleinen roter Pfeil mit dem Hinweis ÑSie be nden sich HIERì. Dieser Pfeil ist das ÑSelbstmodell des Stadt- planbenutzersì, das seine Position im Gesamtmodell speziziert. Die vom Gehirn erzeugten multimodalen Landkarten der Welt passen sich der Situation des Orga- nismus an und werden im Wachzustand - samt rotem Pfeil - st‰ndig in Echtzeit ak- tualisiert. Solche subjektzentrierten Realit‰tsmodelle sind Ñabstrakte Organeì, die nicht beliebig in andere Systeme ¸berf¸hrt werden kˆnnen, sie lassen sich nicht transplantieren. ÑWenn man so will, dann sind Selbstmodelle die kleinen roten Pfei- le, die in komplexen mentalen Landkarten der Wirklichkeit die Eigenschaften des mentalen Geographen selbst f¸r ihn noch einmal abbildenì (1) .

Alles, was wir wahrnehmen, ist also lediglich dieses vom Gehirn konstruierte Modell, nicht die Wirklichkeit. Wir kˆnnen aus diesem Ñtotalen Flugsimulatorì nicht heraus, kˆnnen nicht durch die Nerven nach auflen dringen, um in die wahre Wirklichkeit zu gelangen, zum Kantíschen ÑDing an sichì. Alles, was von drauflen in unser Bewuflt- sein kommt, wird durch die Verrechnungsstellen unserer Sinnesorgane vermittelt. Farben, Tˆne, D¸fte, aber auch scheinbar absolute Dinge wie Materie, Raum und Zeit, so wie wir sie im Alltag erleben, ja sogar das von uns erlebte Ich sind etwas K¸nstliches, Selbstgemachtes, von unserem Gehirn Konstruiertes.

3. Wir sind blind, ohne es zu merken

Wenn es um Wahrnehmung geht, ist das Gehirn ungeheuer kreativ, und es kommt zu zahlreichen T‰uschungen, die wir meist gar nicht merken. So f¸llt unser Sehsys- tem die ganze Sehwelt mit Farbe aus, obwohl wir Gr¸n z.B. nur in dem mittleren Sechstel der ¸berschaubaren Fl‰che erkennen. Der ganze Randbereich der Netzhaut ist farbenblind! Unser Sehsystem extrapoliert aber die Farben in den farbenblinden Bereich hinein. Das Gr¸n einer Wiese, in der Bildmitte festgestellt, wird bis zur ‰u- fleren Begrenzung der Wiesen‰che extrapoliert, auch wenn das Auge dort eigent- lich nur Grau meldet. Das geht so weit, dafl wir Dinge, die ganz auflen im farben- blinden Bereich liegen, in der richtigen Farbe wahrnehmen, sofern wir aus Erfahrung wissen, welche Farbe sie haben.

Selbst schwere Sehstˆrungen werden kreativ kaschiert und daher oft gar nicht be- merkt. Mangelnde Durchblutung der Sehrinde z.B. bewirkt, dafl grofle Teile des Seh- feldes f¸r einige Minuten vˆllig ausfallen. In diesen Bildteilen sieht man dann mit beiden Augen nichts. Die fehlende Bild ‰che ist aber aber keineswegs schwarz, denn das Sehsystem f¸llt die entstandene L¸cke sofort mit Bildinformation aus dem seht¸chtigen Umfeld aus; und zwar so vollkommen, dafl man ein solches ÑFlimmer-

Skotomì meist gar nicht bemerkt. Hierin dr¸ckt sich sozusagen die ÑErwartungì unseres Gehirns aus, dafl die Welt auch dann weiter existiert, wenn ein Teil des Sehsystems ausgefallen ist. Im Randbereich der blinden Fl‰che sieht man eine immernde, gezackte Linie. Sie tritt oft bei Migr‰ne auf, und interessanterweise ‰hnelt sie den Zeichnungen, die religiˆse Mystiker von ihren Ñhimmlischen Visionenì gemacht haben.

Mystiker von ihren Ñhimmlischen Visionenì gemacht haben. 4. Erfahrung und Erwartung beein fl ussen die Wahrnehmung

4. Erfahrung und Erwartung beein ussen die Wahrnehmung

Wie uns falsch eingesetzte Erfahrung beim perspektivischen Sehen t‰uschen kann, erleben wir, wenn wir die beiden abgebildeten Tische vergleichen - denn die Fl‰chen des kurzen, breiten und die des schmalen, langen sind genau deckungsgleich!

Eine unbewuflte Erwartungshaltung liegt der eindrucksvollen Grˆfle/Gewicht- T‰uschung zugrunde. Man benˆtigt einen Quader aus Messing, Eisen oder Blei (ca. 5x10cm, 2cm hoch) und einen passenden, etwa doppelt so hohen Quader aus Balsaholz. Beide Klˆtze werden mit einer dicken Folie beklebt, damit sie gleich aus- sehen und man keinen Unterschied in der W‰rmeleitf‰higkeit sp¸rt. Man legt nun den kleinen, schweren Quader auf den groflen leichten und sch‰tzt das Gesamtge- wicht, indem man beide Teile zwischen Daumen und den ¸brigen Fingern einer Hand seitlich einklemmt und anhebt. Nimmt man anschlieflend den kleinen Quader allein auf dieselbe Weise hoch, so scheint dieser viel schwerer zu sein als beide Teile zusammen. Kein versteckter Magnet ist hier die Ursache! Vielmehr erwartet unser Gehirn aufgrund der Erfahrungen, dafl ‰uflerlich ‰hnliche Kˆrper auch eine ‰hnliche Dichte haben, der kleine Quader also leichter ist als der grofle. Da er in Wirklichkeit aber fast die ganze Masse enth‰lt, empnden wir diese als ¸bergrofl. Hinzu kommt, dafl wir den kleinen Quader nur an einer kleinen Fl‰che fassen und daher fester zugreifen m¸ssen, damit er nicht aus der Hand rutscht. Auch das tr‰gt dazu bei, dafl wir das Gewicht gewaltig ¸bersch‰tzen.

Wie unerwartet sich eine bewuflte Erwartungen auswirkt, zeigt eine einfache Skizze mit sechs waagerechten Linien. Die unterste erscheint etwas l‰nger als die n‰chst- hˆhere - das h‰ngt mit der ÑPonzo-T‰uschungì zusammen.

Man ¸berzeuge sich: Alle sechs Linien stehen auf einheitlich weiflem Grund. Wenn man nun aber

Man ¸berzeuge sich: Alle sechs Linien stehen auf einheitlich weiflem Grund. Wenn man nun aber die Erwartungshaltung bewuflt wechselt und das Ganze zusammenfassend als ein gestieltes Schnapsglas auffassen, dann wirken die beiden unteren Linien plˆtz- lich gleich lang. Als Rand des ÑGlasesì er- scheint eine zarte, helle Kontur, und die ein- geschlossene Fl‰che zwischen den Linien sieht etwas dunkler aus. Verantwortlich f¸r diese eindrucksvolle Ñtop-downì-T‰uschung sind Mechanismen der Gestaltwahrnehmung im Gehirn, die uns so die neu interpretierte Form leichter erkennen.

Haben Sie eigentlich bemerkt, dafl man das Einstein-Portr‰t auch ganz anders deu- ten kann? Ich wette, dafl Sie anfangs nur Einsteins Portr‰t sahen, denn zu ihm hatte ich Assoziationen geschaffen. Die drei badenden Nymphen zu sehen, die man nicht erwartete, ist dann nicht leicht.

In dieselbe Rubrik gehˆrt ein Beispiel aus einem Gebiet der Parawissenschaften. Es gibt Tausende glaubw¸rdiger Zeugen, die berichten, UFOs beobachtet zu haben, und viele hielten ihre Wahrnehmungen zeichnerisch fest. Die Dokumentation sieht doch sehr ¸berzeugend aus, nur gehen alle diese Zeichnungen nachweislich auf - fehlgedeutete - Beobachtungen von ganz normalen Reklameugzeugen zur¸ck, die sich zu der betreffenden Zeiten an den Beobachtungsorten aufgehalten hatten! Dafl hier das ÑWissenì, wie eine iegende Untertasse auszusehen hat, unbewuflt in die Wahrnehmung einging, mufl wohl nicht betont werden.

5. Echte Wahrnehmung oder Halluzination?

Halluzinierte Wahrnehmungen werden oft f‰lschlich mit der Realit‰t verwechselt, weil sie auflerordentlich realistisch sein kˆnnen. Von zwei F‰llen kann ich aus erster Hand berichten: Ich hatte einen Nachbarn, der regelm‰flig sehr fr¸h morgens bei offenen Fenstern laute Rockmusik hˆrte. Um nicht davon aufzuwachen, verstopfte ich meine Ohren mit Silikonstˆpseln. Eines morgens wurde ich dennoch munter und hˆrte die Musik trotz der Stˆpsel. W‰hrend ich mich ¸ber die Stˆrung ‰rgerte - die sicherste Methode, nicht wieder einzuschlafen! -, el mir auf, dafl sich die Melodie st‰ndig wiederholte. Konnte das sein? Ich zog die Stˆpsel heraus - um mich herum war es totenstill, es war also eine Ñhypnopompischeì Halbschlaf-Halluzination.

Noch mehr hat mich eine Ñhypnogogeì Halluzination beeindruckt. Sp‰t nachts hatte ich mich zum Einschlafen auf die Seite gelegt und sah im indirekten Mondlicht meine Frau schlafend neben mir liegen. Plˆtzlich wurde mir bewuflt, dafl meine Augen ge- schlossen waren. Und doch konnte ich ihr Gesicht sehen und auch meine eigene Hand, die neben mir auf dem Kissen lag! Hellwach ¸berlegte ich: Wenn das, was ich da mit geschlossenen Augen sehe, meine Hand ist, w¸rde ich dann auch sehen kˆn- nen, wie sie sich bewegt? Ich kr¸mmte meinen Zeige nger, und wirklich nahm ich deutlich wahr, wie er sich bewegte. Nun erst ˆffnete ich die Augen, und ich sah das

Gesicht meiner Frau neben mir, ganz wie zuvor. Aber ich bemerkte auch, dafl meine eigene Hand von der Bettdecke verdeckt war, so dafl ich sie gar nicht h‰tte sehen kˆnnen, selbst wenn ich - ohne es zu merken - die Augen offen gehabt h‰tte. Wie wichtig dieser kleine Kontrollversuch war, um zwischen Halluzination und Ñechterì Wahrnehmung unterscheiden zu kˆnnen! Denn Halluzinationen kˆnnen derart real erscheinen, dafl sie sich introspektiv nur durch solche oder ‰hnliche Tests von Ñech- tenì Wahrnehmungen unterscheiden lassen. Und in beiden F‰llen neigen wir dazu, das wahrzunehmen, was unser Gehirn erwartet.

7. Auf falsch gestellte Fragen gibt es keine Antwort

T‰uschen kann man sich auch beim logischen Denken. Ich meine damit weniger Denkfehler - die lassen sich prinzipiell vermeiden. Gef‰hrlich sind falsch gestellte Fragen, die unser Ñgesunder Menschenverstandì suggeriert. Unser Bild illustriert eine Sage aus der Antike: Homer schildert eindrucksvoll die Irrfahrten des Odys- seus, der sich von der Gˆttin Circe nicht bezirzen liefl, woraufhin diese erbost seine Gef‰hrten in Schweine verwandelte. Steht die innere Scheibe auf Position 1, so ist diese tragische Verwandlung gerade halb vollbracht: Wir z‰hlen insgesamt sieben Griechen und sieben Schweine. Nun drehe man die Gˆttin samt Zauberstab in Posi- tion 2: Jetzt z‰hlen wir sechs Griechen und acht Schweine! Folglich, so schlieflen wir, muss einer der Griechen in ein Schwein verwandelt worden sein. Welcher ist es? Diese messerscharfe Logik geht in die Irre. Auch wenn man die innere Scheibe ausschneidet und selbst dreht: Es gibt keine Antwort auf diese Frage, denn sie ist falsch gestellt.

Antwort auf diese Frage, denn sie ist falsch gestellt. Unter Hypnose: suggestive Steuerung des Ich Zu

Unter Hypnose: suggestive Steuerung des Ich Zu ¸berraschend irrealen Erlebnissen kˆnnen Bedingungen f¸hren, die man ge- meinhin als ÑHypnoseì bezeichnet. Mit einem angeblichen ÑTrance-Zustandì hat Hypnose wenig zu tun, denn die Probanden sind in der Regel hellwach. Wesentlich ist vielmehr ihre gesteigerte Empf‰nglichkeit, auf Suggestionen in einer Art Rollen- spiel angemessen zu reagieren (2, 9) . So wurde einer Versuchsperson gesagt, sie sei

f¸r eine Weile taub. In der Tat reagierte sie daraufhin nicht mehr auf laute Ger‰usche. Danach ¸sterte der Hypnotiseur ihr leise zu: ÑEs gibt mentale Prozesse, die uns nicht bewuflt sind. Wenn es einen Teil von Ihnen gibt, der meine Stimme hˆrt, ob- wohl Sie hypnotisch taub sind, heben Sie bitte als Zeichen daf¸r den Zeigenger Ihrer rechten Hand!ì Zur Verbl¸ffung der Anwesenden hob sich der Finger. Sp‰ter erz‰hlte die Versuchsperson ihre Version des Geschehens: ÑIch erinnere mich, dass Sie sagten, ich w¸rde taub sein. Danach war alles ruhig. Das war langweilig, und so besch‰ftigte ich mich mit einem statistischen Problem, an dem ich gerade arbeite. Da merkte ich plˆtzlich, wie sich mein Finger hob - und jetzt h‰tte ich gerne erkl‰rt bekommen, warum!ì (14) .

8. Die Wahrnehmung wird ohne unser Wissen Ñzensiertì

Manchmal kˆnnen wir dem Gehirn bei seiner unbewussten Datenverarbeitung sozu- sagen Ѹber die Schulterì schauen: Beispielsweise dann, wenn unsere Wahrneh- mung zu Widerspr¸chen f¸hrt. Stereot¸chtige Menschen - das sind knapp 90% der Bevˆlkerung - sehen mit Hilfe ihrer beiden Augen r‰umlich, weil das Gehirn die Bild- unterschiede von rechtem und linkem Netzhautbild in Raumtiefe umrechnet. Wenn man nun aber das rechte Bild durch Prismen in das linke Auge leitet und das linke Bild in das rechte, sieht man alles tiefen-verkehrt: Fernes erscheint nah, und Nahes erscheint fern (31, 34, 36) .

Mit einem Ñrandom-dot-Stereogrammì kann man zun‰chst pr¸fen, ob man zu der groflen Mehrheit der Bevˆlkerung gehˆrt, die stereot¸chtig ist. Nur dann erkennt man n‰mlich, dass vor dem gesprenkelten Hintergrund ein ebenso gemustertes klei- nes Quadrat schwebt. Zum Betrachten der Stereobildpaare mit der ÑSchiel-Technikì halte man wie bei den ÑMagic Eyeì-Bildern Kopf und Vorlage ganz gerade und brin- ge den ausgestreckten Zeige nger etwa in die Mitte zwischen Augen und Abbildung. Blickt man nun auf die Fingerspitze, so erkennt man im Hintergrund - unscharf - vier Bilder nebeneinander, und die beiden mittleren erscheinen r‰umlich. Verschiebt man vorsichtig die Aufmerksamkeit (und damit die Scharfeinstellung der Augen) von der Fingerspitze weg auf die Bilder, so sieht man nach etwas ‹bung in dem rechten Raumbild das kleine Quadrat in Hˆhe des Zeigengers in der Luft schweben, w‰h- rend es bei dem linken, tiefenverkehrten Bild hinter der Druck‰che zu liegen scheint. Verwendet man statt der ÑSchiel-Technikì die ÑStarr-Technikì, sind rechtes und linkes Bild vertauscht, und man erh‰lt jeweils den umgekehrten Tiefeneindruck. Beide Quadrate sind ¸berraschenderweise f¸r jedes einzelne Auge unsichtbar. Sie existieren also auf keinem der beiden Bilder auf der Netzhaut, sondern entstehen erst sozusagen in den Tiefen unseres Gehirns, nachdem rechtes und linkes ÑHalb- bildì miteinander verglichen und zum SD-Eindruck verarbeitet worden sind. Auf dem gleichen Niveau des Seins aber, n‰mlich als hypothetische Modelle, existieren alle Dinge in unserer Sehwelt.

Auf dem gleichen Niveau des Seins aber, n‰mlich al s hypothetische Modelle, existieren alle Dinge in

Betrachtet man auf dieselbe Weise ein menschliches Stereoportr‰t, m¸sste man beim beim Betrachten des linken Bildpaares mit der ÑSchieltechnikì das ganze Ge- sicht eigentlich hohl sehen. Trotz aller M¸he gelingt das aber nur bei derjenigen Ge- sichtsh‰lfte, die durch die schwarzen Flecken auf der Haut verfremdet worden ist. So kommt es zu einer Ñsplit faceì-Wahrnehmung:

Die geeckte Gesichtsh‰lfte erscheint konkav, die andere konvex! Bei der nat¸rli- chen Gesichtsh‰lfte erlebt man den gespenstischen Anblick der Hohlform in der Re- gel erst dann, wenn man das tiefenverkehrte Stereobild auf den Kopf stellt. Hier- durch wird es n‰mlich ebenfalls verfremdet und entspricht dann nicht mehr dem normalen Schema ÑGesichtì.

entspricht dann nicht mehr dem normalen Schema ÑGesichtì. Was wir hier Ñhautnahì erleben, ist die Wirkung

Was wir hier Ñhautnahì erleben, ist die Wirkung einer Art von interner Wahrneh- mungs- ÑZensurì, die uns daran hindert, wohlbekannte Dinge tiefenverkehrt zu se- hen. Diese ÑZensurì folgt - uns g‰nzlich unbewusst! - der Maxime Ñweil nicht sein kann, was nicht sein darfì. Denn ein Hohlgesicht widerspricht jeglicher Erfahrung. Wir nehmen mit unseren Au- gen also nur das was was uns das Sehsystem quasi zu sehen erlaubt. Diese ÑZen- surfunktionì kann ausfallen, und das tut sie beispielsweise w‰hrend der produktiven Phasen von Schizophrenie, aber auch unter dem Ein ufl von Drogen wie Haschisch oder LSD. Dann n‰mlich werden Halluzinationen vielf‰ltiger Art quasi unge ltert Ñins Bewusstsein durchgelassenì. Das ÑZensur-Ph‰nomen impliziert nat¸rlich keineswegs, dass es einen zentralen ÑZensorì im Gehirn geben muss, sondern beschreibt lediglich den Tatbestand, dass hier ohne unser Wissen Sinnesdaten unterdr¸ckt werden. Es ist ¸berraschend, dass Schizophrene die Sehwelt im Fall des Hohlgesichts richti- ger wahrnehmen als Gesunde, legt es doch umgekehrt nahe, dass Gesunde die Hal- luzinationen, unter denen Schizophrene leiden, deshalb nicht haben, weil diese vom Wahrnehmungsapparat Ñzensiertì werden - nach dem Prinzip: ÑStimmen aus dem Nichts? Kann nicht sein. Gespenster? Gibt es nicht. Weg damit!ì

9.

Wir f¸hlen uns frei - auch wenn wir es nicht sind

Die moderne Hirnforschung hat faszinierende Selbstt‰uschungen aufgedeckt, deren Konsequenzen auch die ethischen Grundlagen unseres Selbstverst‰ndnisses ber¸h- ren. So kˆnnen wir Geschehnisse als Subjekt vˆllig frei erleben, selbst wenn wir ob- jektiv gar nicht frei sind. Reizt man elektrisch bestimmte Gehirnbereiche bei wachen Versuchspersonen, so lˆst man dadurch Wahrnehmungen und Gef¸hle aus, die als vˆllig spontan und frei erlebt werden kˆnnen! Science-Fiction-Autoren, die eine Welt am Draht erfanden, in der ferngelenkte Untertanen vergeblich versuchen, sich ge- gen einen von auflen aufgezwungenen, fremden Willen aufzulehnen, irrten hier:

Wenn man das Handeln eines Menschen von auflen auf die richte Weise steuerte, wurde er selbst das gar nicht sp¸ren, sondern als Seine eigene, freie Entscheidung erleben!

Aber was ist dann mit unseren Entscheidungen, die wir willentlich treffen? Was z.B. ist die Ursache daf¸r, dass ich meinen Finger willk¸rlich bewege? Ich f¸hle ohne jeden Zweifel: Es ist die freie, spontane Entscheidung meines Ich, also ein psychi- scher Prozess. Aber kann ein nichtmaterieller Prozess - ein Willensentscheid - etwas Materielles, z.B. eine Fingerbewegung, auslˆsen? Es gibt gute Gr¸nde, dies zu be- zweifeln. Schon fast eine Sekunde bevor mir der spontane Entschluss bewusst wird, dass ich den Finger bewegen will, baut sich n‰mlich im Gehirn ein elektrisches ÑBe- reitschaftspotentialì auf, das diese Bewegung vorbereitet, und das im Summen- Elektroencephalogramm sichtbar ist. Vier Zehntel Sekunden sp‰ter, also eine halbe Sekunde vor meiner bewussten Entscheidung, entsteht ein Signal im motorischen Cortex. Als meine Entscheidung bewusst getroffen wurde (diesen Zeitpunkt kann ich mit Hilfe einer Stoppuhr im Nachhinein angeben), stand sie also vorbewusst schon l‰ngst fest! Der bewusst erlebte Willensentscheid kann hier also gar nicht die Ursa- che gewesen sein. Vielmehr sieht es so aus, als w¸rde dem Willensentscheid ein unbewusster, materieller Gehirnprozess Vorauslaufen (28) .

Das wird noch klarer durch einen etwas unheimlichen Versuch, den Grey Watter durchgef¸hrt hat. Eine Versuchsperson, der man schmerzfrei eine Messelektrode in den motorischen Cortex eingep anzt hatte, wurde aufgefordert, sich zur Entspan- nung ein paar Dias anzuschauen, und man gab ihr die Fernsteuerung f¸r den Dia- projektor in die Hand. Nach kurzer Zeit rief die Person verstˆrt nach dem Versuchs- leiter und erz‰hlte, dass das Bild immer ganz von selbst wechsle, und zwar dann, wenn sie sich gerade kurz davor f¸hle, selbst auf den Schaltknopf zu dr¸cken. Man ahnt, wie es dazu kam: Die Fernbedienung war gar nicht angeschlossen, und der Bildwechsel war stattdessen von dem motorischen Hirnsignal der Versuchsperson ausgelˆst worden, das eine halbe Sekunde vor dem bewussten Willensentscheid aufgetreten war! Zweifellos sind wir also nicht so frei, wie wir uns f¸hlen.

