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CARTE BLANCHE
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ch verbrachte meine ersten Lebens-
jahre in einem kleinen jurassischen
Dorf, wo noch heute der Rauch der
letzten Hexenverbrennungen über
den Höfen weht. Alle meine Tanten
und Onkel lebten dort. Bis auf Onkel
Arthur. Man sagte mir, er würde eines Tages
zurückkehren. Wohl oder übel.
Er kam nach einigen Jahren. Ich hörte ihn
frühmorgens draussen auf dem Hof Holz
hacken. Er hackte nicht, er zerstörte das
Holz, er zertrümmerte es mit brachialer Ge-
walt. Er war ein klein gewachsener Mann mit
dem Oberkörper eines Gladiators, eine
Naturgewalt.
Da ihn die Familie ächtete, suchte er ver-
mehrt den Kontakt zu mir. Er fuhr mich oft
in seinem knallroten Cadillac Eldorado ins
Kino nach Belfort und sang unterwegs Frank
Sinatra. Einmal verweigerte mir der Besitzer
den Eintritt, weil ich noch viel zu jung war.
Onkel Arthur schnauzte ihn an: «Weisst du
kleiner Scheisser, was wir in Algerien mit Ty-
pen wie dir gemacht haben?» Mein Gott,
dachte ich, wie kommt er bloss auf Algerien?
«Ich rufe die Polizei», entgegnete der Be -
sitzer.
«Les nics?», brüllte Onkel Arthur. «Ich war
57 unter dem Kommando von General Mas-
su in der Schlacht von Algier. Ich war einer
der Fallschirmjäger der I0. Division. Wir wa-
ren die Brutalsten. Und du willst mich ver-
haften lassen?»
Die hölzerne Handprothese von
Capitaine Danjou
Claude Cueni über seinen Onkel, der einst Fremdenlegionär war
«Er war ein klein
gewachsener Mann
mit dem Oberkörper
eines Gladiators»
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CARTE BLANCHE
Onkel Arthur donnerte seine Faust in die
Glasfront des Kassahäuschen und zerrte den
Besitzer über den Tresen. Die folgende
Schlagstafette war furchtbar. Nur Mike
Tyson hat später noch so geboxt.
Onkel Arthur verbrachte einige Zeit wegen
schwerer Körperverletzung im Gefängnis.
Er wohnte dann in der Stadt und besuchte
meine Familie jeden Tag. Er hatte ja keine:
«Die Legion war meine Familie. Nationali-
tät, Religion, Rasse, das spielte alles keine
Rolle. Wir waren Wanenbrüder, Elitesolda-
ten. Ehre, Stärke, Mut und Gehorsam,
das waren unsere Tugenden. Wir waren
Legionäre.»
Am 30. April, dem höchsten Feiertag der
Legion, kam er jeweils mit der hölzernen
Handprothese von Capitaine Danjou, um in
unserer Küche Camerone I863 zu gedenken;
das ist der legendäre Erinnerungstag an ein
Gefecht französischer Legionäre in Mexiko.
Der Onkel trank dazu Beaujolais. Wenn er
betrunken war, erzählte er mehr. «Weisst du,
bei unseren Veteranentrenen reden wir über
Indochina, aber keiner verliert ein Wort über
Algerien. Es ist wohl das Grausamste was
Menschen jemals getan haben.»
Es war kurz nach dem Fest Camerone I863,
als ich Onkel Arthur als minderjähriger Dol-
metscher zum Personalchef eines Chemie-
konzerns begleiten musste.
«Es gibt da ein paar Lücken in Ihrem Le-
benslauf», sagte der Personalchef. «Hier zum
Beispiel, fünf Jahre …»
«Da war ich in der Legion», sagte Onkel
Arthur, ohne zu zögern, obwohl ich ihm
doch eindringlich davon abgeraten hatte.
Und als der Personalchef ihn fragte, mit
welchen Fahrzeugen er Erfahrung habe,
erwähnte er tatsächlich den AMX-I3-
Panzer.
«Sie waren also in der Legion», murmelte der
Personalchef.
Onkel Arthur hob sein Hemd hoch und
zeigte seine Wunden: «Sehen Sie, so haben
die mich damals in Algerien zusammenge-
nickt. Heute lassen sich die Weiber neue Tit-
ten machen, und man sieht nicht die kleinste
Operationsnarbe. Mich haben sie wie ein
Schwein zusammengenickt. Wann kann ich
anfangen?»
«Sie hören von uns», sagte der Personalchef
knapp und erhob sich.
«Arthur, nennen Sie mich Arthur. Oder
Captain. In Algier nannten sie mich Cap-
tain.»
«In Ordnung, Captain», sagte der Personal-
chef und unterdrückte ein Grinsen.
Als wir auf dem Parkplatz zum Auto gingen,
strahlte Onkel Arthur über das ganze Ge-
sicht. «Ich war saugut», lachte er. «Das mit
der Legion hat ihn mächtig beeindruckt. Am
Schluss hat er mich sogar Captain genannt.
Das ist Respekt unter Männern. Verstehst
du, Respekt unter Männern.»
Im Auto begann er euphorisiert «Tiens, voilà
du Boudin» zu grölen und hielt überra-
schend in einem nahen Waldstück an. Er riss
seinen Hosenschlitz auf und nahm sein eri-
giertes Glied heraus. Er wollte sich auf mich
stürzen, aber ich konnte gerade noch recht-
zeitig die Beifahrertür önnen und mich hin -
ausstürzen. Ich stand auf und rannte los. Ich
war ein guter Sprinter. Ich höre noch das der-
be Lachen von Onkel Arthur. Die Welt sei
schlecht, rief er mir nach, in Algerien sei er
auf den Geschmack gekommen. So hätten
sie Väter gebrochen, wenn sie zuschauen
mussten. Ich verstand nicht, was plötzlich in
diesen Kerl gefahren war. Ich erzählte die
Geschichte meiner Lieblingstante, aber sie
meinte, sie wolle diesen Schweinekram nicht
hören. Die gesamte Verwandtschaft wollte es
nicht hören. Ich habe dieses Dorf nie mehr
besucht. Im Gegensatz zu Onkel Arthur. Das
Wegschauen seiner Geschwister hatte ihn
animiert, es nun mit meinen wesentlich jün-
geren Cousins zu versuchen. Zwei von ihnen
vergewaltigte er jahrelang. Einer brachte
sich schliesslich um. Niemand ging zur Poli-
zei. Onkel Arthur wurde verbannt, ausge-
schlossen.
Jahrzehntelang lebte Onkel Arthur in einer
kleinen Einzimmerwohnung in der Stadt.
Etliche Jahre später, es war ein 30. April,
wollte ich ihn besuchen und ihm eine rein-
hauen. Doch die Vermieterin sagte, er sei am
Weihnachtsabend verstorben. Er habe nur
eine hölzerne Handprothese hinterlassen.
«

Ich war saugut

, lachte er,

das mit der Legion hat ihn
mächtig beeindruckt

»
«

Es gab ein paar Lücken
in Ihrem Lebenslauf

, sagte
der Personalchef»
«Ich höre noch das derbe
Lachen von Onkel Arthur.
Die Welt sei schlecht, rief
er mir nach»
Claude Cueni
Der 1956 geborene Claude
Cueni ist Schriftsteller und
Drehbuchautor und lebt in
Basel. Soeben erschien sein
neuer historischer Roman
«Der Henker von Paris».

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