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Kapital & Märkte Ausgabe Oktober 2013

Kapital & Märkte

Ausgabe Oktober 2013

Kapital & Märkte Ausgabe Oktober 2013
Kapital & Märkte Ausgabe Oktober 2013

Politik und Börse

„Politische Börsen haben kurze Beine“ lautet ein gängiger Satz. Er stammt aus der Erfahrung, dass Kursverwerfungen, die aus politischen Einflüssen entstanden sind, in der Regel bald wieder ausgebügelt werden. Die Aussage kommt ur- sprünglich aus den USA und ist dort auch angebracht, weil politische Überraschungen in Übersee erstens selten sind und zweitens in der Vergangenheit noch seltener zu einer wesentlichen Trendänderung bei den Aktienkursen geführt haben. Ob dies heute noch so zutrifft und wie sich politi- sche Entscheidungen auf die Börsen auswirken, soll hier betrachtet werden.

Eines der besten Beispiele für die Bedeutung der Politik ,auch und gerade für die Börsenkurse, ist die Regelmäßigkeit, mit

der in den USA die Aktienkurse innerhalb der vierjährigen Wahlperiode der Präsidenten bessere und schlechtere Phasen durchlaufen.

Danach steigen die Aktienkurse tendenziell im Vorwahl- und im Wahljahr, um dann in den zwei Jahren nach der Wahl vorübergehende Tiefststände zu erreichen. Ausnahmen, wie die Zeit um die Finanzkrise von 2007 bis 2009, zeigen aber, dass man sich nicht blind auf diese Regel verlassen sollte. Auch das Nachwahljahr 2013 läuft bisher über Plan.

Überraschend ist auch die historische Tatsache, dass die Aktienkurse in der Regel unter demokratischen Präsidenten mehr stiegen als unter den republikanischen Staatsober- häuptern. Demokratische Regierungen zielen mit ihrer Politik mehr auf Wachstum und stellen dafür die Ziele Preisstabilität und gesunde Staatsfinanzen zurück.

ABBILDUNG 1: PRÄSIDENTSCHAFTSZYKLUS 140 Dow Jones Index, historischer Durchschnitt 130 (US-Dollar, normiert) 120
ABBILDUNG 1: PRÄSIDENTSCHAFTSZYKLUS
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Dow Jones Index,
historischer Durchschnitt
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(US-Dollar, normiert)
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Jahr 1 Nachwahljahr

Jahr 2 Zwischenwahljahr

Jahr 3 Zwischenwahljahr

Jahr 4 Wahljahr

Quelle: Eigene Darstellung, Wellenreiter-Invest

siehe auch Hinweise im Impressum zu (2) und (3)

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ABBILDUNG 2: PRÄSIDENTEN UND AKTIENKURSE 16.000 Dow Jones Index (US-Dollar) 14.000 12.000 November 1988 George
ABBILDUNG 2: PRÄSIDENTEN UND AKTIENKURSE
16.000
Dow Jones Index (US-Dollar)
14.000
12.000
November 1988
George Bush
10.000
wird Präsident
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Seit November
1980 ist Ronald
November 1992
Bill Clinton wird
Präsident
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Reagan Präsident
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November 2000
George W. Bush
wird Präsident
November 2008
Barack Obama
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Republikaner

Demokraten

Republikaner

Demokraten

Quelle: Bloomberg

USA aktuell: Vom Showdown zum Shutdown

Wenn Sie diese Zeilen lesen, ist der Showdown, also die Machtprobe zwischen den beiden Parteien in den Vereinigten Staaten um die Anhebung der Schuldenobergrenze, hoffent- lich abgeklungen. Bei Redaktionsschluss war der wieder ein- mal tobende Kampf um den Haushalt und die Erhöhung der Verschuldungsgrenze noch in vollem Gange. Er führte zum Shutdown, also der teilweisen Einstellung der nicht essen- ziellen bundesstaatlichen Tätigkeiten, seit dem 1. Oktober. Weil die Republikaner ihre Zustimmung für weitere Nothaus- halte, mit denen der Regierungsbetrieb schon das ganze Jahr provisorisch geführt wird, teilweise verweigert haben, da ihnen die Demokraten nicht entgegenkamen, gab es Beurlaubungen von fast einer Million Beschäftigten. Dies ent- spricht rund einem Drittel der gesamten Bundesangestellten.

