S 56

JUNGE PROFIS

4. WOCHE 2013 | BERLINER MORGENPOST

Die Afrikanerin Chido Govera lernte, auf Abfällen Pilze zu züchten. Ihre Idee geht um die Welt
T VON ALEXANDRA BÜLOW

Pilzsammler freuen sich stets auf den Herbst, wenn sie mit Messer und Körbchen losziehen, um frisch aus dem Boden geschossene Pilze zu sammeln. Philipp Buddemeier hingegen erntet das ganze Jahr über Seitlinge – und geht dafür in den Keller. Der 36-Jährige ist Chef von „Chido’s mushrooms“ und züchtet auf 450 Quadratmetern in einem Keller in Schöneberg Austernpilze auf Kaffeesatz. Kaufen kann die Edelpilze jeder, unter den Abnehmern sind auch Spitzenköche wie Kolja Kleeberg vom Restaurant „Vau“. „Chido’s mushrooms“ versteht sich aber nicht nur als Pilzlieferant, sondern auch als Projekt, bei dem nachhaltiges Wirtschaften im Vordergrund steht. Dreimal die Woche radelt ein Fahrradkurier mit einem Lastenrad zu Cafés und Filialen von Starbucks sowie Einstein Kaffee und sammelt Kaffeesatz ein. Dieser wird dann mit Kaffeespelzen – die Häutchen der Kaffeebohnen sind Abfallprodukte beim Rösten – und Pilzmyzel vermischt und in einen Plastikbeutel abgefüllt. Diese Plastikbeutel hängen nur wenig später in Reih und Glied von der Decke eines Kellerraums, der in rotes Licht getaucht ist. „Licht ist einer der Reize, die die Ausbildung der Fruchtkörper bewirken“, erläutert Philipp Buddemeier. Er will jedoch selbst die Kontrolle haben, wann die „Blüte“ einsetzt. Also setzt er auf schummriges Licht, das eigentlich nur nötig ist, damit er und sein Team in dem Raum etwas sehen – etwa bei der Kontrolle der Beutel. Stellt man dabei fest, dass der Kaffeesatz fein vom Pilzgeflecht durchzogen ist, ziehen die Beutel um in den nächsten Kellerraum. Dort scheint als „Blütenturbo“

Aus dem Keller frisch auf den Tisch
grelles Licht, ein Luftbefeuchter sorgt für eine hohe Luftfeuchtigkeit. Tatsächlich: In einigen Beuteln haben zarte Pilzchen keck das Plastik durchstoßen, aus anderen Beuteln ragen bereits kräftige Pilzstängel mit mächtigem Hut hervor – Rosa- und Limonenseitling sowie der Graue Austernpilz sind bereit für die Ernte. Die Idee für die etwas andere Pilzzucht kommt von der Afrikanerin Chido Govera – daher auch der Name –, die in ihrer Kindheit Armut und Hunger erlebte. Mit elf Jahren kam sie zu einem PilzzuchtForschungsprojekt und lernte dort, wie Agrarabfälle als Substrat für die Zucht von Pilzen dienen. Vielen Menschen brachte sie dieses Wissen im Laufe ihres Lebens bei – in Indien, Kolumbien, Holland, Kalifornien, aber auch in Simbabwe, wo sie heute lebt. Sie ist Gesellschafterin der Chido UG, die eine weltweite Partnerstruktur aufbaut – vor zwei Jahren gründete sie ein Unternehmen in Berlin. Philipp Buddemeier stieg im Juli 2012 ein, um das Projekt weiter aufzubauen. Der gebürtige Bremer hatte bis dato von Pilzpflege wenig mitbekommen. Er studierte Sinologie in Hamburg, arbeitete in einer Unternehmensberatung und machte dann den MBA in Singapur. Zwei Jahre arbeitete er danach bei der Clinton Foundation und Save the Children. Im Nahen Osten beriet er schließlich Regierungen im Bereich Bildung und Arbeit, etwa zu Erziehungsreformen und Arbeitsplatzschaffung. Buddemeier kannte auch die Idee der „Blue Economy“: Dieses Konzept will den Schutz der Ökosysteme der Erde mit der Schaffung von Arbeitsplätzen verbinden. „Mich interessiert die Umsetzung, denn es geht mir darum, weiterzudenken: Was machen wir mit unseren Abfällen und wie können wir einen geschlossenen Wirtschaftskreislauf schaffen? “, so Buddemeier, der die Gründer der Blue Economy in Deutschland kennt. Mit Elan baut der 36Jährige seit einem halben Jahr die Marke und das Unternehmen auf: „Chido’s mushrooms“ ist eine Marke, die dem Unternehmen Chido UG gehört – Buddemeier ist Geschäftsführer. Zudem ist er geschäftsführender Gesellschafter der Oppidum GmbH, die die Produkte von Chido’s mushrooms in Deutschland vertreibt. Er suchte Investoren, ließ Heizstrahler, Luftbefeuchter und eine Entlüftungsanlage im Keller installieren, begeistert die Gourmets für Produkt und Idee und brachte im Oktober das „Home Growing Kit“ heraus, mit dem Menschen zu Hause aus Kaffeesatz und Spelzen ihre eigenen Seitlinge hegen können. Auch organisiert er Kellerführungen, bei denen Interessierte kostenlos das Konzept kennenlernen können – auch diejenigen, die sich selbstständig machen wollen. Denn: „Chido’s mushrooms“ soll demnächst zum Franchiseunternehmen ausgebaut werden. Sobald die Marke dann etabliert und am Markt akzeptiert ist, wird er sich – so sein Plan – zurückziehen und einen Geschäftsführer einsetzen. Er selbst will dann freiberuflich als Consultant arbeiten oder das nächste Unternehmen aufbauen. Mit großer Wahrscheinlichkeit mit einer weiteren guten Idee.

Blue Economy
Die Umwelt schützen, Arbeitsplätze schaffen, Hunger bekämpfen und dabei Umsatz machen – das steckt hinter dem geschützten Markennamen Blue Economy. Blau bezieht sich auf die Farbe von Ozean, Himmel und Planet Erde. Der Grundgedanke ist, in Systemen und Zyklen zu denken, angelehnt an die Kreisläufe in Ökosystemen. Der Abfall eines Produkts soll etwa als Ausgangsmaterial für ein anderes Produkt genutzt werden. abü

OPPIDUM GMBH

Pilzköpfe Philipp Buddemeier züchtet im Keller Seitlinge für die Gourmetküche

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