Sie sind auf Seite 1von 14

Humboldt Universität zu Berlin Institut für Asien- und Afrikawissenschaften Sommersemester 2011 Foucault: Überwachen und Strafen Prof. Dr. Boike Rehbein

Ein Teil von jener Kraft Das Böse bei Arendt in Foucaults Disziplinargesellschaft

Marcus Pauli Weisestraße 24 12049 Berlin marcus@reevolution.org 30. September 2011

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

1

2. Die Banalität des Bösen

2

3. Die Bürokratie

5

4. Wissen und Wissenschaft

9

5. Fazit

10

A. Literatur

I

1. Einleitung

Am 12. Dezember 2007 erließ der Deutsche Bundestag das Einsatz-Weiterverwen- dungsgesetz (EinsatzVWG), das Ansprüche von Soldaten und Zivilbeschäftigten der Bundeswehr, des Technischen Hilfswerks sowie anderer Bundesbehörden regelt, die nach dem 1. Dezember 2002 während eines Auslandseinsatzes der Bundeswehr ver- wundet wurden. Am 6. März 2002 überlebte Robert Sedlatzek-Müller die missglück- te Entschärfung einer Rakete in Kabul. Drei dänische und zwei deutsche Kamera- den starben bei dem Unfall, die ersten toten Deutschen des Afghanistankrieges. Seitdem leidet der ehemalige Stabsunteroffizier an Posttraumatischer Belastungs- störung. Dennoch griffen die Regelungen des EinsatzVWG für ihn nicht – sein Fall lag vor dem erwähnten Stichtag. DIE ZEIT zitierte Sedlatzeks Resümee aus einem Gespräch auf Staatssekretärsebene im Bundesverteidigungsministerium: »Mir wurde vom Ministerium gesagt, dass sie meinen Fall sehr bedauern. Aber die Gesetzeslage sei leider wie sie ist.« 1

Hannah Arendt beschrieb in Eichmann in Jerusalem das Wirken eines engagierten Bürokraten, der die Wirkung seines Handels nicht reflektierte und – ganz im Sin- ne der Rechtslage – den Mord von mehreren Millionen Menschen plante. 2 Auf den ersten Blick mag es vermessen erscheinen, einen SS-Obersturmbannführer mit Mit- arbeitern des Bundesministeriums der Verteidigung zu vergleichen. Doch setzt man beides bewusst nicht gleich und betrachtet vielmehr die Art der Argumentation, so fällt zumindest eine Ähnlichkeit auf: Sind die Befehle klar, handelt der Bürokrat entsprechend.

Selbst wenn einer der Sachbearbeiter, über deren Tisch Sedlatzeks Akte während der letzten Jahre wanderte, entschieden hätte, dass Sedlatzek den gleichen Anspruch nach den Regelungen der Einsatzversorgung wie seine Kameraden habe, so hätte ein weiterer dieses Vergehen zurücknehmen und melden müssen. Diesen Mechanis- mus eines Netzes aus sich gegenseitig kontrollierenden Knoten, die das Fehlverhalten eines Knoten sofort erkennen und korrigieren, beschreibt Foucault in Überwachen und Strafen. In In Verteidigung der Gesellschaft beschreibt er die Geschichte der Bürokratie in Frankreich als etwas seit der Besatzung des Römischen Imperiums konstant vorhandenes, das sich aus Gründen der Selbsterhaltung jedem Herrschen- den anbietet. Auch hieraus lässt sich vermuten, dass die o.g. Ähnlichkeit eher einem Grundprinzip der Bürokratie entspricht.

1 S. Friederichs, Hauke: Deutschlands kranke Krieger. In: DIE ZEIT 2010 URL: http://bit. ly/pbdo5b – Zugriff am 26.09.2011, S. 3. 2 Siehe S.4

1

Während Foucaults Beschreibungen auf die Art und Weise der Mechanismen abzie- len, also die Gesamtheit betrachten, widmet sich Arendt dem Individuum. Dement- sprechend kann sie sich mit individueller Verantwortung befassen, etwas, dass bei Foucault nur beiläufig vorkommt. Beide treffen sich beim Bürokraten wieder, an jenem Menschen, der sich als Funktionär entmenschlicht und seine Loyalität zum Staat durch Pflichtbewusstsein und Gesetzestreue zum Ausdruck bringt.

Aus der Verknüpfung von Arendt und Foucault ergibt sich folgende Fragestellung:

Ist Bürokratie auf die Banalität des Bösen angewiesen, um zu funktionieren?