Die Republikaner fordern ernsthafte Gespräche über Aus- gabenkürzungen und eine Verschiebung von „Obamacare“, der seit dem 1. Oktober angebotenen Krankenversicherung für Arbeitnehmer. Dieses wesentliche Reformwerk der jetzigen Administration ist auch in der Bevölkerung nicht sehr beliebt, weil es eine extreme Bürokratie schafft, für junge Arbeitnehmer wenig attraktiv ist und die Technik in den wenigen Tagen seit dem laufenden Betrieb vor allem durch Versagen von sich reden macht. Es wird auch den Bund viel Geld kosten.

Demokraten und Republikaner pokern sehr hoch in diesem gefährlichen Spiel. Spätestens Ende Oktober werden die

siehe auch Hinweise im Impressum zu (2) und (3)

laufenden Einnahmen nicht mehr ausreichen, um die gesam- ten Ausgaben zu decken. Die Folge: Die Weltmacht wird nicht mehr allen Verpflichtungen nachkommen können. Da für jeden Dollar Ausgaben nur 70 Cents an Steuern herein- kommen, müssen laufend neue Schulden gemacht werden. Dafür muss aber erneut die gesetzlich fixierte Höchstgrenze für Bundesschulden in Höhe von 16,7 Billionen Dollar ange- hoben werden. Sie wurde eigentlich schon im März gerissen (Vergleich Abbildung 3). Durch Geldtransfers aus den zwei großen Sozialversicherungsfonds wurden aber Finanzmittel geliehen. Diese Manövriermasse ist nun verbraucht.

Dass die USA nur mit einem Nothaushalt operieren, ist be- klagenswert, aber nicht neu. In den vergangenen 40 Jahren musste die Verwaltung bereits 17 Mal ihre Tätigkeit für einige Tage oder Wochen mangels Geld einschränken und Personal vorübergehend freistellen. Der letzte große Shutdown ereignete sich 1995/96 unter Präsident Clinton.

Wie reagierte die Aktienbörse in der Vergangenheit auf diese Vorkommnisse? In diesen Tagen gingen die Aktienkurse mehrheitlich zurück. In der Spitze verlor der S&P 500 um bis zu 4,4 Prozent (Oktober 1979). Im Durchschnitt betrug der Rückgang hingegen nur 0,8 Prozent. Weil die Anleger richti- gerweise davon ausgingen, dass es nur kleinere Schäden für den Staatshaushalt und die Wirtschaft geben würde, stiegen die Kurse oft trotzdem um bis zu 1,3 Prozent. Schon zwei Wochen nach dem Ende eines Shutdowns lagen die Aktien- notierungen im Schnitt wieder um ein Prozent über dem Stand vor der Krise.

Dieses Mal sind die Parteien in der Auseinandersetzung be- sonders entschlossen. Die Republikaner wie auch die Mehrheit

2 3 3 ABBILDUNG 3: SCHULDENGRENZE Bill. Bill. 17 17 US-Staatsschulden (Bill. US-Dollar) Anhebung Schuldengrenze
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ABBILDUNG 3: SCHULDENGRENZE
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US-Staatsschulden (Bill. US-Dollar)
Anhebung Schuldengrenze (Bill. US-Dollar)
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Jan 11
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Jan 12
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Quelle: Bloomberg

der Bevölkerung fordern ein Ende der andauernden Neuver- schuldung. Eine radikale Kehrtwende der Finanzpolitik lässt sich allerdings nicht auf die Schnelle erreichen. Weil die bei- den politischen Lager aber gemäß einer Untersuchung des Abstimmungsverhaltens so weit auseinander liegen wie seit 1879 nicht mehr, könnte der Streit auch eskalieren – mit den entsprechenden Risiken für die Wirtschaft und die Finanz- märkte. Es ist falsch, dass die USA, wie oft behauptet wird, noch nie in diese Lage gekommen seien. In den Jahren 1779, 1782/90, 1862 und 1934 kam es bereits zu Zahlungsausfällen. Zuletzt war dies 1979 aufgrund technischer Probleme der Fall. Auch im Juli 2011 wurde um die Erhöhung der Schulden- obergrenze lange gestritten. Dies trug wesentlich zum Kurs- sturz bei Aktien Anfang August desselben Jahres bei.