10. T‰uschungen als Erkenntnisquelle

Fassen wir zusammen: Gerade dann, wenn uns das Gehirn in die Irre f¸hrt, enth¸l- len sich uns die formalen Prinzipien, nach denen es - normalerweise erfolgreich - arbeitet. Deshalb sind Wahrnehmungst‰uschungen, sofern man sie erkennt, so un- gemein aufschlussreich und f¸r die Wissenschaft weit mehr als nur eine Kuriosit‰t unserer Sinnessysteme!

Da unser Gehirn die Wirklichkeit nicht objektiv abbildet, sondern so, wie es f¸r un- sere Vorfahren zum ‹berleben dienlich war, m¸ssen wir damit rechnen, dass er sich gewaltig t‰uschen kann (24, 25, 26, 32-38) . Hinzu kommt die psychologische Bereitschaft zur Selbstt‰uschung, der Drang, an m¸hsam gewonnenen Lebenseinstellungen und Denkmodellen unbeirrbar festzuhalten und Erfahrungen, die mit ihnen kollidieren, tunlichst zu ignorieren (14, 31) . Der Grad unserer intuitiven Gewissheit einer ÑWahr- heitì ist also keinerlei Mafl f¸r die Richtigkeit eines objektiven Sachverhaltes. ÑOhne bewusste Anstrengung erliegen wir in fast jedem Augenblick unseres Lebens der ‹berredung des Augenscheins, der uns glauben machen will, dass das Bild, das wir von der Welt haben, identisch sei mit der Welt selbst. Sich diesem Einufl zu entzie- hen und Klarheit zu gewinnen ¸ber unsere wirkliche Situation, ist wahrscheinlich das ‰uflerste Mafl an geistiger Freiheit, die uns zu Gebote stehtì schrieb v. Ditfurth (5) .

II. Wissenschaft oder Pseudowissenschaft?

Ich hoffe, dass ich sp‰testens jetzt gen¸gend Skepsis geweckt habe, um im zweiten Teil dieses Aufsatzes angemessen einige Theorien des ÑNew Ageì diskutieren zu kˆnnen. Angemessen heiflt skeptisch, aber nicht skeptisch in dem Sinn, dass man alle Behauptungen, die mit dem derzeitigen wissenschaftlichen Paradigma kollidie- ren, dogmatisch ablehnt. Denn ein Skeptiker ist kein notorischer Zwei er, sondern - ganz im Sinn der urspr¸nglichen Wortbedeutung - jemand, der genau hinschaut, bevor er versucht, mˆglichst unvoreingenommen zu urteilen.

Zun‰chst m¸ssen wir uns fragen, welche Art von Beweis als ausreichend gelten kann, scheinbar Unglaubliches zu glauben. Grunds‰tzlich ist ja derjenige be- weisp ichtig, der etwas behauptet. Und je ungewˆhnlicher die Behauptung ist, des- to strengere Maflst‰be sind an ihre Begr¸ndung anzulegen. Wenn jemand sagt, in seinem Garten stehe eine Ziege, kˆnnte man das unbesehen glauben. Wenn er aber sagt, es sei ein Einhorn, dann kann selbst ein Foto davon nicht ¸berzeugen. Die Echtheit muss mit f‰lschungssicheren Methoden gepr¸ft werden. Den eigenen Au- gen - das ist wohl klar geworden - darf man jedenfalls nicht ohne weiteres trauen. Man muss pr¸fen, ob hier nicht einfach einem Pferd ein Plastikhorn an die Stirn ge- klebt oder ein echtes Hˆrn transplantiert wurde. ‹berzeugender w‰re es, wenn auch die Nachkommen Einhˆrner w‰ren. Und selbst dann: Kˆnnte es nicht ein genmani- puliertes Pferd sein, das nichts mit dem sagenumwobenen Ñechtenì Einhorn zu tun hat?

11. An der Schwelle eines ÑNew Ageì? Kennzeichen des magischen Denkens

Viele Menschen glauben, dass wir uns derzeit an der Schwelle zu einem neuen Zeit- alter der geistigen Erleuchtung bendet, in dem sich psychische Kr‰fte als physika- lisch real erweisen. Die Suche nach paranormalen Ph‰nomenen hat ein fast religiˆ- ses Ausmafl angenommen in dem Bestreben, die Ñmaterialistische Wissenschaftì zu entthronen und daf¸r die Vorherrschaft des Spirituellen zu setzen. So sind wir heute die Zeitzeugen der Entstehung von neuen Mythen und von Pop-Religionen - hat doch die Esoterik eine grofle Gemeinde von Gl‰ubigen. Leider sind die meisten von ihnen Wissenschafts-Analphabeten. Sie glauben an paranormale Ph‰nomene nicht deswegen, weil ihre Existenz nachgewiesen ist, sondern weil sie in das Bild passen, wie sie sich die Welt vorstellen: Eine Welt, in der das Spirituelle ¸ber Wissenschaft

und Vernunft steht, eine Welt, in der das, was man zutiefst als wahr f¸hlt, automa- tisch wahr ist; eine Welt, in der fast alles, was passiert, anthropozentrisch gedeutet wird als ein bedeutungsschweres Omen f¸r zuk¸nftige Ereignisse. Dieses magische Denken ist eine unerschˆpiche Quelle des Aberglaubens. Zudem ist es viel einfa- cher als Wissenschaft: Man braucht dazu keine grofle Ausbildung, es gen¸gt, ganz einfach nur daran zu glauben. Vor allem junge Menschen gehen Okkultisten leicht auf den Leim, denn sie haben einen besonders groflen Bedarf an Erkl‰rungen, und die einfachen Erkl‰rungen kommen zun‰chst besonders gut an.

Aber schliefllich mˆchte man doch wissen, was Sache ist. Der Jahresumsatz an esoterischer ÑWareì geht allein in Deutschland in die Milliarden. Wenn ich in ein Gesch‰ft gehe und eine Packung M¸sli kaufe, dann f¸hle ich mich betrogen, wenn die Schachtel nur 3/4 voll ist. Was w‰re, wenn bei den Leistungen der Esoterik- Proponenten dasselbe gilt, nur dass in diesem Fall die Schachtel ganz leer ist? Dies w‰re in der Tat ein immenser Betrug am Kunden, der objektive Aufkl‰rung verlangt. Ob es sich hier um nichts als Fantasieprodukte handelt, ist also nicht nur von aka- demischem Interesse, sondern hat durchaus praktische Relevanz. W‰re es sinnvoll, nach einem Lawinenungl¸ck W¸nschelruteng‰nger statt Lawinenhunde nach Ver- sch¸tteten suchen zu lassen? Ist es sinnvoll, jemandem nach einem graphologi- schen oder astrologischen Gutachten eine Stelle zu geben oder zu verweigern? 1979 haben noch 85% der europ‰ischen Firmen Graphologie-Gutachten f¸r ihre Personal- entscheidungen herangezogen. Aus der Handschrift kann man zwar das Geschlecht mit 70%iger Wahrscheinlichkeit bestimmen, nicht aber die persˆnlichen Eignungs- werte. Zwischen Studenten und geistig kranken Klinikpatienten konnte man auf- grund von Schriftproben nicht unterscheiden (16) . Lediglich der soziale Status schl‰gt sich etwas nieder, und es lassen sich Kriminelle mit einer gewissen, aber geringen Wahrscheinlichkeit auslˆsen.

12. Die W¸nschelrute: ÑUnd sie bewegt sich doch!ì

So sagen trutzig - und mit Recht - die angeblich strahlensensitiven ÑRadi‰sthetenì. Und sie meinen damit ihre W¸nschelrute, ihr Pendel oder ihren ÑBiotensorì - Ger‰te, mit denen sie erfolgreich ihr Handwerk betreiben. Kann man das wissenschaftlich belegen?

Pr¸fstein f¸r Wissenschaftlichkeit sind Kontrolle und Falsizierbarkeit. Wissenschaft- lich sind Theorien beispielsweise dann, wenn sie prinzipiell, etwa durch Experimen- te, widerlegt werden kˆnnten. Ohne glaubw¸rdige Belege zu behaupten, es g‰be einen zehnten Planeten in unserem Sonnensystem, oder der Teufel existiere, ist keine wissenschaftliche Behauptung, denn man kˆnnte sie zwar verizieren, kann sie aber nicht widerlegen: sie ist nicht falsizierbar. Legt man diesen Maflstab an, so vertritt die Astrologie wissenschaftliche Hypothesen - allerdings solche, die bisher, wie wir gleich sehen werden, widerlegt worden sind. Was n‰mlich der Laie meist ¸bersieht: Verb¸rgte F‰lle von einzelnen, ja selbst von geh‰uften Erfolgen mˆgen noch so ¸berzeugend erscheinen - sie folgen aus dem Gesetz der groflen Zahl und sind wertlos, wenn sie nicht durch saubere Kontrollver- suche gest¸tzt werden. Es ist genauso wie beim Ruteng‰nger: Hat man nach dessen Angaben gebohrt und wirklich Wasser gefunden, so wertet dies der unkritische Laie als Erfolg des Verfahrens. Wer gr‰bt denn schon zur Kontrolle zehn Meter daneben ein zweites Loch? Dort w¸rde man dann n‰mlich meistens auch Wasser ndenÖ

13.

Wovon die Astrologie lebt: Das Veri kationsph‰nomen

F¸r den Wahrheitsgehalt der Astrologie hatte Hoimar v. Ditfurth ein gutes Kontroll- experiment konzipiert und dabei sogar eine hohe Geldsumme ausgesetzt. Bekom-

men sollte sie derjenige Astrologe, dem es bei zehn Personen gelingt, aus den pr‰- zisen Geburtskonstellationen zu schlieflen, wer davon als unbescholtener, beruich erfolgreicher B¸rger und wer als Verbrecher lebte - angesichts des Leistungsan- spruchs der Astrologie wohl eine leichte Aufgabe. Aber kein Astrologe stellte sich dieser Herausforderung. Trauten sie ihren angeblichen F‰higkeiten nicht?

Carlson hat 1985 den Kunden von Astrologen die Aufgabe gestellt, aus drei persˆn- lichen Horoskopen, die ausf¸hrlichen Persˆnlichkeitsmerkmale enthielten, ihr eige- nes herauszusuchen. Ergebnis: negativ (16) . Umgekehrt hat er Astrologen die genau- en Geburtskonstellationen jeweils einer Person genannt und ein persˆnliches Horoskop stellen lassen. Die einfache Aufgabe war dann, aus drei verschiedenen, psychologisch erstellten Persˆnlichkeitspro len das richtige herauszunden. Ergeb- nis: negativ. Schliefllich hat man versucht, einen Zusammenhang zu nden zwi- schen dem persˆnlichen Horoskop und verschiedensten kˆrperlichen und seelischen Merkmalen, diversen Krankheiten, der Scheidungsrate, der Lebensdauer sowie 60 verschiedenen Berufen. Ergebnis: negativ, also kein Zusammenhang.

Ein interessantes Experiment f¸hrte v. Ditfurth in seiner Fernsehreihe ÑQuerschnittì vor. Er hatte sich von 50 freiwilligen Teilnehmern die genauen Geburtsdaten geben und daraus - so gab er vor - persˆnliche Horoskope erstellen lassen. Sie wurden namentlich verteilt, und am Ende der Sendung lautete die Frage, wie gut die Horos- kope zutr‰fen. 96% aller Teilnehmer waren davon ¸berzeugt, dass Ñihrì Horoskop sie im wesentlichen richtig erkannt habe. Ein Beweis f¸r den Erfolg der Astrologie? Nein, eine Widerlegung. Denn v. Ditfurth erkl‰rte anschlieflend l‰chelnd, dass alle Teilnehmer genau dasselbe Horoskop erhalten hatten. Der Erfolg beruhte also nur auf dem ÑBarnum-Effektì: Die unbewuflte Erf¸llungssehnsucht liefl fast alle best‰ti- gen, dafl ihr Horoskop auf sie zutraf. Wenn man ihnen vorgaukelt, der Text sei ei- gens f¸r sie gemacht worden, akzeptieren n‰mlich die meisten Menschen eine ziem- lich allgemeine Persˆnlichkeitsbeschreibung als eine ungewˆhnlich genaue Charak- terisierung ihrer eigenen Person, zumal wenn es ÑBalsam-Texteì sind, die der Seele wohl tun. Selektive Wahrnehmung der Treffer ltert dabei - unbewusst - aus dem Horoskop das Passende heraus, und so best‰tigt und verst‰rkt sich der Aberglaube von Mal zu Mal.

Auch bei Prognosen unterst¸tzt die unbewusste Erf¸llungssehnsucht, der ÑVerikati- onsdruckì, die Verwirklichung von Voraussagen. Durch diese Ñself fullling prophe- cyì ger‰t man in einen Teufelskreis, der nat¸rlich bei jeder Art von ÑWahrsagereiì wirksam ist. Zudem werden die millionenfachen ÑNietenì vergessen, die wenigen ÑTrefferì dagegen als Erfolgsmeldungen weit verbreitet. Besonders gef‰hrlich wird es, wenn Astrologen auf Politiker Einuss nehmen, oder wenn sie Unf‰lle und Krankheiten vorhersagen, denn auch hier verhalten sich die Betroffenen so, dass letztlich das Eintreffen der Prognose beg¸nstigt wird.

Wahrsager sind - bewusst oder unbewusst! - darin geschult, nˆtige Informationen ¸ber ihre Klienten per Kˆrpersprache zu gewinnen. Dieses wohlbekannte Ñcold readingì-Verfahren arbeitet nach dem Motto: ÑSag' mir deinen Namen, und ich sage dir, wie du heiflt!ì (17) .

An kleinsten Augenbewegungen kˆnnen Wahrsager ablesen, ob sie Ñins Schwarze getroffenì haben. War das nicht der Fall, warten sie gleich mit einer Alternative auf. Zudem machen sie gerne viel, oft vage oder verschl¸sselte Aussagen, die nachtr‰g- lich - also nachdem etwas geschehen ist - fast immer passen (Ñmultiple out-Technik). Beide Verfahren sind so effektiv, dass sie nicht nur das Opfer, sondern auch den Wahrsager selbst glauben lassen, es seien paranormale F‰higkeiten im Spiel. Man muss das nicht nur negativ sehen. Dass US-Pr‰sident Reagan, der allen Ernstes glaubte, der j¸ngste Tag f‰nde noch zu seinen Lebzeiten statt, alle wichtigen Ent- scheidungen nach Absprache mit seinen Astrologen traf, war mˆglicherweise besser, als wenn er niemanden gefragt h‰tte. Was den Laien meist tief beeindruckt, sind Fallbeispiele - Geschichten von unglaub- lichen Koinzidenzen, f¸r die ganz offensichtlich nur ¸bernat¸rliche Erkl‰ren in Frage kommen. Dabei ¸bersieht man das Gesetz der groflen Zahl. Selbst ‰uflerst unwahr- scheinliche Dinge passieren in Wirklichkeit sehr viel h‰uger als man meint. Und nur sie werden weitererz‰hlt. Es ist so als w¸rde man unsere Nachrichten als stellvertre- tend f¸r das Geschehen im Land ansehen. Wie viel Unheil passiert da an einem Tag! Was man ¸bersieht: Die Meldungen sind ausgew‰hlt. Dass z.B. die F¸rstin Gloria ihren Schmuck abends in ihren Safe einschloss und am n‰chsten Morgen feststellte, dass er noch drin lag, wurde noch nie in den Nachrichten gebracht. Gemeldet wird nur der Raub, oder in unserem Fall das unwahrscheinliche - aber dennoch zuf‰llige - Zusammentreffen von Ereignissen.

Die Astrologie d¸rfte also ebenso wenig aussterben wie der Glaube an bestimmte Ein ¸sse des Mondes. Ungeachtet aller gegenteiliger Beteuerungen von ÑBetroffe- nenì hat der Vollmond laut Statistik n‰mlich keinerlei Einuss auf die Rate von Ge- burten, Selbstmorden, Verkehrsunf‰llen und kriminellen Delikten.

14. Gibt es paranormale Ph‰nomene?

Im Zusammenhang mit unserem Thema ist die zentrale Frage: Kann man paranor- male Ph‰nomene - von bewusstem Betrug einmal abgesehen - auf Sinnest‰uschun- gen zur¸ckf¸hren? Ich meine: Wenn es solche Ph‰nomene wie etwa Pr‰kognition, Telepathie oder das erfolgreiche Muten mit der W¸nschelrute wirklich gibt, dann muss es auch gelingen, sie objektiv nachzuweisen. Dies haben Wissenschaftler in Zusammenarbeit mit willigen Hellsehern, Ruteng‰ngern und Pendlern oft genug versucht: bisher stets mit negativem Ergebnis. Aber hatte nicht bei den M¸nchener Experimenten von 1989 immerhin ein kleiner Prozentsatz der ca. 500 getesteten Ruteng‰nger statistisch gesicherte Erfolge, ‰hnlich wie bei den Kasseler Versuchen der GWUP von 1991? Eine Aussage, die aus einem Versuchsergebnis gezogen wird - z.B. die Aussage: ÑRuteng‰nger kˆnnen ieflendes Wasser aufsp¸renì - gilt dann als gut gesichert, wenn das Ergebnis durch Zufall nur selten auftritt, n‰mlich bei weniger als einem Prozent der F‰lle. Um in diesem Grad erfolgreich zu sein, gen¸gt es nach den Regeln der Statistik, wenn Ru- teng‰nger bei 100 Versuchen 67 mal die richtige Angabe machen (legt man eine Irrtumswahrscheinlichkeit von 5% zu gr¸nde, gen¸gen sogar schon 62 ÑTrefferì). Betrachtet man die Ergebnisse eines derart erfolgreichen Ruteng‰ngers f¸r sich allein, so heiflt das: Er ist mˆglicher weise (mit einer Irrtumswahrscheinlichkeit von 1%) einem echten Ph‰nomen auf der Spur. Dieselbe Statistik sagt aber auch, dass von je 100 Ruteng‰ngern durchschnittlich einer dieselben guten Ergebnisse erzielen wird, auch wenn seine Rute nur zufallsbedingt ausschl‰gt.

Bei den M¸nchener Versuchen war das ÑScheunen-Experimentì besonders erfolg- reich: Von insgesamt 107 Versuchsserien, die mit 43 Ruteng‰ngern durchgef¸hrt wurden, zeigten 3 Serien (2,8%) positive Ergebnisse Das ist aber kaum mehr, als man bei einem Zufallsergebnis erwarten w¸rde. Und das entscheidende Experiment hat man nicht gemacht: Die wenige erfolgreichen Ruteng‰nger in weiteren, gleich- artigen Tests zu pr¸fen Es w‰re ihnen n‰mlich aller Voraussicht nach nicht gelun- gen, ihren ÑErfolgì zu wiederholen. Dabei hatten die Ruten bei den Vorversuchen, bei denen alle Ruteng‰nger wussten, ob Wasser oss oder nicht, immer richtig aus- geschlagen. Dies war ein ungemein wichtiger Kontrollversuch! Dass die Hauptversu- che scheiterten, konnte also nicht an Ñung¸nstigen Versuchsbedingungenì liegen, oder an stˆrenden Ein¸ssen durch anwesende Ñskeptische Wissenschaftlerì - die waren ja von Anfang an dabei.

Wie kommt der Rutenausschlag zustande? Es sind Ñpsychomotorischen Automatis- menì wie das wohlbekannte ÑKohnstamm-Ph‰nomenì. Die Bewegung entsteht spontan durch unbewusst gesteuerte Muskelkraft als Folge der nervˆsen Nacherre- gung. Jedem, der sie erlebt, gaukelt diese ¸beraus kr‰ftige Bewegung vor, dass sich die Rute ganz von selbst bewege. Hinzu kommt Carpenters Ñideomotorisches Gesetzì:

Eine emotional vorgestellte oder gesehene Bewegung lˆst eine Tendenz aus, sie unbe- wuflt kˆrperlich nachzuvollziehen. Das Ph‰nomen des Rutenausschlags also ist un- bestritten, die Frage ist nur: Zeigt es etwas an: da objektiv in der Welt vorhanden ist?

15. Doppelblind auf Leitungssuche

Das kann man unvoreingenommen pr¸fen - unter Vorsichtsmaflnahmen. Denn Ru- teng‰nger achten, meist unbewusst, auf Hinweise in Gel‰nde und Panzenwuchs, und auch auf das Verhalten anwesender Personen, die ÑBescheid wissenì. Deshalb ist es unverzichtbar, glaubw¸rdige Tests als ÑDoppelblindversuchì anzusetzen: We- der die Ruteng‰nger, noch die Versuchsbeobachter, die das Ergebnis dokumentie- ren, d¸rfen wissen, welche Bedingung gerade vorliegt.

1991 haben wir in unserem Hausgarten ein Experiment mit einem Ñerfolgreichenì Ruteng‰nger angesetzt, einem integeren Mann, der fest von seinen F‰higkeiten ¸berzeugt war (und noch immer ist). Er behauptet, elektrische Leitungen sowie vergrabene Rohre aufnden zu kˆnnen, sie mˆgen aus Plastik oder Metall sein, mit stehendem oder ieflendem Wasser, oder auch leer. Da wir den Hausbau ver- folgt hatten, wussten wir, wo Wasser zu- und abgef¸hrt wird und wo die Stromver- sorgung unserer Gartenlampen lag. Um allzu offensichtliche Stromleitungen zu ka- schieren, habe ich mir erlaubt, eine der Gartenlampen zuvor abzuschrauben und ohne Stromanschluss an einem anderen Ort zu befestigen. Die Versorgungsleitung einer anderen Lampe machte dadurch einen unerwarteten Knick. Auflerdem habe ich ein 5cm dickes Eisenrohr von 1m L‰nge ach in den Boden geschlagen, so dass es von auflen unsichtbar war. W‰hrend des Versuchs blieben wir selbst im Haus, um mˆgliche ÑStˆrungen der Kraftfelder durch anwesende Skeptikerì zu vermeiden, vor allem aber, um nicht als Ñwissende Begleiterì dem Ruteng‰nger per Kˆrpersprache unbewusst Informationen zu ¸bertragen. Die Frau des Ruteng‰ngers, die nat¸rlich nicht in die Versuchsbedingungen eingeweiht war, lief als ÑProtokollf¸hrerinì mit:

Sie liefl ¸berall dort, wo die Rute ausschlug, ein H‰ufchen Mehl fallen, so dass der Ruteng‰nger bei der Suche nicht gestˆrt wurde.

