Sie sind auf Seite 1von 6

Anita Zeilmann Wilde Elefanten

Auf staubigen, endlosen, welligen Sand- und Steinpisten fahren wir schon seit Stunden entlang. Die Luft ist so heiß und trocken, dass unsere Nasen verkrustet sind und ein steter Geschmack von Staub auf der Zunge liegt. In dieser endlosen Weite der Steppe und Monotonie der Sandpisten erscheint es kaum möglich, auf Menschen, Orte und die Zivilisationen zu treffen. Und doch er- reichen wir vier Touristen schließlich die Lodge in Damaraland, Namibia. Nach einem Bad im Pool sind wir bereit, uns mit unserem Guide Alfred am hinteren Ausgang der Lodge zu treffen. Unser Ziel ist ein Wasserloch etwas außerhalb der Anlage. Alfred lässt uns Busch-Greenhorns vorsichtshalber nicht alleine durch die Steppe tappen. Er geht einige Meter voraus, gibt uns ein Zeichen, noch zu warten, und prüft die Umgebung. Er dreht den Kopf lauschend nach allen Seiten und sucht aufmerksam mit seinen Augen die Umgebung ab. Wir spitzen ebenfalls die Ohren und versuchen, aus den Geräuschen des Spätnachmittags, dem Zirpen und Zwitschern zwischen den Gräsern und Büschen, noch andere Laute herauszufiltern. Entwarnung! Ein kurzes Handzeichen, und wir folgen dem Pfad zum Wasserloch hinter- einander so leise wie möglich. Die Aussichtsplattform thront hier auf einer Anhöhe und ist mit einer hohen, dicken Steinmauer um- fasst. Es ist kurz vor Sonnenuntergang, und warmes Licht verzau- bert das Buschland vor uns. Die Erde ist braunrot und gleichmä- ßig mit scharfkantigen hellen Steinen bestreut. Die Abendsonne

1

lässt diese und die Rinde der Bäume silbern schimmern. Im Kon- trast zu der warmen Farbe der Erde ein Anblick, der verzaubert. Büsche und Bäume mit hellen, rissigen Stämmen und einer brei- ten, lichten Krone stehen in größeren Abständen voneinander verteilt um das braun-schlammige Wasserloch. Für mich das typi- sche Bild, dass man als Tourist von Afrika hat. Nur die Flutlich- ter, die rechts und links am Rande des Ufers hoch aufragen, stö- ren die perfekte Szenerie. Jede Nacht werden sie automatisch ein- geschaltet, um Tierbeobachtung auch bei Dunkelheit zu ermögli- chen. Leise hört man das Zirpen und Grillen der Insekten um uns herum. Ansonsten Stille. Während wir noch die Umgebung in uns aufnehmen, tauchen sie auf. Unvermittelt, fast geisterhaft leise, zwischen den Bäumen. Wilde, ungezähmte Elefanten! Wie Topmodels setzten sie die Bei- ne voreinander auf. Der Anblick dieser riesigen, majestätischen Tiere lässt einen jeden von uns den Atem anhalten. Völlig lautlos, im sanften Wiegeschritt, nähern sie sich dem Wasserloch, die gro- ße Leitkuh der Herde mit etwas Abstand voran. Ihre Ohren schlagen nervös vor und zurück. Kurz vor der Dämmerung sind selbst Elefanten vorsichtig. In der Nähe des Ufers bleibt sie stehen und stößt ein kurzes, har- tes Schnauben aus. Wir verharren stocksteif auf unserem Aus- sichtsplateau. Riecht sie uns? Nein, wohl eher haben sie einen Moment lang die Flutlichter irri- tiert, die sich just in diesem Moment einschalteten. Die Leitkuh und alles um sie herum erstrahlt nun in hellem Licht. Die Flutlichtanlage sei jede Nacht an, so dass das Licht für die Elefanten völlig normal ist und sie sich kein bisschen gestört fühl-

2

ten, klärt uns Alfred auf. Und wirklich, nach einem weiteren prü- fenden Blick am Ufer entlang lässt die Leitkuh ein tiefes Grollen erklingen. Die anderen Herdenmitglieder, die nahe bei dem Bäu- men gewartet haben, lösen sich nun auch aus der Dunkelheit und kommen ebenfalls fast alle gleichzeitig ans Wasser und damit in das helle Licht. Wir beobachten die Mütter mit ihren Elefanten- babys. Die Kleinen tollen unbeholfen, aber frech zwischen den Beinen ihrer Mütter und Tanten herum. Was für ein Spritzen und Planschen im Wasser. Etwa zehn Elefanten räkeln sich im Schlamm oder besprühen sich damit, um lästige Insekten loszu- werden. Plötzlich zeichnet sich ein weiterer riesiger Umriss im äußeren Lichtkreis der Flutlichter ab. Eine andere Elefantenkuh, wohl die Führerin einer anderen Herde, kommt lautlos näher an das Was- ser heran und betrachtet dann regungslos das bunte Treiben der ersten Herde im Wasser. Hinter ihr, schemenhaft, sind viele wei- tere Schatten zu sehen. Die erste Familie am Wasserloch hat na- türlich längst vor uns die anderen Elefanten ausgemacht und ver- harrt jetzt, teils im Wasser liegend, teils am Ufer stehend. Auf- merksam beobachten sie das weitere Verhalten der fremden Kuh. “Wahnsinn”, flüstert Alfred. “Zwei wilde Elefantenfamilien auf einmal an einem Wasserloch, das ist höchst selten.” Wir sind atemlos vor Spannung. Was wird jetzt geschehen? Wie werden sie sich verhalten? Wird eine Herde die andere vertreiben? Nach ein paar endlosen Minuten löst sich die Anspannung, und die erste Familie nimmt etwas verhaltener ihr Bad wieder auf. Die mächti- ge Leitkuh steht immer noch abwägend und wachsam am Rand des Wasserlochs. Dann setzt sie sich in Bewegung und schreitet