Eingeführt wurde die Schuldengrenze, die in einigen Jahren auch in Deutschland gelten soll, bereits im Zuge der Finanzie- rungserfordernisse für die in den Krieg eingetretenen USA im Jahr 1917. Sie wurde in den vergangenen Jahren immer häu- figer und stärker erhöht, wie in der Darstellung ersichtlich ist. Diese Grenze kannte nur eine Richtung, und zwar nach oben. Ausnahmslos alle US-Präsidenten seit Herbert Hoover (Amtszeit 1929–1933) hoben die „Grenze“ an, die meisten von ihnen sogar mehrfach. Allein seit 1962 kam es zu rund 75 solcher Anhebungen. Diese traurige Routine im Schuldenmachen ha- ben die Anleger praktisch abgehakt, wie man an der nur sehr verhaltenen Kursschwäche ablesen kann. Das Motto lautet: Es wird nicht sein, was nicht sein darf. Hoffentlich behalten sie Recht und in Washington passiert nichts Unvorhergesehenes. Eine auch nur vorübergehende Zahlungsverzögerung hätte gravierende Folgen. Das einzig Positive daran wäre, dass man die Probleme dann ernsthaft angehen müsste.

Über den Einfluss der Bundestags- wahlen auf die Entwicklung des deutschen Aktienmarktes

Vor einer Bundestagswahl ist der DAX tendenziell schwächer als in Zeiten ohne anstehende Wahlen. Wie eine Auswertung des Marktverhaltens auch im Vergleich zu US-Börsenindizes zeigt, neigte der deutsche Leitindex in den zehn Wochen vor der Wahl bislang eher zur Schwäche. Die gilt sowohl wenn es nach der Wahl zu einem Wechsel kommt als auch für den Fall, dass die Regierung im Amt bestätigt wird.

In diesem Jahr haben sich die Börsianer nicht an die historische Vorlage gehalten und die Kurse schon unmittelbar vor der Wahl weiter auf Jahreshöchststände getrieben. Nach einer Bundestagswahl geht es am Aktienmarkt normalerweise auf- wärts, und zwar ebenfalls unabhängig davon, ob es zu einer Regierungsablösung kommt oder nicht. Erstaunlicherweise ist der positive Effekt bei einem Regierungswechsel noch deut- lich ausgeprägter. Aktuell würde dies für eine Große Koalition oder eine Schwarz-Grüne Regierung gelten können. Ob ein rechnerisch mögliches Rot-Dunkelrot-Grünes Bündnis den deutschen Aktienmarkt auch beflügeln würde? Das ist mehr als fraglich. Auch Statistiken sind bekanntlich ohne den Einsatz des gesunden Menschenverstandes wenig hilfreich. Zur Zeit des Redaktionsschlusses war noch unklar, zu welcher Koalition es kommen wird.

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ABBILDUNG 4: REGIERUNGEN UND DEUTSCHE AKTIENKURSE 10.000 10.000 DAX (Euro) 9.000 9.000 8.000 8.000 7.000
ABBILDUNG 4: REGIERUNGEN UND DEUTSCHE AKTIENKURSE
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Oktober 1982
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Helmut Kohl wird
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Bundeskanzler
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wird Bundeskanzler
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Jan 12
CDU/CSU & FDP
SPD & Grüne
CDU/CSU & SPD
CDU/CSU & FDP
Kohl
Schröder
Merkel
Quelle: Bloomberg
siehe auch Hinweis im Impressum zu (2)

Vielleicht liegt es an dieser Unsicherheit, welche die Wirtschaft lähmt und die Börse hemmt, dass die Kurse bis Redaktions- schluss nicht mehr weiter geklettert sind. Bis zur 48. Kalender- woche bestünde aber noch Zeit, um der Regel in Form neuer Jahreshochs genüge zu tun.