28

Mehlh‰ufchen haben wir bei der Auswertung gez‰hlt, ausgemessen und in einen

Lageplan eingetragen. Der Weg f¸hrte ¸ber alle vorhandenen Leitungen und Rohre hinweg. Dennoch traf nur eines der Mehlh‰ufchen den Abwasserkanal, die ¸brigen

27 lagen zwischen den Versorgungsleitungen, mindestens 1m von den Stellen ent-

fernt, wo der Ruteng‰nger Leitungen wirklich gekreuzt hatte. Drei Mehlh‰ufchen zeigten an, dass auch die kabellose, ummontierte Gartenleuchte durch eine ÑLei- tungì mit dem Haus verbunden sei.

Dass der Ruteng‰nger ein nicht vorhandenes Stromkabel Ñgefundenì, aber das di- cke Eisenrohr Ѹbersehenì hatte, wunderte ihn sehr. Er sagte: ÑIch halte jetzt die Augen fest geschlossen und laufe noch einmal ¸ber das Rohr!ì. Und wirklich: Dies- mal schlug die Rute genau dar¸ber aus - nachdem er wusste, wo es lag! Und das Stromkabel? ÑDort muss irgend etwas sein - vielleicht eine Wasserader?ì Als Beweis schlug der Ruteng‰nger vor, ihn mit verbundenen Augen mehrmals ¸ber die mit drei Mehlh‰ufchen markierte Linie gehen zu lassen. Er habe das schon mehrfach erfolgreich praktiziert. Die einfallende D‰mmerung und ein um die Augen gebundener Schal machten eine Sichtorientierung unmˆglich, und auch akustisch gab es keine erkennbaren Hinweise. So f¸hrte ich den Ruteng‰nger zun‰chst kreuz und quer durch den Garten und nahm dann Kurs auf die Linie, und er versuchte sie - dann nat¸rlich ohne Kˆrperkontakt und Geleit! - mit der Rute zu nden. Er fand sie nicht.

Dass er in ‰hnlichen Situationen fr¸her erfolgreich gewesen war, kˆnnte durch Rah- menbedingungen erkl‰rt werden. Um bei einem Test etwas suchen zu lassen, l‰sst man unbewusst den Ruteng‰nger gerne etwa 2m davor starten. Unsere Auswertung zeigte, dass Abst‰nde von 2m zwischen den Rutenausschl‰gen ¸berdurchschnittlich h‰u g auftraten. Auch die angeblichen ÑReizzonen der Erdstrahlenì sollen ja etwa diesen Abstand voneinander haben. Wenn man dann Ñf¸ndigì wird, so ist das nicht verwunderlich. Unseres Ruteng‰ngers Pech war, dass ich ihn aus ganz unterschiedli- chen Entfernungen starten liefl. Vor der Gartent¸r war die Straflendecke vor Jahren versehentlich aufges‰gt und dann wieder zugeschmiert worden, als man merkte, dass der gesuchte Wasseranschluss f¸r das Grundst¸ck an einer anderen Stelle bereits verlegt war. Auch diese Narbe im Asphalt hatte zu einem Rutenausschlag gef¸hrt Ö

Nat¸rlich hat solch ein Einzelversuch nur beschr‰nkte Aussagekraft. Es ging mir hier aber darum, beispielhaft ein methodisch strenges Experiment schildern, um die nˆ- tige Kritikf‰higkeit aufkommen zu lassen gegen¸ber den vielen ÑErfolgsmeldungenì, die ja weit mehr propagiert werden als die viel zahlreicheren Fehlschl‰ge. Denn Ziel dieses Aufsatzes ist es weniger, Anh‰nger paranormaler Glaubenssysteme zu Ñbe- kehrenì, sondern vielmehr das ÑWerkzeugì zu vermitteln, mit dem jeder selbst un- voreingenommen pr¸fen kann, ob eine Behauptung begr¸ndet ist, oder nicht. Wie schwierig es ist, Ñwasserdichteì Doppelblindexperimente durchzuf¸hren, und welche Faktoren dabei alle ber¸cksichtigt werden m¸ssen, wird in einem weiteren Experi- ment klar, bei dem wir 1997 einen Ñerfahrenenì Ruteng‰nger aus W¸rzburg/ Vers- bach testeten. Der selbsternannte ÑSachverst‰ndige f¸r Umweltstrahlen und alter- native Ursachenforschungì, der ein ÑPrivat-Institut f¸r Umwelt-Strahlenforschungì betreibt, und dessen Rute sich angeblich Ñnoch nie geirrtì habe, ist ebenfalls an un- seren Doppelblindbedingungen gescheitert (38) .

16.

Ruteng‰nger verwerten unbewusste Information

W¸nschelruten scheinen also - wie schon der Name ahnen l‰sst - immer dann aus- zuschlagen, wenn der Ruteng‰nger es w¸nscht, genauer: wenn er unbewusst an- nimmt, dass bestimmte Bedingungen vorliegen. Die der Radi‰sthesie zugrunde lie- gende Theorie, dass von Wasservorkommen irgendwie geartete ÑStrahlenì oder ÑKr‰fteì ausgehen, auf die der Ruteng‰nger als ÑAntenneì reagiert, ist also wissen- schaftlich nicht belegt. Dennoch ist es keineswegs ausgeschlossen, dass ein erfah- rener Ruteng‰nger im Gel‰nde gelegentlich erfolgreicher Wasser orten kann als ein geschulter Hydrogeologe. Information, die dem Bewusstsein gar nicht direkt zu- g‰nglich ist, kann die Rute ausschlagen lassen. Letztere dient dann nur als Werk- zeug, um dieses unbewusste Wissen sichtbar zu machen. Anders ausgedr¸ckt: Mit der Rute (oder dem Pendel) in der Hand konzentriert sich der Muter zwar auf etwas, das es allem Anschein nach nicht gibt. Dies aber kˆnnte seine Empf‰nglichkeit er- hˆhen, unbewusst feinste Indizien im Gel‰nde aufzunehmen, die dem n¸chternen, rationalen Blick vielleicht entgehen.

Welche Rolle unbewusstes Wissen spielen kann, hat ja das Beispiel der UFOs wie auch der Wahrnehmungs-ÑZensurì tiefenverkehrter Gegenst‰nde gezeigt. So w¸rde auch verst‰ndlich, dass Ruteng‰nger bei k¸nstlichen Versuchsbedingungen, bei de- nen nat¸rliche Indizien fehlen, noch schlechter abschneiden als sonst.

17. Wie gef‰hrlich sind ÑErdstrahlenì?

Baubiologen machen leider h‰ug Anleihen In fachfremden Gebieten: Sie nden an- geblich schlafstˆrende und gesundheitsgef‰hrdende ÑErdstrahlenì auf und entde- cken - indem sie z.B. die Betten verstorbener Krebs-Patienten auspendeln - Ñgef‰hr- liche Kreuzungspunkteì genau dort, wo die tˆdliche Krebsgeschwulst sich nachts im Schlaf befunden hatte. Oft stehen die Muter dann mit Rat und Tat zur Seite und empfehlen, das Bett zu verstellen oder ein kostspieliges ÑEntstrahlungsger‰tì anzu- schaffen. Wie s‰he hier ein Doppelblindversuch aus? Vor dem ÑAusmessenì der Schlafst‰tte kˆnnte man das Bett an sine andere Stelle im Zimmer schieben und sorgf‰ltig darauf achten, dass der Ruteng‰nger oder Pendler keinen Verdacht schˆpft. Meine Prognose ist, dass er dann den kritischen Kreuzungspunkt in dem verstellten Bett Ñndenì wird, vielleicht sogar vorschl‰gt, dieses dorthin zu ver- schieben, wo es zuvor wirklich gestanden hatte. Leider sind solche Versuche meines Wissens noch nie gemacht worden.

Die schwarzen Schafe unter den Baubiologen, die ÑEntstrahlungsvorrichtungenì ein- setzten, sind ¸brigens bisher immer gescheitert, wenn man sie doppelblind getestet hat. Solange sie wussten, ob der ÑEntstrahlungsapparatì eingeschaltet war oder nicht, schien der Ausschlag ihrer W¸nschelrute die Wirksamkeit des Ger‰tes zu be- weisen. Schaltete man jedoch ohne ihr Wissen den ÑEntstrahlungsapparatì wieder aus, dann zeigte die W¸nschelrute nach wie vor an, dass das Ñsch‰dliche Stˆrfeldì abgeschirmt sei. War umgekehrt der Apparat angeblich aus, in Wirklichkeit aber eingeschaltet, so dass der Ruteng‰nger einen Ñnicht-entstrahltenì Kreuzungspunkt erwartete, zeigte der Rutenausschlag ÑErdstrahlenì an (21) . Dasselbe gilt f¸r das Pen- del: Es schl‰gt regelm‰flig so aus, wie es der Pendler - bewusst oder unbewusst - erwartet (17) . Das Tragische daran ist, dass eingebildete Stˆrfelder, die man f¸rchtet, organisch krank machen kˆnnen - auch dann, wenn es sie gar nicht gibt!

18.

ÑElektro-Smogì ist ein ÑElektro-Spukì: Was krank macht, ist allein die Angst

Ob die elektromagnetischen Wechselfelder, die durch die Elektrotechnik entstehen, die menschliche Gesundheit gef‰hrdet, ist umstritten. Fachleute signalisieren Unbe-

denklichkeit, sofern festgelegte Grenzwerte nicht ¸berschritten werden. Nat¸rlich kann man diese Felder messen, im Gegensatz zu den angeblichen ÑErdstrahlenì. Und der Laie neigt dazu, an Gefahren zu glauben, weil er von F‰llen hˆrt, bei denen chronische Gesundheitsprobleme nach Beseitigung der angeblichen Stˆrquelle ver- schwunden sind. Man kann es aber nicht oft genug sagen: Solche Fallbeispiele ha- ben keine wissenschaftliche Aussagekraft! Die kommt nur von echten Doppelblind- studien, bei denen weder die Betroffenen, noch ihre Untersucher wissen, ob die Ger‰te, um deren mˆgliche Schadwirkung es geht, eingeschaltet waren, oder nicht. Man darf also nicht einfach den Gesundheitszustand von Menschen vergleichen, die nah oder weit entfernt von Hochspannungsleitungen wohnen. Vielmehr m¸sste man zur Kontrolle z.B. Menschen heranziehen, die in der N‰he von Hochspannungslei- tungen leben, die ohne ihr Wissen - und ohne Wissen der beteiligten ƒrzte - schon lange Zeit abgeschaltet waren, denn:

- Hochspannungsleitungen f¸hren oft an vielbefahrenen Straflen entlang. Auch we- gen der Schadstoffe sind Grundst¸cke billiger, und dort leben vermutlich Menschen mit anderen Lebensgewohnheiten. - 1996 erkranken in den USA etwa 17.500 Menschen an Hirnkrebs. Jeder F¸nfzigste Amerikaner benutzt ein Handy. Statistisch werden 350 Menschen, die Handys nut- zen, Hirnkrebs bekommen mindestens 10 davon auf der Seite, auf der das Telefon ans Ohr gehalten wird. Was wird man wohl daraus schlieflen?

Krˆling fasste die Sachlage in seinem Artikel ÑKrank durch Elektrosmog?ì zusammen (Skeptiker 11:89-96, 1998): Die rund 10.000 Rundfunk- und Fernsehsender in der BRD sind mit bis zu 5 Megawatt Leistung stark genug, um ganze Regionen aus einer einzigen Anlage zu versorgen. Die Antennen stehen meist so weit aufler Sichtweite auf hohen T¸rmen, dass sich davon kaum jemand unmittelbar betroffen f¸hlt, ob- wohl die Strahlung allgegenw‰rtig ist: ¸berall dort n‰mlich, wo man die Sender empfangen kann. Mobilfunk mit Handys dagegen ist aus technischen Gr¸nden dar- auf angewiesen, Basisstationen mit geringer Leistung (5-50W) engmaschig ¸ber das Land zu verteilen. So stehen sie oft in der Nachbarschaft, und darin sehen manche B¸rger ein neues, schwer abzusch‰tzendes Gefahrenpotential. Manche Menschen halten sich selbst f¸r Ñelektrosensibelì und versuchen, den gef¸rchteten ÑElektro- stressì zu vermeiden, indem sie beispielsweise Radiowecker aus dem Schlafzimmer entfernen. ÑElektrosensibilit‰tì konnte allerdings bisher noch bei niemandem unter kontrollierten Doppelblindbedingungen glaubhaft nachgewiesen werden.

Als angebliche Folge von ÑElektrosmogì wird u.a. geklagt ¸ber Schlaf- und Konzent- rationsstˆrungen, Angstneurosen, Kopfschmerzen, ¸ber organische Stˆrungen an Herz, Darm, Augen, Ohren und Atemwegen, ¸ber Hormon-, Fruchtbarkeits- und Stoffwechselstˆrungen, Allergien, Hauterkrankungen und Krebs. Erstaunlicherweise variiert die Zahl der angeblich ÑElektrosensiblenì von Land zu Land. In Deutschland soll es ¸ber 10.000 F‰lle geben, in England, Finnland, Italien und ÷sterreich aber sind praktisch keine ÑElektrosensiblenì bekannt. Der Verdacht einer Massenpsycho- se aufgrund des wohlbekannten Nocebo-Effekts (37) liegt da sehr nahe.

Hier ein paar typische Argumente der Elektrosmog-Protagonisten sowie jeweils ein Kurzkommentar:

ÑDie biologischen Wirkungen sind noch gar nicht richtig untersucht!ì Die Publikationen sind mittlerweile so zahlreich, dass selbst Experten sie kaum noch ¸berblicken und zur Verwaltung grofle Datenbanken benˆtigen.

ÑDigital gepulste Hochfrequenztechniken sind neu und besonders gef‰hrlich!ì Seit einem halben Jahrhundert gibt es Fernsehen, das auch zu ca. 80% aus gepuls- ten Signalen besteht. Dass andere gepulste Signale z.B. des digitalen Mobilfunks gesundheitssch‰dlich sind, ist unbewiesen.

ÑLangzeitwirkungen des Elektrosmog sind vˆllig unbekannt!ì Nieder- und hochfrequente technische Felder gibt es seit Beginn dieses Jahrhun- derts, also seit gut drei Generationen. Das d¸rfte lang genug zur Feststellung von Langzeitwirkungen sein. Seither hat sich die Lebenserwartung der Menschen ver- doppelt.

ÑDie Wirkungen von Radioaktivit‰t und Rˆntgen strahlen wurden auch zuerst baga- tellisiert!ì Richtig. Es handelt sich jedoch um ionisierende Strahlen, deren Wirkungen man seit Jahrzehnten doch sehr genau kennt. G‰be es vergleichbare Wirkungen im Bereich des Elektrosmogs (nichtionisierende Strahlen), w‰ren sie l‰ngst genauso bekannt.

ÑIch kenne Untersuchungen, die sch‰dliche Wirkungen nachgewiesen haben!ì Die gibt es unter lausenden von Publikationen immer. Eine Wertung kann daher nur vom Fachmann erfolgen, der sie im Zusammenhang mit allen anderen einschl‰gigen Untersuchungen beurteilt.

ÑExperten und Studien sind von der Industrie gekauft und daher nicht glaubw¸rdig!ì Die entscheidenden Fachleute, die die Untersuchungen durchf¸hren, beurteilen und in den Gremien sitzen, kommen aus Universit‰ten und staatlichen Institutionen. Sie sind neutral. Eine K‰uichkeit w‰re f¸r alle Beteiligten sinnlos, da sich naturwissen- schaftliche Zusammenh‰nge durch Geld nicht ‰ndern.

ÑBeweisen Sie mir, dass eine Gesundheitsgefahr durch Elektrosmog nicht existiert!ì Man kann nur etwas beweisen, was existiert. Nicht-Existenz ist nicht beweisbar. Immerhin kann man absch‰tzen, innerhalb welcher Grenzen sich negative Auswir- kungen bewegen w¸rden, wenn es sie g‰be. Und die w‰ren beim Elektrosmog auf jeden Fall im Vergleich zu jeder anderen Belastung im allt‰glichen Umfeld ver- schwindend gering. Beim Handy z.B. wird einerseits mit vagen Argumenten ein Ge- sundheitsrisiko herbeigeredet, das offenkundig gegen null geht, dabei ist es ande- rerseits ein enormer Sicherheitsfaktor: Zahlreiche Menschen verdanken dem Notruf per Handy Gesundheit und Leben.

Kann denn aber etwas, das gar nicht vorhanden ist, mehr bewirken als nur Ñeinge- bildete Be ndlichkeitsstˆrungenì? Tats‰chlich kˆnnen durch ÑNocebo-Effekteì - her- vorgerufen durch den ktiven Glauben an die Sch‰dlichkeit - echte Erkrankungen hervorgerufen werden. Welches Gefahrenpotential die Angst hat, zeigt sich etwa in

der Tatsache, dass die Leuk‰mierate bei Kindern etwas erhˆht war in der N‰he von Kernkraftwerken - und zwar auch in der N‰he eines Werks, das erst in Planung war (Michaelis, zitiert in 37 )! Um Nocebo-Effekte verstehen und ihre Wirkung einsch‰tzen zu kˆnnen, ist es sinnvoll, sich zun‰chst mit ihren segensreichen Gegenspielern zu befassen, den ÑPlacebo-Effektenì. Dass bei der ÑAlternativmedizinì Placebo-Effekte eine Rolle spielen, ist wissenschaftlich unbestritten. Die Frage ist aber, in welchem Ausmafl sie an der Heilung beteiligt sind.

19. Erfolge der Homˆopathie - nichts als Placebo-Effekte?

(Auszug aus Regiomontanusbote 10:34-50, Zitate siehe 37 ) Die Homˆopathie ist eine umstrittene Ñalternativmedizinischeì Auflenseitermethode. Vor etwa 200 Jahren von dem Arzt Samuel Hahnemann entwickelt, widersprechen ihre Vorstellungen radikal den Erkenntnissen, die die wissenschaftliche Medizin seither ¸ber Entstehung und Verlauf von Krankheiten gesammelt hat. Beruhen also die Erfolge der Homˆopathie nur auf (unabsichtlich durchgef¸hrter) T‰uschung des Patienten, verst‰rkt durch die Selbstt‰uschung des Behandlers?

Indoktrination durch unre ektierte Schlagworte:

ï In die wissenschaftliche Medizin muss die Weisheit und Erfahrung eingebracht werden

- des Volkes

- der Inder

- der Chinesen

- der Primitiven

ï Man muss die unkonventionellen Therapieformen besser erforschen

ï Die Schulmedizin kann nicht heilen

ï ÑAlternativeì Heiler sind die Verfolgten einer verstaubten ÑSchulmedizinì

ï Dagegen muss es doch etwas geben!

ï Eine glaubw¸rdige Person hat es best‰tigt

ï Aber das weifl man doch Ö !

ï Ich habe es doch selbst gesehen!

ï Man kann es nicht ausschlieflen Ö

ï F¸r meine Gesundheit darf nichts zu teuer sein

ï Wer heilt, hat Recht

Placebo-fˆrdernd:

Natur ist gesund Panzlich ist besser als tierisch Naturkr‰fte helfen ganzheitliche Wirkung

Nocebo-fˆrdernd:

Chemie vergiftet Technik ist seelenlos Wissenschaft ist gef‰hrlich unvollkommene Wirkung

90% der Bundesb¸rger sind erkl‰rte Fans der Auflenseitermedizin - so der ÑN¸rnberger Anzeigerì vom 17.7.1996. Zwei Drittel der Patienten seien mit der Behandlung zufrieden, bei der wissenschaftlichen Medizin nur ein F¸nftel. Homˆopathie scheint sich, wie andere Auflenseiter-Verfahren auch, in der Praxis zu bew‰hren, ist also ihre Theorie wahr? Sollte sie in die wissenschaftliche Medizin integriert werden, an Hochschulen erforscht und ge- lehrt? Unbestritten ist, dass homˆopathische Mittel bei nicht wenigen Beschwerden helfen kˆnnen, also wirksam sind. Hier geht es aber darum, zu beweisen, dass ihre Wirksamkeit ¸ber Placebo-Effekte - die positive Folge von Scheinbehandlungen - hinausgeht.

Im Zentrum der Homˆopathie steht die Simile-Regel: ƒhnliches soll durch ƒhnliches geheilt werden. ÑKrankheiten werden nur durch solche Arzneien geheilt, die an Gesunden ‰hnliche Krankheitssymptome hervorrufen wie die an denen der Patient leidetì. Bei den ersten homˆopathischen Behandlungen, mit kaum verd¸nnten Wirk- stoffen durchgef¸hrt, kam es oft zu einer ÑErstverschlimmerungì: Die Krankheits- symptome verst‰rkten sich. Nach der ÑSimile-Regelì ist das zu erwarten, denn das Arzneimittel soll sich ja gleichartig auswirken. So begann Hahnemann, seine Heil- mittel zu verd¸nnen, zu potenzieren: Nach jedem Verd¸nnungsschritt mufl die Arznei auf genau festgelegte Weise durchgesch¸ttelt werden, wobei sich etwas vom Ñgeistigen Wesenì der Ursubstanz auf das Lˆsungsmittel (Wasser oder Alkohol) ¸bertragen und Stofiches sich Schritt f¸r Schritt in Unstofiches, in Ñheilsame Schwingungenì umwandeln soll.

Die Potenz D3 enth‰lt meist etwa 1g Wirkstoff pro Liter. D20 entspricht bereits einer Verd¸nnung von 1:10 20 . Das ist etwa soviel wie eine Tablette Aspirin, gelˆst und gleichm‰flig verteilt im gesamten Atlantik. Oft werden sehr viel hˆhere Verd¸nnun- gen eingesetzt: bis zu 1:10 1500 ! Denn, so Hahnemann: "Je mehr potenziert (ver- d¸nnt), desto st‰rker die Heilkraft".

Trotz dieser wissenschaftlich bizarren Theorie kann die Homˆopathie, wie andere Auflenseitermethoden auch, Erfolge vorweisen. Die Globuli mit den geheimnisvollen Namen, die der Homˆopath nach intensiver Befragung den Patienten ganz individu- ell verschreibt, helfen wirklich. Die entscheidende Frage aber ist: Helfen sie ¸ber Placebo-Effekte hinaus?

Placebo-Effekte werden hervorgerufen durch eine Scheinbehandlung oder ein Scheinmedikament (eine Arznei von gleichem Aussehen, gleicher Konsistenz und gleichem Geschmack, aber ohne Wirkstoff), also allein durch eine Ñpsychotrope The- rapieì. Der Placebo-Effekt beruht allein auf Suggestion, die sich psychosomatisch auswirkt.

Testen Sie Ihr Wissen ¸ber Homˆopathie und Placebos:

 

richtig

falsch

1.

Homˆopathie arbeitet vor allem mit p anz- lichen Naturheilmitteln (ÑPhytotherapieì)

2.

Placebo-Medikamente wirken nie besser als Ñschulmedizinischì gut bew‰hrte Arzneien

3.

Placebos haben keine Wirkung, der Placebo-Effekt ist reine Einbildung

4.