3

lautlos die restlichen wenigen Meter ans Wasser. Sie hält Abstand zu der anderen Herde. Der Rüssel platscht leise ins Wasser und wird von rechts nach links durch das Nass geschwenkt. Die im Wasser liegenden Elefanten stehen nach und nach wieder auf und bewegen sich ruhig in Richtung ihrer Herde. Schließlich macht der Neuankömmling ein paar Schritte ins Wasser hinein. Dies ist wohl das ersehnte Signal für die restliche Familie. Sie lösen sich nun ganz aus dem Schatten und treten in den Lichtkreis der Flut- lichtanlage. Weit über 20 Elefanten, groß und klein, drängen zum Wasser. Die Elefanten der ersten Familie ziehen sich noch ein Stück mehr auf eine Seite des kleinen Sees zurück. Nach kurzen Beäugen gehen nun alle ins Wasser. Was für ein Konzert! Dum- pfes Grollen von den erwachsenen Elefanten mischt sich mit den hellen Quiecken der Babys. Wasser wird nach allen Seiten ge- spritzt und wohliges Grunzen erklingt, wenn einer ganz in den Fluten versinkt. Das laute Blasen aus dem Rüssel, wenn sie sich Wasser und Schlamm auf den Rücken und Flanken spritzen. Alle genießen es, das wohlige Wasser. Ein Surren stört uns bei unseren Beobachtungen. Wir suchen die Gegend nach dem Urheber des Geräusches ab und erkennen irri- tiert, dass es die Flutlichter sind, die immer lauter brummen. Dann ertönt ein kurzes, lautes Knacken, und beide Lichtanlagen schalten sich, langsam von außen nach innen erlöschend, ab. Nur einige wenige Lichter in der Mitte brennen noch. Hilflos sehen wir zu, wie das Wasserloch und unser Aussichtsplateau in Dun- kelheit versinkt. Die Elefanten im Wasser, über das plötzliche er- löschende Licht erschrocken, springen auf und eilen ans Ufer. Andere Elefanten am Ufer drehen sich im Kreis, die Ohren schla-

4

gen, nervöse Töne stoßen ihre Rüssel hervor. Elefantenbabys su- chen verängstigt ihre Mütter. Uns wird mulmig, als wir die nervö- sen, kraftstrotzenden, massigen Leiber bei ihrem verstörten Tun beobachten. Und dann, mit einem lauten Plopp, gehen auch noch die letzten Lichter der Flutlichtanlage aus, und um uns herum ver- sinkt alles in absoluter Dunkelheit. Wir können nicht die Hand vor Augen sehen. Das Stampfen der mächtigen Füße, das erregte Grollen der kolossalen Leiber sind Geräusche, die nun in der Dunkelheit noch bedrohlicher und beängstigender klingen. Verlassen sie das Wasserloch? Können wir gefahrlos zurück zur Lodge? Plötzlich strahlt eine Taschenlampe auf. Alfred! Er richtet den Strahl zum Wasserloch hinunter. Ziehen sich die Elefanten zurück? Ja, in genau der umgekehrten Reihenfolge, in der sie gekommen sind. Erst die Mütter mit den Babys, dann die Tanten ohne Käl- ber und zum Schluss die Leitkuh. Nacheinander verschwinden die Dickhäuter im Gebüsch. Die zweite Familie befindet sich noch mitten im Rückzug, als das plötzlich auftauchende Licht der Ta- schenlampe die zum Schutz zuletzt gehende Leitkuh irritiert. Überraschend behände dreht sie sich um ihre eigene Achse in un- sere Richtung – die Richtung, aus der der Lichtstrahl der Ta- schenlampe kommt. Drohend richtet sie sich auf. Ihren mächti- gen Schädel schwingt sie von einer Seite zu anderen. Die riesigen Ohren schlagen nervös im schnellen Takt vor und zurück. Aus ih- rem imposanten Rüssel, zusammengerollt wie eine riesige Schlan- ge, kommt ein zischendes Pfeifen. Die massigen Vorderbeine stampfen auf dem Boden auf, so dass Staub hoch vor ihr auf-

5

wirbelt. Ein warnendes Grollen scheint direkt aus ihrem riesigen Körper zu kommen. Blitzartig erlischt die Taschenlampe. Wir bleiben mucksmäus- chenstill stehen und lauschen angestrengt in das Schwarz vor uns. Ist sie noch da? Beruhigt sie sich? Und so regungslos bleiben wir, bis auch wirklich das letzte Geräusch am Wasser lange verklungen ist und sich eine vollkommene Stille um uns breit macht. Mit zitternden Knien und klopfendem Herz schleichen wir zu- rück ins Camp.

Anita Zeilmann ist gebürtig und wohnhaft im Unterallgäu. Sie ist verheiratet, kinderlos, voll berufstätig als Exportmanagerin und widmet sich dem Schreiben als entspannendes Hobby.

6