Hat eine bestimmte politische Konstellation einen Einfluss auf die Entwicklung der deutschen Aktien? Diese Frage lässt sich schwer beantworten, denn neben den politischen Rahmen- bedingungen verarbeiten die Anleger am Aktienmarkt eine Vielzahl anderer Einflüsse, die sich nur schwer von der deut- schen Politik isolieren lassen.

Auf den ersten Blick zeigt die obige Darstellung, dass unions- geführte Regierungen wesentlich höhere Wertzuwächse zu bringen scheinen als SPD-geführte Koalitionen.

Aufgrund der Komplexität der Einflussfaktoren ist dies natürlich nur ein Indiz für mögliche Vorteile bestimmter Regierungskon- stellationen für Aktienanlagen. Denn unberücksichtigt – weil auch nicht getrennt zu analysieren – bleibt die Langfristwir- kung großer Reformen. Beispielsweise gilt die Arbeitsmarkt- reform „Agenda 2010“ der SPD-Regierungskoalition unter Kanzler Schröder als eine wesentliche Grundlage für die Ver- besserung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft in den vergangenen Jahren. Die Früchte, auch am Aktien- markt, wurden allerdings unter den unionsgeführten Koali- tionen geerntet. Dass die Ölkrise in den siebziger Jahren in die Zeit einer SPD/FDP-Koalition fiel, hat ebenfalls nichts mit der Regierung in Deutschland zu tun. Dieses Beispiel zeigt auch, dass von keinem eindeutigen Einfluss einer bestimmten Regie- rungspolitik auf den Aktienmarkt ausgegangen werden kann, sofern insgesamt eine marktwirtschaftliche Politik vorherrscht.

Ohnehin sind durch die Globalisierung, insbesondere der Unternehmen im DAX, weltwirtschaftliche Einflüsse mittler- weile erheblich bestimmender geworden. Anders verhält es sich bei Unternehmen, die überwiegend lokal ausgerichtet sind. Hier ist der Einfluss politischer Entscheidungen deutlich ausgeprägter. Als Paradebeispiel dafür kann die Entwicklung der Versorgeraktien nach dem beschlossenen Atomausstieg 2011 dienen. Dagegen dürften sich die großen multinatio- nalen Konzerne langfristig unabhängiger vom Ergebnis der Bundestagswahl entwickeln.

Nach der Wahl die Qual

Der Wahlsieg von Bundeskanzlerin Merkel entsprach zwar den Wünschen der Wirtschaft und des Kapitalmarktes. Auf- grund der Tatsache, dass die FDP nicht mehr im Bundestag vertreten sein wird, braucht sie allerdings einen Koalitions- partner, der mit Sicherheit weniger wirtschaftsfreundlich sein wird, als es die FDP war.

In Deutschland ist die künftige Marschrichtung der Politik weit weniger klar, als es das Wahlergebnis mit dem offensicht- lichen Votum für eine Große Koalition erscheinen lässt. Eine solche Koalition wird es nur geben, wenn die SPD-Basis damit leben kann. Alle anderen Konstellationen erscheinen zunächst weniger wahrscheinlich und würden eine stabile Regierungs- arbeit kaum erlauben. Die SPD wird sich eine Teilnahme an der Regierung aber sehr teuer abkaufen lassen, was die Kanzlerin selbst eher akzeptieren wird als ihre Partei und die CSU.

4 5 5 ABBILDUNG 5: BAUAKTIEN 600 600 DAXsector Construction Index (Euro, normiert) 500 500
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ABBILDUNG 5: BAUAKTIEN
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DAXsector Construction Index (Euro, normiert)
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Quelle: Bloomberg

