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Loukia Richards*

STICKEN UND ERZÄHLEN ALS ANLASS FÜR DIE WIEDERENTDECKUNG DES SCHÖPFERISCHEN KREISES

Mein Anliegen für die Kunstvermittlung der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen war es, zusammen mit den

Einwohnern Schöppingens kreative und künstlerische Techniken der Textilbearbeitung auszuprobieren. Der erste Entwurf sah vor, alle Interessierten unabhän- gig von Alter oder Vorkenntnissen nach einer kurzen Einführung in die Welt der Textilien für eine gemeinsa- me Gestaltung zu gewinnen. Bedeutung und Geschichte von Textilien sollten in offe- nen Textil-Workshops in einem Textilgeschäft während der Arbeit vermittelt werden. Das Resultat dieser Arbeit sollte entweder in Stücken an die Teilnehmer des Workshops verteilt oder als Gan- zes der Gemeinde überlassen werden. Die kreativen Ausdrucksmöglichkeiten und das Experi- mentieren mit informeller Kommunikation zu fördern, war das Ziel dieser Idee. Zwei Fragen waren für mich entscheidend:

a) Ist Kunst ein individueller oder ein gemeinschaft-

licher Prozess?

b) Wer ist der Eigentümer eines gemeinsamen künstle-

rischen Produktes? Dieser erste Entwurf hat sich jedoch schon im Beginn meines Aufenthaltes in Schöppingen durch das Gespräch mit Dr. Brunsiek, zu einem dynamischeren Konzept unter dem Titel: »Ich möchte Dir etwas sagen« entwickelt.

dem Titel: »Ich möchte Dir etwas sagen« entwickelt. Stickaktion im Kaminzimmer der Stiftung Künstlerdorf

Stickaktion im Kaminzimmer der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen. Foto: Sigrun Brunsiek.

Beim Besuch der St. Brictius Kirche habe ich erfahren, dass Schöppingen schon in den 80er Jahren für ein ganz spezielles Stück Textil bekannt wurde. Es handelt sich dabei um das Fastentuch vom Kirchenaltar, das gemeinsam von Frauen der Gemeinde gestickt wurde. Dieses Tuch war zum Ver- und Enthüllen des Kirchenal- tars bestimmt. Auf Grund dieser Information habe ich mich entschie- den, die Technik des Stickens als Technik, die einen enormen Raum für künstlerischen Ausdruck erlaubt, zu verwenden. Ein altes Tischtuch, die Dr. Brunsiek mir gab, wurde der »Hintergrund«, auf den die Teilnehmer gemeinsam ihre Motive und Ideen stickten. Das Tuch sollte man sich wie einen offenen Brief vor- stellen, den die Teilnehmer »schreiben«, um ihre Ideen, Grüße, Wünsche und Träume der Gemeinschaft zu vermitteln. »Was möchte ich meinen Mitmenschen mitteilen?«, war die Frage, die Teilnehmer für sich beantworten und in Form eines gestickten Graffitis auf dem Tuch hinter- lassen konnten.

Wir hatten auch beschlossen, dass ich – statt an einem bestimmten Ort auf die Teilnehmer zu warten – das Tuch nehmen und an verschiedenen Orten von Schöp- pingen (z.B. Friseursalon, Kindergarten, katholische

pingen (z.B. Friseursalon, Kindergarten, katholische Stickmotivdetail: Meerjungfrau, gestickt von Künstlerin

Stickmotivdetail: Meerjungfrau, gestickt von Künstlerin Kaethe Wenzel. Foto: Sigrun Brunsiek.

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UND

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ANLASS

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WIEDERENTDECKUNG

DES

SCHÖPFERISCHEN

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ANLASS FÜR DIE WIEDERENTDECKUNG DES SCHÖPFERISCHEN KREISES Textilgeschichte in der Galerie vom Künstlerdorf

Textilgeschichte in der Galerie vom Künstlerdorf Schöppingen. Foto: Christoph Ziegler.

Gemeinde usw.) den Leuten (Kunden, Angestellten, Gottesdienstbesucher, Patienten, Künstler usw.) anbie- te, damit sie es an einem ihnen vertrauten Ort sticken. Gleichzeitig, haben wir Sticknachmittage im Kaminzim- mer der Stiftung organisiert, zu denen jeder eingeladen war. Die Reaktionen auf diese Initiative waren positiv und ich wurde von der Gemeinde aktiv in meinem Anliegen unterstützt. Durch unsere gemeinschaftlichen Unterhaltungen kam es zu einem Austausch von Kenntnissen: ich erfuhr viel

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pingen, während ich den Teilnehmern textilbedingte Mythen und Allegorien erzählte, um ihnen auf einfache Art und Weise zu erklären, warum Textil ein wichtiges Material, ein Kulturgut im Leben des Menschen sei.