2. Die Banalität des Bösen

»Das Fazit von der furchtbaren Banalität des Bösen, vor der das Wort versagt und an der das Denken scheitert«, fasste Arendt Eichmanns letzte Worte zusammen. 3 Das »sprachlose Entsetzen, diese Weigerung, das Undenkbare zu denken«, dass ein »Hanswurst« und kein »Ungeheuer«, von dem in der Presse die Rede war, für den Verwaltungsmassenmord an 10 Millionen Juden verantwortlich gewesen war. 4

Am Begriff der Banalität entzündete sich heftige Kritik. 5 In einem Interview mit Joachim Fest erklärt sie ihn folgendermaßen:

] In diesem Sinne

habe ich es nicht gemeint.

das ist nicht dämonisch! Das ist einfach der Unwille, sich je vorzustellen, was eigentlich mit dem anderen ist, nicht wahr? 6

] Da [bei Eichmann A.d.V.] ist keine Tiefe –

Man hat geglaubt, was banal ist, ist auch alltäglich.

Ausgehend von Arendts Erläuterungen versucht Grunenberg, Banalität so zu präzi- sieren:

] bezeichnet eine Dimension

des Bösen, die konstitutiv für sein Begreifen ist: die vollständige Abwe- senheit von Denken (und damit auch von Gewissen und Selbstreflexion). 7

Der Begriff der »Banalität des Bösen«

Für Arendt ist die Abwesenheit des Denkens ein wichtiger Aspekt. Im Sinne Arendts

3 S. Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem. München: Piper, 1997, S. 371.

4 Vgl. Arendt, Hannah: Über das Böse. München: Piper, 2010, S. 18 sowie Arendt, Hannah: Eich- mann in Jerusalem, ebenda, S. 132f

5 Vgl. »Zur Kontroverse um Hannah Arendts Eichmann in Jerusalem«. In: Arendt, Hannah/Fest, Joachim: Eichmann war von empörender Dummheit. München: Piper, 2011, S. 107ff.

6 S. Arendt, Hannah/Fest, Joachim, ebenda, S. 44.

7 Grunenberg, Antonia: »Dieser Anfang ist immer und überall da und bereit.« Politisches Denken im Zivilisationsbruch bei Hannah Arendt. Königshausen & Neumann, 2001, S. 15–30, S. 26.

2

ist das Denken eine geistige Tätigkeit, die auf Vergangenes und Gegenwärtiges ge- richtet ist. 8 Eichmann beschreibt sie dagegen als gedankenlosen Menschen, der sich als ein Befehlsempfänger sah, dem es nicht zustand, über die Tragweite der ihm anvertrauten Aufgaben zu urteilen. 9 In diesem Sinne verstand sich Eichmann ledig- lich als ein Rad innerhalb einer Bürokratiemaschine: Wäre er gegangen, hätte ein anderer seinen Platz eingenommen. Als Mensch spielte Eichmann keine Rolle, da er sich darauf zurückzog, Funktionär zu sein. 10 In Über das Böse nimmt Arendt genau darauf Bezug: »Das größte begangene Böse ist das Böse, das von Niemanden getan wurde, das heißt von menschlichen Wesen, die sich weigern, Personen zu sein.« 11 In dieser Hinsicht ist es für Eichmann bezeichnend, dass er seine Aufgabe gefühllos aus- führte. »Er ist weder von persönlichem Haß getrieben noch legitimiert er seine Taten ideologisch.« 12 Die Vorträge der psychiatrischen Gutachter fasst sie so zusammen:

Die Komödie der Seelenexperten konnte sich leider auf die traurige Tat- sache berufen, daß dies tatsächlich kein Fall von von moralischer, ge- schweige denn von gesetzlicher Unzurechnungsfähigkeit war. Ja, es war noch nicht einmal ein Fall von wahnwitzigem Judenhaß, von fanatischem Antisemitismus oder von besonderer ideologischer Verhetzung. »Persön- lich« habe er nie das geringste gegen die Juden gehabt; im Gegenteil, er besaß gute »private Gründe«, kein Judenhasser zu sein. 13

Eichmann, so Arendt, hätte nur eines ein schlechtes Gewissen bereitet: »wenn er den Befehlen nicht nachgekommen wäre und Millionen von Männern, Frauen und Kindern nicht mit unermüdlichem Eifer und peinlichster Sorgfalt in den Tod trans- portiert hätte.« 14 Über seine diesbezügliche Begründung äußert sich Arendt wie folgt:

Dennoch entspricht Eichmanns unbewußte Einstellung dem, was er selbst »den kategorischen Imperativ des kleinen Mannes« nannte. In diesem »Hausgebrauch« bleibt von Kants Geist nur noch die moralische Forde- rung übrig, nicht nur dem Buchstaben des Gesetzes zu gehorchen und sich so in den Grenzen der Legalität zu halten, sondern den eigenen Wil- len mit dem Geist des Gesetzes zu identifizieren – mit der Quelle, der das Gesetz entsprang. In Kants Philosophie war diese Quelle die praktische

8 Vgl. Arendt, Hannah: Vom Leben des Geistes. München: Piper, 2008. 9 Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem, ebenda, S. 56f.