Die SPD muss ihre Strategie neu ordnen. Der Plan, die Basis der Partei darüber entscheiden zu lassen, ob und wie in einer großen Koalition mitregiert werden soll, zeugt von großer Unsicherheit. Es gibt auch andere Interpretationen dieses unüblichen Verhaltens: Damit kann die Partei die auch von der Bevölkerung präferierte Große Koalition gegebenenfalls verhindern und sich die Option auf das Modell Nordrhein- Westfalen (Rot-Grüne Koalition unter Duldung durch die Linkspartei) offenhalten. Auf jeden Fall erhöht sich damit der Druck auf die Union, den Anliegen der SPD entgegenzu- kommen. Für ein Bündnis von CDU und Grünen ist es ver- mutlich trotz der großen personellen Veränderungen an der grünen Parteispitze noch zu früh. Auf diese Option müsste die Partei ihre Wähler erst noch vorbereiten. Die Avancen der CDU an die Grünen haben wohl primär das Ziel, die SPD unter Zugzwang zu setzen. Doch dieser Flirt der CDU könnte die SPD vollends koalitionsunwillig machen. Das gute Ergebnis der neuen Partei Alternative für Deutschland, dürfte ein Weck- ruf für die künftigen Regierungsparteien sein, es mit der Haf- tungsunion in Europa nicht zu übertreiben. Andernfalls wäre ein Einzug der Eurogegner ins Europaparlament und später auch in den Bundestag zu erwarten.

Wie auch immer die neue Regierung zusammengesetzt sein wird, es dürfte schwierig werden viele Gemeinsamkeiten zu finden. So ist vor allem bei einer Neuauflage der Großen Koalition, wie nach 2005, mit Stillstand zu rechnen. Dies würde angesichts der gewaltigen Herausforderungen – über die im Wahlkampf nur am Rande diskutiert wurde – keine positiven Folgen für das Land haben.

siehe auch Hinweis im Impressum zu (2)

Die großen Themen der neuen Regierung

Infrastruktur und Bau Der Investitionsrückstand bei der deutschen Infrastruktur be- trägt inzwischen geschätzt über 100 Milliarden Euro. Wenn es, wie erwartet, zu einer großen Koalition käme, dürfte die deutsche Bauwirtschaft davon profitieren. Abschreibungser- leichterungen im Wohnungsbau sowie die Förderung von Energiesparmaßnahmen und die Freigabe von Mitteln für den dringend notwendigen Infrastrukturausbau sind dank guter Steuereinnahmen realistisch. Weitere Energiesparauf- lagen werden vor allem den Bauzulieferern und dem Hand- werk helfen.

Steuerpolitik Schützenhilfe bekommt die Union für ihre Forderung, die kalte Progression abzumildern auch durch die EU Kommis- sion, die Deutschland zur Steuer- und Abgabensenkung aufgefordert hat. Vor allem geringe Einkommen sollen netto mehr bekommen. Das wiederum stützt die Position der SPD. Mit steuerlichen Entlastungen ist also allenfalls bei niedrigen Einkommen zu rechnen. In Deutschland brachten Große Koalitionen immer auch Steuererhöhungen. Hohe Einkommen und Vermögenserträge werden etwas höher belastet werden. Und die Finanztransaktionssteuer wird früher oder später in einer wie auch immer gearteten Weise kommen. Die Folge: Unternehmen und Anleger werden diese neue Steuer bezahlen müssen.

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ABBILDUNG 6: VERSORGERAKTIEN 200 200 MSCI World Versorger Index (US-Dollar) MSCI Deutschland Versorger Index (Euro)
ABBILDUNG 6: VERSORGERAKTIEN
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MSCI Deutschland Versorger Index (Euro)
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Nuklearkatastrophe
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Fukushima
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siehe auch Hinweise im Impressum zu (2) und (3)
Quelle: Bloomberg

Korrektur der Energiewende Die beiden großen Parteien werden gemeinsam die dringend notwendigen Nacharbeiten an der dilettantisch umge- setzten Energiewende erledigen müssen. Dies wird ein sehr schwieriges Unterfangen sein. Kurzfristig könnten unter dem Druck der EU-Kommission die Strompreise für die subventionierten großen Stromverbraucher ansteigen. Und ob es für Privathaushalte nach einer möglichen Ver- ringerung der Stromsteuer zu einem Ende der permanenten Preissteigerungen kommen wird, darf bezweifelt werden. Die Versorger sollten etwas profitieren können, wenn sie für das Bereithalten ihrer konventionellen Kraftwerke besser entschädigt werden. Vor allem die Kohle als Energieträger sollte von einer Teilnahme der SPD an der Regierung pro- fitieren. Produzenten von Solar- und Windstrom könnten mit Netzkosten belastet werden.