Das »Spielen« oder das »Herstellen einer spielerischen Situation«, ein Konzept, das eine prominente Rolle in meiner Arbeit hat, war auch Bestandteil dieser Aktion, da ich den Teilnehmern Fragen zum Thema Textil stell- te, die sie beantworten mussten, um weiterzumachen. Das Fragespiel war auch als eine ›Data-mining‹-Übung gedacht, da den Teilnehmern oft selbst nicht bewusst

Stickaktion im Haarstudio Gabi Hermes in Schöppingen. Foto: Sigrun Brunsiek. ist, wie viele Kenntnisse sie

Stickaktion im Haarstudio Gabi Hermes in Schöppingen. Foto: Sigrun Brunsiek.

ist, wie viele Kenntnisse sie über die Textilgeschichte eigentlich haben, weil sie diese Kenntnisse als »unwichtige oder nutzlose Informationen« einstufen. Die aktive Teilnahme von Kollegen an solchen Treffen (und ich möchte hier insbesondere den Einfluss von Dr. Käthe Wenzel und Claudia von Funcke erwähnen) hat früh genug das Element der ‘’kontinuierlichen Erzäh- lung’’ eingeführt. Dieses neue Element hat dann für mich eine größere Bedeutung bekommen und meine Arbeit auf einen neuen Weg geleitet. Schnell stellte ich fest, dass wenn man eine struktu- rierte, bekannte Geschichte den Teilnehmern anbietet bzw. erzählt, man ihnen die eventuelle Verlegenheit nimmt, die entsteht, wenn man in einem Kreis von Unbekannten sitzen oder einem Textilvortrag schweig- sam zuhören muss. Wenn die Geschichte, allen mehr oder weniger in ihren Umrissen bekannt ist, wie zum Beispiel die Märchen der Gebrüder Grimm oder ein alt-griechischer Mythos, dann ermutigt man die Teilnehmer durch geplante Pau- sen oder durch einfache Fragen, den Faden der Erzäh- lung zu ergreifen und sie weiter zu entwickeln und zu bereichern. Auf diese Art und Weise darf jeder Teilnehmer den Erzähler in der Koordination des Kreises ersetzen und die Dynamik der Gruppe aktiv beeinflussen. So wird der

LOUKIA

RICHARDS*

der Gruppe aktiv beeinflussen. So wird der LOUKIA RICHARDS* Kindergarten. Foto: Bernadette Krechting. ganze Prozess als

Kindergarten. Foto: Bernadette Krechting.

ganze Prozess als ein Teilen von Erfahrungen und Kenntnissen unter Gleichberechtigten begriffen und jede tatsächliche oder imaginäre Hierarchie wird abge- schafft. Man wird nicht mehr geführt, sondern kann, soll und darf jederzeit den Kreis führen. Der Kreis war die ursprüngliche Form der Volksver- sammlungen in allen Kulturen, die Basis der Demokra- tie, da es keinen »Kopf« und keine »Untertanen« gibt. Das Gefühl der Partizipation an einem demokratischen Prozess wiederherzustellen wurde langsam zu Haupt- absicht meines Projektes.

Wie bei früheren Experimenten mit Stickgruppen in Holland und Griechenland habe ich auch diesmal fest- gestellt, dass das gemeinsame Tun die Bündnisse zwi- schen den Teilnehmern festigt und neben dem schöp- ferischen Effekt eine »therapeutische« Antistress- Nebenwirkung entsteht, da die Gruppenteilnehmer sich gegenseitig öffnen und sich in einem Kreis gebor- gen fühlen. Außerdem tragen Entspannungstechniken, wie z.B. das Sticken oder Stricken, zur besseren Verarbeitung von gleichzeitig gegebenen Informationen bei.

Als das Tuch fertig gestickt war, wurde es in der Gale- rie des Künstlerdorfes ausgestellt. Um das Tuch habe

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DES

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ANLASS FÜR DIE WIEDERENTDECKUNG DES SCHÖPFERISCHEN KREISES Kindergarten. Foto: Bernadette Krechting. ich einen

Kindergarten. Foto: Bernadette Krechting.

ich einen Labyrinth aus Wollfasern, das wie ein Spin- nennetz aussah, »gebaut«, so dass die Besucher sich dem Tuch erst dann nähern konnten, wenn sie richtig auf meine »Textil-Fragen« antworteten. Bei jeder richti- gen Antwort durften die Besucher einen festigenden Faden mit einer Schere abschneiden, um näher an das Zentrum des Labyrinths zu kommen. Dieses war eine symbolische Aktion, um den Weg zur Erkenntnis – und damit eine Bedeutungsebene des Labyrinths - zu visu- alisieren. Die Antworten zu den Fragen waren schon zuvor wäh- rend unserer Unterhaltungen diskutiert worden, also es handelte sich im Grunde genommen um ein Gedächt- nisspiel.

Obwohl die Aktion im Künstlerdorf Schöppingen been- det wurde, hat das Projekt nicht aufgehört sich weiter- zuentwickeln. Aus dieser fruchtbaren Auseinandersetzung vom Herbst 2011 in der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen ist die Idee des Stickmarathons (Stitchathon) geboren, der schon zweimal in Amsterdam (Dezember 2011 und Januar 2012) stattgefunden hat. »Stichathon« hebt die folgenden Themen hervor: Kul- turelles Textilerbe, Recycling, die Nebenwirkungen von

62 Textilmüll, Lebens- und Todesallegorien, die Idee des

62 Textilmüll, Lebens- und Todesallegorien, die Idee des Kindergarten. Foto: Bernadette Krechting. Teilens. Die

Kindergarten. Foto: Bernadette Krechting.

Teilens. Die Grundidee wird ständig von den Teilneh- mern weiterentwickelt, so ist die ständige Änderung der Situation oder des »Status quo« ist ein Hauptmerk- mal dieser Aktion. In Stichworten gefasst:, Stitchathon geht es um: Textil- kunst/ Partizipative Kunst/ Materialneubewertung/ Material recycling/ Ökologie/Sich Teilen/Kunstschaffen/ Kreativität fördern/ ständige Änderung/ Europäische Textilerbe/Erzählung/Darstellende Kunst.

Weitere »Stitchathon« werden für Mai 2012 (Amster- dam) und Herbst 2012 (NRW) geplant.

Text: Loukia Richards