10 Vgl. Arendt, Hannah, ebenda, S. 58f.

11 Arendt, Hannah: Über das Böse, ebenda, S. 101f.

12 Grunenberg, Antonia, ebenda, S. 26.

13 Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem, ebenda, S. 99.

14 Arendt, Hannah, ebenda, S. 98.

3

Vernunft; im Hausgebrauch, den Eichmann von ihr machte, war diese Quelle identisch geworden mit dem Willen des Führers. Viel von der

gespenstisch peniblen Gründlichkeit, mit der die »Endlösung« in Gang

] Vorstellung zu-

rückführen, dass Gesetzestreue sich nicht darin erschöpft, den Gesetzen zu folgen, sondern so zu handeln verlangt, als sei man selbst der Schöp- fer der Gesetze, denen man gehorcht. Daraus entwickelt sich leicht die Überzeugung, mehr als seine Pflicht zu tun sei das mindeste, was man von sich verlangen müsse. 15

gesetzt und gehalten wurde

] läßt sich auf die

Nach eigener Aussage hatte Eichmann zwar Kants Kritik der Praktischen Vernunft gelesen, hörte aber auf nach kantischen Prinzipien zu leben, als er mit der »Endlö- sung« betraut wurde. 16 Just in dem Moment, in dem das Denken hätte einsetzen müssen, wurde es unterdrückt, verweigerte sich Eichmann, sich mit der entsetzli- chen Aufgabe auseinanderzusetzen und mit jener dämonischen Tiefe zu konfrontie- ren. Hans Franks Interpretation des Kategorischen Imperativs (»Handle so, daß der Führer, wenn er von deinem Handeln Kenntnis hätte, dieses Handeln billigen wür- de.« 17 ) half ihm hier, an der Oberfläche zu bleiben und ein neues Selbstverständnis zu finden, dass sich mit seinem »Arbeitsethos« vereinbaren ließ. Aus Eichmanns Sicht schreibt Arendt dazu:

Was er getan hatte, war nur im Nachhinein ein Verbrechen; er war immer ein gesetzestreuer Bürger gewesen. Hitlers Befehle, die er nach bestem Vermögen befolgt hatte, besaßen im Dritten Reich »Gesetzeskraft«. (Die Verteidigung hätte zur Unterstützung von Eichmanns These jeden be- liebigen Verfassungsexperten im Dritten Reich zitieren können, die alle ausführlich darüber geschrieben haben, daß der Führerbefehl das Kern- stück der geltenden Rechtsordnung darstelle.) 18

Die aus sich selbst heraus entmenschlichte Person, der Niemand, bringt Arendt zur

] die eigentliche Staats-

form der Bürokratie«. 19 In Eichmann in Jerusalem schreibt sie weiter, »daß es im Wesen des totalen Herrschaftsapparates und vielleicht in der Natur jeder Bürokratie

Bürokratie. Ihr zufolge sei »die Herrschaft des Niemand

liegt, aus Menschen Funktionäre und bloße Räder im Verwaltungsbetrieb zu machen

15 Arendt, Hannah, ebenda, S. 233.

16 Arendt, Hannah, ebenda, S. 232.

17 Frank, Hans: Technik des Staats. In: Schriftenreihe des Institutes für die Technik des Staates an der Technischen Hochschule München 1942(1), S. 15f.

18 Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem, ebenda, S. 97.