Auf Placebos reagieren nur Patienten, deren Krankheit eingebildet ist

6.

Placebos wirken nur bei Patienten, die an den Behandlungserfolg glauben

7.

Placebo-Medikamente enthalten keinen Wirkstoff und kˆnnen daher nicht schaden

8.

Placebos wirken nicht bei Kleinkindern und auch nicht bei Tieren

9.

Mit Placebos arbeiten nur Betr¸ger und Scharlatane

Haben Sie irgendwo Ñrichtigì angekreuzt? Dann liegen Sie falsch. Alle acht Aussagen stimmen nachweislich nicht. Placebos sind keine ÑMedikamente f¸r Dummeì! Obwohl der Placebo-Effekt prinzipiell mit einer Selbstt‰uschung verbunden ist, ist er keine Einbildung, und es ist keine Selbstt‰uschung, wenn er - objektiv nachweisbar! - hilft. Er bietet vielmehr eine wunderbare Chance, die kˆrpereigenen Selbsthei- lungssysteme zu mobilisieren.

Bei einer Umfrage unter 204 Hˆrern dieses Vertrags bekannten 73%, an die Wirk- samkeit der Homˆopathie ¸ber Placebo-Effekte hinaus zu glauben, 35% waren als Ñdogmatisch Gl‰ubigeì ihrer Sache sogar absolut sicher, und die Mehrzahl (35%) berief sich als Begr¸ndung auf eigene Erfahrungen. Nur 8% ‰uflerten sich gegen- ¸ber der Homˆopathie skeptisch. Als schlecht informiert zeigten sich die Teilnehmer bei den Fragen zum Placebo-Effekt. F‰lschlicherweise als richtig beurteilt wurden die Aussagen 1 von 95%, 2 von 26%, 3 von 44%, 4 von 24%, 5 von 78%, 6 von 71%, 7 von 42% und 8 von 6%. Bei der Schlussumfrage nach dem Vortrag bekannten sich noch 57% zur Homˆopathie, und die Zahl der Ungl‰ubigen war auf 20% ange- stiegen. 14 Hˆrer gaben allerdings an, dass sie vom Skeptiker zum Homˆopathie- Gl‰ubigen geworden seienÖ

Tests haben gezeigt, dass Placebos unheimlich stark wirken kˆnnen. Krebspatien- ten, die unter Schmerzen litten, bekamen entweder das bew‰hrte Schmerzmittel Naproxen oder ein Placebo. Wenn sie nicht wussten, dass sie das echte Schmerz- mittel geschluckt hatten, so wirkte dieses schw‰cher als ein Placebo, das man ihnen als vermeintliches Schmerzmittel gegeben hatte! Nat¸rlich war das echte Mittel dennoch wirksam, denn wer wissentlich kein Medikament erhielt, hatte die st‰rksten Schmerzen, und wer wissentlich Naproxen bekam, litt am wenigsten. Solche Tests sind zwar ethisch problematisch; aber nur so kann man unvoreingenommen heraus- nden, was - ¸ber Placebo-Effekte hinaus - wirklich wirkt.

Placebo-Heilerfolge:

Kopfschmerzen

62%

Seekrankheit

58%

Rheuma-Erkrankungen

49%

Erk‰ltung

45%

Spontane Besserungsraten:

bei R¸ckenschmerzen (Wagner M., Proc. 7 th European Sceptics Conference, 1995)

nach 1 Woche

bei 48%

nach 1 Monat

bei 75-80%

nach 2 Monaten

bei 92%

Warum paramedizinische Heilverfahren Erfolge vorweisen kˆnnen:

subjektive Besserung

Auswahl geeigneter F‰lle: Selektion therapiegl‰ubiger Patienten, die auf Placebo-Behandlungen ansprechen

Spontanheilungen

Fehldiagnosen

Propagieren der Erfolge

Vergessen der Misserfolge

Dieselben Gr¸nde kˆnnen nat¸rlich gleichermaflen auch die wissenschaftsmedizini- sche Behandlung erfolgreicher erscheinen lassen als sie wirklich ist.

Thomas (zitiert in 37 ) schildert folgende Untersuchung: Von 3848 Patienten, bei de- nen keine eindeutige Diagnose gelang, erhielten 43%, zuf‰llig ausgew‰hlt, Placebos. 82% von ihnen f¸hlten sich dadurch nach eigenen Angaben gebessert. Die ÑWun- derdrogeì (der Wissenschafts- wie auch der Auflenseiter-Medizin!) ist aber nicht die Placebo-Behandlung selbst, sondern vielmehr die suggestive Kraft des Therapeuten. Die Patienten wurden n‰mlich ohne ihr Wissen in vier vergleichbare Gruppen unter- teilt. Zwei Gruppen erhielten eine "positive Konsultation": Der Arzt verschwieg, dass er die Ursache ihrer Krankheit nicht erkannt hatte und versicherte ihnen stattdessen emphatisch, dass alles in Ordnung kommen werde und sie sich bald besser f¸hlen w¸rden. Die eine Untergruppe bekam Ñzur Unterst¸tzung der Heilungì ein Placebo- Medikament, die andere nicht. Die beiden anderen Gruppen erhielten eine Ñnegative Konsultationì: Der Arzt sagte wahrheitsgem‰fl, dass er sich ¸ber die Ursache der Beschwerden nicht im klaren sei. Wiederum erhielt eine Untergruppe ein Placebo- Medikament mit der Bemerkung, dass es ihnen vielleicht helfen werde, und die an- dere bekam nichts. Die Heilungsrate betrug nach positiver Konsultation 64% und nach negativer 39% - unabh‰ngig davon, ob Placebo-Medikamente gegeben wurden oder nicht! Dass keine Behandlung nˆtig sei, wird von den Patienten ohne Nachteile akzeptiert, denn der ÑHauptakteurì des Placebo-Effekts ist der Heiler selbst, sein Optimismus, die Krankheit zu besiegen!

Erfolgreiche Homˆopathen strahlen eine ¸berw‰ltigende Sicherheit aus. Welcher Wissenschaftsmediziner traut sich denn zu sagen: ÑIch werde Sie heilenì? Stattdes- sen ist er oft im Zweifel, ¸berpr¸ft Diagnose und Therapie und l‰sst den Patienten daran teilnehmen. Das ist manchmal vielleicht gar nicht so gut. Ein Arzt, der die Ursache eines Leidens beim ersten Horchen mit seinem Stethoskop erkennt, t‰te gut daran, den Patienten intensiv weiter zu untersuchen, auch wenn er weifl, dass das nichts Neues bringt. Wenn er ihn zudem noch ausf¸hrlich nach individuellen Ei- genheiten und Lebensgewohnheiten befragt, ist die Chance, dass die Behandlung danach Erfolg hat, dann dank des gesteigerten Placebo-Effekts sehr viel hˆher.

Manche Menschen denken: F¸r sanfte Medizin reichen sanfte Beweise. Dem kann ich nicht folgen. Ich halte es f¸r unethisch, eine Behandlung durchzuf¸hren oder zu be- f¸rworten, bei der man nicht vorher gepr¸ft hat, ob sie wirklich hilft. Bei zweifelhaf- ten Behandlungsmethoden, deren Wirkungsmechanismus man nicht kennt, ist das Doppelblind-Experiment das einzige Verfahren, die Wirksamkeit unvoreingenommen zu pr¸fen, weil bei ihnen der Placebo-Effekt quasi Ñherausgek¸rztì wird: Weder die Patienten noch die behandelnden und auswertenden ƒrzte wissen, wer Placebos er- hielt. ÑKlinische Testsì reichen nicht aus, denn sie sind - oft trotz gegenteiliger Be- teuerung - fast nie doppelblind, und so werden die Resultate ungewollt durch die Erwartungen der Versuchsleiter und der Patienten verf‰lscht. Eindrucksvolle Fallbei- spiele von erfolgreichen Heilungen r¸hren zwar emotional an, sind aber ohne jede Beweiskraft, f¸r die Beurteilung einer Behandlungsmethode also wertlos. Denn posi- tive Einzelf‰lle - Patienten mit l‰ngerer ‹berlebenszeit - kommen ¸berall und immer wieder vor. Es bleibt unklar, welchen Anteil der Placebo-Effekt hatte, und es wird verschwiegen, bei wie viel Patienten die Behandlung erfolglos war. Tote Patienten reden nicht.

Aber selbst in scheinbar Ñobjektivenì Doppelblind-Studien kˆnnen unwirksame Arz- neien positive Effekte haben, weil Patient und Arzt anhand der Nebenwirkungen manchmal erkennen kˆnnen, wer das echte Medikament bekam. Und das f¸hrt unbewusst zu der Erwartung, dass es solchen Patienten besser gehen muss (Ñself fullling prophecyì). Gibt man Placebos, die dieselben Nebenwirkungen haben wie das echte Medikament, schwindet der Unterschied zum Placebo dahin. Der Vorteil des wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweises ist, dass er auch dann funktioniert, wenn man die Wirkungsweise einer Behandlungsmethode noch gar nicht kennt. Es ist also eine Ñideologiefreieì Methode.

20. Wer heilt, hat nicht unbedingt Recht

In jeder Diskussion um medizinische Auflenseiterverfahren taucht das d¸mmliche Argument auf: ÑWer heilt, hat Rechtì. Stets vergessen wird dabei, dass der heilsa- me Placebo-Effekt unwirksamer Auflenseiterbehandlungen untrennbar verbunden ist mit seinem negativen Gegenspieler, dem ÑNocebo-Effektì - und der geht zu Lasten der wissenschaftsmedizinisch behandelten Patienten. Bew‰hrte Arzneien wirken we- niger gut, wenn der Patient Angst hat vor der Ñsch‰dlichen Chemieì, die darin ent- halten sei, oder wenn er dem ÑSchulmedizinerì, bewusst oder unbewusst, misstraut. Es ist fast unvermeidlich: Wurde jemand von Wissenschaftsmedizinern vergeblich behandelt und gesundete danach w‰hrend einer medizinischen Auflenseiterbehand- lung, so haben die ÑSchulmedizinerì bei ihm k¸nftig schlechte Karten, selbst wenn sie der Patient bei erneuten Beschwerden wieder zuerst aufsuchen sollte: unbewusst erwartet er Hilfe eher vom Auflenseiter.

Klagen gegen die wissenschaftliche Medizin:

ab

1600

Ñmehr Schaden als Nutzenì

1800

Ñmenschenverachtendì

1900

Ñallzu naturwissenschaftlichì

1930

Ñreduktionistisch, j¸disch, volksfern ì

1960

ÑApparatemedizin, zu chemisch ausgerichtetì

1980

Ñunbezahlbarì

Merkmale von Nocebo-Effekten:

- sie erscheinen auch, wenn kein Medikament gegeben wird

- sie sind kaum dosisabh‰ngig

- sie sind Ñansteckendì

- sie sind Zielsymptome der Homˆopathika, die bei der ÑArzneimittelpr¸fung an Gesundenì auftreten

- sie sprechen auf Placebos an

Zu Nocebo-Effekten f¸hrt also sowohl die krankmachende Angst vor eingebildeten Gefahren als auch das Misstrauen gegen¸ber einer Behandlungsmethode. Wie leicht sich die Gesundheit beim Menschen psychisch beeinussen l‰sst, zeigen Massenhys- terien: kollektive Illusionen, die zum plˆtzlichen Ausbruch von Ñmysteriˆsen Erkran- kungenì f¸hren mit unspezischen Symptomen wie Erbrechen, Kopfschmerzen, A- temnot und Ohnmacht. Umgekehrt kˆnnen aber auch schwere Krankheiten spontan

ausheilen; bis 1966 wurden 170 F‰lle von Spontanheilung bei Krebs dokumentiert. Was sagen die bisherigen, umfangreichen Untersuchungen ¸ber die Wirksamkeit der Homˆopathie aus? Es gibt nur wenige Untersuchungen, die strengen wissenschaftli- chen Anforderungen gerecht werden. In einigen erweist sich die homˆopathische Behandlung als signikant wirksamer, in anderen das Placebo (37) . Dass Ñpotenzierteì Arzneimittel im Vergleich zu nur im selben Grad verd¸nnten Mitteln im Doppelblind- versuch besser abschneiden, wurde bisher noch nie glaubhaft bewiesen.

Aufsehen erregte der Homˆopathie-Test von Jacque Benveniste. Anti-IG - auch in homˆopathischer Verd¸nnung - l‰sst angeblich basophile Leucocyten platzen. Die- ses Ergebnis wurde in NATURE publiziert unter der Auage, dass eine unabh‰ngige Kommission die Versuche vor Ort ¸berpr¸ft, bestehend aus John Maddox, dem da- maligen Chief-Editor, Walter Stewart vom amerikanischen NIH und James Randi 23) .

Als Walter Stewart Benvenistes Daten sah, sagte er sofort: ÑSo gut kˆnnen die gar nicht sein, irgend etwas stimmt da nichtì. Im NATURE-Artikel hiefl es, dass nur positive Resultate herausgekommen seien. In den Laborb¸chern standen aber viele negative, die offensichtlich unterschlagen worden waren. Gr¸nde daf¸r gab es ge- nug: angeblich Ñschlechtes Wasserì; die ÑVerwendung alter Chemikalienì; Ñder Pati- ent, von dem das Blut stammt, hatte vermutlich Allergienì; Ñschlechte Laune der Betreuer, da am Abend zuvor eine Party warì. Diese Art von Selektion von negati- ven Resultaten geschah im Verlauf von f¸nf Jahren st‰ndig. Und die Versuche waren nicht doppelblind, anders als behauptet (23) .

Zur¸ck zu den Protokollen an der Labordecke. Am n‰chsten Tag stellte Randi fest, dass sie nicht mehr an derselben Stelle hingen - er hatte sie dort vorsichtshalber unbemerkt fotograert. Auflerdem scheinen - so Randi - franzˆsische Leitern die Neigung zu haben, sich nachts von selbst zu verschieben: Sie standen am n‰chsten Tag nicht mehr auf der Markierung, die er insgeheim angebracht hatte, sondern zwei Meter daneben. Irgendjemand muss also versucht haben, Einsicht in die Proto- kolle zu erhalten - vergeblich, denn sie waren wohlweislich codiert.

Benveniste versprach, k¸nftig alle Vorsichtsmaflnahmen einzuhalten und f¸hrte eine zweite Versuchsreihe durch, mit positivem Ergebnis. Er hatte allerdings die Experi- mente nicht doppelblind machen lassen, denn das Ñh‰tte Misstrauen unter den La- bor-Mitarbeitern ges‰tìÖ (23) . Ein Kommentar ist hier ¸ber¸ssig.

Homˆopathika enthalten ¸brigens - entgegen der Volksmeinung - nicht selten ge- f‰hrliche Stoffe: Arsen, Antimon, Anilin, Blei, Cyanid, Phosphor, Quecksilber, Eiter, Extrakte von Mutterkorn, Osterluzei und Knollenbl‰tterpilzen sowie andere Gifte in relevanten Mengen. Zur Skepsis mahnt nicht zuletzt auch die gleichartige Behand- lung unterschiedlichster ÑKrankheitenì. Ischias wird ebenso behandelt wie Eifersucht bei M‰dchen: mit Pulsatilla D6. Bei Keuchhusten und Ehesorgen hilft angeblich Ambra D3. Brechnuss gibt man gegen Verdauungsbeschwerden, Streitsucht, H‰- morrhoiden, Kater, Migr‰ne, verklebte Augenlider, Erk‰ltungen, Darmverschlufl, Prostatabeschwerden, Nierenkolik, Impotenz, Hexenschuss, Harntr‰ufeln und Akne.

Was Homˆopathen glauben m¸ssen:

Das Massenwirkungsgesetz, g¸ltig in der gesamten Biochemie, gilt in der Homˆopathie nicht

Die Loschmidt'sche Zahl (Ñein Mol enth‰lt 6,023* 10 23 Molek¸le bzw. Atomeì) ist irrelevant

W‰ssrige Lˆsungen enthalten ‰uflerst stabile Strukturen, die beim ÑPotenzie- renì verst‰rkt werden oder sich vermehren

Homˆopathisches Verd¸nnen potenziert die gew¸nschten Heilwirkungen, nicht aber die unerw¸nschten Nebenwirkungen desselben Mittels

Potenziert werden nur die Arzneimittel, nicht die Verunreinigungen des Verd¸nnungsmittel

ÑDas Symptom ist die Krankheitì (Hahnemann)

Doppelblindversuche sind f¸r den Wirksamkeitsnachweis einer Behandlung ungeeignet,

negative Resultate d¸rfen daher ignoriert werden

Simile-Regel und ÑPotenzierenì sind aus Sicht der heutigen Wissenschaft inh‰rent unplausibel. Es gibt bisher keinerlei glaubhafte Belege f¸r die Grundpfeiler der Ho- mˆopathie. ÑPotenzierenì hˆrt sich gut an, ist aber offensichtlich nicht als Verd¸n- nen. Weder hat es zu tun mit dem mathematischen Potenzieren, noch mit dem posi- tiv belegten Begriff der sexuellen Potenz.

Tatsache ist: Keine einzige homˆopathische Therapie wurde bisher von der Wissen- schaftsmedizin ¸bernommen. Nicht aus Gr¸nden dogmatischer Ablehnung, sondern weil der Nachweis der Wirksamkeit - ¸ber Placebo-Effekte hinaus - noch nicht glaubhaft erbracht werden konnte. Das oft zitierte Prinzip der Impfung hat mit Homˆopathie nichts zu tun, denn man kann damit eine Krankheit nicht behandeln: Impfen muss man, bevor sie ausbricht. Auch die Ñgleichsinnigeì Behandlung eines Durchfalls mit Rhizinusˆl, die den Orga- nismus beim Ausscheiden von Schadstoffen unterst¸tzen kann, entspricht formal der Simile-Regel, ohne diese damit zu einem Naturgesetz (уhnliches heilt ƒhnli- chesì) zu erheben.

In einer Diskussion ¸ber den Placeboeffekt sagte mir ein evangelischer W¸rzburger Theologe: ÑDen hat doch schon Jesus bei seinen Heilungen eingesetzt. Das sehen skeptische Wissenschaftler doch hoffentlich nicht negativ?ì In der Tat: Zu einer Zeit, in der von wissenschaftlicher Medizin noch keine Rede sein konnte, war jegliche Therapie gerechtfertigt, die - ob bewusst oder unbewusst eingesetzt - auf Hilfe durch den Placeboeffekt hoffte. Und wenn man der Bibel glauben will, so wusste Jesus das sehr wohl. Denn er erwiderte den Dank der Geheilten bescheiden mit den Worten: ÑNicht ich habe dich geheilt. Dein Glaube hat dir geholfenì! Wir sagen heu- te: Es ist der Glaube an den Therapeuten, der hilft. Paul Tillich wies auf einen ande- ren psychosomatischen Aspekt hin: auf die Beziehung zwischen Schuld und Krank- heit. Ungelˆste Gewissenskon ikte kˆnnen Menschen in eine Krankheit treiben. Jesus hat wohl auch diesen Zusammenhang gekannt, denn er verk¸ndete dem Ge- l‰hmten zuerst Vergebung seiner S¸nden, und dann erst die Gesundung. Mit sich selbst und der Welt versˆhnt, wird man leichter und rascher gesund.

Kranke homˆopathisch zu behandeln, entspricht also in jeder Hinsicht der klugen wissenschaftsmedizinischen Strategie, nichts zu tun, abzuwarten, bis sich der Orga- nismus selbst hilft, und dabei Placebo-Effekt optimal einzusetzen. ÑDie Kunst der Medizin besteh darin, den Patienten zu unterhalten, w‰hrend die Natur seine Krank- heit heiltì (Voltaire). Ein n¸chtern denkender Hausarzt sagte mir einmal: Ñ20% der Patienten werden durch meine Medikamente geheilt, 30% durch den Placebo-Effekt, und 50% heilt die Zeit!ì

Verst‰rkt wird der Placebo-Effekt, wenn man das stereotype Ñ3x t‰glichì durch komplizierte Anweisungen ersetzt, etwa: ÑErwachsene nehmen im akuten Stadium 1/2 Tag lang halbst¸ndlich 5 Tropfen auf 1 Teel. abgekochtes Wasser, dann 1 Tag st¸ndlich 5 Tropfen, dann am 2. Tag alle zwei Stunden 10 Tropfen, und vom 3. Tag an alle drei Stunden 10 Tropfen bis zur vollst‰ndigen Genesung. Kinder erhalten die H‰lfte, S‰uglinge 1/4 der normalen Dosisì.

Sehr kleine oder sehr grofle Placebo-Pillen wirken st‰rker als mittelgrofle, bitterer Geschmack unterst¸tzt die Wirkung, ebenso die Information: Das Medikament ist neu, es besteht aus Ñnat¸rlichenì Stoffen, es kommt aus dem Ausland, es ist teuer. Positiv wirkt sich auch der Name der Arznei aus (ÑGoldtropfenì, ÑLebensessenzì, ÑNerventeeì) und die angebliche Wirkungsweise (Ödient der ÑBlutreinigungì und ÑSchlackenentfernungì). Beim Arzt wird die Heilerwartung gesteigert, wenn antike Sprachen im Namen anklingen (ÑEucardì, ÑEusexanì, ÑExanalì).

Homˆopathen und andere Auflenseitermediziner sind in aller Regel keine Scharlata- ne, auch wenn ihre Erfolge ausschliefllich auf Placebo-Effekten beruhen. Denn meist sind sie von der Wirksamkeit ihrer Behandlungsmethode fest ¸berzeugt. Aber das ambivalente Argument Ñwer heilt, hat Rechtì verwischt ganz bewusst den Unter- schied zwischen gepr¸ften und ungepr¸ften Methoden. Dass die spezische Wirk- samkeit homˆopathischer Mittel mit wissenschaftlicher Logik gar nicht statistisch nachgepr¸ft werden kˆnne, ist eine willk¸rliche Schutzbehauptung. Denn positive Testergebnisse werden emphatisch zitiert.

Der Wahrheitsgehalt der Homˆopathie wie auch anderer medizinischer Auflenseiter- verfahren scheint einzig und allein in der Wirkung zu bestehen, die mit der intensi- ven Zuwendung des Heilers verbunden ist. Die These, es sei nichts als Placebo- Therapie, ist also eigentlich eher ein Lob als ein Vorwurf. Denn der Mensch heilt sich in hohem Mafl selber: Hauptsache, er wird auf irgendeine Weise behandelt und glaubt daran. Was die Wissenschaftsmedizin den Auflenseitermedizinern vorwirft, sind nicht die Placebos, die sie verordnen, sondern das gl‰ubige Festhalten an wis- senschaftlich unhaltbaren Vorstellungen. Nat¸rlich hat auch die Wissenschaftsmedi- zin viele Fehler gemacht (37) , aber ihr unsch‰tzbarer Vorteil ist: Falsche Theorien werden im Lauf der Jahre ausgemerzt. Wenn eine Heilmethode im Doppelblindexpe- riment keine signikant besseren Resultate hervorbringt als eine ad‰quate Placebo- Behandlung, dann ist die Wirksamkeit dieser Methode damit widerlegt. Auflerhalb dieser Logik gibt es keinen anderen Weg zu verl‰sslicher Erkenntnis, denn antiratio- nales Denken hat noch nie in der Geschichte der Menschheit bleibende Fortschritte gebracht.

