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Rezension für 'Das Buch und seine Teile'.

Aus: Restauro 5/2009

Das Buch und seine Teile


von Claus Maywald, Inge Domes, Damir Milicevic,
Verlag Holger Fröhlich

Durch einen glücklichen Umstand – so dachte ich zuerst – bekam ich kürzlich ein
Büchlein in die Hände, das dem Gestalter und Lehrenden in Sachen Buch nützlich
sein könnte. Ein Kollege wollte mir damit eine Freude machen, weil er mit Recht
davon ausging, dass ein Begriffsglossar eine nützliche Sache ist. Auch durch das
Vorwort fühlte er sich als Buchgestalter angesprochen.
Ich weiß nicht, wie es den anderen Angesprochenen: Druckern, Buchbindern,
Restauratoren, Buchhändlern und Antiquaren nun geht, aber mich lässt dieses Buch
bei näherer Betrachtung nicht nur ratlos, sondern auch verärgert zurück. Ratlos,
weil es mehr Verwirrung stiftet als erklärt und verärgert, da mein Freund für ein
solch unbrauchbares Machwerk auch noch unverhältnismäßig viel bezahlt hat.
Fünfzehn Euro wären gut angelegt, wenn man dafür ein brauchbares Handbuch bekäme,
das einerseits den Wirrwar der Begrifflichkeiten klären würde und andererseits
durch klare zeichnerische Darstellungen Missverständnisse weitgehend ausräumen
könnte.
Bedauerlicherweise erfüllt keine der 40 Seiten diese Erwartung. In diesem
Zusammenhang angesprochene Kollegen haben meine Kritik nicht nur bestätigt,
sondern noch verstärkt.
Dem Ganzen fehlt ein klares Konzept, das erstens die verschiedenen Einband-
Techniken als solche und andererseits die damit verbundenen technischen Details
sachgerecht vermittelt. Das heißt: Die verschiedenen Einbandformen mit ihren
unterschiedlichen technischen Merkmalen hätten herausgearbeitet und zeichnerisch
eindeutig und klar ausgeformt werden müssen. Zusätzlich sollten dann die Teile
benannt werden. Man mag ja verschiedener Auffassung darüber sein, wie so ein
Gerüst auszusehen hat, aber Zeichnungen anzufertigen, die weder die zum
Verständnis notwendige Detailgenauigkeit besitzen, noch sich an einer notwendigen
Maßstäblichkeit orientieren, kann man nur als Makulatur bezeichnen.
Nun wird man den Autoren – schon allein wegen des Aufwands – keinen Mangel an
Ernsthaftigkeit vorwerfen können. Die Frage ist vielmehr, ob das Autorenteam über
genügend fachliche Kompetenz verfügt, um eine so wichtige Thematik wie die der
Begriffsbestimmung (und das auch noch für den gesamten deutschsprachigen Raum)
entsprechend zu bearbeiten und darzustellen?
Statt zu klären, werden Ungereimtheiten angehäuft, als ob es nicht wichtig wäre,
zwischen Fase oder Facette oder zwischen, glattem, flachem, geradem oder rundem
Rücken genau zu unterscheiden. Man weiß bei keinem Kapitel, um welche Einbandart
es sich handelt, geschweige denn, worin sich die technischen Merkmale
unterscheiden. Weder ist zu sehen, wo geklebt wurde, noch wo die Heftung verläuft.
Je mehr man sich zurechtfinden möchte, umso tiefer gerät man in den Wald.
Ärgerlich sind nicht nur falsche Begriffe oder deren falsche oder unklare
Verwendung, sondern auch die dazugehörigen Zeichnungen bringen einen zur
Verzweiflung. Was ist ein in den Buchrücken eingelegter Bund und wo findet er
Anwendung? Daneben wird eingesägt bis auf den Satzspiegel… und so weiter und so
fort.
Nicht nur, dass ein solches Buch nicht empfohlen werden kann – es muss direkt
davor gewarnt werden! Das Dickicht der Techniken und Fachbegriffe ist auch für
arrivierte Einbandforscher schon groß genug. Als Handbuch benutzt, verstärkt das
vorliegende Werk, mit seiner Anhäufung an Ungenauigkeiten, diesen Zustand noch und
Nichtfachleuten wird es gänzlich unmöglich gemacht, die funktionalen und
begrifflichen Zusammenhänge zu durchschauen.
Es ist ja nicht so, dass es keine Beispiele brauchbarer schematischer
Einbandzeichnungen gäbe. Die Bücher von Fritz Wiese oder eine Reihe englischer
Fachbücher, wie das von Bernhard Middleton über die Restaurierung von Lederbänden,
könnten als Beispiele gedient haben. Aber womöglich kennen die Autoren diese
Bücher gar nicht oder haben sie ignoriert. Das ist jedenfalls in Anbetracht des
Zustandekommens des vorliegenden Machwerkes anzunehmen.
Texte und Abbildungen scheinen in Eile zusammengestellt worden zu sein, ein
sachgerechter und dem Thema angemessener, breit angelegter Diskurs mit Fachleuten
vor der Veröffentlichung hat sicher nicht stattgefunden – im Nachhinein ist das
natürlich schwierig. Den Bemühungen um eine verbindliche Einbandterminologie wurde
mit dieser Veröffentlichung jedenfalls ein Bärendienst erwiesen und das ist das
wirklich Ärgerliche daran!

Autor: Mayr, Andreas