19 Arendt, Hannah, ebenda, S. 58.

4

]«. 20 In Über das Böse verschärft sie ihre Aussage:

»In einer perfekten Bürokratie – welche

re die Gerichtsverhandlung überflüssig. Man müsste lediglich untaugliche Rädchen gegen besser taugliche austauschen.« 21

] die Herrschaft des Niemand ist – wä-

und damit zu entmenschlichen

Die Einstellung, lediglich ein »›winziges Rädchen‹ im Getriebe der ›Endlösung‹« zu sein, sich damit zu entmenschlichen, die strikte Weigerung nachzudenken und die sklavische Gesetzestreue machten einen Abteilungsleiter im Reichssicherungs- hauptamt zum »Buchhalter des Todes«, der bar jedes kriminellen oder ideologischen Motivs den institutionalisierten Mord an Millionen Menschen plante. 22

3. Die Bürokratie

Bürokratie ist etwas seltsames: Sie agiert als ein handelnder Organismus, dem das selbstständige Denken befohlen werden muss, und setzt sich zusammen aus einer Vielzahl von Menschen, die für sich jedoch nicht vollständig als Menschen handeln, sondern vielmehr eine Funktion innerhalb dieses Organismus ausüben. Dies ist, was Arendt als Entmenschlichung bezeichnet.

Mit dem Übergang zur Bürgerlichen Gesellschaft am Ende des 18. Jahrhunderts wechselte der Souverän vom Monarchen zum Volk. In der vorbürgerlichen Gesell- schaft wurde dem Staatswesen jegliche Macht vom König verliehen, der selbst Mensch und Entmenschlichter zugleich war, denn er war nicht zuletzt auch ein Funktionsträ- ger, also von einem einzelnen Individuum. In der Bürgerlichen Gesellschaft verlieh das Volk dem Staatswesen nun alle Macht. Bereits die Verwendung des Begriffs Sou- verän im Singular zeigt, dass es sich hierbei lediglich um einen vorgestellten Souverän handeln muss. 23 Der König als Souverän dagegen war durchaus real.

Die gesellschaftlichen Veränderungen waren enorm: Die feudale Agrargesellschaft veränderte sich zur industriellen Gesellschaft, in der sich mehr und mehr Men- schen in rapide wachsenden Städten um die neu entstandenen Arbeitsplätze kon- zentrierten. Die Regeln des Zusammenlebens innerhalb der Gesellschaft regelten sich grundlegend neu. Das Staatswesen vergrößerte und entwickelte sich zusehends. Die Lebenswirklichkeit der Menschen wurde nun von Behörden unter objektiven

20 Arendt, Hannah: Macht und Gewalt. München: Piper, 2006, S. 58.

21 Arendt, Hannah: Über das Böse, ebenda, S. 22.

22 Vgl. Arendt 1997, S. 58 und 97 sowie Frenzel 2010.

23 Vgl. Anderson, Benedict : Die Erfindung der Nation.: Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Berlin: Ullstein, 1998, S. 14ff.

5

Gesichtspunkten analysiert, kategorisiert und verwaltet. Infrastrukturprojekte wur- den behördlicherseits geplant, beauftragt und unterhalten. Der Aufbau des Eisen- bahnwesens beweist dies sehr anschaulich. Aber auch im Bildungs- und Sozialwesen übernahm der Staats mehr und mehr Verantwortung. Die Industriegesellschaft be- nötigte für ihren Erhalt und ihre Entwicklung ausgebildete Fachkräfte, hinzu kam der Anspruch, dass jedem Bürger nicht nur gleiche Rechte sondern auch Chancen zuteil werden sollten. Die Stunde der Bürokratie hatte geschlagen.

Lag das Hauptaugenmerk der Verwaltung in der vorbürgerlichen Zeit im Wesentli- chen auf der regelmäßigen Eintreibung diverser Abgaben, so ging es nun darum, das Konstrukt zu ernähren, dass sich der neue Souverän gab, um sich selbst zu regieren. Der neue Souverän war bestrebt, alles zu erfahren, er wollte – musste – sich selbst bil- den. In Überwachen und Strafen geht Foucault näher auf diese Entwicklung ein und bezeichnet die sich daraus entwickelnde Disziplinar- bzw. Überwachungsgesellschaft. Dabei konzentriert er sich auf das Strafsystem und verwendet Benthams Panopti- con als deren Sinnbild. 24 Das Panopticon ist eine kreisförmige Gefängnisanstalt mit einem Wachturm im Zentrum, von dem aus strahlenförmig Verbindungsgänge zu den Gefängniszellen verlaufen. Vom Zentrum aus lassen sich alle Zellen einsehen, in umgekehrter Richtung die Sichtbarkeit eingeschränkt. Foucault bemerkt hierzu:

»Das Panopticon ist eine Maschine zur Scheidung des Paares Sehen/Gesehenwerden:

im Außenring wird man vollständig gesehen, ohne jemals zu sehen; im Zentralturm sieht man alles, ohne je gesehen zu werden.« 25

Damit vereint das Panopticon die wesentlichen Aspekte der Disziplinargesellschaft:

(i) Permanente Überwachung und Informationsgewinnung, (ii) automatisierte und entindiviualisierte Macht sowie (iii) die Internalisierung des Machtverhältnisses durch die Unterworfenen.

i Für die Insassen der Anstalt gibt es keinen Schutz vor der Überwachung aus dem Wachturm im Zentrum, während die Räume in seinem Inneren vor ihren Blicken geschützt bleiben. Jede Zelle beherbergt nur einen Menschen, »eine Sammlung getrennter Individuen«. 26 Foucault nennt einen weiteren, wesentli- chen Aspekt: »Vom Standpunkt des Aufsehers aus handelt es sich um eine ab- zählbare und kontrollierte Vielfalt«. 27 Um Menschen zu verwalten ist es einer- seits wichtig zu wissen, wieviele Menschen verwaltet werden und, um effektiv handeln zu können, d.h. Macht auszuüben, die Kontrolle über die verwalteten

24 S. Foucault, Michel : Überwachen und Strafen. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1977, S. 256f.

25 Foucault, Michel , ebenda, S. 259.

26 Foucault, Michel , ebenda, S. 258.

27

Foucault, Michel , ebenda

6

Menschen zu haben. Was das für den Insassen bedeutet, formuliert Foucault so: »vom Standpunkt des Gefangenen aus [handelt es sich] um eine erzwungene und beobachtete Einsamkeit.« 28 Zwang ist sicherlich der wesentlichste Aspekt eines Gefängnisses, skaliert man das Wirken von Bürokratie auf die Gesell- schaft außerhalb der Gefängnismauern und nimmt die Einsamkeit hinzu, so ergibt sich, dass dies noch immer wesentliche Grundsätze bürokratischen Um- gangs zwischen der Behörde und dem Individuum sind. Eine Behörde ist eine anonyme Vielheit, die mit einem konkreten Individuum in Verbindung steht, das zunächst rein zahlenmäßig mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlich- keit in Unterzahl handelt, das Individuum steht in dieser Hinsicht einsam. Des Weiteren muss es sich stets den Zwängen der bürokratischen Verfahrenswei- sen unterwerfen, um mit der Bürokratie kommunizieren zu können. Anträge sind auszufüllen, Fristen und Dienstwege einzuhalten, Anordnungen ist Folge zu leisten, will es nicht mit Repressionen rechnen. Die strikte Trennung der Insassen ist für die Informationsgewinnung wichtig. Jede Zelle wird so zum Versuchslabor und alle zusammen zur Datenbasis empirischer Untersuchun- gen.

ii Ein Insasse hat keinen Einblick ins Zentrum des Wachturms, er weiß also nicht, ob der Turm überhaupt besetzt ist, er also möglicherweise überhaupt nicht überwacht wird oder ob der Turm besetzt ist und er prinzipiell überwacht wird oder ob nur er überwacht wird. Falls der Turm besetzt ist, weiß der Insasse nicht, von wem. Damit entindiviualisiert sich die Macht der Überwacher und wirkt automatisch, denn der Insasse muss das Schlimmste annehmen, näm- lich, dass er ständig spezieller Überwachung unterliegt. Gleichzeitig wird jeder Überwacher, der sich im Außenring aufhält auch zum Überwachten und er un- terwirft sich damit denselben Prinzipien. Jede Verfehlung kann sofort gesehen werden. Diese doppelte Wirkung spiegelt sich auch im bereits beschriebenen Verhältnis zwischen Behörde und Individuum wider. Eine entindividualisierte Macht greift auf ein Individuum zu und selbst der Sachbearbeiter einer Behör- de wird aufgrund der vielfältigen Geschäftsprozesse von derselben permanent überwacht.

iii Aufgrund der beschriebenen Anonymität unterwirft sich der Insasse der An- stalt (mehr oder minder) freiwillig den Regeln der Anstalt. 29 Foucault be-

]

auf ihre Zielscheibe über. Derjenige, welcher der Sichtbarkeit unterworfen ist

schreibt dies so: »Die Wirksamkeit der Macht und ihre Zwingkraft gehen

28

Foucault, Michel , ebenda 29 Der englische Begriff »Compliance« beschreibt dies m.E. nach in einem Wort.