Gute Gr¸nde, sich homˆopathisch behandeln zu lassen:

ï Erfahrungsgem‰fl kˆnnen homˆopathische Mittel helfen bei chronischen und bei akuten Gesundheitsstˆrungen - auch bei Kleinkindern und Tieren

ï Homˆopathie sucht den ganzen Menschen zu heilen. Sie will nicht die Krankheit unterdr¸cken, sondern zielt auf St‰rkung der Selbstheilungsmechanismen

ï Therapeuten lassen sich f¸r ihren Patienten viel Zeit und nehmen ihn ganz ernst, in der Anamnese und w‰hrend der Behandlung. So wird er psychisch in die Hei- lung eingebunden

ï Homˆopathische Behandlung dauert meist sehr lang und l‰sst so dem Organismus Zeit, die er zur Selbstheilung nutzen kann

ï Placeboeffekte bedeuten f¸r viele Patienten effektive Hilfe

ï Homˆopathische Medikamente sind relativ kosteng¸nstig, und

ï sie haben, da oft hochverd¸nnt (Ñpotenziertì), meist keine sch‰dlichen Nebenwirkungen

Gute Gr¸nde, sich nicht homˆopathisch behandeln zu lassen:

ï Homˆopathie geht per denitionem von den Symptomen der Krankheit aus und lehnt kausales Ursachendenken ab. Alle Krankheiten aber haben ñ nach bestem heutigen Wissen - kausale Ursachen

ï In reinstem Wasser und Alkohol, die man beim ÑPotenzierenì zum Verd¸nnen nimmt, kommen in Spuren fast alle wichtigen, nat¸rlichen Elemente vor, die es gibt. Woher Ñweiflì das Heilmittel, dass nur es allein potenziert werden soll?

ï Die Theorie, dass Gleiches mit Gleichem kuriert werde und dass beim ÑPotenzie- renì sich Ñfeinstof iche Informationì vom Wesen der Ursubstanz auf den Verd¸n- nungsstoff ¸bertrage, wobei ÑStofiches sich schrittweise in Unstofiches verwand- leì, ist wissenschaftlich unbelegt. Wer heute noch an die vitalistische Ñimmaterielle Lebenskraftì im Sinne Hahnemanns glaubt, der ignoriert wesentliche Erkenntnisse der Physik, Chemie und Biologie der letzten 200 Jahre

ï Unterschiedlichste Homˆopathieschulen melden ‰hnlich grofle Heilerfolge wie an- dere para- und pseudomedizinische Methoden. Vermutlich beruhen daher alle auf Placebo-Effekten

ï Homˆopathie ist eine in sich geschlossene, irrationale, dogmatische, autorit‰re Heilslehre, die keine Kritik zul‰flt

ï Wer an die Homˆopathie glaubt, ist - bewusst oder unbewusst skeptisch gegen- ¸ber der wissenschaftlichen Medizin. Mit der Angst vor der Ñsch‰dlichen Chemieì ist aber ein ÑNocebo-Effektì verbunden, der die Wirkung von gut bew‰hrten konventionellen Verfahren mindert oder sogar ganz aufhebt

ï Es entstehen Kosten ohne belegten Nutzen. Auf Methoden zu verzichten, deren Wirksamkeit nicht belegt ist, w¸rde schnell zu einer deutlichen Kostensenkung beitragen.

ï Bei ernsten Erkrankungen wird die wirksame wissenschaftsmedizinische Therapie oft fahrl‰ssig verzˆgert, was bei manchen Patienten zum Tod gef¸hrt hat

In der angesehenen Zeitschrift LANCET erschien 1997 eine Aufsehen erregende Me- ta-Analyse, in der Linde et al. zu dem Schluss kamen, dass Homˆopathie sehr wahr- scheinlich ¸ber Placebo-Effekte hinaus wirksam sei. Hier werden jedoch die Behand- lungsergebnisse von Hoch- und Niedrigpotenzen, Einzel- und Komplexmitteln sowie von individualisierten und nicht-individualisierten Therapien zusammengenommen. Nimmt man an, dass nicht-individualisierte Niedrigpotenzen im Sinne einer Phy-

totherapie etwas wirksamer w‰ren als Placebos, kˆnnte genau das geschilderte Ergebnis herauskommen. Die Autoren geben zu, dass keinerlei Aussage ¸ber die Wirksamkeit der Homˆopathie als Therapieform machen kˆnnen: ÑWir fanden keine ausreichenden Beweise daf¸r, dass Homˆopathie bei irgendeiner klinischen Erkran- kung eindeutig wirksam istì. Hinzu kommt, dass Meta-Analysen meist nicht alle Studien einbeziehen (Ñpublication biasì): Negative Ergebnisse werden aus vielerlei Gr¸nden seltener publiziert als positive (Windeler, m¸ndliche Mitteilung).

21. Irisdiagnose ist eine andere der zahlreichen Methoden, die auf dem paramedizinischen Markt miteinander konkurrieren (6, 7, 18, 20, 22, 33) . Die Ursache von Erkrankungen wird von den (normalen) Strukturvarianten der Regenbogenhaut des Auges abgelesen. Bei einem Test schnitten Irisdiagnostiker mit einer Trefferrate von ca. 30% erstaunlich gut ab. Sie erzielten aber dieselbe Quote auch dann, wenn sie die Patienten zwar sahen, aber ihre Diagnose aufgrund von Photographien des Auges erstellten, bei denen man vorher ohne ihr Wissen die Iris um 90 Grad gedreht hatte, so dass der benutzte ÑIris-Schl¸sselì gar nicht mehr zutraf (16) ! ÑGuteì Irisdiagnostiker lesen n‰mlich ihren Befund - meist unbewusst durch Ñcold readingì - vor allem von der Kˆrpersprache des Patienten ab, die dem ge¸bten Praktiker viel verr‰t.

Akupunktur wirkt tats‰chlich schmerzlindernd, aber wohl kaum durch die Erregung genau de- nierter ÑMeridianpunkteì, die angeblich spezischen Organsystemen zugeordnet sind (19) . Der Therapeut kann n‰mlich mit der gleichen Wirkung auch an falschen Punkten reizen, die einige cm neben den Ñechtenì Meridianpunkten liegen, solange er das gen¸gend selbstbewuflt tut. Der Effekt h‰ngt haupts‰chlich mit der Aussch¸t- tung von kˆrpereigenen, bet‰ubenden Endorphinen zusammen, denn die Wirkung wird durch den spezischen Morphin-Gegenspieler Naioxon vollst‰ndig auf- gehoben. Man muss also unterscheiden zwischen der Akupunktur als durchaus wirk- same transcutane Reizung und der Ñklassischenì - z.B. der chinesischen - Akupunk- tur, bei der angeblich der ÑEnergieussì in den ÑKˆrpermeridianenì beeinusst werde. Hierf¸r gibt es medizinisch bisher keine Belege.

Elektroakupunktur nach Voll zieht zur Diagnose die Messung des elektrischen Haut-Widerstandes heran und tes- tet die Wirksamkeit von Medikamenten - oft Homˆopathika - ‰hnlich wie bei der Ki- nesiologie. Da der gemessene Widerstand mit der Kraft variiert, mit der die Elektro- de gegen die Haut gedr¸ckt wird, h‰ngt er weniger vom Patienten ab, sondern mehr von der Erwartungshaltung des einf¸hlsamen Therapeuten.

Kinesiologen behaupten, dass sie aufgrund der Armmuskelkraft unterscheiden kˆnnen zwischen hilfreichen und sch‰dlichen Stoffen, die der Proband in einem verschlossenen Fl‰schchen in der anderen Hand h‰lt. Ein Ñerfahrenerì Kinesiologe mˆge mit dieser Methode zehn Fl‰schchen austesten, von denen f¸nf eine vitaminhaltige w‰ssrige Lˆsung und die anderen f¸nf eine Cyanidlˆsung enthalten. Die als gut befunden Fl‰schchen mˆge er dann auszutrinken (man missverstehe diesen Vorschlag nicht als Aufforderung zum Mord).

Chiropraktiker kˆnnen gelegentlich Bandscheiben-Probleme mit (nicht ganz ungef‰hrlichen) Mani- pulationen an der Wirbels‰ule beseitigen. Dar¸ber hinaus behaupten sie, Ursache aller Krankheiten seien einzig und allein eingeklemmte R¸ckenmarknerven, und so werden ÑSubluxationenì an Fehlstellung einzelner Wirbel ertastet oder im Rˆntgen- bild diagnostiziert. Dass Patienten, die von Chiropraktikern Ñgeheiltì worden waren, danach keinerlei Ver‰nderung im Rˆntgenbild zeigten, macht skeptisch. Umgekehrt ist aber auch bei Wissenschaftsmedizinern Vorsicht geboten. Nachdem diese Rˆnt- gen-Wilder von (was sie nicht wussten: beschwerdefreien!) Patienten gesehen hat- ten, lautete ihr Rat nicht selten: ÑSofort operieren!ì

Geistheiler - am bekanntesten die Filipinos, die durch die geschlossene Bauchdecke hindurch Ñoperierenì - kˆnnen in einigen F‰llen zu - meist nur vor¸bergehender - Besserung beitragen, indem sie suggestiv die Selbstgesundungsmechanismen aktivieren. Jeder gute Wissenschaftsmediziner, dem der Patient vertraut, verf¸gt aber dank seiner Suggestionskraft ¸ber dieselben ÑHeilkr‰fteì wie der Geistheiler. Im Test erwies sich ÑFernheilungì als wirksam bei Patienten, denen man suggerierte, ein bekannter Geistheiler werde sie behandeln, obwohl das nicht der Fall war, war aber unwirksam bei Patienten, die Ñbehandeltì wurden, ohne davon zu wissen (37) . An dieser Stelle sei daran erinnert, dass Auflenseitermediziner, die durch Placebo-Effekte heilen, nicht nur wissenschaftlich gesehen irren. Wegen der unvermeidbaren Nocebo-Effekte, die zu Lasten des wissenschaftsmedizinischen Behandlungserfolges gehen, haben sie auch pragmatisch gesehen nicht Recht.

Der ber¸hmte amerikanische Geistheiler Reverend Peter Popoff, der sein hellseheri- sches Wissen als direkte Eingebung der Stimme Gottes pr‰sentiert, tr‰gt bei seinen ˆffentlichen Veranstaltungen immer ein Hˆrger‰t. Dem ist der Berufszauberer Ja- mes Randi (1993) nachgegangen und hat mit einem Frequenz-Scanner festgestellt, dass Gott auf der Frequenz 39,17 Mhz spricht, dass er eine Frau ist, und dass seine Stimme der von Popoffs Frau gleicht. Und die erhielt nˆtige Informationen von Mit- arbeitern, die, als Patienten verkleidet, vor der Veranstaltung die wartenden Klien- ten aushorchten. Besuchern mit Gehbeschwerden, die zu Fufl gekommen waren, setzte man zuvorkommend in bereitstehende Rollst¸hle. Als sie dann w‰hrend der Show daraus aufstanden, entstand im Publikum der Eindruck, sie kˆnnten jetzt zum ersten Mai wieder gehen. Seit Randi den Betrug Popoffs ˆffentlich im Fernsehen aufgedeckt hat, verdient dieser nicht mehr vier Millionen Dollar im Monat (als Reve- rend in den USA steuerfrei). Nach einem vor¸bergehenden Bankrott war er aber 1993 schon wieder im Gesch‰ft. Er r‰chte sich bei Randi, indem er ihn verklagte, weil dieser ohne Einwilligung die Stimme seiner Frau im Fernsehen verbreitet hatte.

Diese eher harmlosen, aber aufschlussreichen Beispiele d¸rfen uns nicht dar¸ber hinwegt‰uschen, dass Geistheiler auflerordentlich gef‰hrlich sein kˆnnen. Denn sie setzen das Leben ihrer Patienten aufs Spiel, wenn sie ihnen von der herkˆmmlichen medizinischen Behandlung abraten. Es sind viele F‰lle dokumentiert, bei denen an- geblich geheilte Patienten das Versagen ihrer Heiler erst gemerkt haben, als es f¸r eine rettende wissenschaftsmedizinische Behandlung zu sp‰t war (18) .

Der Begriff Ñpsychische Behandlungì ist ¸brigens ein Beispiel f¸r die Ungenauigkeit unserer Alltagssprache, die oft zu Ñbegrificher Kontaminationì und damit zu Miss- verst‰ndnissen f¸hrt. Es gibt n‰mlich keinerlei wissenschaftlichen Hinweis darauf, dass ein Mensch ausschliefllich psychisch beein usst werden kann - das w‰re sonst ein Fall von Psychokinese. Was der Volksmund darunter versteht, ist niemals nur psychisch. Kein Therapeut kann einen Menschen psychisch beeinussen, ohne ihn dabei zugleich auch physisch zu ver‰ndern, sei es durch Kˆrpersprache oder durch die Schallwellen seiner Worte. Und nat¸rlich lˆst die darin enthaltene Information Ver‰nderungen im Gehirn des Empf‰ngers aus, die letztlich zu den messbaren kˆr- perlichen Folgeerscheinungen der Ñpsychischenì Beeinussung f¸hren. Sich dessen bewusst zu sein, tr‰gt dazu bei, die Psychotherapie zu entmystizieren, die als hˆchst wirksame Methode ja auch von der Auflenseitermedizin erfolgreich genutzt wird. Dasselbe gilt f¸r diverse esoterische Techniken zur ‹bertragung von ÑKraftì und ÑEnergieì, beispielsweise durch Auegen der Hand.

22. Psychokinese

oder Telekinese, bei der Gegenst‰nde allein Kraft des Geistes bewegt oder verbogen werden, wurde schon oft durch Zaubertricks Ñrealisiertì, die in Fachkreisen wohlbe- kannt sind. G‰be es auch nur einen einzigen zweifelsfrei nachgewiesenen Ñechtenì Fall, w‰re schon l‰ngst der millionenschwere Preis der James Randi Educational Foundation/Florida ausgezahlt worden (siehe unten).

Aufmerksamkeit verdient in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass beispiels- weise die heutigen Metallbieger eine merkw¸rdig beschr‰nkte Kraft haben: Ihr ÑGeistì hat nur Erfolg bei Lˆffeln und Gabeln, nicht aber bei Messerklingen! Dass paranormale Erkl‰rungen falsch sind, kann man nicht (nur) daraus ableiten, dass man Fehler in jedem einzelnen Experiment sucht, sondern indem man unerkl‰rbare Beschr‰nkungen betrachtet. Und sollte es PSI-Ph‰nomene doch geben, m¸ssten wir - so Baker (2) - unendlich dankbar sein, dass sie offensichtlich nur schwach und in- konsequent wirken. Welch eine Horrorwelt, in der man Psychokinese gezielt willent- lich einsetzen kˆnnte! Ein kleiner ƒrger gen¸gte, und man kˆnnte durch eine winzi- ge Beein ussung der Bordcomputer ganze Flugzeuge vom Himmel holen Ö

SÈancen t‰uschen die Teilnehmer sowohl durch Autosuggestion als auch durch Tricks, die der Leiter - das ÑMediumì - einsetzt. Beim ÑTischr¸ckenì bewegt dieser selbst den Tisch - dank der wohlbekannten psychomotorischen Automatismen oft ohne es selbst zu merken! Hinzu kommt als weitere Illusion der Ñautokinetische Effektì: Ruhende, schwache Lichter scheinen sich in dunkler Umgebung zu bewegen, mag der Beob- achter auch noch so kritisch sein.

23. ÑAura-Photographieì: eine billige F‰lschung

Die ÑAuraì eines Menschen ist weniger geheimnisvoll als man vielleicht denkt. Auf- genommen wird sie mit einer speziellen photographischen Kamera und einem einfa- chen Trick: einer Doppelbelichtung. Nach der normalen Aufnahme der Person - aus photographischen Gr¸nden vor schwarzem Hintergrund - wird das Bild der angebli- chen ÑAuraì durch das Licht farbiger Leuchtdioden k¸nstlich produziert, die dicht vor

dem Kameraobjektiv seitlich angebracht sind, und deren Helligkeit bei der Kamera, die ich untersucht habe, durch elektrische Spannungen gesteuert wurden, die man mit Elektroden von den Fingern der Versuchsperson abgriff. Eine Art abgewandelter L¸gendetektor, sonst nichts! Was man daraus ¸ber mˆgliche Krankheiten und psy- chische Zust‰nde ablesen kann, bleibt der Fantasie des ÑAura-Spezialistenì ¸berlassen.

24. Kirlian-Photographien

der ÑAuraì zeigen die direkten Auswirkungen von elektrischen B¸schelentladungen auf einen photographischen Film. Dieser liegt in einem k¸nstlich erzeugten elektri- schen Hochfrequenzfeld zwischen einer Metallplatte und einem aufgelegten Objekt, z.B. einem Finger. Das Ergebnis h‰ngt vom Filmmaterial ab, von der ‰ufleren Form der aufgelegten Fl‰che, vom Auagedruck, von der Leitf‰higkeit der Haut (d.h. von der Salzkonzentration im Hautschweifl) und von der lokalen Luftfeuchtigkeit. Die eindrucksvollen Farben sind keinerlei Abbild von irgend etwas. Sie zeigen lediglich an, wie tief die k¸nstlichen Entladungen und das mit ihnen verbundene Licht in die ¸bereinander liegenden Schichten des Farblms vorgedrungen sind.

25. Todesn‰he- und Out-of-body-Erlebnisse: Blicke ins ÑJenseitsì

oder Halluzination? Haben Menschen eine Art ÑAstralleibì, der Tr‰ger des Bewusstseins ist und der ihren sterbenden Kˆrper verl‰sst, um in eine andere Welt zu wandern? In ¸ber 50 ver- schiedenen Kulturkreisen glaubt man an einen Geist oder eine Seele, die den Tod ¸berdauert, indem sie den Kˆrper verl‰sst - scheint dieser doch unmittelbar danach ‰uflerlich (!) noch ganz unver‰ndert zu sein. Nahe-Todes-Erfahrungen (NDEs) oder ÑOut-of-bodyì-Erlebnisse (OBEs) hatten zwischen 5 und 28% der Bevˆlkerung (Blackmore in 25 ). Nach glaubw¸rdigen Berichten hatten sie charakteristische ÑKernerfahrungenì, die relativ einheitlich sind: Sie sp¸rten - meist f¸r ein bis zwei Minuten - vom eigenen Kˆrper getrennt zu sein und beobachteten aus einiger Ent- fernung schr‰g von oben, was mit diesem geschah. Sie f¸hlten sich friedlich und zutiefst gl¸cklich, manchmal hˆrten sie, dass man sie f¸r tot erkl‰rte. Sie passier- ten einen langen dunklen Tunnel mit einem hellen, zentralen Licht, das immer grˆ- fler wurde. Jenseits des ÑTunnelsì trafen viele auf andere menschliche Gestalten, darunter oft ein ÑLichtwesenì, und manche erfuhren einen kritisch-wertenden Le- bensr¸ckblick.

Solche Erfahrungen sind die empirische Grundlage f¸r Vorstellungen, die sich viele Menschen von einem Jenseits machen. Keineswegs handelt es sich hier um Traum- erlebnisse oder Fantasien, sondern vielmehr um Ereignisse, die als ‰uflerst real er- lebt werden. Man muss dazu aber gar nicht fast tot sein. Ausgelˆst werden sie n‰m- lich auch durch Drogen wie Haschisch, Psilocybin, Meskalin oder LSD, extreme ‹berm¸dung, Epilepsie, Migr‰ne, Meditation, oder durch Sinnes-Derivation: dem vˆlligen Entzug aller ‰ufleren Sinnesreize in einem Isolationstank, in dem man bei Dunkelheit und Stille mehrere Stunden lang schwerelos schwebt ( 8 , Blackmore in 25 ). In allen F‰llen ist der Kˆrper keineswegs tot, im Gegenteil: Das Gehirn ist ganz beson- ders aktiv. Die Erlebnisse geben also keinerlei Hinweis auf ein Leben nach dem Tod.

Verursacht werden NDEs vermutlich durch elektrisches ÑRauschenì, das zun‰chst in der Sehrinde und sp‰ter auch in anderen Hirnbereichen zunimmt: eine Folge der ausgefallenen Atmungs- und Herzt‰tigkeit, Wegen der nat¸rlichen Bildverzerrung infolge des kortikalen Vergrˆflerungsfaktors - der mittlere Bereich des Sehfeldes wird im Gehirn vielfach vergrˆflert abgebildet! - erzeugt dieses Rauschen in der Wahrnehmung einen dunklen Tunnel mit einem hellen Fleck in der Mitte, der lang- sam grˆfler wird. Zur Wahrnehmung eines ÑLebenslmsì kommt es dann, wenn das ÑRauschenì auf die Nervenzellen im Schl‰fenlappen ¸bergreift. Bei jedem Menschen kann man dort durch elektrische Reize k¸nstlich Halluzinationen auslˆsen, in denen Erinnerungen als hˆchst lebendige Ereignisse nacherlebt werden.

Warum aber kˆnnen bewusstlose Patienten mit geschlossenen Augen sp‰ter von visuellen Erlebnissen berichten und zutreffend schildern, was mit ihnen und m sie herum geschah? Von allen Sinneswahrnehmungen geht das Gehˆr als letztes verlo- ren, und unser Gehirn kann sich aus dem, was wir hˆren, ein deutliches visuelles Bild machen. Es gab allerdings auch visuelle Berichte ¸ber Wiederbelebungsversuche bei Menschen, die sich nur einbildeten, sie seien k¸nstlich wieder belebt worden.

Wenn man OBE-Erlebnisse als eine reale Trennung von Kˆrper und Geist deutet, dann sind das, ebenso wie die Vorstellung einer ÑWiedergeburtì des persˆnlichen Ich, Spekulationen, f¸r die es bis heute keine glaubw¸rdigen Belege gibt. Unsere Wahrnehmung, unser Bewusstsein, unser Ich sind nach dem Wissen der Hirnfor- schung untrennbar eng verbunden mit der Funktion spezischer Hirnbereiche. F‰llt beispielsweise ein bestimmter Teil im mittleren Temporallappen aus, so ist man - f¸r den normalen Menschen kaum vorstellbar blind f¸r Bewegung: Die Sehwelt besteht dann nur och aus Standbildern.

