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Campuszeitung* Nr. 14, Flensburg, 19.

Juli 2007, Seite 2


GASTKOMMENTAR: BACHELOR UND MASTER
"Bologna-Prozess krempelt unsere Hochschullandschaft um"
Ein Gastkommentar von Gerhard Schroeder, Diplom-Kaufmann Göttingen 1964,
30 Jahre im IBM-Finanzwesen in D, F und den USA, wissenschaftliche Arbeiten
über mathematische Finanzmarktmodelle, Lehraufträge 2001 bis 2005 an der
Uni Flensburg, stv. Vorstand, FDP Flensburg.
Bachelor (BA) und Master (MA) sollen Standard-Abschlüsse wie Diplome,
Hauptexamen, Magister etc. ablösen. Das ist der sog. Bologna-Prozeß. Damit
wird eine der bisherigen Säulen der Hochschulen – neben der Forschung und
weiterführenden Ausbildung („lebenslanges Lernen“) total umgekrempelt.
Um die neuen Entwicklungen zu skizzieren, sollte man sich ein paar Zahlen
vergegenwärtigen: Um das Pensum bewältigen zu können, rechnet man 1800
Stunden pro Jahr. Das liegt vergleichbar mit einem „Arbeitnehmer“ zwischen
der 35 und 40-Stundenwoche. Die Realität, daß viele Studenten dazu verdienen
müssen oder wollen, ist dabei nicht berücksichtigt. In den insgesamt (netto) fünf
Jahren müssen insgesamt 300 Punkte mit einem geschätzten Aufwand von 30
Stunden pro Punkt erwirtschaftet werden. Davon entfallen auf den BA 180 resp.
210 Punkte je nach Zuschnitt von sechs oder sieben BA-Semester. Formal ist
Punkt gleich Punkt, Uni-Bachelor gleich FH-Bachelor unabhängig auch vom
EU-Land. Der MA kann natürlich auch an einer anderen Uni erworben werden –
im Idealfall in der ganzen Welt. Zielvorgaben an ECTS-Punkten (European
Credit Transfer and Accumulation System), schließen Semesterwochenstunden
(SWS), sowie Vor und Nachbereitung, Klausuren, Blockveranstaltungen und
Arbeiten ein.
Das erinnert an den 1924 gegründeten Reichs-(später Rationalisierungs)-
Ausschuß für Arbeitszeitermittlung, REFA, wo man mit der Stoppuhr in der
Hand Arbeitsprozesse analysierte. Eine Alternnative wäre, individuelle
Effizienz- und Leistungsziele zu besprechen und zu vereinbaren. Dazu wären
Tutoren in hinreichender Zahl erforderlich....
Es ist nicht so, daß der Bachelor nur eine Art Vorexamen gedacht ist. In Baden-
Württemberg etwa schätzt oder plant man auf 90 BA-Studierende nur noch 20
MasterAspiranten wird. Das war auch die Sorge von Prof. von Figura in
Göttingen. Die für die Forschenden wie für die höheren Semester interessanten
Vertiefungen reduzieren sich in Stunden und Teilnehmern. Ein Bachelor ohne
Master hat kaum Gelegenheit, selbständiges Arbeiten zu erproben. Eine andere
Sorge von Figura war, daß die neuen Abschlüsse vom Vereinigten Königreich,
von den Vereinigten Staaten, von Australien ja gar nicht so akzeptiert werden,
wie man meinen möchte. Einige klassische Studien wie Jura, Oberstufen-
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Pädagogik, Medizin und insbesondere Theologie sind noch völlig außen vor. In
Niedersachsen ist auch die Umstellung der Pädagogik insgesamt noch nicht
umgesetzt.
„Employability“ kann nicht das einzige Ziel eines Studiums sein.
„Universelle Gelehrsamkeit“ war einmal der durch die Gebrüder Wilhelm und
Alexander geprägte Schlüsselbegriff - universitas heißt Gemeinschaft (der
Wissenschaften).
Bei einer ähnlichen Veranstaltung mit der Flensburger Uni und FH – hier fällt
die Umstellung nicht so schwer, weil die in diesem Zusammenhang genannten
problematischen Fächer nicht vertreten sind – wurde jedoch auch Kritik
geäußert. Die Euphorie bei der Zertifizierung hat sich inzwischen in eine Sorge
verwandelt, daß der Bachelor auf dem Arbeitsmarkt nicht angenommen werden
könnte. Auch in technischen Disziplinen sind die Entwicklungen offen. Ein FH-
Master in Elekro oder Maschinenbau führt nicht automatisch zum Ingenieur
etwa als Sachverständiger im Bauwesen. Dessen Qualifikation für verschiedene
Bereiche ist im Ingenieurgesetz geregelt.
Was machen die Privaten? Die ESCP-EAP bietet im Prinzip ein Masterstudium
nach dem Motto: "5 Länder, 5 Sprachen, 5 Diplome" - darunter das Diplôme de
Grande Ecole in F und Diplom-Kaufmann/-Kauffrau in D. Voraussetzung in D
war ein Vordiplom. Die Masterstufe mit drei Jahren und Trisemestern intensiver
ausgelegt ist in allen fünf Gastländern anerkannt.
Es heißt, daß etwa deutsche Unis mit ihrem Namen konkurrieren könnten oder
müßten. Da galt ja auch schon vorher. Aber, welche Spielräume haben sie da
noch?
„Bachelor“ heißt im Lateinischen wie im Angelsächsischen Junggeselle,
Jüngling. Thomas Mün(t)zer (Erfurt, der Held der Bauernaufstände) war
Baccalaureus artium, Magister artium und Baccalaureus biblicus. Im Lichte der
Gleichberechtigung könnte man nur lateinisch Baccalaurea sagen.
„Student sein, wenn die Veilchen blühen...“ Das liegt nicht mehr im Interesse
der Bertelmann-Stiftung: „Fit für den Job mit dem Bachelor? - Bachelor-
Studiengänge an deutschen Hochschulen bereiten unterschiedlich gut auf den
Berufseinstieg vor. Während einige Hochschulen vorbildliche Maßnahmen
ergriffen haben, um die Studierenden fit für den Arbeitsmarkt zu machen, haben
eine Reihe von Hochschulen diesen Aspekt bei der Umstellung der Diplom- auf
Bachelor- und Master-Studiengänge so gut wie gar nicht berücksichtigt. Zu
diesem Ergebnis kommt die Neuauflage des Employability-Ratings vom
Centrum für Hochschulentwicklung(CHE) und dem Arbeitskreis Personal
Marketing (dapm)....“ (Gütersloh - 30.03.2007)
Hier muß man wieder fragen, ist employability das einige Kriterium. Wenn etwa
(am 18.4.) in der Bertelsmann-Zentrale (Die Bertelsmann-Stiftung mit Sitz in
Berlin, Unter den Linden 1 – „Neue Kommandatur“ - hält rund 70 Prozent des
Bertelsmann-Konzerns) zehn Universitäten antreten, um in die Kategorie
„Spitzen-Uni“ zu gelangen, ist das ein merkwürdiges Szenario.