7

] übernimmt die Zwangsmittel der Macht und spielt sie gegen sich sel-

] er wird zum Prinzip seiner eigenen Unterwerfung.« 30 Allein das

Wissen um die Folgen der Nonkonformität sorgt dafür, dass sich die Insassen entsprechend der Regeln verhalten. Damit wird die Notwendigkeit physischer Gewaltausübung auf ein Mindestmaß reduziert. Ebenso verhält es sich außer- halb der Gefängnismauern. Die in der Bundesrepublik durchgeführten Zensus wurden vom Gesetzgeber mit einer Auskunftspflicht seitens des Bürgers ver- sehen. 31 Dieser Fakt ist bekannt. Nicht so bekannt hingegen ist, wie hoch die Strafe bei Zuwiderhandlung ausfällt. 32 Doch das ist nicht wichtig, der Fakt allein genügt.

ber aus;

Benthams Panopticon wurde jedoch nicht als reine Gefängnisanstalt konzipiert, es konnte vielfältig eingesetzt werden: Als Krankenhaus, psychiatrische Anstalt, Schu- le oder als Produktionsstätte. 33 Damit ergibt sich, dass der Wirkungsanspruch der Bürokratie totalitär ist. Die Beeinflussung des Menschen durch standardisierte Ver- fahren sollte jeden Lebensbereich des Menschen erfassen, in dem er sich außerhalb des als normal betrachteten befand. Dementsprechend formuliert Foucault, wie die Disziplinargesellschaft wirkt: »normend, normierend, normalisierend « 34 Foucaults Beispiele sind diverse Ausbildungsstätten, die im wesentlichen verschiedene Diszi- plinartechniken adaptieren, die sich im Militärischen bereits bewährt haben. 35 Die Erblinie liegt auf der Hand: Armeen funktionieren durch unbedingten Gehorsam, Disziplin und Hierarchien. Negatives Verhalten wird nicht durch Marter, sondern vielmehr durch Bestrafung im Sinne Foucaults geahndet, schließlich soll der Soldat nach verbüßter Strafe wieder ins Glied zurück. Ebenso ist die Ausbildung so angelegt, dass jeder Soldat die gleichen Grundfertigkeiten erlernt und dann entsprechend dem Bedarf und seinen Fähigkeiten weitergebildet wird. Die von Foucault beschriebenen Schulen nahmen ihren Schülern regelmäßig Prüfungen ab. Die Ergebnisse sorgen für die qualitative Auf- bzw. Abwertung des Einzelnen innerhalb der Hierarchie. Damit ergab sich eine umfangreiche Dokumentation jedes Individuums. Diese Dokumenta- tionen wurden in allen genannten Institutionen angelegt und sorgten letztlich für die Gründung der Humanwissenschaften. 36 Gleichzeitig wurden die so dokumentierten Individuen zu Fällen, die anhand statistisch quantifizierbarer Attribute eine Indi-

30 Foucault, Michel , ebenda, S. 260.

31 S. BStatG §23.

32 S. BStatG §15. Im Mikrozensus 2005 wurde auf die Erhebung des Ordnungsgeldes verzichtet.

33 Vgl. Foucault, Michel , ebenda, S. 257f.

34 Foucault, Michel , ebenda, S. 236 (Hervorhebung im Original).

35 Vgl. dazu: »Die Mittel der guten Abrichtung« Foucault, Michel , ebenda, S. 220-250.

36 Foucault, Michel , ebenda, S. 246.

8

vidualität erhalten. 37 Foucault fasst dies so zusammen: »Letzten Endes steht das Examen im Zentrum der Prozeduren, die das Individuum als Effekt und Objekt von Macht, als Effekt und Objekt von Wissen konstituieren.«

4. Wissen und Wissenschaft

38 »Wissen ist Macht«, so lautet das auf Francis Bacon zurückgehende Sprichwort. Universitäten waren seit jeher der Hort des Wissens. Die ältesten unter ihnen wurden von Päpsten, Kaisern oder Königen gegründet und dienten vorrangig deren Zwecken. Der Ursprung vieler Universitäten liegt in Dom- bzw. Klosterschulen. Andere, wie die Universität von Bologna, entstanden durch die Zusammenlegung verschiedener kleinerer Rechtsschulen. Damit ergibt sich der erste Zweck dieser Anstalten: Die Konzentration des Wissens über religiöse und juristische Fragen sowie die Bildung entsprechend geschulter Fachkräfte.

