Sie sind auf Seite 1von 6

Begriffsbestimmungen:

HANDLUNGSKOMPETENZ

von Dede Syaehumishbah (AST´08 Berufspädagogik)

Eines der wesentlichen erziehungswissenschaftlichen Begriffe besonders


in der Berufsausbildung ist Handlungskompetenz. Auch in der deutschen
Diskussion ist die Handlungskompetenz das zentrale Stichwort. Damit ist
es hier notwendig, den Begriff von Handlungskompetenz zu bestimmen.
Weil das beste Wissen nichts nutzt, wenn man es nicht in Handlung
umsetzen kann. Handlungskompetenz wird deshalb als wichtigste
Kompetenz, als primäre Kompetenz gesehen. Nun kommt die Frage, was
Handlungskompetenz bedeutet.

Die Kultusministerkonferenz (KMK) gibt darauf die Antwort, dass


„Handlungskompetenz wird verstanden als die Fähigkeit des Einzelnen
sich in beruflichen, gesellschaftlichen und privaten Situationen
sachgerecht, durchdacht, sowie individuell und sozial verantwortlich zu
verhalten“ (KMK, 5.02.1999). Gemeint ist damit die Fähigkeit,
zielgerichtet, aufgabengemäß, der Situation angemessen und
verantwortungsbewusst betriebliche Aufgaben zu erfüllen und Probleme
zu lösen. Und zwar entweder allein oder im Team - je nach
arbeitsorganisatorischen Gegebenheiten. Die KMK hat diesen Begriff
relativ präzise definiert und in dieser Definition darauf geachtet, dass
Handlungskompetenz nicht eingeengt wird als die bloße Fähigkeit, eine
konkrete Arbeitsaufgabe sachgerecht zu lösen.

Parallel zu diesem Nachdenken findet BADER, dass „berufliche


Handlungskompetenz die Fähigkeit und Bereitschaft des Menschens ist,
in beruflichen Situationen sach- und fachgerecht, persönlich durchdacht
und in gesellschaftlicher Verantwortung zu handeln sowie seine
Handlungsmöglichkeiten ständig weiterzuentwickeln“ (BADER 1989, 75
in KERSTEN 1995, 44). Hier ergänzt er die Merkmale der
Handlungskompetenz mit der Fähigkeit, die Handlungsmöglichkeiten
immer weiterzuentwicklen. Man erreicht Handlungskompetenz durch die
Lernprozesse im Alltags-, Berufsleben und auch wichtig durch die
Ausbildung. Der Erwerb von Handlungskompetenz erfordert
differenzierte Formen der Lernorganisation unter besonderer
Berücksichtigung des selbständigen und des sozialen Lernens.
Als berufliche Handlungskompetenz wird „das reife und entwickelte
Potential beruflicher Fähigkeiten bezeichnet, das es dem Individuum
erlaubt, den in konkreten beruflichen Situationen gestellten
Leistungsanforderungen entsprechend zu handeln“ (REETZ 1999, 245).
Sie befähigt einen Menschen, „die zunehmende Komplexität und
Unbestimmtheit seiner Umwelt zu begreifen und durch ziel- und
selbstbewusstes, flexibles, rationales, kritischreflektiertes und
verantwortliches Handeln zu gestalten“ (PÄTZOLD 1999, 57).

Begriffsbestimmungen: HANDLUNGSKOMPETENZ von Dede Syaehumishbah


1 | Page
Andere Meinung kommt von PETERSZEN. Er definiert
Handlungskompetenz respektive Handlungsfähigkeit folgendermaßen:
„Als handlungsfähig gilt, wer imstande ist, selbständig mit möglichst
vielen Situationen fertig zu werden, in die sein Leben ihn hineinführt,
weil er die darin vorfindbaren Probleme eigenständig zu lösen fähig ist“
(PETERSZEN 2001, 10).

Ferner sagt er, dass Handlungskompetenz ganzheitlich und integrativ


ist. Handlungskompetenz setzt sich aus einer Kombination aus Fach-,
Methoden-, Sozial-, und Persönlichkeitskompetenz zusammen. Auf diese
vier Komponenten wird im Unterricht allerdings nicht immer gleichmäßig
verteilt fokussiert. Vielmehr kommt es je nach Zielsetzung, Thema,
Lerninhalt und eingesetzter Methode zu unterschiedlichen
Schwerpunktsetzungen. Das hier dargestellte Konzept der ganzheitlich-
integrativen Handlungsfähigkeit bezeichnet ein „bewusstes und
zielgerichtetes Tun, das sich von bloßer Tätigkeit unterscheidet“
(PETERSZEN 2001, 14) und unterschiedliche Kompetenzen bedingt. Dies
bedeutet aber auch, dass ein Teilbereich wie beispielsweise die
Fachkompetenz in unserer heutigen Gesellschaft schon lange nicht mehr
ausreichend ist, um in der Lage zu sein, Situationen des Lebens
(beruflich wie privat) zu bewältigen sowie Probleme selbständig und
eigenverantwortlich zu lösen.