Dass das wahrnehmende Ich in Form eines ÑAstralleibesì den Kˆrper verlassen kann, ist aus Sicht der Hirnforschung also extrem unwahrscheinlich. Dennoch: Eine Theorie mag noch so bizarr sein, sofern sie pr¸fbare Voraussagen macht, sollte man sie wissenschaftlich ernstnehmen. H‰u g behaupteten Personen, sie h‰tten ihren Astralleib in andere R‰ume geschickt und gesehen, was dort vorging. W‰ren extra- korporalen Erfahrungen also mehr als Halluzinationen, liefle sich dies nicht nachwei- sen, besonders einfach in Kliniken. Ohne das Operationsteam zu informieren, kˆnn- te man auf in hohes Regal oberhalb der Operationstische einen eitel legen - nicht sichtbar in irgendwelchen spiegelnden Fl‰chen, und wohlbewacht vor mˆglichen, betr¸gerischen Informanten! - mit einer deutlich lesbaren, persˆnlichen Botschaft an den jeweiligen Patienten: ÑLieber Herr Fritz M¸ller! Bitte merken Sie sich die Zahl 758ì. W¸rden Patienten nach ihrer Operation ganz von selbst von diesem Zettel und der darauf notierten Zufallszahl erz‰hlen (die jedes Mal ge‰ndert wird!), so w‰re das ein starkes Indiz daf¸r, dass das wahrnehmende Ich den Kˆrper wirklich verlas- sen kann. Kontrollierte Experimente dieser Art hatten noch nie Erfolg.

Bis heute gibt es also keine glaubw¸rdigen Hinweise, dass auflerkˆrperliche Erleb- nisse mehr sind als Halluzinationen, die als ¸beraus real empfunden werden. Sich ¸ber Begriffe wie Astralleib oder Ñfeinstofiche Materieì Gedanken zu machen, ist daher m¸flig: Es sind nichts als leere Worth¸lsen, reine Fantasieprodukte, auch wenn manche Menschen aufgrund ihrer Weltanschauung sich w¸nschten, sie seien real.

Hypnose-Regression in ein angebliches Ñfr¸heres Lebenì kann zwar einen positiven therapeutischen und Placebo-Effekt haben. Oft verschafft es dem Patienten Trost, sein jetziges Schicksal mit fr¸heren, in vorhergegangenen Leben, in Bezug zu set- zen. G‰be es das Ph‰nomen der Reinkarnation wirklich, dann d¸rfte es aber wohl immer nur eine einzige Person geben, die fr¸her einmal Napoleon, Jeanne d'Arc oder Nero gewesen sein will; das ist keineswegs der Fall. ‹berdurchschnittlich viele richtige Antworten auf - in fremder Sprache gestellte - Ñja/nein-Fragenì (die man ohnehin zu etwa 50% richtig raten kann) sind auch kein Beleg f¸r Wiedergeburt, denn in fast allen Sprachen erkennt man die Art der Frage an der Satzmelodie.

Ich glaube, dass die Natur ein ÑRecycling von Seelenì nicht nˆtig hat. Vielmehr scheint sie mit jedem entstehenden Gehirn ein neues Bewusstsein zu erschaffen. ÑWir alle halten uns selbst nur allzu gern f¸r ein unverg‰ngliches Gebilde, das einen verg‰nglichen Kˆrper bewohnt. Aber schon Buddha lehrte, dass wir diese Illusion durchschauen m¸ssenÖ dass der Kˆrper nur Fleisch ist, und wir eigentlich nicht so wichtig sind. Und das ist eine hˆchst befreiende, erleuchtende Einsichtì (Blackmore, zitiert nach (25) .

Der Zauberk¸nstler Houdini war ein Skeptiker, der selbst gerne an die Echtheit pa- ranormaler Ph‰nomene geglaubt h‰tte. Alle F‰lle jedoch, die er untersuchte, erwie- sen sich als F‰lschung oder Selbstt‰uschung. Sein Forscherdrang machte selbst vor dem eigenen Tod nicht halt. Mit seiner Frau machte er einen geheimen Code aus, den er versuchen wollte, aus dem Jenseits zu schicken. Viele Medien standen an- geblich in Kontakt mit Houdini, aber niemand war jemals in der Lage, diesen Code zu nennen.

26. Levitation

Der vermeintliche Schwebezustand bei OBEs l‰sst sich zwanglos mit der Art unserer bildlichen Vorstellung erkl‰ren: Wenn man sich irgendein Geschehnis vorstellt, an dem man selbst beteiligt ist, beispielsweise eine gemeinsame Familienmahlzeit, so geschieht dies meist aus der Vogelperspektive: Man sieht, schr‰g von oben, sich selbst mit am Tisch sitzen. So realistisch man im Traum oder in der Meditation den Vorgang des Schwebens und Fliegens erleben mag: Ein glaubw¸rdiger Nachweis f¸r die Echtheit steht aus.

27. ÑOrgon-Strahlenì und die Illusion der Ñtanzenden Punkteì

Wilhelm Reich gilt als Entdecker der sogenannten ÑOrgon-Strahlenì. Als heilsame ÑLebensenergieì haben sie Einzug in die Paramedizin gehalten. Dazu heiflt es dann:

ÑSchaut auf den Himmel, da seht ihr viel Energie (Orgon), aber wenn ihr auf einen Baum am Horizont blickt, seht ihr direkt an der Grenze zum Baum kein Orgon, und auch nicht vor dem Baum. Der Baum atmet das Orgon ein, denn Orgon ist Leben Öì Obwohl diese ÑStrahlenì und ihre angebliche Wirkung noch nie nachgewiesen wur- den: Sehen kann man das tats‰chlich so, und schon Helmholtz hat das Ph‰nomen beschrieben. Starrt man entspannt auf eine gleichm‰flig helle, blaue, gr¸ne oder weifle Fl‰che, sieht man nach einigen Sekunden etwas, das sich vergleichen l‰sst mit dem Bild von lebenden Spermien, die man im Mikroskop bei etwa 200facher Vergrˆflerung betrachtet: Hunderte von winzigen, kontrastarmen Gebilden bewegen

sich rasch kreuz und quer durchs Gesichtsfeld! Jeden einzelnen dieser Ñtanzenden Lichtpunkteì kann man aber nur zwei bis vier Zehntelsekunden lang sehen. Sie erscheinen etwas heller als die Umgebung und legen bizarre Kurven mit meist drei Richtungswendepunkten zur¸ck, die insgesamt einen Sehwinkel von jeweils ca. 2 ¸berstreichen. Besonders gut sieht man sie im blauen Himmel oder mit der ÑGanz- feld-Technikì, bei der man sich halbierte Pingpong-B‰lle vor die offenen Augen setzt. Bei den Ñtanzenden Punktenì handelt es sich keineswegs um die bekannten Ñmou- chesì, Schatten von Einschl¸ssen im Glaskˆrper, die sich mit jedem Blickwechsel tr‰ge mitbewegen. Als ich das Ph‰nomen zum ersten Mal wahrnahm, habe ich zu- n‰chst vermutet, dass es auf ÑRauschenì in unserem Sehsystem beruht: Bewe- gungsdetektoren, die nichts zu tun haben, kˆnnten Zufallsbewegungen von nicht vorhandenen Bildelementen signalisieren. Tats‰chlich aber handelt es sich um die zarten Schatten der roten Blutzˆllen, die durch die Netzhautkapillaren ieflen. Denn die Ñtanzenden Punkteì erscheinen weder bei weit geˆffneter Iris, weil die Schatten dann unscharf werden, noch bei roten Fl‰chen, weil die roten Zellen dann keine Schatten mehr werfen. Zudem erhˆht sich ihre Bahngeschwindigkeit, wenn man durch Pressen der Atmung den Blutdruck in den Augen heraufsetzt (Krˆhling, m¸nd- liche Mitteilung). Wahrnehmungen wie die Ñtanzenden Punkteì widersprechen nat¸r- lich unserer Seherfahrung, deshalb werden sie in der Wahrnehmung ebenso unter- dr¸ckt wie die massiven, aber ruhenden Schatten der Blutgef‰fle, denn das ruhende Auge ist blind (31, 35) . Zudem ist ¸berall dort, wo im Gesichtsfeld kontrastreiche For- men sind, die Kontrastempndlichkeit unseres Sehsystems verringert, so dass es die kontrastarmen Ñtanzenden Punkteì ¸bersieht. Auch die Bewegungsdetektoren h‰tten dort gen¸gend Daten zu verarbeiten, und es k‰me erst gar nicht zu dem hypotheti- schen ÑRauschenì. Sich mit Paraph‰nomenen zu besch‰ftigen und sie versuchen, zu erkl‰ren, kann sich also lohnen: Manchmal gibt es ein spin-off f¸r die Wissenschaft.

28. T‰uschung und Entt‰uschung in der Parapsychologie

Der Laie neigt dazu, zu glauben, dass PSI-Ph‰nomene weit verbreitet sind. Parapsy- chologen sehen das, aus ¸ber 120j‰hriger schmerzlicher Erfahrung, anders. Denn noch immer kˆnnen sie, so der National Academy of Science Committee Report 1987, kein ¸berzeugendes, positives Resultat vorweisen, das von kompetenten, kritischen Wissenschaftlern erfolgreich wiederholt werden kann (3, 23) . Die einzige Neuentdeckung, die wir Parapsychologie verdanken, scheint der Ñexperimenter effectì zu sein: Die Tatsache, dass die Erwartungshaltung des Versuchsleiters ungewollt das Ergebnis Ñschˆntì.

Besonders ins Zwielicht geriet die Zuverl‰ssigkeit parapsychologischer Forschungs- ergebnisse durch Randis ÑProjekt Alphaì (23) . Dieser schickte zwei junge Zauber- k¸nstler als Versuchspersonen mit angeblicher PSI-Begabung in das renommierte McDonnel-Laboratory for Psychic Research der Washington University in St.Louis /Missouri, das mit 500.000 $ gesponsert worden war. Zuvor hatte er fairerweise mit ihnen ausgemacht, dass sie ihre Tricks offenbaren sollten, bevor diese als echte pa- rapsychologische Ph‰nomene publiziert w¸rden, und dass sie auf die Frage: ÑHast du Tricks eingesetzt?ì sofort antworten sollten: ÑJa, und James Randi hat uns her- geschickt!ì Randi schrieb dem Leiter, Physikprofessor an der Universit‰t, welche Kontrollversuche vor Taschenspielertricks sch¸tzen und schlug vor, bei der Vorberei- tung betrugssicherer Experimente zu helfen, was aber dankend abgelehnt wurde.

Im Verlauf der zweieinhalbj‰hrigen Forschungsarbeit wurden die jungen Zauber- k¸nstler nie gefragt, ob sie betr¸gen, obwohl Randi in dieser Zeit mindestens acht Briefe an das Labor schickte, in denen er vor genau denjenigen Tricks warnte, mit denen die Zauberer ihren ‹berwachern diverse PSI-Effekte vorgaukelten. Der Ver- suchsleiter las ihnen sogar einen der Briefe mit den darin geschilderten Vorsichts- maflnahmen vor und mokierte sich ¸ber die Ratschl‰ge des Absenders. Auf die Frage, ob sie tricksten, warteten sie vergeblich. Das Ergebnis der Untersuchungen:

Die Versuchspersonen konnten Gedanken lesen, Schl¸ssel biegen und dergleichen mehr. Einmal sollten sie den Gang einer kleinen Digitaluhr auf irgendeine Weise psychisch beein ussen. Hinter dem R¸cken der Versuchsleiter schmuggelten sie die Uhr vor¸- bergehend aus dem Labor heraus und steckten sie in der Kantine aus Spafl in einen Mikrowellenherd. Die Parapsychologen waren begeistert ¸ber die unerkl‰rlichen, fremdartigen Symbole, die ÑWunderuhrì danach zeigte. Sie wurde f¸r 10.000 $ analysiert, ohne dass man eine normale Erkl‰rung f¸r die wundersamen Zeichen fand. Randi will kein Missverst‰ndnis aufkommen lassen: Er machte solche Tests nicht zum Scherz, oder um Parapsychologen bloflzustellen. Vielmehr sieht er darin die einzige Mˆglichkeit, ihnen zu beweisen, wie leicht sie sich t‰uschen lassen - von anderen wie auch von sich selbst.

29. Pseudowissenschaft oder nicht?

Es geht hier nicht darum, unsere Welt, in der wir leben, durch Besserwisserei zu entzaubern. Ganz im Gegenteil glaube ich, dass die Welt in ihrer Abstraktheit, wie, sie die Wissenschaft ansatzweise erkannt hat, sich bisher auf ¸berw‰ltigende Weise als wunderbarer und schˆner erwiesen hat als Esoteriker und Science-Fiction- Autoren zusammen sich bisher ausgemalt haben. Und es geht auch nicht darum, irgendwelche Ph‰nomene zu ignorieren, die - w‰ren sie real - von der heutigen Wis- senschaft nicht erkl‰rt werden kˆnnten. Jeder intellektuell redliche Wissenschaftler ist offen f¸r neue, unverstandene Ph‰nomene, allerdings unter der Voraussetzung, dass deren Existenz wirklich nachgewiesen ist. Denn die Bereitschaft, aus den Ergebnissen von Schl¸sselexperimenten (Ñcrucial experimentsì) zu lernen, ist ein Merkmal echter Wissenschaft. Es ist das Fehlen dieser Bereitschaft, das Pseudowissen- schaften auszeichnet: Sie zeigen sich immun gegen¸ber jeder Art von Widerlegung.

Vollmer (29) hat aussichtsreiche Kandidaten f¸r Pseudowissenschaften gesammelt, deren Grundkonzepte nach dem heutigen Stand des Wissens nicht wissenschaftlich belegt sind. Dazu gehˆren beispielsweise: Astrologie, Biorhythmenlehre nach Fliefl, Chiropraxis, Erdstrahlenkunde, Graphologie, Handlesen; Paramedizin wie z.B. die klassische Akupunktur-Theorie, Auraphotographie, Eigenblutbehandlung, Geisthei- lung, Homˆopathie nach Hahnemann, Irisdiagnostik, Kinesiologie, Orgontherapie nach Reich, Phrenologie, Pyramiden-Kraftfeldwirkung, Paraphysik wie z.B. Levitati- on, New-Age-Physik nach Capra, N-Strahlen, Perpetuum mobile-Forschung; Para- psychologie wie z.B. Hellsehen, Pr‰kognition, Psychokinese, Spuk; Psychoanalyse nach Freud und UFOlogie.

30.

Sind Esoteriker Scharlatane?

Auch wenn sie irren: Die meisten Esoteriker betr¸gen nicht bewusst, sind also keine echten Scharlatane. Es sind sogenannte Ñshut eyesì: Sie wissen es nicht besser.

Und so t‰uschen sie nicht nur ihre zahlungswilligen Kunden, sondern auch sich selbst. Aber sie kˆnnten es besser wissen, wenn sie sich ¸ber die vorliegenden, unvoreingenommen durchgef¸hrten Untersuchungen informierten.

Wilson und Barber (zitiert in 2 ) haben herausgefunden, dass 4-6% der Bevˆlkerung Ñfantasy-proneì sind: Sie neigen dazu, unkontrolliert zu fantasieren und zu halluzi- nieren was immer sie sich w¸nschen. Es sind die geborenen ÑMedienì, Wahrsager und Heiler, Tagtr‰umer und religiˆsen Vision‰re, diejenigen, die am h‰ugsten OBEs erlebten oder Ñvon UFOs entf¸hrtì wurden. Dass wir meinen, solchen Menschen, die keineswegs als pathologisch anzusehen sind, nur selten zu begegnen, liegt daran, dass sie - ebenso wie die Syn‰stheten (35) - schon in ihrer Kindheit erfahren haben, dass es meist besser f¸r sie ist, ihre auflergewˆhnlichen Wahrnehmungen, ihre Fan- tasiewelten und imagin‰ren Spielkameraden f¸r sich zu behalten (2) .

31. Esoterik ist sch‰dlich, obwohl sie vielen Ñhilftì

Viele Esoterikanh‰nger sagen: ìDie Realit‰t ist relativ. Wenn ich mich entscheide, beispielsweise an Astrologie zu glauben, dann wird sie f¸r mich wahr und funktio- niertì. Das Problem ist aber, dass sich die Wahrheit nicht nach dem Glauben richtet, und sei es der Glaube von noch so vielen. Die meisten Menschen stimmen wohl zu, dass man sein Leben nicht auf Selbstt‰uschungen aufbauen sollte. Dar¸ber hinaus ist magisches Denken allgemeingef‰hrlich. Mit ihm geht es ebenso wie mit Drogen:

Es macht, dass man mit der Zeit an immer d¸mmere Dinge glaubt (23) .

So manchem Paragl‰ubigen, der ¸ber gen¸gend Selbstbewusstsein und etwas schau- spielerisches Talent verf¸gt, hat aber schon ein einfacher Test die Augen geˆffnet. Wenn er als Irisdiagnostiker bewusst den ÑIrisschl¸sselì verf‰lscht, wenn er als Astrologe falsche Geburtsdaten verwendet, als Hand- oder Tarotkarten-Leser das Gegenteil von dem sagt, was in den ÑLehrb¸chernì steht, oder wenn er als Radi‰s- thet Rute oder Pendel bewusst an einem Ñfalschenì Ort ausschlagen l‰sst: Die Erfolgsrate bleibt erstaunlicherweise immer gleich! Die Schlussfolgerungen hieraus sollte jeder selbst ziehen.

32. ÑCredomanieì: Sucht zum Aberglauben und ihre phylogenetischen Wurzeln

Warum ist unser Denken derart von Aberglauben und Mythen gepr‰gt, warum glauben heute ¸ber 60% aller Deutschen an den Einuss der Sterne auf das menschliche Schick- sal, warum gibt es einen R¸ckfall in Fundamentalismus und mittelalterliche Unkultur? Die Ursache des ‹bels, die Glaubs¸chtigkeit, ist ein menschliches Problem, das sich nur schwer ¸berwinden l‰sst, denn es handelt sich dabei wohl um eine echte Erblast: Auch und gerade unsere Vorfahren, die Tiere, scheinen abergl‰ubisch zu sein, wie Konrad Lorenz 1975 in einem Vortrag vor der Physikalisch-Medizinischen Gesellschaft in W¸rz- burg am Beispiel der Wildgans Martina so anschaulich geschildert hat: An den Aufent- halt im Freien gewˆhnt, folgte die Gans ‰ngstlich ihrer menschlichen ÑZiehmutterì beim ersten Besuch in das ihr fremde Wohnhaus. Erst als sie ein St¸ck geradeaus den Hausur entlang gelaufen war, sah sie, dass Lorenz gleich hinter der T¸re die Treppe hinaufgestiegen war; sie drehte sich um und folgte ihm treppauf in das G‰nsezimmer

im oberen Stockwerk. Diese Spitzkehre im Flur- mit der Zeit ein wenig abgeschliffen - behielt die Gans k¸nftig bei jedem ihrer Besuche im Haus bei. Eines Tages vergafl sie in offensichtlicher Eile ihren rituell eingeschliffenen Umweg und st¸rzte direkt die Treppe hoch. Oben angekommen, legte sie plˆtzlich die Fl¸gel eng an, stiefl mit ausgestreck- tem Hals einen Schreckensruf aus und rannte die Stufen wieder hinunter, um unter allen Anzeichen von Angst die Spitzkehre nachzuholen. Wieder im Obergeschoss ange- kommen, zeigte sie sich deutlich erleichtert - die Welt war wieder in Ordnung!

Im menschlichen Bereich w¸rden wir bei einem solchen Verhalten nicht zˆgern, von Aberglauben zu sprechen, und in der Tat darf man unseren menschlichen Aberglauben als ein stammesgeschichtliches Relikt solcher fehlerhaft eingesetzter Denkstrukturen ansehen, die schon bei Tieren vorhanden sind. Wir Menschen glauben an ¸bersinnliche Ph‰nomene ganz einfach deshalb, weil wir ¸bersinnliche Erfahrungen machen - die aber folgen unausweichlich aus der Art, wie wir wahrnehmen und denken.

Ursachen f¸r Paragl‰ubigkeit (= Aberglaube):

der Glaube an Kr‰fte und Geschehnisse paranormaler Art, die der gewohnten Erfahrung und den bekannten Naturgesetzen widersprechen (MEYERs Enzyklop‰die 1971)

die Illusion von Zusammenh‰ngen zwischen Ereignissen, die zuf‰llig stattn- den; Wir suchen Ursachen oft dort, wo keine sind

die Illusion von Form und Gestalt in Zufallsmustern

die Illusion, andere Vorg‰nge zu kontrollieren

die Illusion der Erinnerung: Wir haben ein selektives Ged‰chtnis ¸ber die H‰u gkeit von unwahrscheinlichen Koinzidenzen

Zusammenh‰nge sehen wir auch dann, wenn sie

nicht nachgewiesen sind,

wissenschaftlich widerlegt sind, oder

nicht nachweisbar und damit nicht widerlegbar sind

Hat aber dann der Versuch, den ÑMann auf der Strafleì aufzukl‰ren, ¸berhaupt einen Sinn? Wenn man die Berichte von Walter Gubisch (1961, zitiert in 33 ) liest, kommen Zweifel. Gubisch hielt in der Nachkriegszeit im deutschsprachigen Bereich ¸ber 5000 Vortr‰ge. Zu Beginn z‰hlte er oft die Zuschauer, die an die Echtheit von Hellsehen und Telepathie glaubten; dann zog er eine Stunde lang eine Show ab, in der er beides meisterhaft pr‰sentierte. Anschlieflend erkl‰rte er genau, mit welchen Tricks er die Ph‰nomene hervorgebracht hatte - um bei der Schlussabstimmung oft ern¸chtert feststellen zu m¸ssen, dass nun noch mehr Zuschauer an Magie glaubten als zuvor. Begr¸ndung: Er sei sich seiner echten ¸bersinnlichen F‰higkeiten nur nicht bewusst.

Einer typischen Kausalit‰tst‰uschung unterliegt beispielsweise ein J‰ger aus der Steinzeit. Schl‰gt neben ihm der Blitz ein, so fragt sich: ÑWer hat da auf mich ge- zielt?ì Ihm erscheint diese Frage zwingend logisch, denn er weifl ja genau, wie es ist, wenn er selbst mit seinem Speer ein Wild erlegt. Psychologen wissen sehr wohl, dass es in unseren Religionen weniger um objektive Wahrheiten ¸ber die Welt geht, sondern eher um eine Sammlung subjektiver Aussagen ¸ber menschliche Hoffnun- gen und ƒngste.

33.