Der wesentliche Teil der Rechtswissenschaften bestand über Jahrhunderte hinweg

im Öffentlichen Recht, also der Regelung der Angelegenheiten zwischen dem Kö- nig und den Ständen. 39 Im Bestreben, die eigene Macht zu erweitern, dienten die Wissenschaften oftmals als Lieferant vielfältiger Erklärungen. Foucault stellt zwei gegenüber: Einerseits gab es die im Mittelalter verbreitete These, dass die Franzosen »von den Franken abstammen oder Franken selbst Trojaner waren und unter der Führung des Königs Francus, des Sohns des Priamos, die brennende Stadt Troja ver-

].« Die Geschichte

erzählt weiter, dass auch die Römer trojanische Flüchtlinge gewesen seien und Rö- mer wie Franzosen denselben Stammbaum hätten. Foucault sieht diese Geschichte als eine »Lektion in öffentlichem Recht«, die dem König die Begründung liefert, seine Machtansprüche gegenüber seinen Untertanen sowie die Abgrenzung zu den deut- schen Nachbarn zu legitimieren. 40 Die zweite Geschichte lautet, dass Franken nicht Trojaner, sondern vielmehr Germanen seien, die die Römer besiegt hätten. Damit widerspricht sie der These des Königs, der nach es ihm erlaubt ist, ein Imperium römischen Typs errichten zu können. Dies geschah freilich vor dem Hintergrund der

ließen und

] schließlich in Frankreich ihre Heimat fanden

37 Dieses Prinzip hat sich bis heute erhalten, die von der Bundesagentur für Arbeit verwendete Bezeichnung »Fallmanager« zeigt das deutlich.

38 Die in diesem Kapitel getroffenen Aussagen beziehen sich vornehmlich auf französische Universi- täten. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass Foucault selbst sich im wesentlichen auf französische Geschichte bezieht.

39 Vgl. Foucault, Michel : In Verteidigung der Gesellschaft. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2001, S. 142.

40 Foucault, Michel , ebenda, S. 140f.

9

Religionskriege des 16. Jahrhunderts. 41 Die Wissensanstalten handelten opportun, solange es ihrem Überleben dienlich war, und sie konnten zwischen ihren Bündnis- partnern wählen.

Bereits vor dem Ende der absolutistischen Monarchie in Frankreich veränderte sich das Wesen der Universitäten. Foucault bemerkt dazu:

Das 18. Jahrhundert war das Jahrhundert der Organisation jedes Wis- sens als einer Disziplin, die in ihrem eigenen Feld zugleich Auswahl- kritierien hat, um das falsche Wissen, das Nicht-Wissen, Formen der Normalisierung und Homogenisierung der Inhalte, Formen der Hierar- chisierung und schließlich eine interne Organisation der Zentralisierung dieser Wissen rund um eine Art faktischer Axiomatisierung fernzuhal- ten. Jedes Wissen wird somit als Disziplin erstellt und andererseits als von innen diszipliniertes Wissen verbreitet, kommuniziert, verteilt und

reziprok hierarchisiert in einer Art allgemeinen Feldes oder einer allge- meinen Disziplin, die man präzise die »Wissenschaft« nennt. Vor dem 18. Jahrhundert gab es die Wissenschaft nicht. Es gab Wissenschaften,

Wissen

]. 42

Mit dem Ende des Absolutismus in Frankreich verlieren die Universitäten ihre Bünd- nispartner, verschiebt sich das Machtgefüge des Wissens. Mit der Disziplinierung des Wissens sind die Universitäten jedoch bereits auf die neue Zeit eingestellt. 43 Die Dokumentation der Individuen durch das Staatswesen hilft den Humanwissenschaf- ten, Erkenntnisse zu gewinnen, die wiederum zurückfließen, an den Universitäten werden Staatsbeamte ausgebildet, die sich der Disziplinargesellschaft verschrieben haben. Die klaren Grenzen zwischen den Disziplinen sorgen aber auch für eine wert- freie, dem Erkenntnisgewinn unterworfene Wissenschaft. Dies wiederum fließt auch in das Selbstverständnis der Bürokratie ein, die sich als nicht-moralische Exekutive versteht, die den Willen des Gesetzgebers ausführt.

5. Fazit

Das Industrielle Zeitalter unterwarf die Menschen einer Disziplin. Diese galt einer- seits den Produktionsprozessen, andererseits aber auch der Gesellschaft. Die Diszi-

41 Vgl. Foucault, Michel , ebenda, S. 142.

42 Foucault, Michel , ebenda, S. 217 (Hervorhebung im Original).

43 Was nicht verwundert, kommen doch die Vordenker der Aufklärung und der Französischen Re- volution aus den Universitäten.