Um Handlungskompetenz zu strukturieren, wird sie in mehrere


Teilkompetenzen gegliedert, wobei dies in der Fachliteratur
unterschiedlich vorgenommen wird. Einerseits erfolgt eine Unterteilung
in die vier Dimensionen Fach-, Methoden-, Sozial- und
Persönlichkeitskompetenz (vgl. PÄTZOLD 1999, 57). Die Bereichen der
Handlungskompetenz werden in den folgenden Absätzen näher
besprochen.
• Fachkompetenz
Unter Fachkompetenz versteht man fachliches Können und Wissen,
aus dem ein Unternehmen Nutzen ziehen kann. Dazu zählen
beispielsweise Rechnen oder Materiale Kenntnisse und Fähigkeiten,
wie berufsübergreifende oder -ausweitende Fertigkeiten oder die
Beherrschung neuer Technologien.

• Methodenkompetenz
Die Methodenkompetenz beinhaltet die Fähigkeiten, sich
Informationen zu beschaffen, sie zu strukturieren, aufzubewahren und
sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder zu verwenden, sie
aufzubereiten, Ergebnisse von Verarbeitungsprozessen richtig zu
interpretieren und sie geeignet zu präsentieren. Desweiteren schliesst
die Methodenkompetenz Fertigkeiten zur Problemlösung,
Entscheidungsfähigkeit, selbstständiges Lernen, Begründungs- und
Bewertungsfähigkeit sowie allgemein logisches Denken ein.

• Sozialkompetenz
Unter Sozialkompetenz fasst man Begriffe wie
Begriffsbestimmungen: HANDLUNGSKOMPETENZ von Dede Syaehumishbah
2 | Page
Kommunikationsfähigkeit, Fairness, Einsatzbereitschaft,
Kooperationsfähigkeit, Selbstständigkeit, Selbstbewusstsein,
Mitgefühl, Menschenkenntnis und Kritikfähigkeit zusammen.

• Persönlichkeitskompetenz
Persönlichkeitskompetenz bedeutet eigene Fähigkeiten und
Stärken zu kennen und damit Situationsgerecht umgehen können.
Darunter verstanden wird die Fähigkeit, mit sich selbst kritisch und
reflektierend umgehen zu können, d. h. eigene Kenntnisse,
Fähigkeiten und Fertigkeiten hinterfragen und eventuell Maßnahmen,
z. B. zur Qualifikation oder auch Verhaltensänderung, einleiten zu
können. Es beinhaltet Selbstsicherheit, Kreativität, Ethische
Werthaltungen, realistische Selbstbilder usw.

Innerhalb der einzelnen Kompetenzbereiche lässt sich dann noch


unterscheiden zwischen verschiedenen Stufen oder Niveaus, die hier
überaus vereinfacht dargestellt sind.

Andererseits ist in Anlehnung an ROTH die Differenzierung in Sach-,


Sozial- und Selbstkompetenz weit verbreitet (vgl. ROTH 1971, 180).
Diese Dreiteilung liegt auch diesem Begriff zugrunde, da sie die
Wechselbeziehung zwischen Gegenstand (Sachkompetenz), Gesellschaft
(Sozialkompetenz) und Individuum (Selbstkompetenz) gut widerspiegelt
(vgl. TRAUTWEIN 2004, 38).
• Die Sachkompetenz umfasst die kognitive Leistungsfähigkeit, die ein
sacheinsichtiges und problemlösendes Denken und Handeln
ermöglicht. Sie beinhaltet folglich auch die Fachkompetenz
(Fachwissen und –können).
• Die Sozialkompetenz betrifft die Befähigung zu kooperativem,
solidarischem, sozialkritischem und kommunikativem Handeln. Sie ist
die Basis für einen angemessenen Umgang mit anderen und die
erfolgreiche Zusammenarbeit mit Kollegen.
Begriffsbestimmungen: HANDLUNGSKOMPETENZ von Dede Syaehumishbah
3 | Page
• Die Selbstkompetenz impliziert ein moralisch selbstbestimmtes
humanes Handeln. Sie betrifft die Fähigkeit, mit sich selbst kritisch
und reflektierend umzugehen, und beinhaltet die Entwicklung einer
moralischen Urteilsfähigkeit. (vgl. REETZ 1999, 246)
Curricular relevant sind vor allem zwei Kompetenzansätze:
• Im berufspädagogischen Bereich steht der Begriff für das Leitziel von
beruflicher Bildung schlechthin. Handlungskompetenz entfaltet sich
dabei in den Dimensionen Fachkompetenz, Humankompetenz und
Sozialkompetenz. Außerdem werden Methodenkompetenz,
kommunikative Kompetenz und Lernkompetenz als integrale
Bestandteile sowohl von Fachkompetenz und Humankompetenz als
auch von Sozialkompetenz gesehen.