Konservativismus und Fundamentalismus

Die christlichen Amtskirchen tun sich schwer, eine klare Position gegen die um sich greifende Esoterik-Welle zu beziehen: Zu sehr ‰hneln manche der eigenen Angebote

die biblischen Wundergeschichten, der Glaube an ein persˆnliches Fortleben nach dem Tod - den Vorstellungen der Neo-Okkultisten des New Age. Nur wenige Theolo- gen - so z.B. der protestantische Pastor Paul Schulz in Hamburg - haben es gewagt, in intellektueller Redlichkeit ein modernes Christentum ohne Mystizismus zu predi- gen. Namhafte Theologen stimmten ihm offen zu. Denn anders als fr¸her m¸ssen die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Theologie heute nicht mehr mit dem natur- wissenschaftlichen Weltbild kollidieren - vorausgesetzt, die Theologen nehmen die Resultate ihrer eigenen kritischen Forschung wirklich zur Kenntnis und stellen sich damit der Aufgabe, die Aufkl‰rung geistig zu bew‰ltigen (30) .

Die moderne Theologie wird allerdings von konservativen Fundamentalisten erfolg- reich bek‰mpft. Schulz selbst erhielt 1978 von seiner Amtskirche Predigt-Verbot, obwohl allein aus der Umgebung von Hamburg etwa 50 Pastoren in einem offenen Brief bekannten, ganz ‰hnlich zu denken wie er und sich f¸r ihn einsetzten. Ein Mit- glied der kirchlichen Schiedskommission (Vorsitzender war der damalige Landesbi- schof Lohse) gab Schulz im persˆnlichen Gespr‰ch zu verstehen, dass er mit seinen Ansichten nat¸rlich recht habe, und er habe das als Student in den Theologie- Vorlesungen auch gehˆrt; aber man d¸rfe das doch nicht laut von der Kanzel ver- k¸ndigen! Ein katholischer Priester formulierte das mir gegen¸ber so: ÑWissen Sieì, sagte er, Ñes gibt eben eine Wahrheit f¸r das einfache Volk und eine andere f¸r die Gebildetenì.

Solange die etablierten Kirchen die Wahrheit so mit zweierlei Mafl messen, kˆnnen sie kein ¸berzeugender Gegenpol sein gegen die heutige Welle von Esoterik und Aberglaube. ƒhnliches wie f¸r Paul Schulz gilt f¸r die F‰lle von Gerd L¸demann, Dorothee Solle, Hans K¸ng und Uta Ranke-Heinemann. Letztere sagte ja bez¸glich der ÑJungfrauengeburtì sachlich nichts anderes als das, was der von der Amtskirche hochverehrte Karl Rahner formuliert hatte - allerdings so, dass es der Laie nicht verstand.

Wenn der Mensch die Umweltkrise ¸berleben will, in die ihn die unreektierte technische Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnis gebracht hat, dann muss er seine Einsicht in die Evolution nutzen f¸r eine realistische, rationale Kalkulation jener Bedingungen, unter denen er ¸berleben kann. Von alten, irrationalen Normen und wissenschaftsfeindlichen Grundhaltungen ist keine Hilfe zu erwarten f¸r Probleme, die erst in unserer ¸berbevˆlker- ten und technisierten Welt entstanden sind. Hier hilft uns nur die ÑFlucht nach vorneì, nicht nur zu mehr Einzelwissen, sondern vor allem zu einem besseren Verst‰ndnis der komplexen, vernetzten Kausalsysteme, die uns umgeben. Sie zu durchschauen f‰llt uns Menschen, die wir vorzugsweise in Kausalketten, also Ñlinearì denken - weil wir linear, in Wort- und Satzketten sprechen - ungl¸cklicherweise sehr schwer. Die Biologie als die ÑWissenschaft von der Komplexit‰tì, wie Manfred Eigen in einem Vortrag in W¸rzburg 1987 sagte, kann hier trotz der systemimmanenten Beschr‰nktheit menschlicher Erkennt- nis hilfreiche Einsichten vermitteln.

34.

ÑOckham's Rasierklingeì

Die esoterische ÑErkl‰rungì der angeblich paranormalen Ph‰nomene, von denen die Rede war, d¸rfte ÑOckham's razorì zum Opfer fallen. Schon im 14. Jahrhundert rief der Scholas- tiker Ockham dazu auf, mit Erkl‰rungen mˆglichst sparsam umzugehen. Mit anderen Wor- ten: Die einfachste Erkl‰rung, die ein unverstandenes Ph‰nomen vollst‰ndig beschreibt, ist als die vorl‰ug beste anzusehen. Man sollte also sehr zur¸ckhaltend sein, wenn es darum geht, neue unbekannte Kr‰fte und Ursachen zu postulieren. Andererseits darf kein kriti- scher Wissenschaftler Ph‰nome, die zuverl‰ssig beobachtet wurden, ableugnen, nur weil sie der g‰ngigen Lehrmeinung widersprechen. Er wird sie auch sofort akzeptieren, sobald ihre Echtheit unvoreingenommen mit glaubw¸rdigen Methoden - also unter kritischer Kon- trolle und im Doppelblindversuch - nachgewiesen wurde, mˆgen sie auch noch so kontra- intuitiv sein, also dem gesunden Menschenverstand widersprechen.

35. Falsi kation in ÑSchulì- und Pseudowissenschaft

Naturwissenschaftliche Erkenntnis nimmt nicht geradlinig zu. Es gab falsche Theo- rien, die sich ¸ber Monate, Jahre oder sogar Jahrzehnte halten konnten, weil sie un- zureichend ¸berpr¸ft wurden. So erwies sich die Ñkalte Kernfusionì, ¸ber die ameri- kanischen Chemiker Pons und Fleischmann 1992 berichteten, ebenso als Flop wie im 19. Jahrhundert die sogenannte ÑPhrenologieì: Die Kunst, psychische Eigenschaften an der ‰ufleren Form des menschlichen Sch‰dels abzulesen, wurde an Universit‰ten gelehrt, und es gab damals mehr Journale f¸r ÑPhrenologieì als noch vor f¸nf Jahren parapsychologische Fachzeitschriften (16) .

Manchmal bedurfte es spektakul‰rer Widerlegungen, um wissenschaftliche ÑIrrl‰u- ferì zu bremsen. Im Fall der ÑN-Strahlenì, f¸r deren Entdeckung der Physiker Rene Blondlot 1903 von der Academie Francaise einen Ehrenpreis von 50.000 fr. erhielt, sorgte der skeptische amerikanische Physiker Robert W. Wood 1904 f¸r Aufkl‰rung. W‰hrend im abgedunkelten Labor das Spektrum der vermeintlichen ÑN-Strahlenì vermessen wurde, entfernte er heimlich das Herzst¸ck des Versuchsaufbaues, ein Aluminium-Prisma. Dies hatte keinerlei Ein uss auf das, was die franzˆsischen For- scher zu messen glaubten. Wissenschaftlich war dies das Aus f¸r die ÑN-Strahlenì. Blondlot hielt jedoch unbeirrbar an seiner Entdeckung fest und argumentierte noch 1905, dass nur die s¸dlichen Rassen gen¸gend sensitiv seien, um die Manifestatio- nen der ÑN-Strahlenì wahrzunehmen. Das Wahrnehmungsvermˆgen der Angloame- rikaner sei herabgesetzt durch den st‰ndigen Nebel, und das der Deutschen durch ¸berm‰fligen Bierkonsum.

ìDie Wahrheit triumphiert nie, aber ihre Gegner sterben aus!ì meinte der grofle Physiker Max Planck deprimiert zum Fortschritt in der Wissenschaft. Diese Sicht auf das Gebiet der Esoterik zu ¸bertragen, erscheint mir zu optimistisch, da die Neigung zum Aberglauben als genetisches Relikt wohl einen Wesenszug des Menschen aus- macht. Unser Ich verf¸gt gef‰hrlicherweise ¸ber alle Mittel eines totalit‰ren Staates:

Es agiert als Zensor, der den Informationsuss ausw‰hlen und sogar tilgen kann. Andererseits erwartet unser Gehirn nicht nur Formen oder Bewegungen, die es zu erkennen gilt, sondern auch gesetzm‰flige Strukturen. So neigt es fast zwanghaft dazu, in aufeinander folgenden Ereignissen Kausalit‰t zu sehen, auch wenn sie gar nicht da ist. Es handelt sich hier um einen selektionsbew‰hrten Algorithmus, also um eine biologisch sinnvolle Annahme. Die phylogenetische und ontogenetische Er-

fahrung, dass sich Vorg‰nge in unserer Welt vorhersagbar wiederholen, dass etwa ein Stein im Schwerefeld der Erde heute ebenso herunterf‰llt, wie er das morgen tun wird, ist die Grundlage unseres ‹berlebens auf der Erde. Liegen aber gar keine kausalen Beziehungen vor, so arbeiten dieselben Denkstrukturen im Leerlauf; Sie deuten die Dinge nach einer Art ÑScheinlogikì, die dann zu Wahrnehmungst‰u- schungen f¸hrt. Hier ist beispielsweise unsere Neigung zu nennen, Dingen, die um uns herum geschehen, f‰lschlicherweise einen tiefen Sinn zuzuschreiben und als Wink des Schicksals auf uns selbst zu beziehen - eine Veranlagung, die man, wenn sie krankhaft ¸berhandnimmt, Schizophrenie nennt (5) .

Andererseits m¸ssen wir daran denken, dass wir Heutigen nur die ÑSteinzeitmen- schenì zuk¸nftiger Generationen sind, deren Wissen unvorstellbar zunehmen wird. Wir haben daher allen Grund, unser wissenschaftliches Weltbild mit der angemesse- nen Bescheidenheit zu beurteilen. Trotzdem d¸rfen wir davon ausgehen, dass es keinem noch so unvorstellbaren wissenschaftlichen Fortschritt gelingen wird, Er- kenntnisse gegenstandslos werden zu lassen, die sich in Beobachtung und Experi- ment bis heute bew‰hrt haben, so v. Ditfurth (5) .

Wir sind also von Natur aus unf‰hig, die Welt vorurteilsfrei zu betrachten. Machen wir aber die unbewusst ablaufenden Funktionen unseres Gehirns, unseren Weltbild- Apparat, auch zum Gegenstand der Forschung, so werden die wissenschaftlichen Aussagen letztlich auflerordentlich verl‰sslich, obwohl wir dabei mit einem unvoll- kommenen Mittel, unserem Gehirn, ebendasselbe untersuchen. Bei diesem rekursi- ven Vorgehen mahnt das Gˆdelsche Theorem zur Vorsicht, an das die Additionsauf- gabe in dem Stich von Robert Fludd (S. 3) erinnert: Die Widerspruchsfreiheit eines Systems kann nicht mit den Mitteln des Systems selbst bewiesen werden. Hieraus darf man aber nicht - wie es oft geschieht - folgern, dass ein rekursives Vorgehen zu Widerspr¸chen f¸hren muss. Und so, meine ich, besteht kein ernsthafter Grund, die Verl‰sslichkeit wissenschaftlicher Erkenntnis grunds‰tzlich anzuzweifeln.

36. Die Verantwortung der Wissenschaft

Schon Aristoteles erkannte vor mehr als 2300 Jahren, dass die F‰higkeit zu zweifeln etwas seltenes ist und sich nur bei kultivierten, gebildeten Menschen entwickelt. Im Durchschnitt sind Menschen gutgl‰ubige Geschˆpfe, denen es leicht f‰llt zu glauben, aber sehr schwer, zu zweifeln. Skepsis und Zweifel aber sind f¸r den Fortschritt der Wissenschaft unentbehrlich. Leider sind diese Begriffe auch religiˆs negativ belegt. Aber nochmals: Das griechische Wort ÑSkeptikosì bedeutet lediglich: jemand, der zum (genauen) Betrachten geneigt ist. Motiv der skeptischen Haltung ist stets die Nachpr¸fung, nicht der Zweifel. Dennoch macht sich der Neinsager, der Dissident, unbeliebt, wenn er paranormale ‹berzeugungssysteme kritisch untersucht und hinterfragt. Die Verfechter paranor- maler Erkl‰rungen werden oft unterschwellig von religiˆsen Motiven getrieben, und allzu normal ist es auch heute noch, einen Ñheiligen Kriegì gegen die L‰sterer aus- zurufen.

Die neun Gebote des ÑNew Ageì:

Du sollst wissenschaftliche Beweise ablehnen Du sollst danach streben, dich selbst zu erhˆhen Du sollst nicht auf die Meinung der anderem achten Du sollst aus voller ‹berzeugung glauben Du sollst dir keine unnˆtigen Fragen stellen Du sollst das Irrationale in Ehren halten Du sollst dich deiner Ignoranz erfreuen Du sollst Redegewandtheit und Zungenfertigkeit vergˆttern Du sollst deinen Guru verehren

Ich fasse zusammen: Es gibt zweifellos viele Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen die heutige ÑSchulwissenschaftì sich noch nichts tr‰umen l‰sst. Wenn ich nicht an paranormale Ph‰nomene glaube dann nicht deshalb, weil die heutige Wissenschaft sich nicht erkl‰ren kˆnnte, sondern weil ihre Existenz nicht belegt ist. Solche Skepsis hat nichts zu tun mit Ñmaterialistisch-mechanistischem Denkenì - das hat die Wissenschaft l‰ngst ¸berwunden. Dass aber paranormale Behauptungen von unvoreingenommenen Forschern in Doppelblind-Tests widerlegt worden sind, muss allen, die keine Wissenschafts-Analphabeten sind, zu denken geben. Wer den- noch an ihnen festh‰lt, dem fehlt die Einsicht, dass seine Vorstellungen nach heuti- gem Stand des Wissens auf Selbstt‰uschung gr¸nden. Denn es gibt keinen unter- schiedlichen Denkansatz, wenn man z.B. eine wissenschafts- oder eine auflenseiter- medizinische Behandlung pr¸ft. Es z‰hlt allein die Frage: Wirkt sie besser als eine Placebo-Behandlung? Und umgekehrt: Wer sich vor ÑErdstrahlenì oder ÑElektro- smogì f¸rchtet, kann allein aus Angst davor organisch erkranken. Ich halte es daher f¸r unverantwortlich, ja kriminell, Angst vor irgendwelchen Gefahren zu sch¸ren, solange man sich nicht auf objektive Untersuchungen berufen kann.

Aberglaube wird nicht dadurch wahrer, dass er sich 200 Jahre (wie die Homˆopathie) oder gar Jahrtausende (wie Astrologie, Kinesiologie und Akupunktur) Ñbew‰hrtì hat. Wer anderer Meinung ist, der wende sich an die James Randi Educational Foundation in Fort Lauderdale, Florida. (http://www.randi.org/). Sie zahlt 1,1 Millionen Dollar f¸r den Nachweis eines beliebigen paranormalen Ph‰nomens: dem, der beweist, dass hoch potenzierte Homˆopathika, die keine Wirkstoffmolek¸le mehr enthalten, ¸ber den Placebo-Effekt hinaus wirksam sind; oder dem es mit Hilfe der ÑKinesiologieì ge- lingt, aufgrund der Armmuskelkraft zwei Fl‰schchen zu unterscheiden, die jemand in der Hand h‰lt - eines gef¸llt mit Wasser, das andere mit einer Giftlˆsung. Oder dem Ruteng‰nger, der ieflendes Wasser oder ÑErdstrahlenì im Doppelblindversuch feststellen kann. Trotz vieler Bewerbungen konnte dieser Preis bisher noch nicht vergeben werden. Die Theorien der paranormalen Glaubenssysteme sind nach heutigem Wissensstand nichts als unbelegte Fantasieprodukte des menschlichen Geistes. Es handelt sich um Vorstellungen und um Dinge, die wir in die reale Welt (was immer man philosophisch darunter verstehen mag) hineingeheimnissen, denen aber nichts Reales zu entsprechen scheint (1-5, 10-13, 15, 23, 27, 29) .

Die Wissenschaft ist ein kostbarer, kollektiver Besitz der Menschheit, der schwer erkauft worden ist. M‰rtyrertum und Scheiterhaufen stehen un¸bersehbar am Weg. F¸r diesen Besitz, dessen G¸ltigkeit immer wieder vorurteilsfrei ¸berpr¸ft wurde, tragen wir alle grofle Verantwortung. Wenn es sich um Behauptungen handelt, die man testen kann - nur solche gelten als -wissenschaftlich - muss man daher die wissenschaftliche Methodik einsetzen, um zu kl‰ren, ob sie stimmen. ÑNoch nie in der Geschichte der Menschheit hat antirationales Denken einen bleibenden Fort- schritt gebracht. Ein R¸ckfall in abergl‰ubisches Denken ist ein Prozess, dem die H¸ter kultureller Werte nicht gleichg¸ltig zusehen sollten. Es liegt an uns, etwas da- gegen zu tun, dass unsere Nachfahren das auslaufende Jahrhundert mit einem R¸ckfall in das Zeitalter magischen Denkens verbinden werden.

Rainer Wolf, geb. 1941. studierte Biologie und Physik. Seit 1985 ist er Dozent am Biozentrum der Universit‰t W¸rzburg Sein Forschungsgebiet ist neben der experimentellen Entwicklungsbiologie die menschliche Wahrnehmung und hat das Ziel herauszunden, was Sinnest‰uschungen ¸ber die Funktion des Gehirns aussagen. Er leitet die lokale GWUP-Gruppe der ÑW¸rzburger Skeptikerì und ist Mitglied im Wissenschafts-Rat der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (http://www.gwup.org/), die der Esoterik-Bewegung kritisch gegen¸bersteht. Ihr Ziel ist die wissen- schaftliche Aufkl‰rung von sogenannten ÑParaph‰nomenenì.

Tel. (0931) 888-4229, Fax (0931) 706-825, mailto:irwolf@biozentrum.uni-wuerzburg.de

Einige nichtmedizinische Para- und Pseudowissenschaften, deren Grundkonzepte nach heutigen Stand des Wissens fragw¸rdig oder wissenschaftlich widerlegt sind. (Jedes item, das auf dieser ÑNegativlisteì aufgef¸hrt ist, kˆnnte und m¸sste eigentlich ausf¸hrlicher kritisiert werden):

Aberglaube: ÑCredomanieì, ein tierisches Erbe, gaukelt uns Zusammenh‰nge vor, wo keine sind Amulette: Wirkungen ¸ber den Placebo-Effekt hinaus nicht nachgewiesen Anthroposophie: viele Aussagen (z.B. Astrologie, Naturheilkunde) wissenschaftlich nicht belegt Astralleib: leere Worth¸lse, unbelegtes Fantasieprodukt. Siehe extrakorporale Erfahrungen Astrologie (Konstellation der Sterne bei der Geburt beeinusst Schicksal und Charakter): widerlegt Aura-Fotograe: F‰lschung, Doppelbelichtung mit farbigen Leuchtdioden (L¸gendetektor-Prinzip) Bewusstseinserweiterung: Wirkung fragw¸rdig Channelling (Kontaktaufnahme mit Verstorbenen): Fantasieprodukt ohne jeden Beleg Deja-vu-Erlebnisse: Selbstt‰uschung. Wahrnehmen ist stets das Wiedererkennen von Bekanntem Erdstrahlen: wissenschaftlich nicht belegt, da im Doppelblindversuch nicht reproduzierbar zu nden extrakorporale Erfahrung (OBE): Selbstt‰uschung bei Hirnstress, Halluzination ohne realen Hintergrund Fabelwesen: Existenz bisher nicht nachgewiesen Fetische: Wirkungen ¸ber den Placebo- oder Nocebo-Effekt hinaus bisher nicht nachgewiesen Feuerlaufen: ‹ber gl¸hende Holzkohle gehen kann jeder, der es sich getraut - man muss es nur tun Fundamentalismus: unvereinbar mit wissenschaftlichem Denken und wissenschaftlicher Theologie Gl‰serr¸cken: ¸berzeugende Selbstt‰uschung, hervorgerufen durch Ñideomotorische Bewegungenì Graphologie: unzuverl‰ssig; zwischen Studenten und Irrenhaus-Insassen konnte nicht unterschieden werden Handlesen: Theorie unbelegt, funktioniert durch Ñcold readingì und Ñmultiple-outì-Technik Hellsehen: unbelegt. Zuf‰llig erfolgreiche Fallbeispiele werden selektiv verbreitet oder erfunden Hexenkult: mittelalterliche Riten ohne Wirkungen, die ¸ber Placebo- oder Nocebo-Effekte hinausgehen Holismus (das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile und deren Wechselwirkungen): unbelegt Jenseits-Stimmen: Fehldeutung von Stˆrger‰uschen infolge des ÑGestaltungsdrucksì unseres Gehirns Kalte Fusion: nicht glaubhaft belegt, aber dennoch von manchen Auflenseiter-Physikern vertreten Kornkreise: vielfach als Jux von Nicht-Auflerirdischen aufgedeckt Kreationismus: wissenschaftlich unbelegt, von der wissenschaftlichen Theologie abgelehnt Levitation (Schweben trotz Schwerkraft): nicht glaubhaft nachgewiesen, gilt als physikalisch unmˆglich Mondphasen: Ein ¸sse auf Geburtenrate, Unfallstatistik und Kriminalit‰tsrate nicht nachgewiesen N-Strahlen: Fantasieprodukt von Physikern um Blondlot, entstanden durch Autosuggestion New-Age-Physik nach Capra: wissenschaftlich unbelegte, mystische Interpretation der Physik Numerologie: zuf‰llige Zahlenkorrelationen fehlgedeutet als Omen f¸r kausale Zusammenh‰nge Offenbarungen: Wahrsagungen der ÑSeherì, von Gl‰ubigen im Nachhinein als zutreffend interpretiert Okkultismus: Glaube an die Existenz von paranormalen Ph‰nomenen. Siehe PSI-Ph‰nomene Out-of-bodv-Ph‰nomen (OBE): Halluzination, als Fakt unbelegt. Siehe extrakorporale Erfahrung Paraphvsik (Glaube an paranormale Ph‰nomene in der Physik): wissenschaftlich nicht belegt Parapsychologie (klassische): PSI-Ph‰nomene trotz 120j‰hriger Erforschung nicht glaubhaft belegt Pendeln: Bewegung durch unbewusste ÑIdeomotorikì in Richtung die der Pendler unbewusst erwartet Perpetuum mobile: widerspricht dem Energieerhaltungssatz, gilt daher als unmˆglich. Noch nie gebaut Phrenologie: (die ‰uflere Sch‰delform spiegelt geistige Eigenschaften wider): Theorie widerlegt Pr‰-Astronautik: wissenschaftlich nicht glaubhaft belegt Pr‰kognition: unbelegt, Fallbeispiele oft erfunden. Selektive Wahrnehmung der Zufallstreffer Prophetie: siehe Offenbarung. Verl‰sslichste Vorhersagen erlaubt die Wissenschaft PSI-Ph‰nomene: F¸r deren Nachweis ist der JAMES RANDI-Preis von 1.100.000.- $ ausgesetzt Psychokinese (Gegenst‰nde werden allein mit Geisteskraft in Bewegung gesetzt): unbelegt Pyramiden-Kraftfelder: Wirkung nicht glaubhaft nachgewiesen, Effekte sind nicht reproduzierbar Pyramiden-Mythen: frei erfunden, ohne wissenschaftliche Belege Radi‰sthesie (Strahlenf¸hligkeit) mit W¸nschelrute, Pendel oder ÑBiotensorì: unbelegt Reinkarnation: unbelegt, die Gehirnforschung macht sie extrem unwahrscheinlich Satanismus: Laut Balducci, Lucifer-Experte des Vatikans, gibt es 1.758.640.176 Teufel. Unbelegt Sekten: vertreten ideologische Weltbilder, die mit wissenschaftlicher Erkenntnis unvereinbar sind Spiritismus: Weder die Existenz von Geistern noch die von Ñfeinstoficher Materieì ist glaubhaft belegt Spuk: Keine glaubhaften Belege f¸r Echtheit. Urheber sind meist pubertierende Jugendliche Symbolik: In zuf‰llige Korrelationen wird irrt¸mlicherweise ein Ñtiefer Sinnì hineingeheimnisst Tarot: Wahrsagerei, die dank Ñcold readingì und Ñself fullling prophecyì ¸berzeugend wirkt