10

plinierung wurde von der Bürokratie, dem Staatswesen, durchgeführt, einem Orga- nismus ohne eigenem Bewusstsein, ohne eigenen Willen. Dementsprechend kann sie nur die Vorgaben des Gesetzgebers ausführen: Ist es sein Wille, die Krümmung von Gurken zu standardisieren, so misst sie (max 10mm auf 10cm); ist es sein Wille, den Bedarf für monatliche Bildungsausgaben für Bedürftige zu bestimmen, dann rechnet sie (1,40 EUR); ist es dessen Wille, ein Volk industriell zu vernichten, führt sie ihn aus (5.600.000-6.300.000 Menschen). 44

Dies hat nicht zuletzt auch mit den in den Behörden Angestellten zu tun. Allerdings wird die Geisteshaltung, nur ein Rad in einem großen Getriebe zu sein, bereits in der Ausbildung der entsprechenden Fachkräfte geprägt. Hinzu kommt, dass die Anonymität, die die Behörden ihren »Fällen« gegenüber zeigt, sich auch auf die in den Behörden Angestellten auswirkt. Die Geschäftsprozesse sind auf ständige und gegenseitige Kontrolle ausgerichtet, auch das prägt das Rädchenbewusstsein. Damit ist eine Entmenschlichung de facto vorprogrammiert. Genau hier tritt Arendts These wieder zutage: »Das größte begangene Böse ist das Böse, das von Niemanden getan wurde, das heißt von menschlichen Wesen, die sich weigern, Personen zu sein.« 45

Die Nazis gingen virtuos mit den Gesetzmäßigkeiten der Bürokratie um: Indem sie die Werte umkehrten und in neues Recht fassten, schlugen sie die Bürokratie eines vormals demokratischen Staates mit ihren eigenen Waffen und machten sie zum Instrument ihrer Ziele. 46

Am 7. Oktober 2010 beschloss der Deutsche Bundestag eine Verbesserung der Re- gelungen zur Einsatzversorgung. In diesem Zuge wurde der Stichtag auf den 1. Juli 1992 festgelegt, den Tag des Inkrafttretens des Auslandsverwendungsgesetzes, jenes Gesetzes, das Auslandseinsätze der Bundeswehr ermöglichte.

44 Kafsack/Stabenow 2008, o.V.: Regelbedarf Hartz IV 4 für 2011 - Arbeitslosengeld II - Regelsatz. In: www.bafoeg-aktuell.de 2011, S. sn URL: http://bit.ly/qOYzK0 , (Wikipedia, 2011)

45 Arendt, Hannah: Über das Böse, ebenda, S. 101f.

46 Sicherlich mag Eichmann als Extrembeispiel gelten, allerdings sei hier entgegnet, dass die Ver- waltungen in den vom faschistischen Deutschland besetzten Ländern Nord- und Westeuropas keineswegs zusammenbrachen, sie funktionierten weiter.

11

A. Literatur

Anderson, Benedict

Die Erfindung der Nation.: Zur Karriere eines

Arendt, Hannah

folgenreichen Konzepts. Berlin: Ullstein, 1998. Eichmann in Jerusalem. München: Piper, 1997.

Dieselbe

Macht und Gewalt. München: Piper, 2006.

Dieselbe

Vom Leben des Geistes. München: Piper, 2008.

Dieselbe

Über das Böse. München: Piper, 2010.

Dieselbe/

Eichmann war von empörender Dummheit.

Fest, Joachim Foucault, Michel

München: Piper, 2011. Überwachen und Strafen. Frankfurt/Main:

Derselbe

Suhrkamp, 1977. In Verteidigung der Gesellschaft.

Frank, Hans

Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2001. Technik des Staats. In: Schriftenreihe des

Institutes für die Technik des Staates an der

Frenzel, Eike

Technischen Hochschule München 1942(1). Mein Nachbar, der Massenmörder. In:

Friederichs, Hauke

Grunenberg, Antonia

Kafsack, Hendrik/

Stabenow, Michael o.V.

Wikipedia

einestages - Zeitgeschichte auf SPIEGEL

ONLINE 2010 URL:

http://bit.ly/qLck9h . Deutschlands kranke Krieger. In: DIE ZEIT

2010 URL: http://bit.ly/pbdo5b – Zugriff

am 26.09.2011. »Dieser Anfang ist immer und überall da und

bereit.« Politisches Denken im

Zivilisationsbruch bei Hannah Arendt.

Königshausen & Neumann, 2001, S. 15–30. Jetzt darf die Gurke wieder krumm sein. In:

FAZ 2008 URL: http://bit.ly/pMwHLL . Regelbedarf Hartz IV 4 für 2011 -

Arbeitslosengeld II - Regelsatz. In:

www.bafoeg-aktuell.de 2011, S. sn URL:

http://bit.ly/qOYzK0 . Holocaust — Wikipedia, Die freie

Enzyklopädie. 2011 URL:

I