Es bleibt zu hoffen, dass der immer größer werdende Standortnachteil Deutschlands bei den Energiekosten auf- gehalten werden kann und die Planungssicherheit für Industrie und Energiewirtschaft nach den drei Energie- wenden der letzten Regierungen verbessert wird.

Euro Bei einem von den meisten Ökonomen erwarteten neuen Schuldenschnitt für Griechenland drohen Verluste in zwei- stelliger Milliardenhöhe für den Bund. Die geplante Banken- union wird zumindest ein Mehr an gemeinschaftlicher

Haftung bringen. Die Kompetenzübertragung von der deutschen Bankenaufsicht auf die EZB, die nicht mehr der deutschen Regierung untersteht, ist ohnehin beschlossen.

Nach überschlägigen Berechnungen hat sich Deutschland inzwischen in eine Verschuldungsgrößenordnung aus der Eurohaftung drängen lassen, aus der es nicht mehr her- auskommt. Alle Rechnungen basieren darauf, dass die großen Nationen dazu stehen, den Euro zu erhalten. Auch deutsche Staatsanleihen sind nur so sicher wie der Euro. Aus deutscher Sicht scheint leider nur die Wahl zwischen großem Schulden- schnitt oder Dauersubventionen für das Weiterbestehen des Euros zu bestehen.

Arbeitsrecht Eine Große, von der CDU/CSU dominierte, Koalition wird faktisch Mindestlöhne zulassen, welche die Tarifparteien für die einzelnen Branchen aushandeln sollen. Infolgedessen würden das allgemeine Lohnniveau und damit auch die Kosten für die Wirtschaft steigen. Das schadet tendenziell der Wettbewerbsfähigkeit und hilft dem Konsum, dem Bau und der Immobilienwirtschaft.

Immobilienwirtschaft Diese müsste andererseits mit einer Mietpreisbremse und Auflagen zur Energieeinsparung rechnen; womöglich wür- den auch Umlagen und Steuern erhöht werden.

6 7 7 ABBILDUNG 7: DEUTSCHE VERSUS EUROPÄISCHE AKTIEN 6.000 6.000 DAX Kursindex (Euro, normiert)
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ABBILDUNG 7: DEUTSCHE VERSUS EUROPÄISCHE AKTIEN
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DAX Kursindex
(Euro, normiert)
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EURO STOXX 50
(Euro, normiert)
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27.09.2012:
23.04.2010:
Der ESM
Griechenland
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1.000
tritt in Kraft
beantragt offiziell
EU-Hilfe
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Mai 12
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Sep 13

Quelle: Bloomberg

Zusammengefasst kann man davon ausgehen, dass Deutschlands ausgezeichnete Wettbewerbsfähigkeit, die vor allem dank Jahrzehnten von Lohnzurückhaltung ent- standen ist, allmählich erodiert. Es gibt Stimmen von aus- ländischen Anlagestrategen, die deshalb konsequent emp- fehlen, deutsche Aktien zu Lasten von anderen europäischen Ländern abzubauen. Sie gehen von einer Abschwächung der deutschen Ausnahmestellung und einer allmählichen Besserung der zugegebenermaßen schlechten wirtschaft- lichen Lage der meisten Nachbarländer aus.

siehe auch Hinweis im Impressum zu (2)

Insgesamt ist der deutsche Wahlausgang nicht positiv für die deutschen Aktien und die deutsche Wirtschaft, son- dern perspektivisch negativ zu bewerten. Einfach wird es eine Große Koalition nicht haben. Falls sie zustande kommt, ist die Gefahr eines vorzeitigen Endes nicht ge- ring. In vielen Punkten ist die Übereinstimmung zwischen der SPD und den Grünen beziehungsweise Linken deutlich größer als die mit der Union. Für den Fall eines vorzeitigen Bruchs einer Großen Koalition wird es an den deutschen Finanzmärkten „Kraft“-voll nach unten gehen.

Impressum

Stand: Oktober 2013

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