Telekinese: siehe Psychokinese Telepathie (Gedanken¸bertragung) scheint h‰ug vorzukommen, ist unbelegt Teufelsaustreibung: Magische Ritualhandlung an psychisch Kranken. Wirkung fragw¸rdig Tischr¸cken: Betrug oder Selbstt‰uschung, hervorgerufen durch ideomotorische Bewegungen Tonbandstimmen: siehe Jenseits-Stimmen. Hˆr-Halluzinationen infolge des ÑGestaltungsdrucksì ‹bersinnliches: Der Nachweis steht aus, solange der RANDI-Preis nicht vergeben werden konnte UFOlogie: Dass uns Auflerirdische besuchen, ist extrem unwahrscheinlich. Nachweis steht aus Voodoo-Zauberrituale: Wirkung ¸ber Pla- oder Nocebo-Effekt hinaus nicht nachgewiesen Wahrsagung: siehe Prophetie und Offenbarung Wunder: stehen im Zentrum vieler Religionen. Historisch unbelegt, wissenschaftlich unglaubw¸rdig W¸nschelrute: schl‰gt aus, wenn der Muter es unbewusst w¸nscht, wenn er ÑStˆrfelderì vermutet Yeti: siehe Fabelwesen Zahlensymbolik: siehe Numerologie (G. v.Randow: ÑMein paranormales Fahrradì. Rowohlt 1993)

Einige Kandidaten f¸r unkonventionelle Medizin (ÑPara- bzw. Pseudomedizinì), deren Grundkonzepte und Wirksamkeit wissenschaftlich nicht belegt bzw. widerlegt sind. Verschiedenste Methoden zeigen ‰hnliche Erfolgsraten und wirken daher vermutlich nur durch den Placebo-Effekt:

Akupunktur: wirkt u.a. durch Endorphine. Theorie (ìEnergieuss in Kˆrpermeridianenì) nicht belegt Alternative Medizin: wirksam durch Placebo-Effekte, sch‰dlich durch Nocebo-Effekte Amulette: Wirkungen ¸ber den Placebo-Effekt hinaus nicht nachgewiesen Anthroposophische Medizin: Wirkungen ¸ber den Placebo-Effekt hinaus nicht nachgewiesen Aromatherapie: Wirkungen ¸ber den Placebo-Effekt hinaus nicht nachgewiesen Astralleib: unbelegt, leere Worth¸lse Aura-Fotograe: F‰lschung, Doppelbelichtung mit farbigen Leuchtdioden (L¸gendetektor-Prinzip) Auricular-Diagnose und -Therapie: unbelegt, keine Wirkung ¸ber Placebo-Effekt hinaus Bach-Bl¸tentherapie: Wirkungen ¸ber den Placebo-Effekt hinaus nicht nachgewiesen Biorhythmenlehre nach Fliefl: wissenschaftlich unbelegt, im Doppelblindversuch widerlegt Bioresonanztherapie: Wirkungen ¸ber den Placebo-Effekt hinaus nicht nachgewiesen Chiropraxis: fragw¸rdig, oft keine wesentlichen Wirkungen ¸ber den Placebo-Effekt hinaus Eigenblutbehandlung: Wirkungen ¸ber den Placebo-Effekt hinaus nicht nachgewiesen Eigenharntherapie: Wirkungen ¸ber den Placebo-Effekt hinaus nicht nachgewiesen. ƒuflere Anwendung notfalls geeignet zum sterilen Auswaschen von verschmutzten Wunden Fetische: Wirkungen ¸ber den Placebo- oder Nocebo-Effekt hinaus nicht nachgewiesen Fuflreexzonenmassage: Effekt unspezisch, keine Wirkungen ¸ber den Placebo-Effekt hinaus Geistheilung: Wirkungen ¸ber den Placebo-Effekt hinaus nicht nachgewiesen Holistische Medizin: Jede wissenschaftsmedizinische Behandlung sollte die Psyche einbeziehen. Homˆopathie: Wirkung ¸ber den Placebo-Effekt hinaus nicht glaubhaft nachgewiesen Irisdiagnostik: wissenschaftlich unhaltbar, Erfolgsrate ist unabh‰ngig von der Orientierung der Iris Kinesiologie: unbelegt. Die Erwartungshaltung f¸hrt zu der Illusion, dass sie funktioniert Kristall-Theorien: unbelegt, Wirkungen ¸ber Placebo- oder Nocebo-Effekt hinaus nicht nachgewiesen Komplement‰re Medizin: siehe alternative Medizin Magie: Wirkungen ¸ber den Placebo- oder Nocebo-Effekt hinaus nicht nachgewiesen Ohr-Akupunktur: siehe Auricular-Diagnose und -Therapie Orgon-Therapie nach Reich: Wirkungen ¸ber Placebo- oder Nocebo-Effekt hinaus unbelegt Out-of-body-Eriebnis (OBE): Dafl das wahrnehmende Ich den Kˆrper verl‰sst, ist unbelegt Ozontherapie: Wirkungen ¸ber den Placebo- oder Nocebo-Effekt hinaus sind nicht nachgewiesen Psychoanalyse nach Freud: Fragw¸rdiges Gedankengeb‰ude. Gegen Widerlegung immunisiert ìWer heilt hat Rechtì-Argument: nicht schl¸ssig, da es den (negativen) Nocebo-Effekt ignoriert Wunderheilung. falls glaubhaft belegt: vermutlich durch Placebo-Effekt oder Spontanheilung Zelltherapie: keine Wirkung ¸ber Placebo-Effekt hinaus nachgewiesen. Gefahr durch Unvertr‰glichkeit

Die Liste der Kandidaten f¸r Para- oder Pseudowissenschaften ist keineswegs vollst‰ndig. Warum die genannten topics fragw¸rdig sind, ist in der einschl‰gigen Literatur detailliert begr¸ndet. Manche von ihnen sind nicht vˆllig unsinnig, sondern enthalten gewisse Teilwahrheiten. Die Phrenologie z.B., an die heute kein Gehirnforscher mehr glaubt, machte vˆllig falsche Aussagen ¸ber die Funktionen der ver- schiedenen Hirnareale. Einzig richtiger Aspekt ist die Tatsache, dass unser Gehirn modular aufgebaut ist.

Es gibt nur eine einzige sichere Methode, die zu wissenschaftlichem Fortschritt f¸hrt: Die von Versuch und Irrtum ó GEORGE BERNARD SHAW Wissenschaft ist keine Doktrin, sondern eine Methode - die einzige, die unvoreingenommen ist und zu verl‰sslicher Erkenntnis f¸hrt. Die Gewohnheit, etwas f¸r lange Zeit nicht als falsch anzusehen, f¸hrt schliefllich zu dem ober‰chli- chen Eindruck, es sei richtig ó THOMAS PAINE Wenn Menschen sich einer Sache am wenigsten sicher sind, sind sie am dogmatischsten ó J. K. GALBRAITH Es gehˆrt oft mehr Mut dazu, seine Meinung zu ‰ndern, als ihr treu zu bleiben ó HEBBEL Sn fruchtbarer Irrtum, der zu einer F¸lle von Befunden f¸hrt, die sich selbst best‰tigen, wird immun gegen Widerlegung. An solchen sterilen Theorien h‰ngt man meist lebenslang ó V. PARETO Unser Geist liebt fremde Ideen ebenso wenig wie unser Kˆrper ein fremdes Protein, und er bek‰mpft sie mit der gleichen Energie ó WILFRED TROTTER Missverst‰ndnis und menschliche Zuwendung heilen mehr Wunden als wissenschaftlich bewiesene Therapie ó ANONYMOUS Homˆopathie behandelt nicht die Krankheit, sondern die Kranken ó G‹NTHER NENNING Zeige mir einen gesunden Mann, und ich werde ihn heilen ó C. G. JUNG Fast alle Irrt¸mer der Medizin, die im Volksglauben weiterleben, waren einst Wissenschaft akzeptierte Theorien ó W. L÷FFLER Angesichts der Tatsache, dass Gott die Intelligenz des Menschen einschr‰nkte, scheint es unfair, dass er dies nicht auch mit seiner Dummheit tat ó KONRAD ADENAUER Ein instinktiver Respekt vor dem gedruckten Wort macht es den meisten schwer, zu erkennen, dass es gelegentlich vˆllig falsch sein kann ó E. NOLTINGS Landwirtschaft ist die grˆflte Industrie, Scharlatanerie die zweitgrˆflte ó ALFRED NOBEL Die meisten Gedanken wenden wir dazu auf, Argumente zu nden, damit wir das, woran wir glauben, beibehalten kˆnnen ó J. H. ROBINSON Wenn man seinen Geist gen¸gend offen h‰lt, werden die Leute eine Menge M¸ll hineinwerfen ó W. A. ORTON Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein ó WOLFGANG HUND Toleranz gegen¸ber Menschen - ja. Toleranz gegen¸ber Meinungen, die wissenschaftlich unbelegt sind - nein! ó WOLFGANG HUND Der Gl‰ubige ist gl¸cklich, der Zweier ist weise ó Ungarisches Sprichwort Wenn man ¸ber ein Problem brillant redet, entsteht der Eindruck, es sei gelˆst ó STANLEY KUBRICK Skeptizismus und Zweifel sind gef‰hrlich f¸r die Gesellschaft. deshalb werden sie an Schulen kaum gelehrt ó CARL SAGAN Gewˆhnlich sehen wir nur die Dinge, nach denen wir Ausschau halten - sogar dort, wo sie gar nicht sind ó E.H. Den Guru braucht und sucht nur der, der selbst nicht denken und verantworten mag ó ANONYMOUS Vorurteile gr¸nden nicht auf dem Verstand, darum kann man sie auch nicht durch Argumente beseiti- gen ó S. JOHNSON Das Gebiet der Ignoranz umfasst

1. alle Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie nicht wissen,

2. alle Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen, und

3. alle Dinge, die wir f‰lschlicherweise zu wissen glauben ó ANN KERWIN

Das Fatale an Ignoranten ist, dass sie sich ihrer Ignoranz nicht bewusst sind ó A.B. ALCOTT Ein gut geschulter Narr ist schlimmer als ein ignoranter Dummkopf ó MOLIERE Zwei Dinge sind unendlich: Das Universum und die menschliche Dummheit - aber beim Universum ist das noch nicht ganz sicher ó ALBERT EINSTEIN Wer die Wahrheit nicht weifl, der ist blofl ein Dummkopf. Aber wer sie weifl und sie eine L¸ge nennt, der ist ein Verbrecher ó BERT BRECHT Es gibt keine noch so unsinnige Behauptung, welcher Art auch immer, f¸r die sich nicht einzelne Zeu- gen anf¸hren lieflen ó HOIMAR v. DITFURTH Der Mensch ist das einzige Tier, das allen Blˆdsinn glaubt ó KONRAD LORENZ Nach Unsterblichkeit sehnen sich Millionen, die nicht wissen, was sie an einem regnerischen Sonntag- nachmittag tun sollen ó SUSAN ERTZ Die christlichen Amtskirchen verlangen noch immer, dass der Kirchenbesucher seinen Verstand vor der Kirchent¸re abgibt ó PAUL SCHULZ, Pastor Menschen sehnen sich nach einfachen Antworten f¸r komplizierte Probleme ó LAWRENCE L. HIRSCH Die grˆflte L¸ge ist eine falsch verstandene Wahrheit ó WILLIAM JAMES Die Sinne l¸gen nicht, sie sagen nur nicht die Wahrheit ó ERNST MACH

Wir wissen sehr wenig, und doch ist es erstaunlich, wie viel wir wissen, und noch erstaunlicher, dass so wenig Wissen uns so viel Macht verleiht ó B. RUSSELL Wenn niemand dir glaubt, ist das ein gutes Zeichen - solange du Recht hast Kritik verletzt am meisten dann, wenn wir f¸rchten, dass sie berechtigt ist Dummkˆpfe lernen nichts aus den eigenen Fehler, Intelligente aber lernen selbst aus den Fehlern anderer Halte jemanden ab, sein eigenes Grab auszuheben - er wird dir mit seiner Schaufel eins ¸berziehen Falls ich weiter sehen konnte, dann deshalb, weil ich auf der Schulter von Riesen stand ó I. NEWTON Es ist immer gut, ab und zu ein Fragezeichen hinter Dinge zu setzen, die man bisher als sicher angenommen hat ó BERTRAND RUSSELL Wer an Dinge nur deshalb glaubt, weil sie so sein kˆnnten, kˆnnte sie ebenso gut bezweifeln ó Th. HOBBES Klares Denken erfordert eher Mut als Intelligenz ó THOMAS SZASZ Unsere Politiker und Staatsangestellten m¸ssen keine Wissenschaftler sein, sie m¸ssen aber verstehen, was Wissenschaft ist ó GEORGE PORTER Unser Zeitalter ist stolz auf Maschinen, die denken, aber misstrauisch gegen¸ber Menschen, die dies versuchen zu tun ó H. M. JONES Wenn du jemand nicht ¸berzeugen kannst, verwirre ihn! ó TRUMANs Law So viele B¸cher! Und so wenige, die zu lesen sich lohnt! ó ALDOUS HUXLEY Kinder haben eine Leidenschaft, Dinge zu verstehen. Leider geht die bei den meisten Menschen verloren. Ohne diese Leidenschaft aber g‰be es weder Mathematiker noch Naturwissenschaftler ó ALBERT EINSTEIN Der Ñgesunde Menschenverstandì empndet alles als glaubhaft, was vordergr¸ndig plausibel scheint ó R. A. LEEMANN-RAUBER Es ist nicht gewiss, dass alles ungewiss ist ó BLAISE PASCAL Suche das Einfache und misstraue ihm! ó A. N. WHITEHEAD Vorurteil und geistige Tr‰gheit sind die einzigen Feinde echter Erkenntnis ó FRANCIS BACON Viele Menschen glauben, dass sie nachdenken - dabei sortieren sie nur ihre Vorurteile um ó WILLIAM JAMES Alle groflen Wahrheiten beginnen als Blasphemien ó MARK TWAIN Die Menschen sehnen sich nach einfachen Antworten f¸r ihre komplexen Probleme ó LAWRENCE L. HIRSCH Ignoranz macht die Menschen oft blind, ebenso wie Glaube und Liebe ó MICHAEL UHRIN Man kann der Natur nichts befehlen - es sei denn, man gehorcht ihr ó FRANCIS BACON Die Menschen verwechseln leicht eine nebelhafte Ausdrucksweise mit tiefem Wissen ó ANONYMOUS Durch logisches Denken allein erlangen wir keinerlei Wissen ¸ber die Welt ó ALBERT EINSTEIN Immer dann, wenn du dich auf der Seite der Mehrheit ndest, ist es Zeit, eine Pause einzulegen und nachzudenken ó MARK TWAIN Nachdenken ist schwer, deshalb urteilen die meisten Der ungeschulte Verstand hat seit jeher das Bed¸rfnis, alles zu erkl‰ren. Und so konstruiert er wilde Fiktionen ohne belegbare Fakten ó R. A. LEEMANN-RAUBER Die Menschen glauben fest an das, was sie sich w¸nschen ó JULIUS CAESAR Die Neigung zum Aberglauben ist eine typische Leistung des Ñgesunden Menschenverstandesì ó LEEMANM-RAUBER Das Wissen von vorgestern ist der Aberglaube von heute PSI wartet auf uns gleich hinter der n‰chsten Ecke, und haben wir die erreicht, ist es gleich hinter der n‰chsten ó (In: The Psychology of the Psychic) MARKS & KAMMANN Es ist besser, die Menschen durchzusch¸tteln, als die Arzneien, damit sie zur Besinnung kommen ó JAMES RANDI Wir sehen vor allem das, nach dem wir Ausschau halten ó John LUBBOCK Der wesentliche Unterschied zwischen Wissenschaft und Religion liegt nicht in den Schlussfolgerungen, sondern in der Art zu schlieflen. Religion gr¸ndet auf Autorit‰t - einer Person eines Buches, oder auf Tradition, und man h‰lt ihre Wahrheiten f¸r universell und ewig. Wissenschaft dagegen gr¸ndet auf der Evidenz der Fakten und auf Nachdenken. Beides muss immer wieder hinterfragt werden, deshalb sind die Wahrheiten der Wissenschaft relativ und vorl‰ug ó EDGAR PEARLSTEIN

i Literatur:

(1) Abell & Singer (Eds): Science and the Paranormal. Scribner's, New York (1983) (2) Baker R A: They call it Hypnosis. Prometheus, New York (1990) (3) Blackmore S, Hart-Davis A: Testen Sie Ihre ¸bernat¸rlichen Kr‰fte. Von Pendeln ¸ber Telepathie bis W¸nschelrutengehen. MVG Paperbacks, Landsberg (1998) (4) Couttie B: Forbidden Knowledge. Lutterworth Press, Cambridge (1988) (5) Dithfurth H v.: Der Geist el nicht vom Himmel. Die Evolution unseres Bewufltseins. Hoffmann & Campe, Hamburg (1976) (6) Eberlein GL (Ed.): Schulwissenschaft, Parawissenschaft, Pseudowissenschaft. Hirzel, Stuttgart

(1991)

(7) Federspiel K, Herbst V: Die andere Medizin. Stiftung Warentest, Stuttgart (1994) (8) Feynman R: Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman. Piper, M¸nchen (1992) (9) Fischer EP: Die Welt im Kopf. Faude, Konstanz (1985) (10) Frazier K (Ed.): Science confronts the Paranormal. Prometheus, New York (1986) (11) Gardner M: On the Wild Side. Prometheus, New York (1992) (12) Gardner M: Science: Good, Bad and Bogus. Prometheus, New York (1996) (13) Gardner M: Weird Water & Fuzzy Logic. Prometheus, New York (1996) (14) Goleman: Lebensl¸gen. Heyne, M¸nchen (1993) (15) Harder B: Die ¸bersinnlichen Ph‰nomene im Test. Pattloch, Augsburg (1996) (16) Hines T: Pseudoscience and the Paranormal. Prometheus, New York (1988) (17) Hund W: Okkultismus. Verlag an der Ruhr, M¸lheim (1996) (18) Oepen l (Ed.): Unkonventionelle medizinische Verfahren. Fischer, Stuttgart (1993) (19) Prokop 0, Dotzauer G: Die Akupunktur. Fischer, Stuttgart (1979) (20) Prokop 0, Wimmer W: Der moderne Okkultismus. Fischer, Stuttgart (1987) (21) Prokop 0, Wimmer W: W¸nschelrute, Erdstrahlen, Radi‰sthesie. Enke, Stuttgart (1985) (22) Prokop 0: Homˆopathie. Was leistet sie wirklich? Ullstein, Frankfurt (1995) (23) Randi J: Science and the Chimera. Vortrag an der Neurologischen Klinik des Universit‰tsspitals Z¸rich, Video lm (1993) (24) Randi J: An Encyclopaedia of Claims, Frauds & Hoaxes of the Occult & Supernatural. St. Martin's Press New York (1995) (25) Randow G v.: Mein paranormales Fahrrad und andere Anl‰sse zur Skepsis. Rowohlt, Hamburg

(1993)

(26) Randow G v.: Der Fremdling im Glas. Rowohlt, Hamburg (1996) (27) Sagan C: Der Drache in meiner Garage oder die Kunst der Wissenschaft, Unsinn zu entlarven. Droemer &Knaur(1997) (28) Schnabel U, Sentger A: Wie kommt die Welt in den Kopf? Reise durch die Werkst‰tten der Be- wusstseinsforscher. Rowohlt, Hamburg (1997) (29) Vollmer G: Wozu Parawissenschaften gut sind. Skeptiker 4/94:94-101 (1994) (30) Schulz P: Weltliche Predigten. Rowohlt, Hamburg (1978) (31) Wolf R: Der biologische Sinn der Sinnest‰uschung. Videolm, BIUZ 17:33-49 (1987) (32) Wolf R: Erkenne dich selbst! Wonnen und Wehen der Wahrnehmungst‰uschung. In: Die esoteri- sche Verf¸hrung. IBDK-Verlag, Aschaffenburg (1995) (33) Wolf R: Sinnest‰uschung und ÑNew-Ageî-Esoterik: Aktuelle Parawissenschaften kritisch betrach- tet. Skeptiker 4/93:88-100 (1993). In: Parawissenschaften unter der Lupe (l. Oepen und A. Sarma, Eds). Schriftenreihe der GWUP. LIT-Verlag, M¸nster (1995) (34) Wolf R: Believing what we see, hear, and touch. Sceptical Inquirer 20:23-30 (1996) (35) Wolf R: Zusammenh‰nge: Kunst, Geist, Gehirn; oder: Warum wir Gem‰lde so sehen, wie wir sie sehen (in Vorbereitung) (36) Wolf R, Wolf, D.: Vom Sehen zum Wahrnehmen. In: Vom Reiz der Sinne. Begleitbuch zur Fern- sehserie des ZDF/Mainz. VCH Weinheim (1990) (37) Wolf R, Windeler J: Erfolge der Homˆopathie - nur ein Placebo-Effekt? Chancen und Risiken der Auflenseitermedizin. Regiomontanusbote N¸rnberg 10:34-50 (1997); Skeptisches Jahrbuch, IBDK- Verlag, Aschaffenburg (1999, im Druck) (38) Wolf R, Gimmler H, Rosenzweig R, Wolf J: Im Doppelblind-Test Ñstrahltenî die P anzen nicht. Ein W¸nschelruten-Experiment im Botanischen Institut der Universit‰t W¸rzburg. Skeptiker (im Druck)