• Im allgemein bildenden Bereich wird der Begriff Handlungskompetenz


derzeit nicht einheitlich verwendet. Ein in mehreren deutschen
Bundesländern curricular genutzter Ansatz unterscheidet zwischen
folgenden vier Dimensionen:

– die Dimension der Sache: Sachkompetenz, auch Fachkompetenz,

– die Dimension des reflektierten Vorgehens: Methodenkompetenz,

– die Dimension des sozialen Miteinanders: Sozialkompetenz,

– die Dimension der eigenen Person: Selbstkompetenz, auch


personale Kompetenz.

ROTH erwähnt, dass er seine Vorstellung von den drei grundlegenden


Kompetenzen, die jeder Mensch im Verlaufe seiner Bildung und
Erziehung auszubilden habe, von dem amerikanischen Psychologen
WHYTE übernommen habe. Dieser verwende den Terminus competence
zur Bezeichnung der Fähigkeit eines Individuums, die gegebenen
Anforderungen durch entsprechende Herausbildung von Fähigkeiten des
psychischen Apparates zu bewältigen. Die vier Dimensionen ergänzen
und bedingen einander. Handlungskompetenz ist sowohl Ziel als auch
Instrument des Lernens, sie wird im individuellen Entwicklungsprozess
aufgebaut und weiter perfektioniert.

Somit in meinem Verständnis ist Handlungskompetenz die Fähigkeit


eines Individuums, in entsprechenden Situationen selbständig,
verantwortlich und sach- bzw. fachgerecht Probleme und Aufgaben zu
lösen bzw. zu bearbeiten. In berufsbildenden Zusammenhängen ist
damit meist die berufliche Handlungsfähigkeit gemeint, mithin die

Begriffsbestimmungen: HANDLUNGSKOMPETENZ von Dede Syaehumishbah


4 | Page
Fähigkeit, in beruflichen Arbeitsbereichen in der angegebenen Weise
tätig werden zu können.
Erziehungswissenschaftlich sind folgende Hauptziele in den Blick
genommen:
Es ist die Handlungskompetenz der Lernenden zu fördern, d. h. Lernende
für die selbständige Bewältigung der zunehmend komplizierteren und
komplexeren Lebenspraxis auszurüsten. Die Schule zu öffnen für eine
Lebenswelt, die durch immer kompliziertere Produktions- und
Kommunikationsverhältnisse gekennzeichnet ist.
Die Ergebnisse der didaktischen und entwicklungspsychologischen
Theorien sind zu berücksichtigen, die die Förderung der
Handlungskompetenz optimieren. Die Pädagogik ist zunehmend als eine
Handlungswissenschaft zu begreifen, in der Unterricht als
kommunikativer Prozess unter dem Primat didaktischer Entscheidungen
gesehen wird.
Beruhen auf oben genannte Merkmale und Definitionen schliesse ich
mich, dass der Begriff der Handlungskompetenz meint die
nachweisbaren Fähigkeiten einer Person, die für ihr berufliches Handeln
notwendig sind, die die ganzheitliche Qualifikation (Fach-, Methoden-,
Sozial- und Persönlichkeitskompetenz) und Motivation einer Person
darstellt und die in der Regel durch eine Ausbildung oder durch ein
Studium erworben werden.

Literatur

BADER (1987, 75) in: KERSTEN, S. (1995): Berufsübergreifende


Qualifikationen für die Urteilsbildung und das Entscheidungsverhalten
von Facharbeitern und Konsequenzen für Ihre Entwicklung in der
Berufsausbildung. Frankfurt am Main.

Handreichung für die Erarbeitung von Rahmenlehrplänen der


Kultusministerkonferenz (KMK) für den berufsbezogenen Unterricht.
(Stand 5. Februar 1999)

ROTH, H. (1971): Pädagogische Anthropologie. Band II. Entwicklung und


Erziehung. Hannover.

PÄTZOLD, G. (1999): Berufliche Handlungskompetenz. In: KAISER, F.-


J./PÄTZOLD, G. (Hrsg.): Wörterbuch Berufs- und Wirtschaftspädagogik.
Bad Heilbrunn, 57-58.
Begriffsbestimmungen: HANDLUNGSKOMPETENZ von Dede Syaehumishbah
5 | Page
PETERSZEN, W. (2001): Kleines Methoden-Lexikon. München.

REETZ, L. (1999): Kompetenz. In: KAISER, F.-J./PÄTZOLD, G. (Hrsg.):


Wörterbuch Berufs- und Wirtschaftspädagogik. Bad Heilbrunn, 245-246.

TRAUTWEIN, F. (2004): Berufliche Handlungskompetenz. Stuttgart-


Hohenheim.

Begriffsbestimmungen: HANDLUNGSKOMPETENZ von Dede Syaehumishbah


6 | Page